02.11.2008 von Thomas Zaugg , 1 Kommentar
Als der Schriftsteller de R. noch jung, also noch nicht ergraut war und noch nicht so viel geschrieben hatte, aber mitschwamm im Strom von 68 und also revolutionär sein wollte, da hat er etwas getan, was er heute bereut, nämlich bestieg de R. eine Gstaader Anhöhe, hoch ging es zum Chalet eines deutschen Staatsbürgers, der Axel Springer hiess, Lieblingsfeind der Linken, ein Nazi, wie sie sagten, und endlich oben angekommen, setzte de R. das Chalet in Brand, ein Brandanschlag an einem Sonntag in den Bergen, und lange, lange wusste niemand, wer das getan hatte, die Tat verjährte, und im Jahr 2006, als de R. alles in einem Buch gestand, er habe es aus Liebe getan und wirklich gedacht, Axel Springer sei ein Nazi gewesen, da waren von Axel Springer nur noch der Grosskonzern und die Witwe übrig.
Der Schriftsteller de R. geht mit der Zeit. Auch 2001 ging er wieder mit der Zeit. Als erster Schweizer Autor schrieb er einen Internetroman. Dieser beginnt, wie ein Internetroman beginnen sollte, und genau das ist sein Problem. In seiner Kürze liegt nämlich kaum Würze: «Am besten fühlt sich Tsutsui nach Mitternacht. Er wollte abwarten, bis der Mond untergeht. Der ist vor zehn Minuten hinter dem Höhengletscher verschwunden. Auf dem Parkplatz am Ortseingang von Davos stellt er seinen Volvo ab, schmiert ein bisschen Schnee auf die Nummernschilder und macht sich auf den Weg. Die Temperatur beträgt fünf Grad unter null. Kein Lüftchen.»
Was will uns de R. sagen? Er will sagen, ein Internetroman solle sich kurz fassen. Bitte kaum Relativsätze. Bitte keine langen Wörter. Bitte das Komma meiden – Gedankenstrich ebenso. Bloss keine Umstände, besten Dank, lesen sie schnell und auf Wiedersehen. Denn lieber Internetleser, wir wissen, Sie sind nicht unbedingt dumm, aber im digitalen Zeitalter wird halt alles ein bisschen für dumm verkauft, Sie wissen ja, die Zeit, die rast, und deshalb muss jetzt auch die Literatur rasen. Punkt.
Aber. Frage. Ist. Das. Nicht. Sehr. Mühsam? Zum Lesen? Alles. So. Verdammt kurz? Und was sind schon kurze Sätze ohne lange Sätze? Nun, der Schriftsteller de R. will lieber total krass mit der Zeit gehen. Er sagt: «Ja, ich musste sehr kurze Kapitel schreiben, der Text durfte nicht sperrig sein.» Und auf die Frage, ob Amazons E-Book-Reader Kindle das Schreiben langfristig verändere: «Könnte sein, aber was das Schreiben heute schon verändert, ist das Tempo des Lebens.»
Auch hier also geht de R. mit der Zeit, pardon, mit dem Tempo des Lebens. Punkt. Aus. Tempo.
Aber. Frage: Könnte es sein, dass das alles nur Klischees sind? Die kurzen Sätze? Der schnelle Punkt? Könnte es sein, dass wir dem Internet dereinst Unmengen an Schmerzensgeld zahlen müssen? Weil wir es dermassen mit Klischees überhäuft haben? Weil wir irgendwann die Klischees Realität werden liessen und sogar die Literatur zu beschneiden anfingen? Der. Kurze. Satz. Das. Tempo. Des. Lebens. Kein. Lüftchen.
Todesursache: Hyperventilatio in litteris digitalensis.

Fürchterlich: das Wort für die Angst vor der Länge. | Bild: Julia Marti
Tod dem langen Satz? Wäre eigentlich schade. Ein Verlust für die deutsche Sprache. Auch wenn wir nicht in einem Wort eine komplexe Aussage machen können wie andere Sprachen. Ich glaube, im Inuit ist das möglich. Nein, ich liebe lange, ausschweifende Sätze. Vor allem zwar im eigenen Sprachgebrauch, wenn ich selbst literarische Texte verfasse. Zu lesen sind sie meist eher mühsam…
Nein, Spass beiseite: der/die gute SchreiberIn sollte sich bemühen, einen Mittelweg zu finden. Des Verständnisses wegen. Um Gähnen bei der Leserschaft zu unterdrücken. Und Sätze aus einem Wort, wie sie im Artikel vorkommen, verkommen für mich schon fast zur Satire, zum Hohn auf die Eleganz, die Stilmöglichkeiten unserer Sprache. Aber es ist immer noch am besten, so zu schreiben, wie einem der Schnabel resp. die Feder gewachsen ist. In. Langen. Oder. In. Kurzen. Sätzen. Capito?!?