05.06.2009 von Florian Leu und Daniel Winkler
Suisse diagonale
Der Anfang und das Ziel sind markiert, der Rest ist offen, der Zufall unser Reiseführer. Hauptsache, wir kommen von Altenrhein nach Chancy, vom einen Ende des Landes zum andern. Fortbewegungsmittel sind unsere Füsse, nichts anderes. Wir: Zwei Städter, die wissen wollen, wie die Schweiz jenseits der heimlichen Hauptstadt aussieht. Wie sie riecht. Wie sie tickt. Und was die Leute tun und denken, die nie im Fernsehen sind oder in der Zeitung. Wir holen nach, wofür wir bis heute keine Zeit hatten. Wir lernen unsere Heimat kennen, und vielleicht auch verstehen.
Erster Tag, Altenrhein – Herisau
Das Ende der Schweiz ist ein Campingplatz. Das Ende der Schweiz liegt am Meer, so sieht es zumindest aus bei Nebel. Man muss nur die Enten wegdenken, die Wellen vergrössern und die Luft salzen. Wir gehen durch den Campingplatz „Marina“ in Altenrhein, vorbei an Hecken, Plastikblumen, Gartenzwergen, vorbei an Wohnwagen ohne Räder. Am Himmel schnell segelnde Wolken, auf den Kieswegen kein Mensch. Es ist neun Uhr, in einer Baracke am Ufer brennt Licht. Eine Frau sitzt am Tisch und schält Kartoffeln, die dampfen. An der Baracke ein Schild: Partyhaus. Wir gehen rein und stehen Romy Böhm gegenüber. Sie ist die nordöstlichste Wirtin der Schweiz, ihr Partyhaus der Treffpunkt der Dauercamper. Sie geht bedächtig durch ihr Reich aus Sitzkissen und Plüschgorillas, aus Zinnbechern und Plastikschmetterlingen. Sie hat seit kurzem künstliche Kniegelenke, darum wankt sie ein wenig. Gerade macht sie einen Kartoffelsalat für den Naturfreundeverein Rheintal und blickt auf den See. Manchmal will sie die Fenster aufsperren, um Frischluft rein zu lassen. Doch die Fenster lassen sich nicht öffnen. Fehlkonstruktion, sagt Romy.
Drei der Naturfreunde gehen in Neonjacken um das Partyhaus herum. Der Wind zaust in ihren Haaren. Die Tür fliegt auf und sie kommen rein. Einer hat eine Frage.
- Ist der Kartoffelsalat parat?
- Noch nicht.
- Riecht gut.
- Danke. Was nehmt ihr?
- Also ich nehm einen Lutz.
- Ich auch.
- Ich auch.
Romy serviert, dann setzt sie sich wieder hinter ihre Kartoffeln. Fliegen schwirren, die Tassen dampfen. Aus der Stereoanlage trällert Radio Vorarlberg, Romy schält und erzählt. Vom Himmel, der hier weiter sei als anderswo. Vom Partyhaus, in dem sie seit sechs Jahren arbeite, immer frühmorgens, jeden Sommer, bis Ende Oktober. Von der Tatsache, dass sie zwar seit sechs Jahren hier ist, doch erst einmal in ihrem Meer schwimmen war, aus Zeitmangel. Von ihrer Tochter, die im Sommer eine Bootsschule gegründet hat. Von ihrem Mann, der als Platzwart auf den Kieswegen und am Strand unterwegs ist. Und sie erzählt vom Jodeln, das sie vor fünfzig Jahren als Mädchen gelernt hat. Seither singt sie überall. Viele erkennen sie, wenn sie eine Beiz betritt. Und viele fordern sie dann auf, ein Lied zu singen. Romy tut es gern und fühlt sich ein Vierteljahrhundert jünger dabei.
Sie sagt, als würde sie sich zusammenfassen: Ich bin einfach die Romy, die man überall kennt. Ein Gast stellt in diesem Augenblick seinen Lutz auf den Tisch. Es wirkt wie der Punkt hinter Romys Satz.
Wir zahlen und gehen in den Regen raus. Die Wohnwagen wirken leer, die Gardinen unbeweglich, die Sitzplätze keimfrei. Wir gehen über die Ziehbrücke am Ende des Campingplatzes. Die Frau im Kassenhäuschen winkt uns zu und lächelt.
Regen trommelt auf unsere Schirme. Wasser klatscht uns an die Beine, wenn Autos vorbei zischen. Manchmal hört es zu regnen auf und wir versorgen die Schirme. Dann fängts wieder an, dann hörts wieder auf. Wir stolpern. Wir werden angekläfft von Hofhunden. Wir trampen auf Babyfrösche, ohne es zu wollen. Wir treten in Kuhmist, doch ohne auszurutschen. Wir machen eine Tour de Suisse, die Kühe sind unsere unbegeisterten Zuschauer am Wegrand. Wir sind Stummfilmdarsteller auf der Strasse zwischen Altenrhein und Herisau.
Endlich in Appenzell Ausserrhoden. Unsere Füsse pochen in den Wanderschuhen. Wir gehen durch Herisau, alles ist leer. Ein Wagen fährt vorbei, es ist das Auto eines Schreiners mit dem Slogan auf der Flanke: Ich bin nicht irgendein Holzwurm. Der Wagen verschwindet, es ist still.
Bei einem Bauernhof fragen wir nach einem Platz zum Schlafen. Die Bäuerin Heidi Rempfler nimmt uns gleich mit rein. Führt uns die Treppe hoch ins Zimmer von Bruno, ihrem Vierjährigen. Es hat ein einziges kleines Fenster, das auf die Hügellandschaft des Appenzells geht. Es sieht aus wie das Bild eines Expressionisten. Hier sitzen wir nun zwischen Plastikdinos und Kuhglocken, zwischen Spielzeugtraktoren und Plüschenten.
Gleich gibts Essen.
Zweiter Tag, Herisau – Lichtensteig – Ricken
Sonntagmorgen auf den Strassen von Appenzell Ausserrhoden. Keiner ist da. Einmal fährt ein Greis auf seinem Töffli vorbei, seine Nase grossporig wie der Mond. Dann sind wir wieder allein. Keine Autos, keine Passanten, keine Wanderer mit mässig begeisterten Kindern im Schlepp. Sind die Appenzeller abgehauen? Hat es sich so schnell herumgesprochen, dass wir hier sind? Wo sind sie jetzt und was haben sie vor? Haben sie den Juni frei genommen? Wenn ja: Wer wischt in dieser Zeit ihre Sitzplätze? Wer kümmert sich um ihre Gärten?
Nur eine Antwort: In Degersheim, sechs Kilometer hinter Herisau, sehen wir ein Gerät von Husqvarna, das sich surrend und selbständig um den Rasen kümmert. Ein Rasenmähroboter, klein und rund, todschickes Teil. Es kurvt durch den Garten, dreht sich, düst weiter. Eine Roboterballerina bei der Kür. Der Rasen schön wie ein Teppich.
Der Himmel über uns ist ohne Wolken und trotzdem tropft Regen. Wir wandern im Wald und sehen Sachen, deren Namen wir nicht wissen. Auf einem Ast sitzt ein ( ) und pfeift. Am Waldrand blühen Büsche von ( ), gelb wie Senf. Der Weg wird überwuchert von ( ), wir gehen im Schatten eines ( ), der Wind rauscht in der Krone einer ( ) und weht uns ins Gesicht. Manchmal gehen wir auch an Dingen vorbei, die wir kennen: Heinekendosen, Colaflaschen, Marlboroschachteln.
Während Stunden gehen wir schnell und stumm, plötzlich dudelt es von weitem. Auf einer abschüssigen Strasse nähern wir uns dem Dorf Lichtensteig. Die Strasse ist leer, doch hinter einer Ecke scheint ein Orchester zu spielen. Wir hören Flöten und Trompeten, biegen um die Ecke. Vor uns: Eine Drehorgel gross wie ein Wohnwagen. Hinter den mannshohen Pfeifen steht einer und ruft durch die Musik: Es ist Drehorgelfest!
Wir gehen durch das Dorf, alle zehn Schritte steht ein Musikant. Es wirkt wie Fitness im Freien: Wie sie kurbeln, die Füsse wippen lassen und langsam nicken dazu. Das Fest findet alle zwei Jahre statt, in jedem Hinterhof und auf allen Strassen wird dann gedreht. Wir gehen durch eine Gasse eng wie ein Schlauch. Vom Innenhof her lächelt uns ein Drehorgelmann zu. Wir bleiben vor ihm stehen, die Musik bläst uns entgegen. Der Mann dreht weiter und schaut uns in die Augen. Zuletzt nickt er, sagt aber nichts. Und dreht sein nächstes Lied.
Frank Hokamp und sein Plüschäffchen sind aus Berlin gekommen. Frank dreht, das Äffchen tanzt auf der Orgel. Die ist neunzig Jahre alt, eine Bacigalupo. Der Ferrari unter den Drehorgeln, sagt Frank und zeigt in das Innenleben des Kastens. All die Pfeifen und Schrauben, jede auf Hochglanz poliert. Er spielt die Orgel gern, wenn er in Berlin-Kreuzberg ist. Die Leute bleiben stehen oder sie gehen weiter, Frank mag das. Kein Druck wie im Beruf, sagt er. Er arbeitet als Koch im Kempinski Grill. In seiner Freizeit hört er keine Musik, er kann sie nicht leiden. Er mag nur die Drehorgel und die acht Lieder, die sie drauf hat.
Frank ist zum ersten Mal in der Schweiz. Es sei schön hier. Er blickt sich um und sagt: Wie in einem Puppenhaus.
Wir gehen weiter. Nach fünf Minuten haben sich die Klänge der Drehorgeln fast verflüchtigt. Irgendwann hören wir nur noch den Wind und die Grillen. Und die Thur, wie sie dahin rauscht.
Dritter Tag, Ricken – Rapperswil – Feusisberg
Um halb acht köpfen wir das Frühstücksei, vor dem Nachbarhaus knallt ein Gewehrschuss. Wir sitzen auf der Terrasse eines Restaurants in St. Gallenkappel, ein Dutzend Meter neben unseren Brotscheiben und Speckröllchen wird alle zehn Minuten gefeuert. Frühstück mit Aussicht auf einen Schlachthof.
Wir schneiden Käse ab, nebenan drückt sich der Metzger das Gewehr an die Schulter. Die Kellnerin bringt Kaffee, nebenan klappt eine Kuh zusammen. Wir gehen davon, nebenan hält erneut ein Auto mit einer Kuh im Anhänger. Ein lautes, wehes Muhen. Dann ist Schluss.
Wir gehen nach Rapperswil. Kreuze am Boden wie am Himmel: Überall hängen Christusse und hoch oben überschneiden sich die Kondensstreifen der Flugzeuge. Vorbei an Kuhweiden, vorbei an Zäunen, die im Takt des Stroms knacken. Es fehlt wenig und wir könnten unser Tempo nach diesem Geräusch richten. Es fehlt wenig und man könnte meinen, auf allen Wiesen stünden Metronome und tickten dahin.
In Rapperswil brauchen wir Wasser und Frische. Bedächtig wie Rentner gehen wir Richtung Freibad. Wir klingeln beim Eingang, doch nichts rührt sich. Dann kommt ein Mann um die Ecke, im Gesicht ein Lächeln, auf seinem Poloshirt ein Schriftzug.
Rapperswil-Jona
Schwimmbad Lido
Peter Denzler
Bademeister
Wir zahlen und betreten ein Schwimmbad ohne Gäste. Rundgang in Stichworten: Schweizer Fahnen im Wind, Werbung für Vogels Prostatapillen auf dem Pissoir, eine Riesenpostkarte als Aussicht, ein Spielplatz mit einem Plastikdelfin zum Rumwackeln. Und in der Luft Pollen, die aussehen wie Schneeflocken im Juni.
Peter Denzler fährt mit seinem Rasenmäher vorbei und entschuldigt sich für den Lärm. Dann verschwindet er hinter einer perfekt frisierten Hecke. Wir liegen und starren in den Himmel. Das Schwimmbad rauscht ein paar Schritte neben uns.
Ich schwimme eine Länge und steige aus dem Wasser. Denzler schaut mich an und lächelt. Tropfend stehe ich neben ihm und höre zu. Den Blick auf die winzigen Wellen des Beckens gerichtet, erzählt Peter ohne grosse Worte.
Er ist der Bademeister im Schwimmbad seiner Kindheit. Das Becken steht seit 1955 und sah immer gleich aus. Für Peter ist es ein Beispiel für die Schweiz: einmal gebaut, keinmal verändert. Hier arbeitete sein grosser Bruder als Bademeister, vierzig Jahre lang. Peter war Zimmermann, bekam jedoch Probleme mit dem Rücken: die Bandscheibe. Seit drei Jahren ist er zuständig für die 2’000 Kubikliter im Schwimmbad Lido. Dieses hat jene Farbe, die man von den Fotos im Familienalbum kennt. Eine Farbe als Nostalgiegenerator: Adriablau.
Peter hat einen siebenjährigen Sohn. Das führt zu déjà vus. Peter sagt seinem Sohn manchmal, er solle für ihn etwas zu essen bringen aus dem Quartierlädeli. Und erinnert sich in diesem Augenblick, wie er als Kind selbst zum Laden lief, um seinem grossen Bademeisterbruder den Zvieri zu holen.
Peter sagt: Eigentlich hab ich eine ewige Kindheit.
Und er sagt: In diesem Schwimmbad ist alles wie vor vierzig Jahren. Ich weiss nicht, ob das gut oder schlecht ist.
Nach einer Pause: Ich glaube, es ist gut.
Peter arbeitet bis neun im Schwimmbad. Wenn die Letzten gegangen sind, steigt er selbst ins Wasser und schwimmt ein paar Längen. Und schaut in den Himmel dabei.
Vierter Tag, Feusisberg – Unterägeri – Buonas
Znüni im Hirschen zu Schindellegi. Aussen ein Haus, das wirkt wie verlassen. Drinnen ein Saal, wo die Lampen eher Dunkel als Licht erzeugen. Es sitzen zwanzig Männer und zwei Frauen auf den Holzstühlen. Fast alle rauchen. Im Qualm liegen Nussgipfel und Hamburger für den Hunger zwischendurch. An der Wand ein Schild: Ochsenmaulsalat 11.50. Aus den Lautsprechern singt Roxette: It must have been love, but it’s over now.
Stammtischsätze in loser Folge:
- Bring mir noch einen Schnäpper bitte.
- Das ist doch alles Chabis.
- Die können mir alle in die Kappe scheissen.
- Die in Bern sind Halunken.
- Am Arsch lecken können die mich.
- Bring mir bitte noch einen Schnaps.
- Das kannst du vergessen.
- Wir haben immer Glück gehabt.
- Es gibt immer etwas zu tun, immer.
Die Männer sind nicht hier, um Kaffee oder Schnaps zu trinken. Sie sind hier, um zu fluchen. Also fluchen sie, ziehen an ihren Zigaretten und wirken wie Revolutionäre ausser Dienst. Revolutionäre mit müden Gesichtern. Revolutionäre, die Nussgipfel essen. Die fluchen und rauchen. Revolutionäre, welche die Brosamen zusammenwischen und schweigen.
Ein alter Mann sitzt am Stammtisch, sein Gesicht gerahmt vom Dampf seines Kaffees und vom Rauch seiner Marocaine. Er sagt nichts. Manchmal nickt er, doch meist schaut er an die Wand. Dort hängen Schaukästen voller Pokale und Plaketten. Fotos sind auch darin. Eins zeigt eine Gruppe an der Wädenswiler Fasnacht vor einem Jahr. An den Rändern gewellt vom Sonnenlicht, von links bis rechts lächelnde Leute, die Kostüme in Farben ohne Pepp. Das Bild hat eine seltsame Patina. Es wirkt, als wäre es dreissig Jahre alt.
Die meisten Leute sind gegangen. Doch der Stammtisch ist noch voll besetzt, als wir aufbrechen.
It must have been love, but it’s over now.
In vier Stunden wandern wir von Schindellegi nach Unterägeri. Der Ägerisee scheint importiert aus Kanada, türkisfarben liegt er da. Das Ufer ist fast über die ganze Strecke von Oberägeri bis Unterägeri in Privatbesitz. Endlich finden wir eine Stelle, wo wir unsere Füsse ins Wasser tauchen können. Wir erwarten, dass es zischt, so heiss sind sie. Es ist still in Unterägeri. Die Wellen des Sees schwappen vor leeren Sitzbänken ans Ufer. Wir wandern weiter. Und weiter. Und weiter. Als wären wir Werbeträger für die Batterien von Duracell.
Links der Zugersee im Postkartenlicht, rechts ein Sonnenuntergang aus dem Kitschkalender. Der Wind weht uns Regen ins Gesicht, unsere Hosen flattern. Irgendwo donnerts, Schweiss tropft von unseren Nasenspitzen. Noch vier Kilometer bis zum Bauernhof in Buonas, wo wir zwei Plätze im Massenschlag gebucht haben. Unsere Gangart ist eine Mischung aus Humpeln und Laufen. Begleiterscheinungen: Der Puls in den Fingerspitzen, das Flattern des Atems, das Knirschen vom Kies unter den Schuhen. Dann wird der Regen zur Wand. Blitze, Donner. Nass kommen wir an.
Der Massenschlag ist leer. Rote Kissen, blaue Bettbezüge, zwei Glühbirnen und eine Luft wie aus dem Geruchsalbum der Kindheit. Leicht muffig, leicht staubig, wie ein Teppich aus dem Brockenhaus. Als wären wir zu zweit auf Schulreise, so kommen wir uns vor. Es fällt Regen und irgendwo kurvt ein Pizzakurier auf unseren Bauernhof zu. Im Auto der Geruch von: einmal Margherita, einmal Prosciutto.
Fünfter Tag, Buonas – Emmenbrücke – Malters
Beni geht auf Säbelbeinen. In seiner Linken eine Zigarette, in seiner Rechten der Schlüssel seines Lasters. Lisbeth Wülser sieht ihn von weitem, er kommt auf ihren Imbisswagen zu. Der steht auf dem Autobahnrastplatz St. Katharina-Süd, ein wenig ausserhalb von Luzern. Beni kommt fast jeden Tag und arrangiert an einem der Plastiktische einen Dreiklang: im Aschenbecher eine Zigarette, vor sich ein Schnitzel mit Pommes, daneben ein Rivella rot.
Später hüllt er sich erneut in eine Rauchwolke und legt den Kopf auf die Arme: die Siesta eines Chauffeurs. Lisbeth Wülser, in ihrem Imbisswagen, begrüsst und verabschiedet die Gäste.
- Schön, bist du hier.
- Tschüss Bruno, bis nächstes Mal.
- Wie geht es dir heute?
- Fahr gut und bis bald.
Sie kennt die meisten hier, kennt den Marco, den Bruno, den Armin. Neun von zehn Kunden seien mindestens einmal die Woche hier. Und neun von zehn essen Fleisch. Ein Vegiburger ist zwar im Angebot, geht aber schlecht weg. Der Rastplatz als Anomalie: Die Krise spürt Lisbeth nicht, die Kunden kommen immer, unabhängig vom Zickzack der Börsen. Seit vier Jahren arbeitet sie neben der Autobahn, nächsten Sommer feiert sie ihr Fünfjahresjubiläum mit einem Fest.
Sie und ihre Kollegin Dolores Zwyssig gehen hin und her, ihre Schritte lassen den Wagen ruckeln. Auf der Autobahn rauscht der Verkehr, in der Luft knistert die Hochspannungsleitung, dazwischen hats Vogelgezwitscher. Lisbeth mag Frühlingstage, dann ist es kühl in ihrem Wagen. Im Sommer zeigt das Thermometer manchmal fünfzig Grad und die Kundenschlange ist endlos. Im Winter schneit es ihr ins Gesicht und der Wind zieht rein.
Plötzliche Stille. Die Gäste sitzen auf ihren Barhockern und lassen die Beine baumeln. Die Vögel pfeifen. Dann wirds wieder laut. Wir müssen los. Lisbeth lächelt und wünscht alles Gute.
Der Reussweg nach Emmenbrücke ist lang und schön. Das ist ein Problem. Nach fünfzig Schritten haben wir begriffen, was der Weg zu bieten hat. Doch selbstverliebt zieht er sich hin, als bräuchte er Kilometer um Kilometer, um uns seine Schönheit zu beweisen. Millionen von Kieselsteinen, hunderte von Bäumen, dutzende Gelegenheiten zum Stehenbleiben. Ein Zehntel davon hätte genügt.
Auf einmal ist er da und geht neben uns.
Ein Mann mit schwarzen Schuhen, blauem Hemd, dunkler Sonnenbrille, grauem Haar: die Unauffälligkeit in Person. Die Hände über dem Bauch gefaltet, fragt Herr Eggimann nach unseren Plänen. Und erzählt von seinen eigenen Wanderungen und von seinen Spaziergängen an der Reuss. Früher stieg er oft auf Berge, mit einem Apfel als Proviant. Heute spaziert er gemächlich und geräuschlos am Fluss, jeden Tag. Wandern kann er nicht mehr, er hat Krebs im Dickdarm. Er wischt mit der Hand durch die Luft, als verscheuchte er eine Mücke.
Es geht mir gut, sagt er. Ich nehme alles, wies kommt. An morgen denke ich nicht, nur an heute. Er lächelt, der Wind zupft an seinem Hemd.
Wir fragen ihn nach einem Schwimmbad und er führt uns hin. Geht zwischen uns und zeigt auf das Hochhaus, in dem er seit den Sechzigern wohnt. Die Wohnung von ihm und seiner Frau ist ganz oben, mit Sicht auf den Fluss. An einer Ampel bleibt er stehen und weist mit dem Arm Richtung Schwimmbad, dann drückt er den Fussgängerknopf für uns. Herr Eggimann gibt uns die Hand und geht lautlos davon.
Das Signalmännchen springt auf grün.
Sechster Tag, Malters – Werthenstein – Entlebuch – Schüpfheim
Auf dem Weg zwischen Malters und Werthenstein sehen wir eine Vermehrung von Verbotstafeln: Hier nicht rauchen, hier nicht reiten, hier nicht feuern, hier keine Hunde laufen lassen, hier die Gleise nicht überqueren. Eine Tafel duzt die Hunde: Hier darfst du nicht.
Die Glocken läuten aus der Ferne. Einen Hügel hoch, dann stehen wir in Werthenstein. Es ist Fronleichnam und Jungwacht und Blauring laden wie jedes Jahr zu Spaghetti im Pfarreisaal, wir gehen hin. Einmal Carbonara, einmal Bolognese, zwei nette Tischnachbarn, zwei nette Servierdüsen. Eine von ihnen ist Nicole Jans und macht beim Blauring mit, seit sie acht ist. Ihre Gruppe damals hatte den Namen Härdöpfel: Die Mädchen gingen miteinander ins Kino, wanderten durch die Wälder, schürften Gold im Napfgebiet, einmal im Jahr gings ins Lager. Diesen Sommer trägt es den Titel: Met em Erika of Amerika. Programmpunkte: Casinoabend, Shoopingtag, Handorgel selber bauen – do it yourself.
Nicole studiert an der ETH in Zürich, sie will Bauingenieurin werden. Vielleicht baut sie dann die Brücke in Werthenstein wieder auf, die eine Überschwemmung weg gerissen hat. Vielleicht baut sie dann einen Tunnel, auch das interessiert sie. Sie ist Leiterin im Blauring, doch der Glaube kümmert sie kaum. Sie hat ein schlechtes Gewissen, wenn sie ein halbes Jahr nicht in der Kirche war, mehr nicht.
Sie sagt: Ich bin dafür abergläubisch. Ich glaube an Antonius. Wenn ich was verliere, verspreche ich ihm eine Spende. Einmal suchte ich eine Nacht lang mein Handy. Dann wandte ich mich an ihn und fand es Minuten später. Einmal war der Autoschlüssel weg, ich dachte an Antonius und hatte das Ding bald wieder in der Hand.
Für die Dienste Antonius‘ wirft Nicole eine Spende ins Kirchenkässeli. Sie erzählt ohne Ironie, gerade heraus. Wir sitzen vor dem Pfarreisaal, die Kinder kommen zu ihr und verabschieden sich mit Handschlag. Eins nach dem andern, eins scheuer als das vorherige. Die Sonne scheint, mit Spaghetti Bolognese im Bauch brechen wir auf.
Wir gehen auf dem Emmenuferweg, hinein in den wilden Westen der Schweiz. Das Wasser gurgelt, die Bienen tanzen, wir eilen und sagen nichts. An einer Stelle werfen wir die Rucksäcke hin und tauchen die Füsse ins Wasser, bis sie schmerzen vor Kälte. Wir legen uns hin und schlafen sofort ein, im Kopf das Rauschen.
Wir gehen weiter. Überwältigt von der Schönheit des Ufers sagen wir: Geil, schön, läck, hey, schau mal, wow! Unfähig zu dichten, wiederholen wir unser Lob bis zum Anschlag. Alles leuchtet, alles schimmert. Rang eins unter den Landschaften bisher: Das Ufer der Emme.
Die Schönheit endet mit einem Schlag ins Gesicht. Vor Entlebuch steht ein Klotz, gross, grau, kalt. Ein Wohnblock und Bürobunker, ein Verbrechen aus Beton. Gleich dahinter liegt der Bahnhof. Da steht eine Bank. Darauf sitzen drei Teenager und rauchen und schauen den Zügen nach: Martina, Fabian, Fortesa, drei Lehrlinge in Entlebuch: 700 Meter über Meer, 3332 Einwohner, 1 Coop, 1 Langeweile.
Wollt ihr weg von hier?
Fabian: Sobald die Lehre fertig ist.
Martina und Fortesa nicken.
Wohin wollt ihr?
Fortesa: Nach Amerika. Mal richtig shoppen.
Fabian: Mich ziehts nach New York. In Manhattan hab ich einen Freund, bei dem ich wohnen könnte. Erst mal will ich in die Sprachschule, dann nehm ich vielleicht Gesangsunterricht.
Warum bleibt ihr nicht hier?
Fabian: Weil wir hier nirgends hin können. Es gibt keinen Ort für Junge. Und für Schwule sowieso nicht. Als Schwulen schubsen sie dich hier bloss rum. Ich will weg.
Fortesa: Hier gibts gar nichts, nur Enge. Und alle wissen alles über alle. Zum Kotzen.
Martina nickt.
Ist Amerika besser?
Fabian: Ja! Da kannst du alles machen! Da bist du unabhängig und frei!
Fortesa: Und die Leute sind voll offen!
Ein Subaru hält vor dem Bahnhof.
Fortesa: Dein Mami ist hier.
Fabian: Ok, wir müssen. Tschüss.
Fortesa: Tschüss.
Martina: Tschüss.
Wir: Tschüss.
Die Türen knallen, der Subaru fährt weg.
Siebter Tag, Schüpfheim – Escholzmatt – Marbach
Profil unseres Gastgebers: Galoschen, Kittel, Zigarette in der Einen, Fliegenklatsche in der Andern, im Gesicht ein Lächeln, das nicht verschwindet. Ferdinand Hurschler führt das Hotel Adler in Schüpfheim, gerade ist er kürzer getreten. An die Tür hat er eine Notiz geklebt.
Dienstag Ruhetag
Werte Gäste,
wir werden uns in Zukunft etwas ausruhen und erholen.
Besten Dank für Euer Verständnis.
Fam. Hurschler und Personal
Ferdinand ist dreissig Minuten eher aufgestanden für uns und hat und das Frühstück hingestellt. Wir ziehen das Zellophan vom Käseteller, schenken Kaffee aus der Kanne ein. Ausser uns ist keiner da, nur die Fliegen. Ferdinand geht mit der Klatsche durch die Stube und macht die Mistviecher alle, haut sie ins Insektenjenseits. Manchmal flappt es zehnmal hintereinander, dann ist Stille, dann flappt es wieder.
Ferdinand verabschiedet sich von uns: Machts gut, Buben. Wir gehen. Und das eher langsam als schnell.
Von weitem sieht es aus wie ein Bushäuschen, doch es ist eine Kapelle, die seit 1888 steht. Erst neben einem Weg, dann neben einer Strasse, irgendwann wohl neben einer Autobahn. Hier befinden sich acht Bänke so klein, als wären sie für Puppen geschnitzt. Vorn steht eine Madonna, daneben hat es Kerzen ohne Flammen. Beim Eingang liegt ein Stapel Blätter, darauf Gebete. Auszüge:
Jungfrau, Mutter Gottes mein, lass mich ganz dein eigen sein:
dein im Leben und im Tod, dein in Unglück, Angst und Not.
Alles möchte ich dir erzählen,
alle Sorgen, die mich quälen,
alle Zweifel, alle Fragen,
möchte ich, Mutter, zu dir tragen.
Ich ruf‘ voll Vertrauen in Leiden und Tod:
Maria hilft immer, – in jeglicher Not.
So glaub ich – und lebe und sterbe darauf:
Maria hilft mir in den Himmel hinauf.
Amen
Unsere Knie schmerzen, unsere Füsse brennen, eine Kerze zünden wir keine an. Wir gehen weiter, eine Bäuerin fährt auf einem Traktor an der Kapelle vorbei, lächelnd, rauchend, nickend. In Escholzmatt machen wir Pause. Vor dem Dorfladen sitzen wir im Schatten des Frisco-Sonnenschirms, übermüdet und verschlagen. Im Schaufenster lächelt Francine Jordi von einem Plakat, sie lächelt ohne uns. Eine Frau bleibt stehen und schaut uns an.
- Braucht ihr etwas zu essen?
- Gern.
- Dann kauf ich mehr Fleisch, bin gleich zurück.
- Oh, danke.
Nach fünf Minuten legt sie das Fleisch in ihren Fahrradkorb. Sie heisst Susi Ehrler-Studer und erzählt von ihrem Neffen, der mit dem Velo nach Bangkok wollte. Er kam in einen Sandsturm und verlor seine Papiere, all die Visa. Jetzt ist er zurück und weiss nicht, ob er die Reise fortsetzen soll. Susi schaut uns an und sagt: Reisende brauchen Hilfe, manchmal. Wir nicken und gehen ihr nach.
Bald sitzen wir in ihrem Garten und trinken Himbeersirup. Sie kocht, ihr Mann Paul kommt von der Arbeit in der Drahtfabrik und setzt sich zu uns. Wir essen, es schmeckt. Zwischendurch schauen die Nachbarn vorbei, der Hund von nebenan legt sich dazu, zuletzt kommt Susis Neffe mit einer Melone unterm Arm. Er zerlegt sie und gibt allen ein Stück. Mit tropfenden Schnitzen und vollen Mündern stehen wir auf dem Rasen und reden. Stünden wir noch eine Stunde länger zwischen Sitzplatz und Holzbank, wir würden die ganze Nachbarschaft kennen lernen. Alle grüssen sich, alle kennen sich, alles ist offen. Auch die Türen, die in dieser Gegend viele Leute unverschlossen lassen, wenn sie aus dem Haus gehen.
Paul fragt, ob wir bei seinen Eltern übernachten möchten. Sieben Kilometer müssten wir noch wandern bis zu ihrem Haus in Marbach. Wir sagen zu und bedanken uns. Er nimmt das Telefon und kündigt uns an.
Susi streckt uns den Zettel mit der Adresse hin. Wir nehmen ihn schnell und gehen, langsam.
Achter Tag, Marbach – Schallenberg – Thun
Heute beginnt die Tour de Suisse. Männer mit Beinen wie Bäumen werden leiden, Sportriegel essen, vom Fahrrad pinkeln. Ihre Trainer werden sie per Megafon anfeuern, die Fans werden Trinkbecher hinhalten. Ein Mann im Teufelskostüm wird ihnen nachlaufen und ihnen mit dem Dreizack einheizen. Schönheitsköniginnen werden Küsse auf Siegerbacken hauchen.
Die Etappe unserer Tour de Suisse beginnt heute in einem Dorf ohne Megafone, ohne Teufel, ohne Fans: Marbach im Entlebuch. Wir essen keine Pasta zum Frühstück wie die Radler, bei uns gibts Zopf. Spritzen setzen wir keine, dafür bekommen wir Anregung fürs Hirn. Unser Gastgeber Josef Ehrler, ein Mann in Hemd und Crocs, liest aus seinen Mundartgeschichten vor, das Buch zwischen Kaffeetasse und Gomfiglas. Zwei Bände hat er gefüllt mit seinen Erzählungen, zwei Platten hat er eingesprochen, zig Mal ist er durch die Gegend gezogen, von Pfarreisaal zu Gemeinschaftsraum zu Restaurant. Alles ist wahr, bis aufs letzte Wort, sagt Josef, beziehungsweise: Söpp.
Wir fühlen uns stark heute und laufen bald los. Vor uns Hügel, neben uns Bachgeplätscher, hinter uns die halbe Schweiz. Trotzdem könnte ein Coach nicht schaden. Einer, der von einem Hochsitz runter brüllt und uns antreibt. Der uns bei jeder Wegbiegung mit dem Frotteetuch abtupft. Der uns Kohlenhydratriegel in die Gesässtasche steckt. Aber es geht auch so, es geht fast von selbst.
Bald steigen wir den Schallenberg hoch, vorbei an verbeulten Leitplanken, vorbei an Plaketten wie:
†
Mutsch
Du blibsch
I üsem
Härz
Im Tal donnert es, als feuerten Geschütze. Es funkelt, als wäre Quecksilber ausgelaufen. Dann bebt der Teer, flattern die Amiflaggen, tanzen die Fuchsschwänze im Fahrtwind: Ausflug von etwa zweihundert Typen mit einer Harley-Davidson unter dem lederverpackten Hintern.
Im Gasthaus auf der Passhöhe machen sie Mittagspause, zerschneiden Schnitzel, trinken Diätcola, hören aus den Lautsprechern des Restaurants: We are heroes. Vereinzelte Sätze eines Gesprächs am Stehtisch:
- Ich sag nur eins: Chromstahl, Jungs. Chromstahl.
- Neulich hab ich mir Federbeine geholt. Für hinten.
- Crossbounce ist auch super.
- Hast du eigentlich einen Lowrider daheim?
- Bei meiner Maschine tut mir am Abend immer der Arsch weh.
Einer der Männer ist Bruno Riesen, angeknattert auf einem Fat Bob, einem dicken Robert, den er beim Vertreter von Harley-Davidson in Ostermundigen gekauft hat. Die Maschine besitzt er seit drei Wochen, dreitausend Kilometer hat er seither gemacht. Heute fährt er aus mit den Leuten, die ihre Harley im selben Geschäft gekauft haben. Sie drehen eine Runde, am Abend legen sie das Fleisch auf den Grill.
Bruno fährt jeden Samstag durch die Schweiz, und jeden Sonntag, und jeden Montag muss er zurück zur Arbeit, jänu. Er hat von Harleyfahrern gehört, die keine anderen Marken neben ihren Gefährten dulden. Bruno fährt mit allen.
Einfach in die Kurve liegen, dem Alltag entblochen, Kehre um Kehre den Berg hoch, den Sound der Maschine im Ohr, das Zeitgefühl zurücklassen, die Massage des Windes, das Ruckeln und Rattern der Harley – unvollständige Liste der Vorzüge, einen Fat Bob zu besitzen.
Die Schnitzel sind weg, die Diätcolas leer. Die Fahrer starten ihre Maschinen. Es ist, als würden sie in den Krieg ziehen. Wie sie den Zündschlüssel drehen, wie sie ihre Helme aufsetzen, wie ihre Seehundschnäuze im Licht glänzen. Dann fahren sie los und wieder zittert der Boden. Dann sind sie weg und die Grashalme wanken im Wind, der in den Bäumen rauscht, in dem die Vögel zwitschern.
Wir wandern den Berg hinab nach Thun. Wenig zu sagen über die Strecke. Wald, Wiese, Bach, Bauernhof. Wald, Wiese, Bach, Bauernhof. Es ist, als wanderten wir durch die Kulisse eines Trickfilms. Und wir reden auch immer das Gleiche: Schön hier. Könnte man auch sonst mal hinkommen. Schöner Bach. Schöner Weg. Wie lange noch?
Am Abend gehen wir ins Café Mokka in Thun, wo heute die letzten Zigaretten brennen und die letzten Joints glühen. Ab Juli gilt Rauchverbot im Kanton Bern. Ab Juli macht das Café Mokka für viele keinen Sinn mehr, diese Kifferhochburg seit 1986. Eine Gruppe steht draussen, einer dreht einen Joint, die andern erzählen.
Dani: Hier haben wir am Töggelikasten gespielt. Wir haben geflippert und gekifft wie die Blöden. Das Mokka ohne Gras, das geht nicht. Versteisch?
Céline: Es ist schade. Ich kanns mir einfach nicht vorstellen. Aber es muss halt sein.
Raffi: Ja, schade. Zu einem Bierchen rauch ich gern mal eins.
Ein Rastamann: [unverständliches Gemurmel]
Tony: Das Rauchverbot generell: Gut. Hier: Schlecht. Passt einfach nicht. Andererseits: Für die Angestellten ists die Hölle in diesem Qualm. Drum: Schon ok.
Tony zündet einen Joint an. Und zieht den Rauch ein.
Neunter Tag, Thun – Berghaus Gurnigel
Ein Wagen überholt uns, Schriftzug am Heck: Lebende Tier reisen am liebsten im Daltec. Wir nehmen das zur Kenntnis und gehen durch einen Wald, kommen nach fünf Minuten wieder raus und weg ist der Geruch der Stadt, ersetzt durch den Juniduft des Landes: Heu, Mist, Staub. Wir gehen den Berg hoch wie in Zeitlupe, der Weg ein Zickzack ohne Ende. In der Ferne: vier Leute auf einer Bank mit Sicht ins Land.
Sie sitzen da und schweigen. Sie schauen und blinzeln. Sonst tun sie wenig. Manchmal fährt ein Arm durch die Luft, weist ein Zeigefinger auf einen Berg. Die Haare bewegen sich im Wind, die Hemden flattern, sonst geschieht nichts. Marlis und Albin, Walter und Hanni sind Hirten und sitzen fast jeden Sonntag hier, wenn die Arbeit getan ist, wenn die Rinder im Stall sind, die Guschtis. Vor ihnen: Der Thunersee, gepunktet mit Schiffen. Die Alpen, weiss wie Kreide. Die Hügel, endlos. Eine dreidimensionale Postkarte, von der die vier nicht genug kriegen können. Schwer vorstellbar, dass es ein Krankheitsbild gibt so schön wie dieses: Aussichtssucht.
Wir gehen weiter, bei etwa 1300 Meter über dem Meer passieren wir die Lärmgrenze: auf einmal ist es still. Irgendwoher kommt Kuhglockengeläut, doch es klingt wie durch den Schalldämpfer. Irgendwo pfeifen die Vögel, doch sie halten sich zurück. Irgendwo kläfft ein Hund, doch es ist ein Miniaturkläffen. Wären nicht unsere Schritte und unser Atem, wir hielten uns für taub.
Ein Freund hat uns ein Zimmer im Berghaus Gurnigel besorgt, hier sitzen wir nun auf unseren Pritschen, 1594 Meter über dem Meer. Tannenäste vor den Fenstern, Neonröhren an den Wänden, im Haus keine Gäste ausser uns. Das Haus dient der Armee als Unterkunft, gewöhnlich schnarchen in unserem Schlafsaal die Soldaten, jetzt ist alles leer. Wir könnten Shining nachspielen hier oben, den Horrorfilm von Kubrick. Auf Dreirädern rumfahren unter den Papierdrachen im Speisesaal, mit der Axt die Plastiktüren zertrümmern, könnten einander über den Parkplatz hetzen und die Strasse hinab, auf der seit Stunden kein Auto mehr fährt. Doch wir sind zu müde. Und eine Axt haben wir auch keine.
Wir sind angelangt am höchsten Punkt unserer Reise. Vielleicht ist es auch der stillste Ort auf der Diagonale. Ich öffne das Fenster.
Stille
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Zehnter Tag, Berghaus Gurnigel – Marly
Wir gehen durch Wolken. Der Weg verschwindet im Gras, das bis an die Hüften reicht. Es ist nass, bei jedem Schritt schmatzt es. Wir waten durch Sumpf, wandern auf Feldwegen, stören Fliegen bei ihrem Kuhfladenfrühstück. Plötzlich ein Winseln hinter einem Busch. Hervor tapsen zwei Welpen, Sennenhunde im Kleinformat. Sie zittern und kommen näher, hüpfen um uns rum und verdrecken unsere Hosen. Dann folgen sie uns und sind uns dabei so dicht auf den Fersen, dass sie ständig die Schnauzen an unseren Schuhen anschlagen. Bei einer Lotterbude bleiben sie zurück und winseln uns hinterher. Ende der Tierchenromantik.
Bei Zollhaus verlassen wir die Berge. Es wurde Zeit. Wir hatten eine Überdosis Bergluft im Kopf. Zu viele Kühe, zu viele Fladen. Vom Appenzell bis in den Gantrisch: Bauern, die uns vom Traktor herab grüssten, die sich an die Hutkrempe tippten. Sie hielten inne, wenn wir was fragten und erklärten den Weg dreimal hintereinander, wohl in der Ahnung, zwei Ahnungslose vor sich zu haben. Sie liessen uns ohne Umschweife in ihrem Stroh schlafen. Sie wünschten uns Gesundheit und gaben uns die Hand. Diese schweren, harten Hände. Dieser Blick aus ihren Augen, grad und echt. Ende der Bauernromantik.
Zwischen Plaffeien und Giffers fahren Linienbusse ohne Passagiere. Chauffeure hinter Sonnenbrillen starren gerade aus, als sie das erste Mal an uns vorbei fahren. Sie nicken uns zu, als sie das zweite Mal vorbei brausen. Lächeln beim dritten Mal. Zuletzt lachen sie und hauen sich auf die Schenkel. Unklar, was sinnloser ist: Den ganzen Tag in einem leeren Bus durch die Gegend kurven? Oder den ganzen Tag mit heissen Füssen auf den Bus verzichten? Wir gehen weiter, die Chauffeure fahren weiter.
In Marly treten wir über den Röstigraben. Von Altenrhein bis Tentlingen: überall Gartenzwerge, Keramikfrösche, Holzmännchen, Plastikmäuse. In Marly dagegen hats keine Zwerge, kein Kleinkram. Der Rest ist gleich: Das Gras ist genau so akkurat geschnitten, die Rabatten sind ebenso präzis angelegt, die Frauen in den Gärten tragen die gleichen Oberteile in Pastelltönen.
Um halb acht stehen wir in den siebziger Jahren. Ein Foyer, in dem Christoph Marthaler inszenieren könnte: Holztäfer, Pflanzen, Dämmerlicht, Stille, und hinter der Rezeption eine Frau ohne Alter: Anna Rejowska. Seit die Börsenkurse fallen, hat sie immer ein Zimmer. Sie führt uns hoch und gibt uns einen Schlüssel mit einem Anhänger, der sich als Hantelersatz eignen würde.
Später sitzen wir bei ihr an der Rezeption, im Hinterzimmer knistert das Radio, es regnet. Anna lehnt sich an und erzählt ihre Geschichte. Erstes Kapitel: Einwanderung in die Schweiz, von Krakau her. Arbeit als Hostesse in den Bussen zwischen der Schweiz und Polen. Zweites Kapitel: Umzug von Zürich nach Marly. Seit neun Jahren Arbeit an der Rezeption des Hôtel du Grand-Pré, gelegen am Rand der Stadt. Vom zweiten Stock des Hauses Aussicht auf Sonnenuntergänge. In der Freizeit Gebete im Kloster. Zu Weihnachten Rückkehr nach Polen und Enttäuschung über den Mentalitätswandel dort – weg von Gott, hin zum Geld. Drittes Kapitel: Vielleicht eine Zukunft als Angestellte in einer Davoser Berghütte, vielleicht eine Rückreise nach Polen, dort Arbeit als Reiseleiterin.
Sie sagt, dass sie seit der Krise weniger zu tun habe. Dafür lernt sie mehr. Wenn keine Gäste da sind, holt sie ihre Lehrbücher hervor und geht ins Hinterzimmer. Dort setzt sie sich auf die Couch und lernt Französisch, Deutsch, Englisch. Natürlich kann sie diese Sprachen schon, aber nicht gut genug. Sie sagt: Man muss gerüstet sind. Wer weiss, was kommt?
Es ist ein Gast mit Rotweinnase. Er kommt rein aus dem Regen. Anna lächelt und wünscht ihm eine gute Nacht.
- Danke, Ihnen auch.
- Merci. Dann bis morgen.
- Bis morgen.
Der Herr besteigt den Lift. Die Türen gehen zu.
Elfter Tag, Marly – Romont
Hinter Fribourg gehen wir über eine Steinbrücke, da stehen zwei windschiefe Pilger mit Kniebinden. Wir gehen auf dem Jakobsweg: der Boden weich wie eine Finnenbahn, die Bäume und Büsche dicht wie ein Tunnel. Es ist kühl im Wald.
Wir wandern durch Dörfer ohne Leute. Nach vier Stunden meinen wir, uns im Kreis zu bewegen. Als gingen wir immer wieder durch das gleiche Dorf, vorbei am gleichen Brunnen, an den gleichen Bauernhöfen, den gleichen Kühen, den gleichen Sitzplätzen. Wandern mit M.C. Escher.
Wir essen zu Mittag und legen uns in den Garten des Restaurants. Nebenan hats einen Spielplatz ohne Kinder. 300 Kilometer haben wir zurückgelegt, sind vorbei gekommen an dutzenden von Spielplätzen, Kinder haben wir nie welche gesehen darauf. Schaukelpferdchen und Co haben ausgeschaukelt.
Um halb vier verlassen wir unser Dorf mal wieder. Im Gras am Strassenrand sitzt eine Frau und grüsst uns, ein Hallo aus dem Grünen. Wir bleiben stehen, sie kaut Nüsse und schaut hoch.
- Wollt ihr Nüsse?
- Danke. Aber wir haben grad Pommes frites gegessen.
Sie lacht uns aus, wir setzen uns zu ihr. Corinne Christen heisst sie und ist seit acht Tagen unterwegs. Sie will ans Ende der Welt. Nach Finisterre, ein paar Kilometer hinter Santiago de Compostela. Sie wandert allein, ohne Handy, ohne Waffe, ohne Angst. Zwölf Kilo wiegt ihr Rucksack, darin ein Zelt, daran Wanderstöcke aus Alu. Sie hat achtzehn Monate ohne Ferien gearbeitet, an einem Bartresen in Effretikon. Nur einmal stand sie nicht am Zapfhahn. Das war, als die Bar über Weihnachten eine Woche geschlossen blieb. Jetzt wandert sie nach Spanien, dann reist sie durch Afrika, dann fliegt sie nach Indien und lässt sich zur Yogalehrerin ausbilden. Wenn alles klappt.
Zusammen wandern wir nach Romont. Wir jammern, sie lächelt. Wir sind Weicheier, Corinne drosselt ihr Tempo für uns. Sie glaubt an einen Gott, wandert aber nicht aus diesem Grund. Sie will ihren Kopf frei kriegen. Eine Jakobsmuschel klappert an ihrem Rucksack, daneben baumelt ein Hundewelpen aus Plüsch, darauf der Spruch: Don’t worry.
Sie hat sich sechs Monate auf die Reise vorbereitet. War beim Physiotherapeuten wegen ihrer Haltung, stemmte drei Mal die Woche Gewichte mit ihren Beinen. Die Zigaretten warf sie erst am Tag vor ihrem Aufbruch weg. Seither rührt sie keine mehr an, trinkt keinen Alk mehr, verzichtet auch auf Kaffee.
Den ganzen Tag über wandert sie, abends sucht sie einen Ort für ihr Zelt, meist abgelegen, damit sie keiner sieht. Sie pflückt Kirschen, sammelt Beeren, bittet bei Bauernhöfen um ein Glas Milch. Dann sucht sie einen Bach und wäscht sich. Setzt sich vors Zelt und holt die Flöte hervor. Spielt, bis sie müde ist. Legt sich hin und schläft schnell ein. Der nächste Tag bringt das Gleiche in Variationen: Mal begleitet sie ein Pilger, der von Slowenien her kommt und vierzehn Stunden am Tag geht. Mal gibt ihr eine Frau Engelsbohnen als Glücksbringer. Mal fährt ihr einer nach und fragt bei jeder Kurve, ob sie eine Mitfahrgelegenheit brauche.
- Machen wir mal Pause?
- Seid ihr schon wieder müde?
Wir setzen uns ins Gras und schauen in die Luft. Es ist still, kein Auto fährt, kein Traktor knattert. Corinne massiert sich die Füsse und stellt sie dann fest auf den Boden.
Sie pilgert, weil sie eine Weile weg wollte. Weg vom ganzen Blödsinn, der in ihrer Bar geredet wurde. Weg von der Geschichte eines Mannes etwa, der ein Boot kauft. Und seine Frau dreht fast durch, weil sie kein Bikini findet, das zum Kahn passt. Wohlstandsmüll, sagt Corinne. Davon hatte ich genug.
Wir gehen weiter, in der Ferne liegt Romont auf einem Hügel. Die Sonne steht tief, das Dorf wirkt wie ein Scherenschnitt. Corinne tastet mit dem Blick die Wiesen ab und sucht nach einer Stelle fürs Zelt.
Bei einer Wegbiegung gehen wir rechts, sie geht links. Wir gehen langsam, sie geht schnell.
Zwölfter Tag, Romont – Mézières – Lausanne
Wir erwachen in Hotelzimmern, die aussehen wie Saunas mit Möbeln. Doch es ist kühl, Wind weht durchs Fenster. Frühstück in einem Raum, in dem der Rauch von Gestern hängt. Männer mit Rotweingesichtern haben ihn in die Luft geblasen. Männer in Hemden und Hosenträgern, die sich so langsam bewegten, als spielten sie Zeitlupe. Heute Morgen ist erst einer von ihnen hier, er trinkt Espresso und blättert in der Zeitung, Schlagzeile: On lui tatou 56 étoiles sur la figure alors qu’elle dort. Der Mann nimmt die Geschichte ohne Regung entgegen, leert die Tasse und schaut zum Fenster hinaus, als müsste was passieren. Doch alles bleibt still in Romont, tief im Freiburgerland.
Die Kellnerin bringt unser Frühstück aus Weissbrot und Marmelade. In ihren Hausschuhen geht sie so leicht und leise durchs Lokal, dass wir sie wegniesen könnten. Sie lächelt und setzt sich wieder zu ihren Zigaretten an den Stammtisch. Wir essen, zahlen die vierzig Franken für die Nacht, dann gehen wir. Der Mann schaut uns nach und nickt.
In Mézières machen wir Mittag. Die Sonne brennt, im Dorf hämmern die Baumaschinen. Vor einer Kirche legen wir uns ins Gras, der Maschinenlärm hört sich sekundenweise wie Musik an. Als wären die Bauarbeiter Technospezialisten, die aus dem Dorf ein Instrument machen. Mit dem Gehämmer im Kopf dösen wir weg.
Lausanne. Wir sitzen am See, auf unserem Tisch Pappbecher, darin Tee, darüber Dampf, der sich langsam verzieht. Die Bar heisst Buvette d’Ouchy, ständig knarzt eine Stimme aus dem Lautsprecher, wenn eine Portion Pommes abholfertig ist.
Numéro 72
Da drüben flimmert Frankreich, auf der anderen Seite des Sees. Ein Mann mit Bierbauch und Trottinett lässt sich von seinem Hund am Alpenpanorama vorbei ziehen. Flipflopleute schlurfen vorbei, ihr Gang so sanft, als wären sie nie von einem Dorf im Freiburger Nirgendwo nach Lausanne gelaufen, mit Sprechblasen voller Blitze und Ausrufezeichen über dem Kopf.
Numéro 76
Es ist windstill, der Boden ist warm. Vor uns Internationalität auf den Köpfen: Gelfrisur, Toupet, Schleier, Turban, Kurzhaarschnitt. Das Abendrot macht sich davon, die Palmen stehen mediterran in ihren Kisten. Lacher von weitem, Rülpser von nebenan; alles ist gut, alles ist in Ordnung.
Numéro 83
Dreizehnter Tag, Lausanne – Morges – Allaman – Gland
Am Seeufer von Lausanne führt ein Weg durchs Paradies. Das besteht aus Rasen, Bäumen, Kindern, Rentnern. Es besteht aus Sonnencrème und Chips, aus Frisbeescheiben in der Luft und Bouleskugeln am Boden, aus Friede, Freude, Sonnenbrand.
Wer uns entgegen kommt: Eine Lederhautbraut mit Badetuch unterm Arm, ein Liebespaar im Gleichschritt, ein Hündeler mit seinem hechelnden Liebling. Und Schulklassen um Schulklassen: Zappeligkeit in Zweierreihen. Bei Morges rollt eine Schar auf Trottinetts herbei und macht Pause neben unserer Bank. Stimmengewirr:
- He! Ich bin müde!
- Luca, hör auf!
- Ich will jetzt ins Schwimmbad!
- Aua, aua, aua!
- Wo ist Jan?
Ein Kind steht still da. Es ist ein Vollkaskokind: Helm, Ellbogenschoner, Handgelenkschutz, Knieschoner. Kein Sturz ohne Abfederung. Ein Schoner für alle Fälle. Die anderen schreien und rennen, dann fährt die Klasse weiter. Zwei Jungs bleiben zurück, einer sagt: Lass uns eine Weile warten. Er hebt das Kinn und meint: Die holen wir locker ein. Dann zischen sie los, Helden mit Stupsnasen.
Wir gehen ohne Worte, ein Wegstück führt den Bahngeleisen entlang. Der Fahrtwind weht uns fast davon. Wir gehen vorbei an Weizenfeldern, die ein Sturm geplättet hat. Möglich, dass hier untalentierte Aliens bei einem Kornkreis gescheitert sind.
In Allaman treten wir aus einem Wald. Noch dreihundert Meter bis zum Restaurant La Pêcherie. Erst mal vorbei an einer Kläranlage, dann stehen wir vor einem Haus mit dem Kitschgraffito eines Fischers an der Wand. Zweifelnd und hungrig stehen wir davor, dann gehen wir rein. Beruhigender Blick in die Speisekarte: Alles ist extrem teuer. Wir bestellen das Zweitbilligste, einen Fitnessteller für 29 Franken.
Wir sitzen auf Plastikstühlen an einem Plastiktisch. Unser Kellner sieht aus wie Albert Camus, der statt Büchern sein Henniezblöcklein voll schreibt. Sicht auf den See: Ein Mann im knallroten Gummiboot rudert durch die Bucht, Schwäne dekorieren das Wasser, Bäume rauschen am Strand, sonst ist es ruhig. Albert Camus bringt uns das Essen mit einem sauren Lächeln. Wir passen nicht ins Ensemble der Gäste: Teenagermädchen unter Schminkschichten, Playboys in weissen Hosen, Stillesser im Duo.
Das Felchenfilet schmeckt gut. Ebenso der Salat. Mit der Aussicht als Beigabe: köstlich. Satt machen wir uns davon. Bald wird es dunkel. Noch zwölf Kilometer bis Gland.
Vierzehnter Tag, Gland – Genf
Erwachen in einem Luftschutzkeller. Kaffee in einer Bar beim Bahnhof. Endloses Wandern auf dem Jakobsweg. Fluchen auf der Route de Lausanne, zehn Kilometer vor Genf. Wir sehen Villa um Villa, Schild um Schild, passage interdit um passage interdit. Die Häuser sehen aus wie Bunker, umschlossen von Mauern, die zusammen wohl so lang wären wie die Berliner Mauer es war: 170 Kilometer Stein und Stahl. Jenseits des Betons: Rasen so glatt, als hätte ein Gärtner mit der Nagelschere gewirkt. Wir gehen weiter, wollen nur nach Genf, so schnell wie möglich.
Es dunkelt bereits, als wir ankommen, halbtot und glücklich. Wir nehmen ein Zimmer beim Bahnhof, dann gehen wir zum Waschsalon um die Ecke und stopfen unsere Kleider in eine Maschine. Auf Plastikstühlen sitzen wir und starren in die Trommel: Reality-TV. Andere Zuschauer sind auch da und hängen still in ihren Stühlen. Was denken Leute, die ihrer Wäsche zuschauen?
- Schräge Frage. Bist du Psychiater?
- Ehrlich gesagt: Nicht viel. Ich hoffe, dass es schnell vorbei geht.
- Ich denke nach über die Arbeit in der Bar und darüber, was für Sätze sie mir da an den Kopf werfen.
- Ich denke grad: Die Maschine spinnt doch. Sollte längst fertig sein.
Wir nicken ein, irgendwann schrecke ich hoch und gehe durch den Salon. Überwachungskameras an der Decke, ein Verbotsschild auf dem Tumbler: durchgestrichener Perserteppich. Raucherterrasse im Innenhof, ein Plakat an der Wand: Ausstellung mit dem Titel Au temps qui passe. Eine Frau auf Stöckelschuhen kommt rein und steckt Bettbezüge mit Tigermuster in eine Maschine. Ich setze mich und döse wieder weg.
Nachtspaziergang durch Genf in kleinen Schritten. Wir gehen ins traurigste Pub in Sicht, es heisst Lord Jim und liegt an der Rue de Lausanne. Die Tür ist schwer, alle Fenster sind zu. An der Bar sitzen zwei Männer und sagen nichts. Sie rücken hin und her auf ihren Hockern, werfen gedehnte Blicke auf die Kellnerin, schlucken Bier und schlucken leer. Der eine fischt eine Filterlose aus der Packung, der andere bestellt noch ein Glas, viermal muss er rufen dafür. Licht fällt auf ihre Scheitel, Europop dudelt aus den Lautsprechern, eine Kerze flackert vor ihnen. Einer redet und raucht, der andere lauscht und gähnt. Nach einer Pause:
- On verra.
- On verra.
Dann sind sie wieder still. Der Rauch der Filterlosen hängt lang über ihren Köpfen, dann löst er sich auf.
Letzter Tag, Genf – Chancy
Noch fünfzehn Kilometer bis Chancy. Wir verlassen Genf um zehn. Es ist eine Strecke ohne Reiz: Asphalt, Tankstellen, Baustellen, und Betonsiedlungen, die aussehen wie aus Ceausescus Rumänien importiert. Chancy ist alle paar hundert Meter auf Schildern markiert, wir fühlen uns wie Esel mit einer Karotte vor dem Maul. Um zwei kommen wir an, hundemüde und hellwach. Das Dorf ist leer, wir sind die Einzigen auf der Strasse. Der Wind treibt Strohhalme vor uns her.
Wir trinken einen Tee im Virage, dem letzten Café der Schweiz. Sechshundert Meter die Strasse hinab und man betritt Frankreich. Neben uns sitzt ein Mann mit Schuppen auf den Schultern und liest Zeitung. An der Bar hockt wie festgeschraubt der Wirt und blickt zur Decke. In der Luft fliegen die Fliegen den Fliegen nach. Es ist still, die Uhr an der Wand tickt lautlos. Der Wirt kommt rüber und erzählt von den Portugiesen, den Chinesen, den Rumänen, die hier wohnen und in Genf arbeiten, eine Stunde Busfahrt weit weg. Wir sitzen und trinken, die Tür ist weit offen, der Wind weht rein.
Wir gehen ein wenig durch das Dorf, dann setzen wir uns neben die Bushaltestelle. Der Wirt des Virage steht in der Tür und winkt den Leuten zu, die in ihren Autos vorbei fahren. Nach einer knappen Stunde kommt der Bus nach Genf, er ist fast leer. Wir stellen die Rucksäcke hin und setzen uns, endlich.
Wir fahren und schweigen, der Wagen macht einen Zickzack durchs Hinterland, vorbei an Kornfeldern und an einer Müllverbrennungsanlage, deren Rauch diagonal in den Himmel steigt. Uns gegenüber sitzt ein Mann unter einer Baseballmütze, er hat Brauen wie Borsten und Hände wie Papier: Hans Brechbühl. Er schaut zum Fenster raus, seine Augen sind hell, der Blick eines Schuljungen im Rentenalter.
Hans fährt jedes Wochenende im Bus durch den Kanton, sieht sich die Landschaft an, redet mit den Leuten. Das Gehen fällt ihm schwer, fürs Velo fehlt ihm die Balance, fürs Autofahren der Führerschein. Bleibt der Bus, der durchs Hinterland ruckelt. Hans erzählt in Schüben, dazwischen schweigt er lange und weist mit dem Kopf in diese Richtung, dann mit der Hand in jene. Bei der Haltestelle Petit-Lancy verabschiedet er sich und steigt aus. Der Bus fährt weiter, Hans lüftet die Mütze und verschwindet.
Jetzt sitzen wir vorm Genfer Bahnhof und warten auf den Zug nach Zürich, im Körper eine Schwere wie noch nie, im Kopf ein Chaos von Bildern. Zwei Wochen sind wir durch die Schweiz gewandert. Mal pfiffen wir ins Land hinaus, mal fluchten wir zum Himmel hoch, dann zogen wir weiter. Zwei Mal hatten wir solche Schmerzen, dass wir uns fühlten wie Kriegsreporter. Kriegsreporter auf Recherche in der Neutralität. Dann wieder fühlten wir uns beschwingt ohne Grund und gingen und gingen, zum Soundtrack des Atems und der Wanderschuhe. Haben wir das Land verstanden? Nein. Haben wir ein Gefühl bekommen für das Land? Das schon, zumindest ansatzweise. Wir sahen kein Elend, keine Gewalt, keine Trauer, aber auch keinen Enthusiasmus, noch Ekstase, noch Euphorie. Wir sahen milde Melancholie und gemässigtes Glück.
Einmal sassen wir auf unseren Betten und hörten der Frau zu, die uns in ihrem Luftschutzkeller in Gland übernachten liess. Sie war bleich und bitter, und sie fluchte ohne Ende. Etwa so: Dieses Land ist Dreck. Die Leute sind zerfressen von Geiz. Alles ist teuer und kleinlich. Zum Glück bin ich nicht hier zur Welt gekommen, zum Glück werde ich diesem Land bald den Rücken kehren. Nach Frankreich werde ich gehen und mir in Bordeaux eine Wohnung nehmen. Hier kotzt mich alles an: Die Leute, die Preise, die Regierung. Es bräuchte eine Revolution, doch die wird nie kommen. Es wird immer so bleiben, wie es ist. Schlimm, oder? Warum sagen Sie nichts?
Wir haben nichts gesagt, weil wir unsicher sind. Zwei Wochen lang haben wir Menschen getroffen, die das Klischee der Schweizer Verschlossenheit zerstörten mit ihrer Offenheit. Oft hatten wir den einen Dreckschuh schon im Postauto zum nächsten Bahnhof, da bekamen wir Hilfe. Mal war es ein Essen, mal ein Bett, mal ein Schokolädchen mehr zum Kaffee. Wir waren unterwegs in einem Land, das uns entzückte und langweilte. Entzückte, weil wir uns manchmal fühlten wie in der Fremde, wie Touristen im eignen Land. Entzückte, weil wir oft das Gefühl hatten, durch übergrosse Gemälde zu wandern. Langweilte, weil wir manchmal meinten, durch einen Klischeesumpf zu waten, durch eine Vorstadt ohne Ende zu gehen, angelächelt von Gartenzwergen, vollgezwitschert von Vögeln, vorbei an höchstwachsenden Hecken, vorbei an Autos auf Hochglanz, vorbei an hunderttausend Hundekotsäckchen im Wind. Wenn wir eine Aussage wagen, dann diese: Die Schweiz hat Riesenschiss vor einem Häufchen Hundedreck. Doch das ist kalter Kaffee.
Einmal gingen wir in Morges durch einen Park und beobachteten, wie ein Mann mit seinem Schäferhund spielte; so sah es zumindest aus. Dann wirkte es, als seien tiefere Gefühle vorhanden. Der Mann schüttelte seinen Schäfer durch, packte und kitzelte ihn. Dann erst begriffen wir, dass er versuchte, das Tier zu retten; der Hund hatte wohl eine Biene verschluckt. Nach einigen Minuten lag er reglos auf dem Rasen. Es war das einzige Drama, das wir sahen, mehr Action war nicht. Wir sahen ein stilles und langsames Land.
Noch 15 Sätze bis zum Ende.
15. Wir steigen in den Zug und fahren in zwei Stunden und 43 Minuten zurück nach Zürich.
14. Während Romy Böhm ihren Kartoffelsalat macht, in der nordöstlichsten Wirtschaft der Schweiz.
13. Während Frank Hokamp mit seiner Drehorgel durch Berlin-Kreuzberg geht und am Kasten kurbelt.
12. Während Peter Denzler im Becken seiner Kindheit schwimmt und in den Himmel schaut.
11. Während sie im Hirschen zu Schindellegi schwafeln und schweigen.
10. Während Herr Eggimann lautlos der Reuss entlang geht, die Hände vor dem Bauch gefaltet.
9. Während Ferdinand Hurschler im Gasthaus Adler die Fliegen alle macht mit seiner Klatsche.
8. Während Bruno Riesen auf seinem Fat Bob durchs Land knattert, die Beine leicht gespreizt.
7. Während die Aussichtssüchtigen auf ihrer Bank ob dem Thunersee sitzen und ins Land schauen.
6. Während Anna Rejowska im Hinterzimmer ihrer Rezeption sitzt und Englisch und Deutsch und Französisch lernt, für alle Fälle.
5. Während an Corinne Christens Rucksack die Jakobsmuschel klappert und das Plüschtier baumelt.
4. Während Albert Camus Fischgerichte serviert im Waadtländer Nirgendwo.
3. Während die Hofhunde kläffen.
2. Während die Kühe muhen.
1. Fahren wir zurück, und bald sind wir daheim.

Unsere Route, vom Boden- bis zum Genfersee

Altenrhein: Freie Sicht aufs Meer

Sie schält und erzählt: Romy Böhm

Herisau, 2000 Schritte bis ins Ziel

Die Dämmerung: Als steckte sie in einem Rahmen

Keiner da

Licht im Dickicht vor Lichtensteig

Frank Hokamp: Der vierte Besitzer der Drehorgel

20:41 Uhr in Ricken

Kreuze am Boden wie am Himmel

Bademeister am Becken seiner Kindheit: Peter Denzler

Michelangelo im Hirschen zu Schindellegi

So schön, so privat: Der Aegerisee

Zwei Minuten vor dem Sturm

Massenschlag für zwei

Lisbeth Wülser und Dolores Zwyssig: Café complet an der Autobahn

Weg hier, so schnell wie möglich

Herr Eggimann am Drücker

Schauen verboten

Nicole Jans, Blauring-Leiterin

Die Emme im Blick, das Rauschen im Ohr

Nächste Haltestelle: New York

Herr der Fliegen: Ferdinand Hurschler

Beten neben der Hauptstrasse

Susi und Paul Ehrler-Studer: Gastgeber vom Feinsten

Der dicke Robert unter seinem Bruno Riesen

Das Emmental: Nicht mehr, nicht weniger

Der letzte Kiff im Café Mokka

Aussichtssüchtige auf 1200 Meter über Meer

Autostopp zwecklos

Zuckerwatte für die Berge

Krakau - Marly einfach: Anna Rejowska

Tristesse fribourgeoise: Ein Dorf wie das andere

Die letzten Kühe in dieser Geschichte, versprochen

Gedanke eines Schaukelpferdches: Brauchts mich noch?

Mit zwölf Kilo Gepäck ans Ende der Welt: Corinne Christen

40 Franken für eine Nacht in der möblierten Sauna

Mittagspause und Freiluftkäse in Mézières

Hallo Grosi, mir geht es gut. Wie geht es dir? Liebe Grüsse aus Lausanne

Vorbildlicher Steg kurz nach Lausanne

Ein Schoner für alle Fälle

Vollwertkost auf Plastiktisch

Von Nyon bis Genf: Wände zum Wahnsinnigwerden

Salon du Prieuré: waschen und warten

Ohne Worte

Zwei Schilder, eine Strasse: Das Ende der Schweiz

Hans Brechbühl: Jedes Wochenende eine Fahrt durchs Hinterland

Am Léman: Die einen füttern, die andern schnattern

Schmerz an den Füssen, Feuer am Himmel

Wald bei Rothenthurm: Fehlen nur noch die Hobbits