22.11.2007 von Michèle Roten
Neulich erzählte mir ein Freund etwas, und ich muss vorausschicken, dass ich ihm glaube. Er ist jemand, dem man glauben sollte. Er erzählte mir, er hätte was gegessen in einem Restaurant, und am Nebentisch sassen zwei Männer, der eine ziemlich jung, ein rechter Fetzen, mit Drogen-Gestus, auch ein wenig faschistoid aussehend, ein grobschlächtiger Kerl. Der ältere Mann war vom Typ Säufer. Der Freund schenkte den beiden keine besondere Beachtung und wurde erst aufmerksam, als folgender Satz fiel, vom Jungen geäussert: «…und dann findet man raus, dass der eigene Vater auch schon zwanzigmal drüber war, kannst du dir vorstellen, wie man sich da vorkommt? Da musst du doch einfach nur kotzen! Kotzen! Kotzen musst du da!» Das ist natürlich schon einmal eine sehr gute Grundlage für ein Gespräch, aber richtig interessant daran ist, dass sich herausstellte, dass das Gegenüber offenbar, ja genau: DER VATER selbst war, denn er rumpelte irgendetwas halb entschuldigend, halb erklärend, halb beleidigend. Ich finde die Geschichte bis hier schon sehr bemerkenswert, denn solche Konstellationen trifft man ja doch eher selten an ausserhalb von Soap-Operas und Isch-hau-dir-so-auf-die-Fresse-Mann-du-Nutte-Talkshows am Nachmittag, die man kuckt, wenn man krank ist. Aber noch bemerkenswerter finde ich fast, dass das, was danach kam, noch bemerkenswerter ist, nämlich, dass der Sohn dann sagte: «Weisst du, ich habe diese Frau geliebt! Nicht wegen ihres äusseren, sondern wegen ihrer Seele!»
Dieser Satz. Dieser Satz scheint zur Allerweltsformel für wahre Liebe geworden zu sein, und das auch bis hinunter in proletarischste Schichten. Ein drogensüchtiger Fascho-Schläger benutzt sie, um seinem Alkoholiker-Vater zu erklären, warum es nicht okay war, dass er seine Freundin gevögelt hat. Dazu essen die beiden SchniPo. Man muss sich auch sofort diese Frau vorstellen, ihr äusseres, ihre Seele.
Tolle Geschichte.
Der Freund erzählte sie mir in einem Lokal, wo solche Sachen sehr gut reinpassen. Eine Spelunke in einer Seitenstrasse der Langstrasse. Auf dem Weg dorthin wurde ich von einem Junkie angebaggert, auf die allersüsseste Art und Weise. Er fragte: «Häsch mer dis Rezäpt?» – «Was?» – «Für dini Schönheit.» Ui! Ich wurde fast ein bisschen schwach. Er war ein Junkie wie aus dem Bilderbuch, mit Kickbike und Bauchtäschchen.
Nach der Spelunke gingen wir in eine andere Spelunke, in der wir noch nie waren, ein sehr seltsames Lokal, vorn irgendwie Imbiss, hinten irgendwie Sääli, mit Fussballschals an den Wänden, und wir brauchten ein paar Minuten, bis wir merkten, dass wir im wahrscheinlich einzigen wirklich wahren Italiener Zürichs sassen, im Fernseher lief Rai Uno und auf der Leinwand Napoli TV. Wir redeten ein bisschen mit der Wirtin, sie erzählte von der Lasagne, die sie heute gemacht hatte, dann redeten wir ein bisschen mit dem Wirt, Ige-binne-scho-site-firzig-Jahre-ine-Schwize, und dann kam die Wirtin und stellte ein riesiges Stück Lasagne vor uns hin, und wir fühlten uns wie in einem grossen, wunderschönen Klischee.