20.02.2008 von Oliver Meiler , 2 Kommentare
Das hier ist die Geschichte, von der mir jeder Singapurer dringend abrät, sie zu schreiben. Seit meiner Ankunft im letzten Sommer ist das so. Jeder, der es gut meint. Und es scheint, als meinten es alle sehr gut mit mir. Pass bloss auf, sagen sie, kein schräges Wort zur Politik, sonst werfen sie dich hier raus.
Wahrscheinlich übertreiben sie alle. Ganz sicher sogar.
Das also ist die Geschichte von Singapur. Singapura, Löwenstadt. Eine junge südostasiatische Nation, ein Grad nur über dem äquator gelegen, viereinhalb Millionen Einwohner. Ein wirtschaftliches Powerhouse mitten in den Tropen, voll beschäftigt, mit einem erstaunlich hohen Pro-Kopf-Einkommen. In Asien ist es nur in Japan noch höher. Eine Drehscheibe der Finanzen und Dienstleistungen. Moderne Erste Welt mit Wachstumsraten eines Schwellenlandes. Eine ganz kleine Insel, 24 auf 48 Kilometer nur, und fünfzig noch viel kleinere Inseln rundherum. Singapur ist so klein wie der Kanton Glarus.
Und ausgerechnet dieser Miniaturstaat ohne öl und Gas, straff geführt wie eine Firma, wie eine Inc. mit der jugendlichen Frische eines Start-ups und mit fast allen Bluechip-Firmen des Landes im Portefeuille, schickt sich nun an, mit etlichen Investitionsmilliarden aus seinen öffentlichen Fonds einigen der ganz grossen Banken in der freien, demokratischen Welt (wie man dort sagt) aus deren ganz grossen und hausgemachten Problemen zu helfen. Der Schweizer UBS, den amerikanischen Banken Citigroup und Merril Lynch. Die Fonds wurden gebeten um ihre Milliarden, haben sich nicht selbst ins Spiel gebracht. Im Fall der UBS bat Marcel Ospel, ein Chef in Nöten, um Hilfe. Ospel habe ihn angerufen, nicht umgekehrt, stellte der Direktor des Staatsfonds GIC, Ng Kok Song, in der «Bilanz» klar – «wir drängten uns nicht auf». Sie wollen nicht mal in den Verwaltungsrat. Sie hoffen nur auf Rendite. Immerhin, sie glauben an bessere Zeiten, sie haben Vertrauen in die UBS. Und das ist ja auch etwas in diesen Zeiten.
Doch willkommen sind sie nicht, wahrlich nicht. In den Medien in übersee findet man, das Kapital aus Singapurs Staatsfonds sei nicht demokratisch und nicht transparent genug. Das ist der Grundton der Debatte, es ist eine ethische. Nun könnte man fragen, wie demokratisch und transparent das Kapital ist, das auf den Nummernkonten der UBS liegt, jenes viele Geld geheim gehaltener Provenienz also, das unsere Bank so reich und gross und stolz gemacht hat, zur grössten Vermögensverwalterin der Welt. Könnte man doch.
«Disneyland mit Todesstrafe»
In Südostasien wird Singapur als Modell und Erfolgsgeschichte verklärt und still beneidet. Als effizient, korruptionsfrei, sauber, organisiert. Alles hehre und rare Tugenden in der Region. Und alle wahr. Für viele Asiaten ist Singapur ein Vorgeschmack auf Europa oder Amerika. ähnlich wie Japan, Taiwan und Südkorea, die alle mit der gleichen Formel gross und modern geworden sind: mit autokratischer Führung und staatlich gelenkter Wirtschaftsaggressivität.
Im Westen hingegen sieht man Singapur als Asien für Anfänger. Dort wird es verschrien, überfrachtet mit Klischees. Wer kennt sie nicht, die Geschichten über Singapur? Stockhiebe für Vandalismus. Kaugummiverbot. Bussen für das unbedarfte Wegwerfen von Abfall. Auch alles wahr. «Disneyland mit Todesstrafe» nannte William Gibson die Stadt, ein Sciencefiction-Autor. Klinische, seelenlose, autoritäre, totalitäre Retortenstadt. So sieht sie Europa. So sieht sie Amerika.
Shauna Li kennt das Bild ganz genau, es ist ihr Arbeitsobjekt, sie nennt Singapur eine Marke, einen Brand. Die Brandmanagerin, oft am Fernsehen hier, hat Studien gemacht über die Wahrnehmung im Ausland und hat die Regierung dann bei ihren Imagekampagnen beraten. Sie sass also oft in diesen Ausschüssen, in denen sie die Zukunft des Staates, der Inc., bestimmen. Sie sagt: «Singapur kriegt dieses eindimensionale Image einfach nicht weg. Natürlich ist es dümmlich und reduziert. Aber es überlebt auch deshalb, weil die Regierung ausländische Medien mit Verleumdungsklagen verfolgt, wenn ihr etwas nicht passt. Wir Berater haben ihnen schon oft gesagt, sie sollen damit aufhören, die Marke leide nachhaltig darunter.»
Shauna Li ist in China geboren, ihre Eltern flohen aus politischen Gründen in die USA, sie wuchs in Kalifornien auf, studierte dort, zog dann nach Singapur, heiratete einen Holländer. Viele Welten in einer Person. Sie zeigt mir ein Bild, das sie als Kind neben ihren Eltern auf dem Pekinger Platz Tor des Himmlischen Friedens zeigt, mit dem roten Büchlein der Partei in der Hand. Es ist ein schönes Bild, aber keine glückliche Zeit. «Singapur», sagt Shauna Li, «hätte ein ausgewogeneres Image verdient, auch im Westen, stattdessen bleiben allen nur Kaugummi und Bussen im Gedächtnis haften.»
Als wir nach Singapur zogen, schauten uns mache Bekannte nach, als würden wir nach Nordkorea aufbrechen. Oder nach Saudiarabien. Für alle, die wir seither nicht mehr gehört haben sollten: Es ist alles okay. Nein, Stockhiebe haben wir noch keine gekriegt, weil, na ja, hat sich halt noch nicht ergeben. Für Einbruch am Tag sieht das Strafgesetz neben Haft und Busse sechs Hiebe auf den baren Hintern vor, mit einer Rute aus Rattan, 1,27 Zentimeter dick, vorab in Wasser getaucht, verabreicht von einem Gefängnisoffizier unter Ausschluss der öffentlichkeit und im Beisein eines Arztes. Für Einbruch in der Nacht, weil perfider, gibt es schon zwölf Schläge. Bussen bekamen wir auch noch keine. Wenn uns der Sinn nach unmotiviertem Abfallwegschmeissen steht, 250 Singapur-Dollar Busse für Ersttäter, stehen immer noch genügend Abfalleimer in der Nähe. Und so überkommen wir unseren Drang. Mit dem Urinieren im Lift, 500 Dollar, haben wir auch aufgehört. Brauchte etwas überwindung. Aber jetzt gehts ganz gut, danke.
Alle Umfragen zeigen: Die Singapurer glauben, dass harte Strafen ihre Sicherheit garantieren, dass sie der einzige Weg seien und ein grosser Standortvorteil in der Region. Die Strafen schrecken ab. Manchmal stacheln sie zu trotzigen Verstössen an, zu Demonstrationstaten, aber nur selten. Wer den Umfragen nicht traut, weil sich die nationalen Medien nun einmal hörig an die Regierungslinie schmiegen, der hört sich den Befürworterchor unter den «locals» an. Sie wurden erzogen, so zu denken. Die meisten denken auch privat so. Die grossen Multinationalen (und manche Redaktionen) aus dem Westen eröffnen ihre Asienfilialen in Singapur, weil sie ihren Entsandten und deren Familien einen sicheren Aufenthalt gönnen, verlässliche Behörden, korruptionsfreie Bürokratie, gute Luft, noch bessere Schulen und Universitäten, ein hervorragendes Drehkreuz für Flüge in alle Welt. Man kommt schnell hin. Und schnell weg.
Der Bürger als Kleinaktionär
Singapur beginnt mit einer sanften Landung. Die letzten fünf Minuten sind immer die schönsten, der Anflug auf Changi Airport. Dann dimmen sie das Licht in der Maschine der Singapore Airlines, der besten Fluggesellschaft der Welt, spielen esoterische Musik. Hostessen schweben wie Feen durch die Gänge. Auf ihrem vierten Kontrollgang, mindestens, klappen sie Tischchen mit sanften Gesten hoch, so sanft, dass man meinen könnte, sie berührten sie gar nicht. Und der Pilot sagt mit tiefer Stimme: «Welcome home! Welcome to Singapore!» Er zieht das «o» ganz lang, es klingt aufgesetzt, fast wie Propaganda, wahrscheinlich lernen sie dieses sonore Timbre in der Ausbildung. Dann noch einmal die automatische Durchsage mit der Warnung, auch die weich im Ton: «Wir informieren die Passagiere, dass es in der Republik Singapur harte Strafen gibt für Drogen- und Waffenbesitz.» Der gleiche Satz steht auch auf dem Einreiseformular, fett gesetzt. Keiner soll behaupten, er sei nicht gewarnt worden.
Unten ein Diamant von einer Insel. So sieht sie von oben aus, wie ein Diamant, Schiffe in der Bucht und in der Strasse von Malakka. Und Krane, Baugruben, Sandhaufen. Singapur braucht Platz, ringt dem Meer Land ab, wie das Dubai im Persischen Golf auch macht. 16?000 Fussballfelder Land in den vergangenen vierzig Jahren hat Singapur dazugewonnen. Die Beach Road etwa, an der das berühmte Raffles-Hotel steht, liegt schon lange nicht mehr am Strand. Von oben sieht man auch, dass die Insel gar nicht so dicht besiedelt ist, wie man meinen möchte. Viel Grün ist da, viele Palmen, überhaupt Bäume: überall Bäume!
Und rund um das Zentrum, das in der südlichen Spitze des Diamanten liegt, ein Kranz von Trabantenstädten, Woodlands, Punggol, Serangoon. Die Singapurer nennen es «the Heartland», das Herzstück mit den Sozialsiedlungen. Wahrscheinlich gibt es nirgends auf der Welt schönere staatliche Wohnanlagen als hier. Alle sind sie ans öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen, alle haben sogenannte Gemeinschaftszentren mit Bibliotheken, Garküchen und Märkten, Malls und Kliniken, Schulen und Spielplätzen, die besseren unter ihnen, die Executive Condominiums, auch noch Schwimmbad und Tennisplatz. 83 Prozent der Singapurer wohnen in solchen HDBs, in Wohnungen des Housing and Development Board. Sie gehören ihnen, sie haben sie gekauft, finanziell gefördert vom Staat. So wollte es die Regierung: Bürger als Eigentümer, als Kleinaktionäre der Singapore Inc.
Und noch etwas wollte die Regierung mit dem öffentlichen Wohnungsbau: In jeder Siedlung soll die nationale Gesellschaft in ihrer ganzen und schönen Varietät vertreten sein – 72 Prozent Chinesen, 14 Prozent Malaien, 8 Prozent Inder. Es gibt eine strenge Quotenregelung. Leben schon 14 Prozent Malaien in einem Block, kommt kein Malaie mehr dazu. Das ist nicht sonderlich liberal, aber ziemlich gescheit. So verhindert Singapur, dass Gettos entstehen, dass sich die Menschen voneinander entwöhnen. So müssen sich Chinesen, Malaien und Inder auf engem Raum miteinander vertragen. Nirgends in der Region ist die Gesellschaft durchmischter und klassenloser. Nirgends funktioniert sie harmonischer. Die Misstöne sind meist nur folkloristischer Natur. Die Inder kochen würziger als die Chinesen, das riecht dann stark und geht den Chinesen auf die Nerven. Die Malaien musizieren gerne, nicht immer zur Freude der Chinesen, die finden, die Malaien würden besser arbeiten als singen. Den Indern ist beides recht egal.
Von oben, wenn man ein bisschen näher heranzoomt, sieht man auch die Dächer der vielen Gotteshäuser, der buddhistischen Tempel, der Moscheen, der Kirchen, der Synagogen. Alles da, alles nebeneinander. Alle dürfen glauben, was sie wollen. Alle werden respektiert. Minarette sind kein Thema, sie stehen einfach da. Gehetzt wird nirgends, dafür sorgt der Staat. Und wenn sie Feste feiern, die Inder Diwali und Thaipusam, die Christen Weihnachten und Ostern, die Chinesen Chinese New Year und das Lichterfest, die Muslime Ramadan und äid el-Fitr, dann feiern alle anderen ein bisschen mit. Dann steht in den Zeitungen, worum es geht, Historie und Sitten. Dann hängen in Little India Lichterketten, an der Orchard Road stehen Weihnachtsbäume, und China Town ist ein Tollhaus mit bunten Drachentänzern, grossen Figuren aus Pappmaché und lauten Trommlern.
Asien! Zwar geordnet, sauber und sicher. Aber doch Asien.
Terminal 2, durch die Passkontrolle. Das Kofferband läuft schon, wie schnell das gehen kann. Und durch den Zoll, war da ein Zöllner? Zur Schlange am Taxistand, plötzlich eine Wand tropisch feuchter Hitze vor dem Gesicht. Ein Wink des Einweisers, zehn Taxis fahren gleichzeitig vor, wo war die Schlange? Auf dem ECP, dem East Coast Parkway, heruntergekühlt und dreispurig der Ostküste entlang ins Zentrum. In zwanzig Minuten vom Gate bis ins Central Business District mit seinen Banken und Türmen aus Glas und Stahl, im Ohr noch immer die Weichspüler-Musik vom Landeanflug. Ach, wie einfach es sein könnte, wie erholsam eine gut organisierte Weltstadt ist.
Weltstadt? Nein, eine Weltstadt ist Singapur nicht. Dafür fehlt ihr eine gehörige Portion Glamour und Flair. Und es fehlt ihr gelebte Kultur und wohl auch etwas Anarchie. Im Zentrum der Stadt wartet hinter keiner Strassenecke eine überraschung. Keine schlechte, aber auch keine gute. Draussen schon, in den Schluchten von Heartland. Oder in Geylang, im staatlich erlaubten Rotlichtmilieu mit seinen dampfenden Garküchen und den unklimatisierten Krabbenrestaurants. Oder rund um das Mustafa Centre in Little India, dem alten Einkaufszentrum der Inder, das am Sonntag wie ein Quartier von Bombay pulsiert, bunt und laut und schön.
Im Zentrum nicht. Dort, wo die ausländischen Gäste auf ihrem zweitägigen Transit verkehren, wo das Image Singapurs geprägt wird. Im Zentrum wiederholt sich hinter jeder Strassenecke der Dreiklang von Konsum, Kohle und Klimaanlage. Es ist ein dumpfer Refrain, und manchmal nervt er. Auch die Bevormundung am Zeitungsstand nervt. Magazine mit freizügigen Bildern und direkter Sprache, etwa «Maxim» oder «Cosmopolitan», werden plastifiziert, auf dem Warnkleber steht: «Not suitable for the young». «Playboy» kommt gar nicht erst ins Land. Nicht, dass man sie vermissen würde, die Heftchen. Aber man vermisst doch das Gefühl, dass man sie vermissen könnte.
Nein, eine Weltstadt ist Singapur nicht. Nicht wie London, New York oder Sydney Weltstädte sind. Das will die Stadt jetzt aber werden, und zwar schnell. Zwei oder drei Generationen sollten reichen für den Wandel, nachdem es ja auch nur zwei Generationen gebraucht hatte, um Erste Welt zu werden. Es gibt, wie immer hier, einen Masterplan dafür. Die Strategen der Inc., alles Pragmatiker, haben die Zukunft wieder am Reissbrett entworfen. Singapur soll bald mehr Fun sein, kreativ, innovativ, irgendwie kultivierter und kultureller. Zwei Kasinos werden gebaut, eines an der Marina Bay, eines auf der Insel Sentosa. Im Herbst kommt die Formel 1 für ein Nachtrennen, das erste in der Geschichte der Formel 1. Eine Filiale des Pariser Cabarets Crazy Horse tanzt schon. In den schönen Konzerthallen der Esplanade, einem futuristischen Monumentalbau, geben sie Opern und Musicals. Im Arts House läuft Autorenkino.
Kiasu: Verlustangst als Motor
Es ist eine aufregende Zeit für Singapur, ein Aufbruch. Man spürt den Drive in den Strassen. Man sieht den Boom in den Gesichtern der jungen Menschen, sie künden von der Zukunft. Nur die Alten schauen noch misstrauisch. Sie wissen, wie das früher war. Gar nicht so lange her ist das, etwas mehr als vier Jahrzehnte. Da war Singapur nur eine schwache Reminiszenz an das britische Empire, ein heruntergekommener Vorposten der Kolonie, ein Handelshafen auf der Route zwischen Ost und West. 1819 gegründet, per Dekret vom Fischerdorf zur Stadt umdefiniert, bestand Singapur lange nur aus Regenwald, Sümpfen, Slums und Spannungen zwischen Malaien und Chinesen und Indern. Feinde im Norden, in Malaysia, und Feinde im Süden, Indonesien. Piraten in der Meeresenge.
Man hatte überlebenssorgen, Existenznöte. «Kiasu» nennen sie es in Hokkien, dem meist gebrauchten chinesischen Dialekt: Angst zu scheitern, sich zu blamieren, das Gesicht zu verlieren. Das ist Singapurs Mantra, in allen Sprachen und in jeder Lage. Die Verlustangst ist der Antrieb, immer, in allem. Manchmal schlägt sie in Gier um. Kiasu!
Die ängste sassen so tief, dass sie die nationale Mentalität bis heute bestimmen. Man fragte sich nämlich zur Unabhängigkeit 1965, als Malaysia das mehrheitlich chinesische Singapur nach kurzer Zugehörigkeit wieder aus der Union ausschloss, wie das gut gehen könne: ohne natürliche Ressourcen, ohne Hinterland, ganz alleine.
LKY, strenger Vater Singapurs
Es gab Tränen der Verzweiflung bei einem Mann, den man danach nie mehr weinen sah, der die ganze Verantwortung schultern sollte. Mit 42. Er war es, der vor die Presse trat und den Rauswurf bekannt gab. Als es ihn überkam, liess er die Pressekonferenz für zwanzig Minuten unterbrechen. In seinen Memoiren schreibt er, für Chinesen seien solche emotionale Offenbarungen unmännlich. Er habe sich geschämt. Vielleicht aber waren seine Tränen der Grund für den Erfolg, der erste Kitt einer Nation, die keine war. Und wenn nicht, dann passt doch das Pathos zur historischen Stunde.
Der Mann heisst Lee Kuan Yew.
Er ist der Vater der Unabhängigkeit, der Vater der Moderne, Premierminister von den Anfängen bis 1990, heute MM, «Minister Mentor», ein Titel, den es wohl nur in Singapur gibt. Lee Kuan Yew ist der Mentor der Minister, also auch Mentor des Premierministers. Und Premierminister ist sein Sohn, Lee Hsien Loong.
Das tönt alles fürchterlich falsch im demokratisch geschulten Ohr. Das scheppert laut.
Lee Kuan Yew ist den Seinen ein strenger Patriarch und Patron, Verwaltungsratspräsident und CEO der Singapore Inc. Auch heute noch, mit 84 Jahren. Sein Kopf prangt nicht auf Briefmarken, nicht auf Banknoten, nicht in Amtsstuben. Das braucht er nicht. Die englischen Initialen «LKY», wie er meist nur genannt wird, sind in den Köpfen der Bürger eingeprägt. Und jeden Tag stehen in der «Straits Times», der grossen Zeitung Singapurs, seine Ratschläge für gesundes Altern, für den geschickten Umgang mit dem Regime in Burma, für Geopolitisches und für Alltägliches.
Dominant, clever und nachtragend. So beschreiben ihn die Singapurer. Er ist ein Wirtschaftsliberaler und ein politischer Autokrat. Ein Pragmatiker fast ohne Ideologien, ein Wandler und Verwandler, ein Ingenieur der Gesellschaft, einer, der seine Strategien ständig anpasst. Das alles ist LKY, einer der Titanen der Region. Ob man ihn mag oder nicht. Singapur ist sein Abbild. Er ist Singapur. Er sagte einmal, wenn er etwas beschlossen habe, bleibe er dabei, und wenn sich ihm Hindernisse in den Weg stellten, walze er sie mit Bulldozern nieder. Er ist stolz auf solche Sätze. Die sind männlich. Er sagt auch, Altersrenten würden träge machen, eine Pensionierung sei wie ein früher Tod. Darum gibt es keine staatliche Renten in Singapur, dafür viele betagte Menschen an der Arbeit, als Wächter, in der Reinigung, als Berater und Taxichauffeure. Es ist, als sei er auf einer Mission, im ständigen überlebenskampf. Kiasu! Auch das Engagement bei der UBS ist Kiasu, die Rendite soll dann dem Staat zur Vorsorge gereichen.
Lee Kuan Yew glaubt, er habe immer recht. Manchmal stimmt das auch. Und wenn er sich täuscht, gibt er es zu. Manchmal.
Besuch bei der «Opposition»
Ein lästiges Hindernis, von den Bulldozern an den Rand gedrängt, ist sein grosser und machtloser Gegenspieler mit den blauen Augen, den dicken Augenbrauen und der erfrischend unzensurierten Sprache. «Bei uns entscheidet ein Mann, einer ganz allein», sagt JBJ, Joshua Benjamin Jeyaretnam, 82 Jahre alt, Anwalt, einst Chef der Arbeiterpartei. «So war das immer schon, und so ist das auch heute noch.» JBJ sitzt in seinem kahlen Büro an der Smith Street, China Town. Erst vor einigen Wochen hat er es bezogen. Die Fenster liess er zumauern, wegen der Klimaanlage, sagt er, dann laufe sie besser. Vielleicht auch deshalb.
Sie haben ihn ruiniert. Die Regierungspartei hängte ihm Verleumdungsklagen an, die ihn in den finanziellen Ruin und aus dem Parlament trieben. Seine Kanzlei ging Bankrott. Jeyaretnam lebt jetzt bei seiner Schwester in Johor Bahru, gleich hinter der Grenze im Norden, jenseits des Causeways, in Malaysia, wo alles viel billiger ist und weniger glänzt.
Früher, als erfolgreicher Anwalt, hatte er einmal eine Villa im Zentrum Singapurs, einen Chauffeur, Bedienstete. Das war, bevor er sich entschied, politisch aktiv zu werden, Verbote zu kritisieren, Rechte für Arbeiter und Bürger einzufordern, etwa das Versammlungsrecht: «Wenn hier mehr als fünf Leute zusammenstehen, ist das eine illegale Versammlung, you know?» Er lacht, wenn er das sagt mit seinem britischen Akzent. Nicht, weil es lustig wäre. 1981 wurde er ins Parlament gewählt. Er brach die Phalanx der People’s Action Party, de facto eine Einheitspartei, heute 82 von 84 Sitzen im Abgeordnetenhaus, die mit einem erstaunlich anachronistisch-totalitären Symbol wirbt: einem roten Blitz in einem blauen Kreis. «Nein, Mister Lee war nie gut auf mich zu sprechen», sagt JBJ und lacht wieder, «im Parlament nannte er mich ein Stinktier, häuten müsse man mich, sagte er.»
Kürzlich hat die «Straits Times» Jeyaretnam eine ganze Seite gewidmet, mit einem grossen Bild, das ihn mit seinen wilden Backenbärten zeigt und mit der lückenreichen oberen Zahnreihe. Man wurde den Eindruck nicht los, der Zeitung sei es nur darum gegangen, ihn als abschreckendes Beispiel darzustellen: Schaut her, wie einer endet, der sich widersetzt. Früher stellten sie ihn gerne als Freak dar. JBJ dient der Propaganda als Anti-Held. Er weiss das, er lacht darüber und macht doch weiter, steht immer wieder auf. Kiasu. Das schuldet er sich. Er sagt, es sei die Verteidigung der Menschenwürde, die ihn treibe.
Bald will er eine neue Partei gründen. Reform Party soll sie heissen. Im Studio hängen Vorschläge für Plakate, die wohl nie in den Strassen hängen werden, ein Slogan lautet so: «Die Dynastie verhindert freie und faire Wahlen, um ewig zu regieren.» Das ist ein heikler Satz, der bringt wohl ärger. Alles bringt ärger, was unterstellen könnte, die politische und wirtschaftliche Elite, die operative Konzernspitze der Singapore Inc., die Familie Lee und etwa dreihundert einflussreiche Leute, Minister und Unternehmer regierten nepotistisch oder korrupt. Das gibt ärger, auch wenn die Anspielung nur vage ist. Kürzlich musste sich die «Financial Times» für eine solche Anspielung entschuldigen, im eigenen Blatt.
Lee Kuan Yew sagte einmal, Verleumdungsklagen seien da, um den Ruf der Leader vor unbedarfter Kritik zu schützen, und er schloss die überlegung mit seiner ganz eigenen Logik: «Darum ist es bei uns so, dass die Bürger nicht glauben, sie würden von Gebrauchtwagenhändlern regiert.» Und darum ist es so, dass der Westen findet, dass das hier keine Demokratie im westlichen Sinn ist.
Glücksspiel? Hier?
Das Re-Branding, wie es Shauna Li nennt, die Umkrempelung der Marke, ist dringend nötig. «Singapur muss sympathischer werden, damit es mehr Gäste anzieht. Es muss seine multiethnische Seele zeigen, seine religiöse Toleranz, der Mix macht aus dieser Stadt ein spannendes Labor.» Singapur braucht die Touristen. «Die Stadt kann nicht ewig auf die multinationalen Firmen bauen. Die sind nicht loyal, die ziehen weiter, wenn es anderswo gleich effizient wird und billiger. Die Neuerfindung geht hier einfacher, hier gibt es keine ideologischen Barrieren: Es geht immer nur um die Wirtschaft und ums überleben.»
Da ist es wieder: Kiasu. Verlustangst als Motor.
Vor einigen Jahren noch erschien es völlig undenkbar, dass Singapur Kasinos bauen würde. Lee Kuan Yews Vater war ein Spieler, ein Süchtiger. Es habe schlimme Streitereien gegeben zu Hause, wenn der Vater im Chinese Swimming Club an der Amber Road beim Black Jack
wieder verloren habe und Schmuckstücke der Mutter verpfänden wollte, um sein Glück noch einmal zu versuchen: «Manchmal war er gewalttätig», schreibt der Sohn später in seinen Memoiren. Vor drei Jahren beschloss die Regierung, gleich zwei Spielhäuser zu bauen, Las Vegas Konkurrenz zu machen – und auch Macao, der Spielinsel vor Hongkong, dem grossen Rivalen Singapurs. LKY erklärte, es dürfe nicht sein, dass seine persönliche Erfahrung die Gemeinschaft einer neuen Einkommensquelle beraube, einer neuen überlebensgrundlage. Kiasu!
Es gab Widerstände der muslimischen Gemeinde, auch Christen protestierten. Doch der Masterplan stand, es dröhnten schon die Bulldozer. Es wird nun so sein, dass die Singapurer, und nur sie, 100 Dollar Eintritt pro Tag bezahlen müssen, und dass nur Singapurer spielen dürfen, die keine Schulden haben. Das Geld soll ja vor allem von aussen kommen, von den Touristen. Es soll nicht die Zahl der sozial Bedürftigen daheim erhöhen. Es soll die Kassen des Staates füllen, die Lebenslinie Singapurs verlängern.
ähnlich undenkbar erschien vor einigen Jahren eine Debatte über die Rechte von Homosexuellen. Im letzten Herbst stand die Regierung plötzlich kurz davor, das Gesetz zu ändern und Homosexualität zu entkriminalisieren. Auch formal. In der Praxis ist es das schon lange. Die Szene blüht, mit Klubs und Partys. Die Zeitungen waren voll mit Plädoyers für eine Liberalisierung. Minister sprachen vom Ende der Bigotterie. «Sie meinten es tatsächlich ernst», sagt Cyril Wong, der berühmteste Dichter im Land, 31 Jahre jung und schwul, «vielleicht war das Motiv dafür nicht das nobelste, aber wir hofften.» Im Vorstand der Singapore Inc. war die überzeugung gereift, dass Singapur zu schwulenfeindlich wirke für eine angehende Weltstadt, und dass sich deshalb viele kreative und innovative Köpfe nicht in die Stadt locken liessen. «Der alte Pragmatismus», sagt Cyril Wong und schüttelt lächelnd den Kopf. Doch diesmal waren die Kirchen und die Moscheen stärker. Die Regierung zog den Plan zurück, die Gesellschaft sei nicht bereit dafür. Der Premier entschuldigte sich bei den Schwulen, versprach aber wortreich, das Gesetz, das die Homosexualität verbiete, bleibe zahnlos. Die Pistole an der Schläfe, sagten die Enttäuschten, wenn auch ungeladen.
Als Cyril Wong mit dem Schreiben begann, beeinflusst durch die Werke amerikanischer und australischer Dichter, stand Singapurs Poesie im Dienst, die Nation zu glorifizieren, das Ganze zu besingen. Cyril Wong hat das «Ich» eingeführt, ein explizites, ein sexuelles, ein homosexuelles. Alles verpönt. Eine Zeitung feierte ihn trotzdem, machte ihn bekannt. «Ich war erstaunt», sagt er, «im zweiten Band strich die Zensur fünf kurze Gedichte, ab dem dritten liessen sie dann alles durch.» Er hat sich frei geschrieben, Cyril Wong, ein bisschen wenigstens. Er macht ja keine Politik, jedenfalls nicht im klassischen Sinn. «Ich will ein glückliches Leben leben, ich brauche meine Wohlfühlzone, ich mag mich nicht ständig ärgern müssen.» – Ist das feige? – «Ja, vielleicht ist das feige. Ich opfere ein bisschen Idealismus für ein glückliches Leben.» Für ein glückliches überleben.
Das hört man von vielen. Weil es vielen gut geht. Auch denen, denen es nicht gut geht, geht es immer noch besser als jenen, denen es in den Nachbarländern nicht gut geht. Viel, viel besser sogar.
Die Zukunft, vielleicht
ändern wird sich Singapur erst, wenn der grosse und strenge übervater nicht mehr da ist. Wenn sie Strassen, Plätze und den Flughafen nach ihm benannt und sein Konterfei auf die Banknoten und die Briefmarken gedruckt haben werden. Wie sich Singapur ändern wird, ist völlig offen. Sagen alle.
Vielleicht wird es dann etwas demokratischer. Vielleicht gibt es dann etwas mehr überraschung in der Wohlfühlzone. Vielleicht spaltet sich die Einheitspartei in mehrere Strömungen. Vielleicht sind die Wahlen dann keine Formsache mehr. Vielleicht kann man dann in Singapur Kaugummis nicht mehr nur auf Rezept beim Zahnarzt und in der Apotheke kaufen. Vielleicht geht dann alles etwas langsamer, wenn die Bulldozermotoren nicht mehr ohne Unterlass heulen.
Vielleicht schwindet dann aber auch der Instinkt fürs überleben, dieser Antrieb. Vielleicht bröckelt dann die soziale und ethnische Harmonie. Vielleicht kommt dann einer, der mehr Repression braucht, um seine Macht zu wahren.-Einer ohne Mythos, ohne moralische Autorität, ohne Gründertränen.
Es braucht nicht viel, und alles wird ganz anders.
Schmeissen sie mich jetzt raus?
Kiasu!

Eine Stadt wie aus Bastelbogen gefaltet: Club Street, Chinatown | Bild: Andri Pol

Jedem Bürger ein Dach über dem Kopf: Kunstschneehalle, | Bild: Andri Pol

...Platzregen, | Bild: Andri Pol

...Spielplatz in Wohnanlage, | Bild: Andri Pol

...Zelt am Strand | Bild: Andri Pol

Joshua Jeyaretnam, Oppositioneller | Bild: Andri Pol

Shauna Li, Brandmanagerin | Bild: Andri Pol

Cyril Wong, schwuler Dichter | Bild: Andri Pol

Bankenviertel, nachthell | Bild: Andri Pol

Asien für Anfänger: Raffles Place, Finanzdistrikt | Bild: Andri Pol

Wer Glam und Flair sucht, soll woanders hin: New Bridge Road, Chinatown | Bild: Andri Pol
Gratulation!
Oliver Meiler schreibt es gäbe in Singapore keine Altersversorgung, dieses ist total falsch. Singapore hat mit dem CPF eine der besten Altersversorgungen in South East ASIA.Der The Central Provident Fund is a social security savings plan for citizens old age. Ich selbst habe 7 Jahre Singaporehinter mir. Und es wundert mich immer wieder wie unsere Leute dort an der einheimischen Kultur vorbeileben. Die meisten sind und bleiben unter sich in Ihrer Freizeit. Dieses scheint auch für den Autor dieses Artikels zu Stimmen.