Tanz den Milky Way!

Was als neuer Tanzstil begann, ist zu einer fiebrigen Jugendbewegung ausgewachsen. Sie heisst Tecktonik und kommt aus Paris.

15.02.2008 von Henning Kober



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Treaxy und Vavan. Der Film beginnt, er zeigt Paris im Frühling. Die Kamera fährt auf eine grüne Holzbank zu, auf einen dort mit gesenktem Kopf Sitzenden, ein schmaler, sehniger Junge. Treaxys Kleidung ist schwarz. Enge Hose mit unnötigen Reissverschlüssen und ein knappes Tank-Top rahmen seine Schätze. Da beschäftigt sich einer mit sich selbst, eine Menge Details. Sauber gezupfte Augenbrauen. Tiefschwarze Haare, durchdacht, in verschiedenste Richtungen bearbeitet. Ganz kurz an den Seiten, hinten länger, spitz auslaufend neben den Ohren.
Er erkennt sofort, dass er beobachtet wird, seine Augen suchen Kontakt. Ins Bild rücken: eine Nase, die römisch, mächtig im Zentrum steht. Ein gerader, über die ganze Breite gezeichneter Mund. Unter seiner Lippe steckt eine schwarze Perle.
Die Kamera schwenkt um ihn herum. Auf der anderen Seite sitzt Vavan, auch in Schwarz gekleidet. Sein Körper ist kräftiger. Seine Augen liegen tief wie Einschusslöcher. An der linken Braue sitzt ein Piercing. Am rechten Mundwinkel auch. Die Haare laufen ihm weit in den Nacken. Sein Blick sagt: Achtung!
Beide tragen am rechten Oberarm ein Band, auf das ein stilisierter weisser Adler gedruckt ist. Erinnert ein wenig an die Fahnen, die zum Unabhängigkeitsjubel im Kosovo geschwenkt wurden.
Schnitt. Die beiden stehen auf einer Mauer über der Seine.
Sie explodieren.
Ihre langen Arme rasen in schnellen Schwüngen, gestreckt, verwinkelt, dann verknäulen sie sich ganz eng, um den Kopf. Hüfte ruhig. Die Beine lang gestreckt, dann Knie stark gebeugt, marschieren auf der Stelle einen Rhythmus. Immer wieder drehen sich die Körper um ihre Achsen, vor, auch zurück, vor allem voran.
Im Hintergrund bleiben vorbeiziehende japanische Touristen an diesem Bild hängen. Schrecksekunden. Dann feuern sie fasziniert ihr elektronisches Equipment ab. Schnitt. Treaxy und Vavan stehen auf Pollern vor der Notre-Dame und tanzen wie mit Koks Aufgezogene. Sie sehen aus, als würden sie einen spastischen Anfall erleiden, nicht Scham, sondern Adrenalinorgasmen zur Folge.
Sie sehen cool aus.
Schnitt. Wir sehen den Eiffelturm. Treaxy und Vavan springen ins Bild, als wäre der Pariser Alltag ein Martial-Art-Streifen. Manchmal scheint es, als schwebten sie in der Luft. Ihre Bewegungen sind nicht synchron, aber sie ergänzen sich. Aus dem Off hämmert Techno. Eine Stimme kündet von «the pleasure of music».
Die letzte Einstellung des Films zeigt ein Standbild in Schwarzweiss: zwei Lippenpaare, unter beiden Mundwinkeln kleine Metallperlen, nah aneinandergelegt.

überall wird getanzt

Ich bin mit dem Frühflug in Paris Orly gelandet und sitze in einem Toyota Yaris und rase über die Stadtautobahn. Die Sonne scheint den Morgennebel weg. Hübsch gebogene Strassenleuchten hier.
Wir fahren unter einem über die sechs Spuren gebauten Betonriegel hindurch. Dort oben ist der Club Metropolis. In dieser Vorstadtdisco, ein Grossraum für 8000 hungrige Seelen, haben Treaxy und Vavan ihre Bewegungen perfektioniert. Wir haben ihren Film auf YouTube gesehen. Wir wissen schon: Sie nennen ihren Tanz «Tecktonik».
Treaxy und Vavan sind nicht alleine. Unzählige Jungen, auch Mädchen aus dem Grossraum Paris, inzwischen auch aus ganz Frankreich, Belgien und der Westschweiz haben ihre Interpretation des Tecktonik-Tanzes auf Video festgehalten und auf YouTube oder auf dem französischen äquivalent Dailymotion online gestellt. Sie tanzen in Kinderzimmern, auf dem Schulhof, auf Tecktonik-Raves.
Bei der Pariser Technoparade im September wurde Tecktonik endgültig zur nicht mehr übersehbaren Jugendbewegung. Die französischen Medien berichteten intensiv. Tecktonik scheint ein Fieber zu sein, ein Tanz, der bereits heftig geliebt, gehasst und von unterschiedlichsten Parteien vermarktet wird.
Mal sehen, wie es uns so geht. Im Club Metropolis findet alle zwei Wochen die Party statt, von der alles ausgeht: Tecktonik-Killer.
Antrax94 hat den Auftakt zur Tecktonik-Killer-Party auf YouTube gestellt. L’Ouverture de Metropolis. Laser stechen los. Grün, blau, rot, gelb schneiden sie durch das Dunkle. Schatten werden sichtbar. Da ist eine Menge. Töne kommen ins Spiel: Mächtig schwillt die «Carmina Burana» zu ihrem Momentum an. Die Menge reagiert. Sie wogt. Die Laser fächern über sie hinweg. Für einen Augenblick erkennbar: Nackte Arme über den Köpfen, Hände kreisen aus dem Gelenk. Dann flackern Stroboskope bis zur Flimmerfrequenz.
Weisses Licht und das benediktinische Lied, da hinein spricht eine tiefe Stimme: «In the beginning was…» nur Fetzen sind verständlich. «…the word and from the word…» Aufkreischen. «I am the real… and this is my house… and our house.» Die Aufnahme der Mobiltelefon-Kamera stösst an ihre Grenzen.
Paris, Chaostage. Präsident Sarkozy macht, wofür sie ihn gewählt haben: französische Seelen aufwühlen. Es streiken unter anderem: Lokführer, Lehrer, Fluglotsen, Feuerwehrmänner, Balletttänzer und am schlimmsten: die Angestellten des öffentlichen Nahverkehrs. Im Radio sprechen sie von 530 Kilometer Stau in der Stadt. Gleissend hell huschen die Suchscheinwerfer der Helikopter über verstopfte Strassen, als wärs L.A.
Aus den Toyota-Boxen ballert Tecktonik-Musik. «Nosebleed Techno haben wir 1992 dazu gesagt», meint Fetisch. Es sind harte Detroit-Klänge, die in Europa vor allem in Belgien weitergepflegt wurden. Neu dazwischen gemischt sind softe House-Stimmen. «Let’s be young», sagt eine verführerisch.
Wir folgen schon zu lange den Anweisungen einer kalten Frauenstimme. «Nach 200 Metern rechts abbiegen. Biegen Sie rechts ab.» Rechts ist nichts. Im Schneckentempo haben wir uns in der letzten Stunde durch Einbahnstrassen gekämpft. Als wieder die Rückseite des Centre Pompidou ins Bild kommt, ist klar: Wir bewegen uns im Kreis. Die Einzigen, die in dem Chaos vorankommen, sind dick Eingepackte, die sich in fast tecktonischen Bewegungen auf Suzukis zwischen den Autos hindurchdrücken. Wir lassen den Toyota und laufen.
Sofort ist alles neu.

Im Epizentrum

Es dauert wenige Minuten, und wir stehen in der Boutique Tecktonik, Rue des Archives. Dort arbeitet Romain, schmaler Junge aus der Vorstadt, arabischer Abstammung. Sein Blick: ein durchaus dehnbares Starren. Die Pupillen, weit und dunkelfeucht wie ein schöner Waldsee. Klar, tanzt er Tecktonik. Jump Style ist sein Ding. Das heisst, bei ihm passiert viel aus den Beinen.
Was für ein Tier bist du beim Tanzen? «Ein Pitbull.»
Der 20-Jährige hat sich ein Basecap auf seinen Kopf gesetzt. Aufdruck: ein Totenkopf und die Schrift Wild & Style. Um den Hals trägt Romain ein Dog Tag aus dunkelrosa gefärbtem Metall mit dem Tecktonik-Zeichen, das man hier im Atelier Selfcreation kaufen kann. Für eine frische Bewegung gibt es eine bereits fast perfekte Merchandise-Kollektion.
Romain erzählt, auf einer Tecktonik-Killer-Party trinke er nur Wasser. Keine Drogen. Er sei da keine Ausnahme, sondern die Regel. Für den Tecktonik-Tanz selbst gibt es nicht so viele Regeln. «Wir nennen ihn auch Milky Way. Oder Vertigo.» Hauptsache, er sieht gut aus – der Tanz und der Mann. Wenn wir wissen wollen, wer Tecktonik erfunden hat, sagt Romain, müssen wir mit Cyril sprechen. Gar nicht so leicht, den zu erreichen.
Cyril Blanc. Manipulator! Nationalist! Teufel! Eifrig diskutiert wird der Mann in zahlreichen Anti-Tecktonik-Internetforen. Seit er dieses Plakat entworfen hat, gegen das aus der jüdischen Gemeinde protestiert wurde, beschäftigen sich auch die französischen Medien mit Blanc – dem Mann mit dem verdächtigen Nachnamen.
Auf dem Plakat, einer Werbung für eine Tecktonik-Sendung auf Radio FG, ist ein kleiner Junge zu sehen. Der Junge ist blond und sehr wütend. Seine Augen sind böse schwarz geschminkt. Er erhebt aggressiv die Faust. Auf seinem Oberarm ist das Tecktonik-Logo tätowiert. In Frankreich weckt das Assoziationen. «Boche» wurde Cyril Blanc danach genannt, ein französischer Ausdruck für die deutschen Besatzer.
Dann steht er da. Sonntagabend, Untergeschoss des Fitnessklubs Vit’halles, gegenüber dem Centre Pompidou. überraschung: Der Mann ist sehr schön.
«Bonjour» sagen Cyril Blancs volle, helle Lippen. Seine Augen senden neugierige Blicke. Lächeln, strahlen.
Wahnsinn, der Erfinder von Tecktonik sieht aus wie einer Fantasie entsprungen: durchtrainiert, 1,88 Meter, Bräune im Gesicht, perfekte Proportionen, breite Brust, haarlose Arme, fester Händedruck. Er trägt: schwarze Kappe, dunkelblaues V-Neck-Shirt, weisse Diesel-Unterhose. Sicher steht er da in mächtigen Y3-Stiefeln und einer hundertfach abgesteppten Jeans, gehalten von einem Stoffgürtel mit dicker Dolce &?Gabbana-Schnalle.
Ganz klar: All der Attraktionen wegen, die Cyril Blanc so ungeniert präsentiert, glaubt man sofort an die totale Unschuld dieses Mannes. Das Beste an ihm ist ein Jeansreissverschluss, den er während der ersten Gesprächsminute ganz unbewusst berührt, wie ein in seinen Tagträumen verlorener Junge.
Im Hintergrund sehen wir auf einem Podest Treaxy vor einer Spiegelwand stehen. An seinem Kopf, parallel zum spektakulären Wangenknochen, ist ein futuristisches Mikrofon angebracht. Der 18-Jährige flüstert anfeuernde Fetzen. Zwei Dutzend Jungen und Mädchen, unterschiedlichste Typen, stehen hinter ihm auf dem Parkett und lernen Tecktonik. In der Ecke kauert ein Elternpaar. Ihr Sohn ist zwölf, hat eine Brille und leichten Babyspeck, vielleicht belastend. Es geht schon ganz gut, seine Arme fliegen. «Relax» ruft Treaxy.

Der Erfinder

Cyril Blanc, 30, setzt sich in den Schneidersitz vor eine Wand mit Gewichten und beginnt zu erzählen. Ich frage ihn nach seinen Vorbildern. Hat ihn Warhol beeinflusst?
Cyril zuckt die Achseln. «Wer ist das?»
Jetzt wird es richtig interessant. Bitte erzählen, von Anfang an. Cyril Blanc, den man sich leicht als von seiner eigenen Hübschheit irritierten Jungen vorstellen kann, wächst in Gien auf, einer 15?000-Einwohner-Kleinstadt an der Loire, 150 Kilometer südlich von Paris. Als er 18 ist, zieht er in die Hauptstadt und stürzt sich, endlich, in das Nachtventil. Er erwähnt eine Ausbildung als Tänzer, Modern Jazz, aber das war wohl nur eine Episode. Er hört viel Happy-House-Musik in Pariser Schwulenklubs. Und harten Techno auf Trips nach Brüssel. Zwei prägende Erfahrungen, die er nutzen kann, als er mit 25 Creative Director im Club Metropolis wird und Tecktonik erfindet.
«Es ist ein geografischer Begriff. Stell dir zwei tektonische Platten vor, die aufeinanderstossen und miteinander verschmelzen.» Harter nordeuropäischer Techno und sanfter südeuropäischer House. Und warum Killer?
«Aggression als Fantasie erfüllt das Bedürfnis nach Schutz.» Seit fünf Jahren arbeitet er konsequent an diesem Projekt. Ihm vorzuwerfen, die Tecktonik-Bewegung habe keine sozialen Ziele, findet er beleidigend. Unsicher schiebt er an dem schwarzen Schweissband mit dem Logo an seinem Oberarm herum. Kleines Detail: Der Adler trägt einen Stern auf Brusthöhe. Cyril Blanc fasst die Ziele der Bewegung zusammen: «Offenheit.»
Worum es ihm geht, erschliesst sich aus einer Erfahrung, von der er spricht: «Auch wenn unsere Gesellschaft toleranter wird, in vielen Pariser Heteroklubs ist es immer noch ein Problem, wenn sich zwei Jungs öffentlich küssen.» Tecktonik-Killer ist keine schwule Party, aber Blanc erzählt von Jungen, die in der allgemein verbreiteten Uniform der Vorstadt zum Metropolis kommen: weite Hiphop-Klamotten. Dazu tragen sie einen Rucksack, in dem sie ihre hautengen Röhrenjeans, knappen Tank-Tops und Kosmetik mitbringen. Auf den Toiletten erfinden sie sich neu. Cyril Blancs Hände unterstützen seine Ausführungen in orchestrierten Schwüngen. Freudestrahlen. Er erzählt, dass er sieht, wie Jungen mit ihren Freundinnen zur Tecktonik-Killer kommen und am Morgen mit einem Jungen im Arm gehen. «Wer zwischen 18 und 25 möchte heute nicht bisexuell sein?»

Nicht einmal Taurin

Themawechsel: Stimmt es, dass es im Metropolis keinen Ecstasy-Wahnsinn gibt? Ja, er nickt. Mit der gleichen Ernsthaftigkeit, mit der er seine Warhol-Unkenntnis vorgetragen hat, bekennt er, noch nie Drogen probiert zu haben. Auch Alkohol sei seine Sache nicht. Er erzählt von einem eigenen Energydrink ohne Taurin, Red Bull ist in Frankreich verboten.
Die drei bisher bei EMI erschienenen Sampler haben sich etwa 100?000 Mal verkauft. «In letzter Zeit hatten wir ein paar Probleme», sagt Cyril Blanc und dreht mit der Fingerspitze sein altes Samsung-Handy im Kreis. Seit dem Sommer, als Tecktonik so ein grosses Thema wurde, versuchen viele sich ein Stück vom Kuchen zu sichern.
Er erzählt, dass es Alexandre, seit Jahren sein fester Freund, ein Mitarbeiter der Investmentbank Merill Lynch, gelungen sei, Tecktonik weltweit als Marke schützen zu lassen. Bald möchten sie ein Haarprodukt und ein Videospiel auf den Markt bringen.
Das grosse Geschäft werden andere machen: Der Plattenmulti Universal hat Mondotek ins Rennen geschickt. «Ich fühle», sagt Blanc, «dass wir Tecktonik jetzt beschützen müssen.»
Treaxy. Seine glatten Achseln glitzern wie ein Schneefeld. Treaxy, wer bist du? «Der Beste. Keiner tanzt zurzeit besser Tecktonik als ich.» Es klingt nicht so, wie es klingen könnte. Sondern ehrlich stolz. Er sagt: «Meine Spezialität ist Vouging.»
Kleiner Einschub: Auch Cyril Blanc, der Warhol nicht kennt, liebt Madonna. Weil? «Sie Vouging unterstützt hat.» Der Name kommt von der Pose der Models auf den Titelbildern des gleichnamigen Magazins. Es ist ein Aspekt eines ähnlich exaltierten, aber sanfter als Tecktonik fliessenden Tanzes. Die Ursprünge sind schwarz und schwul. Es ging um das beste Outfit, die richtige Pose und um das Wichtigste: Respekt. In Anlehnung an die Modeindustrie schlossen sie sich zu Clans, sogenannten Houses zusammen, zum Beispiel das «House of Ninja». Und Madonna? Pflückte sich die besten Charaktere für ihr Video und sang: It makes no difference / If you’re black or white / If you’re a boy or a girl / If the music’s pumping it will give you new life.
Treaxy, wovon träumst du? «Ich möchte um die Welt reisen und Tecktonik tanzen.» Es gibt Einladungen aus Algerien und Japan. Treaxys Telefon in seiner Hand leuchtet auf. Im Display steht: Vavan. Wir. Tanzen bald schon Tecktonik.

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