Totgemacht

«Ich glaube, es ging nicht um ihn. Ich glaube, sie wollten es einfach. Es einfach tun. Einfach einen schlagen. So wie zehn andere jeden Tag es tun. Das Opfer war zur falschen Zeit in ihrer Nähe. Es war Mittel zum Zweck. Meist steht das Opfer wieder auf. An diesem Abend hatte es Pech.»

28.03.2008 von Rico Czerwinski , 20 Kommentare

Bis sie ohne erkennbaren Grund einen 22-Jährigen töten, sind sie wie tausend andere. Sie haben die Schule fertig, wohnen in Mehrfamilienhaussiedlungen, sind noch in der Ausbildung oder arbeiten. Dario wird kurz vor der Tat noch von erfahrenen Fachleuten des Schweizer Militärs begutachtet. Er ist lediglich einmal in eine Polizeikontrolle geraten, hatte keinen Fahrausweis. Und auch die Psychologen der Armee glauben noch im November 2007, dass er während seiner Rekrutenschule bei der Luftabwehr für andere Menschen keinerlei Gefahr darstellt.
Aber etwas übersehen sie alle. Etwas, das dazu führt, dass am 1. Februar 2008 plötzlich ein blutiger Körper vor diesen 19- bis 21-Jährigen liegt. Jetzt kann es sich niemand erklären, jetzt hat niemand die geringste Idee, wie es dazu kommen konnte. Jetzt sind nur das Entsetzen und die Empörung gross, jetzt erzählt man sich in seiner Ratlosigkeit, einen Menschen zu töten, das sei das Ziel an jenem Abend gewesen.
Bis jetzt gibt es fast keine veröffentlichten Fakten zu den – wie die Journalisten fast des gesamten Landes sie selbst in seriösen Zeitungen nennen – «Jungen vom Balkan». Zu Dario, Luka und Branko, die jetzt als neuer Beweis für die These vom Gewaltimport aus unterzivilisierten Kulturen dienen. Als starkes Argument, eingebürgerten Schweizern bei schweren Delikten die Staatsbürgerschaft abzuerkennen. Man kann den vielen, die jetzt in völliger Fakten- und Verständnislosigkeit wutentbrannt ihrer Verwirrung Ausdruck verleihen, keinen Vorwurf machen.
Selbst die an der Tat laut Staatsanwalt unmittelbar Beteiligten wissen offenbar nicht, wie sie diese deuten sollen. Ihr Sohn habe verständnislos und mit weit aufgerissenen Augen dagesessen, als die Beamten morgens um 4 Uhr in ihre Wohnung stürmten, erinnern sich Darios Eltern. Und schliesslich war es schwer genug, überhaupt Anwälte zu finden. Und daher haben Eltern, Geschwister und langjährige Freunde sich bisher fast völlig an die von den Juristen verhängte strikte Informationssperre gehalten. Niemand hat detailliert erzählt, wer sie waren, wie diese «auf dem Balkan Verwurzelten» lebten. Wie man lebt, bevor man eine Tat wie diese begeht.
Alle sind in der Schweiz aufgewachsen. Geboren in Odzak, der bosnischen 20 000-Einwohner-Stadt an der kroatischen Grenze oder in Kroatien selbst, kamen sie mit etwa zwei bis fünf Jahren ins Tessin. Ihre Väter arbeiteten in der Schweiz als Handwerker mit Saisonnierbewilligung, die Kinder und Mütter blieben zunächst daheim. Die Konflikte zwischen Serben und Kroaten nahmen zu, Krieg brach aus, die Väter holten ihre Familien in die Schweiz.
Fotos von Anfang der Neunzigerjahre zeigen einen halb hinter dem Rock der Mutter verborgenen Jungen. Luka. Der Jüngste der drei wird am 1. April 1989 geboren, zeigt als Kleinkind reges Interesse an Musik und Tanz, sagen die Eltern. Branko, geboren drei Jahre zuvor, ähnelt seiner Mutter, sagt diese. Dario, der mittlere, spielt als Kleinkind gern mit Mädchen, sagt seine Familie. Ab etwa ihrem sechsten Lebensjahr nehmen ihre Väter sie mit zum FC Ascona. Sie machen Probetrainings, damalige Trainer erkennen Talente. Lukas Schwester erinnert sich, ihr Bruder sei ein «spielerischer Typ» gewesen, habe den Sport und das «Leben spielerisch genommen». Sie sind in den Grundschulen im Saleggi-Quartier und in Ascona, später in Sekundarschulen. Sie interessieren sich bald für Musik. Sie kommen nie mit einem blauen Auge nach Hause, sagen Eltern. Lukas Vater fällt auf, sein inzwischen 14-jähriger Sohn sei erstaunlich anhänglich, er habe gern und oft mit den Eltern Zärtlichkeiten ausgetauscht.
Sie möchten mit 15 erstmals wie viele andere nachts ausgehen. Auch mit Älteren in die Deutschschweiz. Die Eltern scheinen Grenzen zu setzen. Lukas Vater hält das für zu früh, er habe oft Nein gesagt. Lukas ältere Schwester, Absolventin einer Handelsschule, sagt, sie habe sich gewundert, wie konfliktlos das abgelaufen sei. Ohne Chlapf auf den Hintern wie in anderen Familien. Ihr Vater findet, man müsse mit Worten erklären. «Ich bin niemand, der gern anderen etwas aufzwingt.» Und mit Luka sei das ohne Weiteres möglich gewesen. «Er folgte ja immer. Er hatte es gern, wenn wir einander in den Arm nahmen. Er machte nie Ärger. Er war nicht der Rebell.»
Dann sind sie 16, haben ihre ersten Computer bekommen, gehen seit einiger Zeit samstags in Klubs, interessieren sich für Mädchen. Dario ist Goalie, Luka inzwischen Schiedsrichter, sie haben jetzt zunehmend weniger Zeit für ihre Eltern. Manchmal am Sonntag unternehmen sie noch etwas, fahren ins Valle Maggia zum Spazieren oder zuweilen in die Ferien nach Kroatien, aber manchmal schon vor Mutter und Vater allein nach Locarno zurück. Ab dieser Zeit haben ihre Eltern wenig über sie zu erzählen. Sie seien noch hin und wieder in der kroatischen Gemeinschaft an Familienfeiern aufgetaucht. Einmal im Jahr an einer Folkloreveranstaltung. Die Jungen erzählen damals übrigens nie, dass sie sich nicht als anerkannt empfunden hätten: Als Kinder hätte man sie zwar zuweilen in Streits wegen der Herkunft ihrer Eltern beleidigt. Auch jetzt bezeichnet man sie hin und wieder noch als Slavi. Nicht im Traum jedoch hätten sie sich als ausgegrenzt empfunden, sie hätten das damals gemäss Freunden, Schwestern und Cousins als «völlig normal» angesehen.

Plüschbärchen, Smack Down

Manchmal tauchen sie abends nach dem Lehrtag gemeinsam in einer der elterlichen Wohnungen auf, verschwinden nach einigen Floskeln in ihrem Reich, um Playstation zu spielen, Musik zu hören, im Internet zu surfen. Die Eltern kennen die Freunde ihrer Kinder wenig. «Er hatte dann seinen eigenen Kreis. Die erste Freundin. Nein, er hat sie selten heimgebracht. Sie war, glaube ich, Spanierin.» Sicher ist sich Lukas Mutter nicht.
Die Eltern wollen sich «jetzt nicht mehr einmischen». Welche Verbindungen etwa hat ihr Sohn Luka, welche Leute trifft er, was tun sie? «Wir wissen nicht alles, das sind doch persönliche Dinge.» Sie wollten sich «nicht so in sein Leben drängen. Das hat er ja umgekehrt auch nicht getan.» Aber worüber unterhält man sich? Über das Leben, Sinnfragen, Religion? In den Wohnungen gibt es fast an jeder Wand ein Kreuz, in den Schrankwänden stehen katholische Heiligenfiguren, an den Türen hängen Segen. Hat man sich mit den Kindern über Religion unterhalten? «Wir sind nicht konservativ», sagt Lukas Mutter, eine Wäschereiangestellte, und winkt lachend ab. «Das ist doch nicht modern. Das wollten wir ihnen nicht aufzwingen.»
Hat man sich über Werte unterhalten? Was haben die Eltern ihren Kindern über Gut und Böse im Leben gesagt? «Ja, da gab es etwas», erinnert sich Lukas Schwester. «Respekt – Respekt für den nächsten. Und sich selbst respektieren lassen.» Haben sie ihnen Vorbilder gezeigt, waren sie selbst welche? «Oh. Vorbilder. Oh Gott. Milan? Ja. AC Milan ist eine starke Mannschaft.» Während die Eltern sonntags zur Messe ins Collegio Papio gehen, wo sich katholische Kroaten treffen, schlafen die Kinder daheim ihre nach anstrengender Woche durchfeierte Samstagnacht aus. Stehen auf, um auf dem Weg zum Mittagessen noch nach E-Mails und Messages auf den Rechnern in ihren Zimmern zu sehen.
Die Zimmer sehen aus wie um die Rechner herum gebaut. Es gibt in ihnen zwei Dinge in eindrucksvoller Zahl. Stofftiere und Unterhaltungselektronik. Zu Letzterem sagen Mütter und Väter: «Das braucht man heute.» Neben den Betten, in den Regalen, neben dem Schreibtisch am Ende der schmalen, schlauchähnlichen Räume stapeln sich weiche, bunte Enten, Küken, Hasen, Dinosaurier, Bären im Babyalter mit Stoffmilchflasche. In Darios Bett liegt eine rote Samt-Raupe. Über Lukas Kopfkissen auf einem Regal steht ein 500-Teile-Katzenpuzzle. Daneben hängt ein nicht aufgeschlagener Kalender. Und auf dem Schreibtisch erhebt sich ein Berg aus schwarz glänzendem Kunststoff. Acer-Bildschirme, die Playstation, Mäuse, mit dem Rechner verbundene Musikverstärker, Lautsprecher, Webcams. Der Schreibtisch ist auch mit ein paar Games gefüllt, Virtual Tennis, Need for Speed, Casino Royale, Assassins, das Wrestling Game Smack Down. Aber das Beeindruckende sind die riesigen Hüllenstapel mit Daten-CDs und der Rest der 24 Stunden sieben Tage die Woche eingeschalteten Computertechnik mit Highspeed-Internet.
Ein Tag im Leben der jungen Erwachsenen ein halbes Jahr vor dem 1. Februar. Aufstehen zwischen halb sechs und halb sieben Uhr, Duschen, Frühstück, Überprüfen von Download-Fortschritten, etwa bei Filmen. Dann eine lange Sequenz aus dem Herumtragen alter Salatköpfe in der Migros oder dem Anschrauben von Dachrinnen an Gebäuden bei jedem Wetter. Nach dem Ende eines körperlich herausfordernden, intellektuell anstrengungslosen Tages um 18 Uhr nach Aussage zahlreicher Bekannter fast nie Ausgang. Man bleibe unter der Woche lieber vor dem Rechner. Wegen der Müdigkeit kommuniziere man mit den Freunden parallel zu anderen Aktivitäten, etwa Downloaden oder Filmeschauen, über Internet-Messenger. Teilweise mit zehn Personen gleichzeitig. Das seien aber mehr Bekannte, sagen Darios Cousin und eine mit ihm seit seiner Kindheit befreundete Gleichaltrige.
Es seien keine Freunde im klassischen Sinn. Echte Freunde, denen man vertraut, auf die man sich hundertprozentig verlassen kann? An so etwas erinnern sich weder Eltern noch Gleichaltrige. In der Woche kreisen fünf Abende ihrer Söhne zwischen Download, Schauen, Hören und Kopieren von medialen Inhalten und der Kommunikation mit Teilen eines riesigen, aus dreissig bis sechzig Personen bestehenden Freundes- und Bekanntenkreises. Am sechsten Abend dann trotz Müdigkeit nach der Woche ein möglichst vollkommenes psychisches Abschalten. Grundsätzlich bis 4 Uhr nachts Party im Boomerang oder Castell. Lukas Kindheitsfreundin nennt das: «Der Routine entfliehen. Leben.»

Egal wo, egal wann, egal wer

Eines Abends erlebt Luka eine Schlägerei. Auch Dario hat so etwas schon ein paar Mal gesehen. Luka sitzt damals in einem Restaurant, Vorfälle wie der vor der Glasscheibe passieren meist am Wochenende. Lukas Schwester ist dabei, sie erinnert sich: «Es kam zu einer Auseinandersetzung draussen, Luka ist nicht rausgekommen, ich bin dann mit meiner Cousine zu ihm. Wir mussten ihn beruhigen, ältere Freunde von ihm waren verwickelt. Er wollte unbedingt vermeiden, da hineinzugeraten.» Die zwei Mädchen reden ihm zu: «Es ist ja gar nicht so schlimm.» Alle Bekannten und Freunde der drei sagen heute: «Schlägereien tauchen seit ein bis zwei Jahren vermehrt auf.» Dario wird einmal sogar von der Polizei vernommen. Er wird nur als Zeuge vorgeladen. Lukas Schwester: «Egal wo du bist, egal wann, jeden Freitag und besonders Samstagabend schlagen sich Jugendliche die Köpfe ein.»
Meist kennt man darin Verwickelte. Oft gehören darin Verwickelte gar zu den eigenen Bekannten oder Freunden. Diese grossen erweiterten Freundeskreise setzen sich aus Jugendlichen aller möglichen Nationalitäten zusammen und nicht nur aus solchen vom Balkan. In diesen Soci, «Mitglieder», genannten Cliquen haben nicht die Nationalitäten Ähnlichkeit. Ähnlichkeit haben Autos, Kleider, Statussymbole, Wohnquartiere, die eigenen Berufe, die Berufe der Eltern. Es gibt Jugendliche aus der Türkei, aus allen Gegenden Südosteuropas, aber auch Afrikas, aus Portugal, Spanien, aus Asien sowie einige Kinder Schweizer Eltern. Fast alle diese Eltern arbeiten in Bauberufen, im Tessiner Gastgewerbe, in Reinigungsunternehmen, an den Kassen von Tankstellen und Supermärkten. Sie wohnen im gleichen Quartier, in Wohnungen mit kleinen Räumen, gefüllt nach einem geheimen Code, mit beinahe identischen Möbeln. Mit Schrankwänden aus dunkel gebeizter Eiche, ausladenden farbigen Lederpolsterecken, zahllosen winzigen Glas- und Porzellanfiguren sowie Wandbildern von Töchtern und Söhnen im Kleinkindalter.
Fast alle diese Jugendlichen fahren BMW, Nissan oder Honda, tragen weisse Jeans von Diesel, weisse Sportstrümpfe, im Winter Lederjacken und Mengen «Cool Water» von Davidoff. Tanzen mit nacktem Oberkörper zu Techno von Pamela Andersons Ex-Mann, DJ Tommy Lee, in Klubs und Bars wie dem Boomerang in Riazzino, in die sich fast nie der Nachwuchs der Leute mit den kleinen Swimmingpools hinter den Häusern etwas weiter oben in den Hügeln verirrt. Und wenn diese etwas besser situierten Jugendlichen einmal da sind, so bemerkt man sie fast nicht. Weil sie immer ihren Blick senken, sich in bestimmten Situationen einfach anders verhalten, weil sie weiter als bis zur Tür denken und sich ihr Gesicht am nächsten Tag im Spiegel vorstellen können. Zu den Schlägern zählen sie normalerweise nicht. An den Schlägereien beteiligt sind fast ausschliesslich die Kinder der Unterschicht.
Sie benutzen eine Choreografie bei ihren Schlägereien. Diese laufen nach für Aussenstehende erschreckenden Prinzipien ab. Das Opfer, sagt ein Freund von Branko namens Florian, muss richtig gewählt sein. Es wird im Notfall seine Freunde zusammenrufen, man muss abschätzen, ob man es mit diesen aufnehmen kann. Es wird sich bei einer zufälligen Begegnung rächen, man muss abschätzen, wie gross die Wahrscheinlichkeit ist. Anlass kann nur ein «Schulter an Schulter» sein, die Schulter gilt aus unerfindlichen Gründen als «sensible Zone». Wichtig ist, dass man wenig trinkt, keine Drogen nimmt, wenn man sich prügeln möchte. Einer der Standards ist es, dann zu sagen: Che cazzo vuoi – was verfickt willst du. Dann muss man augenblicklich, und so heftig wie man nur kann, zu- und den anderen am besten sofort zu Boden schlagen.
Zielzone des ersten Schlags ist einzig das Gesicht, Mittel der Wahl die Faust. Dann ist eine korrekte Schlägerei schon vorbei, fast. Die meisten dieser neuen Schlägereien sind extrem heftig und extrem kurz – oder sie dauern länger, dann gilt es aber eher als «harmlose Schubserei». Bei einer perfekten Schlägerei gehe es darum, seinen Gegner so effektiv wie möglich ausser Gefecht zu setzen, ohne selbst wirklich in Gefahr zu sein. Deshalb gehört zu einer perfekten Schlägerei noch ein Finale, das alles beenden soll, und es gibt nur ein wirklich gutes Ende.
Man möchte vermeiden, dass sich der vermeintliche Sieger abwendet, weggeht, das vermeintliche Opfer aber doch noch aufspringt und Rache nimmt. Coole Schläger gehen daher sicher, dass sie die Sieger sind und bleiben. Coole Schläger stellen sicher, dass sich der andere nicht doch noch rächt. Der Besiegte darf daher am besten nicht mehr aufstehen. Dazu gibt es in der von Brankos Freund Florian beschriebenen typischen Choreografie einer Jugendschlägerei im Jahr 2008 genau einen vorgeschriebenen Weg. Man tritt dem Niedergeschlagenen mit voller Wucht ins Gesicht.
Diese Choreografie kommt aus Videos auf DVDs und aus dem Internet. Das sagen Freunde der drei. Auch Dario und Luka hätten sie gesehen, sagt ein Verwandter von Dario. «Natürlich, jeder von uns stösst irgendwann darauf. Und diese Dinge sind interessant.» Happy Slapping. Felony Fight. «Dario war zuerst ungläubig, das zu sehen», sagt der Verwandte. «Aber das legt sich.» Brankos Socio Florian sagt: «Es ist einfach cool, sich zu schlagen. Es ist eine Mode seit wenigen Jahren. Man schaut sich die Dinge im Netz an. Jeder schaut sie an. Gib das einfach mal bei Google ein: Felony Fight. Felony Fight bedeutet, ich treffe mich mit meinem Freund im Hinterhof, wir tragen keine Handschuhe, und dann schlagen wir uns gegenseitig in die Fresse. Einfach so – bare knuckle. Schlagen ist cool. Die Vorbilder sind eindeutig im Netz. Du schaust dir seltsame Dinge an, sie sind beim ersten Anschauen unangenehm, aber auch interessant. Es sieht seltsam aus, wenn jemand voll gegen einen Kopf tritt. Wenn man sich das in Zeitlupe ansieht, sieht man, der Kopf ist nicht dafür geschaffen. Er ist ganz weich. Es sieht aus wie Gummi.»
Aber auch sonst: «Du schaust die populären Sachen. Populär sind Faces of Death oder Ogrish, das sind nur die Bekanntesten, es gibt Hunderte Webseiten. Ogrish zum Beispiel ist von so Russen, da hat es Tote aller Art, aber nur spezielle Sachen. Sachen, die du nie im Alltag siehst. Von Panzern überfahrene Typen oder Typen, die Skimasken aufhaben und sich einen nehmen, der schläft oder ohnmächtig ist und ihm den Kopf abschneiden. So Dekapitationen. Diese Videos werden auf vielen Seiten gesammelt. Sie kommen zum Beispiel von Fundamentalisten, die das ursprünglich in irgendwelchen Konflikten im Irak als Demoralisierungsvideo für ihre Feinde gemacht und ins Netz gestellt haben, und dann verbreitet sich das. Auch andere Sachen. Wie sieht einer aus, der aus dem 19. Stock gesprungen ist? Völlig flach ist er, das Trottoir ist an der Aufprallstelle völlig unberührt, aber alles von dem Typen ist verteilt über zehn Quadratmeter.»
Was cool sei und was nicht, habe sich seiner Ansicht nach in den letzten Jahren stark verändert. Florian ist etwa so alt wie sein langjähriger Bekannter Branko. «Ich erinnere mich noch an so eine Figur. Superman. Ich meine, Superman! Das ist eine Bitch. Das ist was für Bitches. Superman, hat der auch nur einen umgebracht? Um ihn zu bestrafen? Das ist völlig unreal. Helden sind solche wie The Punisher, das ist ein typischer Held. Der tötet, wenn jemand noch so sehr bettelt. Gnade ist für Bitches. Grossmut? Das Gute? Montags kannst du dich mal danebenstellen, wenn sie auf der Arbeit vom Wochenende erzählen. Stundenlang. Wie sie die Geschichten ausschmücken. Dann spritzt literweise Blut. Nicht selten sind die Verletzungen des Unterlegenen in Wirklichkeit nicht ganz so dramatisch wie vorgegeben. Jüngere oder weniger Mutige stehen dann mit grossen Augen neben diesen gefährlichen Typen. Das hat sich irgendwie so verbreitet. Irgendwas hat das so herausgekitzelt. Und dann sag mal denen in so einer Kantine so was. Der sichere Weg, eine Schwuchtel zu sein, ist was von Grossmut und Güte zu sagen. Gewalt ist cool.»

Was bist du für einer?

Natürlich ist das alles Wahnsinn. Natürlich ist es pure Dummheit, sich einen Bare-Knuckle-Kampf mit einem Freund zu liefern. Sich ohne Handschuhe ins Gesicht zu schlagen, ist einfach nur extrem schmerzhaft, und teilweise lebensgefährlich. Und deshalb hat davor jeder auch nur Halb- oder Viertelnormale brutale Angst. Aber ewig könne man dem nicht ausweichen, sagen Bekannte der drei. Lukas und Darios Eltern sagen, ihre Kinder seien Angsthasen gewesen. Sie sagen, ihre Kinder seien «Gewalt eher aus dem Weg gegangen». Lukas Schwester sagt: «Er ist immer weggelaufen.» Ein richtiger Fifone, Angsthase, sei er gewesen, die Eltern lachen. «Wir wissen nichts davon, dass er sich je geschlagen hätte.» Brankos Bekannter Florian sagt: «Du kannst das und das Tolle tun. Du kannst Torwart sein, Schiedsrichter, DJ. Aber mit so einem Ruf kommst du nicht weiter. Wenn du immer zurückschreckst, vor Gewalt, dich nie schlägst, hast du verloren. Wenn du ein bestimmtes Alter erreicht hast, immer weggelaufen bist und dich noch nie geschlagen hast, sinkt der Respekt.» Lukas Eltern sagen: «Er ging dem aus dem Weg. Wollte aber auch nicht zeigen, dass er Angst hat.» Florian sagt: «Du fängst an, dich minderwertig zu fühlen. Du siehst, wie sie sich prügeln. Du denkst, ich habs noch nie gemacht. Du denkst, ich hab Angst. Vielleicht kann ich es nicht.»
Branko kommt Ende 2007 mit ein paar Freunden in eine sehr dumme Situation. Erinnert sich Florian: «Er ist mit ein paar Freunden unterwegs. Sie sind älter. Ein paar Leute machen Ärger. Man muss wissen, Branko war als Angeber bekannt. Monate vorher hatte er von Erlebnissen erzählt, er habe sich da und dort geschlagen. An diesem Abend geschah etwas, Branko erhielt einen Schlag und flüchtete. Die Soci sagten ihm: Was bist du für einer? Du bist ja nichts, einer der in die Fresse bekommt und nach Hause geht?» Jetzt macht Branko offenbar einen Fehler. «Er schämte sich so, dass er sich die Fäuste an einer Wand blutig schlug. Dann ging er damit zu Freunden und behauptete allen Ernstes, er hätte einen Typen zusammengeschlagen. Doch einer aus der Clique bekam die Lüge heraus. Der Socio erzählte allen die Wahrheit. Damit machte Branko sich zum Gespött aller. Etwa einen Monat vor Beginn des Karnevals.»
Der Abend beginnt wie gewöhnlich, Luka gibt Gel in seine Haare, seine Eltern und die Schwester sehen ihn nach 20 Uhr aus dem Haus gehen. Etwas ungewöhnlich ist sein Kostüm. Laut seinen Eltern hat er statt einem richtigen Kostüm oder statt seiner Ausgehkleidung seinen Mechaniker-Arbeitsanzug angezogen. Auch der Freund seiner Schwester trifft ihn etwa eine Stunde später in der sich in Feststimmung befindenden Innenstadt in diesem Overall. Seine Schwester glaubt heute, er habe das wohl als Kostüm angezogen, aber genau versteht auch sie es nicht. Auf den Freund wirkt er müde, er redet mit Luka ein wenig über die Arbeit. Dem Freund seiner Schwester fällt auf: Luka scheint zu diesem Zeitpunkt um 22 Uhr noch nüchtern. Auch von den anderen beiden gibt es keine Hinweise auf Alkohol an dem Abend. Luka verträgt sehr wenig Alkohol, ist nach Aussagen seiner Eltern nach zwei Stangen betrunken. Ein Beamter hat später Berichten zufolge gesagt, dass die Blutproben nach der Festnahme am frühen Morgen negativ gewesen seien. ?
Damiano Tamagni ist ein schmaler 22-Jähriger mit eher dünnen Armen, er bricht an dem Abend von Gordemo auf, einem Dorf zehn Kilometer weit von Locarno in den Bergen. Er träumt von einer Karriere bei der Schweizer Armee, studiert Politikwissenschaft an der Universität Zürich. Er bricht vom Haus seiner Eltern auf, einer ehemaligen Lehrerin und einem Techniker. Freunde nennen ihn «Dami». Er wird als fleissig beschrieben, als Musik-Fan. Er sei keiner gewesen, der den Streit sucht, dafür würde seine Schwester ihre Hände ins Feuer legen. Optisch ist er alles andere als ein Schläger. Am späten Abend begegnen sie sich in einer schachtartigen mittelalterlichen Gasse, an der Kreuzung der Via Borghese zur noch schmaleren Vicolo Fiorina. Man kommt sich nahe, die Via ist dort nur vier Meter breit. Man sieht sich. Bekannte von Branko sagen später, man habe ihn noch nie in Locarno gesehen, sein Gesicht sei unbekannt hier. Bekannte von Branko sagen, auf den Bildern sehe Damiano Tamagni nicht aus «wie ein Strassentyp». Das erkenne man. Das lese man an der Kleidung ab, am Gesicht, am Blick. So einer sei kein erfahrener Schläger, habe sicher keine Schlägerclique, so einer sei keine Sache, wolle kein Payback, sei «ein garantierter Gewinn». Anlass kann nur ein «Schulter an Schulter» sein.
Wenige Minuten später sehen offenbar zwei Bekannte von Luka, Branko und Dario die drei auf sich zukommen. Florian sagt: «Ich kenne diese beiden seit Langem, für mich macht Sinn, was sie sagen.» Laut der hier erstmals veröffentlichten Aussage der beiden, die damals in einem der Festzelte an der Chiesa Sant’Antonio stehen, sind die drei in diesem Moment euphorisiert. Wenn stimmt, was die beiden sagen, haben die drei nichts weiter im Sinn, als ihr Erlebnis zu erzählen. Demnach steht da eben dieser Typ, schaut falsch oder sagt etwas. Demnach schlägt einer von ihnen Damiano Tamagni ins Gesicht. Mit der flachen Hand, mit Wucht. Nicht mit der Faust. Worauf er einfach zu Boden fällt. Noch richtig irgendwo anschlägt. Mit dem Kopf. Knackend. Ein Schlag nur. Und dann macht gemäss diesen Schilderungen auch der zweite von ihnen etwas. Das Finale. Tritt demnach ins Gesicht. Vom dritten Täter ist in diesen Aussagen offenbar nicht die Rede.

Kein Video, kein Ende

Die drei erklären demnach im Zelt, sie würden am liebsten noch mal hingehen. Noch mal zuschlagen. Aber wozu der Stress? Sie würden jetzt lieber feiern. Die Freunde im Zelt glauben, sie hätten nicht so ausgesehen, als ob sie wussten, dass sie den «Typen in dem Moment bereits fast getötet hatten». Freund Florian: «Ich glaube, es ging nicht um ihn. Ich glaube, sie wollten es einfach. Es einfach tun. Einfach einen schlagen. So wie zehn andere jeden Tag es tun. Das Opfer war zur falschen Zeit in ihrer Nähe. Es war Mittel zum Zweck. Meist steht das Opfer wieder auf. An diesem Abend hatte es Pech. Dieser Knacks, vielleicht ist er unglücklich gefallen, es gibt an der Stelle starke Mauerabsätze. Es kann jeden Abend bei jeder Schlägerei wieder passieren. Es könnte jeder sein. Es braucht wenig. Dann gibt es das nächste Opfer.»
Es sind Zeitbomben. Es sind nicht die Kinder von irgendwem. Es sind mit medialem Müll gefütterte Kinder der Schweizer Unterschicht. Der mehrheitlich eingewanderten, der mehrheitlich importierten Unterschicht. Das Opfer der Schlägerei wird in dieser Nacht ins Spital gebracht. Ärzte versuchen den 22-Jährigen zu retten. Dario und seine Freunde derweil feiern weiter, als ob bloss das Video zu Ende wäre, als ob jetzt wieder das richtige Leben beginne. Am Morgen verhaftet man einen gemäss Anwesenden angeblich zunächst entgeistert schauenden und dann losheulenden Luka an einem der ersten einfahrenden Züge aus Bellinzona. Darios Mutter eilt ins Spital, will zur Intensivstation in den ersten Stock, wo Familie Tamagni steht. Doch sie traut sich nicht hinauf. Sie fragt den herunterkommenden Onkel von Damiano, einen Priester: «Wie ist die Situation? Wie geht es ihm?» Es gebe nicht mehr viel zu tun. Sie fällt in Ohnmacht. Damiano Tamagni stirbt. Die Mutter des Toten sagt zwei Monate später am Telefon, sie habe kein Bedürfnis, sich mit irgendeiner der Familien der Tatverdächtigen zu treffen.
Sie und ihr Mann hätten an diesem Abend im Spital nach einem Sinn gesucht. Nach etwas, das sie diesem perversen Tod hätten abringen können. Zunächst hätten sie nichts gefunden. Dann hatten sie eine Idee. Sie taten etwas, es war nicht leicht. Sie riefen Swisstransplant an, unterschrieben die Vollmacht. Und gaben den Körper frei.

Die Diskussion

20 Reaktionen

  1. Luis Saavedra

    Sehr geehrter Herr Czerwinski,

    ich habe heute an der Sonne auf der GZ-Wiese in Wollishofen ihren Artikel über die tragischen Ereignisse im Tessin gelesen. Ich habe mich schrecklich aufgeregt.
    Es kommen zwei Mal italienische Wörter vor, und beide Male fühlt es sich wie ein Stich ins Herz an. Als eingebürgerter Tessiner, der in Basel geboren und aufgewachsen und jetzt in Zürich lebt, bin ich sehr sehr traurig über die krassen Italienischfehler in Ihrem Artikel. Zudem handelt es sich zwei Mal um genau dasselbe Wort. Einmal wird der Sinn falsch wiedergegeben und das zweite Mal setzen sie es ins Plural, aber auf spansich!
    Entsetzlich! Aber italienisch ist halt nur eine Landessprache nicht eine Modesprache wie englisch. Wahrscheinlich käme keiner auf die Idee friend im Plural als friendos wieder zu geben. Aber in Ihrem Artikel steht doch tatsächlich “socios”. Da kann ich nur dn Kopf schütteln und schmunzeln.
    Und dann kommen Zweifel auf: Der Autor kann entweder kein Wort italienisch oder der Text wurde von einem Korrekturleser verhunzt. Wenn der Autor tatsächlich nicht italienisch kann, wie hat er denn im Tessin recherchiert? Wie konnte er die dortige Situation einschätzen und verstehen? Ist dieser Artikel wirklich auf seinem Mist gewachsen oder hat er was von einem Tessiner Kollegen übernommen und adaptiert? Ich bin enttäuscht, wie Deutschschweizer mit der italienischen Sprache umgehen.

    Übrigens, “soci” bedeutet Mitglieder gemäss Wörterbuch, wie Sie in Ihrem Artikel sagen, aber so würde es nur jemand in Unkenntnis der tessinerischen Jugendsprache wiedergeben. Das Wort “socio” im Singular und “soci” im Plural bedeutet in der Tessiner Jugendsprache Freund bzw. Freunde, mit dem oder mit denen man regelmässig ausgeht und die man oft trifft. Clique heisst “compagnia” und wenn Jugendliche im Tessin sagen, sie haben was mit “soci” vor, dann meinen sie,dass sie was mit ihren Freunden vor haben, also indirekt auch mit ihrer Clique.

    Ichos würdos michos freuenos wennos sieos dazuos eineos Antwortos gebenos würdonos

    Luis Saavedra
    Dipl. Übersetzer

  2. hansruedi kuendig

    Was sind das für armselige Kreaturen, die als erwachsene Menschen unfähig sind, die Folgen ihres Handelns vorherzusehen (oder doch? – umso schlimmer!), und die sich „Respekt“ verschaffen wollen, indem sie feige zu dritt auf einen Einzelnen losgehen? Fehlt es an Intelligenz? An Erziehung, Bildung? An Selbstwertgefühl?

  3. Bernhard Folda

    Unabhängig davon, ob die italienische Sprache nun korrekt oder nicht korrekt verwendet wird, mutet es schon sehr seltsam an, wenn man sich bei einer so grauenhaften Tat – die wirklich nachdenklich stimmen sollte – über diese Kleinigkeit so fürchterlich aufregen kann. Sie steht in keiner Relation zur Gegebenheit, dass ein junges Leben völlig sinnlos ausgelöscht worden ist. Aber es ist doch so einfach, sich von den wirklichen Problemen abzuwenden und sich auf Nebensächlichkeiten zu stürzen. Kleinmut und Selbstgefälligkeit treiben so schon die seltsamsten Blüten.

  4. Carla Schubert

    Die Frage von Luis Saavedra, ob der Autor tatsächlich italienisch versteht und spricht, finde ich äusserst interessant! Mich hat der Artikel sehr bewegt. Den emotionslosen Schreibstil habe ich begrüsst. Bemerkenswert fand ich die verschiedenen Stationen des Autors im Tessin. Ohne Italienisch-Kenntnisse des Autors, und zwar gute, würde ich denn den Inhalt der ganzen Story sehr anzweifeln müsssen.

  5. Aurelio Schlegel

    Wunden heilen; häufig, aber nicht immer. Manchmal werden sie auch wieder aufgerissen. Dieses Gefühl hat mich beim Lesen Ihres Artikels geplagt. Mich, als sogenannt „Aussenstehenden“. Wie muss es wohl bei Damiano’s Familie aussehen? Die menschenverachtende Tat vom vergangenen Karnevals-Februar in Locarno wirft viele Fragen auf. Wie kann ein Jugendlicher zur Tötung eines Gleichaltrigen von Pech sprechen? Pech ereilt einem im Sport, beim Spielen, im Alltag Wie kann die latente Gewaltbereitschaft eingedämmt werden, wie bringen wir Jugendliche von „oben und unten“ wieder dazu, ihre Freizeit mit physischen Kontakten mit Freunden zu verbringen, anstatt mit nahezu Unbekannten über Internet-Messenger zu kommunizieren? Wie können Toleranz, Wärme und Nächstenliebe hochgehalten werden, anstatt sich durch Gewalt, Blech und Elektronik zu profilieren? Und nicht zuletzt: Bietet Web 2.0 wirklich Fortschritt, oder nicht eher Rückschritt?

  6. Bruno Maurer

    Bravo! Bald haben wir es also geschafft. Noch nicht ganz zwar, aber fast. Die schleichende Umkehr der Wert (Täter werden zu Opfern, Opfer zu Tätern), die vor Jahren schon begonnen hat, treibt offensichtlich unaufhaltsam ihrem Höhepunkt entgegen. Medien und Journalisten überbieten sich seit Jahren schon in Talkshows und „unter die Haut fahrenden“ Artikeln mit Präsentationen von ganz normalen, lieben, netten, kuschlebedürftigen Mitmenschen, die ganz nebenbei – per Zufall – wahllos jemanden totgeschlagen haben, selbstverständlich ohne dass sie selber irgendetwas dafür können. Als mögliche Steigerung kommt für die Leute in Zukunft wohl nur noch ein Auftritt bei „Glanz & Gloria“, verbunden mit einer Zuschauerwahl (Ted, Anruf -.70/Min.) zum Killer des Jahres in Frage? Wie schön, dass in unserer heutigen Zeit offensichtlich überhaupt niemand mehr auch nur die geringste Verantwortung zu übernehmen hat für das was er tut. Es lebe die Lust- und Spassgesellschaft!

  7. Profile Pic
    Oliver Reichenstein

    A Clockwork Orange. Genau wie in A Clockwork Orange.

  8. H.P.

    Ich kann mich gut erinnern. Es war vor ca. 20 Jahren in Basel. Wir waren eine Gang von etwa 200 Jugendlichen. Schweizer, Spanier, Italiener und Türken. Jugos und Albaner gabs damals noch keine. Unsere Vorbilder waren die Kriminellen und Verbrecher aus der Bronx. Unsere Ziele im Leben: Kriminell sein – so wie halt unsere Vorbilder. Flucht aus dem öden Alltag in einer überstrukturierten Gesellschaft. Wir wollten auf keinen Fall so enden wie all die, welche wir jeden Tag sahen, wie sie einer geregelten Arbeit nachgingen. Vom Staat ferngesteuert sozusagen. Die meisten von uns hatten die Lehre schon abgebrochen und lebten vom Dealen, Klauen oder “Anderi uusnäh”. D.h, wir haben uns jeden Tag mit irgendwelchen Leuten geprügelt, sie halb totgeschlagen und ihnen dann noch das Portemonnaie geklaut, Turnschuhe und Jacke. Für uns war das normal. Punks, Linke, Nazis usw. Sie alle mussten dran glauben, sogar die Bullen. Wie oft haben wir irgendwen am Boden liegen lassen, kaputt getreten und blutüberströmt. Wir fanden das geil. Es hat und immer wieder diesen Kick gegeben. Wir brauchten das und es war toll.
    Warum heute niemand etwas davon weiss? Damals gab es nur die Basler Zeitung. Keine billigen mit abgestumpften Infos voll gepumpten Pendlerzeitungen. Niemand ausserhalb der Stadt wusste also davon. Wenn heute etwas passiert, dann weiss es am nächsten Tag jeder. Und jeder fragt sich dann was bloss mit der Jugend passiert ist. Schon damals haben wir wirklich nichts anderes gemacht als saufen, kiffen und rumhängen. Viele von uns haben dann auch wirklich Karriere als Kriminelle gemacht und verschwanden für längere Zeit vom Fenster. Andere fanden plötzlich, dass das doch nicht so cool sei und lebten dann eingeregeltes Leben. Und noch andere starben bei brutalen Schlägereien, Schiessereien oder durch die Drogen.
    Was ist heute denn anders? Alles ist gleich geblieben und zwanzig Jahre später stelle auch ich mir Fragen, woran es wohl liegt, dass die Jugend so ist, wie sie eben ist. Nichts. Es ist wie immer. Die Eltern, welche sich grösstenteils nicht gross um ihre Kinder kümmern, sind die Drahtzieher dieser Taten. Nicht die Kids selbst. Die Kids sind Opfer geworden – unbewusst – weil die Vorbildfunktion der Eltern, Politiker und anderen oft schon gar nicht vorhanden war. Wir sind täglich umgeben von Werbung, es wird stets vorgegeben was gut und was schlecht ist. Der Zwang ist gross. Dieser Move hat sich über die Jahre verselbstständigt und die Kugel rollte einfach weiter. Wir haben in unserer Gesellschaft einen enormen Druck zu bewältigen. Einen Druck, welchem viele dann nicht mehr Stand halten und ihren Emotionen unüberlegt freien Lauf lassen. Diese Leute platzen. Es platzt der über Jahre oder Monate gestaute Frust einfach aus ihnen heraus. Verantwortlich sind aber immer die, welche uns diesen Hype vorleben. Medien, Politiker, etc. Schlechte Vorbilder ziehen auch schlechten Nachwuchs mit sich. Wir alle sind heutzutage aggressiv. Alle im Stress und gehetzt. Rangeleien im Tram, auf der S-Bahn und Autobahn. Im Coop oder Migros am Samstag. Alle im Stress und alle aggro. Kinder welche in solch einen Umfeld aufwachsen, nehmen dann in ihrer Entwicklung dieselben Verhaltensmuster an wie diejenigen die es vorleben. Was soll also das ganze „Warum“ Gequatsche. Wir alle sind selbst schuld an dieser Situation, weil wir von der Gesellschaft so programmiert wurden – und die vor uns auch schon. Wenn ich heute 17 oder 18 wäre, müsste ich mich echt fragen, warum ich nicht gewalttätig sein darf. Schliesslich sind die Zeitungen voll von Gewalttaten. Im Fernseher läuft auch nichts anderes als Mord und Totschlag und auf meiner Playstation auch nicht. Gewalt. Überall, jeden Tag. Völlig normal Mann. Ich denke, dass Jugendliche gar nicht mehr in der Lage sind zwischen Realität und Fiktion bzw. Gut und Böse zu unterscheiden. Wir, die Erwachsenen bringen es Ihnen ja auch nicht bei. Also wo zum Teufel sollen die das denn lernen?

  9. Hermann Lüscher

    Erschaudernd aber ebenso brillant ist die Analyse bzw. Darlegung der tragischen Tötung von Damiano. Die Täterschaft in ihrer (trauten) Umgebung heil dargestellt und dann diese Tat. Ihre Welt: Videos, brutale Games, Downloadwochen, Messenger-Freundschaften, übermüdet, der emotionale Tank ist leer, und das Opfer überhaupt nicht ein Feindbild anbietend. Doch es geschieht nach einer unermesslichen Härte, Perversion, mit choreografischem Selbstverständnis. Dieses „Finale“, den am Boden liegenden noch ganz auszuschalten, dieses Handeln soll keine Konsequenz haben, es wird weiter gefeiert. Unglaublich, wenn man das als Aussenstehender liest. Zum Glück ganz am Rande gibt es noch das andere lebensbejahende „Finale“ der Geschichte. So unsinnig es scheint, aber die zutiefst schockierten Eltern von „Dami“ geben ihre Vollmacht an „Swisstransplant“. – Ich nenne es das „Finale der Liebe“.

  10. Cèsar Schneider

    Wenn man diesen Bericht liest, bekommt man den Eindruck, es würden nur die Gewalttäter beschrieben. Warum?Wieso? Man sucht nach Gründen; es gibt so viele: Internet Computer-Spiele mit gewaltverherrlichendem Inhalt, Spielfilme Rambo. Kein Mensch kümmert sich darum, man kann ja den Jugendlichen sämtlichen Mist verkaufen. Es werden Unterschriften gesammelt zur Deponierung der Armee-Waffen im Zeughaus! Aber gegen diesen miesen Handel von Gewalt unternimmt niemand etwas! Die Täter werden dank einem guten Verteidiger zu bedingten Strafen verurteilt! Die Opfer, Ihre Familien, das grosse Leid werden nur am Rande erwähnt! In meinen jungen Jahren, konnte man abends und auch später nachts unterwegs sein! Als Rentner kann man das heute nicht mehr!

  11. Julian Reidy

    Ich warne vor hysterischen Statements zu den ach so bösen “Computerspielen mit gewaltverherrlichendem Inhalt”. Mag sein, dass, wie H.P. schreibt, einige problematische Jugendliche verlernt haben, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden, doch wo liegt der Grund für diese pathologische Unfähigkeit? Sicherlich nicht bei den Medien, sicherlich nicht bei schlimmen Games, sondern da draussen, in der wirklichen Welt. Dieter Baacke, der Begründer der Medienpädagogik, drückte dies sehr eloquent aus: “Auch die medienpädagogische Debatte verweist (mit Recht) darauf, dass nicht die Medien die Verursacher sozialer Probleme sind, sondern diese im realen Erlebnisraum sich konstituieren und über Medien verstärkt, auch beeinflusst oder sonstwie mitorganisiert, aber nicht generiert werden.”
    Der verengte Blick auf die “Killerspiele” als Auslöser sozialen Unwesens ist normalerweise ein Privileg uninformierter, populistischer Politiker – bleiben wir doch in dieser Debatte derartigen Tiefschlägen fern.

  12. Janine Steiner

    Kommentar der Klasse G1G der Kantonsschule Wettingen
    „Gewalt ist cool!“
    Ehrlich gesagt, wissen wir nicht, was an Gewalt cool sein soll. Ist es cool, einfach aus Lust & Laune irgendjemanden zu verprügeln und möglicherweise sogar einen Menschen zu töten? Ist es cool, damit angeben zu können, wie viele Leute man schon krankenhausreif geschlagen hat?
    Solche Aussagen machen uns enorm wütend. Da fragen wir uns als Jugendliche selbst, was in den Köpfen von Gleichaltrigen vorgeht! Gleichaltrige die früher einmal anständige, ja sogar mustergültige Söhne waren, werden durch ihr Umfeld dazu gebracht, dass sie jemanden grundlos zu Tode prügeln, nur um eben „cool“ zu sein. Was uns noch wütender macht, ist jedoch die Tatsache, dass durch solche Handlungen und die negativen Schlagzeilen wieder einmal alle Jugendlichen in denselben Topf geworfen werden. In der Zwischenzeit haftet das Image von Säufern & Schlägern an uns. Wir finden, dass es an der Zeit ist, diesen Verallgemeinerungen ein Ende zu setzen und hoffen, dass auch andere Leute in unserem Alter irgendwann bemerken, dass es Grenzen gibt, die man nicht überschreitet und Gewalt für nichts eine Lösung ist!

  13. Fux Uli

    Spielprogramme und Gewalt

    an Julian Reidy und Janine Steiner

    Solche gewaltverherrlichenden Spiele sind ohnehin wertlos. Jemand, der so etwas spielt, ist schon den ersten Schritt in Richtung sozialer Verwahrlosung gegangen. Ich persönlich würde es sogar begrüßen, wenn alle diese dummen Spiele verboten würden (Schießen, Schlagen, Autorennen etc.) und dieses Verbot auch gesellschaftsweit konsequent durchgesetzt würde. Besser wär es natürlich, wenn man den Kindern und Jugendlichen ein Vorbild geben und ein Alternativangebot machen würde, dass sie gar keine Lust haben, ihre Zeit mit so etwas zu verblödeln und dabei zu verblöden und emotional zu verkümmern.

    Es ist hier kein Raum, um einen Maßstab zu entwickeln, welche Spiele sinnvoll sind, aber prinzipiell sind das nur ganz wenige und auch die darf man nur kurze Zeit spielen. Das Leben ist fast in jedem Fall wichtiger. Ich sehe die Tendenz, dass die Gesellschaft in 2 oder 3 Klassen zerfällt, wobei die untere Klasse ihre Zeit vor Fernseher, Spielerechner, in Diskotheken und anderen Massenveranstaltungen wie Fußballspielen totschlägt, während sich die obere Schicht bildet und beispielsweise künstlerische und technische Zusammenhänge versteht. Wir müssen dafür sorgen, dass wir genug qualifizierten Nachwuchs haben, um unsere Zivilisation zu perpetuieren. Sonst geht’s uns wie den Römern, deren Reich zusammenbrach, weil sich die ungebildete Mehrheit mit panem et circenses ernährte und vergnügte.

  14. Julian Reidy

    Soso, Herr Fux würde also, glaubt man seinen Ausführungen, auch mich, einen unauffälligen Germanistikstudenten, der nicht nur Goethe, Mann und Kafka liest, sondern auch gerne und oft am Computer Heere befehligt und Bösewichte erschiesst und im Übrigen gute Noten schreibt, auf der Schwelle zur sozialen Verwahrlosung verorten. Alle anderen Freizeitaktivitäten sind Herrn Fux offenbar gleichermassen suspekt – die Lösung aller Probleme liegt demnach auf der Hand: Computerspiele verbieten, Theater, Kinos, Diskotheken, Sportstadien und Konzertlokale schliessen und sowieso alles aus dem täglichen Leben verbannen, das einen von Bildung und Arbeit abhalten könnte. Am besten zensieren wir gleich alle medialen Inhalte ausser der Bibel, denn dort steht doch schon alles, was man wissen muss (sex & crime und Gewaltdarstellungen gibt es in der hl. Schrift allerdings auch nicht zu knapp). Mit Verlaub, puritanisches Polemisieren und Pauschalisieren bringt niemandem etwas und hat keinen Platz in dieser Diskussion. Mediale Inhalte, seien dies nun literarische Texte, Filme, Computerspiele oder künstlerische Darbietungen, bestimmen das professionelle Leben vieler und die Freizeitgestaltung so gut wie aller Menschen in diesem Land; wir sollten uns also nicht in hysterischem Duktus über Verbot und Zensur unterhalten, sondern über das Gleichgewicht: von Produktion und Rezeption, von Konsum und Konsumverweigerung, von Einschalten und Ausschalten. Mediale Bildung, die Medienkompetenz fördert, wäre angebracht – dann kann jeder und jede selber zu einem individuell angemessenen, verantwortungsvollen Umgang mit Medien finden, und man hat endlich Ruhe vor Stänkerern, die zwar keine Ahnung haben, sich aber bemüssigt fühlen, anderen Leuten Vorschriften zur adäquaten Lebensführung zu machen.

  15. Susanna Frei

    Ich bin entsetzt und im höchsten Mass angewidert ob dem voyeuristischen Grundton dieser Reportage. Denn hier geht es um Schicksale von jungen Menschen und um tiefgreifende Veränderungen in unserer Gesellschaft, die uns alle betreffen. Der Journalist will Hintergrundinformation zu diesem schrecklichen Mord liefern. Rico Czerwinski hegt den Anspruch den Vorfall psychologisch aufzuarbeiten und damit präventiv zu wirken. Das Gegenteil ist der Fall. Interessierte können dem Artikel entnehmen wo Bilder und Szenen, die diesem Mord als Beispiel dienten, runtergeladen werden können. Diese Berichterstattung unterstützt solche Auswüchse. Das ist zutiefst beschämend und besorgniserregend.

  16. Fux Uli

    Herr Reidy

    Vielleicht ist das für Sie optimal, wahrscheinlich aber nicht. Wenn Sie sich etwas mit der Wirkungsforschung befassen, werden Sie feststellen, dass Sie einen Teil Ihres Lebens vergeuden und sogar Gefahr laufen, gewaltätig zu werden oder emotional zu verkümmern. Steter Tropfen höhlt den Stein. Was “gewinnen” Sie, wenn Sie am Rechner spielen? Horchen Sie in sich hinein und finden Sie Ihre Motive! Und lesen Sie unbedingt ein paar Sachbücher.

    Warum Sie aber mit Ihrer Antwort so über das Ziel hinausschießen, kann ich mir nicht erklären.

    Sicher sind Kinos heutzutage Verdummungs- und errohungsanstalten, weil das Angebot miserabel ist. Nur ein kleiner Teil des Publikums sieht sich anspruchsvolle Filme an, und selbst die sind
    mehrheitlich weit unter dem, was heutzutage künstlerisch möglich wäre und weniger auf die Masse zielenden Gattungen auch erreicht wird.

    Vollends problematisch wird Ihre Argumentation aber, wenn Sie auf die Häufigkeit des Schundkonsums rekurrieren. Was ist denn das für eine Logik? Und inwiefern wollen Sie damit zeigen, dass das unserer Gesellschaft guttut? Ich sehe sehr viele Verbesserungsmöglichkeiten. Erst wenn die erschöpft sind, könnte man mit dem Status quo positiv argumentieren.

    Auch Ihr Hinweis auf die guten Noten, die Sie schreiben, macht mich beinah ratlos: Von einem gebildeten Zeitgenossen erwarte ich einen sinnvollen Maßstab. Haben Sie keine eigenen Qualitätsmaßstäbe? Besteht Ihr Lebensinhalt darin, möglichst viele Punkte in einem Ihrer Rechnerspiele zu erzielen?

    Ihr Beitrag wirkt auf mich oberflächlich, unsachlich, überemotional und mit heißer Nadel gestrickt. Ihre Worte könnten aus dem Hauptstrom der Medienmeinung extrahiert worden sein. Sehen Sie fern?
    Einzig Ihr Hinweis auf die Gegenpole lässt etwas Geist durchschimmern, und Medienkompetenz ist anscheinend unser beider Anliegen. Nur: wie ist die zu erreichen, wo liegt die Balance zwischen Rezeption, Kontemplation und Produktion? Viele Medien kann man mit Inhalten geringer und hoher Qualität füllen. Wer, wie Sie, quantitativ argumentiert, und vor dem Hintergrund einer nachweislich medienunmündigen Mehrheit die Deregulierung fordert, stellt einen Pornofilm auf die selbe Stufe wie die Verfilmung von Frischs “Home Faber” und erweist der Gesellschaft einen Bärendienst.

    Glauben Sie im Ernst, dass Sie mir Ihrer Lebensführung und Freizeitgestaltung ein Vorbild sind und das beste aus Ihrem eigenen Leben machen?

  17. Julian Reidy

    Zweierlei sehr offensichtliche Dinge stör(t)en mich, und das scheint Ihnen entgangen zu sein:
    1) Ihre völlig undifferenzierte, unbegründete und rein subjektive Dämonisierung von Computerspielen
    2) Ihr damit einhergehender repressiver, arroganter und autoritärer Gestus – Sie schreiben, als ob Sie die Wahrheit für sich gepachtet hätten (”sind ohnehin wertlos”, “ist schon den ersten Schritt in Richtung sozialer Verwahrlosung gegangen” etc.). Dabei gehen Sie durchaus klug vor und tun sogar so, als seien Sie differenziert und tolerant, aber im Grunde schreien Sie nur nach Verboten und Repressionen. MIR werfen sie vor, “oberflächlich, unsachlich, überemotional und mit heißer Nadel gestrickt” zu argumentieren, während Sie die ganze Zeit in einem polemischen und pauschalisierenden Ton schreiben, der nahelegen soll, dass Sie es ohnehin besser wissen und dass Sie qua besseren Wissens eben gerade die Vorbildfunktion wahrzunehmen berechtigt sind, deren Usurpation Sie mir vorwerfen.

    Wenn Sie mich nun mit beispielloser Arroganz fragen, was ich denn “gewinne”, wenn ich am Computer sitze, so muss ich Ihnen eine höchst banale Antwort geben: Ich “gewinne” Unterhaltung, Kurzweil und Entspannung – dasselbe, was andere Menschen bei anderen Freizeitaktivitäten auch “gewinnen”, und was Sie sich bestimmt auch zwischendurch verschaffen, es sei denn, Sie wären ein Roboter. Wenn das vergeudete Zeit ist, so ist jede Freizeitaktivität, die nicht einem unmittelbaren bildungstechnischen, berufs- oder arbeitsmarktrelevanten Zweck dient, vergeudete Zeit – selbst wenn dem so wäre, muss man sich darüber gar nicht erst aufregen, denn das sporadisch auftretende Bedürfnis nach Zerstreuung und nicht zweckgebundener Unterhaltung ist wohl eine anthropologische Konstante. Genausogut könnte man darüber in Hitze geraten, dass Menschen gern schlafen, essen oder masturbieren.
    Nun kann man hier durchaus auch qualitativ argumentieren, denn, stellen Sie sich vor: Computerspiele bieten mir mitunter nicht nur die obengenannten Attraktionen, sondern können sogar – o Wunder! – intellektuell stimulierend sein. Was Sie über das Medium Film geschrieben haben, gilt nämlich ebenfalls, wenn auch zugegebenermassen in kleinerem Ausmass, für das Medium Computerspiele – es gibt “anspruchsvolle” Games, die nicht nur “auf die Masse zielen”. Es ist klar, dass Ihre offenkundige Unkenntnis der Materie Sie nur die Oberfläche sehen lässt.

    Sodann gilt: Ich rekurriere nicht auf die Häufigkeit des “Schundkonsums” als eigentlich relevantes Diskussionsthema, sondern auf die Häufigkeit des “MEDIENkonsums”. Mein Punkt war, dass Ihre apodiktische Verbotshaltung weltfremd und nicht adäquat ist, denn Medienkonsum ist nun einmal ubiquitär (und war es schon immer; Sie erinnern mich an die Philister, die sich im 18. Jahrhundert über den Romankonsum von Frauen aufregten). Statt von Verboten und Repressionen sollten wir also vielmehr vom richtigen Umgang mit Medien reden, und da geht es auch (aber nicht nur) um die Frequenz des Konsums. Ein anderes, qualitatives Kriterium wäre die Selektion: Welche medialen Inhalte soll ich konsumieren? Hier scheiden sich die Geister: Sie argumentieren für Verbote, deren Praktikabilität und Angemessenheit ich stark bezweifle, während ich der Meinung bin, dass es zwar Eltern, Lehrern und anderen Autoritätspersonen obliegt, Heranwachsenden auch ein Mass an ästhetischer – und damit “geschmacklicher” – Bildung zukommen zu lassen, dass aber letztlich Medienkonsum eine private Angelegenheit ist – wer sich Men in Black II statt 12 angry men anschauen will, fällt damit eine Geschmacksentscheidung, die mir unverständlich ist, aber ich will niemandem die Freiheit nehmen, diese Entscheidung zu fällen. Sie offenbar schon, und das finde ich, gelinde gesagt, bedenklich.
    Angesichts einer “medienunmündigen Mehrheit” fordere ich also nicht die komplette Deregulierung, sondern im Gegenteil eine erhöhte Sensibilität für die Bedeutung der Medien im Alltag, die sich meines Erachtens darin manifestieren sollte, dass man mediale Inhalte weder blind feiert noch hysterisch dämonisiert, dass man sie at face value nimmt und Heranwachsenden einen einigermassen ausgewogenen Umgang mit Medien vermittelt, wobei aber die Entscheidungs- und Geschmacksfreiheit letzterer gewahrt bleiben soll (d.h. Zensur, Verbote, eine Rekurrenz auf den starren Bildungskanon der preussischen Gymnasien und ähnliche Spielereien sollten unterbleiben). Ich tue dabei nicht so, als ob ich alle alleinseligmachenden Antworten und Lösungen parat hätte, und ich tue auch nicht so, als ob ich ein “Vorbild” wäre – müsste ich das denn sein? Weshalb stellen Sie diesen Anspruch an mich? Ich habe jedenfalls nie behauptet, dass mein Leben Vorbildfunktion habe. Ich habe auch keine Ahnung, ob ich mit meiner “Lebensführung das Beste” aus meinem Leben mache – erstens ist das ja wohl allein meine Angelegenheit, und zweitens habe ich keine Ahnung, was “das Beste” sein soll. Aber ich habe irgendwie das Gefühl, dass Sie das recht genau wissen werden.

  18. Fux Uli

    Hallo Herr Reidy,

    Ich hab erst den ersten Absatz Ihres Beitrags gelesen und jetzt schon den Eindruck, dass Sie sich stark echauffieren und schlecht informieren. Ich werde Ihren umfangreichen Beitrag bei Gelegenheit genau und bis zu Ende lesen, ich möchte Ihnen aber vorschlagen, dass wir Ihre Informations- und Kommunikationsstildefizite nicht in aller Öffentlichkeit breittreten, sondern in einem separaten, bilaterlaten Meinungsausstausch bereinigen, denn ich glaube nicht, dass das
    jemanden sonst interessiert.

    Was halten Sie davon?

  19. Andreas Künzi

    Grundsätzlich halte ich wenig von Web2.0-Schlammschlachten und versuche mich aus dieser aufkeimenden Unsitte vermehrt raus zu halten. In meiner lediglich durchschnittlichen Intelligenz beleidigt, komme ich im Falle von Uli Fux aber leider nicht darum herum ihn auf seinen masslosen Dünkel hinzuweisen. Weiter sollte Herr Fux wissen, dass es durchaus interessiert wie seinen fadenscheinigen Argumenten auf subtile und geistig überlegene Weise der Wind aus den Segeln genommen wird.

  20. Julian Reidy

    Andreas Künzi bringt es auf den Punkt. Ich habe kein Interesse, privaten Mailkontakt o.ä. mit Herrn Fux zu betreiben, aber ich bin sehr daran interessiert, seiner blinden Polemik “öffentlich” zu begegnen. Was Sie hier so alles von sich gegeben haben, Herr Fux, konnte ich nicht einfach so stehen lassen. Wenn Ihnen nun nichts mehr einfällt, als auf ad hominems zurückzufallen, betrachte ich mein Ziel als erreicht.

    Im Übrigen empfehle ich jedem aufmerksamen Zeitgenossen, sich über arrogante Pauschalisierungen gebührend zu “echauffieren” – es ist wichtig, dass man Leute wie Sie konfrontiert. Dass Sie wohl kaum zu überzeugen sind, ist mir egal, solange nur Ihre Argumente als das enttarnt werden, was sie sind – hohle Phrasen. Um mit Lessing zu sprechen: “Es sey, dass noch durch keinen Streit die Wahrheit ausgemacht worden: so hat dennoch die Wahrheit bey jedem Streite gewonnen. Der Streit hat den Geist der Prüfung genähret, hat Vorurtheil und Ansehen in einer beständigen Erschütterung erhalten; kurz, hat die geschminkte Unwahrheit verhindert, sich an der Stelle der Wahrheit festzusetzen.”
    In diesem Sinne: schönes Wochenende!

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