Trottel vom Dienst

Der Mann in der Werbung ist eine Flasche. Warum darf man mit Männern machen, was bei Frauen verboten ist?

04.01.2008 von Birgit Schmid , 18 Kommentare

Der Medientheoretiker Marshall McLuhan hat einst die Werbung jedem Soziologen als eigentliches Forschungsfeld empfohlen. Er schrieb: «Die Historiker und Archäologen werden eines Tages entdecken, dass die Werbung unserer Zeit die einfallsreichsten und tiefsten täglichen Betrachtungen darstellt, die eine Kultur je über ihr Tun und Lassen angestellt hat. Die ägyptischen Hieroglyphen sind in dieser Hinsicht noch weit zurück.»

Um Wesentliches über das Zusammenleben und die Wechselwirkung zwischen Menschen zu erfahren, muss man also nur die Botschaften in Werbebildern entziffern und interpretieren. Angenommen, mediale Darstellungen von Frauen und Männern sind ein Spiegelbild der Gesellschaft. Angenommen, sie sind Ausdruck des jeweiligen Selbstverständnisses und der Wahrnehmung des je anderen Geschlechts: Was sagen sie, mit Fokus auf den Mann, aus?

Seit mehreren Monaten läuft im Fernsehen und Kino ein Spot der Migros, der immer viele Lacher verbucht. Darin spricht die Seniorin Yvonne Bobb – nicht etwa eine Vertreterin der jungen Generation – in die Kamera: «D Migros isch super. Die nimmt alli Fläsche zrugg. Egal, wohär mer si hätt.» Dazu schiebt ein Trupp von Frauen in hochhackigen Schuhen ihre Einkaufswagen, in denen zusammengestaucht Männer mit baumelnden Beinen sitzen, durch die Regale.

Werbung ist tatsächlich eindeutiger als Höhlenmalerei. Sie spitzt zu und übertreibt, um klar und verständlich zu sein. Etwa im obigen Fall: Der Mann als Ernährer und Beschützer gehört in die Steinzeit, die vor bald vierzig Jahren zu Ende war. Den aktiven Part übernimmt heute die Frau, die den Mann, der nichts taugt oder seine Funktion erfüllt hat, entsorgt. Ab zum Recyclen. Es gibt zahlreiche Beispiele für diesen kulturellen Wandel, in denen Männer die Trottel vom Dienst sind, den Clown spielen und sich zur allgemeinen Belustigung hergeben.

In einer Werbung des Glaceherstellers Frisco übertölpeln drei junge Frauen einen Eismann, um seinen Lieferwagen zu leeren. Während die eine in eindeutiger Pose – sie hebt ihr nacktes Knie an seine Lenden – den blöd dreinblickenden Mann ablenkt, stehlen sich die andern mit Glacestängeln in der Hand davon. Slogan: «Unverschämt genussvoll».

Auf einem Plakat des Modegeschäfts Bernie’s kippt eine schlecht gelaunte Frau dem Mann, der hinter ihr steht, ein Glas Champagner über die kalte Schulter ins Gesicht. Zwei Frauen lassen bei Vögele das Badetuch fallen, hinter dem sich ein Mann umzieht, sie prusten los, er erschrickt. In einem anderen Spot derselben Firma warten ein Mann und eine Frau mit Ordnern auf den Armen vor dem Aufzug, dann lädt sie ihm auch ihren Stapel auf, drückt den Liftknopf und macht sich beschwingt davon. Ihm bleibt das verdutzte Nachsehen.

Was Werbung darf und was nicht, wann sie lustig und wann geschmacklos ist, darüber herrscht ein gesellschaftlicher Konsens. Die Dekonstruktion von Männlichkeit wird goutiert, mehr noch, sie ist zum kulturellen Modethema geworden. Gegen den Migros-Flaschenspot, in seiner Aussage das krasseste Beispiel, ging bei der Lauterkeitskommission in Bern seit Anfang 2007 erst eine Beschwerde ein. So lange werden die Männer schon zur Flaschenrückgabe gekarrt. Beschluss: abgelehnt. Wer möchte schon so humorlos sein. Bei der Fachstelle für Gleichstellung in Zürich findet man den Spot zwar «grob und platt». Viel mehr zu tun hat man hier aber nach wie vor mit der diskriminierenden Darstellung von Frauen. Gelungene Werbung spiele ironisch mit Geschlechtsstereotypen, sagt Fachstelle-Leiterin ­Dore Heim. Unproblematisch sei deshalb ein Slogan wie «Männer können nicht kochen», da ein Klischee angesprochen werde, das in der Realität längst widerlegt sei. Geradezu harmlos die Vögele-Werbung: Sie hätte etwas von einem Streich, indem Frauen Männer reinlegen.

Umgekehrt undenkbar Wäre es möglich, in den besagten Spots die Rollen auszutauschen? Drei Männer nehmen eine Verkäuferin aus. Ein Mann kippt seiner Partnerin den Sekt ins Décolleté. Zwei Jungs lassen das Badetuch vor einem nackten Mädchen fallen. Ein Bürolist bürdet seiner Kollegin seine Arbeit auf. Ein Mann deponiert seine Frau beim Altpapier, dazu der öko-Slogan: «Da gehören alte Schachteln hin.»

Man könne Werbung in der Regel nicht eins zu eins umkehren, sagt Dore Heim, denn: «Das Geschlechterverhältnis ist in vielen gesellschaftlichen Bereichen auch heute noch sehr ungleich. Frauen reagieren deshalb auch empfind-licher auf Werbung, die sie in stereotypen Rollen zeigt.» Während historisch bedingt Humor auf Frauen schonungsvoll angewendet wird, scheint bei den Männern die totale Narrenfreiheit zu herrschen. Weil Männer nach wie vor viele Machtpositionen einnehmen, scheint man sie mit mehr Unzulänglichkeiten darstellen zu dürfen. Es gelten andere Massstäbe. Das sieht man auch daran, dass sexistische Werbung mit Frauen viel häufiger beanstandet wird, obwohl Männerkörper ebenfalls immer öfters als Lustobjekte inszeniert werden.

Werbung, die ein bestimmtes Frauenbild vermittelt und deshalb kritisiert wird, unterscheidet sich grundlegend von der Reklame mit kompromittierendem Männerbild. In ersterer wird der männliche Blick oft nur impliziert, inhaltlich, als Gegenüber, kommt der Mann nicht vor. In den Männerveräppelungsgeschichten hingegen sind beide Geschlechter präsent. Die Frauen übernehmen den Hauptpart, sie sind in einer kommentierenden Position, körperlich anwesend, agierend, Handelnde. Die Opferrolle abgestreift, amüsieren sie sich auf Kosten des Mannes.
Der Mann wirbt nicht nur als Lachnummer. Das klassische Bild zeigt ihn souverän, ernst, erfolgreich, belehrend, machtbewusst, sportlich, vernünftig – mit einem Wort, ein ganzer Kerl. Es gibt ihn noch, ihn, der abends mit dem Aktenkoffer zur Tür reinkommt und sich zu Frau und Kind an den Esstisch mit der dampfenden Fertigpasta setzt. Seit den Neunzigerjahren wird der Mann auch mit mehr emotionalen Eigenschaften versehen. So darf er heute für eine Lebensversicherung auch mal in die Knie gehen und eine Wiege umarmen, weil ihm «das Liebste so teuer» ist. Man könnte ihn deswegen ein Weichei nennen. Macho, Triebmonster, Gefühlskrüppel, das alles war er schon. Der Werbung mit ihrer plakativen Aussage gelingt es besonders gut, «männlich» auf eine Qualität zu reduzieren und diese ins Negative zu kehren. Der deutsche Männerforscher Walter Hollstein, dessen Buch «Was vom Manne übrig blieb» im Frühling erscheint, hat schon vor Jahren von einem fragmentarischen Männerbild, der «Schizophrenie der Männlichkeit» gesprochen. Als letzte Bezeichnung bleibt am Ende der Trottel.

Oberdepp George Clooney Und die Männer machen und lachen mit. Sie geben den Clown, weil sie wissen, dass es ankommt. Der Migros-Flaschenspot wurde von einem reinen Männerteam der Werbeagentur Publicis in Zürich kreiert. Für Frauen, die sind das Zielpublikum. Wo liegt die Grenze zum Selbstverrat? Die Frage stellt sich auch angesichts des jungen Vaters, der in der TV-Werbung für gute Fotoqualität am Tresen sitzt, Babyschnappschüsse vor sich und mit Milchschoppen in Dadadudu-Gebrabbel mit seinem Kumpel anstösst – ein Prost auf die Infantilisierung des Mannes. Sie sind nicht selbstvergessen lächerlich, lächerlich mit Ernst, worin noch eine gewisse Würde läge. Sondern blödeln für die Zuschauerin. Genauso gehört Selbstironie zum beliebten Ton, mit der sich Männer über sich selber lustig machen. And­reas und Stephan Lebert haben es in ihrem Buch «Anleitung zum Männlichsein» auf den Punkt gebracht, wenn sie schreiben: «Wehe, wir wollen ihren Beifall, ­wehe, wir fangen an, Dinge zu tun oder zu lassen, nur damit Frauen applaudieren. Das ist eine Falle, in der Männer alles verlieren, was sie ausmacht.»

Davor sind nicht mal mehr eigentliche Mannsbilder gefeit. George Clooney ist sich nicht zu schade, in der Nespresso-Werbung als Depp aufzutreten, natürlich alles sehr selbstironisch. Da sitzen zwei Frauen in der Cafébar, führen ein schwärmerisches Gespräch, den Womanizer aber ignorieren sie. Kleine Verarschung: Die Verzückung der Damen gehört nicht ihm, sondern den Kaffeekapseln. «What else?», muss der Mann erkennen und zieht ab.

Die Diskussion

18 Reaktionen

  1. Armin Barandun

    Nicht nur Historiker und Archäologen der Zukunft werden von den bis dahin überlieferten Werbebotschaften profitieren können. Nein, diese vom Autor beschriebene Werbung ist schon jetzt von hohem therapeutischem Wert. Diejenigen Männer, die sich in der Werbung dort im Einkaufswägeli ganz im Stillen wieder zu erkennen glauben, könnten noch während dem sie sich selber lachen hören, erkennen, dass es in ihrem Leben einigen Veränderungsbedarf gibt. Diesem Impuls sollten sie dann folgen, solange es auch noch Gestaltungsspielräume gibt.

    Armin Barandun, Coach, Basel

  2. David Berger

    Das war unlängst, ungefähr vor zwölf Jahren, Thema eines liberalen, gewiss protestantischen Religionsunterrichts, wo der «Zerfall der Männlichkeit», damals bereits angesichts der mir unsäglichen Popularität einer gewissen gelben Familie, gepredigt wurde.

  3. Felix Epper

    "Weil Männer nach wie vor viele Machtpositionen einnehmen, scheint man sie mit mehr Unzulänglichkeiten darstellen zu dürfen." Das möchte ich gerne zitieren.
    Genau. Aber kann ich was für Ospel & Co? Allein die zwei Testikel etc. verbinden mich nicht mit der Machtelite (Ospel hat eh keiner Eier…) Ich habe früher über männerfeindliche Witze in selbstverleugnender Unterwerfung auch gelacht. Und das in linken Kreisen, die sich doch weiss Gott nicht mehr viel vorzuwerfen müssen… Aber eben, Asche streuen sich die falschen aufs Haupt.

  4. Isabelle Zinn

    Birgit Schmids Grundaussage, dass, was bei Frauen in der Werbung tabu, bei Männern erlaubt sei, greift zu kurz.

    Der Artikel vernachlässigt folgende Aspekte: Die weitaus grössere Anzahl sexistischer Werbung betrifft immer noch Frauen, daran ändert auch ein trotteliger George Clooney in der Nespresso Werbung nichts. Und was die diskriminierende Darstellung des Mannes in der Frisco Werbung anbelangt: Ist es nicht ebenso sexistisch, den ‚Erfolg’ der Frau auf ihre sexuellen Verführungskünste zu reduzieren?

    Das Thema ‚sexistische Werbung’ ist sensibel und komplex. Wir begrüssen deshalb eine breit angelegte Diskussion, die der Sexualisierung und Diskriminierung von Frauen wie von Männern in der Werbung entgegentritt. Eine Verunglimpfung der Geschlechteridentität ist weder bei Männern noch bei Frauen akzeptierbar.
    Ziel sollte es sein, Werbung originell und kreativ zu gestalten, ohne Frau oder Mann auf gewisse Eigenschaften zu reduzieren. Dann erst kann der Geschlechtergleichwertigkeit Rechnung getragen und ein ganzheitliches Rollenverständnis vermittelt werden.

    TERRE DES FEMMES Schweiz, Isabelle Zinn, verantwortlich für den Fachbereich ‘Sexismus und sexistische Werbung’.

  5. Michael De Luigi

    Auch wenn es mir schwer fällt – ich muss zugestehen, dass Birgit Schmid leider recht hat, wenn sie Männer als ‘Trottel vom Dienst’ bezeichnet. Als Vorstandsmitglied des Vereins ‘mannschafft’, der Männer in Fragen von Trennung und Scheidung unterstützt, bin ich in meiner täglichen Arbeit mit diesem Phänomen konfrontiert. Zum einen lassen sich viele Männer an der Nase herumführen, was ihre elementaren Rechte betrifft – wie etwa die Beziehung zu ihren Kindern. Andererseits ist es schon erstaunlich, dass die meisten Männer den Krieg des Staates gegen ledige und geschiedene Väter einfach ohne weiteres hinnehmen. In unserem Land werden grundlegende Menschenrechte (diejenigen von Kindern und ihren Vätern) mit Füssen getreten – und (fast) alle schauen zu. Stattdessen wird der mit Steuergeldern finanzierte Sexismus von Frau Heim und Konsorten (die Stadt Zürich nimmt bei der Unterdrückung und Ausbeutung von Vätern eine führende Rolle ein) mit blossem Schulterzucken zur Kenntnis genommen. Viele Männer haben ihren Schuldkomplex für 10′000 Jahre Patriarchat bereits so verinnerlicht, dass man ihnen auch weiterhin ungestraft ins Gesicht treten wird. Und solange sich Männer in diesem Land vor allem übers Geld verdienen definieren (bzw. definieren lassen), wird sich daran so schnell auch nichts ändern.

  6. Isabelle Zinn

    Hhm, es erstaunt mich, dass wir über diese Frage überhaupt noch diskutieren müssen. Es ist klar, dass Mann in der Werbung oftmals diskriminierend dargestellt wird; genauso klar aber sollte doch sein, dass auch die Frau sexistischer Werbung zum Opfer fällt. Ich könnte Ihnen einige solcher schlechter Beispiele aufzeigen, weiss aber nicht ob ich dieser Art von Werbung hier auch noch eine Plattform geben will.

  7. Jörg Baetge

    Überrascht, dass plötzlich mal Belege für getätigte Behauptungen verlangt werden? Ist ja wie bei der Fußball-WM 2006…

    Sie begrüßen doch eine breit angelegte Diskussion, dachte ich. Besteht die darin, dass Sie etwas behaupten und sobald Belege erbeten werden, Sie diese Bitte mit "müssen wir denn darüber WIRKLICH diskutieren?" o.ä. abtun?

    Na dann: (passende) Beispiele, bitte.

    Frau Schmid hat im Absatz "Umgekehrt undenkbar" ein paar denkbare Gegenbeispiele genannt. Wo bitte findet sich so etwas denn in der realen Medienlandschaft?

    Wo?

    Wir müssen in der Tat über diese Frage diskutieren, schätze ich. Sorry.

  8. Tom Sawyer

    >Umgekehrt undenkbar: Wäre es möglich, in den besagten Spots die Rollen auszutauschen? Drei Männer nehmen eine Verkäuferin aus. Ein Mann kippt seiner Partnerin den Sekt ins Décolleté. Zwei Jungs lassen das Badetuch vor einem nackten Mädchen fallen. Ein Bürolist bürdet seiner Kollegin seine Arbeit auf. Ein Mann deponiert seine Frau beim Altpapier, dazu der Öko-Slogan: "Da gehören alte Schachteln hin."<

    Nein, das alles wäre in der Tat nicht möglich. Die Männer würden sich dabei als unsägliche Primitivlinge outen.
    Weibliches Machogehabe (immer häufiger zu beobachten) scheint seltsamerweise gesellschaftsfähig zu sein, bei Männern ist es längst ein Unding. Dass hier (und nicht nur hier) mit solch unterschiedlichen Maßstäben gemessen wird, sollte alle GeschlechtswächterInnen nachdenklich stimmen.

  9. Benno Büeler

    Leider hat Birgit Schmid recht, und das schon seit mehr als 10 Jahren. Mitte 90er Jahre hat ein grosser Mineralwasser-Produzent (den ich seither boykottiere) gezielt Deppen-Männer als Werbemittel eingesetzt. Dieser Ausrutscher von damals scheint zwischenzeitlich courant normale zu sein. Aber die wertende Einseitigkeit der Geschlechter-Darstellung findet sich nicht nur in der Werbung sondern auch im redaktionellen Teil fast aller Medien: der Mann ist dumm, gewalttätig, unfähig zur Kinderbetreuung und bezahlt Alimente nicht, während die Frau viel mehr arbeiten muss, benachteiligt ist, Opfer von Gewalt wird, usw. Die Einseitigkeit der Darstellung scheint tief in die Journalisten und Redaktoren eingegraben, selten dass jemand wie Frau Schmid wieder einen Blick von Aussen wagt statt durch die halb blinde Medienbrille zu schauen (eine Frau nota bene — ein Mann darf das schon lange nicht mehr, selbst kastriert und von der Chefredaktion). Drei Beispiele: (1) ich musste meiner Ex-Frau die vollen Alimente bezahlen solange mein Sohn bei ihr lebte. Seit er bei mir lebt bezahlt sie Alimente — aber viel weniger als vertraglich abgemacht, obwohl sie etwa gleichviel verdient wie ich. Vor Gericht gehe ich nicht, da sowieso keine Chance bei der Durchsetzung (Vollzugsbehörden sind stark voreingenommen und helfen Männer gegen Frauen grundsätzlich nicht). (2) Bei der Frau in Norddeutschland, die fünf Kinder umbrachte, hat der Staatsanwalt verlauten lassen, dass es vermutlich zu keine Anklage käme. Die arme Frau sei nicht schuldfähig. Diese Aussage machte er bereits am zweiten Tag, bevor die Untersuchung überhaupt richtig beginnen konnte. (3) Eine Frau in der Schweiz, die ihren schlafenden Mann mit kochendem Oel im Gesicht schwer verletzte und bleibend zeichnete, wird in den Medienberichten jeweils mit Entschuldigungsgründen für ihre sadistische Tat eingeführt. Das Credo der Medienmacher scheint zu sein: die Frau kann nicht egoistisch, böse oder schlecht sein, und wenn doch etwas hässliches passiert das diesem Vorurteil widerspricht, so gibt es tausend Entschuldigungsgründe. Natürlich gilt die umgekehrte Regel beim Mann.

    Diese weitreichende Einseitigkeit der Medien und Politiker scheint mir tragischer zu sein als die Werbung alleine, da sie das Weltbild stärker beeinflusst und letztlich zu einer sexistischen Gesellschaft führt, genau das Problem das am Anfang den Stein ins Rollen brachte. Und da wirken auch viele Männer als Täter mit.

  10. Isabelle Zinn

    Unter einer breit angelegten Diskussion verstehe ich ehrlich gesagt nicht in erster Linie, schlechte Beispiel auszuführen; aber Sie haben recht, man sollte die Dinge beim Namen nennen:
    1. Ein Mann inmitten zweier nachter Frauen. Kommentar: Was Frisches zum Wechseln (Wormland, Fashion für Männer)
    2. Ein weisser Mann mit einer sexybekleideten Schwarzafrikanerin im Arm. Kommentar: Irgendwann nimmt man nicht mehr irgendwas
    3. Junger Mann im Trägershirt und offenen Hosen; daneben ein Teller mit Gemüse und Fleisch. Kommentar: Ich mag es am Liebsten mit jungem Gemüse.(CMA Deutschland)
    4. Mann alleine an einem Tisch in einem Bistrot. Kommentar: Glücklich leben die Zikaden, denn sie haben stumme Frauen. (Ouzo-Werbung)
    5.Ein grinsender Dieter Bohlen auf dem Plakat. Kommentar: Die einzige Frau, von der ich mir was sagen lasse, ist die vom Navigationssystem

    Darf ich an ihre ‘Beweisführung’ mit dem Prinzip der (Un-)Umkehrbarkeit erinnern? Dieses gilt in beiden Richtungen wie Sie vielleicht erkennen.

  11. Peter Winzeler

    Es ist üblich geworden Menschen abzuwerten. Durch das Abwerten des Anderen werden wir selber vermeintlich grösser. Doch entstehen dadurch nur Verletzungen, welche in Ihrer Hilflosigkeit meistens in Gewalt münden. Wenn es uns und da meine ich Frauen und Männer mit dem Einhalt an häuslicher Gewalt ernst ist sollten wir ein paar Fakten uns vor Augen halten.
    Gewalt im Geschlechterverhältnis umfasst „jede Verletzung der körperlichen und seelischen Integrität einer Person, welche mit der Geschlechtlichkeit des Opfers und des Täters zusammenhängt und unter Ausnutzung eines Machtverhältnisses durch die strukturell stärkere Person zugefügt wird.“
    Von den Missbrauchsopfern betreffen 70% männliche Opfer und 30% weibliche Opfer. Die gegenwärtige Situation männlicher Opfer ähnelt der von vergewaltigten und misshandelten Frauen vor dreissig Jahren: Verleugnung der Problematik und Ignoranz den Betroffenen gegenüber. Erst durch die neuere Frauenbewegung und deren Kampf gegen die Unterdrückung von Frauen wurde das Leid von Frauen überhaupt sichtbar und die alltäglichen Grenzverletzungen angeprangert. Das vermeintlich Private wurde nach aussen gewendet und die persönlich erlebten Grenzverletzungen politisiert. Das war mit der Vision einer umfassenden Befreiung verknüpft: Jede Art von Ermächtigung des Männlichen und Erniedrigung des Weiblichen sollte überwunden werden.
    Eine analoge gesellschaftliche Kraft, die den Skandal männlicher Opfererfahrungen als soziales Problem aufdecken und daraus gesellschaftspolitische Folgerungen ableiten könnte, ist noch immer nicht in Sicht. Die Verstrickung in die herrschenden patriarchale Verhältnisse wirkt einer Solidarisierung von Männern mit ihren gedemütigten Geschlechtsgenossen entgegen.
    So schreibt Hans-Joachim Lenz, Sozialwissenschaftler: Nicht nur auf der persönlichen Ebene ist die Gleichstellung von Frau mit Opfer eine schwierige Angelegenheit. Frauen haben Projekte entwickelt und Einrichtungen geschaffen, um Opfer oder Überlebende von ehelicher Misshandlung, Vergewaltigung, sexuellem Missbrauch in der Kindheit, sexueller Diskriminierung oder Frauenhandel zu beraten, sie bei der Wahrnehmung ihrer Rechte zu bestärken, und politisch darauf hinzuwirken, den Betroffenen mehr Ressourcen zu verschaffen und deren Rechte auszubauen. Frauenbeauftragte und Frauenministerien haben sich für diese Projekte in Politik und Öffentlichkeit eingesetzt. Derweil ist die männliche Gewalttätigkeit zum Arbeitsgebiet für (oft männliche) Fachkräfte geworden: Kriminologen, Gesundheitsfachkräfte, Sozialarbeiter, Psychologen, sogar Theater-Regisseure veranstalten Events, entwerfen Projekte und Programme, um potentiell gewaltbereite Jugendliche sozial zu integrieren und deren Neigung zur Gewalttätigkeit zu dämpfen und zu zivilisieren. Diese Akteure finden Fürsprecher und Bündnispartner in den Sozial-, Justiz- und Innenressorts, in den Präventionsräten der Kommunen und in Institutionen der Jugendarbeit. In dieser Arbeitsteilung – Männer kümmern sich um potentielle Täter, Frauen kümmern sich um schon betroffene Opfer – stellen alle Beteiligten kollektiv eine Gleichung her, derzufolge Männer Täter sein müssen, weil Täter Männer sind, und Frauen Opfer sein müssen, weil einzig Frauen wirkliche Opfer sein können. Für beide Geschlechter gilt, dass nur eine halbierte Wirklichkeit wahrgenommen werden kann.

  12. Jörg Baetge

    "Darf ich an ihre ‘Beweisführung’ mit dem Prinzip der (Un-)Umkehrbarkeit erinnern?"Sie, Frau Zinn, dürfen bei mir doch alles.Mal so aus der Hüfte geschossen:Wormland:

    http://www.horizont.net/standpunkt/spiesseralfons/pages/show.prl?id=171

    Zumindest als das kritisiert, was es ist: sexistisch. Zum Plot "Promiskuität" finden sich entsprechende weibliche Pendants (ganz im werbewirksamen Sinne weiblicher Selbstbestimmtheit) – unkritisiert.HörZu:

    http://www.freiburg-postkolonial.de/pics/hoerzu2006-1.jpg

    Meinten Sie das?

    http://www.freiburg-postkolonial.de/pics/hoerzu2006-2.jpg

    Oder doch das?CMA:

    http://www.absatzfonds-abschaffen.de/sexistisch.html

    Kleine Auswahl. Die meisten dieser Plots zeigen Frauen keineswegs in einer abgewerteten Position. Männer übrigens auch nicht. Keiner dieser Männer demütigt eine Frau, genausowenig wie umgekehrt."Die weitaus grössere Anzahl sexistischer Werbung betrifft immer noch Frauen, (…)"

    Das scheint mir nicht ganz haltbar zu sein. Es gibt zu jeder dieser Darstellungen (mindestens) ein entsprechendes Pendant, sogar zu Dieter Bohlen ("Männer haben mir gar nichts zu sagen." usw.). Und keine dieser Werbungen macht das Gegengeschlecht als Plot zutiefst abwertend zum entbehrlichen, sabbernden Trottel.

    Nochmals:

    "Umgekehrt undenkbar: Wäre es möglich, in den besagten Spots die Rollen auszutauschen? Drei Männer nehmen eine Verkäuferin aus. Ein Mann kippt seiner Partnerin den Sekt ins Décolleté. Zwei Jungs lassen das Badetuch vor einem nackten Mädchen fallen. Ein Bürolist bürdet seiner Kollegin seine Arbeit auf. Ein Mann deponiert seine Frau beim Altpapier, dazu der Öko-Slogan: "Da gehören alte Schachteln hin.""

    Auch die deutsche BILD-Zeitung fuhr unlängst eine Kampagne, in der eine überlegen lächelnde Frau ein Schild in den Händen hielt: "Ich habe die Pille absichtlich vergessen." – stellen Sie sich das mal umgekehrt vor. Oder noch besser: Nennen Sie ein PASSENDES Gegenbeispiel.

    Es darf geliefert werden. Passend.

  13. Tom Sawyer

    Zur Richtigstellung:

    1. Natürlich gibt es auch eine handvoll Beispiele, in denen man der Werbung Frauendiskriminierung unterstellen könnte. Aber die sind im Gegensatz zur gängigen Männerverunglimpfung derart gering an der Zahl, dass diese in keinem Verhältnis zueinander stehen.

    2. Es gibt genügend einflussreiche feministische Interessengruppierungen, die sofort die Telefonleitungen zum Glühen bringen, falls sie in den Medien irgendetwas entdecken, das auch nur nach Frauenfeindlichkeit riechen könnte. Institutionen, die sich für Männerbelange einsetzen sind mehr als dünn gesäht und werden zudem (noch) kaum gehört bzw. ernstgenommen.

    3. Wer sich heute (Ehrlichkeit und Objektivität vorausgesetzt), in der Politik- und Medienlandschaft umsieht, wird feststellen, dass Opfer- und Täterklischees gezielt aufrechterhalten werden.
    >Östrogen bedeutet Friedlichkeit, Fruchtbarkeit, Frohsinn. Testosteron dagegen Teufel, Terror und Tyrannei< , thematisierte bereits Bettina Röhl von der >Cicero< diese Schieflage in einem aufschlussreichen Artikel über die wahren Hintergründe von Gender Mainstreaming.

    Die Frau als das edlere Menschengeschlecht wurde in >Sind Frauen bessere Menschen?< von Arne Hoffmann, längst, unter Angabe von über 500 Quellen und Fakten widerlegt.

    Alle Frauen und Männer mit Herz und Verstand (und die sitzen in der Regel leider nicht in den Redaktionen und schon gar nicht in der Politik) können über derartig stupide >Gutmensch-Debatten< wohl nur milde lächeln.
    Wir sind alle WölfInnen unter WölfInnen, (… ich hab das große I nicht gewollt) keiner unterm Strich besser als der andere, was unser gemeinsamer Alltag eindrucksvoll belegen dürfte.

    Mit ideologischen Scheuklappen aus eigener Entscheidung ist solch eine Einsicht natürlich kaum möglich, — in einem Geschlechterkampf der letztendes nur VerliererInnen kennen wird.

  14. Samuel Kneubühler

    Werbung ist meistens auf eine Art diskriminierend. Entweder werden Geschlechter oder eine gewisse Lebensart verunglimpft. Fährt man keinen Roller der Marke X, ist man ein "Ökofutzi" oder eine "Ökotante".
    Schaut man sich als heterosexueller Mann Unterwäschewerbung als Plakat an, gilt bei den einseitigen Feministinnen als Frauenverachter oder als Sexist.
    Macht man sich über Männer lustig, ist dies eine Retourkutsche an die männerdominierte Werbebranche (oder überhaupt die Wirtschaft).
    Oder man betrachtet eine Werbung für ein Putzmittel. Wieso sind die agierenden Personen Frauen? Nur weil viele Frauen noch reinrassige Hausfrauen sind?
    Viele viele und wie lange gibt es diese Art noch?

    Wäre es nicht an der Zeit, alle diese Diffamierende Dinge auszulassen und informative Werbung mit Blickfang ohne sexistische Tendenzen einzusetzen?
    So bleiben uns viele dumme Plakate und TV-Spots erspart.

  15. Isabelle Zinn

    Ich möchte mich Herrn Kneubühler anschliessen und meine Position bestärken: alle Werbung die, sei es Mann oder Frau, diffamierend darstellt ist eine Zumutung und sollte vermieden werden. Werbung kann auch ohne sexistische Tendenzen originell sein.
    Das müsste doch das Ziel jeder und jedes einzelnen sein; ich finde es schade, dass die Beiträge hier im Forum vereinzelt die Positionen Frau gegen Mann – Mann gegen Frau einnhemen und gar von ‘Geschlechterkampf die Rede ist. Ich sage es nocheinmal: Ich verurteile Werbung, die den Mann nicht in seiner ganzheitlichen Geschlechteridentität wahrnimmt und darstellt genauso wie sexistische Werbung die Frauen betrifft. Können nicht Frauen und Männer am gleichen Strick ziehen und gemeinsam sich für faire und realitätsnahe Werbung stark machen?

  16. Jörg Baetge

    "Können nicht Frauen und Männer am gleichen Strick ziehen und gemeinsam sich für faire und realitätsnahe Werbung stark machen?"Aber eben nicht so:"Die weitaus grössere Anzahl sexistischer Werbung betrifft immer noch Frauen, (…).""Hhm, es erstaunt mich, dass wir über diese Frage überhaupt noch diskutieren müssen."Und dann einschlägige Belege schuldig bleiben, das geht dabei eben auch nicht. Mal immer bei der Wahrheit bleiben. Am Strick derer, welche selbige ignorieren zu dürfen meinen, ziehe ich ganz sicher nicht.Und was die "ganzheitliche Geschlechteridentität" angeht (was seeeehr nach gewünschter Deutungshoheit von Gender Mainstreaming task forces riecht) – mir würde es reichen, wenn das allgegenwärtige Männer-Bashing ein Ende nehmen würde.Meine "Geschlechteridentität" ist dann allein meine Sache. Wer sie abwerten will, kriegt Paroli.

  17. Tom Sawyer

    >… ich finde es schade, dass die Beiträge hier im Forum vereinzelt die Positionen Frau gegen Mann – Mann gegen Frau einnhemen und gar von ‘Geschlechterkampf die Rede ist.< Da stimme ich vollkommen zu. Das empfinden wir doch fast alle als ziemlich befremdend: Dass nämlich über Politik und Medien künstlich Missverständnisse und Zwietracht geschürt werden, ... dass seit über 30 Jahren eine total einseitige Frauenförderungspolitik betrieben wird, die anfangs sinnvoll und berechtigt war, doch mittlerweile wohl alles zum Ziel hat, nur nicht die Wahrnehmung der Interessen und Defizite BEIDER (also auch der männlichen) Seite.

    Es kann nicht angehen, dass das öffentliche Ansprechen von Ungerechtigkeiten und Missständen nur einem Geschlecht zugestanden wird, auch wenn dies den Opferstatus als Zeitgeistphänomen für sich gepachtet zu haben scheint.
    Es existiert eine mittlerweile Flut sexistischer und auch auflagestarker Frauenliteratur, in der Männer zum Teil minder noch als Hunde dargestellt werden. >Was mache ich mit nutzlosen Männern< , oder >Nur ein toter Mann ist ein guter Mann< , sind nur zwei von zahlreichen Beispielen.

    Nun ersetze einfach mal das Wörtchen >Mann< gegen >Frau< und du wirst in hundert Jahren (zurecht) noch keinen Verleger haben, der dir diesen Schund in Auflage bringt. Ich weiß nicht, wie ich es noch mehr verdeutlichen soll, dass hier etwas mit der Wahrnehmung nicht stimmt.

    Fazit: Frauen wurde einst das Recht zugestanden, sich zu äußern und auch zu wehren, als sie hierzulande tatsächlich noch massiv benachteiligt wurden. Selbiges muss selbstredend auch für Männer gelten, wenn sie sich nach jahrzehnten erfolgreich praktiziertem Staatsfeminismus auch mal wieder in eigener Sache zu Wort melden. Leider fehlt hier (bislang) die entsprechend einflussreiche Lobby.

    Man kann die gesamte Problematik auch spirituell-philosophisch zum Ausdruck bringen: Das extreme Betonen einer Seite (in diesem Fall der Feminismus) aktiviert immer im selben Maße den Gegenpol. Genau das ist es, was sich im Augenblick in Form einer wachsenden Männerbewegung abzuzeichnen scheint. Vielleicht begegnet man sich ja schon bald auf selber Augenhöhe, jenseits aller Ichbezogenheit und Selbstverherrlichung, um das Wesentliche wieder zu entdecken, — den einzigartigen Zauber zwischen Mann und Frau!

  18. Knecht Roland

    Grotesk, wie sich das Büro für Gleichstellung gegen die Gleichstellung der Geschlechter einsetzt.
    Finanziert mit Millionen aus unseren Steuergeldern!

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