06.06.2008 von Finn Canonica
Ist es eigentlich ein gutes Gefühl, Tyler Brûlé zu sein?
Es ist kurz nach dem Aufwachen meistens ein schönes Gefühl. Im Verlaufe des Tages allerdings schwächt es sich ab.
Für viele ist der Name Tyler Brûlé beinahe ein Fluchwort, er steht für teuren und oberflächlichen Lifestyle.
Das ist die Wahrnehmung in der Schweiz und in Deutschland, wo es eine absurd grosse Schicht von Leuten gibt, die zwar viel Geld für Möbel und Kleider ausgibt, aber gern so tut, als würde ihnen Design nichts bedeuten.
Trotzdem: In welchem Punkt haben Ihre Kritiker recht?
Die Freude an materiellen Dingen ist immer irgendwie oberflächlich. Gleichzeitig kann uns ein schöner Stuhl, ein perfektes Sofa ja offensichtlich glücklich machen. Man muss schon sehr schräg sein, um damit ein Problem zu haben.
Liegt es vielleicht an Ihrem Namen? Tyler Brûlé, das klingt so parfümiert und künstlich, das provoziert offenbar.
Ja ja, und dann bin ich noch homosexuell. Ich hab mir den Namen nicht ausgesucht. Wer sich darüber mokiert, weiss wohl nicht, dass man in Kanada Französisch und Englisch spricht.
Die Welt, die Sie in «Wallpaper» propagierten und jetzt in Ihrer neuen Zeitschrift «Monocle», ist eine sehr elitäre Welt. Wer kein Geld hat, dem bleibt der Zugang verwehrt.
Okay, jetzt versuchen Sie es auch noch mit moralischen Argumenten. Bloss weil einer viel Geld für seinen Lebensstil ausgibt, heisst es doch nicht, dass ihm die Probleme der Welt egal sind. Es gibt eine neue Schicht von relativ Wohlhabenden, die zwar Wert auf Design legt, gleichzeitig aber auch viel Geld für ökologische oder soziale Projekte in aller Welt ausgibt. Diese Leute lesen «Monocle» und hoffentlich auch Ihr Magazin.
Die Schweiz ist für Sie ein Lifestyle-Paradies. In Ihren «FT»-Kolumnen und früher in der «International Herald Tribune» schneiden wir immer gut ab.
Die Schweiz hat eine grossartige Designkultur, die liebe ich über alles. Aber ich habe das Gefühl, dass die Schweizer sich dessen nicht so bewusst sind. Viele alte Alpenhotels zum Beispiel werden neuerdings mit diesem internationalen Bali-Wohlfühl-Wellness-Stil kaputt renoviert, das ist eine deprimierende Entwicklung.
Aber sind nicht Sie an der Internationalisierung des Stils mitschuldig?
Ein absurder Vorwurf. Internationales Design ist doch immer Billigdesign. Und ich steh doch genau für das Gegenteil. Ich habe mein Leben lang in fast allen Konsumbereichen lokale Hersteller bevorzugt, die entsprechend teuer waren. Vor einer Minute haben Sie mich dafür noch elitär genannt.
Stimmt es, dass man Sie aus der Schweiz vertrieben hat? Sie erhielten fremdenfeindliche und homophobe Briefe und haben danach offenbar Ihre Wohnung in Zürich verkauft.
Es war vor allem mein Nachbar, der Ärger gemacht hat. Wenn Sie mir jetzt ein Statement entlocken wollen, so von wegen die Schweizer seien xenophob – vergessen Sie es. Ich hab immer noch eine Wohnung in St. Moritz.
Diesen Monat findet in der Schweiz und in Österreich die Fussballeuropameisterschaft statt. Können Sie etwas über die Optik dieses Grossereignisses sagen?
Grässlich, dieses Maskottchen, total infantil. Sport und Designqualität, das geht irgendwie nicht zusammen.
Welches ist denn nun aus der Sicht des Lifestyle-Hedonisten das schönere Land, die Schweiz oder Österreich?
Ich würd mal sagen, die Schweiz hat immer noch einen Vorsprung. Aber Österreich holt auf. Gerade bei der Hotellerie müssen die Schweizer aufpassen. Man ist ein bisschen bequem geworden in Ihrem Land.
Tyler Brûlé, 40, hat «Wallpaper» gegründet und vor einem Jahr die Zeitschrift «Monocle». Er ist einer der profiliertesten Designkritiker und Kolumnist der «Financial Times».
Nächste Woche: Brûlé über das Design des «Magazins» und die Zukunft der Presse