Tyler Brûlé, Teil 3

«Forte dei marmi, That’s it!» Tyler Brûlé gibt Sommerferien-Tipps und outet sich als Gutmensch.

20.06.2008 von Finn Canonica

Sie reisen extrem viel, schreiben häufig über Tourismus. Welche Feriendestination können Sie einer Schweizer Familie mit Durschnittseinkommen empfehlen?
Wenn die Kinder klein sind, würd ich im Sommer nach Südschweden fahren. Ein Haus an einem See mieten, schwimmen, rudern, spazieren, abends Fische grillen. Ausserdem kann man mit dem Auto dorthin fahren, so spart man Geld. Mit grösseren Kindern würd ich im Zug durch Japan reisen. Japan ist das perfekteste Land der Welt, dagegen ist selbst die Schweiz ein Entwicklungsland.

Muss bei Ihnen denn immer alles perfekt sein? Schon mal auf einem Campingplatz übernachtet?
Ich hab schon in einem Zelt geschlafen, allerdings nicht auf einem Campingplatz. Ich steh nicht so sehr auf die Romantik von gemeinsamen Waschplätzen und Toiletten unter freiem Himmel. In den Ferien muss man es doch bequemer haben als im Alltag, das ist doch ihr Zweck, oder?

Vielleicht will man mal was anderes erleben, dem Alltag entfliehen.
Wenn einer in den Ferien Action sucht oder sonstige Entbehrungen, hat er offenbar einen langweiligen Beruf. Bevor ich mit einem Taschenmesser bewaffnet auf Bärenjagd gehe, suche ich mir lieber einen anderen Job.

Schweizer reisen lieber in den Süden, Italien bleibt eine Lieblingsdestination.
Italien ist ein Klassiker, eine unschlagbare Marke. Aber die Italiener sind, was den Tourismus betrifft, leider auch etwas faul geworden. Sie wollen nie was ändern, ausserdem neigen sie manchmal dazu, Touristen für blöd zu verkaufen. Ich hab in Italien schon eine 15 Pfund teure Pizza gegessen, die schlechter schmeckte als die Pizza in einem von Bangladeshern geführten Restaurant im Osten Londons. Die Zeiten, wo jedes italienische Kaff eine Reise wert war, sind engültig vorbei.

Trotzdem: Wie lautet Ihr Italien-Tipp?
Forte dei Marmi. Für mich einer der tollsten Badeorte weltweit, seit zehn Jahren fahr ich da hin. Es gibt da diesen grossartigen Fünfzigerjahre-Modernismus, die einzelnen Strandklubs sind alle noch in Familienbesitz, die Strandkörbe und Liegestühle werden liebevoll in Stand gehalten, die Bademeister sehen alle aus wie Gigolos aus Visconti-Filmen, und man sieht lauter hübsche Frauen auf Fahrrä­dern. Es klingt irgendwie blöd, aber ich liebe diese kleinen Pasticcerias, die Gemüseläden, den Markt.

Haben Sie nie ein schlechtes Gewissen wegen Ihrer Vielfliegerei?
Nie. Es gehört zu meinem Job, ich tue sonst, was ich kann für die Umwelt. Ich bin ja kein Auto-Guy, sondern ein Velo-Fan. Ich kann an keinem Veloladen vorbeigehen, ohne hineinzusteuern. Und wissen Sie was? Wenn Sie wirklich hip sein wollen, sollten Sie nur noch Velo fahren, besonders wenn Sie in einer Stadt wohnen. Leider hat man das in London noch nicht begriffen, ich glaube, die Schweizer sind in dieser Hinsicht die wahren Trendsetter.

Sehnen Sie sich nie nach den Zeiten, als Fliegen noch so teuer war, dass es sich nur wenige leisten konnten?
Wieder wollen Sie mich in eine elitäre Ecke stellen. Nein, es ist nicht so. Es ist gut, dass so viele Menschen in ferne Länder fliegen können und dort feststellen, dass alle Menschen irgendwie gleich sind. Ich glaube tatsächlich, dass die Welt so zusammenrückt und vielleicht etwas solidarischer wird. Wissen Sie warum so viel gespendet wurde nach dem Tsunami? Weil die Leute eben schon mal in Thailand oder Indonesien waren.

Jetzt klingen Sie wie ein linker Politiker, nicht wie ein überzeugter Kapitalist.
Wissen Sie, auch linke Ideen lassen sich besser verbreiten, wenn Sie genügend Kapital in der Hand haben.

Tyler Brûlé, 40, hat «Wallpaper» gegründet und vor einem Jahr die Zeitschrift «Monocle». Er ist einer der profiliertesten Designkritiker und Kolumnist der «Financial Times».

Nächste Woche: Tyler Brûlé wird privat.

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