Unendlich wichtige Bücher

Stehen wir nach «2666» und «Unendlicher Spass» an der Schwelle zu einer neuen Literatur?

02.10.2009 von Stefan Zweifel , 4 Kommentare

Da stehen wir nun trauernd in einer Landschaft zwischen versiegten Erzählflüssen, da und dort der kleinwüchsige Stamm eines früh verholzten Busches und in der Thermoskanne einen jener Selbstaufgüsse, die nach fast nichts schmecken… doch da plötzlich knallplatzen jene gewaltigen Weltwortwürfe von Wallace und Bolaño aus dem Himmel, erderschütternde Brocken von Autoren, die noch daran glaubten, dass Literatur mehr ist als Unterhaltung: ein Erkenntnisinstrument.
Ein letztes Mal nehmen sie Anspruch und Wahn der Avantgarde auf, die Welt mit Worten umzupolen — und nennen dies voll ironischer Trauer: «Aprèsgarde». Insofern bildet «Unendlicher Spass» eine Art literarische «Rückhand», wie sie Wallace einmal in seinem Essay über die quasireligiöse Erfahrung beim Betrachten von Roger Federer im «Magazin» (Nummer 42/2006) vorlegte.
Ja, die «Vorhut» der «Avantgarde» hat seit Baudelaire, Rimbaud und den Dadaisten alle Schlachten gekämpft, übrig blieb ein verlorenes Trüppchen, das sich in den Kampf stürzen wollte, sich aber nur noch den Windmühlen des Spektakel-Scheins gegenüber sah und mit Schreck feststellte, nurmehr noch eine «Nachhut» zu bilden, die «Aprèsgarde» in einer Gesellschaft, die von der Literatur nur noch eins fordert: unendlichen Spass in Feuchtgebieten.

Wallace’ heimliche Hommage
Genau dagegen kämpfte die letzte grosse Avantgarde-Bewegung, die Pariser Situationisten rund um Guy Debord: nachdem Sade alle sexuellen Tabus gebrochen und Nietzsche alle Götter zertrümmert hatte, nachdem die Dadaisten die Sprache des Bürgertums in lallenden Leerlauf aufgelöst und die Surrealisten mit paranoiden «Schizo-Texten» dem Bürger auf offener Strasse den Revolver an die Schläfe gesetzt hatten — in dieser Situation kann der Künstler laut Debord nur noch eins machen: totaler Produktionsstopp. Kreationsstreik. Kein Werk mehr, nirgends!
Denn jedes Werk wird vom Kapital vereinnahmt, Sade als Klassiker in Schweinsleder gebunden, das dadaistische Manifest in einer Museumsvitrine eingesargt — da kann der Künstler nur noch: monströse Werke schaffen, unlesbare Wälzer. Oder, wie Debord, unkonsumierbare Filme, bei denen die Leinwand stundenlang nur schwarz flimmert.
1967 analysiert Debord in «Die Gesellschaft des Spektakels», wie die Politik in Personality-Show und der Protest als Pseudo-Revolte am TV verflimmert und statt die Schleusen der Fantasie höchstens die Kanäle des Konsums öffnet. Tragische Ironie: Dieses Jahr hat der französische Staat das Manuskript für über eine Million Euro gekauft… Guy Debord hatte mit dem Terrorismus geflirtet, aber auch die Roten Brigaden und die RAF als Teil des Spektakels verworfen, dann noch ein strategisches «Kriegsspiel» entworfen und sich als alter Alkoholiker 1994 mit einer Flinte den Schädel zerschossen.
1996 widmet ihm David Foster Wallace heimlich: «Infinite Jest». Im Mittelpunkt eben: ein Experimentalfilmer, der sich wegen seines Alkoholismus ermordet und den Kopf in die Mikrowelle steckt, Gründer auch einer Tennisakademie, in der die Eleven das «Kriegsspiel Eschaton» spielen, und sein letzter Film gegen die Welt des Spektakels heisst: «Unendlicher Spass». Wer den Film anschaut, bleibt sitzen, vom Spass gebannt, das Video als Endlosschlaufe der Total-Unterhaltung, über die Lippen rinnt noch ein letzter Speichelfaden, bevor man, ausgehungert und dehydriert, im Sessel stirbt, versunken in den eigenen Exkrementen. Ja, so viel Spass ist heute.
Zum ersten Mal beruft sich ein grosser Welterfinder wie Wallace nicht mehr auf die letzten Avantgarde-Autoren, sondern die letzten Vor-Denker wie Guy Debord. Und noch im letzten Satz zitiert Wallace fast wörtlich den Schlusssatz von Michel Foucaults Hauptwerk «Die Ordnung der Dinge», wo die Spuren des klassischen vernünftigen Subjekts am Strand im Ufer von einer Welle ausgelöscht werden und einer neuen Selbst-Erfahrung weichen, wo der Wahn und das ganz andere in den Kopf des Individuums eindringt und ihn zum Explodieren bringt.
Da nützte Wallace auch kein Kopftuch mehr, mit dem er seinen Kopf vor einer solchen Explosion schützen wollte — sein Selbstmord am 12. September 2008, nein, er ist nicht, wie man jetzt mit Trauermiene herunterbetet, eine private Tragödie, sondern die letzte Form des Protestes gegen eine Welt, in der Kunst und Literatur nur noch zur Unterhaltung dienen. Wallace wurde, wie Antonin Artaud im Irrenhaus einmal schrieb: «Geselbstmordet durch die Gesellschaft». Und also auch: durch uns Leser. Ja, wir haben Wallace gemordet mit unserem Geschmack für Selbstaufgüsse und banales Buchblättern.

Von uns Lesern gemordete Dichter
Auch Bolaños Dichter sitzt in einem Irrenhaus und lässt nur noch virtuose Rauchwölkchen aus seiner Pfeife gen Himmel steigen. Bolaño, dessen Roman letztes Jahr die grössten Preise in den USA abräumte (vergleiche «Das Magazin» Nummer 4/2009), gehörte zur winzigen Dichter-Gruppe der «Infrarealisten», die sich der alten Avantgarde und den Dadaisten verschrieben hatte, alle komplexen Techniken von Borges bis Calvino übernahm, aber nicht als eitle Selbstinszenierung wie in Daniel Kehlmanns letztem Buch «Ruhm», sondern als Audruck ihrer innersten labyrinthischen Leidens-Landschaft.
Solch neunmalkluge Männer lässt Bolaño ironisch als Autoren der Zeitschrift «Vanguardia» ihren Erfolg feiern oder als Damien-Hirst-Parodien ihre abgehackte Hand auf dem Kunstmarkt als Gemälde anbieten, während Bolaño selbst eben keinen Zugriff auf sein eigenes Werk hat, es führt ein eigenes Leben und baumelt in einer Schlüsselszene des Romans wie ein berühmtes surreales Readymade von Marcel Duchamp an der Wäscheleine auf einem Balkon: ein Buch, dem der Wind die Geheimnisse mathematischer und poetischer Formeln entlockt. Melancholisches Bild für den eigenen Versuch, in «2666» ein letztes Mal die ganze Welt einzufangen und die Leser vor den Kopf zu stossen, sie dazu herausfordern, mitzudenken und mitzuprotestieren gegen den Konsum — so überragen die beiden Torsi dieser Werke die Tiefebene unserer Gegenwartsliteraturbetriebsliteratur.
Eine Avantgarde der Verzweiflung und Trauer über ihr eigenes Verschwinden, deshalb eben eine Avantgarde mit dem Blick zurück, eine Aprèsgarde. Entsetzt über ihre eigene Ohnmacht, hat sie sich selbst überlebt und steht nun im Todesfeld der Gegenwart, wo die Literatur selbst nichts anderes mehr ist als geselbstmordet durch die Leserschaft.

Wie liest man rückwärts?
Die neue Literatur braucht neue Leser! Solche, die sich nicht länger voll Angst ans Lesepult der Schule klammern und dem Zeigefinger des Lehrers das Abc nachstammeln, brav von vorn nach hinten, sondern solche, die Bücher so lesen, wie sie wollen, von hinten nach vorn vielleicht, sprunghaft: Wie viel mehr Lust bereitete «Unendlicher Spass» bei der zweiten Lektüre, als ich mit Anmerkung 24 begann, dann auf Seite 1188 einstieg, um nach dem Ende in den Anfang einzubiegen — und die Mitte wegzulassen.
Das kam so: Der Hirnkrampf war schon so stark, meine Fingernägel so blutig vor lauter Nicht-Verstehen, dass ich aus Wut Seiten zerknitterte, rausriss und wegschmiss, die englische Edition entzweischnitt, als könnte ich damit Wallace’ Kopf spalten, um in die verschlungenen Stränge seines Hirns zu blicken, laut lachend, laut fluchend, bis ich plötzlich wildfremde Badegäste wegen ihrer Tattoos beleidigte, als wären sie Nebenfiguren in seinem Roman.
Wie von einer Ahnung getrieben, stieg ich auf den Sprungturm und warf mich hinüber in die Tiefe, beim ersten Rückwärtssalto meines Lebens, stockend vor Angst. Beim Aufprall war knallklar, so muss ich das Buch lesen: hintüber, kopfüber, in einer unbekannten Drehung durch die Leere der eigenen Angst. Wild und wahllos blättern in Wallace’ Wirbel, um in der eigenen Fantasie einzutauchen.
So sollten wir Bücher selbst sampeln, anstatt brav jenen von Lektoren und Literaturagenten vorgekauten Unterhaltungsbrei zu schlucken, Löffelchen für Löffelchen portioniert, leicht verdaubare Short-Lists. Diese Lese-Häppchen sollten uns spuckegal sein. Das zeigt niemand so überzeugend wie Bolaño: Sein Roman «2666» besteht aus fünf Romanen, die man einzeln lesen und nach Lust permutieren kann: etwa mit Teil zwei beginnen, denn erst dann wird auch der kopflastige Teil eins von jener Melancholie des Wahns durchglüht, die sich anfühlt wie das Flimmern des Herzens kurz vor dem Infarkt.
Wallace reiht wie in einem Porno blendend potente Schwellkörper aneinander, während bei Bolaño die einzelnen Teile ineinander verfliessen wie in einem letalen Liebesakt: So also liest man «2666» wie das letztmögliche Buch aller Bücher, als gewaltigen Abschied von der Literatur, ein Werk, das die gesamte Welt noch einmal umfasst, voll Verzweiflung umarmt, im Bewusstsein, dass die Arme zu kurz sind für eine solche Umarmung, nicht aber zu kurz, um uns zu umarmen, uns Leser, jeden einzeln, jeden anders.

Roberto Bolaño: «2666», Hanser-Verlag, 2009
David Foster Wallace: «Unendlicher Spass», Kiepenheuer & Witsch, 2009

Stefan Zweifel stellt Roberto Bolaños Roman am 20. Oktober im «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens vor.

Zwei literarische Schwellkörper | Gina Folly
Zwei literarische Schwellkörper | Gina Folly

Die Diskussion

4 Reaktionen

  1. Daniel Jung

    Stefan Zweifels Artikel über die neu auf Deutsch erschienen Wälzer von David Foster Wallace und Roberto Bolaño hat mich etwas wütend gemacht. Seine darin vertretenen Grundthesen erscheinen mir platt. Z.B. „jedes Werk wird vom Kapitalismus vereinnahmt“: Der Kapitalismus ist also böse und saugt alles in sich auf (als ob die vielen Möglichkeiten der Lebensgestaltung in einer liberalen Ordnung nicht auch positiv wären). Der Konsum ist stets des Teufels (als ob der Mensch keine materiellen Bedürfnisse hätte). Und: Es ist katastrophal, wenn Literatur als Unterhaltung gesehenen wird (als ob Unterhaltung zwangsweise banal sein müsste). Richtig fragwürdig ist in diesem Zusammenhang seine autoritär-arrogante Interpretation des Selbstmords von David Wallace: Sein Suizid sei „nicht, wie man jetzt mit Trauermiene herunterbetet, eine private Tragödie, sondern die letzte Form des Protests gegen eine Welt, in der Kunst und Literatur nur noch zur Unterhaltung dienen.“

    Jedoch ist dieser Selbstmord natürlich auch und zuerst eine private Tragödie. Es ist in jedem einzelnen Fall tragisch, wenn Menschen durch ihre Geschichte, Lebensumstände, Persönlichkeit oder chemische Unausgewogenheit im Gehirn abgrundtief traurig werden, nur noch mit Hilfe von Medikamenten einigermassen weiterleben können oder eben nicht mehr wollen. Und es ist eine Tragödie, wenn Wallace am Ende eine einfache Geschichte der Krankheit, die von aussen das innere Selbst auffrisst, selber geglaubt hat, wie das Jonathan Franzen an seiner New Yorker Gedenkfeier gesagt hat. Auf jeden Fall aber ist Wallace nicht für das Klischee des an der Gesellschaft leidenden Künstlers gestorben, das Zweifel bedient, wenn er Schuld zuweist und davon redet, Wallace sei von dieser oberflächlichen Gesellschaft „geselbstmordet“ worden, weil er unseren „Geschmack für Selbstaufgüsse und banales Buchblättern“ nicht ertragen habe.

    Ein Hauptanliegen von Wallace erscheinen mir eine Abkehr von Selbstzentriertheit und das bewusste Zulassen von Unsicherheiten zu sein. In seiner bewegenden Kenyon-College-Abschlussrede von 2005 regt er die Zuhörer dazu an, ihre interpretatorischen Grundeinstellungen zu reflektieren. Dass auch Hunderte von Wallace-Seiten Zweifels banale Grundannahmen nicht ein Stück weit hinterfragen konnten und er mit Autorität die Bedeutung dieses komplexen und individuellen Selbstmords benennen kann und für seine These vereinnahmt, zeigt einmal mehr, wie unterschiedlich doch die Menschen sind. Wallace hinterlässt eine Ehefrau, seine Hunde, Freunde und kostbare Texte.

  2. Profile Pic
    Max Dauch

    Ich finde es unfassbar, dass der Autor dieses Artikels allen Ernstes behauptet den wahren Grund für DFW’s Tod zu kennen.
    Ich denke nicht, dass Herr Zweifel DFW nahe genug stand, um dies zu beurteilen, daher finde ich diese Aussagen präpotent.

  3. Die Aprésgarde will Kontemplation! « Metalust & Subdiskurse Reloaded

    [...] „Ja, die «Vorhut» der «Avantgarde» hat seit Baudelaire, Rimbaud und den Dadaisten alle Schlachten gekämpft, übrig blieb ein verlorenes Trüppchen, das sich in den Kampf stürzen wollte, sich aber nur noch den Windmühlen des Spektakel-Scheins gegenüber sah und mit Schreck feststellte, nurmehr noch eine «Nachhut» zu bilden, die «Aprèsgarde» in einer Gesellschaft, die von der Literatur nur noch eins fordert: unendlichen Spass in Feuchtgebieten. [...]

  4. Literarische Duelle | «KulturStattBern»

    [...] und Stimmenimitators Roberto Bolaño, das mir weit besser gefällt als das posthum erschienene «2666». Eine grossartige Lektüre. ____ Den Degen zum Buch gibt es übrigens beim führenden [...]

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