Unruhe in Appenzell

Nacktwandern wird verboten. Tanzen am Karfreitag auch. Ein Parlamentsbericht.

20.02.2009 von Mathias Ninck , 6 Kommentare

Also, das Nacktwandern. Das Nacktwandern hat die Geschäftsnummer E311.000, Traktandum 8, Landsgemeindebeschluss betreffend Revision des Übertretungsstrafgesetzes, es ist die erste Session des Grossen Rates des Kantons Appenzell I. Rh. im neuen Jahr. Ein Montagmorgen im Februar, mitten im Dorf Appenzell, das Thermometer zeigt minus sechs Grad. Es hat geschneit in der Nacht. Die Parlamentarier stapfen im Rathaus die steile Treppe hoch, hängen ihre Mäntel in die Garderobe und bewegen sich laut schwatzend zum «Grossen Ratssaal», der allerdings nicht richtig gross ist, vielleicht so gross wie ein Schulzimmer. Drei Bankreihen längs und vorne eine Reihe quer, für die Regierungsräte, die wie zu guter alter Zeit «Säckelmeister», «Landesfähnrich» oder «Stillstehender Landammann» heissen und die bis vor Kurzem auch gleichzeitig im Grossen Rat sassen (1995 kam auch in Innerrhoden die Gewaltentrennung). Mikrofone braucht es nicht. Der Appenzeller Ratssaal, in wunderschönes Arkadentäfer gekleidet, hat etwas Pastorales: Wandmalereien aus dem 16. Jahrhundert zeigen Daniel in der Löwengrube, die Taufe Jesu oder den heiligen Georg mit seinem Drachen. Es gibt Ikonen zu den Themen Liebe, Glaube und Gerechtigkeit.
Letztes Jahr waren im Alpstein Nacktwanderer entdeckt worden. Da einer, dort einer. Wieder und wieder. Sie zogen über die saftigen, grünen Hänge, födleblott. Am 11. September 2008, um 18.23 Uhr, ging auf den Zeitungsredaktionen ein Communiqué aus Appenzell ein: «In den vergangenen Tagen wurde die Kantonspolizei Appenzell Innerrhoden mit Hinweisen konfrontiert, dass im Alpstein Nacktwanderer unterwegs seien. Nach einer Meldung am Donnerstagnachmittag konnte die Kantonspolizei oberhalb von Wasserauen eine männliche Person beobachten und kontrollieren. Der Vorfall wird bei der Staatsanwaltschaft Appenzell Innerrhoden zur Anzeige gebracht.» Das Informationsbulletin schloss, was bei der Polizei ungewöhnlich ist, mit einem Kommentar: «Es ist zu hoffen, dass mit diesem Eingreifen und der angekündigten Abkühlung die Vorkommnisse der Vergangenheit angehören werden.»
Es gab Schlagzeilen, im ganzen Land. Bruno Ulmann, Geschäftsführer der AITech AG in Appenzell und Präsident der Rechtskommission des Grossen Rates, hat das Phänomen mit eigenen Augen geschaut. «Im März, bei einer Skitour auf die Ebenalp, ist mir ein solcher Webstübler begegnet», sagt er. Natürlich sind Leute, die ohne Kleidung wandern, ziemlich verdreht. Ein bizarrer Spleen, dieses Hobby. Und man versteht auch die Verunsicherung, die Nacktheit hervorrufen kann. Man fühlt sich ein wenig an Sex erinnert, und die wenigsten Menschen sind ganz im Einklang mit den eigenen Trieben. Aber trotzdem: Sind die paar Nackten zwischen Guggeloch und Hirschberg wirklich ein Problem für die Allgemeinheit? Sind sie schon. Findet Bruno Ulmann. In seinen Augen seien das «e bizzli Pickti», die das an einem fernen Strand durchaus machen dürften. «Aber wenn sie hier im Appenzell nacktwandern, sind sie am falschen Ort. Das passt efach nöd zo de Sitte do.» In der Botschaft zur Revision des Übertretungsstrafgesetzes, über die sich die Grossräte jetzt beugen, schreibt der Landesfähnrich: «In der nahen Vergangenheit traten neue unerwünschte Erscheinungen auf, bei denen die Möglichkeit bestehen muss, sie unabhängig von einem konkreten Strafantrag zu ahnden. Die Reaktionen der Bevölkerung haben gezeigt, dass solche Erscheinungen weit herum als überaus störend und belästigend empfunden werden.»

Anstössiges Verhalten
Und dann ruft die Grossratspräsidentin, Gabi Weishaupt-Stalder, in den Raum: «Traktandum 8, das Wort hat der Präsident der Kommission für Recht und Sicherheit, Grossrat Bruno Ulmann.» Bruno Ulmann: «Frau Grossratspräsidentin, hochgeachteter Herr Landammann, geschätzte Damen und Herren des Grossen Rates und der Standeskommission! Eine ungeahnte Dimension hat das Nacktwandern in der Presse angenommen. Die Aufnahme in die Strafnorm scheint uns von der Rechtskommission richtig zu sein. (…) Mit diesem Gesetz hat die Polizei ein griffiges Instrument, um Littering, Lärm und anstössigem Verhalten zu begegnen. Die Rechtskommission beantragt dem Grossen Rat, auf die Gesetzesrevision einzutreten und sie der Landsgemeinde 2009 in empfehlendem Sinn zu unterbreiten.» Der Landesfähnrich, Melchior Looser, der ein halbes Jahr zuvor noch davor gewarnt hatte, aus Innerrhoden einen Polizeistaat zu machen, dankt dem Grossrat Ulmann für die Präsentation der Vorlage. Er sagt jetzt (sinngemäss), es gebe vermehrt Leute, die ihre persönliche Freiheit über das Gemeinwohl stellten. Dem müsse entgegengewirkt werden. Die Grossratspräsidentin gibt das Wort frei. Einer will wissen, ob die Überwachung des Verbots dann allenfalls etwas wäre für Polizisten in Zivil, aber Carlo Schmid, der politische Dinosaurier im Saal, winkt ab. Chabis. Ende der Detailberatung. Die Gesetzesvorlage wird ohne Diskussion und ohne Gegenstimme an die Landsgemeinde überwiesen.

Gämsen beobachten
Die Politik ist katholisch in Appenzell Innerrhoden. Stockkatholisch. «Davon leitet sich hier fast alles ab», sagt Josef Fritsche, Redaktor beim «Appenzeller Volksfreund». Die Zeitung deckt mit ihrer Auflage von 5500 Exemplaren mehr als 91 Prozent aller Haushalte in Innerrhoden ab. Es sei höchstens eine Handvoll Leute, die sich wegen der Nacktwanderer wirklich echauffiert hätten. «Aber unser Kanton ist so klein, da kennt jeder jemanden beim Gesetzgeber.» Und weil der Liberalismus in Innerrhoden nie gross gewesen sei, mache man dann halt ein Verbot. «Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.» Fritsche lacht. Bussen werde es nicht hageln, meint er. Er stellt es sich ungefähr so vor: Die Leute sitzen im Bergrestaurant und schauen mit dem Feldstecher, ob sie eine Gämse oder einen Steinbock sehen. «Ich weiss nicht, vielleicht ruft dann mal einer mit dem Handy die Polizei an, wenn ihm ein Nackter vor der Linse durchläuft.»
Es ist Pause, dreissig Minuten, die Grossräte marschieren in Gruppen durch die Hauptgasse. Verschwinden auf einen Kaffee in der Beiz. Zuvor, bei Traktandum 7, ist das Gastgewerbegesetz dran gewesen, es wurde beantragt, das unlängst aus dem Gesetz gekippte Tanzverbot in der Karwoche nun doch zu belassen. Grossrat Josef Manser: «Ich kann den Antrag zur Beibehaltung des Tanzverbotes unterstützen, gerade auch im Namen der Innerrhoder Kirchenräte. Es got nid emol in eschte Linie oms Taaze! Sondern viel mehr um die übertriebene Betriebsamkeit, Jubel, Trubel und so weiter, verbunden mit Alkohol und Drogen. Macht übrigens auch keinen guten Eindruck auf unsere Touristen. Viele regen sich auf über die Auswüchse. Sie würden sich wünschen, wenn wenigstens in der Karwoche – immerhin die höchsten Feiertage – eine gewisse Zurückhaltung gelten würde. Heute Morgen hat die Grossratspräsidentin gesagt, wir müssten wieder zurückfinden zu den bewährten Werten. Also! In dem Sinne danke ich für die Unterstützung des Antrags.» Grossrat Alfred Sutter auf der anderen Seite des Saals hat die Stirn gerunzelt und gebrummt: «Ich habe eigentlich nicht einmal etwasgegen das Tanzverbot. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass die jungen Leute, die tanzen wollen, halt runter ins Rheintal gehen oder rüber nach Österreich. Ich nehme aber an, dass die Innerrhoder Kirchenräte das wissen.» Schallendes Gelächter, anhaltende Heiterkeit. Aber das Tanzverbot wird wieder ins Gesetz hineingeschrieben. In Appenzell Innerrhoden hat man eines begriffen: Ohne Verbot kein Reiz.

Die Diskussion

6 Reaktionen

  1. Daniele Meyer

    Ich empfinde mich eigentlich als einen aufgeklärten, unverkrampften Menschen und doch habe ich mit Nacktwandern auch ein Problem. Nicht weil ich denke, dass mein Kind Schaden nehmen kann, wenn es jemanden födliblott beim Wandern sieht, aber irgendwie kann ich den Reiz nicht nachvollziehen. Weil es mir doch ziemlich abwegig erscheint, im Eva-Kostume in die Migros zu gehen oder bei der Arbeit zu erscheinen… und Wandern gehört für mich Vielleicht-doch-Bünzli eben in die gleiche Kleiderkategorie.

  2. Ewald Rudolf von Rohr

    Falls die Nachtwanderer aus dem Appenzellischen Innerrhoden ausgewiesen würden, bekämen sie sicher im Aargauischen Rüebliland Asyl, wenn Carlo Schmid und Co im Gegenzug vom wildschweingeplagten und -verwüsteten Fricktal ein paar Wildschweine übernehmen würde.

  3. Maria Stalder

    In sämtlichen Zeitungen hat man über Nacktwanderer (nicht Nacktwanderinnen) gelesen. Und doch muss das Magazin eine nackte Frau in “super Wanderschuhen” publizieren. Das noch in einer Ausgabe, in der das Hauptthema Schülerinnen und Schüler sind! Bravo! Wollt Ihr damit den männlichen Lesern eine Freude machen? Oder sie anwerben? Eigentlich lese ich das Magazin immer gerne. Aber nun ärgere ich mich nur noch!

  4. Peter Dörig

    Nacktwanderer
    Wie der Herrgott sie erschaffen,
    oder stammen sie vom Affen?,
    födleblott, ojemine!,
    wandern sie am Seealpsee.
    Feldstecher werden konfisziert,
    weil mancher halt ganz ungeniert
    einen Blick auf eine Chose
    wirft, die gänzlich ohne Hose.
    Was nicht sein kann, was nicht sein darf,
    bedinge darum eine Straf’,
    liest der Innerrhoder Dörig,
    ein Gesetz jedoch ist vörig.

  5. Arthur Hollinger

    Grossartig dieses Bild der erwachsenen Heidi.
    Die beste Reklame für die Schweizer Berge.

  6. Erwin Fuchs

    Der Alpstein liegt in schwersten Wehen danieder: er zangengebärt ein Mäuslein. Aber alle Achtung, hier werden von den um unser Wohlergehen ach so besorgten Behörden klare Prioritäten zugunsten von Zucht und Ordnung gesetzt. Denn wo kämen wir hin, wenn man einfach so im Naturzustand in die „freie Natur“ gehen könnten? Die Frage ist jetzt, ob dieses appenzellische Zeichen der (Doppel-) Moral nun auch bald von anderen Regierungen als politisches Thema erkannt wird. Übrigens müsste Nacktwandern eigentlich aus gesundheitlichen Gründen (wie Rauchen) verboten werden: wegen augenblicklich erhöhtem Hautkrebsrisiko.

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