Verliebt in eine Quitte

23.10.2009 von Michèle Roten , 6 Kommentare

Haben Sie schon mal über Quitten nachgedacht? Quitten. Quince, Coing, Cotogna. Alle Begriffe sehr passend. Lautmalerisch, sozusagen. Wenn eine Quitte Geräusche machen würde, dann wärs quitte-quince-coing-cotogna. Ich habe viel über Quitten nachgedacht, als ich sie neulich geerntet habe. Noch nie habe ich so viel über eine Frucht nachgedacht. Und je mehr ich über sie nachdenke, desto verwirrter werde ich. Was für eine widersprüchliche Kreatur. Ich werde das Gefühl nicht los, dass mir diese Frucht irgendein Zeichen geben will. Dass sie ein Symbol sein, eine Analogie erzählen will. Aber wofür? Also.
Die Quitte. Die Quitte ist eine gelbe Frucht, die an einem Baum wächst. Die Quitte ist ziemlich hässlich. Tumorig sieht sie aus, mit ihren tiefen Schründen, den dicken Wucherungen. Schaut man sie aber länger an, wird die Frucht plötzlich enorm obszön und wahnsinnig sexy.
Ein brauner Flaum überzieht sie, ein ganz und gar uncharmanter Damenbart. Aber er lässt sich leicht wegrubbeln, und dann erstrahlt die Quitte in einem zauberhaften Glanz.
Die Quitte ist hart. Schwer. Holzig. Sie sieht aus wie eine pflegeleichte, solide, treue Frucht. Nicht so ein kapriziöses Apriköschen. Aber wenn sich die Quitte nicht schon am Baum einem Fäulnisprozess hingibt, dann spätestens innert Sekunden, nachdem ein klitzekleines Stückchen ihrer Oberfläche beschädigt wurde. Irgendjemand hat mal über irgendeine Frau gesagt: Sie sieht zu wenig gut aus, als dass sie sich wie eine Diva benehmen könnte. Daran muss ich immer denken, wenn ich eine Quitte in der Hand habe und sie sich anstellt.
Quitten riechen betörend. Es ist ein Geruch, der an alles erinnert, aber nichts imitiert. Honig. Schlüsselblumen. Zitronen. Bienenwachs. Er ist frühlingshaft frisch und rein, aber gleichzeitig ranzig und rottig wie der herbstliche Verfall. Die Quitte lockt also und verströmt ihren betörenden Odem, aber man kann gar nichts mit ihr anfangen. Wenn man den Fehler macht, in eine Quitte zu beissen, bleibt einem wortwörtlich die Spucke weg. Die Quitte macht das. Sie trinkt dich aus, sie saugt dich auf. Will man also ihren Geruch, ihren Geschmack einfangen, muss man sie verarbeiten. Das erfordert ungefähr tausend schweisstreibende Arbeitsschritte. Ganz zu schweigen von der Ernte, schon eine Quitte in Stücke zu schneiden ist Schwerstarbeit. Und kaum an der Luft, wird sie natürlich braun, und die Stücke sehen aus wie Bratkartoffeln. Dann die Schälerei, die Kocherei, die Passiererei! Erst nach Stunden, Blut und Tränen schenkt sie sich einem. Was übrig ist, ein winziges bisschen, ihr Herz, ihre Essenz, in einem Configläschen. Reines Glück.
Ich glaube, die Quitte will mir etwas über die Liebe sagen.

Die Diskussion

6 Reaktionen

  1. mariusc

    im süden von chile isst man die quitte (el membrillo – auch sehr klingend) roh – mit einer brise salz… süsslich-salzige angelegenheit

  2. Dominic

    Das ist eine spannende Verdichtung. Vom süsslichen Geschmack von Muttermilch, der bekanntlich aus den .itten kommt. Verdichtet mit der Bedeutung von ‘Quit’ im Sinne von Beenden/Abbrechen. Vielleicht will Dir dein Unbewusstes sagen, dass Du das Muttermilch trinken langsam lassen kannst und selbständig werden darfst. Vielleicht solltest Du auch ganz konkret das Alkohol Trinken lassen. Weg vom Süssen der kindlichen Liebe, hin zum Bittersüssen (weil unperfekten) der erwachsenen Liebe.

  3. Roxx

    Gestern abend bis nach Mitternacht Quitten gerubbelt, gevierteilt, gekocht, abgesiebt, mit Zucker vermischt und zu Gelee eingekocht. Ausserdem noch etwas Quitten-Likör (auch bekannt als “Mother’s Little Helper”) angesetzt. Heute morgen um 5 Uhr(!) aufgestanden, Tagi geholt, Espresso rausgelassen und wie immer als erstes Miss Universum aufgeschlagen. Das muss man sich mal vorstellen: In der Wohnung noch immer der betörende Duft der Quitten und dann dieser herrliche Artikel.

    Ja, du hast das Wesen der Quitte präzise erkannt.

    Übrigens: Lass dir nichts einreden von wegen kein Alk mehr trinken. Jedenfalls nicht solange es so etwas Nettes wie das oben erwähnte Gebräu gibt – von welchem ich dir eigentlich gerne ein Fläschchen schicken würde, sozusagen als Dank für all die guten, interessanten, lustigen, irritierenden oder auch mal verqueren Kolumnen.

  4. Ma Sch

    Meine Liebe zur Quitte begann in der 3. Klasse auf dem Nachhauseweg: Den Altenbergsteg überquert und bereits wieder im Aufstieg am Botanischen Garten vorbei, lagen einige wunderschöne Exemplare im Strassengraben, die mich darum baten, mitgenommen zu werden. Meine Mutter bereitete, anstatt mit mir über die Unverfrorenheit zu schimpfen, einen wunderbar schmeckenden Quittengelée.
    Inzwischen mit Familie ausgerüstet, ist es meine (Vaters) Aufgabe die Quitten zu bürsten, mit dem Sparschäler zu schälen, im Entsafter ihres Elexiers zu befreien, die übrig bleibenden Viertelschnitze sorgfältig ihres Kernenhauses und der harten Steinchen zu entledigen und zusammen mit Apfelsaft, etwa so viel wie das entzogene Elexier, zu einem Q-Mus zu sterilisieren. Mmmmh. Übrigens, das Elexier wird zum bereits oben erwähnten Q-Gelée zubereitet. Entschuldigt den Ausflug in die Küche … aber Liebe geht bekanntlich durch den Magen … bzw. durch die Geschmacksknospen …

  5. linalina

    i feel the same way about this weird fruit

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