Verliebt in einen Eisbären

Alle glauben, sie liebten Knut, den kleinen Eisbären. Doch Charles Embree, Tierpfleger in einem Zirkus in den USA, war wirklich in einen Eisbären verliebt. Der amerikanische Psychoanalytiker Robert U. Akeret erzählt die Geschichte eines seiner bizarrsten Fälle.

07.05.2007 von Robert U. Akeret

Was sie zunächst erblickt, wenn sie erwacht,
Sei’s Löwe, sei es Bär, Wolf oder Stier,
Ein naseweiser Aff’, ein Paviänchen:
Sie soll’s verfolgen mit der Liebe Sinn;
William Shakespeare, Ein Sommernachtstraum

Die Autobahn 75 brachte mich von Miami in nordwestlicher Richtung nach Sarasota, der Stadt mit 361 Sonnentagen im Jahr und das letzte Zuhause des verstorbenen Zirkuskönigs John Ringling. Ich kam an einem Dienstagmittag an, ganze 24 Stunden, bevor ich mit Charles Embree verabredet war, den ich zuletzt vor fast 30 Jahren gesehen hatte. Ich war dankbar, noch einen Tag für mich zu haben, bevor ich Charles wiedertraf; ich war immer noch dabei, mein Treffen mit Isabella zu verdauen.

Ich nahm mir ein Zimmer im Comfort Inn und ging genüsslich und ausgiebig im Pool schwimmen, bevor ich mir die Stadt ansah. Sarasotas Architektur verleiht der Stadt ein deutlich mediterranes Flair; das zeigt sich in dem herrlichen botanischen Garten im Herzen der Stadt, im grossartigen Kunstmuseum «John and Mabel Ringling Museum of Art» draussen am Bayshore Drive und in der eleganten Ringling-Villa, Ca’d'zan, die dem venezianischen Dogenpalast nachempfunden ist. Ringling, der in Baraboo, Wisconsin, aufwuchs und ein romantischer Träumer war, wurde instinktiv von der Pracht und der Dekadenz Italiens angezogen, wo aus den ursprünglichen Vorstellungen mit Tieren, die man im Kolosseum zeigte – die Kämpfe Christen gegen Löwen –, der erste Zirkus entstanden sein soll.

Nach dem Mittagessen – gebratenem Tunfisch in einem Café mit Blick auf den Jachthafen – fuhr ich in die Nachbarstadt Venice, die so von John Ringling getauft worden und Sitz seiner Ausbildungsakademie war, dem Clown College. Dort, in einem festen installierten Zirkuszelt, wurden die neuen Nummern für die Ringling Brothers und den Barnum & Baily Circus einstudiert. Besucher waren willkommen, die Tribüne praktisch leer. Ich setzte mich in die hintersten Reihen hoch über der Hauptmanege.

Ein muskulöser junger Mann in eng anliegender Hose, einem ärmellosen Oberteil und mit lockigen Haaren hing kopfüber von seinem Trapez, während eine grazile und hübsche junge Frau im hautengen Kostüm ihm gegenüber durch die Luft schwang. Aus der Anlage klang Tschaikowski – das Schlusssolo des «Schwanensee». Die junge Frau war die Verkörperung der Anmut, eine schwebende Ballerina. Aber das war nicht der einzige Grund dafür, dass ich meinen Blick nicht von ihr abwenden konnte.

Der junge Mann schwang nun synchron mit der Bewegung der jungen Frau. Er war der Fänger. Sie würde bald loslassen, um 15 Meter über dem Boden durch die Luft zu fliegen und seine ausgestreckten Arme zu ergreifen. Natürlich gab es ein Netz, aber ich wusste nur zu gut, dass sie weit entfernt vom Netz auf den mit Sägespänen bestreuten Boden aufschlagen oder in einem solch unglücklichen Winkel im Netz landen konnte, dass sie der Sturz zum Krüppel machen oder töten würde. Erst vor ein paar Jahren hatte einen der berühmten Fliegenden Wallendas dieses Schicksal ereilt. Die Musik wurde lauter. Ich kniff vor Entsetzen die Augen zu, mein Herz hämmerte.

In Wahrheit war ein dunkler Teil von mir von der Gefahr fasziniert und stellte sich immer wieder vor, wie dieser verführerische Engel die ausgestreckten Arme des Fängers verpasste und auf dem Boden aufschlug. Das ist die Dramatik, die Spannung zwischen Erfolg und Misserfolg, die uns alle an unsere Sitze fesselt. Natürlich hätte ich nicht so interessiert zugeschaut, wenn die junge Frau nicht so attraktiv gewesen wäre, aber ganz sicher hätte ich nicht mit einer solchen Faszination zugesehen, wenn sie nicht auch in tödlicher Gefahr geschwebt hätte. Schlussendlich unterscheide ich mich wahrscheinlich gar nicht so sehr von Caligulas Publikum im Zirkus Neronis, das aufgeregt zusah, als nackte Gladiatoren von hungrigen Löwen gejagt wurden. Sex und Gefahr waren immer eine erfolgreiche Kombination im Showgeschäft.

Die junge Frau liess los. Sie machte einen Doppelsalto in der Luft und streckte dann ihre Arme nach dem kopfüber hängenden Mann aus. Er fing sie. Ich seufzte erleichtert. Nein, ich wollte sie nicht zu Tode stürzen sehen. Ich bin nicht pervers.

Aber bei Gott, ich wollte sie das nochmal machen sehen.

«Robi, ich habe einen heiklen Fall, und ich möchte, dass du ihn dir ansiehst. Rollo dachte, du wärst vielleicht der richtige Mann. Er glaubt, man brauche hier einen unorthodoxen Ansatz.»

Dr. Goldman war am Telefon, Chef des Beratungsdienstes der New York University. Wir schrieben das Jahr 1965. Ich hatte inzwischen eine eigene Praxis.

«Was können Sie mir darüber sagen?», fragte ich.

«Ich würde Ihnen lieber nicht so viel erzählen und sich Ihr eigenes Bild machen lassen. Der junge Mann heisst Charles Embree. Ehemaliger College-Student.» Goldman hielt kurz inne, bevor er hinzufügte: «Er arbeitet momentan in einem Zirkus.»

Das alleine hätte ausgereicht, mich davon zu überzeugen, den Fall anzunehmen. Solange ich denken kann, habe ich den Zirkus geliebt. Wenn ich auf dem Tennisplatz einmal mehr als zwei Bälle in der Hand habe, fange ich unweigerlich an zu jonglieren – zumindest versuche ich es. Und wenn ich mit meinem Pferd durch die Wälder von Adirondack reite, dann reite ich in Gedanken höchstwahrscheinlich ohne Sattel durch die Hauptmanege des Schumann Circus. Aber in Wahrheit brauchte ich keinen weiteren Anreiz, mir Charles Embree anzusehen, als den, dass Rollo May – der Lehrer, den ich so sehr bewunderte – mich für diese Aufgabe empfohlen hatte. Wie fast jeder bin ich über den Wunsch, die Erwartungen meines «Vaters» zu erfüllen, nie ganz hinausgewachsen.

Charles Embree kam an einem frühen Freitagmorgen zu unserer ersten Sitzung. Er war ein grosser junger Mann mit rundem Gesicht, zotteligem Bart, langem Haar und einem runden Körper. Oberhalb seiner linken Augenbraue war ein Verband, der bis zum Haaransatz reichte. Er schlenderte schwermütig zu mir herüber und drehte seinen Kopf hin und her, während er die Einrichtung meiner Praxis betrachtete. Trotz des Barts hatte Charles etwas von einem übergrossen Jungen. Wie viele meiner männlichen Patienten bei ihrer ersten Sitzung wollte er mir die Hand geben – ein Ritual, das geschichtlich gesehen darauf zurückgeht, den anderen auf versteckte Waffen zu überprüfen. Seine Hand war überraschend weich, sein Griff sanft. Ich deutete auf den Stuhl mir gegenüber, und wir setzten uns beide.

«Also, was bringt Sie zu mir?», fragte ich behutsam.

«Ich glaube, ich habe ein paar Schwierigkeiten zu entscheiden, ob ich meinen Job behalten will», antwortete Charles. Er sah mich ohne erkennbare Angst direkt an, während er sprach. Seine Stimme war leise, etwas rau, aber angenehm. «Wissen Sie, manchmal glaube ich, ich sollte etwas anderes machen.»

Häufig erhasche ich in diesen ersten ein, zwei Minuten mit einem neuen Patienten visuelle oder akustische Hinweise, vielleicht sogar unterschwellige Resonanzen, die mir ganz allgemein sagen, welche Art von Last er mit sich herumträgt: eine tiefe Depression, Angst, eine gezielte Furcht. Gelegentlich konnte ich nonverbale Anzeichen von Paranoia oder einer bestimmten Phobie entdecken. Aber dieses Mal sah ich praktisch nichts – höchstens vielleicht einen Anflug der «Melancholie eines jungen Mannes». Ich nickte Charles zu, um ihn zu ermuntern, weiterzuerzählen.

«Aber ich liebe den Zirkus», sagte er mit offensichtlicher Begeisterung. «Ich liebe alles drum herum – die Gerüche, die Zuckerwatte, die Tiere.» Er zuckte mit den Schultern und lächelte schüchtern. «Ich weiss nicht, vielleicht bin ich nie erwachsen geworden. Ich wollte mit dem Zirkus abhauen, seitdem ich ein kleiner Junge bin, und jetzt, wo ich dort bin, will ich nicht wirklich weg.»

Bis dahin erschien mir seine Situation in hohem Masse vernünftig. Der Himmel weiss, dass ich mich problemlos damit identifizieren konnte. In meinen Gedanken preschte ich weit vor und fragte mich, was sein Problem sein konnte. Hatten die Eltern des jungen Charles konservativere berufliche Pläne für ihren Sohn? Konnte das vielleicht das «heikle» Problem sein, das die Intervention eines «unorthodoxen» Therapeuten benötigte?

«Und welches Argument spricht dagegen, beim Zirkus zu bleiben?», fragte ich.

Charles zuckte wieder mit den Schultern.

«Es ist – es ist ein etwas unsicheres Geschäft», sagte er und blickte nach unten.

«Unsicher?»

«Na ja, gefährlich, ehrlich gesagt», sagte Charles und sah mich noch immer nicht an.

Aha, das war es also. Charles machte bei einer gefährlichen Nummer mit – dem Hochseil vielleicht, oder dem Trapez. Für beides schien er jedoch nicht den passenden Körper zu haben. Vielleicht war er die menschliche Kanonenkugel. Diese Art von Arbeit konnte einen Mann dazu bringen, ernsthaft über einen Berufswechsel nachzudenken.

Ich wartete. Charles seufzte und liess seinen haarigen Kopf weiter sinken; dann zuckte er wieder mit den Schultern.

«Ich habe mich bei der Arbeit in jemanden verliebt», sagte er schliesslich unglücklich.

Es handelte sich also um eine Gefahr der anderen Art – eine «Gefahr des Herzens». Wieder wartete ich, aber als Charles für mehrere Minuten nichts sagte, fragte ich nach: «Und wie läuft es?»

«Auf und ab. Na ja, nicht besonders gut, eigentlich.» Charles wiegte seinen Kopf vor und zurück. Dann, in einem plötzlichen Gefühlsausbruch, sagte er: «Ich war noch nie in meinem Leben so verliebt, Doktor. Noch nie!»

Ich sah Charles teilnahmsvoll an. Trotz der vielen hundert Male, bei denen sich mir in meiner Praxis ein von unerwiderter Liebe gebrochenes Herz gezeigt hat, ist es immer wieder schmerzvoll anzusehen.

«Erzählen Sie mir von…» Ich stoppte mich selbst, bevor ich mich auf ein Geschlecht festlegte.

«Sie ist eine unglaubliche Schönheit», fiel Charles feurig ein. «Sinnlich. Leidenschaftlich. Aufreizend. Ich will sie unbedingt haben, seitdem ich sie zum ersten Mal gesehen habe.»

«Und sie?»

«Ich muss sie für mich gewinnen. Das ist das Einzige, was ich wirklich im Leben will», sagte Charles atemlos. «Und ich glaube, ich kann es. Es ist nur eine Frage der Zeit.»

Charles kramte jetzt in der Tasche seines Hemds nach etwas. Es war ein Foto. Er betrachtete es einen Moment lang mit offensichtlicher Zuneigung und gab es mir dann.

Das Foto zeigte Charles, dünner und ohne Bart, neben einem auf den Hinterbeinen stehenden Eisbären in einer Zirkusmanege. Einige Sekunden lang war mir die Bedeutung dessen, was ich sah, nicht klar. Als sie mir schliesslich bewusst wurde, musste ich jedes mir verfügbare Quentchen Selbstbeherrschung aufbringen, um ruhig zu lächeln und in einer natürlich klingenden Stimme zu sagen: «Sie ist reizend.»

Auf Charles’ Gesicht machte sich Erleichterung breit. Ich hatte seine Romanze zu seinen Bedingungen akzeptiert.

«Ihr Name ist Zero», fügte er in vertraulichem Ton hinzu, so als sei diese Information ein Geschenk aus Dankbarkeit.

In diesem Moment stieg in mir – als verzögerte Reaktion – Panik auf. Gemessen an jedem mir bekannten diagnostischen Kriterium war Charles ein ernsthaft kranker junger Mann. Darüber hinaus war ich nach meiner damaligen beruflichen Erfahrung nicht darauf vorbereitet, eine dermassen ungewöhnliche Störung zu behandeln. Trotzdem hatte Rollo May Dr. Goldman gesagt, dass er glaube, ich sei der richtige Mann für diese Aufgabe. Ich atmete tief durch und betrachtete den liebeskranken jungen Mann, der mir gegenübersass.

Und dann überkam mich die Panik zum zweiten Mal. Ich starrte auf den Verband auf Charles’ Stirn und wusste auf einmal, warum seine Arbeit so gefährlich geworden war.

«Warum hat sie Sie gekratzt?», fragte ich leise.

Charles sah beschämt zu Boden.

«Sie war noch nicht bereit für mich», antwortete er mit gekränkter Stimme. «Ich habe sie gedrängt, und sie war noch nicht so weit.»

Ohne weiteres Nachfragen erzählte mir Charles genau, wie es passiert war. Seit über einem Jahr war er der Assistent von Glorious Glorianna, der Frau, die Zero trainierte und mit ihr auftrat. Charles hatte sich, wie er es ausdrückte, sofort «Hals über Kopf» in die Bärin verliebt, hatte aber seine Annäherungsversuche ihr gegenüber auf leise geknurrte Koseworte und das Tätscheln von Flanke und Hals beschränkt, wenn er im Käfig oder während der Aufführung in der Manege war. Es war Vorschrift, dass er eine dicke Schutzlederjacke tragen musste, wann immer er Kontakt mit den Bären hatte, und das tat er. Eisbären, liess Charles mich sachlich wissen, seien besonders gefährlich, denn sie könnten einen Menschen mit einem einzigen Hieb töten und schlugen ohne Vorwarnung zu.

In der fraglichen Nacht – genau zwei Wochen, bevor Charles an mich verwiesen wurde – blieb er noch spät in den Tiergehegen nahe dem Gelände in New Jersey, wo der Zirkus auftrat. Er sass vor Zeros Käfig und hatte einen Sixpack Bier weggeputzt, während er die ganze Zeit leise mit der Bärin gesprochen hatte, ihr gesagt hatte, wie sehr er sie mochte, und ihr gelegentlich einen «Bärenkeks» durch die Gitterstäbe geworfen hatte. Und dann, als er schliesslich Mut gefasst hatte, schloss er die Käfigtür auf, ging zu Zero hinein und säuselte Liebkosungen. Sie erwiderte diese mit einem umgehenden Hieb ihrer rechten Pranke auf seine Schulter. Zum Glück trug er seine Lederjacke, und seine einzige Verletzung war der Kratzer an seiner Stirn, wo ihn eine Kralle gestreift hatte. Er musste mit 14 Stichen genäht werden.

Ich hörte Charles’ langer Erzählung mit der gleichen äusserlichen Ruhe zu, die ich hatte aufbringen können, als er mir zu Anfang die Identität seiner Geliebten verraten hatte. Interessanterweise fiel mir das schon etwas leichter. Hatte der Schock bereits angefangen nachzulassen? Ich lehnte mich zu Charles hinüber.

«Was hatten Sie gehofft, würde zwischen Ihnen beiden passieren?», fragte ich.

Charles zuckte schüchtern mit den Schultern. «Ich wollte ihr nur ein bisschen Zuneigung zeigen», sagte er. «Ein bisschen mit ihr kuscheln.»

«Ist das alles?»

Charles zuckte wieder mit den Schultern, sagte aber nichts.

«Waren Sie sexuell erregt?», fragte ich.

Charles sah mich mit ruhigem Blick an.

«Echte Zuneigung führt doch immer zu Sex, oder?», sagte er mit leicht erhobener, herausfordernder Stimme. «Das ist nur natürlich.»

Natürlich? Meine Gedanken rasten. Ich hatte diese Unterhaltung nur deshalb mit solcher Gelassenheit führen können, weil ich über die Grenzen dessen, was als «natürlich» betrachtet wurde, hinausgegangen war.

«Natürlich vielleicht, aber es klingt ganz sicher riskant», antwortete ich freundlich lächelnd.

Charles zögerte; ich glaube, er suchte in meinem Gesicht sehr genau nach Anzeichen von Missbilligung und Hohn. Schliesslich lächelte er zurück.

«Das Risiko der Liebe.» Er seufzte leise.

Ich wusste jetzt mit absoluter Klarheit, dass ich zuallererst versuchen musste, Charles’ Leben zu retten und ihn davon abzuhalten, von der Umarmung seiner Geliebten zu Tode gedrückt zu werden. Wie die Arbeit zwischen uns auch immer aussehen würde – sie würde entweder im Dienst dieses Ziels stehen oder diesem untergeordnet sein. In bestimmter Hinsicht hätte dieser Fokus meine erste therapeutische Entscheidung erleichtern müssen. Das war nicht der Fall.

Wenn ein Patient sein Leben riskiert – entweder durch einen selbstzerstörerischen «Unfall» oder durch vorsätzlichen Selbstmord –, qualifiziert er sich automatisch zur Einweisung in eine psychiatrische Anstalt. Dort kann er Tag und Nacht überwacht und, wenn nötig, medikamentös ruhig gestellt werden. Ich zweifle nicht daran, dass eine Einweisung Leben retten und, im umgekehrten Fall, die nicht erfolgte Einweisung eines Patienten zu dessen frühzeitigem Tod führen kann. Ich weiss das nur zu gut.

Drei Jahre vor Charles hatte ich einen promovierten Kollegen an einer psychiatrischen Klinik für Kriegsveteranen. Diese Einrichtung war ein regelrechtes Schlachtfeld für die Therapeuten, welche die generelle Nutzung von psychotropen Medikamenten befürworteten – häufig in Kombination mit der Elektroschocktherapie –, und diejenigen, die, wie ich selbst, glaubten, dass Medikamente und Elektroschocks nur dann genutzt werden sollten, nachdem anderen Methoden eine ausreichende Erfolgschance eingeräumt worden war – vor allem Einzel- und Gruppentherapie.

Eines Tages wurde ich gebeten, einen Veteranen mit schweren Depressionen zu beurteilen, der erst kürzlich im Krankenhaus aufgenommen worden war. Dieser junge Mann, ein Medizinstudent im zweiten Jahr, hatte fürchterliche Angst vor der Elektroschocktherapie. Er hatte auf der Station bereits morbide Witze über einen elektroschockbegeisterten Psychiater gehört, von dem die anderen Patienten sagten, er sei «in Con Edison ausgebildet» worden. Ich versicherte dem jungen Mann, dass ich ihn in einer meiner Therapiegruppen aufnehmen und er somit garantiert keine Elektroschocks erhalten würde, zumindest nicht für eine sehr lange Zeit. Ich war neu an dieser Einrichtung, und es war mir nicht bekannt, dass Patienten, die einer Therapiegruppe angehörten, automatisch besondere Privilegien hatten, was einschloss, dass sie an den Wochenenden nach Hause gehen durften. Da ich wusste, wie schwer depressiv dieser Patient war, hätte ich ihm eine solche Erlaubnis nie erteilt – aber mein Supervisor tat es. An diesem allerersten Wochenende fuhr der Patient nach Hause und schoss sich mit der Pistole seines Vaters in den Kopf. Wie viel Verantwortung auch immer ich in diesem tragischen Fall getragen oder auch nicht getragen hatte – der Selbstmord dieses jungen Mannes verfolgte mich und verfolgt mich noch immer.

Aber was war mit diesem jungen Mann, der mir gegenübersass und der zu einer Eisbärin zärtlich sein wollte – einer widerwilligen Geliebten mit tödlichen Klauen? Es schien mir, Rollo May hätte die sofortige Einweisung von Charles empfohlen, hätte er geglaubt, dass diese hätte erfolgen müssen. Darüber hinaus war sich Charles offensichtlich der Gefahr bewusst, die er einging, wenn er sich Zero näherte; am Abend seines «Stelldicheins» hatte er seine Schutzjacke getragen. Und noch etwas anderes durchzog meine überlegungen: Charles in eine Anstalt zu sperren – im Endeffekt wie in einem Käfig –, konnte ihn nur noch weiter in seine Identifizierung mit dem Tier treiben. Aber viel wichtiger als irgendeine dieser Erwägungen war die Tatsache, dass Charles von sich aus Hilfe gesucht hatte. Und laut eigener Aussage brauchte er diese bei der Entscheidung, ob er seinen gefährlichen Beruf beibehalten sollte oder nicht. Ich glaube, Charles bat mich um Hilfe, sein Leben zu retten. Er wusste sehr genau, wie leicht seine Leidenschaft ihn töten konnte.

Unsere 50 Minuten waren fast abgelaufen.

«Wenn wir weiter zusammenarbeiten wollen, müssen Sie mir etwas versprechen», sagte ich.

Charles hob die Augenbrauen.

«Sie müssen mir versprechen, dass Sie so lange nicht versuchen werden, zu Zero in irgendeiner Weise zärtlich zu sein, bis unsere Arbeit vorbei ist. Danach können Sie tun, was Sie wollen.»

Charles kratzte sich den Bart.

«Okay, ich verspreche es», sagte er.

«Gut.» In diesem Augenblick glaubte ich ihm.

Charles erhob sich schwerfällig von seinem Stuhl.

«Ach übrigens, ich kann nur fünf Wochen zu Ihnen kommen», sagte er beiläufig.

«Und warum?»

«Weil dann der Zirkus die Stadt verlässt.»

Nachdem Charles gegangen war, sass ich einige Minuten regungslos da, während ich aufgewühlt versuchte, Charles’ Lage zu verstehen. Was in Gottes Namen bedeutete es, eine Eisbärin zu lieben? Worin lag die emotionale Befriedigung? Und welche emotionalen Erwartungen hatte Charles an die Bärin? Glaubte er wirklich, seine Liebe zu dem Tier könne erwidert werden? Zählte die Erwiderung überhaupt?

Ich verstand ganz sicher, was es bedeutete, ein persönliches Verhältnis zu einem Haustier zu haben; als Junge hatte ich eines zu meinem Pferd gehabt. Ich wusste, wie es war, allein in den Stall zu gehen und einem vierbeinigen Freund meine grössten Geheimnisse anzuvertrauen und zu glauben, dass der Ausdruck in seinen Augen zeigte, er verstehe jedes Wort und fühle völlig mit mir. Ausserdem wusste ich, wie tröstlich es war – und auch wie unumwunden sinnlich –, wenn sich eine warme Pferdenase an meine Brust schmiegte. Ich liebte mein Pferd wirklich; auch liebe ich das Pferd, das ich heute habe. Aber was Charles beschrieb, war Liebe einer vollkommen anderen Kategorie. Sie war tief und romantisch. Sie war der Ersatz dafür, einen anderen Menschen zu lieben. Und dazu – wie meistens bei der reifen, zwischenmenschlichen Liebe –, war es eine Liebe, die «natürlich» zu Sex führte.

Zoophilie – der Drang, sexuelle Beziehungen zu Tieren zu haben – ist eine Unterkategorie der Paraphilie, deren Abweichung (para) darin liegt, wovon das Individuum angezogen wird (philia). Zu dieser Kategorie zählen auch die häufiger vorkommenden Störungen Exhibitionismus, Fetischismus, Frotteurismus (dem zwanghaften Anfassen von und Sich-Reiben an Fremden), Pädophilie, sexueller Masochismus, sexueller Sadismus, Transvestie und Voyeurismus. Laut dem Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen ist all diesen Störungen die sexuelle Erregung als Reaktion auf «ungewöhnliche Objekte, Aktivitäten und Situationen» gemein.

Aber an diesem Tag im Jahr 1965 hatte keines der Bücher in meinem Regal einen Eintrag für «Paraphilie», nur für «sexuelle Abweichungen und Perversionen». Und dort, zusammen mit Pädophilie und Fetischismus, wurde das «abnorme Erregungsaktivitätsmuster» aufgeführt, das man Homosexualität nennt.

Unglaublich.

Nur acht Jahre, nachdem ich Charles Embree zum ersten Mal getroffen hatte, schwänzte ich einen Tag die Arbeit, um einen Vortrag von Dr. Thomas Szasz an der Cornell University zu hören. Szasz hatte die etablierte Psychiatrie mit seinem revolutionären Buch Geisteskrankheit – ein moderner Mythos? auf den Kopf gestellt, in dem er die psychologischen Standardkonzepte brillant auseinandernahm. In diesem Buch hatte Dr. Szasz die vertrackte Frage gestellt, über die Leute in meinem Beruf bevorzugt nicht nachdenken – oder sie zumindest nicht öffentlich diskutieren: Wer entscheidet überhaupt, wer verrückt ist?

Nachdem Szasz dem Publikum des zum Bersten vollen Universitätssaals vorgestellt worden war, nahm er ein Stück Kreide in die Hand, ging wortlos zum anderen Ende der Tafel und schrieb die Zahlen «58%», «38%» und «4%» an. Dann schlenderte er zurück zum Podium und begann seinen Vortrag über die Geschichte des Konzepts «psychische Störung» in der westlichen Zivilisation. Nach einer Dreiviertelstunde berichtete Szasz, dass er gerade auf der Jahresversammlung der American Psychiatric Association gewesen und diese erhabene Gesellschaft in ihrer kollektiven Weisheit zu dem Entschluss gekommen sei, dass sie hinsichtlich der Homosexualität die ganze Zeit über falsch gelegen habe – dass sie doch keine «psychische Störung» sei.

«Und das – da drüben – ist ihr Abstimmungsergebnis», sagte Dr. Szasz und deutete auf die Zahlen, die er an die Tafel geschrieben hatte. «58 Prozent stimmten dafür, die Homosexualität nicht länger als Geisteskrankheit zu führen, 38 Prozent waren dagegen, und vier Prozent haben sich enthalten. Ist Demokratie nicht eine tolle Sache?»

10 646 Mitglieder hatten darüber abgestimmt. Das war im Jahr 1973.

Natürlich konnte ich 1965 noch nicht von dieser Abstimmung profitieren. Und selbst wenn ich das gekonnt hätte, selbst wenn gleichgeschlechtliche Liebe bereits aus der Schublade der «psychischen Störungen» herausgefallen gewesen wäre: Welche Auswirkungen hätte das auf die Liebe zwischen verschiedenen Spezies gehabt? War die «Abnormalität» der Zoophilie von Natur aus anders als die «Abnormalität» der Homophilie? Statistisch gesehen nicht so sehr; laut Kinsey haben 7 Prozent der Jungen, die auf Bauernhöfen aufwachsen, Sex mit Tieren.

Es gab einen interessanten Hinweis in der allgemeinen Definition von Perversion im Diagnostisches und Statistisches Manual. Er besagte, dass diese Störungen die sozialen und sexuellen Beziehungen beeinträchtigen können, «wenn der Sexualpartner es ablehnt, sich an den ungewöhnlichen sexuellen Neigungen zu beteiligen». In der Tat war dies in Bezug auf Zero ein ernsthaftes Problem für Charles.

Dies war aber auch ein Problem für die überwiegende Mehrheit meiner Patienten bei ihren Männern, Frauen und Geliebten.

Es gab eigentlich nur eine diagnostische Frage, die ich bei Charles beantworten musste: Ob er sich zu der Bärin trotz der Gefahr, die sie für ihn darstellte, sexuell hingezogen fühlte oder wegen ihr. Handelte er im Sinne der Liebe, wie er behauptete? Oder war er selbstzerstörerisch – ein sexueller Masochist? Das war keine wissenschaftliche Frage, über die ich mir in Ruhe den Kopf zerbrechen konnte. Mein Fünf-Wochen-Countdown lief.

Als Charles am folgenden Montag hereinkam, schien er irgendwie anders, aber es vergingen einige Minuten, bevor mir klar wurde, was verändert war: Sein Bart war einige Nuancen heller als am Freitag zuvor. Er hatte ihn gebleicht, und ich wusste augenblicklich, warum: Charles wollte einem Eisbären ähnlicher sehen. Mir wurde nun klar, warum er überhaupt einen Bart hatte. Und die zottigen Haare. Und seinen massigen Körperumfang. Durch all dies versuchte er, Zero für sich zu gewinnen. Ich machte ihm ein Kompliment zu seinem gefärbten Bart.

«Sieht gut aus», sagte ich. «Vielleicht hilft es.»

Charles lächelte und war offensichtlich zufrieden.

Ich blieb instinktiv bei meiner ersten Reaktion, Charles’ Werben um Zero ernst zu nehmen. Ich wollte so weitermachen, als habe ich zwei gleichwertige Möglichkeiten: entweder Charles dabei zu helfen, sein Verhältnis zu Zero befriedigender zu gestalten, oder ihm dabei zu helfen, sich von einer unglaublich gefährlichen Liaison mit ihr zu lösen. Würde ich nur auf Letzteres drängen, konnte ich sicher sein, Charles’ Vertrauen zu verlieren. Ehrlich gesagt glaube ich tief in meinem «unorthodoxen» Herzen, dass ich – hätte ich eine Möglichkeit entdeckt, Charles bis an sein Lebensende glücklich und sicher mit Zero zusammenleben zu lassen – ihm dabei geholfen hätte.

Ich beschloss, mit Charles so weiterzumachen, wie ich in jedem anderen Fall vorgegangen wäre – mit dem Ergründen seiner persönlichen Geschichte. Ich hörte ihm zu und achtete auf Hinweise darauf, wie er in diese «gefährliche» Situation hatte hineingeraten können, in der Hoffnung, den Schlüssel zur Lösung zu finden. Ganz sicher erwartete ich nicht, eine umfassende Theorie erstellen zu können, die erklärte, warum gerade dieser Mann von einer Bärin erotisch angezogen wurde. Ich bezweifelte, dass es irgendeine für mich akzeptable Theorie gab, so wie ich auch zum Beispiel skeptisch gegenüber denjenigen Theorien bin, die vorgeben zu erklären, warum ein Mensch homosexuell wurde und ein anderer nicht. Es kommt mir normalerweise so vor, als drehten sich solche Theorien im Kreis, da sie im Endeffekt die Auswirkung als Beweis für die Ursache anführen.

Aber wieder stand mir eine überraschung bevor.

Hier ist die Geschichte, die Charles mir erzählte.

Er war das einzige und nicht geplante Kind eines älteren Ehepaars. Sein Vater Padraic, ein wohlhabender Industrieller, war bereits in Rente, als Charles geboren wurde, und seine Mutter Katherine, kränklich und depressiv, verbrachte die meiste Zeit im Bett. Sie lebten auf einem abgelegenen Landgut, wo die Tage vorübergingen, ohne dass viel geredet wurde, nicht einmal beim Essen. Soweit Charles sich erinnern konnte, hatte er nur ein Mal gesehen, dass seine Eltern sich berührten. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass sein Vater ihn jemals berührt hatte.

Sein Vater war nur von einer einzigen Sache besessen: seinem College Bowdoin. Er glaubte, dieser Institution seinen enormen Erfolg zu verdanken, und engagierte sich daher stark in den Aktivitäten der Ehemaligen – bei Wohltätigkeitsveranstaltungen, dem Organisieren von Klassentreffen, dem Anwerben begabten Nachwuchses. Sein Zuhause, seine Kleidung, sein Auto – überall fand sich das Emblem Bowdoins, das ein Erbe des berühmtesten ehemaligen Schülers war, des Arktisforschers Robert Peary, Abschlussjahrgang 1877. Dieses Emblem war ein Eisbär.

«überall waren Eisbären», erzählte mir Charles. «Auf den Lampen, den Aschenbechern, den Gläsern, den Knüpfteppichen. In allen 22 Zimmern in unserem Haus hatten wir Bowdoin-Stühle, und auf die Rückseiten der Lehnen waren Eisbären gemalt. Vater hatte einen geschnitzten Pfeifenständer in Form eines Eisbären. Auf die Seiten des Kombis, in dem mich der Chauffeur zur Schule fuhr, liess er Eisbären malen. Und zum Geburtstag und zu Weihnachten bekam ich immer einen Eisbären als Stofftier. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals etwas anderes bekommen zu haben. Als ich 13 war, hatte ich mehr als 30 davon.»

Das Bild des Eisbären hatte die Funktion eines mächtigen Totems im Haus der Embrees: Der Grosse Eisbär wurde dafür geliebt und verehrt, dass er Padraic solchen Erfolg geschenkt hatte. Und für den kleinen Charles waren diese Bären mehr als Götter; sie waren seine einzigen Gefährten. Tatsächlich gab es im Leben des kleinen Charles viel mehr Eisbären als Menschen, und von diesen Eisbären bekam er unendlich mehr Intimität und Trost als von den Menschen.

«Als ich vier oder fünf war, gab Vater mir diesen Eisbärenteddy, der grösser war als ich», erzählte Charles weiter. «Ihr Name war Lucky, und ich nahm sie überallhin mit. Ich unterhielt mich stundenlang mit ihr. Lucky erzählte mir Witze und gab mir Ratschläge. Und manchmal, wenn etwas Trauriges passierte oder wenn wir uns besonders einsam fühlten, weinten wir zusammen. … Jeden Abend schlief ich in Luckys Armen ein. Ich liebte diesen Bären. Wir liebten uns beide.»

Ich fragte Charles, ob er während der Unterhaltungen für Lucky gesprochen hatte, aber er zuckte mit den Schultern, ohne zu antworten. Er sprach weiter.

«Wenn Mutter mich badete, nannte sie meinen Po den Grossen Bären und meinen Penis den Kleinen Bären», sagte er. «So wie: ‹Denk dran, den Kleinen Bären zu waschen, damit er sich nicht ausgeschlossen fühlt.›»

Später in dieser Stunde erzählte er: «Manchmal, wenn es Mutter gut genug ging, spielte sie gerne dieses Spiel mit mir, bei dem sie sich einen grossen Pelzmantel anzog – normalerweise hatte sie dann nur eine Unterhose darunter – und mich dann jagte. Sie versteckte sich hinter einer Tür, wartete auf mich, und wenn ich nahe genug kam, stürzte sie sich auf mich. Sie schlang die Arme um mich und zwickte mich mit ihrem Mund in den Bauch, während sie die ganze Zeit brummte.» «Wie ein Bär», kommentierte ich.

Charles hob die Hände, als wolle er sagen: «Natürlich.»

«Und Ihnen hat dieses Spiel gefallen?», fragte ich.

«Klar. Es war gruselig, aber ich habe es geliebt.»

Unglaublich. Erfand Charles das alles vielleicht? Es fing an, fast schon komisch zu wirken, so als wäre ein Drehbuchautor aus Hollywood gebeten worden, eine plausible Ursache für Charles’ sexuelle Ausrichtung zu erfinden. Was Charles mir als Nächstes erzählte, überraschte mich wenig.

«Als ich zwölf war, schlief ich immer noch mit Lucky. Sie war von den vielen Jahren ganz abgegriffen. Wie auch immer, eines Nachts, als ich sie streichelte, erregte mich das. Sie wissen schon, eine Erektion. Und das Nächste, an das ich mich erinnere, ist, dass ich auf ihr kam. Eine tolle überraschung. Es war mein erster Orgasmus.»

Er praktizierte dies bald regelmässig.

«Luckys Maul war offen; es ging ein Stück weit hinein. Also habe ich den Kleinen Bären an Lucky gerieben, bis er hart war, ihn dann in ihren Mund gesteckt und bin gekommen», erzählte mir Charles. «Einmal hat mich Mutter dabei erwischt. Sie hat einen furchtbaren Wirbel gemacht, aber das hat mich nicht davon abgehalten, es die folgende Nacht wieder zu tun.»

Charles erzählte mir das alles mit sachlicher Stimme, ohne dass es ihm offensichtlich peinlich war. In dieser letzten Geschichte war er ganz selbstverständlich dazu übergegangen, seinen Penis Kleiner Bär zu nennen. Und warum auch nicht? Im Rahmen seiner Erziehung war es vollkommen normal.

Charles sah seinen ersten lebenden Eisbären im Alter von 14 Jahren, als sein Vater zum ersten Mal mit ihm in den Zoo ging.

«Es war überwältigend», erzählte er mir. «Ich war so aufgeregt, ich konnte nicht aufhören, die ganze Zeit vor den Gitterstäben herumzutanzen. Sie war so gross. Sie lebte. Sie bewegte sich von selbst. Sie sah mich direkt an. Ich konnte es nicht glauben. Ich sagte zu meinem Vater, dass ich mich um Bären kümmern wolle, wenn ich gross sei.»

«Und was hat er gesagt?»

«Oh, ich werde nie vergessen, was er gesagt hat», erzählte mir Charles und lehnte seinen schweren Körper nach vorne. «Er sagte, dass Eisbären unglaublich gefährlich seien. Aber dass es die grösste Herausforderung sei, der sich ein Mann stellen könne, wenn er echter Gefahr ins Auge sehe.»

«Und erinnern Sie sich daran, wie Sie sich da gefühlt haben?»

«Ja. Ich war sicher, dass er absolut Unrecht hatte», sagte Charles. «Ich dachte, dass man nicht mutig sein musste, um einem Bären ins Auge zu sehen. Man musste nur freundlich und liebenswürdig sein.»

An diesem Punkt in Charles’ Leben fingen beide Elternteile an, ihn vor den Gefahren zu warnen, die von den Frauen ausgingen. Sie seien nur hinter dem Geld der Männer her, liess ihn sein Vater ernsthaft wissen, und seine Mutter fügte hinzu, dass die meisten ansteckende, tödliche Krankheiten hätten.

Sieben Jahre später, im Alter von 21 Jahren, hatte Charles sein erstes, schicksalhaftes Zusammentreffen mit Zero. Er war mit einem Freund vom College in den Zirkus gegangen. Dort, spät am Abend, kam Glorious Glorianna mit ihren drei Eisbären in die Hauptmanege und absolvierte ihren Auftritt, während dem die Bären tanzten, jonglierten und durch Reifen sprangen.

«Vom ersten Moment an, als ich sie sah, war ich fasziniert von Zero», erzählte mir Charles. «Ich konnte mich nicht von ihr losreissen.

Mein Herz fing an zu pochen. Ich bekam Schweissausbrüche. Es war Schicksal, oder so. Ich verliebte mich auf der Stelle in sie. In dieser Nacht, als ich nach Hause kam, musste ich ständig an sie denken.»

«Haben Sie masturbiert?»

«Ja.»

«Während Sie an sie dachten?»

«Ja.»

«Hat sie Sie an Lucky erinnert?», spekulierte ich.

Charles zuckte mit den Schultern.

«Ich frage mich nur, warum Zero und nicht die beiden anderen Bären.» Ich machte weiter Druck.

Zum ersten Mal an diesem Tag starrte mich Charles wütend und verächtlich an.

«Warum verliebt sich jemand in jemand anderen?», erwiderte er scharf mit erhobener Stimme. «Es gibt da einfach diese Verbindung, und das war’s. Sie wissen schon, wie in ‹Strangers in the Night›.»

Meine Gedanken rasten. Wieder einmal hatte Charles mich an den Rande des Abgrunds gebracht. Ich atmete tief durch, um einen klaren Kopf zu bekommen.

«Also, wie haben Sie sie kennen gelernt?», fragte ich.

Charles sah mich einen Moment lang kritisch an, als müsste er entscheiden, ob ich es verdiente, mehr zu hören. Schliesslich erzählte er weiter.

«Ich fand heraus, dass Zero und die anderen Bären ausserhalb der Saison im Zoo von Toledo untergebracht wurden, also fuhr ich in den Weihnachtsferien per Anhalter dorthin. Glorianna war auch da, und an manchen Nachmittagen trainierte sie mit ihnen in einer Art Pferch – frischte die Nummer auf, brachte ihnen neue Sachen bei, so was.»

«Na ja, eines Tages schaute ich ihnen beim üben zu, und einer der Hocker brach zusammen, und der Bär fiel heftig hin. Er schrie und brüllte. Dann fing er an, wie wahnsinnig im Kreis zu rennen. Chaos brach los. Also rannte ich ohne gross nachzudenken hin, um zu helfen. Ich weiss nicht genau, wie ich es geschafft habe, aber ich habe sie alle ziemlich schnell beruhigt. Glorianna war erstaunt. Und sie war sehr dankbar, so dankbar, dass sie mir auf der Stelle einen Job als Assistent angeboten hat. Und ich habe ihn auf der Stelle angenommen. Ich bin nie mehr an die New York University zurückgekehrt, habe nicht einmal meine Sachen abgeholt. Ich war genau da, wo ich sein wollte – bei meiner grossen Liebe.»

So endete meine zweite Sitzung mit Charles. Ich fühlte mich noch benommener als nach der ersten.

Hatte ich jetzt eine Theorie, die erklärte, warum Charles sexuell auf einen Eisbären fixiert war? Die Frage ist fast lächerlich. Die Wahrheit ist: Wäre ich darum gebeten worden, ein Entwicklungsmodell zu entwerfen, um einen Menschen zu erschaffen, der sich sexuell auf einen Eisbären fixieren soll, ich hätte kein besseres entwerfen können. Berücksichtigt man den Entwicklungsverlauf, den mir Charles gerade beschrieben hatte, dann war es in der Tat nur schwer vorstellbar, dass er sich von etwas anderem als von Eisbären primär sexuell angezogen fühlen konnte. Sicher nicht zu menschlichen Wesen.

Es war, als ob sich Padraic und Katherine Embree gezielt nach allen Seiten abgesichert hatten. Keine Brüder, Schwestern oder anderen Spielkameraden für Charles – nur naturgetreue Eisbärenteddys, mit denen er reden und spielen konnte. Kein liebevoller elterlicher Kontakt – nur Eisbären zum Schmusen. Sogar bei den wenigen körperlichen Kontakten mit Charles tat Katherine so, als sei sie ein Bär, ein schauriger, pelziger Bär, der verführerisch in seinen Bauch zwickte. Charles wurde gezielt beigebracht, seine Genitalien mit Bären zu identifizieren, was die sexuellen Verbindungen vervollständigte. Und für den Fall, dass in Charles ein Interesse an menschlichen Frauen aufkeimen sollte, wurde ihm erzählt, dass diese bösartige Krankheiten übertrugen.

Es gibt zuhauf Theorien über die Gründe sexueller Identifizierung und Abweichung, aber in diesem Fall stellte mich die einfachste von ihnen vollkommen zufrieden. Meine Quelle hierfür war nicht Freud oder Jung, sondern Konrad Lorenz, der österreichische Verhaltensforscher und Nobelpreisträger. Ich erinnere mich an ein Bild von Lorenz, wie er sich hinhockte und vor einer Herde neugeborener Graugänse watschelte, deren Mutter gestorben war. Die Gänse, die genetisch prädisponiert sind, dem ersten «Watschler» zu folgen, den sie treffen, bildeten sofort eine Reihe hinter Lorenz, watschelten hinter ihm her und banden sich an ihn. Ab diesem Zeitpunkt verhielten sie sich gegenüber Lorenz, wie sie sich gegenüber einer Gänsemutter verhalten hätten. Das, so schrieb der Tierverhaltensforscher, war ein klassisches Beispiel für die Wechselbeziehung von Natur und Umwelt, die wir als Prägung bezeichnen.

Es erschien mir eindeutig, dass Charles schlicht auf Eisbären «sexuell geprägt» war. Der natürliche, ungezielte Sexualtrieb, mit dem er geboren worden war, band sich an die eine Sache, die tröstlich, «persönlich», sinnlich, stimulierend und geschlechtlich war in seinem jungen Leben. Ein Eisbär war das primäre Objekt seiner erwachenden Sexualität, also verfolgte er es mit der Liebe Sinn.

Aber was sagte mir das über Charles’ Beziehung zu selbstzerstörerischen Impulsen? Natürlich war das «Auflauernder-Bär-Spiel» seiner Mutter herrlich schaurig. Und sein Vater hatte ihn gelehrt, dass es die wahre Prüfung seiner Männlichkeit sei, einen gefährlichen Bären zu bezwingen. Legten diese Elemente nahe, dass sein Hingezogensein zu Zero in Masochismus wurzelte?

Das glaubte ich nicht. Ich hatte den Eindruck, dass die Bestandteile Gefahr und Macht höchstens zweitrangig waren gegenüber der Intimität und Sinnlichkeit, die Charles’ sexueller Grundprägung eigen war. Ich glaubte jetzt mehr denn je, dass Charles sich genauso selbstverständlich in Zero verliebt hatte wie ich mich in meine Frau.

Ich erinnere mich, wie aufgeregt und stolz ich mich an diesem Montagnachmittag fühlte. Der Countdown mochte laufen, aber ich war viel weiter, als ich nach nur zwei Sitzungen mit Charles erwartet hatte. Doch wie sollte es von hier aus weitergehen, wo ich so überzeugt davon war, dass sich die Natur von Charles’ «abweichenden» Wünschen praktisch zwangsläufig ergab? In bestimmter Hinsicht hätte sich meine Aufgabe leichter gestaltet, wäre Charles wirklich ein Masochist gewesen; dann hätte man zumindest die «Gefahr» von der «Krankheit» nicht trennen können. Aber das war nicht der Fall. Ich hatte kein Interesse daran, Charles «normal» zu machen, sondern ihn am Leben zu erhalten. Wie sollte ich vorgehen, um ihn von dem natürlichen Objekt seiner Liebe zu lösen? Das erschien mir nicht einfacher als der Versuch, einen Homosexuellen zu «heilen».

In den folgenden Wochen liefen die Sitzungen nicht gut.

Charles erschien mir so bewusst und rational, dass ich dachte, wir könnten versuchen, mit Logik weiterzukommen. Ja, er liebe Zero, argumentierte ich, aber durch nichts, was er tue, werde sie dies jemals erwidern. Das sei ihm sicher klar? Aber Charles wandte verbittert ein, ich glaube nicht an die Macht der Liebe. Am Ende werde sie über Zeros Widerstand siegen.

Oberflächlich gesehen klingt das wie eine krankhafte Wahnvorstellung, aber eigentlich war Charles’ Reaktion nicht anders als die der meisten meiner Patienten, die stur an unmöglichen Beziehungen festhielten. Das wird schon werden, meinten sie beharrlich. Es braucht nur Zeit. Die Liebe ist niemals einfach, aber sie überwindet alle Hindernisse.

Eine weitere Woche ging vorüber, und Charles wurde mit jedem Besuch molliger. Seine Haare und sein Bart waren jetzt ganz weiss gebleicht. Wieder machte ich ihm ein Kompliment über sein bärenhaftes Aussehen. Ich kam nicht einen Schritt voran.

Dann konfrontierte ich ihn mit einem, wie ich dachte, genialen Ansatz. Ich schlug in vernünftigem Tonfall vor, Zero liebe ihn sehr wahrscheinlich auch, aber sie könne ihre gefährlichen, bösen Triebe nicht kontrollieren, egal, wie sehr sie das gerne würde. Also müsse er ihr helfen, sie unter Kontrolle zu bringen, und das bedeute natürlich extreme Massnahmen. Warum bändige er sie nicht jedesmal mit einer Beruhigungsspritze, wenn er mit ihr intim sein wolle?

Wie erwartet fand Charles diesen Vorschlag äusserst widerwärtig. Er war respektlos gegenüber Zero; er bedeutete nichts anderes als vorsätzliche Vergewaltigung. Charles wurde wütend auf mich, weil mein Ansatz Zero «entmenschlichte». Aber sie war kein Mensch; darauf wollte ich hinaus. Konnte Charles nicht einsehen, dass diese neue Situation neue Verhaltensregeln erforderte? Wie hatte er überhaupt vor, Zero «sicher» zu machen? Wenn nicht mit einer solchen extremen Massnahme, wie dann?

Aber Charles rückte von seinem Zorn über meinen «beleidigenden» Vorschlag keinen Millimeter ab, und er war noch während der nächsten vier Sitzungen wütend auf mich. Drei Wochen waren vorbei, und mir gingen die Ideen aus.

Am Montag der vierten Woche kam Charles nicht zum vereinbarten Termin. Auch nicht am Freitag oder am Montag darauf. Ich machte mir solche Gedanken um ihn, dass ich mich dabei ertappte, wie ich besorgt an ihn dachte, während ich mit anderen Patienten arbeitete – eine Todsünde in meinem Beruf. Am Montag rief ich schliesslich den Zirkus in New Jersey an. Die Frau, die meinen Anruf entgegennahm, war überraschend vorsichtig. Sie sagte mir nichts über Charles, ausser, dass sie ihm eine Nachricht hinterlassen werde.

Am Freitag kam Charles pünktlich zu seinem Termin in meine Praxis. Um den Kopf trug er einen breiten, weissen Verband, seinen rechten Arm hatte er in einer Schlinge. Er liess sich behutsam auf seinem Stuhl nieder und zuckte vor Schmerz zusammen.

«Ich dachte, wir hätten eine Vereinbarung», sagte ich nach langem Schweigen.

Charles zuckte mit den Schultern. «Wir kamen sowieso nicht voran», antwortete er und mied meinen Blick.

«Wir haben noch Zeit.»

«Wir sind praktisch fertig», sagte Charles.

«Sie sind praktisch fertig», erwiderte ich scharf. «Schauen Sie sich an!»

Für einige Minuten sagte Charles nichts. Er rutschte auf seinem Stuhl hin und her, so als wolle er aufstehen und gehen, aber er blieb sitzen. Ich wartete.

«Ich werde Ihnen etwas sagen, Doktor», sagte er schliesslich. «Hierher zu kommen und die ganze Zeit über Zero zu reden bewirkt nur, dass ich sie noch mehr haben will. Sicher, jetzt weiss ich, warum ich mich in einen Bären verliebt habe – das war nicht schwer herauszufinden –, aber das ändert nichts. ändert das Wissen jemals irgend etwas?»

«Manchmal», antwortete ich.

«Tja, lassen Sie mich Ihnen noch etwas sagen.» Charles war verbittert. «Ich will von Ihnen keine weiteren Beleidigungen über sie hören. Dafür bin ich nicht hierher gekommen.»

«Wozu sind Sie denn hergekommen, Charles?»

Charles zuckte mit den Schultern. «Das weiss ich auch nicht mehr», sagte er düster.

Ich befürchtete jetzt, dass ich bei Charles absolut alles falsch gemacht hatte. Indem ich seine Liebe zu Zero anfangs als «normal» akzeptiert und aufgezeigt hatte, dass sie das «natürliche» Resultat seiner Erziehung war, hatte ich Charles in seinen leidenschaftlichen Impulsen bestätigt. Auf eine bestimmte Art und Weise hatte ich seiner Liebe das Eine gegeben, das fehlte: «elterliche» Anerkennung. Dann, indem ich umschwenkte und auf Zeros gefährlicher, «bestialischer» Natur herumhackte, hatte ich Charles in eine Verteidigungshaltung gedrängt, aus der er sich für seine Geliebte einsetzte. Er klang definitiv so, als sei er ihr jetzt enger verbunden als zu Beginn der Therapie vor vier Wochen.

Ich sah zu Charles hinüber. Mit seinem von weissen Verbänden umwickelten Kopf und seinem Bart, der weisser war denn je, sah er wirklich wild und pelzig aus, halb Mensch, halb Tier. In diesem Moment wirkte er auf mich, als gehöre er tatsächlich in einen Käfig.

Dafür war es noch nicht zu spät. Ich konnte das jetzt vorschlagen, und wenn es Charles ablehnen würde, sich selbst in ein psychiatrisches Krankenhaus einzuweisen – und ich war mir ziemlich sicher, dass er es ablehnen würde –, konnte ich wahrscheinlich seine Eltern davon überzeugen, dass es das Beste für Charles wäre, wenn sie ihn einweisen liessen. Ich würde ihnen sagen, dass seine Einweisung so etwas wie eine «Schutzhaft» sei. Ich zweifelte nicht im Geringsten daran, dass ein weiterer nächtlicher Besuch in Zeros Käfig Charles den Rest geben würde. Ich machte mir keine Gedanken mehr darüber, ob seine Einweisung einem Eingeständnis meines eigenen Versagens gleichkam. Ich hätte nicht damit leben können, hätte mein fehlerhaftes professionelles Urteil zu Charles’ Tod beigetragen.

Ich war buchstäblich nur Sekunden davon entfernt, diesen Plan in die Tat umzusetzen, als mir eine ungewöhnliche Idee durch den Kopf schoss – ungewöhnlich, und im Rückblick doch völlig offensichtlich.

«Wissen Sie, Charles, keiner von uns beiden hier war Zero gegenüber wirklich fair», sagte ich. «Ich meine, Sie reden die ganze Zeit davon, was Sie Zero gegenüber empfinden, und ich rede die ganze Zeit davon, was ich von ihrer Beziehung zu Zero halte. Aber sie bleibt immer aussen vor.»

Charles sah mich argwöhnisch an. «Wovon reden Sie jetzt, Doktor?»

«Ich rede von Respekt», sagte ich. «Ich rede davon, dass jede Beziehung zwei Seiten hat, und ich habe bisher nur eine kennengelernt.»

Charles wirkte ängstlich. Ich wertete das als gutes Zeichen.

«Sehen Sie, ich denke, Sie haben recht, Charles: Sie und ich haben an diesem Punkt praktisch alles getan, was wir zusammen haben tun können», sagte ich weiter. «Lassen Sie mich Ihnen erzählen, was ich normalerweise mit Paaren mache, die ähnliche Probleme haben wie Sie: Ich mache eine Sitzung mit beiden gemeinsam. So kann ich beide Seiten kennen lernen. Paartherapie.»

Charles war die Kinnlade heruntergefallen. Ich wollte ihm keine Möglichkeit geben, mit mir zu diskutieren, also stand ich unverzüglich auf, ging zu meinem Wandschrank und holte meine Jacke heraus.

«Lassen Sie uns gehen», sagte ich.

Charles blieb sitzen.

«Ich, ich weiss nicht genau», stammelte er.

«Was haben wir zu verlieren?», warf ich ein und öffnete die Tür meiner Praxis. Ich wusste, dass ich nichts zu verlieren hatte; dies war meine letzte Chance.

Charles zögerte noch einen Moment, dann stand er schwerfällig auf und folgte mir zur Tür hinaus. Während wir auf den Aufzug warteten, steckte ich den Kopf in meine Wohnung und bat meine Frau, meine restlichen Termine für diesen Tag abzusagen. Sie sah Charles hinter mir und fragte nicht, warum.

Charles fuhr uns in seinem Wagen nach New Jersey, einem VW Käfer, hinter dessen Lenkrad sein stämmiger Körper kaum passte. Ich bot mich an zu fahren, da er durch seine Verletzungen nur einen Arm zur Verfügung hatte, aber Charles lehnte ab und sagte, dass er sich unwohl fühle, wenn andere Leute fuhren. Er schaltete sofort einen Radiosender mit seichter Musik an. Ich war froh, nicht reden zu müssen.

Als wir über die George-Washington-Brücke fuhren, kurbelte ich mein Fenster herunter und liess mir den Wind vom Fluss her ins Gesicht blasen. Ich fühlte mich verrückt und verängstigt zugleich, ähnlich wie ein kleiner Junge, der weggelaufen ist, auf dem Weg zum Zirkus. Ich wollte nicht in Gedanken durchspielen, was auch immer jetzt auf mich zukommen würde; ich glaube auch nicht, dass ich das gekonnt hätte, selbst wenn ich es versucht hätte.

Der Zirkus war auf einem Rummelplatz nicht weit von den Palisades aufgebaut. Obwohl es später Vormittag war, als wir ankamen, schienen die meisten Menschen dort gerade erst aufgestanden zu sein. Sie sassen auf Plastikstühlen vor ihren Wohnwagen und nickten Charles und mir über ihre Kaffeetassen hinweg zu. Ich fragte mich, ob sie die genauen Umstände seiner Verletzungen kannten. Wenn ja, fanden sie wahrscheinlich nicht viel dabei. Zirkusleute, glaubte ich, erschütterte nichts so leicht.

Schweigend führte mich Charles vorbei an den geschlossenen Einlasshäuschen, deren rote und goldene Verzierungen in der späten Morgensonne glitzerten, zur Rückseite des Zirkuszelts. Dort, auf der anderen Seite eines Parkplatzes, war der Bereich für die Tiere. Als wir näher kamen, konnte ich die Köpfe von mehreren Elefanten in ihrem Verschlag sehen. Einer von ihnen sah mich mit einem schwarzen Knopfauge an, als wir vorbeigingen, hob seinen Rüssel und trompetete kurz. Als Nächstes kamen Pferde, dann Löwen. Die letzten drei Käfige standen etwas entfernt von den anderen; in jedem sass ein einzelner Eisbär.

Auf ihre schiere Grösse war ich nicht vorbereitet. Der erste Bär, ein Männchen, stand vorne in seinem Käfig, als wir ankamen. Er war mindestens 2,70 Meter gross und wog über 500 Kilogramm.

«Guten Morgen, Bendix», sagte Charles zu dem Bären – fast so, als würde er einen Arbeitskollegen begrüssen.

Bendix antwortete nicht.

Der zweite Bär wirkte kleiner, aber die Grösse war schwer einzuschätzen, denn er lag und schlief. Zero war im letzten Käfig. Sie sass aufrecht, die gebeugten Beine mit den sich berührenden Fersen vor sich, und ihre Arme lagen locker in ihrem Schoss. In dieser Haltung sah sie ungewöhnlich gutartig aus, fast wie ein übergrosser Teddy. Mit ihren nur ungefähr 300 Kilogramm war sie deutlich kleiner als die beiden Männchen.

Sie wendete Charles sofort den Kopf zu, als wir herankamen. Charles lächelte, nickte sanft, sagte aber nichts. Einige Sekunden lang sahen sie sich still an. Ich möchte mir nicht anmassen, Vermutungen darüber anzustellen, was im Kopf oder im Herzen der Bärin vorging. Aber was ich sah, ging über ein Wiedererkennen hinaus, sogar über das Bekenntnis einer langen, tiefen Vertrautheit wie der zwischen mir und meinem Pferd, wenn ich zu ihm ging. Was ich zwischen Charles und Zero sah, schien mir menschlicher Intimität ungewöhnlich ähnlich.

In diesem Augenblick versuchte ich mit all meiner Vorstellungskraft, mit Charles mitzufühlen; zu fühlen, wie es ist, diese Bärin so zu lieben wie eine Frau. Sie zu begehren. Ich gebe zu, ich konnte es nicht. Ich konnte nicht einmal erahnen, wie es wäre. Ich kann in die Hauptrolle so manch merkwürdiger Fantasie schlüpfen, aber nicht in diesem Fall.

Jetzt nahm Zero mich wahr, richtete sich auf allen Vieren auf und gab ein leises Grollen von sich. Sie war über meine Anwesenheit eindeutig nicht erfreut. Ich blickte mich schnell um. Niemand ausser uns war zu sehen. Ich wandte mich Charles zu.

«Okay, lassen Sie uns anfangen», sagte ich.

Charles verschränkte die Arme vor der Brust. Ich konnte sehen, wie sich auf seinen Lippen eine höhnische Bemerkung bildete.

«Sie sind den ganzen weiten Weg hierher gekommen, um mich lächerlich zu machen, oder?», stiess er hervor.

«Nein, das ist nicht wahr», antwortete ich leise.

«Na ja, das ist lächerlich, und Sie wissen das», sagte Charles weiter, verbittert. «Sie verstehen Zero nicht. Sie können sie überhaupt nicht verstehen.»

«Das weiss ich», sagte ich. «Aber Sie verstehen sie. Das kann ich deutlich sehen.»

«Und was soll das heissen?», sagte er herausfordernd.

«Das heisst, dass Sie ihr helfen können», sagte ich. «Helfen Sie ihr dabei, auszudrücken, was sie fühlt. Geben Sie ihr eine Stimme.»

Mein Herz pochte. Ich stürmte ohne Plan vorwärts und improvisierte von Satz zu Satz.

«Wovon reden Sie jetzt, Akeret?»

«Ich habe einige Fragen an Zero», sagte ich. «Dinge, die hilfreich sein könnten. Ich frage mich, ob Sie ihr helfen können, sie zu beantworten.»

Charles starrte mich an. Mir fiel auf, dass seine Wangen unter seinem Bart rot wurden. Er protestierte nicht. Ich nutzte die Chance.

«Was ich gerne wissen würde», sagte ich ruhig, «ist, wie sie sich dabei fühlt, hier eingesperrt zu sein?»

«Ich hasse es!», schoss Charles zurück. Er schien von der Vehemenz seiner Worte überrascht zu sein.

«Warum das?»

«Warum? Weil es mich wahnsinnig macht, darum. Vollkommen wahnsinnig. Ich kann mich hier drin kaum umdrehen. Und ich kann mich kein bisschen zurückziehen. Es ist erniedrigend!»

Ich hatte keine Zeit, mich zu fragen, wie oder warum Charles sich so völlig in die Rolle von Zero versetzt hatte. Es war unglaublich. Es war wunderbar. Ich drängte weiter.

«Du musst also wütend sein», sagte ich.

«Darauf können Sie wetten!»

«Auf wen bist du wütend?»

Charles atmete tief ein. Er zog die Schultern hoch und riss seine rechte Hand nach vorne, als ob er in der Luft scharren würde.

«Glorianna», antwortete er. «Am meisten auf Glorianna und ihre gottverdammte Peitsche. Aber auch auf die anderen. Jack und Tulio.»

«Und Charles?», sagte ich.

Charles zögerte. Er drehte sich langsam zum Käfig und sah Zero an. Sie war an die Gitterstäbe gekommen, hatte sich auf den Hinterbeinen aufgerichtet und sah uns an.

«Nein, Charles nicht», sagte Charles leise. «Charles mag mich.»

«Wirklich?», sagte ich. Ich handelte rein instinktiv. «Warum bittest du dann Charles nicht, dich hier rauszulassen? Wenn er dich liebt, sollte er bereit sein, das für dich zu tun.»

Charles lief rot an, und ich konnte sehen, wie sich auf seiner Stirn Schweissperlen bildeten. Er drehte sich wieder zum Käfig und seine Hände durchwühlten seine Taschen. Ich hörte ein klingelndes Geräusch.

Mir sprang das Herz. Schlüssel! Das waren die Schlüssel zu Zeros Käfig. Ich hatte es zu weit getrieben, viel zu weit, und jetzt würde ich dafür büssen müssen. Mein persönlicher Drahtseilakt war schiefgegangen; mein Bluff enttarnt. Ich musste Charles natürlich davon abhalten, den Käfig zu öffnen. Und dann würde ich keine andere Wahl haben, als diese Scharade zu beenden und ihn in ein psychiatrisches Krankenhaus einzuweisen, so wie ich es zweifelsohne schon zu Beginn hätte tun sollen.

Plötzlich drehte sich Charles zu mir um. Er zitterte, und Tränen standen in seinen Augen.

«Ich mag dieses Spiel nicht, Akeret», sagte er. «Es ist ein übles Spiel. Sie sind ein grausamer Mensch. Sehr grausam.»

Ich starrte zurück.

«Ich könnte dich umbringen, Charles», sagte ich.

«Was?»

«Ich spreche jetzt für Zero», sagte ich. Ich liess meine Worte wirken und wiederholte dann: «Ich könnte dich umbringen, Charles.»

Charles drehte sich langsam wieder zum Käfig. Er sah Zero direkt in die Augen.

«Vielleicht solltest du das», flüsterte er. «Vielleicht solltest du mich umbringen, Zero. Gott weiss, ich habe dich immer wieder enttäuscht.»

Er liebte sie. Er liebte sie wirklich. Und das war natürlich genau das, wo ich ansetzen musste.

«Manchmal würde ich dich wirklich gerne umbringen», sagte ich. «Aber wenn ich das tun würde, würden sie mich umbringen. Sofort einschläfern. Das machen sie immer, wenn ein Tier einen Menschen tötet, egal, wer Schuld ist. Das müssen sie.»

Charles’ Brust hob und senkte sich. Ich konnte sehen, dass ihm die Tränen nun die Wangen hinunterliefen.

«Es – es tut mir leid, Zero», stammelte er.

«Lass mich in Ruhe, Charles», sagte ich leise, zärtlich. «Lass mich in Frieden. Bitte, bitte, lass mich einfach in Ruhe.»

Charles schluchzte. Es dauerte einige Minuten, bevor er sprach.

«In Ordnung, Zero», flüsterte er. «Ich werde dich in Ruhe lassen.»

Weiter heftig weinend, drehte sich Charles langsam zu mir um. Ich ging zu ihm und nahm ihn in den Arm, so wie ein Vater einen lange vernachlässigten Sohn.

Ich blieb für den Rest des Tages bei Charles, während er seine Sachen packte und sich verabschiedete. Am Nachmittag half ich ihm, in die Wohnung eines Freundes in Manhattan zu ziehen. Meiner Ansicht nach hatte unsere Arbeit an diesem Tag erst begonnen, und ich war gespannt darauf, wo sie uns als Nächstes hinbringen würde. Ich hatte vielleicht sein Leben gerettet, aber nur für den Moment. Auf lange Sicht hoffte ich, ihm nicht nur zu einem längeren, sondern auch erfüllteren Leben verhelfen zu können.

Charles sagte, er werde am nächsten Tag zur vereinbarten Zeit kommen, aber er kam nicht. Er kam auch nicht am übernächsten Tag oder danach. Ich versuchte vergeblich, ihn anzurufen. Zwei Wochen später erreichte mich ein Brief von ihm aus London. Er enthielt eine Postanweisung über 60 Dollar, seine noch ausstehende Rechnung. Im Brief stand: «Ich wünschte, sagen zu können, dass ich glücklich bin, aber ich kann nur sagen, dass ich lebe. Doch dafür bin ich Ihnen unendlich dankbar. Charles.»

Der Korridor vor Charles’ Wohnung in Sarasota stand voller offener Kisten mit Büchern, Aktenordnern, Zeitungsausschnitten und Fotos. Vor seiner Tür zögerte ich. In den vergangenen 30 Jahren hatten sich mir oft beängstigende Bilder aufgedrängt, wie Charles zu einem letzten, tödlichen Stelldichein zurück in Zeros Käfig kroch. Als ich Charles in Florida ausfindig machte und herausfand, dass er lebte, gesund war und sowohl am Theaterinstitut der Universität von Florida als auch am Clown College unterrichtete, hob sich eine tonnenschwere Last von mir. Eine grössere Befriedigung konnte ich nicht erwarten, dachte ich, als ich vor Charles’ Tür stand. Wie schon bei Isabella verspürte ich den Drang, mich umzudrehen und mit einem ausreichend guten Gefühl zu gehen.

Was ich natürlich nicht tat.

Charles öffnete nach einem einzigen Klopfen, packte meine ausgestreckte Hand und schüttelte sie inbrünstig.

«Mein Retter!», lachte er.

Er war dicker geworden, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen hatten; sein Kopf war oben völlig kahl mit einem kurzen, weissen Haarkranz an den Seiten und einem gepflegten Bart. Offensichtlich musste er hierfür sein Haar nicht mehr bleichen. Er trug eine Brille mit Metallfassung, durch die er aussah wie der Weihnachtsmann. Er wirkte fröhlich auf mich und überraschend alt. Er nahm einen Stapel Zirkusposter von einem Polstersessel und bot mir an, mich zu setzen.

«Irgendwann räume ich diese Wohnung auf», sagte er lächelnd. «Nicht, dass irgendjemand hier raufkommen würde.»

Der Korridor war nur ein Vorgeschmack auf Charles’ Einrichtungsstil gewesen. Seine gesamte Maisonette-Wohnung quoll über vor Büchern, Zeitungen, verschiedenen Modellen und Artefakten des Zirkuslebens, inklusive Dutzenden von Jonglierbällen und Keulen. Die Einrichtung hätte für die Zuflucht eines exzentrischen Professors typisch sein können, aber ich konnte nicht anders, als den Bau eines Tieres zu sehen.

Bevor er weitersprach, wischte Charles mit dem ärmel seines Hemds über den Umschlag eines Buchs und gab es mir. Es handelte sich um ein Buch über die Geschichte und die Kunst des Jonglierens. Die Autoren waren Charles Embree und Yvonne Armato.

«Es ist in neunter Auflage erschienen», sagte er stolz.

«Fantastisch!», antwortete ich sehr beeindruckt. «Sie haben es wirklich geschafft, ihn zu ihrem Leben zu machen, oder? Den Zirkus, meine ich.»

«Er ist mein Leben», antwortete Charles und räumte sich einen Platz auf dem Sofa frei, damit er sich mir gegenüber setzen konnte.

«So, und wer war Ihre Co-Autorin, diese, äh, Yvonne Armato?», fragte ich nach einem weiteren Blick auf den Umschlag.

Charles wurde rot. «Sie hatten schon immer einen Riecher für den springenden Punkt», sagte er.

Ich nickte.

«Das ist eine lange Geschichte», sagte Charles und schien sich etwas unbehaglich zu fühlen.

«Ich mag lange Geschichten.»

«Ja, auch daran erinnere ich mich», sagte Charles. Wie ein Akrobat, der sich auf einen gefährlichen Sprung vorbereitet, atmete er ein paar Mal tief und langsam durch.

«Seitdem Sie mich aus heiterem Himmel angerufen haben, habe ich über Ihren Besuch nachgedacht», sagte er. «Was ich Ihnen erzählen würde und was nicht. Ich habe geprobt. Das ist etwas, was ich meinen Jonglierschülern immer sage: Die Aufführung ist einfach; die Proben sind hart.»

Ich lächelte.

«Jedenfalls habe ich mich dazu entschlossen, dass eine Sache, über die ich nicht reden würde, Yvonne ist», sagte er.

«Das steht Ihnen ganz sicher frei», sagte ich.

Charles lachte plötzlich. «Aber auf einmal habe ich meine Meinung geändert», sagte er. «Ich sage meinen Schülern immer, dass reine Improvisationen die besten Aufführungen abgeben.»

Ich lachte mit ihm.

«Aber lassen Sie uns mit Tag eins anfangen, oder?», sagte er. «Ich glaube, Sie wissen, dass mir die Fahrt nach New Jersey, die wir in grauer Vorzeit gemacht haben, sozusagen eine neue Sichtweise auf mein Leben gegeben hat. Sie würden es wahrscheinlich einen Durchbruch nennen. Obwohl ich mich immer gefragt habe, ob Ihnen wirklich klar war, was an diesem Tag in meinem Kopf vorging.»

über die Ränder seiner Brille hinweg sah er mich kritisch an.

«Wahrscheinlich nicht», sagte ich. «Aber für’s Protokoll: Ich dachte, dass Sie einen guten Eindruck davon bekommen hatten, was passieren könnte, wenn Sie sich nicht ändern würden.»

«Sie glaubten, ich würde aus Liebe handeln, nicht wahr?», sagte er mit einer gewissen Schärfe in der Stimme.

«Ja, das glaube ich», antwortete ich.

«Tja, leider haben Sie Unrecht», sagte er triumphierend. «An diesem Tag liebte ich nur mich selbst. Eigenliebe. Mein kleiner Durchbruch war nicht mehr als die bemerkenswerte Erkenntnis, dass es besser war zu leben als zu sterben. Dass dies mehr Zukunft hatte.»

Ich lächelte. Ich glaubte nicht so ganz, dass das der einzige Gesinnungswandel von Charles an diesem Tag vor Zeros Käfig gewesen war, aber ich konnte sein Bedürfnis, ein selbstloseres Motiv abzustreiten, sehr gut nachvollziehen. Ich glaubte immer noch, dass es im Grunde seine Entscheidung gewesen war, seine Liebe um seiner Geliebten willen zu opfern, aber ich wusste auch, dass man nur schwer mit einer so furchtbaren Entscheidung für den Rest seines Lebens leben kann. Ein egoistischer Gesinnungswandel ist weniger anfällig für den Schmerz der Reue.

«Also, wohin sind Sie danach verschwunden?», fragte ich.

«Ich bin monatelang kreuz und quer durch Europa gezogen», sagte er. «Ich sah mir jeden Zirkus an, den ich finden konnte, von Kopenhagen bis Sardinien. Es war das erste Mal, dass ich kleine Zirkusse mit nur einer Manege sah, und sie waren wunderbar anzuschauen. Artistisch, nicht schillernd. Persönlich. Voll echter Kunst, nicht nur Effekte. Ich verliebte mich wieder neu in den Zirkus.»

«In diesem Jahr habe ich meine Jonglage perfektioniert. Auf den Strassen von Amsterdam und Paris. Paris war damals voll von Strassenkünstlern. Vor dem Les Deux Magots war dieser Kerl mit seiner Nadel-und-Rasierklingen-Nummer. Er steckte sich Nadeln durch die Lippen und Rasierklingen unter die Augenlider. Danach war meine Nummer irgendwie erholsam. Ich jonglierte mit Tassen und Untertassen. … Ich lebte billig. Jugendherbergen. Manchmal schlief ich sogar im Park. Die Welt damals war sicherer.»

«Als ich nach New York zurückkam, bekam ich auf Anhieb zwei Jobs. Zwei perfekte Jobs. Einer war, die Masken der Low Library an der Columbia University zu katalogisieren. Die haben eine unglaubliche Maskensammlung. Und mein anderer Job war in diesem Klub, den Andy Warhol gerade in der Innenstadt aufgemacht hatte, The Electric Circus. Ich jonglierte und machte ein bisschen Pantomime, was ich in Europa aufgeschnappt hatte. Das war in den 60ern, und es gab überall Stroboskope in den Klubs. Ich kann Ihnen sagen, bei praktisch jedem kann Pantomime unter Stroboskoplicht gut aussehen.»

Charles lachte in sich hinein.

«Erzählen Sie mir von diesen Masken», sagte ich.

«Ach, immer der Psychiater, was, Akeret?», sagte Charles, wieder mit dieser gewissen Schärfe in der Stimme. «Ist man fasziniert von Masken, dann sucht man nach einem Weg, sich zu verstecken, richtig? Sich vor der Welt zu verbergen?»

Das war das zweite Mal, seitdem ich angekommen war, dass Charles mich angriff. Ich fragte mich, warum.

«Das ist eine Theorie, ja», antwortete ich.

«Tja, hier ist eine andere Theorie, Akeret», sagte Charles. «Und sie ist das genaue Gegenteil von Ihrer. Ich glaube, dass man mit Masken zeigen kann, wer man wirklich ist. Da ist zum Beispiel dieser Clown in jedem von uns, der unbedingt rauswill, aber wir halten ihn zurück mit unseren zusammengekniffenen Augenbrauen und Lippen. Diese Brauen und Lippen – sie sind die wahren Masken. Aber malen Sie sich ein Clownsgesicht auf, und Ihr wahres Ich kommt ans Tageslicht. Diese Commedia-dell’Arte-Masken, die ich katalogisiert habe – sie waren Spiegel der Seele, keine Tarnung.»

Ich fand Charles’ Theorie verlockend, wunderte mich aber immer noch über die Heftigkeit seiner Verteidigungshaltung.

«Gut, jetzt kommen wir zu Yvonne», sagte Charles einen Moment später. «Sie war eine meiner Schülerinnen in Fordham. Das war meine erste Lehrtätigkeit, wahrscheinlich die erste, bei der Zirkuskünste an einer grösseren Universität unterrichtet wurden. Yvonne studierte im Hauptfach Theater und wollte Jongleurin werden. Sie war ein Naturtalent. Grossartige Balance, tolle Reflexe. Schnelle Auffassungsgabe. Ich habe sie sofort in meine Nummer im Electric Circus eingebaut. Wir jonglierten gemeinsam mit sieben Keulen. Ein Riesenerfolg.»

«Vier Jahre lang war sie meine Schülerin, dann heirateten wir. Es schien das Natürlichste auf der Welt zu sein. Wir hatten grosse Pläne. Wir machten unsere eigene ‹Commedia-Truppe› im venezianischen Stil auf – Stelzenlaufen, Masken, Pantomime, Jonglieren. Wir traten auf der Empore des Bowery auf und manchmal im Central Park. Das waren fantastische Jahre, meine beste Zirkuszeit.»

Charles seufzte schwer und bekümmert. Die Geschichte mit Yvonne würde nicht gut ausgehen, so viel war klar.

«Wir schrieben ein paar Jahre lang an dem Jonglierbuch, nachdem wir geheiratet hatten. Yvonne machte die Fotos. Das war ‘72. Das heisst also, es ist seit über 20 Jahren in Druck, richtig? Na ja, vor ein paar Jahren habe ich dem Verleger gesagt, er solle bei der neuen Auflage Yvonnes Nachnamen ändern. Wieder ihren Mädchennamen nehmen.»

«Wie lange waren Sie verheiratet?»

«Zehn, fast elf Jahre.» Charles sah mich streng an. «Sie hat mich verlassen, sollten Sie sich das fragen. Ist mit einem gutaussehenden jungen Mann davongelaufen, einem Schauspieler. Sie hat mir das Herz gebrochen. Voll und ganz das Herz gebrochen. In Stücke gerissen.»

Das Weihnachtsmann-Blinzeln in Charles’ Gesicht war gänzlich verschwunden.

«Das Risiko der Liebe, was, Akeret?», sagte er sarkastisch.

Dieser Spruch reichte 30 Jahre zurück. Mir wurde wieder bewusst, dass eine mit 14 Stichen genähte Wunde, verursacht durch eine Kralle, nichts im Vergleich zu einem gebrochenen Herzen war. Eine Frage nach der anderen schoss mir in den Kopf: Hatte er Yvonne genauso geliebt wie Zero? Wie war der Sex mit Yvonne gewesen? Wie war der übergang von Bär zu Frau? War er jemals ganz über Zero hinweggekommen?

Aber Charles hatte wieder angefangen zu reden, und jetzt wurde der Grund für die Schärfe in seiner Stimme klar: Es war Verbitterung.

«Man weiss nie, wer am Ende das Rennen macht, oder, Akeret? Es ist eine verdammte Einbildung zu glauben, man wüsste es. Wissen Sie, was aus Glorious Glorianna geworden ist?»

«Nein.»

«Tot», sagte Charles. «Ihr Kopf ist von einem ihrer Elefanten zertrampelt worden. Während des Einzeltrainings. Er hiess Topaz – der Elefant. Sie konnten fast eine Stunde lang nicht in den Käfig hinein. Topaz bewachte den Körper. Natürlich mussten sie ihn töten. Topaz. Das war nicht einmal zwei Jahre, nachdem ich gegangen war.»

Ich schüttelte teilnahmsvoll meinen Kopf.

«Ach, das ist keine grosse Sache im Zirkus, Akeret. Man sagt, dass jedes Jahr ein Elefantenwärter totgetrampelt wird.»

Charles’ Gesicht wurde wieder lebhaft. Er hatte es offensichtlich genossen, mir diese Geschichte zu erzählen. Ich begann, mich ein bisschen unwohl zu fühlen.

«Oder was ist mit Dr. Goldman? Erinnern Sie sich an Goldman?», machte er weiter und lehnte sich vor.

«Was ist mit ihm?» Ich hatte vor ungefähr 20 Jahren den Kontakt zu Goldman verloren.

«Sie haben wohl also nicht davon gehört. Das Beratungsprogramm an der New York University wurde gestrichen, und er hat bei der Justizbehörde eine Stelle als Betreuer von auf Bewährung entlassenen Häftlingen bekommen. Aber nicht lange. Wissen Sie, warum? Weil sie ihn erschlagen in seiner Badewanne gefunden haben. Einer seiner Ex-Häftlinge hat die Art seiner Therapie nicht gemocht.» Charles sah mir direkt in die Augen und lächelte. «Noch ein gefährlicher Beruf, was?»

Mir lief ein Schauer über den Rücken. Charles’ Standpunkt war mehr als deutlich: Es gibt Risiken bei allem, was man macht. Wer soll also entscheiden, was man gefahrlos ausprobieren kann und was nicht? Was ist das Risiko wert und was nicht? Und natürlich: Wer war ich, im Rückschluss, dass ich diese Entscheidung für ihn getroffen hatte? Dies war zweifelsohne der Grund für seine Verbitterung.

Aber manche Risiken sind grösser als andere, dachte ich. Zum Beispiel, mit einem Eisbären zu schlafen. Natürlich sagte ich das nicht. Ich wusste, ich musste vorsichtig sein. Charles’ Vorliebe für das Makabere war mir neu, und sie war beunruhigend, sogar ein bisschen beängstigend. Mir kam der Gedanke, dass ich selbst in Gefahr sein konnte; dass es vielleicht das Sicherste für mich sei, sofort von hier wegzukommen.

«Wie auch immer, ich habe zehn Jahre gebraucht, um über Yvonne hinwegzukommen», erzählte Charles plötzlich weiter, und seine Stimme klang wieder verletzlich. «Ich habe weiss Gott versucht, sie zurückzugewinnen. Ich fragte sie, was falsch gelaufen wäre, und sie sagte nur, dass ich nicht genügend Gefühle für sie hatte. Nicht genügend Leidenschaft. Ich nehme an, sie hat das bei dem anderen Kerl bekommen. Den Sex, die Leidenschaft.»

Das war der Aufhänger, auf den ich gewartet hatte. Aber ich zögerte, denn ich war nicht sicher, wie klug es war, ihn zu drängen. Meine Neugier gewann.

«Und hatten Sie genügend Leidenschaft, Charles?»

Charles senkte seinen Blick. Er schwieg eine Zeit lang.

«Sie meinen, so wie es bei Zero war?», sagte er.

«Ja, wie bei Zero.»

Charles atmete tief ein und langsam aus. «Sie ist auch tot», sagte er. «Jung gestorben. Hat die Grippe bekommen und ist gestorben.»

«Es tut mir leid, das zu hören.»

Charles war wieder still.

«Sie wollen also etwas über mich und meine Leidenschaft wissen, was?», sagte er schliesslich. «Tja, da gibt es nicht viel zu erzählen. Erinnern Sie sich an den Film ‹A Clockwork Orange›? Erinnern Sie sich an das Ende, als sie den Jungen so konditioniert hatten, dass er seine Gefühle in dem Moment ausschaltet, in dem er sie empfindet? Tja, so bin ich. Wenn Sie mir das Bild eines Eisbären zeigen würden, ich würde sofort darauf reagieren. Ich wäre erregt, und genau dann würde es unterbrochen werden. Das war meine Heilung. Sofortiges Unterbrechen aller Leidenschaft. … He, es hat mir das Leben gerettet, oder, Akeret?»

Ich antwortete nicht. Ich sass einfach da, niedergeschmettert. 30 Jahre lang hatte ich Angst gehabt, dass meine Therapie bei Charles auf die schlimmste Weise versagt hatte – dass er, von Leidenschaft übermannt, Zero aufgesucht und sich zu einem letzten, tödlichen Stelldichein wieder in ihren Käfig geschlichen hatte. Es war nicht schwer, sich das vorzustellen. Welche Wirkungsdauer konnte ich schliesslich von den paar Minuten Therapie vor einem Bärenkäfig erwarten? Improvisierter Therapie, genauer gesagt?

Aber Charles erzählte mir, dass unsere Therapie meine kühnsten Erwartungen bei Weitem übertroffen hatte. Es war, als hätte ich ihn der extremsten Form von Aversionskonditionierung unterzogen, inklusive Elektroschocks. Und sie hatte so gut gewirkt, dass jegliche sexuelle Leidenschaft von Charles unterbunden wurde. Um sein Leben zu retten, hatte ich seine Seele amputiert – seiner Liebe Sinn. Ich bezweifelte stark, dass das die ganze Geschichte war; es konnte nicht annähernd so einfach sein. Aber ich war sicher, dass Charles es so sah. Kein Wunder, dass er mir gegenüber so verbittert war.

Doch jetzt sah ich, wie Charles mich warm anlächelte, mit einem Lächeln, dass die Möglichkeit auf Vergebung zu verheissen schien.

«Ich will Ihnen eins sagen, Akeret», sagte er. «Wir waren unserer Zeit voraus. Weit voraus. Wissen Sie, wie viele Freunde ich in den letzten fünf Jahren an Aids verloren habe? 24. 24 Männer, die starben, bevor sie 50 waren, nur, weil sie Sex haben wollten. Weil sie sich nicht selbst genug waren.»

«Glauben Sie wirklich, dass sie das Risiko kannten, das sie eingegangen sind?»

«Ich wette, dass viele von ihnen es kannten, sicherlich. Sie haben anfangs versucht, ein sicheres Leben zu leben, aber im Eifer des Gefechts sagten sie, was soll’s, und haben etwas Verrücktes getan. Sie wissen schon, wie die Motte und das Feuer. Und in diesem Moment scheint es das Risiko wert zu sein. Das Leben für ein oder zwei Stunden so leidenschaftlich zu spüren, dass man gewillt ist, dafür zu sterben.»

«Und ist es das wert?», fragte ich.

Charles lachte. «Das ist die Eine-Million-Dollar-Frage, oder?»

«Ja, das ist sie.»

Charles nickte ein paar Mal, dann lachte er plötzlich wieder. «Sind Sie auch so hungrig wie ich?», fragte er.

«Das bin ich.»

«Sie zahlen, Doktor?»

«Darauf können Sie wetten.»

Charles führte uns in ein Café namens The High Wire nahe Venice. Die Wände waren voller Bilder von Zirkusleuten und Zirkusnummern der letzten 100 Jahre. Ein grosses Foto des berühmten Liliputaners Tom Thumb stach hervor, das ihn auf dem angespannten Bizeps eines starken Mannes zeigte. Es war mitten am Nachmittag, doch das Café war voll und Charles schien dort jeden zu kennen. Nachdem ich den Vormittag mit ihm in seiner einsamen, klaustrophobischen Wohnung zugebracht hatte, war es eine Freude, ihn draussen unter Menschen zu sehen, unter denen er sich offensichtlich wohl fühlte.

Während des Essens erzählte er mir von seiner beruflichen Laufbahn. Er unterrichtete am Theaterinstitut der Universität nicht nur Jonglieren und Aufführungstechniken, sondern gab auch einen Kurs über die Geschichte des Zirkus von der Zeit der Römer bis heute. Zur Zeit arbeitete er an einem Kurs – und eventuell einem Buch – über den Zirkus im Film. Ich fragte ihn, welchen Zirkusfilm er am liebsten mochte.

«Freaks», antwortete er ohne zu zögern, der klassische amerikanische Film über einen Zirkusliliputaner, der sich aussichtslos in eine schöne und grausame Trapezkünstlerin verliebt.

«Meiner auch», sagte ich.

Charles erzählte mir von seinen ausgedehnten Reisen nach ägypten, wo er antike Jonglierartefakte sammelte und antikes Wissen über das Jonglieren zusammentrug. Eine seiner Entdeckungen war, dass die ägyptische Göttin namens Isis zusammen mit zwei anderen Frauen auf Vasen und Körben dargestellt wird, wie sie mit keulenähnlichen Objekten jonglieren.

«Es stellte sich heraus, dass sie mit dem Penis von diesem Osiris jonglieren», sagte er. «Und laut einer Version der Geschichte flog der Penis eines Tages in den Fluss, und ein Fisch verschluckte ihn.»

Charles lachte.

«Ich habe mich dem alten Osiris immer irgendwie mystisch verbunden gefühlt», sagte er.

Nur ein paar Minuten später kamen zwei hochgewachsene, lederbekleidete junge Frauen – eine blond, die andere rothaarig – auf unseren Tisch zu. Charles stellte sie mir als Rikki und Gretchen vor.

«Sind Sie auch Zirkusartisten?», fragte ich.

«Aber natürlich», antwortete Rikki etwas überheblich. «Wir arbeiten mit Charles. Hat er Ihnen das nicht erzählt?»

Charles wurde rot. Gretchen zupfte ihn spielerisch am Bart, und die beiden Frauen zogen weiter zu Freunden an einem anderen Tisch. Charles blickte zu Boden. Ich widmete mich meinem Salat.

«Sehen Sie, ich bin einfach anders gepolt als andere Leute», sagte Charles leise und ohne aufzusehen. «Schon immer.»

«Und ich verurteile niemanden», antwortete ich. «Niemals.»

Ohne nachzudenken, warum, streckte ich meine Hand über den Tisch. Charles nahm sie herzlich an. Einige Minuten später kritzelte er eine Adresse in Sarasota auf eine Serviette und gab sie mir.

«Das ist der Pyramid Club», sagte er. «Unser Auftritt beginnt um Mitternacht.»

Ich sagte, dass ich kommen würde.

Zurück in meinem Motel schwamm ich energisch 20 Minuten, ging dann auf mein Zimmer und fiel unverzüglich in einen traumlosen Schlaf. Als ich aufwachte, war die Sonne bereits untergegangen. Nicht ahnend, was mich erwarten würde, zog ich Jackett und Krawatte an. Ich ass im Imbiss des Motels. Um 23 Uhr machte ich mich auf den Weg zum Pyramid Club.

Es stellte sich heraus, dass er im Künstlerviertel lag; einem Teil der Stadt, den ich bei meinen bisherigen Streifzügen nicht gesehen hatte. Es war durchzogen von Galerien, Cafés und Esoterikgeschäften. Eines dieser Letzteren nannte sich Alter Image, und auf den ersten Blick dachte ich, es sei nur ein Geschäft mit erotischer Kleidung für Frauen, aber bei genauerem Hinsehen stellte sich heraus, dass die Kleider im Schaufenster auf Männerkörper zugeschnitten waren. Der Pyramid Club war gleich nebenan.

Ich wäre nicht ehrlich, würde ich behaupten, dass ich mich im Pyramid Club sehr wohl gefühlt hätte. Zunächst einmal war ich zu gut angezogen, wenn man das so sagen kann. Der grösste Teil des Klientels, Männer und Frauen, trugen hautenge Lederhosen und offene Lederwesten auf ansonsten nackten Oberkörpern. Ich war auch mit Abstand die älteste Person dort und lag mehr als 30 Jahre über dem Durchschnitt. Einige Pärchen waren offensichtlich homosexuell; bei anderen war ich mir nicht so sicher, teilweise, weil diejenigen, die die Kleidung des anderen Geschlechts trugen, dies sehr geschickt taten.

Anstatt an einen Tisch setzte ich mich an die Bar und bestellte ein Glas Weisswein. Die Musik war laut und durchdringend; die Tänzer auf der schmalen Fläche vor der Bühne waren athletisch und introspektiv: Obwohl sie zu zweit tanzten, wirkten sie alle wie Solisten. Ich sah auf meine Uhr: 23.55 Uhr.

Augenblicke später hörte die Musik auf. Ein muskulöser junger Mann in Krachledernen rollte ein Schlagzeug herein, setzte sich und schlug einen Tusch. Dann ging ein anderer junger Mann, der einen Frack, aber kein Hemd trug, zum Mikrofon.

«Alles Gute im Leben läuft im Kreis», witzelte er krampfhaft. «Deswegen lieben wir alle den Zirkus so sehr.» Und dann, nach einem weiteren Tusch, kündigte er die erste Nummer an: «Gretchen, Rikki und der Professor!»

Charles kam allein auf die Bühne, verkleidet als Pierrot mit einem weissen Trikot, einem dreizackigen Hut und einer Maske. Er verbeugte sich tief vor dem vereinzelten Applaus. Aus den Lautsprechern drang der Marsch aus Prokofjews «Die Liebe zu den drei Orangen». Charles holte drei Apfelsinen hervor, fing an, mit ihnen zu jonglieren, und fügte nach und nach weitere hinzu, bis es insgesamt sieben waren. Er war sehr gut, unerwartet geschickt und ziemlich witzig; er tat so, als habe er eine der durch die Luft fliegenden Apfelsinen vollkommen vergessen, bis es fast zu spät war, hechtete ihr dann hinterher und fing sie, gerade bevor sie den Boden berührte. Das Publikum schien unbeeindruckt und unruhig.

Dann kam Rikki auf die Bühne, die grosse, blonde Frau, die ich diesen Nachmittag im High Wire getroffen hatte. Mit ihrem Chapeau claque, dem roten Frack und den kniehohen Stiefeln über der Netzstrumpfhose erinnerte sie mich an Marlene Dietrich in «Der blaue Engel». Unter ihrer Jacke trug sie nur einen Halbschalen-BH aus Spitze, ein Bikinihöschen und einen Hüfthalter. In ihrer rechten Hand hatte sie eine schwarze Peitsche mit langem Griff. Rikki spielte die Zirkusdirektorin/Gebieterin, und sie fand ihren Jongleur mangelhaft.

«Höher!», verlangte sie von Charles. «Kannst du nicht höher?»

Ein Lachen lief durch das Publikum. Sie verfolgten die Vorführung jetzt aufmerksam. Charles sah Rikki flehentlich an und zitterte, dann warf er die Apfelsinen höher. Mein Magen krampfte sich zusammen.

Eine Apfelsine flog hoch aus Charles’ Reichweite hinaus und klatschte der Zirkusgebieterin vor die Füsse. Sofort schlug sie nach Charles; die lange Peitsche wickelte sich um seinen Körper, und das Ende knallte hart auf seine Brust. Sogar von der Bar aus konnte ich Charles, den Schmerz in den Augen, zusammenzucken sehen. Plötzlich fielen alle Apfelsinen zu Boden. Rikki schlug Charles wieder und wieder mit der Peitsche. Das Publikum war wie gebannt.

Inzwischen hatte ich einen Kloss im Hals. Ich schluckte heftig gegen ihn an. Ich wollte mich abwenden, zwang mich aber zuzusehen, als Gretchen die Bühne betrat und sich zu ihnen gesellte. Gretchen entledigte sich ihrer schwarzen Strümpfe und machte sich daran, Charles’ Hände und Füsse damit zu fesseln. Beide Frauen fingen an, ihn heftig auszupeitschen, während die Musik weiterschmetterte. Es widerte mich an. Dieses Spektakel war abstossend, wie dieser alternde, weissbärtige Mann geschlagen wurde – dieser verkorkste Junge mit dem zerbrechlichen Herzen, den ich damals so verzweifelt versucht hatte, vor seinen eigenen tragischen Trieben zu schützen.

Ekel … Abscheu … übelkeit. War dies die Reaktion eines Mannes, der nicht verurteilte? Eines Therapeuten, der sich gerühmt hatte, die «offiziellen» Konzepte normalen Verhaltens während seiner langen Karriere immer angezweifelt zu haben? War ich unter dem Deckmäntelchen des Liberalismus ein Spiesser, wenn es um konkrete Fälle ging? Fand ich manche «Perversionen» akzeptabel und manche abscheulich? Ausgenommen natürlich die Paraphilen mit ihren unschuldigen Opfern, also Päderasten und Vergewaltiger; deren Verhalten ist selbstverständlich nicht akzeptabel. Aber was war mit diesem willigen Prügelknaben? Warum war dieses Verhalten Ekel erregend, nicht aber die Tatsache, einen Eisbären zu lieben? War das nur eine Frage meines persönlichen Geschmacks? War ich Eisbären gegenüber wohlwollend eingestellt?

«Er ist so schlecht!», kreischte Gretchen.

«Wir sollten ihm das Jonglieren beibringen», schrie Rikki und deutete mit ihrer Peitsche zwischen Charles’ Beine. «Ihm zeigen, was wir mit ein paar Bällen tun würden!»

Das Publikum grölte.

Ich legte Geld auf die Bar und lief aus dem Pyramid Club hinaus in die warme Nachtluft. Ich hatte endlich verstanden, woher meine Abscheu kam. Es war nicht einfach die Brutalität des Auspeitschens, die mich anekelte. Es ging tiefer und war persönlicher. Ich kannte Charles, kannte sein wahres Verlangen. Und diese sadomasochistische Farce, die ich gerade gesehen hatte, war eine Perversion im wahrsten Sinne des Wortes: eine Fehlleitung des Verlangens. Nicht von statistisch gesehen «normalem» Verlangen, sondern von Charles’ eigentlichem und wirklichem Verlangen.

Mit meiner Hilfe hatte Charles sein leidenschaftlichstes Verlangen – und dessen Objekt – vor langer Zeit aufgegeben. Er hatte weiss Gott versucht, seine Natur zu ändern, sie so anzupassen, dass er Yvonne lieben konnte, eine Frau, mit der er anscheinend so viel gemeinsam hatte. Aber ohne echtes sexuelles Verlangen nach ihr war diese Beziehung gescheitert.

Trotzdem wollte Charles irgendetwas fühlen, also hatte er sich in dem Versuch, seine Leidenschaft wiederzubekommen, diesem perversen Zirkusspielchen zugewandt. «Wo Poesie versagt, gewinnt die Brutalität.» Und alles in allem war es gesellschaftlich akzeptabler – und viel ungefährlicher –, den Prügelknaben für zwei Dominas zu spielen, als zu versuchen, mit einem Eisbären zu schlafen. Schliesslich gab es in allen Städten der Welt Klubs wie den Pyramid Club, aber ich bezweifle, dass es auch nur einen einzigen für Eisbärenliebhaber gab.

Und so waren die SM-Spielchen im Endeffekt ein Ersatz für das Gefühl, das sich Charles nicht erlauben durfte: seine «animalische» Liebe zu Zero. Ironischerweise war dieses ursprüngliche Gefühl romantisch, es war poetisch, während dieser Ersatz mit Menschen eine primitive, unechte Liebe war. Ich glaubte noch immer nicht, dass Charles’ Hingezogensein zu Zero masochistisch und dass es das Bestrafungspotential gewesen war, das ihn erregte. Und doch wurde Charles’ Liebe zu der Bärin gezwungenermassen pervertiert, und während dieses Vorgangs war etwas wirklich Bestialisches in ihm entstanden.

Vor allem das schmerzte mich. Ich trauerte um den Verlust wahrer Liebe und Poesie in Charles’ Herzen.

Ich schlief zunächst schlecht in dieser Nacht; dann, gegen Morgen, fiel ich in tiefen Schlaf. Als ich aufwachte, blinkte das rote Licht an meinem Telefon. Charles habe angerufen, sagte mir der Mann vom Empfang. Er wollte sich mit mir um 12 Uhr im grossen Zirkuszelt in Venice treffen. Mir blieb weniger als eine Stunde, um mich anzuziehen und dorthin zu kommen.

Ein Bereich der Tribüne war fast bis auf den letzten Platz mit jungen Leuten besetzt, als ich ankam. Mit ihren glatten, gespannten Gesichtern, ihren Pullovern, Jeans und Turnschuhen hätten sie Studenten jeder x-beliebigen Universität sein können. Ihre Pullover zeichneten das Clown College als ihre Alma Mater aus. Ich setzte mich abseits, nicht weit von dem Platz, an dem ich vor zwei Tagen die wunderbaren Luftakrobaten beim Training beobachtet hatte.

Charles stand am Rand der Hauptmanege. Er trug eine schwarze Freizeithose, sein grobes Baumwollhemd war am Kragen aufgeknöpft. Er nickte mir zu, als ich mich setzte, und setzte dann seine Vorlesung fort. Er verglich Zirkusnummern mit anderen Arten des Schauspiels – mit Shakespeare-Komödien und französischen Lustspielen, Pirandello und Beckett. Es war eine herrlich unterhaltsame Vorlesung. Charles zitierte Passagen aus einem Theaterstück und brachte dann eine Pantomimen- oder Jongliereinlage, die mit der zitierten Szene vergleichbar war. Den Studenten gefiel es eindeutig, und mir auch.

Ich muss mich hieran erinnern, sagte ich mir. Ich wusste, dass ich die grotesken Bilder von Charles aus der vergangenen Nacht nie ganz würde abschütteln können, aber ich musste mich auch hieran erinnern. Denn wenn jemand seine bestialischen Triebe zu etwas Schönem und Intelligentem und Begeisterndem gemacht hat, dann Charles. Er gehörte zu den nur wenigen Dutzend amerikanischen Männern und Frauen, die die zirzensischen Künste an die Universitäten gebracht und die Renaissance des persönlichen, magischen Zirkus’ auf dieser Seite des Atlantiks eingeleitet hatten. Das war eine grossartige Errungenschaft, und sie war gewissermassen das Ergebnis einer persönlichen Leidenschaft, der Liebe. Auch das ist ein Teil des Bildes dessen, was aus Charles Embree geworden war.

Als die Vorlesung vorbei und die Studenten gegangen waren, ging ich zu Charles. Ich sagte ihm, wie sehr ich seine Vorlesung genossen hatte und wie beeindruckt ich von seiner Arbeit war.

«Letzte Nacht sind Sie früh gegangen», sagte er und sah mir direkt in die Augen.

«Ja, das bin ich», antwortete ich. Ich zögerte einen Moment und fügte dann hinzu: «Das ist rein persönlich, aber mir hat die Vorstellung heute viel besser gefallen.»

Charles lächelte mich freundlich an. «Mir auch», sagte er.

Ein paar Minuten später gaben wir uns wieder die Hand, und ich ging zurück zu meinem Van.

Als ich davonfuhr, lächelte ich auf einmal. Mir war plötzlich klar geworden, dass Charles’ Auftritt im Pyramid Club vielleicht doch von wahrer Liebe beseelt war. Während er das Publikum unter Rikkis knallender Peitsche unterhielt, identifizierte sich Charles vielleicht völlig mit seiner geliebten Zero, der Bärin aus der Manege. Vielleicht war dies sein grösster Liebesdienst.

Auszug aus: Robert U. Akeret: «Eine Couch auf Reisen – Ein Psychoanalytiker trifft ehemalige Patienten ein halbes Leben später», Psychosozial-Verlag, Giessen 2006, aus dem Amerikanischen von Antje Becker

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