Vierzig verweht

Was machen plötzlich all die Cremes in meinem Gesicht?

05.06.2010 von Anuschka Roshani , 15 Kommentare

Vor kurzem wurde ich vierundvierzig: 44, eine Schnapszahl. Inzwischen vermute ich, es nennt sich Schnapszahl, weil mans besser aushält, wenn man diese Zahl dank Hochprozentigem im Blut etwas verschwommen sieht. Dabei ist mir bewusst, dass ich — sollte ich die statistische Lebenserwartung nicht mal um allzu viele Jahre übertrumpfen — jetzt gerade erst die Hälfte meines Lebens hinter mir habe.
Eigentlich nicht übel. Wäre da nicht die Sache mit dem sichtbaren Älterwerden. Altern trifft die Angelegenheit natürlich genauer, klingt nur viel brutaler. In etwa so brutal, wie ich es im Moment empfinde. Und so viel Eigenschonung muss erlaubt sein, oder? Man sollte sich zunächst mal sachte an das harmlosere «Älterwerden» herantasten dürfen. Sogar eine hundertjährige Greisin nennt man ja noch «ältere Dame».
Mit 44 sind andere tot. Kein schöner Gedanke, wirklich nicht, obwohl — neulich habe ich gelesen, dass mit dem Eintreten des Todes etwas Wundersames geschieht, von dem ich nichts wusste: Die Gesichtszüge würden sich plötzlich glätten, als hätte der Sensenmann neben seiner Sichel noch eine hochwirksame Botox-Spritze in der Hand gehalten. Sobald das Blut in den Adern stockt, erscheine das Gesicht blutjung. Klar, von diesem verschönernden Effekt hat man selbst überhaupt nichts mehr.
Insofern keine Aussichten, die aufmuntern. Welche dann? Was muss man tun, um die Chancen auf eine rosige Zukunft von Haut und Leben zu verbessern?
Als ich dreissig wurde, freute ich mich,endlich einen Kosmetikerin-Termin abmachen zu können, ohne albern und oberflächlich zu wirken. Höchstens erwachsen, reif im besten Sinne. Mir schnurrend edles Balsam auf die Haut streichen lassen zu können. Auch wenn es mir damals häufig passierte, dass mich ältere Menschen für eine Maturandin hielten. Antwortete ich ihnen, ich sei bereits dreissig, folgte unter Garantie der Satz: Später würde ich mal sehr froh sein, so viel jünger geschätzt zu werden.
Ich hatte diesen Satz so oft gehört, dass ich anfing, an ihn zu glauben, gefährlicher noch, ihn als selbstverständlichen Umstand ferner Stunden zu betrachten. Was für eine naive Schnepfe war ich bloss, ob solcher Fehleinschätzungen kein bisschen aus dem Häuschen zu sein? Nicht ständig liebevoll-gebannt mein jugendliches Antlitz zu geniessen, sondern anzunehmen, daran würde sich nie etwas ändern? Heute habe ich meine Reifeprüfung nicht wie damals gut zehn Jahre, sondern bald dreissig Jahre hinter mir. Ich bin in dem Alter von Mrs. Robinson aus dem Film «Reifeprüfung», wahrscheinlich weit drüber, aber wenn ich daran denke, wie steinalt mir die damals vorkam: denke ich schnell weiter.
Es muss mit meinem leider nicht in gleichem Masse gealterten Selbstbild zu tun haben, dass ich geradezu bestürzt bin, weil man seit etwa vier Jahren auf die Nennung meines Alters höchstens mit freundlicher Kenntnisnahme reagiert — keiner sagt mehr völlig entgeistert, was denn, so alt bist du schon?
Und ich sehe es selbst: Ich sehe aus wie eine 44-jährige Frau. Neulich stellte ich fest, dass ich den Blick in den Spiegel manchmal bis mittags vermeide, indem ich beim Zähneputzen aus dem Fenster schaue. Muss was Unbewusstes sein, so was wie eine Selbstschutzmassnahme. Und als ich kürzlich mit meinem Mann ausging und auf die verspiegelte Wand hinter dem Bar-Tresen schaute, passierte es mir, dass ich mich für den Bruchteil einer Sekunde wie eine Fremde betrachtete. Mir huschte diese komische Redewendung «Eine Frau in mittleren Jahren» durch den Kopf.

Das Lachen verkneifen
Versuche ich mich wie eine Unbekannte anzuschauen, lautet meine Diagnose: Um die Augen herum breiten sich zwar noch keine ausgewachsenen Falten aus, dafür zwei mittellange Plisseejupes. Ganz zu schweigen von den Tränensäcken, die mehr und mehr an Derrick erinnern — nur der hat damit Geld verdient. Besonders beim Lachen kräuselt sich die Haut unter den Lidern, als wollte ich als kostbare Craquelé-Keramik wiedergeboren werden. Soll ich mir deswegen das Lachen verkneifen?
Als ich mich nach Jahren in einer Umkleidekabine von hinten sah, war ich fassungslos, dass die Spuren des Alters nicht mal vor dem Rücken Halt machen. Ich wollte meine Fassungslosigkeit teilen, vielleicht auch nur hören, ach, so ein Quatsch, und erzählte abends meinem Mann davon. Sein Gleichmut demgegenüber bestärkte mich nicht darin, es ähnlich gelassen anzugehen. Stattdessen fragte ich mich, ob eine kluge Ehefrau ihren Mann auch noch auf die Ausweitung der Kampfzone aufmerksam machen sollte. Das nämlich ist eine der wenigen Weisheiten, die ich Frauenzeitschriften glaube: Die meisten Männer nehmen die Cellulite ihrer Frauen gar nicht wahr. Auch wenn das Wissen um Cellulitis nicht für ausnahmslos alle Männer die Voraussetzung dafür ist, die Orangenhaut niemals gegen Pfirsichhaut auszutauschen.
Am Anfang gelang es mir noch, all diese Veränderungen an mir mit der Forscherfaszination meines Zoologie-Professors anzuschauen, der über Jahrzehnte den Mikrokosmos Kuhdung untersuchte. Mittlerweile rede ich mir ein, das altägyptische Pergamentpapier unter meinen Augen habe lediglich mit dem elenden Heuschnupfen zu tun, es sei bestimmt eine temporäre Angelegenheit. Und mit den Pollen würden auch die Falten wieder abziehen, wenn es das Schicksal gut mit mir meint. Mit der Verzögerung jedes Selbstbetrugs aber komme ich nicht um die Erkenntnis herum, dass ich mich auf die Fügung lieber nicht allzu sehr verlassen sollte.
Deshalb gehe ich zur Zürcher Bahnhofstrasse, in die Parfumerie Osswald. Frage die Fachfrau, die angenehmerweise mein Alter hat und der man es dummerweise ansieht: Was sind die vielversprechendsten Faltenkiller? Wie heissen die Lieblinge von Experten?
Als Erstes nennt sie mir «La Mer», das teuerste zerstampfte Plankton, das man oberhalb des Meeresspiegels finden kann. Der Haken daran ist, das habe ich längst ausprobiert, trotz einem Preis, für den man bei lebenslangem Gebrauch wahrscheinlich das australische Great Barrier Riff retten könnte. Der grössere Haken ist, man merkt nicht, dass ich es schon ausprobiert habe. Daher winke ich ab, mehr als bereit, der nächsten Illusion zu erliegen.
Neuropeptide, sagt die freundliche Frau, sie stimmt es an wie ein Mantra. Oder Stammzellen, darin liege die Zukunft äusserer Alterslosigkeit. Für den Gegenwartsauftritt streicht sie mir eine beigefarbene Paste auf die Augenschatten, und aus der Distanz sehe ich in der Tat ausgeruhter aus. Eine kurzen wunderbaren Moment lang. Danach komme ich mir viel faltiger vor. Ja, sagt die Expertin, das sei leider so: Make-up lasse Falten optisch stärker hervortreten. Und dann fügt sie leise hinzu, natürlich könne auch die beste Creme nicht zaubern, umso wichtiger sei Kontinuität. «Immer schön pflegen, pflegen, pflegen», sagt sie — logisch, was soll sie auch sagen.
Weil sie zu spüren scheint, dass ich Trost nötig habe, gibt sie mir drei Proben mit. Kaum zu Hause, beginne ich zu schmieren. Leider ist der einzige Effekt, den ich unmittelbar feststellen kann, ein Brennen, und am nächsten Morgen sind meine Augen verquollener denn je. Vielleicht sind wieder nur die Gräserpollen schuld. Vielleicht ist es sogar ein gutes Zeichen, dafür, dass meine Falten auf die Behandlung ansprechen.
Andererseits hat «La Mer» auch nichts ausrichten können, weder die 350-Franken-Creme noch das 640-Franken-Konzentrat, noch die spezielle 270-Franken-Augenpflege, noch das 390-Franken-Lifting-Serum. Ich glänzte wie nach Nivea, aber sobald alles eingezogen war, knitterte es wieder.
Besser gleich Nivea nehmen. Anstatt der gewöhnlichen, von Grossmüttern angeblich viel gepriesenen, die «Nivea Silk Comfort», deren Qualität ich mir über Stunden hart erarbeite. Ich durchgoogle etliche Testseiten und Blogs zu Kosmetikprodukten. Ich rufe zum ersten Mal in meinem Leben eine Kundenhotline an. Zum Schluss lasse ich sie mir aus Deutschland schicken, weil es sie auf dem Schweizer Markt nicht gibt. Ausserdem erinnere ich mich daran, dass ich mal die Labore von Beiersdorf besucht habe, dem Unternehmen, das Nivea, Eucerin, aber auch Luxuscremes wie Swiss la Prärie herstellt.
Abends, vorm Schlafengehen, kommt jetzt ein fetter Klecks «Silk Comfort» auf die Zornesfalte zwischen den Augenbrauen. Auf jene, die dem Schriftsteller Peter Stamm gut zu Gesicht steht, was unfair ist, denn der hat gar keinen Grund nachzuweisen, dass er klug ist. Ist es eh.

Erkennbar gelebtes Leben
Ich aber bin so blöd, weiter daran zu glauben, dass ewige Jugend mit den richtigen Zutaten möglich ist. Und das, obwohl ich weiss, dass sämtliche Models und Schauspielerinnen für Fotos digital geliftet werden, wenn sie es nicht schon vom Chirurgen wurden.
Vor ein paar Jahren, als Robert Redford mit frischem Total-Facelifting zur Oscar-Verleihung erschien, war ich in meinem Glauben an die Menschheit ernsthaft erschüttert. Ausgerechnet der Mann, der für seine markanten Falten, für das Wind-und-Wettergegerbte, für das, was sich bei gut aussehenden Männern «erkennbar gelebtes Leben» nennt, gerühmt wurde, sah aus wie eine demenzkranke Schuhschachtel.
Das also ist, wie Botox, keine Alternative. Im Gegenteil, Nicole Kidman & Co. sehen durch ihre abgetötete Mimik nicht bloss leblos aus, sie wirken nach ihrem Altersbekämpfungsprogramm abseits der Leinwand älter als vorher. Was mir daran aber viel mehr zu schaffen macht, ist die Tatsache, dass die alle schon mit Anfang/Mitte dreissig schwer hochmunitionieren gegen ihre Falten, in einer Lebensphase, als ich meinen noch unschuldig entgegenzwinkerte.
Mein Vater, der in puncto Schönheit doppelt vorbelastet ist, weil er früher als sehr schöner Mann galt, und zudem, in den Anfängen der operativen Schönheitsnachhilfe, als plastischer Chirurg arbeitete, scheint, unmittelbar vor seinem achtzigsten Geburtstag, seinen Frieden mit dem Alter gemacht zu haben. Mir sind noch seine Worte im Sinn, die er mit Anfang sechzig seufzte: «Fürchterlich, mir sehen nur noch Dreissigjährige hinterher!» Das war zu einem Zeitpunkt, als ausser meiner Schwester, meiner Mutter und mir niemand sein wahres Alter kannte und in seinen diversen Pässen jeweils ein anderes Geburtsjahr stand (dank Mauscheleien bei der Umrechnung vom islamischen auf den christlichen Kalender). Nicht mal seine zweite Ehefrau und mein Halbbruder wussten Bescheid; wie all seine Freunde hielten sie ihn für zwanzig Jahre jünger. Wie er in dieses zwanzig Jahre kürzere Leben so viel Leben gequetscht hatte, fragte keiner. Vermutlich schlicht darum nicht, weil andere das eigene Alter für viel weniger wesentlich halten als man selbst.
Heute empfinde ich seine Trickserei nicht mehr als übertriebene Eitelkeit. Mir fällt ein, dass die Autorin Birgit Vanderbeke in irgendeinem ihrer Romane schrieb, dass sie sich über Bauarbeiter, die ihr als jungem Mädchen hinterherpfiffen, aufgeregt habe, um mit vierzig erschrocken dahinterzukommen, dass ihr diese zweifelhafte Form der Anerkennung auf einmal abging.
Kenne ich. Keine Ahnung, wann mein letzter Flirt war, aber es ist eine ziemliche Weile her. In guten Momenten beruhige ich mich damit, dass die Schweizer nicht gerade als Flirt-Weltmeister gelten. In schlechten Momenten schiebe ich es darauf, dass man als Frau mit dem vierzigsten Geburtstag eine Schallmauer durchstösst — wie sonst wäre zu erklären, dass bei vielen Paaren ab ungefähr fünfzig der Mann um einiges jünger erscheint als die Frau an seiner Seite?

Und am Arm Winkespeck
Das Hundsgemeine an Klassentreffen ist, denen ins Gesicht zu blicken, die mit hochnäsig wippendem Rossschwanz über den Schulhof trippelten und bei denen heute nur noch der Winkespeck an den Oberarmen dreist wippt. Die tollen Burschen der Klasse dagegen sind äusserlich weniger alt geworden. Wenn, dann eher feist, aber ein bisschen Fleisch um die Wangen schummelt ja oft Jahre weg. Jedenfalls haben die meisten von ihnen sich einen gewissen jungenhaften Charme bewahren können, garantiert ohne ihr Zutun. Während die ehemaligen Klassenkameradinnen in ihren H & M- Blümchentops im besten Fall als späte Meiteli durchgehen.
Oder liegt das nur an der unterschiedlichen Bewertung? Manipuliert das Hirn den Blick? Bei Kleidung funktionierts doch ähnlich: Nichts fand man hässlicher als Plateauschuhe, und nachdem einem jedes Heftchen die als hochmodisch verkauft hat, findet man sie ganz passabel. Sogar in Erwägung zu ziehen.
So oder so bleibt es eine schreiende Ungerechtigkeit, dass gerade die, bei denen Schönheit sowieso als nachgeordnete Tugend, vielmehr als Luxuszusatz, betrachtet wird, kurz Männer, im allgemeinen Verständnis attraktiver altern als Frauen, bei denen bis vierzig keiner viel auf die inneren Werte gibt. Die sind nettes Extra einer ansehnlichen Erscheinung, nicht andersherum. Und nach wie vor soll es genug Leute geben, denen eine, die hübsch ist und die trotzdem Nietzsche liest, reichlich suspekt vorkommt.
Mag sein, dass sie nicht nur Friedrich Nietzsche, sondern auch Arthur Schopenhauer gelesen hat, und bei ihm den an Bösartigkeit schwer zu überbietenden Vergleich, dass die Frau ein «Knalleffekt» der Natur sei: wenige Vegetationsperioden aufs Schönste blühend, um bis ans Ende ihres Daseins traurig vor sich hin zu welken.
Ich finde, ich habe mir eine Belohnung verdient. Nicht dadurch, dass ich meine Haltung zu Falten in einem Origami-Kurs überdenke, sondern durch eine Augenscheinnahme bei Dr. Roland Ballier, Präsident der Swiss Society for Anti Aging Medicine and Prevention — und damit das, was man heute einen Anti-Aging-Papst nennt. Mein Optimismus, Dr. Ballier könnte mir ein biologisches Alter attestieren, das weit unter meinem chronologischen anzusiedeln ist, gründet auf dem, was Freunde immer wieder als meinen «supergesunden Lebensstil» bezeichnen: Ich habe nie geraucht, trinke keinen Alkohol, und die durchzechten Nächte der letzten Dekade lassen sich bei mir an einer Hand abzählen. Wenn ich eine Nacht wach erlebt habe, dann nicht mit dem Champagnerglas in der Rechten, sondern mit der Spieluhr meines Kindes. Nun baue ich darauf, dass sich das irgendwie ablesen lässt.
Nur ist Dr. Ballier ein viel zu seriöser Arzt, als dass er mir eine schnöde Zahl nennt, mit der ich später angeben kann. Einmal in der Woche hält er Sprechstunde im Zürcher Dolder Grand. «Medical Wellness» steht an seiner Türund darunter die Namen der Kollegen, mit denen er zusammenarbeitet: ein Dermatologe und ein plastischer Chirurg. Dr. Ballier sagt, er sei für die «innere Schönheit» zuständig; dafür, dass man gesund stirbt. Und nicht zu bald.
Mit der richtigen Ernährung, Bewegung, mit Zusatzpräparaten — mit «Lifestyle-Management» — lassesich dafür sorgen. Er zeigtmir Kurven, die ab fünfundzwanzig erbarmungslos nach unten weisen, deren Neigung man mit einem gewissen Aufwand aber flacher machen könne. Meine hartnäckige Frage, ob mein Altern dadurch nicht nur für mich weniger spürbar werden könne, ebenso für mein Gegenüber, schert ihn nicht sonderlich: regelmässiger Sport, kein Brutzeln in der Sonne und Zufriedenheit mit dem Dasein liessen einen ganz nebenbei auch besser aussehen.
Richtig froh macht mich jedoch erst seine Ankündigung, meinen persönlichen Umgang mit freien Radikalen zu berechnen — genau die nämlich werden auf jeder Kosmetikverpackung als der Leibhaftige selber für die Haut angeführt.

Eine Kinderleber, dafür Fältchen
Dr. Ballier lässt etliche Tests machen, ermittelt meinen Body-Mass-Index, meinen Blutzucker, die Hormonwerte, Fettsäuren, Makro- und Mikrostoffe. Und kommt — zum Glück! — zu dem Schluss: «Ihre derzeitige Situation ist eigentlich sehr komfortabel. Sie sind ein undankbarer Fall für mich als Präventivmediziner, weil ich höchstens dreissig Prozent Ihres Lifestyles optimieren kann.»
Auf der Stelle sollte ich vor Dankbarkeit auf die Knie sinken, für mein hervorragend schlagendes Herz, meine niedliche Kinderleber, meine jugendlichen Nieren und für meine Arterien, die netterweise so bald keine Anstalten machen, zu verstopfen. Warum aber sagt er «eigentlich»?
«Sie haben einen viel zu niedrigen Vitamin-D3- und Omega-3-Säuren-Gehalt und zu wenig DHEA-S und IGF BP3, Wachstumshormone. Was das betrifft, sind Sie biologisch älter.» Er sieht meinen entsetzten Blick. «Dafür sind Sie bei den Sexualhormonen deutlich jünger als eine Frau mit vierundvierzig.» Ich atme auf, bis er anfügt: «Sie sind noch weit entfernt von der Menopause.» Hätte er mir wenigstens dieses hässliche Stichwort erspart: Tritt die erst mal ein, das ist mir sonnenklar, werden aus Fältchen Falten.
Okay, wachsen will ich ohnehin nicht mehr, allenfalls als Mensch, und Vitamin D3 kann man schlucken. Soweit, so gut. Also ein bisschen Demut entwickeln, dass es die Gene und das Leben alles in einem ziemlich anständig mit einem meinen? An der Einstellung arbeiten, mit jeder neuen Wundercreme, die ich auftrage?
Vor langer Zeit hatte ich mal das Vergnügen, einen Abend mit Barbara Cartland, der Königin des Groschenheft-Romans, zu verbringen. Sie war damals bereits 93 und wie immer von Kopf bis Fuss in Pink gekleidet. Ich kam ihr sehr nah. So nah, dass ich die vielen aufgeklebten leukoplastbraunen Pflästerchen an ihren Wangen, auf Stirn und Kinn sah. Mit ihnen hatte sie die überschüssige Haut Richtung Haare gestrafft und dann roséfarbenen Puder darüber gestäubt. In dem Vertrauen, dass sie das verjüngen würde.
Das tat es nicht, ihr Bemühen rührte mich dennoch. Ihr konnte nicht verborgen geblieben sein, dass ihre persönliche Liftingmethode nicht mit den professionellen mithalten konnte. Und doch zeigte sie so, dass ihr Aussehen ihr nicht mit dem Altwerden egal geworden war. Sie es nicht einfach hinnahm. Aus Respekt sich selbst gegenüber wie aus Respekt gegenüber ihren Mitmenschen kümmerte sie sich um sich. Mit einer fast ironischen Geste, wie sie so gekonnt sicherlich nur Briten beherrschen. Mit kleinen Trostpflastern, die ihre 93 Jahre nicht leugneten, aber verschmerzbar machten.

Informationen über Anti-Aging: www.dr-ballier.com

Die Fotografin Maria Trofimova arbeitet regelmässig für «Das Magazin».
maria@dedicatedtoyou.org

Fotografiert von Maria Trofimova
Fotografiert von Maria Trofimova

Die Diskussion

15 Reaktionen

  1. Claudia von Arx

    Älter werden ist für uns Frauen ein Elend. Nicht nur die Fassade bröckelt. Frigidität und Verbitterung schleichen sich in mein Leben. Meine hohen Erwartungen wurden nicht erfüllt. Ach was gäbe ich für ein bisschen Bescheidenheit und Herzlichkeit, die ich dem feministischen Ideal der modernen Frau geopfert habe.

  2. Profile Pic
    Ronnie Grob

    Du meine Güte! Sie haben – Fältchen! Ist das nicht – normal?

    Aber offenbar lassen sich mit der Infragestellung dieser Normalität ganze Industrien ernähren. Na dann viel Spass allen Schmierenden mit ihrer Schmiere!

  3. Tweets that mention Das Magazin » Vierzig verweht -- Topsy.com

    [...] This post was mentioned on Twitter by fraeulein_tessa, maike. maike said: RT @fraeulein_tessa: Vierzig verweht – Was machen plötzlich all die Cremes in meinem Gesicht? http://bit.ly/cf39Yx [...]

  4. Zara

    Frau Super-Roshani: Danke! Herzlichen Dank. – Schrecklich, schrecklich wahr, was Sie da schreiben. Wollte ich es so genau wissen? – Ääähhhhm — natürlich! Klar doch! Immer schön locker bleiben! Schmieren. Hecheln. Lesen. Denken.

    Trotzdem: Ich glaube, uns hilft nur noch der Schlüssel zum Pralinéraum von Max Küng oder ein sehr seltener Satz.

    Frau Roshani, was Sie zu sagen vergassen: Für schöne Frauen ist es viel härter. Etwa eine Million Mal. Die Hässlichen müssen weniger aufgeben, viel weniger. Sie können sich nicht erinnern an die Zeiten, als den Männern die Kinnlade runterfiel, wenn wir den Raum betraten, sie zu ignorieren.

    @ Ronnie Grob

    Wurden Sie hier gefragt? Interessiert uns, was Sie ungefragt zu gackern haben? – Na, also.

  5. Skeptiker

    vielleicht hilft der Fal Tiger gegen eine allzu grosse Verkrampfung:
    http://community.zeit.de/user/rosalix/beitrag/2010/02/23/morf-da-kommt-der-fal-tiger

  6. Marcel Peter

    Der Artikel zeigt schön, dass Vergänglichkeit, Abschied und Trauer auch in unserer übersättigten ersten Welt Teil des Lebens bleiben. Er zeigt auch, dass der Körper bei uns immer mehr zum Fetisch (Selbstzweck) verkommt. Dabei ist der Körper doch ein Vehikel der Evolution: Er dient dem Leben, nicht umgekehrt. Mir tut es weh, wie die Schreiberin selber ihren Körper auf seine Hülle reduziert. Ich bin männlich, 42 und auch ich sehe äusserliche Anzeichen des Älterwerdens, die mir nicht gefallen. Gleichzeitig war ich noch nie so fit wie heute und geniesse meine körperliche Leistungsfähigkeit. Diese Leistungsfähigkeit kann man/frau bis ins hohe Alter erhalten. An die Schreiberin: Nutzen Sie Ihren Körper und schauen Sie ihn nicht nur an. Fördern Sie seine Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und seine Koordination. Uahh!!

  7. Beatrice Vogel

    Ich finde, Marcel Peter hat recht. Mein Vater ist jetzt 62 und war in seinem ganzen Leben noch nie so fit und sportlich wie heute. Und auch meine Mutter, die dieses Jahr 60 wird und früher eher rundlich war, ist heute viel gesünder. Das Alter sieht man ihnen zwar an, doch habe ich das Gefühl, dass sie noch nie so zufrieden waren. Sie sind körperlich und geistig so ausgeglichen, dass ich als 25-jährige nur neidisch werden kann.
    Und das ist meiner Meinung nach das Essentielle, egal wie alt man ist: Dass man sich wohl fühlt in seiner Haut und das Leben geniesst.

  8. Punktum

    Ja, was machen die Cremes in Ihrem Gesicht? Nichts, vermutlich. Und was sagt Ihnen das?

    Die Art, wie Sie sich anschauen, zerfurcht nicht nur Ihre Haut, sondern auch Ihre Seele. Viel zuviel Zeit geht drauf für Gejammer und blinde Schmiererei. Ebenso wie die Haut der Schwerkraft, folgt die Energie der Aufmerksamkeit! Sie genauso wie ich und alle Menschen ab 40 (oder wann auch immer) können entscheiden, worauf sie ihren Blick richten, und an sich arbeiten. Am Selbst-Bild. Am Selbst-Wert. An der HALTUNG, der Äusseren wie der Inneren. Es gibt Massnahmen mit Tiefenwirkung für Körper und Geist. Zum Beispiel Pilates. Oder Cantienica New Faceforming. Oder die Pflegeserie Goloy33. Eins haben sie gemeinsam: Sie sind intelligent. ANFANGEN!

  9. Roswitha

    Meine Damen, es ist eine grosse Tragödie um die Vergänglichkeit irdischer Schönheit! und eine steinige, tränen- und schweissbeladene Zeit Ihnen nach Überschreitung der kritischen Altersgrenze gewiss. So hat’s nun mal der Schöpfer für uns eingerichtet: Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen, der Name des HERRN sei gepriesen. Amen. In dieses Schicksal haben wir uns zu fügen, da nützt alles Gleichberechtigungs- und Gendergetue nichts. Während wir wie die Blümlein kläglich dahinwelken, tragen die Herren der Schöpfung triumphierend ihre Falten (wie z. B. der von der Autorin verehrte Peter Stamm) in ihrem täglich mehr an Charakter und Ausdruckskraft gewinnenden Gesicht vors weibliche Publikum, um unverdrossen ihre Eroberungen zu tätigen. Aber: Kopf nicht hängen lassen, meine Damen! Und sich schon gar nicht in den Sklavendienst von Sälbchen, Pasten und vertreibender Quacksalber begeben! Es gibt da immer noch originellere, billigere und komfortablere Lösungen! Z. B. die da:
    http://www.paramantus.net/wp-content/uploads/2010/03/burka.jpg

  10. Rolf Bleiker

    1) Männer werden heute (leider) auch erbarmungslos nach Äusserem beurteilt 2) Ich (54) finde 44jährige Frauen oft sehr sexy 3) Ich verstehe nicht ganz, was es mit Journalismus zu tun hat, seitenlang über sich selbst zu erzählen (immerhin verkürzt es die Recherche).

  11. Punktum

    Herr Bleiker, zu Ihrem Punkt 3. Das ist eine tolle Sache. Man kann sich öffentlich selbst betrachten und den Frust von der Seele schreiben. Auf einer anspruchsvollen Plattform. Ein interessiertes Publikum hört zu, viele fühlen mit. Das spart nicht nur Geld für den Therapeuten, es bringt auch noch welches. Die Augenringe werden zum Umsatzfaktor – wie bei Derrick.

  12. Peter Aufenast

    Schmunzelnd habe ich den Artikel einer reifen Frau zur Kenntnis genommen. Als männliches Mitglied der “Golden Agers” muss ich auch noch meinen Senf unter dem Motto: “Genießer sind gesünder und in der Regel auch schöner!“ dazu geben.

    Zuerst mal entschuldige ich mich in aller Form bei allen Jugendlichen so zwischen 40 und 60 Jahren. Wir, also die Spezies mit 70 plus, werden laut Statistik immer älter und unternehmungslustiger. Wir fahren Motorrad, Surfen und treiben mehr oder weniger Sport. In der Werbung stürzen sich Senioren mit Waschbrettbäuchen vom Sprungturm in den Pool, bewundert von der holden Weiblichkeit von jung bis alt. Blendend aussehende Seniorinnen (mit oder ohne Lifting) räkeln sich in der Sonne, nippen cool an einem Cüpli und bereiten sich auf den abendlichen Ausgang vor, mit dem Ehemann, dem Lebensgefährten, dem Hausfreund oder der Zufallsbekanntschaft sei mal dahingestellt.

    Ort der Handlungen: In heimatlichen Gefilden, im Ferienressort oder hin und wieder auf einem Kreuzfahrtschiff. Manchmal kommt da schon ein bisschen Neid auf. Warum kleiden wir uns nicht, wie es sich für alte Menschen geziemt, in farblose Klamotten, speisen der Gesundheit zuliebe früh, halten uns von Discos und lärmenden Kindern fern und gehen mit den Hühnern ins Bett? Im Flieger trinken wir allen Unkenrufen zum Trotz zum Apéro einen Gin Tonic und anstelle des beliebten Wassers “mit oder ohne Blöterli!” zur Vorspeise einen Weiß- und zur Hauptspeise einen Rotwein.

    Weil die Abendessenszeiten im Ferienressort rund um die Kugel viel zu früh angesagt sind, sind wir gezwungen, die Mahlzeiten auswärts, frühestens ab 21:00 einzunehmen, wie das auch die Einheimischen in südlichen Ländern mit Erfolg praktizieren. Leider funktioniert das auf Kreuzfahrtschiffen nicht. Nach dem Essen sind Unterhaltung und Animationen angesagt und die beginnen in der Regel, wenn wir den Apéro genießen wollen. Und ein Abendessen in einem gewissen Alter um Mitternacht mit einem starken Espresso und einem Cognac zu beenden, mit anschließender Verdauung in der Disco ist schon fast pervers.

    Hin und wieder gibt es auch Erfolgserlebnisse. Wenn Jugendliche, also zwischen 40 und 60 Jahren fragen, ob sie sich uns „Gruftis“ anschließen können, um auf eigene Faust das Gastland mit einem gemieteten Jeep zu erforschen. Grünschnäbel, also unter 40 Jahren waren auch schon interessiert, lehnten dann aber dankend ab, weil unsere geplanten Trips ohne Guides für sie doch etwas zu anstrengend und zu abenteuerlich klangen. Lieber in einer Herde dem Leithammel folgen und vor Überraschungen, die den Trip erst interessant machen verschont zu bleiben.

    Abschließend noch einmal Entschuldigung, wenn wir Alten Junggebliebenen uns nicht so verhalten, wie das von vielen lieben Mitmenschen, die schon als Greise zur Welt gekommen sind gewünscht wird.

  13. Urs Zeder

    Natürlich dekadent.

    Ich habe den Artikel mit grossem Vergnügen gelesen und er animierte mich zu folgendem Beitrag:

    Mit 57 folgendermassen fremd-geschätzt: Du siehst älter aus, als du bist und aussehen tust du wie 47. Wow, das bauchpinselt.

    Heute 61 mit Enkel. Wie schafft man den Spagat zwischen dem jünger aussehen und der optischen Differenzierung zu den leiblichen Eltern? Grossväter (und Mütter) sind (für Grosskinder) auch nicht mehr, was sie einmal waren.

    Am Wochenende mit 10 Jahre und mehr jüngeren Bergfreunden auf Bergtour. Da hilft das Aussehen definitiv nicht weiter, wenn du gegenüber deinen Begleitern konditionsmässig das Gefühl bekommst, auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein.

    PS. Meine Lebenspartnerin stand mit knapp 50 in der Blüte ihres Lebens als sie an Krebs gestorben ist. In dieser Situation würde man/frau mit Vergnügen den Fältchenkrieg zur (Über-)Lebensfrage hochstilisieren unter der Devise: Schön natürlich dekadent.

  14. salsa_conciero

    Was für ein saublöder Artikel! Ein saublödes Selbst-/Fremdverständnis und eine unglaublich einfältige Weltsicht werden hier an den Tag gelegt. Trotz postmodernem Sex-and-the-City-Duktus gelingt es dem Text nicht im Geringsten reflektierende Distanziertheit zur eigenen Person zu erlangen, was irgendwie notwendig gewesen wäre um den Text noch irgendeine Art von Berechtigung zuzugestehen (der Leser könnte schliesslich inspiriert werden..). Die stark ironische Schreibe verhält sich ekelhaft kontradiktorisch zur durchgehenden Weinerlichkeit und v.a. zur selbstgefälligen “Märtyrer”-Pointe am Schluss. Vielleicht sollten. Zu was soll dieser Text anregen??

  15. Zara

    Ai, ai, ai, gleich so aufgeregt, die aufgeschäumte Sauce des Concierges! Warum eigentlich? Sehr interessant. Sehr, sehr interessant.

    Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber mit dem Text, der – vordergründig harmlos über die Oberfläche kommend – gekonnt Wehmut und Befindlichkeit angesichts der obszönen Tatsache, dass wir dem Tod entgegenaltern, ausdrückt, und mit der Autorin hat Ihr Gejammer nix zu tun, das steht fest.

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