Von wo kommt Polo

Gstaad in den Berner Alpen und den Shandur-Pass in Pakistan verbindet nur eines: ein jährliches Polo-Turnier. Wie anders das gleiche Spiel sein kann und wers wirklich erfunden hat.

20.08.2007 von Fredy Weisser , 1 Kommentar

Auch der Weg zum Polo Gold Cup in Gstaad, der an diesem Wochenende zum zwölften Mal ausgetragen wird, könnte ein wenig einfacher, direkter und vielleicht etwas weniger kurvenreich sein. 1176 von ihnen sind  es, wenn es wahr ist, von Wimmis auf 629 Meter über Meer bis hinauf zum Flughafen Saanen auf 1050 Meter. Und doch ist diese Anfahrt um vieles einfacher und vor allem ungefährlicher als diejenige an ein Polospiel auf dem knapp 3800 Meter über Meer gelegenen Shandur-Pass in der Gebirgsregion zwischen Himalaja, Hindukusch und Karakorum, offiziell Northern Territories von Pakistan genannt.

Und auch das Publikum der beiden Turniere lässt sich nur bedingt vergleichen. Auf dem Shandur sind es einfache, teilweise fast in Lumpen gehüllte, mit dunklen Augen noch dunkler dreinblickende Männer – das karge Dutzend Frauen darf sich nämlich nicht unmittelbar am Spielfeldrand platzieren. In Gstaad dagegen erfreuen sich doch sehr viele, in undiskutabel edleres Tuch gehüllte weibliche Schönheiten der Blicke von Männern, die ebenfalls, und auch in anderem Sinne, gutbetucht scheinen.

Auch unterkunftsmässig könnte die Situation der beiden Poloturniere unterschiedlicher nicht sein. Die Möglichkeit, sich nach den Spielen in ein Luxushotel zurückzuziehen, ist auf dem Shandur nicht gegeben. Dort oben, auf halbem Weg zum Himmel, steht lediglich ein einziges Haus, nein, ein Häuschen eher, in dem das Material für das nächste Turnier aufbewahrt wird und das dem Präsidenten der Islamischen Republik während seines Aufenthaltes als WC dient. Geschlafen wird während der zwei Tage in Zelten.

Die Zelte in Gstaad beherbergen sonnengeschützte VIP-Areas mit aufwendigen Buffets erlesener Köstlichkeiten aus aller Herren Ländern. Auf dem Shandur schmort es an Ständen in unzähligen Pfannen; vom frisch aus dem Gatter herausgeholten Huhn bis hin zur Ziege, die am Vorabend noch schlafraubend über die Hochebene geblökt hatte.

Nein, vergleichen scheint hoffnungslos. Es gibt kaum ähnlichkeiten zwischen einem modernen Polohappening mit europäischen Patrons und argentinischen Weltklasse-Profis und einem historischen Turnier, das schon seit 600 Jahren an immer gleicher Stelle, in unverändert karg gebliebener Umgebung und noch immer gänzlich unter Ausschluss von Sponsoren und Zuschauern aus der Oberschicht ausgetragen wird.

Selbst zuschauen strengt an

Verbindend ist einzig der Sport. Der wird heutzutage zwar in Orten wie Windsor, Deauville, Sotogrande, Aspen, Palm Beach, St. Moritz oder eben Gstaad zelebriert – stammt aber ursprünglich aus den Hochgebirgen Asiens, wo schon mehr als 500 Jahre vor Christus Polo gespielt wurde. Geschichten also, dass das Spiel eine Erfindung der Briten sei oder dass Dschingis Kahn so mit den abgeschlagenen Köpfen seiner Gegner umgegangen sei, gehören definitiv in die Welt der Märchen. Zugegeben, auch die Version, dass Polo in den Gebirgszügen des Tibets deshalb erfunden worden sei, weil in der damals herrschenden Hungersnot die kriegerischen Reiter sich mit Stöcken gegen hungrige Ratten wehrten und so aus der Defensive heraus die Freude am Schlagen eines Gegenstandes vom Pferd herab entdeckten, wurde nicht weiter erhärtet. Und doch ist diese unwirtliche Gegend die Wiege des Polos.

Wenn die wenigen Neugierigen aus weiterentwickelten Gebieten dieser Welt die beschwerliche Fahrt von Chitral oder von Gilgit aus auf den Pass überlebt haben – die Reise führt an Wracks von abgestürzten Jeeps in tiefen Schluchten vorbei –, dann erwartet sie eine weitere, ebenso abenteuerliche wie faszinierende Tortur. Die Temperaturen steigen tagsüber auf gegen 60 Grad, um nachts auf 10 Grad unter den Nullstrich abzusinken. Das Wasser ist, wenngleich abgekocht, genauso wie das Essen eine wahre Bewährungsprobe für den Magen. Auf dieser Höhe ist die Luft ausserdem dünn, sehr dünn. Zusammengefasst verbringt der Westler einen grossen Teil seiner Zeit auf dem Pass im WC-Zelt, das nur ein Tuch um ein Loch ist.

Spiele fürs Volk

Das Turnier von Shandur wurde kurz vor dem Zusammenbruch seiner Herrschaft von einem König ins Leben gerufen, um die durch das Hochgebirge getrennten Teile seines Reiches zusammenzuhalten. Dieser letzte Herrscher bestimmte denn auch, dass die Spiele auf dem Shandur-Pass nach den Regeln von Ali Sher Khan aus dem 12. Jahrhundert zu spielen seien. Und das sind Regeln, die für unsere Begriffe einiges mehr erlauben, als nur die Vorgänge in einem harten Spiel zu ordnen und nicht viel mehr verhindern, als dass sich die Teams auf dem Spielfeld nicht gegenseitig umbringen.

So treten auch, im Gegensatz zu Gstaad, wo ein Team je vier Spieler umfasst, auf beiden Seiten ganze neun, meist bärtige und praktisch ungeschützte Männer zu einem Kampf an, der eine volle Stunde dauert, lediglich von einer einzigen, winzigen Teepause unterbrochen. Dass dabei pro Spieler nur ein Pferd – in Gstaad sind es unbeschränkt viele, mindestens aber vier – eingesetzt werden darf, sei zu Ehren der Poloponys hier hervorgehoben. Die zähen Tiere haben ausserdem schon die Anreise hinter sich, anstrengende Fünf-Tages-Ritte über Stock und Stein bis auf fast 4000 Meter Höhe.

Die Heraufbeschwörung der Geräuschkulisse auf dem Shandur soll den kurzen Seitenblick auf die urtümlicheren Formen dieses Sportes beenden: ein bizarres, irgendwie unwirklich anmutendes und nicht abreissen wollendes Urdu-Geplapper und das archaische Gebrüll der im Sand knienden Vertreter eines dardischen Volkes, das seine tibetischen Wurzeln auch akustisch nicht verleugnen kann. Wie gesittet ruhig wird es doch demgegenüber in Gstaad zu und her gehen.

Eine Ponystärke reicht hier fürs ganze Spiel. | Bild: Fredy Weisser
Eine Ponystärke reicht hier fürs ganze Spiel. | Bild: Fredy Weisser
Weit über zehntausend Zuschauer reisen jedes Jahr auf den Shandur. | Bild: Fredy Weisser
Weit über zehntausend Zuschauer reisen jedes Jahr auf den Shandur. | Bild: Fredy Weisser

Die Diskussion

Eine Reaktion

  1. Lukas Rohrer

    Sollten Werbetexte nicht klar als solche erkennbar sein? Habe mich eigentlich auf einen spannenden Text gefreut. Es ist aber nur geplapper.

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