13.06.2008 von Finn Canonica , 2 Kommentare
Was halten Sie von diesem Magazin, rein optisch?
(Tyler Brûlé nimmt die drei letzten «Magazin»-Ausgaben in die Hand, blättert, verzieht keine Miene.) Ehrlich gesagt, sieht das Heft etwas alt aus, ich tippe auf Neunzigerjahre. Es erinnert mich an ein holländisches Magazin aus der damaligen Zeit. Also Grafik und Fotografie scheinen mir nicht mehr zeitgemäss zu sein, das ist alles zu kühl, mir fehlen die Emotionen, aber vielleicht muss das so sein in der Schweiz.
Wie würden Sie unser Heft mit einem Satz beschreiben?
Es schaut nach einem Wir-Schweizer-sind-ein-fleissiges-und-ernsthaftes-Volk-Heft aus.
Und wie müsste es Ihrer Meinung nach ausschauen?
Nach einem Wir-sind-zwar-topseriös-aber-gleichzeitig-auch-relaxed-und-very-stylish-Heft.
Was würden Sie ändern?
(Schaut sich ein paar Bilder nochmals an, schüttelt den Kopf) Verbieten Sie den Fotografen Digitalkameras. Digitale Fotografie gehört nicht in Magazine mit einem so guten Ruf wie dem Ihren. Die Farben stimmen nicht, alles wirkt kalt und distanziert. Ich glaube, Leser wollen wohnlichere Magazine haben. Wäre Ihr Heft ein Raum, würd ich zwar gerne darin meine Bankgeschäfte erledigen, aber definitiv nicht darin wohnen wollen. Mir ist das zu schlicht und sachlich. Und dann sollten Sie unbedingt in besseres Papier investieren, falls das möglich ist. Ihr Heft sollte sich teuer anfühlen, nicht billig.
Sie haben vor einem Jahr die Zeitschrift «Monocle» gegründet, Ihr Heft kommt an und schreibt bereits schwarze Zahlen. Wir leben ja nicht gerade in prosperierenden Zeiten für Printmedien.
Ganz einfach: Ich habe in dieses Blatt investiert, weil ich an Printmedien glaube. Ich habe ein Magazin auf den Markt gebracht, das inhaltlich ankommt und das man mit sich rumtragen will. «Monocle» ist ein Heft, das niemand schnell wegschmeisst, es hat von der Papierqualität her schon fast Accessoire-Charakter. Das sollten Verleger verstehen: Wie können sie erwarten, dass Topmarken in ihren Heften inserieren, wenn sie gleichzeitig nicht bereit sind, ein entsprechendes optisches Umfeld zu schaffen?
Sie stehen mit Ihrer Meinung alleine da. Alle Verleger fürchten das Internet.
Seit Jahren wird von Medienexperten das Ende des Printjournalismus prophezeit. Es heisst, wir würden künftig nur noch Medien über Internet konsumieren. Das ist nur die Hälfte der Wahrheit. In zwanzig Jahren wird es noch zwei Arten von Publikationen geben: Boulvardtrash mit gigantischer Auflage und elitäre Tageszeitungen und Magazine mit klugen Analysen und Meinungen. Alles, was publizistisch dazwischen ist, bricht weg. Überleben werden die primitiven oder su¬persmarten Printprodukte.
Was erwarten Sie eigentlich von einem Magazin oder einer Tageszeitung?
Ich möchte Meinungen lesen, eindeutig. Eine starke Meinung zwingt mich zum Nachdenken, auch wenn ich sie nicht teile. Und längerfristig ist es doch dieses Gefühl, das einen an eine Zeitung bindet. Man möchte als Leser intellektuell gefordert werden, reine News liefert das Internet besser und schneller. Und dann müssen Magazine und Zeitungen unterhalten, das kann man meiner Meinung nach auf zwei Arten tun: Entweder man ist wirklich lustig oder man verführt den Leser, zeigt ihm Gedankenwelten oder durchaus auch materielle Welten, die er noch nicht kennt.
Kann man den eigentlich lernen, diesen angelsächsischen Optimismus?
Keine Ahnung, das fällt mir nicht mal mehr auf. Aber Journalisten sollten allgemein besserer Laune sein. Der Job ist doch gut, oder nicht?
Hier hat Tyler Brûlé recht. Und wo er recht hat, soll er ernst genommen werden. Ich freue mich schon aufs neue Magazin !
endlich. vielen dank. ja genau. weg mit den digitalkameras. weg mit der these, dass jeder gute fotos machen kann solange er genug zeit hat nach jeder aufnahme auf den kamera-monitor zu starren, anstatt auf den richtigen moment zu warten, das auge im sucher zu halten und in der gewissheit abzudrücken, die kamera im voraus richtig eingestellt zu haben. generationen von fotografen haben so gearbeitet. aktuell wird es sehr schwer fotografen zu finden die wissen was sie tun und nicht nur auf den digi.monitor starren. sie wurden gerne vorzeitig pensioniert oder aus kostengründen zurückgestellt. ihr angeschossener “tyler” liegt total richtig und hat die kalt geblitzen aufnahmen im magazin zu recht kritisiert.
tino briner
fotograf br-vsj