31.07.2009 von Sacha Batthyany , 1 Kommentar
Bahnhof Ziegelbrücke im Juli. Züge halten und fahren weiter, Pendler kommen und gehen, Senioren eilen auf den Regionalexpress, alle bewegen sich, alle müssen irgendwohin, nur die beiden Jugendlichen auf der Parkbank neben dem Kiosk rühren sich nicht von der Stelle. Der eine kommt aus der Ukraine, ist neunzehn und heisst Nikita. Der andere kommt aus Mazedonien, ist achtzehn und heisst Vase. Nikita und Vase. Sie sitzen nur da. Sie steigen nicht um. Sie fahren nicht weg. Sie tun, was in diesem Land sonst niemand tut: nichts.
Nach der Arbeit als Pöstler im fünfzehn Kilometer entfernten Siebnen nimmt Vase den Zug und kommt pünktlich um sechs Uhr in Ziegelbrücke an, wo Nikita, im Moment ohne Job, bereits auf ihn wartet. Warten auf Vase. Und eine Stunde später, wenn die Sonne langsam untergeht und unter die Bahnhofsdecke scheint und alles golden glänzt und die Schienen Richtung Süden leuchten, als würden sie glühen, dann gibt es keinen schöneren Ort auf der Welt, dann hören sie deutschen Hiphop aus Nikitas Mobiltelefon, und alles ist okay. Zwei Freunde, eine Parkbank, ein Selecta-Automat: null Probleme. Darum gehts.
In Paris stehen die Jugendlichen vor der Métro. In New York sitzen sie auf den Treppen vorm Haus. In Tokio warten sie vor den Warenhäusern — und in der ländlichen Schweiz treffen sie sich an Provinzbahnhöfen, an jedem einzelnen Tag, in jedem einzelnen Dorf, Tausende im ganzen Land. Sie schubsen und reden und skaten und flirten und kiffen und spucken, und sie trinken Red Bull oder Bier oder was grad zu haben ist: in Düdingen neben dem Passfoto-Automaten, in Uster hinter dem Ticketschalter, in Grenchen vor dem Bistro, in Näfels am Ende der Gleise und in Ziegelbrücke auf der Parkbank. Sie hängen am Wochenende, und sie hängen nach der Schule, sie gehen zum Essen nach Hause und hängen weiter bis tief in die Nacht, bis die Sitzung des Turnvereins vorbei ist, bis der Gasthof zum Bären oder zum Hirschen oder zur Linde seine Lichter löscht und alles um sie herum still ist und dunkel und nur noch die Neonröhre unter dem Vordach des Bahnhäuschens leise surrt. Züge fahren jetzt nur noch selten. Pendler steigen kaum noch aus, und wenn, dann eilen sie hastig nach Hause.
Von Weitem sehen die Jugendlichen, alle um die zwanzig, im Schein des Neonlichts aus wie die Menschen in den Bildern Edward Hoppers. Nachtschwärmer. Gestrandete, voller Sehnsucht — ohne zu wissen, wonach. Doch in Wahrheit werden sie nie wieder so ein sicheres Gefühl haben, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Und während Ziegelbrücke schläft, schlurft Nikita, erst seit drei Jahren in der Schweiz, zum beleuchteten Selecta-Automaten, wirft drei Franken ein und holt sich eine Packung M&M.
Vase: «Weisst du, den Weibern kann man nicht
vertrauen. Aber dir schon. Ich kann dir alles erzählen.
Ich vertrau dir, Mann.»
Nikita: «Ich dich auch.»
Nirgends wird häufiger Zug gefahren als in der Schweiz, nirgends gibt es mehr Provinzbahnhöfe, sie sind helvetische Insignien, ähnlich wie Postschalter, sie dürfen nicht fehlen. Sie sind stehen gebliebene Kulissen aus einer Zeit, bevor die Dörfer zersiedelten, bevor ganze Täler zusammenwuchsen, bevor ein einziger Brei aus Mehrzweckhallen und Jumbo-Filialen entstand, in jeder Lücke ein Aldi und daneben ein chinesisches Restaurant. Nur der Bahnhof war schon immer da. Der Bahnhof gibt Halt.
Vase: «Wusstest du…»
Nikita: «…was?»
Vase: «Wusstest du, dass der Food in diesen
verdammten Automaten immer dieselbe Nummer hat?»
Nikita: «Was Nummer?»
Vase: «In allen Selecta-Automaten ist Twix Nummer 7.
Snacketti-Chips Nummer 11. Feuerzeuge sind immer 38.»
Nikita: «Und Red Bull?»
Vase: «Keine Ahnung.»
Nikita: «Feuerzeuge sind kein Food.»
Vase: «Stimmt.»
Der bekannte französische Ethnograf Marc Augé bezeichnete Gebäude wie Flughäfen und Einkaufszentren einst als «Nicht-Orte», in denen alle Abläufe automatisiert seien, alle mit Kreditkarten bezahlen und gemeinsam vereinsamen würden, weil niemand mehr miteinander spräche. «Die Welt dieser Nicht-Orte wächst, und die Zeit, die wir in solchen Nicht-Orten verbringen, steigt», sagt Augé kulturpessimistisch, und er schliesst auch Bahnhöfe mit ein, einst als «Basiliken der Moderne» gefeiert, heute zu «simplen Transiträumen» degradiert, in denen Menschen so wenig Zeit verbringen wollen wie möglich. Warten heisst verlieren.
Marc Augé mag zehn Jahre lang Präsident der ehrwürdigen École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris gewesen sein, er mag wochenlang in der Pariser U-Bahn verbracht haben, um das Verhalten der Pendler zu erforschen, auf Schweizer Provinzbahnhöfen war er nie.
Hier warten Schweizer, Mazedonier, Albaner, Türken, Albaner und Deutsche und nochmals Albaner gemeinsam auf nichts — und sind zufrieden. Hier herrscht Integration, ohne Kurse mit müden Sozialarbeitern, hier sind die Buben und Mädchen weniger neurotisch als in Basel oder an Zürichs Bahnhofstrasse, wo man immer das Gefühl hat, sie könnten alle besser shoppen als küssen. Und kommuniziert wird, entgegen Marc Augés These, was das Zeug hält: Das Topthema auf dem Bahnhof in Düdingen ist Selinas Tätowierung, sie liess sich vor vier Wochen in Bern ein lang gezogenes S stechen, das sich um ihren Hüftknochen schlängelt und ihr ausgezeichnet steht, gefolgt vom Thema Zungenpiercing: Tanja hat eins, Shiroma hat eins, Fabienne will keins. In Grenchen trägt Muski, der Sanitärinstallateur, alten Frauen die Koffer ins Zugabteil, «so spare ich mir das Fitness-Abo», und 175 Kilometer weiter östlich sitzt Miguel «The Boss» am Bahnhof Näfels, er feilt gemeinsam mit Fabian an seinen Rap-Texten und ruft in die Runde, während der Regionalexpress nach Glarus vorbeizischt: «Gestern habe ich versucht, das ganze Alphabet durchzurülpsen. Aber bei R ist mir schlecht geworden.»
Natürlich könnten sich Selina und ihre Girls und Miguel und seine Gang und Vase und Nikita und all die anderen Jungs und Mädchen in der Schweiz auch an anderen Orten treffen, in Jugendräumen zum Beispiel, die ihnen von den Gemeinden zur Verfügung gestellt werden, links ein Fussballkasten, rechts ein Schrank mit Würfelspielen — oder noch besser am Waldrand, wo man sie nicht sieht. Doch sie nutzen den Bahnhof als Bühne, heimlich zu kiffen macht einfach weniger Spass, und wozu tätowieren, wenn es niemand sieht?
Der Bahnhof ist «das Nadelöhr zwischen Öffentlichkeit und Privatheit», sagt der St. Galler Thomas Hengartner, Professor für Volkskunde an der Universität Hamburg, «er befindet sich meist am Rande des Dorfes, dort ist die soziale Kontrolle geringer». Gabriela Muri vom Institut für Populäre Kulturen in Zürich sagt: «Am Bahnhof können Jugendliche am gesellschaftlichen Leben teilhaben, ohne mitmachen zu müssen.»
Und das Rumlungern und das Hängen ist nicht etwa Zeichen ihrer Faulheit, ist kein passives Zeittotschlagen, sondern eine Haltung «gegen die Welt der Erwachsenen», sagt Muri, gegen Pendler und Büromenschen, die von Termin zu Termin eilen. Am Bahnhof einfach nur sitzen zu bleiben, weder einzukaufen noch irgendwo hinzufahren, bedeutet nichts anderes, als die Funktion des Ortes auf den Kopf zu stellen. Das ist ziviler Ungehorsam in nobler Form und erinnert in seiner Zurückhaltung an den Flaneur, wie ihn Baudelaire Ende des -19. Jahrhunderts in seinen Gedichten feierte. Auch der Flaneur hat keinen Plan. Er will nichts kaufen. Er spaziert ganz entspannt die Boulevards von Paris entlang, während alle anderen gestresst ins Kaufhaus drängeln, und protestiert so gegen den Konsumismus. Es gab Flaneure, die vor der Galeries Lafayette Schildkröten an der Leine führten.
Vor allem aber ist die Welt der Bahnhöfe noch nicht so totgeputzt wie sonst alles in der Schweiz. Hier fahren schwere Güterwaggons vorbei, hier dürfen Stahlträger vor sich hinrosten, und wenn ein Zug hält, dann riecht es nach angesengtem Eisen, nach Fremde und nach Pisse, und es pfeift, dass die Trommelfelder beben. Bahnhöfe haben etwas verrucht Romantisches und waren immer schon Anziehungspunkt für Abenteurer. In den USA hat sich daraus eine ganze Subkultur entwickelt, «The Hoboes», Wanderarbeiter, Freigeister, die in Güterzügen umhertrampen, in Bahnhofshallen übernachten und sich fühlen wie Helden; keiner hat das besser beschrieben als der US-Journalist Ted Conover in «Rolling Nowhere».
Zurück bei den Mädchen vom Bahnhof Düdingen.
Tanja: «Es gibt keinen schöneren Ort als die Schweiz.
Und hier ist es am schönsten.»
Fabienne: «Spanien ist schöner.»
Shiroma: «Düdingen ist chillig, easy und gäbig.»
Sie rauchen alle Winston light, ihre Marke, doch sobald das erste Baby kommt, wollen sie aufhören, «das ist doch klar». Mal läuft Selina zu ihrem Freund, und sie knutschen ein bisschen uncool, irgendwie zu laut, und er steckt seine Hände hinten in ihre Jeanstaschen, mal zählen sie ihre Lieblingsautos auf, «Audi-Q7-weiss», «Honda-Accord-Farbe-egal», «Opel-Corsa-Sport-schwarz». Noch ist der Asphalt ganz warm, obwohl die Sonne über Düdingen längst untergegangen ist. Ein paar Typen flitzen mit ihren Töffli vorbei, Selina sagt: «Der Bahnhof ist unser zweites Zuhause.» Doch damit ist es bald vorbei.
Immer mehr Bahnhöfe werden in Zukunft mit Videokameras überwacht, um die Sicherheit im öffentlichen Raum zu erhöhen. In den letzten Jahren schraubten die SBB bereits klammheimlich Dutzende von Parkbänken an Dorfbahnhöfen ab, damit sich Jugendliche nirgends hinsetzen, ähnlich wie die Zacken auf den Dächern die Tauben am Landen hindern. Die Kameras sollen nun dazu führen, dass sich Jugendliche dort gar nicht erst treffen. Man will sie nicht mehr, sie stören, weil sie angeblich Lärm verursachen und Dreck und Kosten, weil ihr Anblick Pendler verängstigt und Konsumenten vom Konsumieren abhält. Sie sind das Bauernopfer, weil wieder mal alle von Jugendgewalt sprechen und sich alle einig sind, dass etwas getan werden muss.
Vielleicht werden die Kameras wirklich die eine oder andere Sprayerei verhindern, vielleicht wird die eine oder andere Schlägerei unterbrochen, vielleicht der eine oder andere Täter schneller erwischt. Sicher ist, die Mädchen um Selina werden vom Bahnhof Düdingen verschwinden. Miguel «The Boss» wird in Zukunft hinter Tankstellenshops rumhängen, auch Nikita und Vase werden sich einen neuen Ort suchen. Das ist dann der endgültige Tod des Landbahnhofs, nachdem schon der Bahnwärter durch den Ticket-Automaten ersetzt wurde. Und wieder verliert die Schweiz ein Stück Schweiz.

Alle müssen irgendwohin, nur Nikita tut, was sonst niemand in diesem Land tut: nichts. | Maurice Haas

Wenn die Schienen Richtung Süden glühen, gibt es keinen ehrlicheren Ort auf der Welt. | Maurice Haas

Am Arch der Welt in Arch (BE) — und doch das Herz der Schweiz | Maurice Haas

Miguel beim zivilen Ungehorsam in nobler Form | Maurice Haas

Tanja, Lavtrim, Fabienne, Shiroma und Selina treffen sich täglich in Düdingen. Immer am Passfoto-Automaten | Maurice Haas

Muski skatet in Grenchen oder trägt alten Frauen den Koffer. | Maurice Haas

Fabienne und Shiroma finden Düdingen «chillig und gäbig». | Maurice Haas

Hier in Neuenegg (BE) ist die Schweiz noch nicht totgeputzt, hier riecht es nach Fremde und nach Pisse. | Maurice Haas

Nikita und Vase, die Helden vom Bahnhof Ziegelbrücke | Maurice Haas

Der letzte Töfflibueb: Bahnhof Näfels-Mollis (GL) | Maurice Haas
sehr gutes thema! bin jetzt mitte zwanzig, habe meine jugend in einer agglomeration verbracht mit ebendiesen landbahnhöfen und kann sagen: stimmt. wir haben von 15 bis 19 meistens unter der woche unsere abende am bahnhof verbracht. winter bei -3 grad? macht mir doch nichts.
leider wurden auf unserer zugstrecke alle bahnhöfe so gut wie gleichgeschaltet. hirnlos überteuerte sbb-parkplätze, die weiss gestrichenen, unbenutzte betonunterführungen und diese hässlichen blauen wände mit den eingelassenen ticketautomaten plus die asphaltierten wendeplätze für 1 postauto pro stunde. danke kostenoptimierung!
aber das stört die jugendlichen von 15 bis 19 in meinem dorf nicht, die hängen immer noch da rum! und gucken auch jeden schief an, der in ihre richtung guckt. zünden sich nur zigaretten an, wenn ein zug kommt. wie wir.