Warum ich nicht mehr Lehrer bin

Ein Berufsstand verzweifelt an tausend Ansprüchen.

03.10.2008 von Martin Beglinger , 87 Kommentare

Die Schweiz streitet über HarmoS. Doch jede Diskussion über Schule endet früher oder später mit der Feststellung, dass die besten Strukturen nichts nützen, wenn die falschen Leute vor einer Schulklasse stehen. Nur: Welche sind die richtigen? Es gibt rund 90 000 Lehrkräfte im Land, und sie kriegen jeden Tag tausend Ratschläge, wie sie es besser machen sollten. Doch wie erleben sie ihre Arbeit selber? An dieser Stelle soll nur ein einziger Lehrer zu Wort kommen: ein 35-jähriger Sekundarlehrer, den wir hier Bernhard Lorenz nennen. Der Mann will anonym bleiben. Aber umso offener redet er darüber, warum er seinen Beruf, den er im Grunde so liebt, nach sechs Jahren aufgegeben hat. Und warum so viele seiner Kolleginnen und Kollegen frustriert in der Schule zurückbleiben.

«Schon als Drittklässler wollte ich Lehrer werden. Lehrer oder Hotelier. Auf jeden Fall sollte mein Beruf mit Menschen zu tun haben, denn der Umgang mit anderen Leuten hat mich stets fasziniert. Ich fand es immer eine grossartige Aufgabe, eine Klasse frisch zu übernehmen. Für mich war nie entscheidend, dass die Schüler am Ende der dritten Sekundarklasse perfekt Englisch sprachen. Das kann man auch in der Migros-Klubschule lernen. Wichtig war für mich, aus diesen Jugendlichen junge Menschen zu formen, die man mit gutem Gewissen ins Leben hinausschicken kann, die einen guten Umgang und einen soliden Realitätsbezug haben. Ich halte das für eine sehr ehrenvolle Aufgabe, und darauf war ich, ja, stolz.
Warum ich trotzdem nicht mehr Lehrer sein will? Das hat mich meine Frau auch gefragt, als ich ihr vor einem Jahr zum ersten Mal sagte: ‹Du, ich kann nicht mehr schlafen. Die Ansprüche von allen Seiten erdrücken mich. Mein Beruf macht mich kaputt.› All die Sprüche über die Lehrer, diese ‹Berufsjammerer in der geschützten Werkstatt›, die ‹Ferientechniker mit ihren dreizehn freien Wochen pro Jahr›: Ich kann sie nicht mehr hören. Gerne hätte ich mit den Leuten, die noch immer so reden, mal den Arbeitsplatz getauscht, Büro gegen Klassenzimmer, nur eine Woche lang. Genauso hohl klingen für mich die wohlfeilen Sätze der Politiker, die jetzt plötzlich alle die Bedeutung unseres Berufsstandes preisen – bis zur nächsten Finanzdebatte, in der sie zum Beispiel wieder mal tiefere Schülerzahlen ablehnen. Sie alle, die in der Öffentlichkeit das grosse Wort führen, sollten sich mal in die Rolle eines Lehrers versetzen, wenigstens in Gedanken vor eine Klasse mit 25 Jugendlichen hinstehen. Und wem diese Vorstellung schwerfällt, der soll sich doch einfach an die letzte Diskussion mit der eigenen Tochter oder dem Sohn erinnern – und dann mit 25 multiplizieren.
Vielleicht begreift mich tatsächlich nur, wer selber mal unterrichtet hat. Es zählt zu meinen frustrierendsten Erfahrungen, wie ahnungslos die meisten Leute sind, was unseren wahren Berufsalltag betrifft. Ich habe das Schulzimmer immer als Bühne empfunden. Jeden Tag einen Auftritt vor Publikum. Aber nicht zwei Stunden lang wie ein Schauspieler, sondern sechs oder sieben; nicht einen Tag lang, sondern fünf und Woche für Woche. Der Sekundarlehrer steht unter Dauerbeobachtung von 25 Jugendlichen, und diesen entgeht nichts, absolut nichts. Doch das ist nur die Hauptbühne. Hinter den Schülern stehen die Eltern, nebenan die künftigen Lehrmeister, rundherum die Schulbehörden – und zwischen allen eingeklemmt: der Lehrer. Ich muss Vorbild sein! Immer gerecht! Darf nie launisch sein! Nie parteiisch! Nur liebevoll! Nie krank. Private Probleme darf ich mir ohnehin nicht leisten, weil ich dann erst recht kein guter Pädagoge mit einem kreativen, inspirierenden Unterricht sein kann. Im Büro kannst du mal einen Durchhänger haben, dich hinter dem Computer verstecken. Im Schulzimmer kannst du das vergessen. Da braucht es Präsenz, immer, überall. 25 Augenpaare sind auf mich gerichtet, und sind sie es nicht, bin ich erst recht gefordert, denn Klassen laufen schnell aus dem Ruder. Die testen täglich meine Grenzen, wollen wissen, was es braucht, dass der da vorne ausflippt.

Du hast ja so recht…
Im letzten Juli, am Ende des abgelaufenen Schuljahres, bin ich nun also von dieser Bühne abgetreten. Es gab Blumen, Süsses – und viel aufrichtiges Bedauern. Ich glaube wirklich nicht, dass jemand froh über meinen Abgang war. Ich erhielt Abschiedsbriefe, die mir Tränen in die Augen trieben. Nie hätte ich das von Schülerinnen und Schülern erwartet, für die ich vor Kurzem noch der mühsame, fordernde Disziplinierer war. Drei Monate später schrieb mir eine Schülerin: ‹Lieber Herr Lorenz*, könnten Sie nicht bitte einfach zurückkommen und wieder Schule geben?› Anscheinend habe ich doch nicht alles falsch gemacht. Ich gebe zu, im Grunde wäre ich viel lieber Lehrer geblieben. Ich vermisse viele dieser Jugendlichen, sogar sehr. Nicht aber den Rest rundherum. Auch HarmoS würde daran nichts ändern. HarmoS ist okay, aber gewiss nicht das Allheilmittel für unsere Probleme. Die Misere liegt viel tiefer.
Die Reaktionen aus dem Lehrerkollegium auf meine Kündigung klangen alle ähnlich: ‹Du hast ja so recht.› – ‹Ich bewundere dich.› – ‹Auch ich ginge sofort, wenn ich nur könnte.› – ‹Mir fehlt der Mut zu diesem Schritt.› – ‹Ich kanns mir finanziell leider nicht leisten, denn wir haben gerade ein Haus gekauft.›
Eine Kollegin schrieb: ‹Schade, dass ausgerechnet Lehrer wie du vom Beruf verheizt werden. Ich kann leider nichts anderes als unterrichten. Der glücklichste aller Fälle wäre eine Frühpensionierung mit Sozialplan, aber das ist zu schön, um wahr zu sein.›
Mein Start in dieses Metier war gut. Nach der Matura ging ich Anfang der Neunzigerjahre an die Pädagogische Hochschule (PH), sieben Semester plus obligatorisches Praktikum; eine sehr strenge Ausbildung, weil ich die ganze Phil.-I.-Fächerpalette belegen musste: Deutsch, Französisch, Englisch, Geschichte, Geografie, Sport, Zeichnen. Aber es war eine persönliche Atmosphäre und kein Vergleich zum akademisierten Massenbetrieb, über den ich die heutigen PH-Studenten klagen höre. Am Schluss meiner Ausbildung zum Sekundarlehrer fühlte ich mich einigermassen gut vorbereitet auf diesen Beruf. So übernahm ich eine auf ein Jahr befristete Stelle. Sie gefiel mir, weil ich sofort spürte: Ich kanns mit jungen Menschen. Und das ist wichtiger als alles andere. Ob die Chemie stimmt, ob einen die Klasse akzeptiert oder nicht, das spürt man schon in der ersten Stunde. Trotzdem suchte ich vorderhand keine reguläre Stelle, weil ich jung und neugierig war und erst noch eine Art Lebensschule in der weiten Welt machen wollte, bevor ich mich definitiv als Lehrer installierte. Deshalb unternahm ich einen mehrjährigen Abstecher in die Gastronomie im In- und Ausland. Sekundarlehrer mit Erfahrung in der Privatwirtschaft sind schliesslich sehr gefragt.
Es war eine faszinierende Erfahrung, weshalb ich auch länger blieb als geplant. Doch ebenso sehr freute ich mich auf die Rückkehr in meinen erlernten Beruf. Ich war zuversichtlich, hatte allerdings auch Respekt, denn ich bin kein Mensch, der rasch mit sich zufrieden ist. Eher frage ich: Was könnte ich noch besser machen? Etwas gar schnell entschied ich mich dann für eine Stelle als Klassenlehrer an einer Sekundarschule auf dem Land. 300 Schüler, typischer Betonbau aus den Achtzigerjahren. Was mir als Erstes auffiel: der endlose Papierkrieg und die unzähligen Sitzungen. Für alles muss man ein Formular ausfüllen: Umstufungen, Absenzen, Elterngespräche, Statistiken, Teilnehmerlisten und, und, und. Dann die wöchentlichen Teamsitzungen, Projektsitzungen, Evaluationen, Umstufungssitzungen, Weiterbildungen, Leitbildanpassungen. Und es gab tausend neue Themen: Umgang mit Abfall und Schulden. Handy-Regeln. Suchtprävention. Gewaltprävention. Zeitmanagement. Umgang mit Medien. Und ich dachte, ich sei hier als Lehrer für Sprachen, Geografie und Geschichte eingestellt worden.

Papierfluten und Aktionismus
Mit der Einführung von Schulleitungen, erzählte hier jeder im Lehrerzimmer, war die Papierflut erst richtig angeschwollen. Bald habe ich die Schulleitungen auch selber als System kennengelernt, dessen Aktionismus in erster Linie der Rechtfertigung der eigenen Existenz dient. Und zur Kontrolle der Lehrerschaft. Aber sicher nicht zu deren Entlastung. Sorry, aber in den Schulleitungen sitzen nach meiner Erfahrung vor allem Leute, denen das Unterrichten zu mühsam geworden ist. Die sind aus den Schulzimmern in die Chefbüros geflüchtet. Es ist die einzige Karrierechance. Das ist angenehmer und erst noch einträglicher als die Arbeit als Klassenlehrer.
Während meines Abstechers in die Gastronomie hatte ich immer wieder über die zunehmenden Disziplinarprobleme an Schulen gelesen. Aber es war doch eine sehr neue Erfahrung, nach dem Unterricht auch noch Videobänder visionieren zu müssen, um Schulhaus-Vandalen zu identifizieren. Fast wöchentlich mussten wir die Polizei holen lassen, unter anderem weil eine Jugendgang den Sportplatz in Beschlag genommen hatte und ich keinen Turnunterricht mehr abhalten konnte. Das war das erste Mal, dass ich mich fragte: Was passiert, wenn ich diesen Jugendlichen zufällig mal am Abend und alleine begegne?
Ein spezieller Stress war die Pausenaufsicht. Es gab dauernd Raufereien, hier eine versprayte Wand, da wieder mal einen kleinen Brand auf der Toilette, dort primitive Sprüche hinter meinem Rücken. Hey, fick dich, Hurensohn! Ich hatte die Wahl: hinschauen oder nicht. Doch ich bin nun mal nicht der Typ, der wegschauen kann. Ich käme mir feige vor, würde auch meiner Verantwortung als Lehrer nicht gerecht. Schaue ich aber hin, bin ich sofort in der Rolle des Polizisten. Auf dem Pausenplatz musste ich mich zwischen prügelnde Schüler stellen, und als ich sie nach dem Namen ihres Klassenlehrers fragte, lachten sie mich aus, ignorierten mich, liefen einfach weg – und ich rannte ihnen hinterher, eine unmögliche Situation. Doch hätte ich tun sollen, als ginge mich alles nichts an, nur weil es nicht meine eigenen Schüler waren?
Mit meiner Klasse hatte ich relativ wenig disziplinarische Probleme. Natürlich hatte ich als Klassenlehrer die Noten als Druckmittel. Fachlehrer, die vielleicht nur Englisch oder Turnen unterrichten, sind hier am kürzeren Hebel. Doch Notendruck allein bringt so wenig wie vor die Klasse hinzustehen und ‹Ruhe!› zu brüllen. So wirst du zur Lachnummer. Disziplin, Ordnung und Pünktlichkeit waren mir zwar immer wichtig, aber ohne gute Beziehung zu den Schülern schafft man das nicht. Man muss mit jedem Jugendlichen einzeln reden, persönliche Abmachungen mit ihm treffen. In der Klasse habe ich stets eine klare Linie vorgegeben, versuchte einigermassen streng oder zumindest konsequent zu sein, auch wenn ich von meinem Naturell her den Kompromiss suche. Damit bin ich gut gefahren. Ich versuchte mich immer an die eigene Schulzeit zu erinnern und fragte mich, was ich als 15-Jähriger von meinen Lehrern erwartete. Sobald die Jugendlichen spüren, dass man sie wirklich ernst nimmt, dass man sie fair und nicht wie kleine Kinder behandelt, dann klappt es nach meiner Erfahrung viel besser. Doch man muss auch mal unpopulär sein können, muss es aushalten, bei den Schülern als der letzte Tubel zu gelten.
Einer meiner Kollegen war Roman*. Ein Junglehrer. Er litt wie ein Hund. Roman hatte zwar einen Uni-Abschluss, aber keine Sekundarlehrerausbildung. Die Schüler haben ihn fertiggemacht, und Roland betete nur noch jeden Tag, dass das Schuljahr bald vorüber war. Er stellte zwar jede Stunde einen oder zwei Schüler vor die Türe, doch genützt hat es nichts. Roman wollte zu sehr Freund der Jugendlichen sein, aber das funktioniert nicht, denn in der Pubertät wollen die Schüler ja gerade anders sein als ihre Lehrer. Eine weitere Junglehrerin kam bereits nach den ersten Wochen vollkommen aufgelöst zu mir, weil sie bei Schülern und Eltern aufgelaufen war. Sie hatte zwar tolle Abschlusspapiere von der Pädagogischen Hochschule und ein super Fachwissen. Aber wie man ein Elterngespräch führt und in diesem Beruf überlebt, das hatte man ihr nicht beigebracht. Es klafft ein riesiger Graben zwischen den Theoretikern an den Hochschulen und der Praxis in den Klassen. Nach einem halben Jahr hat die Kollegin gekündigt, demontiert von 13-jährigen Sekundarschülern und ihren Eltern. Es tat mir von Herzen leid, dass niemand sie vor dieser Berufswahl bewahrt hatte.
Es war nicht der Vandalismus, der mich nach zwei Jahren zur Kündigung an dieser Schule bewog. Es war auch nicht der hohe Ausländeranteil von 40 Prozent, was jeden Unterricht doppelt schwierig macht, weil der Lehrer auch Erzieher sein muss. Was mich zermürbt hat, war das Schulmodell an dieser Oberstufe. Jeder einzelne Schüler wurde je nach Leistungsfähigkeit in einem Fach weiter oben und in einem anderen Fach weiter unten eingeteilt. Man wollte damit jedem Kind individuell gerecht werden, man wollte flexibel sein, die Stufen durchlässig machen. Klingt alles gut – theoretisch. In der Praxis war es eine Katastrophe. Alle vier Monate wurde umgestuft. Drei Kinder in Mathematik ein Niveau rauf, fünf in Französisch runter, sechs rauf, vier in Deutsch rauf und vier runter – ein ewiges Hin und Her, jedes Mal gab es Sitzungen, Papiere, Elterngespräche, Rekursdrohungen, wieder Sitzungen, und dies alles nebst der normalen Schularbeit. Vor allem aber brachte dieses Modell eine enorme Unruhe in die Klassen, weil sich erstens die Zusammensetzung dreimal pro Jahr änderte und zweitens die Schüler immer wieder andere Lehrpersonen hatten. Dabei fehlt diesen Jugendlichen nichts mehr als stabile Strukturen, verlässliche Beziehungen, Konstanz. Ohne gute emotionale Beziehung kann ich eine Klasse gar nicht führen, doch genau dies wurde mit jenem total leistungsfixierten Modell verunmöglicht, weil sich viel zu viele Fachlehrer mit den Schülern abmühten. Auch das Lehrerkollegium hielt dieses Modell, das irgendwelche Theoretiker ausgeheckt hatten, zwar von Anfang an für völlig ungeeignet. Trotzdem war es von den Schulbehörden über ihre Köpfe hinweg eingeführt worden wie schon so vieles anderes auch.
Nach dieser sehr ernüchternden Erfahrung suchte ich nach einer klaren Alternative. So wechselte ich den Kanton und ebenso das Schulmodell. Und ich wollte es an einer privaten Schule versuchen. Es ist keine Eliteschule, die sich nur Superreiche leisten können, das hätte meiner Überzeugung widersprochen. Und doch wird diese private Sekundarschule von Anfragen überflutet. Für mich persönlich hiess dieser Wechsel unter anderem 10 Prozent weniger Lohn bei grösserer zeitlicher Belastung, aber das nahm ich in Kauf, denn ich hatte es so satt, dauernd den Polizisten spielen zu müssen. Ich wollte wieder Lehrer sein! Den Jugendlichen etwas beibringen! Und natürlich hoffte ich, dass dies in dieser neuen Umgebung wieder besser möglich sei, weil an privaten Sekundarschulen kaum Kinder aus bildungsfernen Migrantenfamilien anzutreffen sind.

Die Eltern im Genick
Tatsächlich war das Klima deutlich besser. Es war vorbei mit der Hey-Mann-fick-dich-Stimmung auf dem Pausenplatz. Doch ich erlebte – zufällig – auch am neuen Arbeitsort, wie Schüler stockbesoffen andere Zugpassagiere anrempelten. Oder eine Red-Bull-Büchse in ein Schaufenster schmissen. Ich war fassungslos. Und wieder die Frage: Wegschauen, bloss weil es kein Schüler aus meiner Klasse war? Ich konnte es so wenig wie am früheren Ort – und handelte mir in erster Linie Ärger ein, zunächst mit den Schülern, dann mit den Eltern.
Ohnehin war dies der grösste Unterschied zwischen öffentlicher und privater Schule: die Eltern. An der öffentlichen Sek waren ihre Ansprüche vergleichsweise bescheiden. Dort lag das Problem eher am fehlenden Interesse der Eltern, aber auch an kulturellen Verständigungsbarrieren. Im Unterschied zur Privatschule hatte ich dort keine Mütter, die mir Übersetzungsfehler in Französisch vorhielten. Für mich sind all die Elternkontakte ein zentraler Grund, warum dieser Beruf ein derartiger Verschleissjob ist. In neun von zehn Kontakten ging es um Leistungsprobleme und Umstufungen, und ich war dauernd der Überbringer von Stressbotschaften für die Eltern. Elternabende? Ein Horror. Schon eine Woche im Voraus schlief ich jeweils schlecht. Man wird von den Blicken durchlöchert. Ich stehe vor Eltern, die mir ihr Projekt Kind anvertrauen, das sie so sorgsam geplant haben und das später erfolgreich werden muss. Aus diesem Kind muss ich jetzt etwas ganz Besonderes machen, muss seine Erziehung steuern, muss ihm Wissen vermitteln, muss es ins Gymnasium bringen, bin irgendwie für seine Zukunft verantwortlich.

Es geht um die Wurst
An privaten Sekundarschulen sitzen nicht die Kinder von Schichtarbeitern, sondern von Juristen, Ärzten, Bankern, Informatikern. Da bist du rasch der Angeklagte, wenn die mal loslegen. ‹Herr Lorenz, wie können Sie diese Noten belegen?› – ‹Es gibt aber modernere Lehrmittel als Ihres.› – ‹Warum steht im Zeugnis beim Sozialverhalten das Kreuz nicht bei ‚gut’, sondern nur bei ‚zufriedenstellend’?› Weil viele Lehrer genau diese Fragen fürchten, machen sie ihr Kreuz lieber blind bei ‹gut›. Nur ja keinen Rekurs riskieren, es gäbe nur noch mehr Ärger, mehr Sitzungen, mehr zeitliche Belastung.
Spätestens ab der zweiten Sekundarklasse gehts um die Wurst. Dann werden die Eltern mit der Antwort konfrontiert, ob sich ihr Projekt Kind nun erfüllt oder nicht. Wird aus dem Sohn nun ein Arzt? Reicht es der Tochter für ein Jusstudium? Endet alles freudig, höre ich meistens nichts. Endet es aber mit einer brutalen Enttäuschung, kommen sehr schnell die Fragen: Wer ist denn nun schuld, wenn der Sohn nur eine Vier in Mathematik hat, für die Lehrstelle auf der Grossbank aber mindestens eine Fünf benötigen würde? Wer ist verantwortlich, dass mit diesem mageren Zeugnis nichts wird aus dem sehnlichen Berufswunsch Kindergärtnerin? Da heisst es rasch: ‹Sie benoten viel zu streng, Herr Lorenz!› – ‹Sie können das nicht richtig erklären!› – ‹Das Problem liegt bei Ihrem Unterricht, nicht bei unserem Sohn!› Ich hörte einen Vater sagen: ‹Für diesen Dreieinhalber im Deutsch hätten wir nicht 15 000 Franken Schulgeld zu zahlen brauchen. Da hätten wir unseren Sohn gleich in der öffentlichen Schule lassen können.› Diese Eltern glauben, sie hätten ein Anrecht auf gute Noten wie auf ein gutes Essen im Restaurant.
In unserer Leistungsgesellschaft braucht man für alles und jedes ein Titelchen und einen Bachelor, und da stehen die Sekundarschulen am Eingangstor und verteilen die Billette in die Zukunft. Alle schreien nach Leistung, Leistung, Leistung! Gymi, Gymi, Gymi! Oder wenigstens Sek. Aber um Gottes willen nicht Realschule! Wohl gut die Hälfte meiner Schüler hatte zusätzlich private Nachhilfe, meistens gleich in mehreren Fächern, ebenso Prüfungsvorbereitungen und in den Ferien am besten gleich noch einen Sprachkurs, um die Englischnote ein bisschen zu verbessern. Doch es ist nun mal nicht jedes Kind von seinem Potenzial her ein Gymischüler. Es braucht doch auch gute Handwerker und gute Pflegerinnen.
In Tat und Wahrheit haben sich die Leistungen der Schüler in den vergangenen Jahren verschlechtert. Die langjährigen Sekundarlehrer erzählten mir immer wieder, dass die Leistungskurve an der Sekundarschule nach ihrer Erfahrung abgenommen hat. Die Folge davon habe ich selber erlebt: Immer öfter musste ich das Niveau nach unten verschieben, damit bei den Prüfungen im Schnitt überhaupt noch genügende Noten resultierten. Sind die Noten schlecht, hat man sofort die Eltern am Telefon. Auf der anderen Seite reklamieren die Gymnasiallehrer und Lehrmeister, die finden, man könne den Zeugnisnoten nicht mehr trauen. Und einmal mehr im Sandwich: der Sekundarlehrer, ganz besonders jener an der privaten Sek. Dort drückt man sehr viel öfter als an der öffentlichen Schule ein Auge zu, wenn man aufgrund der Noten aus der Sekundarschule (Sek A) in die Realschule (Sek B) abstufen müsste. Denn die Eltern sind zahlende Kunden und steigen auf die Barrikaden, weil die Abstufung ihres Kindes heisst, dass viele gute Lehrstellen nicht mehr infrage kommen.
Klar sagte ich jeweils im Lehrerzimmer: Wenn die Schüler ihre Hausaufgaben nie machen, dann sind sie halt selber schuld, wenn sie keine Lehrstelle finden. Und doch packte mich immer der Ehrgeiz. Jeder Lehrer freut sich, wenn es am Schuljahresende heisst, der Lorenz brachte fünf Schüler ins Gymi, und alle andern haben eine Lehrstelle bekommen. Was übrigens der Fall war. Ich habe mich wirklich sehr ins Zeug gelegt, von der Hilfe bei der Lehrstellensuche bis zum Beibringen von Benimmregeln (‹Beim Grüssen in die Augen schauen›). Für mich wäre das zwar Sache der Eltern, doch die haben das oft genug einfach an die Schule delegiert, weil es ihnen zu anstrengend war.
Gewiss sind längst nicht alle Eltern mühsam. Es gibt auch jene, die sich auf eine gute Art für ihre Kinder einsetzen, die echtes Interesse an der Schule zeigen und das offene Gespräch mit den Lehrern suchen. Die melden sich auch mal, wenns gut läuft. Es waren grosse Glücksmomente, wenn mir eine Mutter sagte: ‹Ach, Sie wissen ja gar nicht, wie unglaublich gerne unsere Tochter zu Ihnen in die Schule geht.›
Doch dann gibt es die überforderten Eltern, womöglich beide voll mit ihrer Berufskarriere beschäftigt. Am Abend kommen sie müde und ausgepumpt aus dem Büro nach Hause. Oder an meiner früheren öffentlichen Schule von der Schichtarbeit. Zeit für ihre Kinder haben sie nicht, die Erziehung haben sie aufgegeben oder schlicht keine Lust dazu, denn Erziehen ist eine anstrengende und mühsame Sache. Die Eltern weichen den Konflikten mit ihren Kindern bewusst aus – im Glauben, die Schule werde diese Probleme dann irgendwie für sie lösen.
An Geld fehlte es meinen Schülern an der Privatsek selten, gerade den schwierigen. Die hatten immer die teuersten Markenjeans, den neusten Laptop, Winterferien in St. Moritz. Und dann sitzt eines Tages die Mutter von Steven* vor mir, Juristin im Deuxpièces, geschieden, alleinerziehend und weinend vor Enttäuschung, weil ihr Sohn seine Banknachbarin mit Porno-SMS belästigt und mit seinem aggressiven Gehabe das ganze Klassengefüge durcheinandergebracht hat. Oder der Sohn eines bekannten Industriemanagers, der Prüfungen aus meinem Pult gestohlen hatte. Ich habs mir lange überlegt, ob ich mich mit dieser Familie anlegen soll. Prompt rief mich der Vater an einem Sonntag zu Hause an und verhörte mich zwei Stunden lang am Telefon. Zuvor hatte mich die Mutter unangemeldet mitten aus dem Unterricht geholt und zur Rede gestellt. Als Sohn einer Putzfrau hätte man diesen Schüler ohne Federlesens von der Schule verwiesen. Weil er aber der Sohn des Herrn Soundso war, wurde er nur in eine andere Klasse versetzt. Selten fühlte ich mich als Lehrer schlechter als nach diesem Vorfall. Der Schüler, den ich an sich sehr mochte, wurde nun einfach der nächsten Kollegin zugemutet. Mittlerweile ist er bereits an der nächsten Privatschule.

Das schlechte Gewissen
Früher war die übliche Reaktion der Eltern bei Konflikten zwischen Schule und Schüler: Der Lehrer wird schon recht haben. Heute stellen sich die Eltern vor ihre Kinder. Und warum? Ich glaube: Weil sie ein schlechtes Gewissen haben. Sie haben zwar keine Zeit für die Kinder, doch im Konfliktfall nehmen sie sie demonstrativ in Schutz und signalisieren: Ich sorge für dich, du bist mein Ein und Alles.
Ich bin sicher, die meisten Kolleginnen und Kollegen haben ähnliche Sorgen wie ich. Aber selten spricht jemand offen darüber. Im Lehrerzimmer erst recht nicht. Zum einen hat niemand Zeit, zum andern exponiert sich halt, wer seine eigenen Schwächen offenbart. Die andern könnten mir ja einen Strick daraus drehen. Deshalb tun manche noch immer lieber so, als hätten sie alles im Griff. Nur in einer freiwilligen, hoch vertraulichen Supervisionsgruppe habe ich jeweils das Gegenteil erlebt. Da drängte es plötzlich wie ein Sturzbach aus allen Teilnehmern heraus, und diese Erfahrung tat mir unheimlich gut. Ich war offensichtlich längst nicht der Einzige, der nicht einschlafen konnte, weil er ein schwieriges Elterngespräch vor sich hatte.
An der Privatschule habe ich mein Pensum auf 75 Prozent reduziert. Ich musste, die Arbeit hätte mich sonst aufgefressen. Und ich habe jede Menge Kolleginnen und Kollegen gesehen, die das Gleiche gemacht haben, ob an privaten oder öffentlichen Schulen. Aber eben nicht, wie die Bildungsdirektionen gerne behaupten, um Beruf und Familie besser zu vereinbaren. Nein, die Pensenreduktion ist für viele schlicht eine Überlebensmassnahme, Burnout-Prävention auf eigene Kosten. Ich habe reihenweise Junglehrerinnen und -lehrer kennengelernt, die nach einem oder zwei Jahren entweder das Pensum kürzten oder gleich ganz aufgaben. Doch was ist das für ein Beruf, in dem ein 100-Prozent-Pensum zur Zumutung geworden ist?
Kein Wunder, dass der Lehrberuf schon lange kein ‹Traumberuf› mehr ist, wie auch meine Mutter immer sagte – bis sie mal einen Nachmittag lang bei mir auf Schulbesuch war. Real- oder Oberschullehrer will erst recht niemand mehr werden, weil jeder PH-Student längstens weiss, dass insbesondere in der Sek C fünf von zwanzig Schülern verhaltensauffällig sind und 80 Prozent Ausländer. Da braucht es eher eine Ausbildung als Erzieher und Sozialarbeiter und weniger als Englisch- und Französischlehrer. Die Zahl der schwierigen Schüler pro Klasse steigt und steigt, weshalb es gerade für jene Sekundarlehrer immer schwieriger wird, die zwar fachlich gut sein mögen, aber eben nicht pädagogisch.

Wo bleibt die Wertschätzung?
Schwer zu sagen, was anders werden müsste in diesem Beruf. Es ist so vieles und doch vor allem eines: Man müsste die Lehrerinnen und Lehrer endlich wieder ernst nehmen. Also nicht Reform um Reform von oben nach unten durchdrücken und damit die Kluft zwischen Bildungsbürokratie und Schulalltag weiter vergrössern. Sondern auf die Praktiker hören, die – nur ein Beispiel – eindringlich vor der überstürzten Einführung von zwei Fremdsprachen an der Primarschule gewarnt haben. Das Resultat habe ich als Französischlehrer gesehen: Man beginnt trotz Primarschulfranzösisch wieder bei null.
Unser Berufsstand braucht nicht tausend neue Titelchen, über deren Vergebung die aufgeblähte Bildungsbürokratie wacht, sondern wieder mehr Wertschätzung, gesellschaftlich und politisch. Die Parteien überbieten sich zwar in ihren Programmen mit Aufmunterungsparolen für die Lehrerschaft, aber wir sind ihnen nicht mal den Teuerungsausgleich wert. Über die realen Löhne will ich gar nicht erst jammern, lieber rede ich von Relationen. Ist es denn richtig, dass ein 26-jähriger Aktienhändler zumindest noch bis vor Kurzem viermal so viel verdient wie ein Lehrer, dem die Zukunft von jungen Menschen anvertraut wird? Ich weiss, es klingt krass, doch am Ende meiner Lehrerjahre fühlte ich mich wie ein Abfallkübel dieser Gesellschaft. Alle deponieren ihre Probleme in der Schule, sie verlangen von den Lehrkräften dies und das und jenes sowieso, um sich selber dann möglichst rasch und ungestört wieder dem eigenen Leben und vor allem der eigenen Karriere zuwenden zu können.
Nach sechs Jahren Sekundarschule bin ich zurück in der Privatwirtschaft – in einem Job, in dem ich nur noch halb so viel verdiene wie als Lehrer. Das kann ich mir nur leisten, weil auch meine Frau berufstätig ist und wir keine Kinder haben. Heute habe ich wieder Luft, kann wieder gut schlafen, fühle mich wieder frei.
War es wirklich zu viel verlangt, dass ich das auch als Lehrer wollte?

* Namen geändert

Die auf den Fotos abgebildete Person ist ein Statist und nicht identisch mit dem im Text beschriebenen Lehrer. Auch das abgebildete Schulzimmer sowie das Schulhaus sind zufällig ausgewählt und haben nichts mit der realen Situation des Lehrers zu tun.

Abschied von der Schulbühne: «Vielleicht begreift das nur, wer selber mal unterrichtet hat.» | Vera Hartmann
Abschied von der Schulbühne: «Vielleicht begreift das nur, wer selber mal unterrichtet hat.» | Vera Hartmann

Die Diskussion

87 Reaktionen

  1. Robert Kuehn

    auch bei der Zeit.de gab es einen ähnlichen artikel dazu.. was auch immer HarmoS ist :) aber guter artikel:
    http://www.zeit.de/2008/40/C-Lehrerseele

  2. Thomas Klemm

    Sehr gute Schilderung eines Lehreralltags. Ich führe seit 35 Jahren ein Sekundarklasse B zu 100 %. Dies mit Erfolg, sonst hätte ich mich schon lange zurückgezogen. Mein Geheimnis : ich bin Pilot im Nebenberuf. Mir macht vor allem die Inkompetenz der SchulpflegerInnen zu schaffen und dazu auch die Ignoranz der SchulpolitikerInnen. Beide Gremien bemühen sich in keiner Art und Weise um die Meinung der Praktiker. Priorität hat eine katastrophal organisierte Mitarbeiterbeurteilung, die in ihrem Aufbau wohl jedem guten Lehrer oder Lehrerin in Zukunft den Gnadenstoss versetzten wird. Ziel der Laien dabei ist es, den Lehrer, die Lehrerin in die Schranken zu weisen. Zuoberst steht eine Bildungsdirektion und ein Bildungsrat die beide die Meinung der Basis arrogant in den Wind schlagen. So geht unsere Volksschule vor die Hunde, mit blosser Maquillage ist nichts zu verändern. Es braucht gut ausgebildete, gut bezahlte Persönlichkeiten, die als LehrerInnen einer Klasse vorgesetzt werden.

  3. Ueli Zulauf

    Kommentar ist eigentlich überflüssig. Gratulation!

  4. Bendicht Stauffer

    Ach, wie tut das gut; der Artikel spricht mir total aus dem Herzen. Auch ich habe (vorläufig) aufgeben müssen (Burnout)und hoffe, mindestens sind dies meine momentanen Gefühle und Eindrücke, nie mehr zurück in den Beruf gehen zu müssen. Schlimm, dass ich dies hier so schreiben “muss”, nachdem ich jahrzehnte lang aus voller Überzeugung den im Kern so wunderschönen Beruf ausgeübt habe und mir niemals vorstellen konnte, dass mir das passieren würde. Was hat man nur aus dem herrlichen Beruf gemacht….!
    Schade, dass an den wichtigen Stellen, wo die Zukunft der Schule “gestaltet” wird, wahrscheinlich “nur” Theoretiker sitzen, die wohl (nur) ein Studium absolviert haben und damit als tauglich eingestuft werden, das Schicksal unserer Bildung in der Hand zu halten. Hätten diese Personen nur ein paar Jahre wirkliche Praxis, dann wären gewisse Entscheide und Vorschriften wohl nie getroffen worden.
    Der Artikel zeigt deutlich auf, wo es überall fehlt. Es gibt viel zu tun, aber wir müssen sofort mit Handeln beginnen, da es um Menschen geht (Schüler und Lehrer)und um unser wichtigstes Gut – die Bildung.
    Oder zählt denn der einzelne Mensch nichts mehr?
    Ein Vorkommnis aus meiner Praxis:
    - Eine sehr liebenswürdige und fachlich äusserst kompetente
    Kollegin wird mittels Mobbing (Telefonterror, etc.) “fertig-
    gemacht”(sie muss eine Auszeit nehmen und sich ärztlich be-
    treuen lassen), die Anzeige der Schuldigen erfolgt. Urteil des
    Richters: 1 Tag gemeinnützige Arbeit leisten.
    Wenn man weiss, dass für das “Frisieren”(unerlaubte Verände-
    rungen) des Mofas 2 Tage gemeinnützige Arbeit zu leisten sind,
    wird einem klar, wie viel ein Mensch wert ist.

  5. Andrea Wydler

    Dieser Artikel hat mich persönlich angesprochen. Ich unterrichte seit 8 Jahren auf der Mittelstufe (100% ). Ich gehe immer noch jeden Tag gerne zur Arbeit und versuche nach besten Wissen und Gewissen den Anforderungen einer modernen Lehrerin gerecht zu werden. Die Kinder kommen gerne zu mir in die Schule und ich kriege viel positives Feedback von ihnen und auch seitens der Eltern (dies ist wahrscheinlich ein grosser Unterschied zu Lehrern der Sekundarschule), dennoch diskutieren wir täglich im Team, wie wir diesen Marathon “überleben” sollen.
    Viele junge Lehrkräfte geben schon nach einem Klassenzug auf. Von den wenigen männlichen Mitstudenten meiner Zeit am PLS, kenne ich keinen mehr, der noch als Lehrer tätig ist.
    Kinder und Eltern sind anspruchsvoller geworden, wie im Artikel angesprochen, doch dies wäre zu bewältigen, wenn einem nicht ständig von “oben herab” neue Steine in den Weg gelegt würden. Die Qualität der Schule soll gesichert und gesteigert werden… da sind sich alle einig. Nur, wo sind die Mittel diese Qualität zu sichern? Die Zauberworte “Individualisierung”, “Resourcen nutzen”, “Integration”, ” Reflektion”…- alles sehr sinnvolle Dinge, einverstanden- aber wie sollen wir dies alles umsetzten können??? Wenn uns von externer Seit wieder einmal empfohlen wird, dass wir unsere Resourcen besser nutzen sollen, kriege ich eine Krise! Woher denn bitte soll ich diese Resourcen nehmen? Mein Privatleben ist während des Schulalltags ohnehin sehr reduziert. In der Freizeit soll ich dann noch zusätzlich verordnete Weiterbildungen besuchen. Damit ich in Zukunft noch 100% unterrichten kann, müsste ich die neue “Religionsausbildung” absolvieren. Wann? Ich arbeite am Mittwochnachmittag, damit ich neben all den Sitzungen, Standortgesprächen, Absprachen und dem Papierkram auch mal meinen Unterricht vor- und nachbereiten kann. Da habe ich doch keine Kapazität an die PH studieren zu gehen, ohne dass die Qualität meines Unterrichts unweigerlich sinkt! Ich will weiterhin 100% arbeiten können! Immer versuchen die engagierten Lehrer alles irgendwie umzusetzen und eine Lösung zu suchen. Man ist ja flexibel. Dabei geht einem die Luft aus, sich endlich mal zu wehren, aufzustehen und: STOPP zu rufen! Ich weiss nicht, ob ich die Kraft habe, dies bald mal zu tun, oder ob ich über kurz oder lang auch aussteigen werde, wie alle, die auch anderswo noch eine Chance haben. Danke für den Artikel, der tut gut und macht wütend!

  6. Pierre Strub

    gefällt mir, wie einfach und direkt die Widersprüche des Lehr-Berufs geschildert werden. Es ist tatsächlich die beste Form, um Leute und Berufsgattungen einander näher zu bringen.

    Doch die Lehrer sind nicht allein mit ihrem Dilemma. Der Anspruch an gute Arbeit, Perfektion, Fairness, Direktheit, gutes tun zu wollen sieht doch in der tatsächlichen Umsetzung oft hart aus.

    Ich lese aus Ihrem Bericht auch heraus, dass die eigenen Mängel nicht nur als Schwächen zu sehen sind, sondern als Fingerzeig, sich darauf zu konzentrieren, was man im bestehenden System tatsächlich erreichen kann und nicht bloss alles richtig machen zu wollen. Dann werden die eigenen Taten vielleicht auch wirksamer und befriedigender. Auch Eltern mit höherer Schulbildung könnten dann einsehen, dass ihre Kinder einen individuellen eigenen Weg gehen müssen und das, was dabei heraus kommt, nicht wirklich im Detail gesteuert werden kann und soll.

  7. Matthias Hug

    Der Artikel entspricht leider den Tatsachen und der Kommentar von Thomas Klemm ist eine ausgezeichnete Zusammenfassung der heutigen Situation an der Volksschule. Nach knapp 40 Jahren im Schuldienst kann ich die Richtigkeit der Aussagen nur bestätigen.

    Der Satz von Andrea Wydler: „…dies wäre zu bewältigen, wenn einem nicht ständig von “oben herab” neue Steine in den Weg gelegt würden…”, stimmt 100%ig und die tägliche Frage im Team nach dem Überleben des Marathons müsste für die selbstherrlichen BildungspolitikerInnen ein Alarmzeichen sein.
    Doch die kümmern sich meist nur um ihre eigene kurzfristige Karriere. Von Weitblick fehlt schon viel zu lange jede Spur.

    Thomas Klemm hat recht: Inkompetenz und Ignoranz bis hinauf zu den höchsten Entscheidungsgremien, so weit das Auge reicht.

    Dass in den Vorständen der LehrerInnenorganisationen zu viele Ja-Sager statt STOPP-Rufer (vgl. Kommentar von Andrea Wydler) sitzen, erschwert die Arbeit der Lehrerschaft zusätzlich. Die geringen Mitgliederzahlen zeigen, dass sie nicht die Basis vertreten.

  8. Ruedi Buzek

    Die Schilderung der Probleme dieses anonymen Lehrers weckt erbarmen. Das darf doch nicht sein? Gleichzeitig sind darin soviel Widersprüche, dass ich mich frage: Stimmt das alles wirklich oder ist es ein gut gemachter Artikel der Lehrerlobby? Vieles stimmt wirklich, insbesondere das Einmischen von vermeintlich gut meinenden “oberen” Bildungsverwaltern. Gleichzeitig kommt die immerwährende Forderung nach kleinen Klassen, kleinerem Pensum und höherem Lohn. Wenn wir dann bei einem Lehrer und einem Schüler angelangt sind, bin ich gespannt, welche weiteren Forderungen folgen?

    Erstaunlich ist für mich auch, dass plötzlich das Thema Volksschule täglich in den Medien diskutiert wird. Dabei wird nach gewohnter Manier (SVP?) alles schlecht gemacht. Was später folgt sind Forderungen nach einer Schule des vorletzten Jahrhunderts im Stil der Bilder von Albert Anker? Vorschläge zur Lösung der Pobleme unserer heutigen Gesellschaft – und die sind eine Tatsache und haben den grössten Einfluss auf die Volksschule – lese ich keine, ausser den oben erwähnten und nich bezahlbaren Lehrerforderungen.

    Geht es wirklich nur um die Bekämpfung von HarmoS? Diese dringend notwendige Vereinbarung für eine minimale Koordination nach Verfasungsauftrag hat nämlich mit den geschilderten Situation nicht das geringste zu tun. Die Ablehnung löst also auch keines der Probleme. Sie schafft nur neue.

    Ich bin gespannt auf die weitere Debatte.

  9. Oscar Schmid

    Ich denke, das ist das alte Problem, dass, wer die Sache nicht kennt, ungläubig davor steht. Tut mir Leid, Herr Buzek, aber ich weiss aus eigener Erfahrung, nach über 30 Jahren an der Volksschule, wovon der Lehrer spricht.

  10. Profile Pic
    Fabienne Friedli

    Als Sozialarbeiterin habe ich Präventionsarbeit an Schulen geleistet. So habe ich viele Klassen von innen gesehen und kann die Erfahrungen von B.L. nur bestätigen. Es ist jämmerlich, dass die Schweiz an ihrem wichtigsten Kapital spart: an der gebildeten Jugend. Was es braucht ist Geld, viel Geld. Damit kann man jedealerweise 2 Personen in die Klasse stellen, eine mit pädagogischer und eine mit sozialer Ausbildung, ein Mann, eine Frau. So kann gelernt werden – und zwar nicht nur für die Schule, sondern für das Leben.

  11. Tobias Schneider

    Eines vorweg: Ich bin nicht Lehrer und gehöre daher in diesem Zusammenhang auch bloss zu den “Theoretikern”, welche (nur) ein Studium haben. Trotzdem kann ich mich sehr wohl in die Schwierigkeit eines Lehrers einfühlen. Ich wohne auf dem Land (Bündner Oberland), wo die Probleme noch nicht so gross sind, wie in den städtischen Zentren, hier beginnen sie erst. Vielleicht wäre es interessant, wenn Fachleute einmal die verschiedenen Regionen der Schweiz auf die im Artikel beschriebene Problematik durchleuchten würden. In den “zurückgebliebenen” Gebieten gibt es noch nicht so viele bildungsferne Ausländer und die Familien sind (zumindest) nach aussen hin noch intakter. Der zunehmende Leistungs- und vor allem Geltungsdruck in unserer Gesellschaft führt jedoch auch in meiner Region dazu, dass immer mehr Eltern Doppelverdiener sein wollen und die Kinder vermehrt auf sich selbst angewiesen sind. Als Innovation wurde eine Kinderkrippe gegründet (unterstützt von der regionalen Wirtschaftsförderung), wo auch Englisch gesprochen wird, das liegt schliesslich im Trend. Der Ruf nach Tagesschulen ist vermehrt zu hören. Der von den Eltern zu tragende Kostenanteil soll ja künftig von den Steuern absetzbar sein (darf ich die Kosten meiner Frau, welche unsere Kinder betreut, dann auch von den Steuern abziehen?).
    Vielleicht können wir in unserer Randregion auf diese Art ein Wirtschaftswachstum erreichen, vielleicht können wir uns auch besser selbst verwirklichen, vielleicht können wir reicher werden und unser Leben durch mehr Konsum versüssen, aber vielleicht entfremden sich unsere Kinder in Zukunft auch immer mehr von uns und wir suchen den Grund ihres Scheiterns bei den Lehrern, da diese ja von morgens bis abends um sie herum sind.
    Ich weiss, mein Denken ist nicht mainstream-konform, aber ich frage mich, wie unsere Kinder einmal abstimmen werden, wenn es darum geht, unsere AHV zu kürzen, weil wir zu viele sind, die ins Pensionsalter kommen. Werden sie sich dann daran erinnern, dass wir uns auch nicht um sie gekümmert hatten, sondern in erster Linie unsere eigenen Berufs- und Konsumwünsche in den Vordergrund gestellt hatten?
    Ich verlange nicht, dass wir zurück in die alten Zeiten müssen, denke jedoch, dass wir Eltern wieder vermehrt die Verantwortung für unsere Kinder übernehmen müssen und so ein wenig mithelfen, dass die Schule sich wieder auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren kann, nämlich die Vermittlung von Bildung. Dann wird der Beruf des Lehrers wieder attraktiver, was auch zu einer Qualitätssteigerung in der Schule führt, dies im Sinne eines returns of investment für uns Eltern.

  12. Walter Pezzutto

    Auch wenn einiger Frust und tief sitzende Enttäuschung aus dem Artikel herauszulesen sind, in etlichen Belangen widerspiegelt er die Situation im Lehrerberuf leider nur allzu deutlich -und der Wahrheit entsprechend!

  13. Thomas Rueegg

    Vieles was B.L. schreibt können wir als Eltern von vier Kindern, und ich als Lehrperson mit 10 jähriger Erfahrung in der Sekundarstufe II leider nur bestätigen.
    Wenn B.L. seinen Beruf wirklich so gelebt und ausgeführt hat wie er schreibt, ist mit ihm garantiert eine sehr gute Lehrperson verloren gegangen.
    Für uns gibt es zwei Ansatzpunkte;
    Respekt und soziale Kompetenzen sind heute leider nur noch ein gut, genügend oder ein ungenügend Wert. Das war früher nicht anders, aber da war noch die Familie die ihre Aufgabe diesbezüglich wahrnahm. Diese Sozialkompetenzen sollten in den Zeugnissen sowie im Schulalltag und bei den Lehrmeistern wieder eine viel grössere Bedeutung erhalten. Dann müssten sich auch die Eltern wieder vermehrt darum kümmern und für schlechten „Leistungen“ diesbezüglich selber die Verantwortung übernehmen.
    Die heutige Gesellschaft ist viel zu leistungsorientiert, nur die Leistung zählt, die Menschlichkeit geht verloren und damit auch der gegenseitige Respekt in allen Belangen.
    Zudem sollten ganz gezielte Auswahlverfahren für angehende Lehrpersonen entwickelt werden. So dass nur die Besten gefunden werden. In diesen Auswahlverfahren sollte der Mensch im Vordergrund stehen: Ideologie, Motivation, Charakter, Sozialverhalten etc.
    Vielleicht ist es utopisch, aber wenn mit diesem Verfahren vermehrt gute Lehrpersonen gefunden werden die einen guten Job verrichten, so werden sie wieder vermehrt Respekt erfahren, von Eltern, Schulleitungen, Kommissionen, Lehrmeister etc. Damit Verbunden ist auch die Hoffnung das diesen Personen mehr Gewicht und Unterstützung zugestanden wird.
    So wird dieser Beruf auch wieder attraktiver und man verliert nicht die Besten an die Privatwirtschaft.

  14. Doris Grossenbacher

    Seit 35 Jahren mit einem Lehrer verheiratet und Mutter von 2 erwachsenen Kindern, wovon die Tochter seit einem Jahr auch Lehrerin ist, kenne ich die Problematik auch.Die Entwicklungen der letzten Jahre waren doch im Prinzip Entwicklungen zum Schlechteren.
    Heute ist bei Problemen in erster Linie immer die Lehrperson im Visier.Hatte man früher kleinere Quartierschulhäuser, sind es heute Zentren mit Schulleitungen.Kleinklassen wurden abgeschafft, dafür nerven jetzt überforderte Schüler die Klasse samt Lehrperson. Klar, es gibt Heilpädagogen, die das Nötigste versuchen in ein paar Einzelstunden.Aber das ist höchstens ein Tropfen auf einen heissen Stein.Hat der Klassenlehrer dann massive Probleme mit einem Schüler, so gilt der Instanzenweg bis zum Letzten.Mich wundert nicht, dass so viele Lehrer aus psychischen Gründen krankgeschrieben werden müssen.
    Unsere Tochter unterrichtet ihre Klasse mit Freude. Sie engagiert sich, bereitet sich vor, hat Ideen. Obwohl sie nur ein 70%-Pensum hat, überlegt sie sich, wie lange sie diesen Beruf ausüben will, nach 1 Jahr!Mühsam sind all die Papiere, Sitzungen, verordnete Weiterbildung.
    Was viele Leute vergessen: Eine Lehrerin “arbeitet” immer, sei es, dass sie Material oder Ideen sucht, Unterricht vorbereitet, über gehaltene Stunden reflektiert, mit Eltern telefoniert, mit Kollegen organisiert, plant. Das ist einerseits das Schöne aber auch das Schwierige an diesem Beruf, es gibt keinen offiziellen Feierabend.Weil dieser Beruf sehr kreative Fähigkeiten erfordert, sollten wir die Lehrerinnen und Lehrer nicht immer mehr kontrollieren wollen, sondern ihnen Bedingungen schaffen, die ihnen die Lust und Freude an der Arbeit zu erhalten helfen.
    An den Pädagogischen Hoschschulen sollte man ihnen zudem beibringen, wie sie mit schwierigen Situationen umgehen können.
    (Elterngespräch, Gespräche mit renitenten Schülern, Schulbehörden), die Ausbildung, wie sie jetzt ist, geht ziemlich an der Realität vorbei.

  15. Julian Reidy

    Tobias Schneiders Beitrag ist sicherlich gut gemeint, aber angesichts der im Artikel beschriebenen Problematik ist es nun wirklich nicht angebracht, wie gewisse Exponenten des schweizerischen Konservativismus die uralten und ewig gleichen kulturpessimistischen Schwarzmalereien gebetsmühlenartig zu wiederholen und irgendwelche 50er-Hausmütterchen-Idyllen zu beschwören. Die implizite Behauptung, dass Kinder berufstätiger Eltern emotional verkümmern und dass solche Eltern ihre Verantwortung nicht ernst nehmen, ist nicht nur falsch, sondern schlicht beleidigend. Die Probleme an den Schulen haben gewiss andere Wurzeln, was ja schon deutlich wird, wenn man nur den Artikel liest: Da wären zum Beispiel die Bürokratisierung des Lehrerberufs, die realitätsfernen Strukturen und Lehrpläne, die schwindende gesellschaftliche Achtung und die zu kleinen Löhne der Lehrpersonen. Die intellektuelle Redlichkeit gebietet es doch wohl, zunächst bei diesen Misständen anzusetzen, bevor man Eltern anprangert, die etwas aus ihrer Ausbildung (und ihrem Leben) machen, statt zu Hause zu versauern.

    PS: Gerade die “bildungsfernen” Ausländerfamilien sind zumeist noch ziemlich patriarchalisch organisiert; da bleibt meistens das Mami zu Hause. Die (politisch leider nicht ganz korrekte) Tatsache, dass deren Kinder in der Schule überproportional viele Probleme haben (und wohl auch mitverursachen) weist doch gerade darauf hin, dass Hausfrauentum (oder Hausmännertum, ist aber in diesen Kreisen wohl seltener) überhaupt kein positiver Faktor in der Kindererziehung ist. Nicht die Quantität der mit dem Kind verbrachten Zeit zählt, sondern die Qualität.

  16. Doris Bruelhart

    Als Mutter einer Erstklässlerin macht mich der Artikel betroffen. Einerseits frage ich mich, was ich konkret zu einer erfüllenderen Schule beitragen kann, ohne mich aufzudrängen und ohne, dass ich meine Fragen und allenfalls zukünftig auch mal mit meinen Kritiken, hinter dem Berg halten muss. Andererseits hoffe ich, dass meiner Tochter und damit allen Kindern dieses Landes auch zukünftig kreative, intellektuell und emotional engagierte, optimistische LehrerInnen mit viel Freude und Talent während der Schulzeit zur Seite stehen werden.
    Was erwarten LehrerInnen von den Eltern? Ich nehme an, dass auch hier individuelle und heterogene Antworten seitens der Lehrer gegeben werden (wie umgekehrt bei den Erwartungen an die Lehrer seitens der Eltern), aber bestimmt gibt’s auch von der LehrerInnenschaft allgemein geltende Wünsche an Eltern.
    Bestimmt wünschen sich LehrerInnen mehr von der Elternschaft als das blosse Mitmachen in Elternräten, wo Frau Elternrätin mit Znünibrötchenstreichen vielleicht auch mal in der Öffentlichkeit Anerkennung erhält und Herr Elternrat sich ein gutes Gefühl verschafft, ein währschafter Vater mit Sinn für Bildung seines Nachwuchses zu sein, indem er seine Frau einmal wöchentlich zum Znünibrötchenstreichen schickt.
    WelcheR LehrerIn beginnt mit einer Wunschliste?

  17. Heinz Hugentobler-Zeller

    Warum ich nicht mehr Lehrer bin – Magazin 40/2008

    Der Bericht widerspiegelt treffend die Geisteshaltung unserer Leistungs- und vor allem Wohlstandsgesellschaft. Dieser Fall „Bernhard Lorenz“ ist kein Einzelfall. Vielmehr decken seine gemachten Erfahrungen die Schwächen in der Umsetzung des an und für sich guten Bildungssystems der Stufe I (Primarschule/Sekundarstufe) schonungslos auf. Wer Kinder aufzieht sollte eigentlich erkennen, dass eben nicht jedes Kind mit ideal-realen Wunsch- voraussetzungen gesegnet ist. Viele Eltern überschätzen dies und meinen, spätestens mit Schulbeginn wesentliche „Erziehungsaufgaben“ der Lehrerschaft zu delegieren, und vernachlässigen damit ihre eigenen Hausaufgaben, nämlich die eine auf fruchtbare Zusammenarbeit sowie gegenseitiger Achtung basierende Begleitung und Unterstützung der Lehrkräfte. Zu Hamos kann man noch über viele offene Fragen diskutieren, es sind gute Vorschläge und Lösungen vorhanden. Aber deswegen allein werden damit die vielfältigen sozialen Problemsituationen, wie sie landauf landab bestehen, nicht gelöst, auch nicht mit einem Schulbeginn für bereits 4-jährige Kinder, die noch eine ausgeprägte häusliche Nestwärme benötigen.
    Heinz Hugentobler, Ins

  18. Klaus Matter

    Was dieser Lehrer erzählt, trifft für unzählige Lehrpersonen zu. Viele müssen sich mit Medikamenten über Wasser halten. Der Bericht berührt mich ausserordentlich, er könnte auch aus meinem Leben sein. Nur ein kleiner Unterschied: Ich hatte Glück im Unglück und konnte aus Altersgründen frühpensioniert werden. Die Schulleiter/innen sind oft schlechte Lehrer/innen und versuchen so ihre Chancen. Schnell haben sie die Bodenhaftung verloren und arbeiten gegen die Lehrkräfte, die man stützen sollte. Nur wenige Elemente aus der Wirtschaft sind wirklich auf das pädagogische Handeln umsetzbar, deshalb auch diese Leerläufe. Vielleicht muss der Berufsstand einfach mehr in die Offensive. Man muss sich als Lehrer schlicht nicht alles bieten lassen!

  19. Urs Haeny

    Ausgezeichnete Schilderung der beruflichen Situation an der Sek I-Stufe. Langsam fahren wir die Ernte einer 68-er zentrierten Reformpolitik ein: Angefangen bei der “Professionalisierung” der Lehrerbildung (euphemische Begründung für die Zerstörung der Seminare) über den zutiefst undemokratischen Harmonisierungsterror der EDK bis zu den grössenwahnsinnigen Total-Reformen (siehe http://www.bildungskleeblatt.ch). Statt die Zeit für die Kernaufgabe einzusetzen werden die Lehrpersonen mit Sitzungen und Administration daran gehindert.

    Zu Herrn Buzek: Harmonisierung (sprich: Gleichschaltung) ist per se kein Qualitätsfaktor. Wesentlich ist, dass Lehrpersonen vor der Klasse stehen, die motiviert sind, die gut ausgebildet sind und die eine Berufung haben zu ihrem Beruf. Hilft da organisatorisch-administrativer-struktureller Einheitsbrei? Wohl kaum. Und was die Schülerzahlen anbetrifft: Sie irren sich, wenn Sie meinen, die beiden (es geht nicht nur um HarmoS, sondern auch um das Konkordat Integration!) Konkordate seien umsetzbar, ohne die Klassengrössen drastisch zu senken: Die Aufhebung der Kleinklassen ist nur machbar mit individualisiernden Lernformen. Und die wiederum sind in einer Klasse mit 25 Kindern schlicht eine masslosse Überforderung der Lehrer.

    Als aktiver Politiker macht es mich wütend, wie unsere immer noch gute Schule ausgerechnet von den Bildungsbürokraten und deren Vorgesetzten wider besseres Wissen kaputt gemacht werden, wie statt Korrekturen mit Augenmass Bewährtes zerstört werden soll und unbewiesenen (und zum Teil bereits widerlegten) Theorien gefolgt werden soll.

  20. Renate Sturzenegger

    Die zehn Jahre, während derer ich auf der Primarschule unterrichtete, nenne ich mein goldenes Zeitalter. Der Schulbetrieb war vergleichsweise überschaubar, ich hatte nette Kinder in meinen Klassen, denen ich nach drei Jahren nachweinte und mehrheitlich mit Eltern zu tun, die mich nach Kräften unterstützten. Stellten sich dennoch Probleme ein, so wusste ich mich in einem wunderbaren Team gut aufgehoben.
    Fast zu schön um wahr zu sein- und auch damals nicht selbstverständlich!
    Doch obwohl ich meinen Beruf liebte und die Voraussetzungen nicht besser hätten sein können, war es eine anstrengende Zeit. Den Lehrerberuf nicht nur als Beruf, sondern als Berufung auszuüben, erfordert sehr viel Energie und bedingt, dass gesundheitlich und persönlich alles in der richtigen Balance ist.

    Selbst unter idealen Bedingungen – von denen die meisten Lehrer nur träumen können – ist es schwierig, diese Balance über lange Zeit aufrechtzuerhalten. Heute kommt dazu, dass auf verschiedenen Ebenen manches aus dem Ruder läuft und niemand so recht weiss, wie der Schaden zu beheben ist. Grundsätzlich alles schlecht zu machen, wie das vor allem die SVP gerne tut, ist nicht der richtige Weg.
    Vielleicht aber ist das, woran es im Kleinen fehlt, auch im Grossen zu einem Problem geworden. Niemand will mehr die Verantwortung übernehmen; man schaut lieber weg – nicht nur auf dem Pausenplatz. Lieber füllt man ein Formular aus. Dieses, mit einem hübschen Stempel versehen und säuberlich abgelegt, gibt einem das gute Gefühl, seine Aufgabe erfüllt zu haben und täuscht darüber hinweg, dass der Überblick schon lange verloren ging.

    Wir täten gut daran, neben den unzweifelhaft nötigen Reformen auch den menschlichen Aspekt nicht aus den Augen zu verlieren. Wertschätzung, unbürokratische Unterstützung und gesunder Menschenverstand bei Entscheidungen in schulischen Belangen kämen allen Beteiligten zugute. Sie würden unter Umständen mehr bewirken als Mitarbeiterbeurteilungen, unzählige Elternanlässe und aufwendige Zeugnisformulare.
    Ein guter Schulbetrieb steht und fällt noch immer noch mit der Atmosphäre, in welcher er stattfindet.
    Nur wer sich wohl fühlt, lernt gut.
    Und nur wer sich wohl fühlt, ist ein guter Lehrer.

  21. laramuller

    Ya, I was pretty surprised about that in Switzerland. My father-in-law was a teacher in Zurich. He was a phenomenal teacher, the kind of teacher one would dream of in the United States. I mean, here was a teacher that spent hours upon hours making lesson plans for his students. He really cared about their education. He fought politically for them. My husband told me a story once, that there was an underpass that most of his students had to walk through to get to school that was really polluted. So his father, their teacher, took his moped (scooter) and ran it for an hour in the underpass and had the air tested. Then he went to the local government and the air was so bad they were forced to build another way for them to walk to school. So, here is this teacher, who cares passionately about his students education in every aspect. Then, he told us, the students had changed and that he was not as interested in teaching. He told us this with sadness. And one winter night in Basel I was brought to understand this. We received a call at around midnight on a Sunday from my father-in-law who was very very concerned. One of his students had called him at home, and she said that she had taken the train to Basel to go to a party and was lost and alone and the boys she was with had abandoned her. He was so concerned he called Jens and I and we walked around for hours looking for her, as she was supposedly wandering the streets. Monday, as it turns out, this was all a “joke.” Now I was not happy I spent the night walking around looking for a girl who was making a prank call. But more than this, it pained me to the bottom of my heart. I sat at work and I was so ashamed, for her. I was so hurt. It just shamed and hurt me to know the amount of disrespect this student had. Disrespect for a teacher who spent his life teaching diligently. Disrespect for an education that no children in the world are afforded. I mean, certainly no third-world children, who would do anything for that kind of opportunity to be taught by a teacher in a school of that caliber. But even in America or the United Kingdom, or many other countries, there are no such standards of teaching. The standards my father-in-law had as a teacher were something I had never seen in any place except the University, and really rarely there. It hurt me, to see somebody treat a teacher that way, and a man I respected deeply. It may seem as a small thing. But it is not, it is a deeply shameful thing, to play off of somebody’s sense of duty and caring, to try to bring some form of shame to them. Swiss schools are extraordinary. The things they are being taught and the opportunities they are given are phenomenal, as are the level of expertise amongst the teachers they have. I knew prominent painters, who were teaching in elementary schools. In the United States, the elementary and even middle-school students are lucky if somebody throws a box of crayons at them. I love Switzerland so much because there is a sense of decency and there remains a hope of democracy and ethics and self-responsibility there. I loved and respected my father-in-law very much and was amazed by him. I imagine he was a dream come true teacher. Pay attention. We had teachers like that in America 50 years ago, and look where we are now.

  22. daniel jewitsch

    Danke für den Einblick. Nur etwas, was mir immer wieder aufstössst. Nur “ausländisch” zu sein ist per se mal gar kein Problem. 1. Es kann zu einem Problem werden, wenn das Schulsystem eine homogene mehrheitssprachige Unterrichtsgruppe in einem Einwanderungslands voraussetzt und Heterogenität konsequent ignoriert. Daraus ergeben sich Diskrepanzen, auch für den Lehrer. 2. Wer ständig liest das ‘Ausländer sein’=Problem heisst und selbst als ‘Ausländer’ stigmatisiert wird, wird durch diese diskrimierende Erfahrung tendenziell eher respektlos. Wie Du mir… 3. Grundsätzlich: woran machen Sie bitte fest wer ‘Ausländer’ ist und wer ‘Nicht-Ausländer’ ist? Der Begriff ist ein Konstrukt und verschärft eher Konflikte als dass er einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion liefert.

    Die Kommentare von wegen, früher hätte man mehr Zeit gehabt für die Kinder. Wann ist das früher? Dass ein Elternteil es sich finanziell leisten kann zuhause zu bleiben ist erst seit der prosperierenden Wirtschaft, ca. zu Beginn der 50-er Jahre, möglich und dass gilt auch heute noch nicht für alle. Bereits in der Grosselterngeneration mussten grösstenteils beide Elternteile auf dem Feld arbeiten.

  23. Tobias Roder

    Der Artikel macht auch mich als angehender Lehrer betroffen. Diese Thematik hat mich bereits während dem ganzen Studium beschäftigt und auch immer wieder dazu geführt, dass ich meine Berufswahl kritisch hinterfragt habe. Bis jetzt, ich werde im Novemeber als Sekundarstufe I-Lehrkraft diplomiert, bin ich immer wieder zum Schluss gekommen, dass die Entscheidung richtig ist. Einige Punkte möchte ich aufgreifen:
    1. Die Ausbildung: Die Ausbildung heute ist nicht schlecht. Wer will, kann sich sehr wohl auf die schwierigen Situationen, die ihn später im Beruf erwarten, vorbereiten. Allerdings erfordert das Selbstinitiative – etwas, das man in meinen Augen von einer angehenden Lehrkraft erwarten darf. Die Ausbildung ist zudem ein Abbild der Schule – sie ist sich extrem am Verändern. Ob eine abgehende Lehrkraft der Seminarausbildung im heutigen, heterogenen Kontext erfolgreicher wäre bezweifle ich zu tiefst.
    2. HarmoS und andere Reformprojekte. Es ist wahrscheinlich richtig, dass in der Schule ein rauher Reformwind weht und dass viele Lehrkräfte darunter leiden. Einige dieser Reformen sind nicht oder zu wenig durchdacht, andere dagegen haben ihre Berechtigung. Die Reformwut ist zudem kein Phänomen, dass ausschliesslich die Schule betrifft. Fast jede Institution, ob öffentlich (Bundesverwaltung, Armee, Universität, usw.) oder privat (die UBS, die gesamte Finanzbranche, Unaxis – OCOerlikon, etc.) führt in schwierigen Zeiten erstmals eine Reform durch. Ob das gut ist oder nicht, ist eine andere Frage; es der Schule einsitig zum Vorwurf zu machen meines erachtens jedoch unfair. Viele Reformen gehen zudem auf die Interessen der Wirtschaft zurück, die Standarts verlangt.
    3. Der Formularkrieg. Diesen gibt es und er ist lästig. Auch hier handelt es sich jedoch nicht um eine spezifisch schulische Erscheinung. In fast allen Berufsfeldern nimmt diese Arbeit einen immer wichtigeren Stellenwert ein. In einer Gesellschaft, in der das Vertrauen ab-, die Kontrolle dagegen andauernd zunimmt, kann der Formularkrieg ebenso wenig einseitig der Schule zum Vorwurf gemacht werden.
    4. Die Integration. Ist in meinen Augen notwendig, wenn wir das Postulat der Chancengleichheit (Bundesverfassung Art. 2, Absatz 3) ernst nehmen wollen. Die Umsetzung der Integration darf jedoch keine Sparmassnahme sein.
    5. Die Zukunft. Die Zukunft der Schule kommt und sie wird nicht so aussehen wie die Vergangenheit – denn der heutige Kontext ist ein völlig anderer als der der 60iger Jahre. Wo sieht die Gesellschaft die Schule in 10 Jahren? Welches sind ihre Schwerpunkte? Was will die Gesellschaft mit der Schule erreichen? Was sind ihre zukünftigen Aufgaben? Wie sieht diese Schule aus? Dies sind in meinen Augen die Fragen, mit denen sich die Gesellschaft und die Schule heute auseinandersetzen muss. Dass heute einiges nicht rund läuft ist klar. Aber anstatt immer auf diesen Punkten rumzuhacken, machen wir uns besser darüber Gedanken, wohin der Weg gehen soll, um danach Schritt für Schritt diese Vorstellung umzusetzten. In diesem Sinne danke ich der SVP dafür, dass sie die Debatte um die Schule neu entfacht hat, auch wenn ich der erste wäre, der der SVP-Schule den Rücken kehren würde.

  24. Lilo Laetzsch

    Bildung ist unsere Zukunft

    Mehr denn je: Unterrichten ist das Kerngeschäft der modernen Schule

    Gemäss einer repräsentativen Umfrage des LCH im 2006 zur Berufszufriedenheit der Lehrpersonen, würden über ¾ der Befragten ihren Beruf wieder wählen und sind nicht frustriert. Vor allem deshalb, weil sie gerne unterrichten. Auch ich gehöre zu dieser Gruppe. Ich liebe die Arbeit mit den Jugendlichen. Zum Glück muss ich auf dem Pausenplatz nicht Polizistin spielen, sondern achte auf die Umsetzung der in unserer Schule geltenden Regeln. Gibt es Probleme informiere ich die Schulleitung oder die Schulsozialarbeiterin und widme mich wieder meinem Kerngeschäft, dem Unterrichten. Auch habe ich vor einem Elternabend keine schlaflosen Nächte, sondern sehe in der Elternarbeit wichtiges und positives Potenzial.
    Unzufrieden sind Lehrpersonen mit der Umsetzung der Reformen, dem zu hohen administrativen Aufwand und mit weiteren ineffizienten Abläufen sowie im Kanton Zürich mit den Lohnperspektiven.
    Auch BL ortet hier Handlungsbedarf, etwa bei den Organisationsproblemen auf der Sekundarstufe, der Disziplinlosigkeit und bei der Rolle der Eltern. Seine Lösungsvorschläge erinnern allerdings stark an die neu aufgelegten Parolen einer rückwärts gerichteten Bildungspolitik. Früher schien die Sonne wärmer und die Milch wurde weniger schnell sauer. Nicht alle alten Rezepte taugen aber heute noch.
    Ob die Schüler/innen heute wirklich gewalttätiger sind? Und immer weniger können? Nur dadurch, dass man Behauptungen ständig wiederholt, werden sie nicht wahrer. So ist beispielsweise die Lesekompetenz der 15-Jährigen höher als jene der 65-Jährigen.
    Der Züricher Lehrerinnen- und Lehrerverband ZLV setzt für eine zeitgemässe Schule ein. Die Hauptaufgabe von Lehrerinnen und Lehrern bleibt das Unterrichten – und dies in einem Umfeld, in dem Ansprüche, Tempo und Komplexität stark zugenommen haben. Dafür brauchen sie die notwendigen Ressourcen. Seit Jahren fordert der ZLV bessere Anstellungsbedingungen für Lehrpersonen. Das Mitte September lancierte Projekt „Chance Sekundarschule, Weiterentwicklung“ ist eine hervorragende Gelegenheit, die Anliegen der Lehrpersonen öffentlich zu diskutieren.

    BL. hätte gut getan sich beraten zu lassen. Zur Professionalität der Lehrpersonen gehört auch, sich von Forderungen ausserhalb des Kernauftrags abzugrenzen. Die Schule ist nicht „Reparaturwerkstätte der Nation“. Im Juni 2008 verabschiedete der LCH das neue Berufsleitbild, das die Aufgaben der Lehrpersonen umschreibt. Der ZLV engagiert sich in der Umsetzung. Damit weiterhin die überwiegende Mehrheit der Lehrpersonen mit Überzeugung und Freude unterrichten kann.

    Lilo Lätzsch, Präsidentin Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband(ZLV)

  25. Christoph Thurian

    Gratuliere dem Magazin, nicht nur für den Text sondern auch für die Angaben zu den Bildern. Bilder generell möglichst “echt, aus dem wirklichen Alltag”, keine gestellten Schauspieler mehr bitte. So gewinnt auch der Text und beides kann als Ganzes ernst genommen werden.
    Danke.

  26. Julian Reidy

    No offense, aber die grammatikalischen und orthographischen Mängel im Beitrag des “angehenden Lehrers” sind ein ziemlich klares Indiz, dass etwas falsch läuft.

  27. Thomas Klemm

    Wenn man sich gegen eine Veränderung stellt, wird man als konservativ und rückwärtsgerichtet eingestuft. Veränderungen in bildungspolitischer Hinsicht, von der Basis, den LehrerInnen verlangt, betrachte ich als eine positive, langfristig anhaltende Entwicklung im Schulsystem. Da hilft sicher der ZLV. Veränderungen aber, die aus finanzpolitischer Hinsicht von Menschen gemacht werden, die von der Volksschule keinen Dunst haben, sind verwerflich und werden zu recht kritisiert. Haben wir kein Geld für Veränderungen, so werden eben nur kleine Schritte getan, die aber sind von der Basis vorgeschlagen und gestützt und kommen den Kindern zu Gute. Die momentane Situation schildert Goethe in Faust II :” …der Wechsel unterhält doch nutzt er kaum.”

  28. kristin crottogini

    Der Artikel macht sehr nachdenklich, auch die Kommentare.
    Auf zwei davon mag ich etwas dazu setzen. Zu Bendicht Stauffer: ob und inwieweit gemeinnützige Arbeitseinsätze die erwünschte Wirkung zeigen, lässt sich weder an der Dauer solcher Massnahmen abmessen, noch werden solche an der Tat, sondern an der persönlichen Reife und Bedürftigkeit der Kinder/Jugendlichen ausgerichtet. Darin unterscheidet sich übrigens auch das Jugendstrafrecht der Schweiz von dem anderer Länder. Zu Fabienne Friedli: die Idee, dass Lehrpersonen und Sozialpädagogen, -pädagoginnen nicht nur gemeinsam in KLassen “gestellt” werden, gestalte ich gerne um,so, dass diese Fachpersonen auch Unterricht vorbereiten, durchführen und begleiten: beide Professionen, je nach Ressourcen, sowohl in mathematischen und sprachlichen Belangen, als auch zu Sozialem Lernen, zu Ethik, Ernährung, Gesundheit, Sport etc. engagieren und beide Berufsgattungen einmal als Alleinlehrkraft, in Zweierpräsenz, auch im Teamteching oder andereren Settings wirken lassen. Interessiert an der Idee?

  29. Hanspeter Amstutz

    Lehrkräfte brauchen bessere Rahmenbedingungen

    Der Bericht über einen guten Sekundarlehrer, der sich von der Schule abwendet, ist alarmierend. Es handelt sich eben nicht um einen Einzelfall. Das Grundgefühl, in unzähligen Bereichen pädagogische Feuerwehr spielen zu müssen und dafür wenig Anerkennung zu erhalten, ist bei sehr vielen Oberstufenlehrkräften latent vorhanden. Bildungspolitiker müssten sich ernsthaft fragen, was zu tun ist, damit der Beruf des Sekundarlehrers wieder an Attraktivität gewinnt. Was ist schief gelaufen, dass engagierte Lehrkräfte innerlich resignieren oder nach wenigen Jahren ihrem Beruf den Rücken kehren?
    Nicht zusätzlicher organisatorischer Aktivismus, sondern eine ehrliche Analyse der Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte könnte der erste Schritt zur Veränderung der unerfreulichen Situation sein.

    Engagierte Lehrerinnen und Lehrer denken und handeln unternehmerisch, sie brauchen Gestaltungsspielraum und möchten Verantwortung übernehmen. Dabei stehen das Unterrichten in all seinen faszinierenden Varianten und der Aufbau einer positiven Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern an erster Stelle. Der Bericht im Magazin zeigt eindrücklich, was diesem pädagogischen Auftrag heute vielerorts entgegensteht: Endlose Wechsel der Klassenzusammensetzungen und häufige Gruppenwechsel von Lektion zu Lektion, das Erfüllen zahlreicher Aufgaben ohne jeden Bezug zur Unterrichtstätigkeit, aufwändiges Ausbügeln von praxisfernen Lernkonzepten für weniger starke Schüler, zeitintensive Besprechungen aller Art und wenig Rückendeckung in disziplinarisch heiklen Fällen. Oder pointierter ausgedrückt: Der gesamte Betriebsaufwand an den Sekundarschulen hat auf Kosten der Unterrichtsvorbereitung und der Unterrichtstätigkeit stark zugenommen.

    Die Zukunft der Sekundarschule hängt in erster Linie davon ab, ob es gelingt, wieder mehr Lehrkräfte zu finden, die bereit sind die Hauptverantwortung für eine Schulklasse zu übernehmen. Diese Aufgabe ist kein Job, sondern eine anspruchsvolle Herausforderung für umfassend und praxisnah ausgebildete Lehrkräfte. Deshalb gilt es dafür zu sorgen, dass der Sekundarlehrerberuf eine den Anforderungen entsprechende Ausbildung und mehr Wertschätzung erfährt. Die anstehende Oberstufenreform bietet die Chance, sich in aller Offenheit zu überlegen, was die Qualität unserer Volkschule wirklich ausmacht. Entscheidend wird dabei sein, dass die pädagogische Kompetenz der Lehrkräfte beim Dialog mit den Erziehungswissenschaftern als eigentliche Ausgangsbasis für künftige Veränderungen anerkannt wird.

    Hanspeter Amstutz
    Sekundarlehrer und Bildungsrat
    Fehraltorf

  30. Tobias Roder

    Ich gebe zu, mein Text ist orthographisch keine Perle. Ob man über den Stil diskutieren will, ist eine andere Frage. Aber: aus einem Einzelfall (den Inhalt des Textes dabei völlig ignorierend) auf den allgemeinen Zustand zu schliessen, ist jedoch nicht richtig.

  31. Peter Aebersold

    Vorboten der Globalisierung des Bildungsmarktes

    Die geschilderten Arbeitsbedingungen der Lehrer und der Zustand der Volksschule sind leider keine Einzelfälle wie auch die zahlreichen Leserkommentare auf der Internetseite des Magazins zeigen. Warum ist die Volksschule trotz der massiven Verschlechterung der „Rahmenbedingungen“ noch nicht mehr eingebrochen? Als Bezirksschulpfleger habe ich noch bis vor kurzem in den von mir besuchten Schulen durchwegs motivierte und fachlich und sozial erfahrene Lehrpersonen angetroffen, die es verstanden, ihren Schülern die notwendige Orientierung zu geben und auf hohem Niveau zu unterrichten. Dieses Engagement der Lehrkräfte für die Kinder auch unter erschwerten Bedingungen hat die Volksschule bisher vor einem massiven Leistungszerfall und Qualitätseinbruch bewahrt.

    Tatsache ist allerdings auch, dass das staatlich organisierte, steuerfinanzierte Bildungssystem sich schon seit über 20 Jahren in einer neoliberalen Umbauphase befindet. Regierungsrat und NPM-Experte E. Buschor soll wenige Monate nach seinem Wechsel zur Bildungsdirektion versprochen haben, «das zürcherische Schulsystem vom hohen pädagogischen Ross herunterzuholen und zu einem Dienstleistungsunternehmen umzuformen.» Die Tragweite und Folgen dieser weltweiten Verwaltungsreform nach GATS-Bedingungen kann sich kaum jemand vorstellen, zumal der Umbau sich nicht systematisch, Schritt für Schritt vollzieht und viele verschiedene Akteure in unterschiedlichen Bereichen aufweist. In einem freien Bildungsmarkt würden Chancengleichheit und demokratische Kontrolle als Handelshemmnisse angesehen und deshalb nicht erlaubt. Unsere bisherigen Reformen mit der Abschaffung von Lehrerwahl und Bezirksschulpflege, der Halbierung der Schulpflege und der Einsetzung von Schulleitern zielen genau in diese Richtung. Eine gewisse Vorahnung von der unberechenbaren und zerstörerischen Wirkung ungebremster Globalisierung, gibt die gegenwärtige weltweite Krise auf dem Finanzmarkt.

    Seit 1995 wird Bildung im Rahmen des GATS-Abkommens der WTO – dem auch die Schweiz, notabene ohne Volksabstimmung, beigetreten ist – völkerrechtlich verbindlich als Ware bzw. als Dienstleistung definiert. Beim Umbau des Bildungssystems zu einem globalen Bildungsmarkt, der ein geschätztes Volumen von 2200 Mrd. US-Dollar pro Jahr bringen soll, ist das ERT – European Round of Industrialists mit Firmen wie Bertelsmann, Siemens, Hoffmann-La Roche, Telekom, Lufthansa usw. beteiligt. Die Nationalstaaten werden weltweit von Weltbank, Internationaler Währungsfonds (IWF), Welthandelsorganisation (WTO) und OECD in Richtung Privatisierung gedrängt. So soll die Kreditgewährung schon an die Bedingung geknüpft worden sein, Schulen zu privatisieren oder zu regionalisieren. Die Bestrebungen von HarmoS, die kantonalen Schulsysteme zu einem gesamtschweizerischen Dienstleistungsunternehmen zu vereinheitlichen, müssen in diesem Zusammenhang betrachtet werden.
    Peter Aebersold, ehemaliger Bezirksschulpfleger, Zürich

  32. Claudia Inglin

    Ich habe mich letzte Woche sehr geärgert über Ihren Artikel.

    Als Primarlehrerin sind mir viele der angesprochenen Probleme im Schulwesen leider wohlbekannt. Herrn Lorenz’ Frust und Enttäuschung kann ich nachvollziehen und verstehen, wenn sich unsere Haltungen auch nicht in allen Bereichen decken.

    In meinem Umfeld habe ich glücklicherweise genügend Leute, welche Schwierigkeiten, die Veränderungen der Gesellschaft und die damit verbundenen Anpassungen der Schule auf konstruktive Art und Weise angehen; Lehrpersonen, mitunter aber auch höchst kompetente Schulleitungen, welche ganz ohne Geltungsdrang, mit sehr viel Zeitaufwand und persönlichem Engagement ihre Arbeit machen.
    Schade, dass solchen Personen das Wort nicht gegeben wurde.

    Ich begrüsse es natürlich, wenn einem breiten Publikum aufgezeigt wird, was Lehrerinnen und Lehrer alles leisten, mit welchen Problemen, hohen Erwartungen und oft unmöglichen Anforderungen wir uns tagtäglich konfrontiert sehen.

    Dass aber der Rundumschlag eines einzigen, ehemaligen, offensichtlich enttäuschten Lehrers das gewünschte Verständnis fördert, bezweifle ich.

  33. Manuel Dettwiler

    Fördern statt Auslesen

    Subtiler und klarer kann man nicht mehr zeigen, woran unser Schulsystem krankt. Auch dieser Lehrer ist nicht am Fördern, sondern am Auslesen gescheitert. Wichtig ist, dass Etiketten vergeben werden und dass die Schüler bald klassiert sind. Diese wehren sich auf ihre Art und ihre Eltern eben auch, denn es geht um die guten Plätze im Wettbewerb um Arbeit und Einkommen, nicht darum, was das Kind in der Schule lernt. Tatsächlich besteht darin die perfide Geringschätzung dessen, wofür viele Lehrer gerne ihr Herzblut geben würden.
    Man lehrt nun zwar an der Pädagogischen Hochschule, den schon längst fälligen didaktischen Umgang mit Heterogenität. Im Schulalltag gelten aber alters- und leistungshomogene Klassen und Klassierungen quasi als archaisches Prinzip,
    leider auch bei vielen Lehrern, die nicht merken, dass das ständige vergleichende Beurteilen und Rechtfertigen dieser Beurteilungen ihnen die Zeit und Energie nimmt, ihre Schüler und Schülerinnen so zu fördern, wie diese es eigentlich verdient hätten.
    Gefördert wird höchstens eine permanente Kultur von Defizitorientierung. Die Schüler und Schülerinnen “können dann immer weniger”. Warum hinterfragen so wenig Lehrer diese notenbasierten Wertmasstäbe? Möglicherweise weil die meisten unter ihnen damit in der eigenen Schulzeit gut gefahren sind. Nur, es gibt eben auch die Kinder, die nie gute Noten erhalten. Man schiebt diese dann “gutmeinend” in einen “tieferen” Schultyp ab. Jedenfalls dann, wenn sich die Eltern keine Privatschule leisten können. Warum ist so wenig vom Selbstwertgefühl der Kinder die Rede?
    Lieber bejammert man den Druck der ständigen Reformen “von oben” und nach dem Lehrerbashing ist jetzt das Bildungsbürokratiebashing angesagt. Ärgerlich sind die Reformen aber vor allem deshalb, weil sie immer halbherzig sind. Statt in der Defensive zu verbleiben, sollte die Basis echte Ansprüche an ein modernes Schulsystem formulieren und diskutieren. Insofern ist jede Reform auch eine Chance. Vieles geschieht im Schulhaus und in den Gemeinden selber
    und man darf sich fragen, wie viele gute Gelegenheiten verpasst worden sind, etwas Einfluss auf die Schulentwicklung zu nehmen: Es gibt und gab nie pädagogische Gründe ein Oberstufenzentrum zu führen, sondern höchstens organisatorische und natürlich die Finanzen. Wie haben hier Lehrer mitdiskutiert? Nun kumulieren sich dort oft die Probleme und kosten nun mehr als die Einrichtungen und Schulmaterialien für altersgemischte Schulhäuser. Dann nützt es wenig, das “Kerngeschäft” des Unterrichtens zu bedauern, für das keine Zeit mehr bleibt. Was ist überhaupt unser Kerngeschäft? Wir sollten wieder mehr Fragen stellen und Haltungen überdenken. Es gibt auch keine pädagogischen Gründe für die Art von Selektion, wie sie hierzulande betrieben wird. Aber leider wird das von viel zu wenigen Lehrern hinterfragt oder wenigstens diskutiert. Wie ungerecht diese Einteilerei übrigens vor sich geht, ist unterdessen mit mehreren Studien belegt worden, man müsste sie aber lesen wollen. Gehört das nicht auch zum Kerngeschäft?
    Wenn die Denkart des Etikettierens in Form von A B C Schubladen und Notenziffern nicht einem tatsächlichen (und auch beschreibbaren) Kompetenzerwerb Platz macht, nützen auch Durchlässigkeitsformen an der Sekstufe nicht viel. Die Angst, im Rennen um gute Bildungs- und Arbeitsplätze zu kurz zu kommen, bleibt.
    Hier braucht die Schule mehr als hilflose bis billige Appelle an mehr Respekt und Wertschätzung für die Arbeit der Lehrer. Wir dürfen eines nicht vergessen:
    Lehrer, die scheitern, können immerhin die Schule verlassen, die Kinder nicht.

    Emanuel Dettwiler
    Lehrer an einer 5/6 Primarklasse und an der Sekundarstufe im Kanton Bern

  34. Tobias Schneider

    Sorry Julian Reidy, aber Sie sollten sich nicht anmassen, mehrere andere Kommentare zu kommentieren. Mir etwas “als implizite Behauptung” zu unterstellen könnte ebenfalls beleidigend wirken. Schön finde ich, dass Sie das Problem an der Wurzel anpacken: Ob Lohnerhöhungen und Abbau der Bürokratie jedoch bereits die Lösung ist, weiss ich nicht. Haben Sie Kinder? Ich kann es mir kaum vorstellen, sonst würden Sie nicht schreiben, dass die Eltern, welche arbeiten, etwas aus Ihrem Leben machen, während diejenigen, welche zu Hause bei Ihren Kindern sitzen, versauern. Ich selbst bin sehr gerne zusammen mit meinen Kindern und denke oft daran, wie ich mein Arbeitspensum zu Gunsten meiner Frau reduzieren könnte, damit ich mehr Zeit zu Hause verbringen (sprich: versauern) könnte. Das mit den “bildungsfernen” Ausländern stammt nicht von mir, sondern vom Artikel im Magazin, Ihr Schluss, dass die Ausländer-Mütter meistens zu Hause bei den Kindern sind, ist jedoch völlig aus der Luft gegriffen, schauen Sie doch einmal der Realität auf der Strasse ins Gesicht!
    Übrigens: Sollten sich hier grammatikalische oder orthographische Mängel eingeschlichen haben, so bitte ich Sie, nicht so streng mit mir zu sein, wie mit meinem Namensvetter Tobias Roder. Danke.

  35. Sammy Frey

    Ist es nicht bedenklich, dass mich plötzlich alle anrufen und auf diesen Artikel hier Bezug nehmen? “Hab grad an dich denken müssen..”, “Ja, sowas hast du ja auch schon erzählt..” ..undundund.. Dabei bin ich erst seit zwei Jahren im “Schuldienst” und fernab von einem Burnout.

    Bemerkenswert an diesem Artikel finde ich aber v.a. zweierlei Dinge:

    1. Mir gefällt, dass der Autor sich nicht in Selbstmitleid suhlt, wie es viele Berufskollegen mit Vorliebe tun.

    2. In Bezug auf die Ausbildung an der PHZH möchte ich anfügen, dass man uns nicht auf die Realität vorzubereiten vermochte; weder im Fachlichen noch im Disziplinarischen. Der eine hat sein Arbeitsblatt fertig, währenddessen der andere gerademal seinen Namen daraufgekrakelt hat. Tiptop! Und wie man eine Beziehung zu den Schülern aufbaut, lernt man auch in keinem Modul. Schon gar nicht, wie man mit dem Richter, Henker und Gendarme-Problem umzugehen hat. Dafür braucht man wohl erst eigene Kinder!

  36. Brigitte Wachter

    Ich habe ihren Artikel mit grossem Interesse gelesen. Er kam zum absolut richtigen Zeitpunkt! Ich arbeite seit 30 Jahren mit Freude und Engagement als Pädagogin. An meiner letzten Sitzung an der Schule warf ich in die Runde: ” Ich habe genug! Es gibt Kinderschutzgruppen, Vereine zum Schutz von … Ich gründe eine LehrerInnen-Schutzgruppe!”

  37. Barbara Zenger

    Jedes Wort spricht wohl Hunderten von engagierten kinder- und jugendnahen Lehrkräften aus dem Herzen – danke!

  38. Hanspeter Stalder

    Das Beste, Mutigste und Ergreifendste, was ich seit Jahren über den Zustand unserer Schule gelesen habe! Der Text eignet sich zum Weiterdenken für: Spezialisierer und Akademisierer der Lehrerbildung; blindwütige Reformer und Veränderer; von ihrem Tun besessene Administratoren und Controller; SchulleiterInnen, die sich selbst, statt die Schule verwirklichen; Eltern, denen ihre und ihrer Kinder Karriere das Mass aller Dinge ist; Politiker, die mit der Schule ein fahrlässiges und mit den Lehrpersonen ein verhängnisvolles Spiel spielen.

  39. Anita Hürlimann

    Es darf nicht sein, dass Kinder, welche völlig gesund auf die Welt kommen, nach fünf Jahren Familienzeit derart ver- und überdreht sind, dass sie eine Heilpädagogische Sonderschule besuchen müssen. Ich wünschte mir, dass wir Erwachsenen vermehrt alle am selben Strick ziehen.

  40. Doris Ramser

    Auf einen Nenner gebracht ist es doch so: Herr Lorenz ist nicht mehr Lehrer, weil die Eltern nicht mehr Eltern sind.

  41. René Holzer

    Die heutige Konsum-, Multikulti-, Sucht- und Wertewandel-Gesellschaft ist offensichtlich nicht gerade pflegeleicht. Seniorinnen und Senioren loben ihre Vergangenheit und beklagen gleichzeitig die Zukunft der Nachkommen. Ist der Traum für eine bessere Welt ausgeträumt?

  42. Ralf Weber

    Die Erfüllung eines Bubentraums sagt noch lange nichts darüber, ob jemand das Format zum Lehrer hat.

  43. Beatrice Meier

    Der Entscheid, Betragensbemerkungen bei renitenten Schülern ins Zeugnis zu schreiben, hat mir Respekt verschafft. Dies gefällt weder den Schülern noch den eltern bei der schwierigen Lehrstellensuche.

  44. Charlotte Peter

    Der Inhalt Ihres Artikels hat mich masslos geärgert. Ich habe mir die Frage gestellt, warum ein Lehrer, der gerade mal 6 Jahre Schulerfahrung hat, einen Rundumschlag platzieren darf, der ihm aus meiner Sicht nicht zusteht. Ich bitte Sie, auch diejenigen Lehrpersonen zu Wort kommen zu lassen, die nicht verzweifeln ob der tausend Ansprüche sondern daran sind, jeden Tag einen guten Job zu machen.

  45. Fritz Schellenbaum

    Die Lösung heißt Kollegium. Liebe Grüße vom Segeltörn mit neun Kollegen vom Schulhaus Petermoos.

  46. Emanuel Dettwiler

    Danke. Subtiler und klarer kann man nicht mehr zeigen, woran unser Schulsystem krankt. Einmal mehr ist ein Lehrer nicht am Fördern, sondern am Auslesen gescheitert. Wichtig ist, dass Etiketten vergeben werden und dass die Schüler bald klassiert sind. Diese wehren sich auf ihre Art und ihre Eltern eben auch, denn es geht um die guten Plätze im Wettbewerb um Arbeit und Einkommen, nicht darum, was das Kind in der Schule lernt. Tatsächlich besteht darin die perfide Geringschätzung dessen, wofür viele Lehrer gerne ihr Herzblut geben würden.

  47. Gisela Paoli

    Nicht die falschen Leute stehen vor der Klasse – die falschen gehen. Und weshalb? Mehrheitlich wohl deshalb, weil man die Strukturen unerbittlich an zwei sich im Tiefsten konkurrenzierende Axiome anpassen will: integrieren und individualisieren. Der radikale Wandel in der Schullandschaft wurde vom Schreibtisch pädagogischer Wissenschaftler und von Interessenvertreter aus Wirtschaft und Politik forciert.

  48. Rena Boegli

    Ich bin versucht mitzujammern, wenn ich diese Leidensgeschichte lese. Für die Schülerinnen und Schüler von Herrn Lorenz hätte ich mir allerdings gewünscht, sie hätten von Ihrem Lehrer lernen können, wie man sich trotz Druck und Stress Luft verschafft, gut schlafen kann und sich frei fühlt. Das kann man lernen und eignet sich fürs richtige Leben besser, als Schuldverteilung.

  49. Roland Popert

    Die Bürokratisierung erreicht die Schulen mit voller Wucht. Da wird angedeutet, die Lehrer sollten eigentlich mit dem Laptop an Elterngespräche gehen. Da wird zertifiziert und evaluiert und tonnenweise Papier gesammelt, um vor der professionellen Schulaufsicht bestehen zu können. Von oben herab werden die letzten tapferen Vertreter des Volkes belächelt, die bisher in vorbildlicher Weise diese Aufgaben wahrgenommen haben. Gute Nacht, in zwei Jahren bin ich weg.

  50. Thomas Ziegler

    Fast 39 Jahre ist mein Traumjob mein Traumjob geblieben. Aber die letzten zehn Jahre sind nur ohne Schaden an mir vorbeigegangen, weil ich es mir mit meiner Erfahrung und der Unterstützung der Eltern, die viele selber einst meine Schüler waren, leisten konnte, all das Ungemach zu ignorieren, das von der Bildungsdirektion, der PHZH und der Politik auf mich einprasselte. Gegen den Rat von uns Praktikern sind der Schule Strukturen aus der Wirtschaft übergestülpt worden und -zig Reformen, die sich nun oft als Flop erweisen, überstürzt durchgezogen worden. Wie richtig ist doch, was Lehrer Lorenz, stellvertretend für viele, schreibt – über Frühenglisch, Schulleitungen, Elterndreinsprache und die Demontage der Klassenlehrperson, die Vertrauen und Beziehungen aufbauen konnte!

  51. Edgard Lienhart

    Schlimm sind die aus der Ferne operierenden Schreibtischtäter kantonaler Erziehungsdepartemente, welche sich hinter Verordnungen, Formularen und Internetseiten verstecken. Pädagogische Anliegen haben immer weniger Platz, es zählen finanzpolitische und administrative Überlegungen im Umgang mit Lehrer- und Schülerschaft.

  52. Christian Rieder

    Wie geht die Bildungsdirektion mit dem Abwandern junger, motivierter, teuer ausgebildeter Lehrkräfte um? Wird bei Kündigungen nachgefragt, was die Gründe zu diesem einschneidenden Schritt sind? Werden Mitarbeiter in ihren Anliegen genügend unterstützt?

  53. Vera Diaz

    Besonders unterstreichen möchte ich die Sache mit der «gegliederten Sek», deren Nichtfunktionieren in der Praxis der Artikel drastisch veranschaulicht. Wohl den Gemeinden, welche zum Teil nach Anhören der Lehrerschaft beim System mit der dreiteiligen Sek geblieben sind. Ein abschreckendes Beispiel lieferten demgegenüber die Schulpräsident(innen) der Stadt Zürich: Sie haben ohne Vernehmlassung die Einführung eben dieses Systems beschlossen. Wenn die die Lehrpersonen, den Beschluss nicht, ist ein Scheitern von vornherein programmiert.

  54. Manuel Clausen

    Als Junglehrer kam ich in den vollen Genuss der neuen Lehrerausbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Viele Dozenten und Dozentinnen sprachen über hoch akademische Schulthematiken und Bildungstheorien. Das wirkliche Handwerk im Lehrerberuf musste ich mir irgendwie aus den Fingern saugen. Die Schulung der Praxis ging bei der Neukonzeption im Meer der Theorien wohl unter. Wenn ich mir überlege, wie viel Geld diese ganze Neukonzeption gekostet hat, werde ich wütend.

  55. Lilo Lätzsch

    Herr Lorenz hätte gut getan sich beraten zu lassen. Zur Professionalität der Lehrpersonen gehört auch, sich von Forderungen ausserhalb des Kernauftrags abzugrenzen. Die Schule ist nicht „Reparaturwerkstätte der Nation“. Im Juni 2008 verabschiedete der LCH das neue Berufsleitbild, das die Aufgaben der Lehrpersonen umschreibt. Der ZLV engagiert sich in der Umsetzung. Damit weiterhin die überwiegende Mehrheit der Lehrpersonen mit Überzeugung und Freude unterrichten kann.
    Lilo Lätzsch, Präsidentin Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband(ZLV)

  56. Lillian Auberson

    I was shocked by the “convenient solution” for the student mentioned in the article who stole exams from his teacher, but was not expelled because he came from an “important” family. I feel sorry for this student, because like many teenagers, he is actually asking for someone to set limits for him. Instead, he gets a lesson on how rules can be manipulated, and this does not help him at all to develop into a mature adult capable of making ethical choices. I feel sorry for the teacher, because his authority is undercut. Therefore I can understand that a teacher feels disempowered in such a situation. What are we really teaching here?

  57. Matthias Obrist

    Alleine können weder Lehrer noch Eltern diese Probleme lösen. Gute Elternarbeit trägt zur Lösung bei, reicht aber oft nicht aus. Zusätzlich sind meiner Meinung nach die Klassengrössen deutlich zu reduzieren, Klassenhilfen einzurichten und die Stütz- und Fördermassnahmen sowie Tagesstrukturen an der Schule auszubauen. Auf Englisch und Französisch an der Primarstufe könnte verzichtet werden. Lehrer sollten vermehrt Zeit dafür haben, in ihrem Team pädagogische Knacknüsse zu besprechen und sich gegenseitig zu unterstützen. Der nächste Belastungstest für unsere Schule wird sein, wie die vermehrte Integration für Schüler mit besonderen Bedürfnissen gelingt.
    Matthias Obrist, Kinder- und Jugendpsychologe FSP

  58. Naomi Winter

    Antwort auf den ersten Leserbrief von Frau Lilo Lätzsch, Präsidentin Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband (ZLV)

    Liebe Frau Lätzsch

    Ihrem Leserbrief entnehmend, könnte man also zusammenfassend sagen, dass Sie zu den wirklich guten Lehrkräften gehören, weil Sie
    1. nicht frustriert sind, da Sie gerne unterrichten und die Arbeit mit den Jugendlichen lieben
    2. keine schlaflose Nächte vor Elternabenden haben
    3. Sie die Professionalität besitzen, sich abzugrenzen

    Ich gratuliere Ihnen zu Ihrer Berufswahl!!

    Gehe ich richtig in der Annahme, dass B.L. bei Ihnen schlecht abschneidet, da er Ihre oben erwähnten Punkte (vor allem Punkt 2 und 3) nicht erfüllt?
    Zu guter Letzt holte sich dieser nicht mal Beratung. (War das wirklich so?)

    Auch ich war Lehrerin und musste nach über 10 Jahren den Beruf aufgeben. Wie bei B.L. machten sich auch bei mir zunehmend und über längere Zeit Schlafprobleme bemerkbar. Mich abzugrenzen schaffte ich je länger desto weniger. (trotz Beratung!!!)

    Ich war wie B.L. wirklich gerne Lehrerin.
    Es hat mich immer wieder mit Stolz erfüllt, wenn mich Fachlehrkräfte oder LehrerInnen, die meine Klasse übernahmen meine Klasse lobten oder ich zusehen konnte, wie sich die SchülerInnen oder die Klasse als Gemeinschaft positiv entwickelte(n). Klar gabs hin und wieder disziplinarische Probleme, wie überall. Aber ich hatte stets hart daran gearbeitet, damit im Klassenzimmer (und auch ausserhalb) eine ruhige, konzentrierte und untereinander eine gute Stimmung herrschte.

    Sie schreiben, dass die Schule nicht ‚Reparaturwerkstätte der Nation’ sei und dass das neue Berufsleitbild die Aufgaben der Lehrpersonen definieren würde.
    Auch wenn ich mich als Lehrkraft an das Leitbild halte (wie ein Rezeptbuch) komme ich doch nicht drum herum die Kinder und Jugendlichen ‚auf Kurs’ zu bringen damit ein für alle Beteiligten vernünftiger Unterricht stattfinden kann. Regeln einführen, Grenzen setzen uvm. erfordert viel Einfühlungsvermögen, Zeit und vor allem Energie. Da kann man nicht wegschauen mit der Begründung, dass wir keine ‚Reparaturwerkstätte` seien.
    Uebrigens: Wie Sie ja bestimmt auch wissen, ist nicht jede Schule, wie Ihre, in der komfortablen Lage und hat eine Schulsozialarbeiterin!

    An unserer Schule gab es vorwiegend sehr engagierte Lehrkräfte.
    Es gab aber auch einige wenige, die lieber in Konferenzen durch ihre Eloquenz und ihren unerschöpflichen Fundus an Ideen und Theorien hervorstachen. Als Frischling in der Schullandschaft, beeindruckten mich diese brillanten RhetorikerInnen anfangs sehr, und ich glaubte damals, dass dies wohl die wirklich guten LehrerInnen seien.
    Hatte man aber die Möglichkeit bei diesen Lehrkräften etwas hinter die Fassade zu schauen, waren es oft sie, die nicht im Stande waren, ihre gut verkauften Theorien in die Praxis umzusetzen. Es gibt tatsächlich Lehrkräfte, die es sich einfach machen, indem sie wegschauen. Ich habe welche miterlebt, die behaupteten, keine Probleme zu haben, bis es dann nicht mehr zu übersehen war, dass die Klasse vollends aus dem Ruder gelaufen war. Als letzte Massnahme musste dann auch schon mal zum Thema ‚Gewaltprävention’ die Polizei anrücken.

    Das es unter den Lehrkräften bzw. Schulbürokraten einige SchönrednerInnen gibt, steht ausser Frage. (Ihr Leserbrief gibt mir irgendwie das Gefühl, dass Sie dazu gehören)

    Gegenüber den vielen Umfragen, wie zum Beispiel der von Ihnen erwähnten Berufszufriedenheit, steht nun mal auch die Tatsache, dass vielen LehrerInnen an Burnout erkranken und deshalb ihren Beruf an den Nagel hängen.

    Den Bericht von B.L. kommt für mich ehrlich und sehr treffend für die heutige Situation der Lehrer und LehrerInnen rüber.
    Dass Sie als Präsidentin des ZLV in Ihrem Schreiben B.L. nicht wirklich ernst nehmen und wenig Verständnis zeigen, finde ich sehr schade und respektlos gegenüber allen LehrerInnen, die sich wirklich engagieren.

    Es tut mir Leid, dies sagen zu müssen, aber ihr Leserbrief kommt mir irgendwie Lätz(sch) rüber.

  59. Hanspeter Amstutz

    An der Sekundarschule B und C fehlen ausgebildete Lehrkräfte in grosser Zahl. Heute sind es in diesen Abteilungen noch knapp 75 Prozent, die über eine stufengerechte Ausbildung verfügen. Allein diese Tatsache zeigt, dass die hohe Belastung auf dieser Stufe real ist und nicht einfach herbeigeredet wurde. Es ist dringlich, dass die im Magazinbericht aufgeworfenen Fragen aus dem Schulalltag ernst genommen werden. Ist es zuviel verlangt, wenn die Forderung gestellt wird, dass die pädagogische Kraft der Lehrpersonen in erster Linie dem eigentlichen Kernauftrag des Unterrichtens zugute kommt? Ist es fortschrittshemmend, wenn Sekundarlehrkräfte schülergerechte Lehrpläne, die besten Lehrmittel oder eine unkomplizierte Unterrichtsorganisation möchten? Selbstverständlich bedeutet Lehrer zu sein ein gewisses Mass an Belastungen ertragen zu können. Aber es wäre sehr hilfreich und gar kein Luxus, wenn einige wohlbekannte Gesteinsbrocken des Schulalltags endlich aus dem Weg geräumt würden. Das unverzügliche Anpacken dieser Aufgabe wäre das klare Zeichen, dass ein neuer Abschnitt in der Bildungspolitik begonnen hat.
    Übrigens: Mehrere Primarlehrer haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass die Mittelstufe mit ähnlichen Fragen wie die Oberstufe konfrontiert sei und vor allem der Erwartungsdruck der Eltern zugenommen habe.

  60. Manuel Dettwiler

    Lieber Herr Amstutz,
    schon auf Grund ihres ersten Artikels macht es Sinn mit Ihnen zu diskutieren.
    Vorerst möchte ich ihnen aber einige Fragen stellen, nicht schon rhetorische, sondern aus echtem Interesse:
    Warum fehlen Ihrer Meinung nach diese Lehrkräfte genau?
    Worin besteht die hohe Belastung genau?
    Welche aufgeworfenen Fragen aus dem Bericht sind Ihrer Meinung nach die dringlichsten?
    Was sind für Sie die wohlbekannten Gesteinsbrocken aus dem Schulalltag?
    Was verstehen Sie unter einer unkomplizierten Unterrichtsorganisation?
    Was haben Sie mit schülergerechten Lehrplänen genau gemeint?
    An welchen Sekundarklassen ( A , B , C) unterrichten Sie oder haben Sie unterrichtet? In welchem Modell? (gegliedert, dreiteilig ..?)
    Worin besteht der Erwartungsdruck der Eltern genau und können Sie ihn nachvollziehen oder ist er Ihnen eher unverständlich?

    Ich unterrichte eine 5/6 Klasse als Klassenlehrer (Mittelstufe) und drei Klassen als
    Fachlehrer an der Sekundarstufe im Kt. Bern (Oberstufe)

  61. Samuel Riggenbach

    Ich wünschte, dass diesen Artikel sämtliche Schweizerinnen und Schweizer lesen und Entscheidungsträger Konsequenzen daraus ziehen würden.
    Sicherlich zeigt es nur “eine” Meinung und Sichtweise – aber trotzdem macht es etwas deutlich, was (bisher) auch von keinem Komentar demetiert wurde: viel Aufwand, der betrieben werden muss, hat den Bezug zur Erziehung verloren, Papierkram, fehlende unterstützung der Eltern und vor allem dieses “Quantität vor Qualität” macht eine sinnvolle Bildung praktisch unmöglich. Gut ist, was messbar ist. Unser ganzes System – die Wirtschaft voraus – ist darauf aufgebaut. Und da sich Qualität nicht qunatifizieren lässt, werden Noten verteilt und Punkte gesammelt, was das Zeugs hält.
    Ich bin zutiefst überzeugt, dass wir gegen eine Wand fahren – vielleicht nicht im rechten Winkel, aber bestimmt und zielstrebig. (Absolute (Schnaps-)Ideen wie ein Verbot der Privatschulen sind für mich ein garantierter “Fall-Beschleuniger”) Hoffentlich werden in nicht allzuferner Zukunft noch ein paar Weichen gestellt oder Schienen gelegt, die den Aufprall etwas verringern…

  62. Hanspeter Amstutz

    Lieber Herr Dettwiler
    Sie haben acht Fragen gestellt und ich habe versucht, diese präzis zu beantworten. Vieles konnte ich hier allerdings nur sehr verkürzt darlegen, was zur Ausblendung mancher Bereiche geführt hat.
    1) Stufenspezifischer Lehrermangel: Die neue neunsemestrige Ausbildung zum Sekundarlehrer entspricht einem Masterabschluss, was bei Studierenden häufiger zu einem kritischen Vergleich mit andern attraktiven Berufen führt (auch finanziell). Hohe Ansprüche an die Lehrkräfte bei nur mässiger gesellschaftlicher Wertschätzung, heikle Anfangsphase, Verlust der bisher grossen Gestaltungsfreiheit sowie die Überlastung durch Nacherziehungsaufgaben gehören heute zum Berufsfeld einer Lehrperson und verstärken letztlich den Lehrermangel.
    2) Art der Belastung:
    Belastend ist die Summe von Spezialaufgaben ausserhalb des Unterrichts, ein unverhältnismässig grosser Aufwand für das Zusammenstellen des geeigneten Lehrmaterials sowie ein ungutes Gefühl, wenn die Unterrichtsvorbereitung infolge unzähliger Besprechungen, Absprachen und organisatorischer Aufgaben zu kurz kommt.
    (Müssten Reformen nicht auch darin bestehen, dass genau diese Art der Belastung reduziert wird?)
    3) Dringlichste Aufgaben: Die pädagogischen Kompetenzen der Lehrkräfte, ihre langjährigen didaktischen Erfahrungen und die direkte Mitsprache bei der Entwicklung neuer Lernkonzepte (Deutschschweizer Lehrplan, neue Lehrmittel) müssen einen ganz anderen Stellenwert in der Bildungspolitik als bisher erhalten. Die Schule muss von der Basis her erneuert werden.
    4) Bekannte Gesteinsbrocken: Im Magazinbericht sind die Hindernisse, die den Weg im Schulalltag versperren, sehr eindrücklich beschrieben. In der Sekundarschule B und C ist die forcierte Auflösung von Kleinklassen mit der damit verbundenen Integration verhaltensauffälliger Schüler in die Regelklassen zurzeit an vielen Schulen wohl der grösste Brocken.
    5) Unkomplizierte Unterrichtsorganisation: Strukturen, die einen Unterricht in mehrstündigen Unterrichtsblöcken erlauben und nicht zu viele Einzellektionen aufweisen, ermöglichen modernen Unterricht (Vernetzen, Eingehen auf den Lernrhythmus der Schüler, weniger hektischer Ablauf und mehr Zeit für die Schüler). Binnendifferenzierung (mit entsprechenden Lehrmitteln) und massvoller Niveauunterricht sind weitere zweckmässige Strukturelemente.
    6) Schülergerechte Lehrpläne: Schülerinnen und Schüler weisen Begabungsprofile mit völlig unterschiedlichen Teilbegabungen auf. Einer hohen Begabung im räumlichen Denken steht vielleicht ein sehr bescheidenes Talent im Französisch gegenüber. Die Vorstellung, jedes Kind müsse alles lernen, nur die Standards sollten dem Leistungsvermögen angepasst werden, funktioniert in der Praxis mehr schlecht als recht. Stärken sind bei allen Kindern umfassend zu fördern, aber es hat keinen Sinn, bei schwächeren Schülern die Anforderungen in gewissen Fächern fast bis zum Nullwachstum zu senken, nur damit das Prinzip der Gleichheit der Bildung durchgezogen werden kann.
    7) Frage nach dem Schulmodell: Ich habe ein volles Pensum und unterrichte an einer Dreiteiligen Sekundarschule eine B-Abteilung als Klassenlehrer. In zwei Fächern bin ich als Fachlehrer tätig. Ich sehe meine Klasse täglich drei bis fünf Stunden, was das flexible Unterrichten in grossen Blöcken erlaubt. Französisch ist an unserer Schule ein Niveaufach. Das System funktioniert dank der guten Zusammenarbeit im Kollegium recht gut.
    8) Erwartungsdruck der Eltern: Der Erwartungsdruck von Seiten der Eltern ist in der Mittelstufe sicher viel grösser als in der Sekundarschule B. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ein guter Primarlehrer wie Trainer Hitzfeld bei unserer Nationalmannschaft als Garant für Superleistungen und die Qualifikation für höhere Aufgaben erachtet wird. An der Sek B entsteht der Erwartungsdruck mehr im Zusammenhang mit der Berufswahl.

  63. Andreas Gwerder

    Schule und Lehrpersonen kommen des Öfteren in Ihren Beiträgen vor. Der Suizid eines Lehrers in Appenzell, der Mord an einem St. Galler Lehrer, Sportlehrer, die dauernd Gefahr laufen, der Pädophilie bezichtigt zu werden oder der Umstand, dass die Schule Knaben benachteiligt. Und nun dieses Porträt eines Lehrers, der den Schuldienst quittiert. Der Artikel ist in Ordnung. Viel Dargestelltes ist wohl repräsentativ für die Situation manch einer Lehrerin oder eines Lehrers und gibt Einblick hinter die Kulisse eines Berufs, den alle zu kennen glauben, der aber ganz anders ist. Nur: Wann porträtieren Sie eine Lehrperson, der ihre Aufgabe gefällt, die mit niemandem tauschen möchte und sich keinen schöneren Beruf vorstellen kann? Solche Leute gibt es viele, und ein entsprechender Beitrag täte dringend Not. Denn: Medien schaffen in der Öffentlichkeit Bilder. Und das Bild, welches “das Magazin” von der Schule zeichnet, bedarf dringend der Aufhellung, damit es der Wirklichkeit gerechter wird.

  64. Annemarie Reinhardt

    Vielen Dank für den aufschlussreichen und ehrlichen Bericht.
    Ja, schade, dass viele guten Lehrer die Schulstube verlassen und gleichzeitig kann ich es verstehen. Ich erlebe als Hortleiterin, wie die Kinder ab 5./6. Klasse anspruchsvoller werden, wie sie immer weniger bereit sind, bestimmte, für die Gemeinschaft wichtige Regeln einzuhalten, aber gleichzeitig für sich alle Freiheiten einfordern.
    Hut ab für alle Sekundarlehrer/innen die durchhalten. Danke dafür, dass sie die Fehler unserer Fun-Gesellschaft mittragen. Hoffentlich werden Eltern und Politiker durch einen solchen Bericht sensibilisiert und hoffentlich haben mehr Lehrer die Kraft, sich gegen die Abfallkübelmentalität (die Schule soll`s richten) zu wehren.

    Ich habe auch eine Idee, wie man vorgehen könnte:
    Die Eltern müssten nach dem Verursacherprinzip des Mehraufwandes bezahlen. (Ähnlich wie das schon lange mit der Umweltverschmutzung geschehen sollte…)
    Das würde konkret heissen: angepasste, kooperative Schüler/innen bekommen einen Bonus, aufwändige, unbelehrbare Schüler/innen bezahlen, bzw. deren Eltern!
    Denn leider scheinen den heutigen „modernen“ Menschen die Augen erst aufzugehen, wenn das Geld eine Rolle spielt…!

  65. Nina Regli

    Auch ich bin Junglehrerin und kenne den Alltagstrott nach 10 Jahren unterrichten noch nicht. Die Bemerkungen zu der Ausbildung an der PHZH kann ich jedoch gut nachvollziehen und vollumfänglich unterstützen: Der Fokus wird auf die Fach- und nicht auf Unterrichtskompetenz gelegt. So habe auch ich den Sprung ins kalte Wasser wagen müssen, wobei ich mir oftmals etwas weniger Fachgenie und mehr Praxiswissen gewünscht hätte.
    Was nun auf mich zukommt ist der Weiterbildungszirkus der Bildungsdirektion: Englischdiplome, welche vor 6 Jahren noch gültig und Voraussetzung für die Ausbildung an der PHZH waren, werden jetzt einfach nicht mehr anerkannt, es sei ein halbes Jahr zu alt. Dies zwingt mich in eine obligatorische Nachqualifikation, welche anscheinend das Niveau meines Englischunterrichts erheblich angeben sollte. Ob dies für meine Jugendlichen wirklich zu einer Verbesserung der Unterrichtsqualität führen wird, wage ich stark zu bezweifeln.

  66. Raffaella Rondinelli

    Dass der Lehrerberuf streng ist und er Menschen auslaugen kann, ist für mich eine Tatsache. Jedoch richtet sich die Wut des Lehrers gegen alle Nicht-Lehrer und wünscht sich, “die” würden einmal einen Tag in diesem Beruf verbringen müssen. Es gibt so viele andere Menschen, die täglich ähnliches leisten wie er. Zudem dürfen auch andere „nie launisch sein, nie parteiisch, nie krank“. Womöglich verdienen die meisten davon aber im Schnitt weniger als er und müssen sich im Jahr mit 4 Wochen Ferien begnügen. Die „Sprüche“ wie er sie nennt, die sich eben genau auf Lohn und Ferien von Lehrern beziehen, werden von Menschen wie ihm provoziert, die den eigenen als den schlimmsten und schwierigsten aller Berufe darstellen und die positiven Aspekte ausblenden. Der Lehrer beschreibt das Mitgefühl seiner Mitarbeiter, als er gekündigt hat. Ein Kollege sagt, die Kündigung könne er sich leider nicht leisten, denn er habe gerade ein Haus gekauft (S.16). Wieder ein Zeichen für fehlende Perspektivenübernahme, denn andere Menschen in der Schweiz können sich mit ihrem Lohn nicht einmal den Gedanken an ein Haus leisten.
    Dass ein Sekundarlehrer von 25 Schülern unter Dauerbeobachtung steht, das wusste Hr. Lorenz wohl schon vor Beginn seiner Ausbildung. Wenn er nicht schon vorher wusste, dass er als Vermittler zwischen Lehrern, Lehrmeistern und Schulbehörde fungieren muss, dann hat er sich vor seiner Ausbildung schlecht mit seinem zukünftigen Berufsalltag auseinandergesetzt.
    Auch die Illusion, dass er sich als Lehrer nur mit dem Unterricht seiner Fächer beschäftigen muss führt bei ihm zum Ärgernis, dass er sich in der Realität auch mit Formularen und mit Sitzungen über Sucht- und Gewaltprävention herumschlagen muss. Meines Erachtens ein Teil seiner Hauptaufgaben, vor allem für einen ambitionierten Lehrer wie er sich gerne darstellen möchte, der schon am Anfang des Textes behauptet, dass man Englisch auch an der Migros-Klub-Schule lernen könne, dass sein höheres Ziel sei, aus den Jugendlichen junge Menschen zu formen, die einen guten Umgang haben. Irgendwie sehr widersprüchlich. Er empfindet es ebenso als Last, dass er stets ein Vorbild sein muss. Mit dieser Einstellung ist er Jugendlichen keine Hilfe, sondern zeigt lediglich, dass er den Beruf verfehlt hat.

    Der Text ist zudem, neben den Widersprüchen, auch voller Vorurteile:
    Wenn die Eltern die eigenen Kinder bei Konflikten mit Lehrern in Schutz nehmen, heisst das nicht automatisch, dass sie nur aus schlechtem Gewissen handeln. Es heisst nicht, dass es eine Kompensationshandlung ist, wie er es beschreibt.
    Hr. Lorenz erwähnt zudem, dass der hohe Ausländeranteil von 40% jeden Unterreicht doppelt schwierig macht, weil in diesem Fall der Lehrer auch Erzieher sein muss. Bei mehr Ausländern in der Klasse, bspw. bei der Sek C mit 80%, braucht es nicht nur eine Ausbildung als Erzieher, sondern auch als Sozialarbeiter. Da stellt sich die Frage, ob Schweizer Kinder einfacher zu erziehen sind.
    Ich finde es bedenklich, dass ein Lehrer solche Aussagen macht. Im Grunde geht es ihm in seinem Bericht um die Vorurteile, die Menschen gegenüber Lehrern haben. Er ist jedoch kein gutes Vorbild wenn es darum geht, nicht voreilige Schlüsse zu ziehen. Seine Aussagen über Eltern und Ausländer belegen es. Ein weiteres Zeichen dafür, dass er als Lehrer mit Vorbildfunktion nicht geeignet ist. Nicht schlecht also, wenn er jetzt in der Privatwirtschaft arbeitet, dann kann er sich auch einmal „hinter dem Computer verstecken“.

  67. Hans-Ulrich Graf

    Auch wenn ich meine Lehrerkarriere unbeschadet überstanden habe, hat der Artikel doch manche Erinnerung an auch so Erlebtes wachgerufen. Als Klassenlehrer Sek C wurde ich mit Zusatzaufgaben förmlich überschwemmt, sodass ich mich in andern Bereichen einschränken musste, wofür ich im MAB eine schlechte Note erhalten sollte. Ich habe erlebt, dass Schulbehörden von der Tragweite des ISF/IF für den Klassenlehrer absolut keine Ahnung hatten. In Winterthur habe ich denn auch für diese äusserst belastende Arbeit nie, aber auch gar nie, Anerkennung von Behördenseite erhalten.
    Grundsätzlich habe ich – an verschiedenen Orten – realisiert, dass alle bisherigen Reformen (Kt. Zürich) sich zuungunsten der schwächeren Schüler(innen) ausgewirkt haben, z.B. IF, mehrere Fremdsprachen zugleich oder die stufenübergreifenden Lehrmittel.
    Wenn lauthals die Abschaffung der Sek C (oder anderer “Restschulen”) gefordert wird, dann driften wir immer schneller in Richtung der amerikanischen High School. Lesen wir doch, was die Sek Wila als ultimative Oberstufenform ansieht (Tagi vom 19.9.08): “Die Schüler werden in altersgemischte und leistungsheterogene Gesamtklassen eingeteilt”. Das ist nicht weit von High School entfernt, und High School tönt ja auch viel besser als Restschule. Die amerikanische Notengebung, die alle schwächeren Schüler in den gleichen Güselkübel wirft, existiert bereits in unseren Volksschulzeugnissen (Kreuzchenbereiche) und kann somit problemlos auf die übrige Benotung ausgedehnt werden.

  68. Martin Beglinger

    Schweigen

    Eine Frage nach diesen 69 Kommentaren: Warum eigentlich ist nichts aus den Bildungsdirektionen und von den Pädagogischen Hochschulen zu vernehmen?

  69. Hanspeter Stalder

    Eine spontane Antwort auf Martin Beglingers Frage: Vielleicht haben sich keine Bildungsdirektionen und Pädagogischen Hochschulen gemeldet, weil Ihr Text zu wenig «wissenschaftlich» daherkommt, keine Statistiken und Theorien zelebriert, sondern bloss ein Stück authentisches Lehrerleben schildert…

  70. Jörg Schlenker

    Antwort an Charlotte Peter und Lilo Lätzsch
    Frau Peter, ihr Leserbrief hat mich masslos geärgert. Ich habe mir die
    Frage gestellt, wie eine Lehrkraft, die schon höchste Positionen in
    Lehrerorganisationen innegehabt hat, dazu kommt, einem engagierten
    Kollegen derart in den Rücken zu fallen. Sie gibt den „Schwarzen Peter“
    damit gleich allen anderen KollegInnen weiter, die mit ähnlichen Problemen kämpfen. Haben Sie sich schon einmal überlegt, weshalb ein so grosser Mangel an Sek-B Lehrkräften herrscht ?
    Frau Lätzsch, Sie hätten gut daran getan, sich mit den Problemen der Volksschule auseinander zu setzen. Glauben Sie wirklich, Herr Lorenz habe sich nicht beraten lassen ? Steigen Sie von ihrem hohen Ross herunter und besuchen Sie die Lehrerzimmer, dann hören Sie die Basis. Beratungen können nützlich sein, aber sie sind nur Symptombekämpfung und ändern letztlich nichts an den im Artikel beschriebenen Missständen in der Volksschule.
    Jörg Schlenker, 35 Jahre Sek-B Lehrer, Kloten

  71. Manuel Dettwiler

    Lieber Herr Amstutz

    Danke, dass sie sich Zeit genommen haben, meine Fragen zu beantworten.
    Zum Punkt 1: Ich sehe auch eine kleine Chance darin, dass sich diese Ausbildung direkt mit den anderen Möglichkeiten an der Uni messen muss. So wird vielleicht einmal allen klar, dass sich der Status bessern muss, wenn man eine gute Bildung will. In Finnland können sie es sich leisten nur die besten UniabgängerInnen für die Kindergärten bzw. Basisstufe zu nehmen. Verkehrte Welt, nicht? Aber erfolgreich bei PISA. Schade aber, dass der Ausbildung diese theoretische Überbildung droht.
    Der Verlust der Gestaltungsfreiheit als Lehrer in ihrem Kanton kann ich nicht abschätzen, aber es wäre zu begrüssen, wenn einzelne Schulen mehr Gestaltungsfreiheit in ihrer Organisationsplanung hätten. Es bräuchte dann aber auch die Lehrer, die den Mut hätten mit dieser Gestaltungsfreiheit umzugehen.
    Zum Punkt 2: Hier würde mich interessieren, welche Art Besprechungen, Absprachen und organisatorischer Aufgaben die Lehrer als Belastung empfinden und welche ihnen etwas bringen. Wie bei Ihnen offenbar auch (sie reden von guter Zusammenarbeit) bewirken sie eben auch ein mehr an Schulhauskultur, dass allen nützt.
    Zum Punkt 3: Da gebe ich ihnen grundsätzlich recht. Nur die Basis ist sehr heterogen
    Was versteht man zum Beispiel unter pädagogischer Kompetenz? Gehört hier nur das Unterrichten dazu oder beispielsweise auch das Nachdenken über den eigenen Unterricht? Muss das ” Nacherziehen” auch zur pädagogischen Kompetenz gezählt werden oder ist es eine Zumutung, die man Outsourcen sollte?
    Zum Punkt 4: Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, warum mit der Integration nur die Sek B und Sek C Klassen belastet sind? Heisst das nun, dass Kleinklassen wieder Kleinklassen bleiben sollten? Die A B C Selektion wird von der Lehrerschaft kaum hinterfragt, ebenso wenig das Denkmuster von homogenen Klassen. Man darf nicht vergessen, dass Lehrer auch in der Schweiz zum Beispiel an Mehrjahrgangsklassen sehr erfolgreich unterrichten. Gerade auf der Sekstufe I habe ich Beispiele gesehen von Mehrjahrgangs – Realklassen (bei ihnen wohl zwischen B und C). Es war schlicht beeindruckend, was so aus dem Unterricht gemacht werden kann. Die Angst mit der Integration überlastet zu werden kann ich gut verstehen. Es
    bräuchte die Möglichkeit die Intergration flexibel zu handhaben (Kleingruppen auf Zeit zum Beispiel) und (!) etwas Gelassenheit.
    Zu den Punkten 5 und 6 : Sehe ich auch so.
    Zu Punkt 7: Danke für die Information. Die Zusammenarbeit ist das A und O.
    Zum Erwartungsdruck: Damit habe ich seit 12 Jahren direkt zu tun und kann ihn verstehen. Schlimmer als Erwartungsdruck auf die Lehrer finde ich den Druck, dem viele Schüler und Schülerinnen ausgesetzt sind. Ist das nötig? Ich finde nicht. Warum sollten die Eltern die Selektion anders verstehen, als als Vergabe von Schulleistungstiteln? Besser und aussagekräftiger als diese fragwürdige Etikettiererei, wäre ein handhabbares Kompetenzmodell (sie kennen sicher das europäische Sprachportfolio, so in der Art).
    Aber Hand aufs Herz, wem sind nicht Noten lieber? Welche Lehrer würden da wohl mitmachen? Würde sich so eine Arbeit also lohnen? Soweit ich weiss, sind im Rahmen von Harmos solche Kompetenzraster geplant. Ich bin gespannt.

  72. PeWe

    Ergänzung von der Primarlehrerfront
    Ich unterrichte an der Mittelstufe der Primarschule und kann den
    scheidenden Seklehrerkollegen voll und ganz verstehen. Ein paar seiner Probleme mögen zwar stufenspezifisch sein – die meisten sind auf unserer Stufe sehr ähnlich. Ich unterrichte zwar schon seit 1974 (mit Unterbrüchen) an verschiedenen Orten und auch mal ein paar Jahren in einem anderen Kanton. Noch vor ein paar Jahren fand ich ,dass ich wohl noch nie lieber unterrichtet hätte. In den letzten Jahren jedoch haben v.a. die oft noch unfertigen Reformen und die Papierflut des Volksschulamtes derartige Formen angenommen, dass ich diesen Anforderungen nicht mehr gerecht werden kann und deshalb aus gesundheitlichen Gründen zu 20% freigestellt werde. Ständige Erschöpfung, schlechter Schlaf, nicht mehr abschalten können und körperliche Beschwerden sind nur ein paar der Gründe. Schon im letzten Schuljahr (mit 28 Schülern in einer 6. Klasse) war ich in allen Ferien erst mal krank und konnte mich in der verbleibenden Zeit nicht mehr ausreichend erholen, um wieder wirklich fit und motiviert vor meine
    wirklich geschätzten SchülerInnen zu treten. In den Sommerferien gelang die Regeneration überhaupt nicht mehr – und nun sollte ich eine 4./5. Doppelklasse übernehmen mit 25 Schülern, teilweise solche, die wirklich eine intensive Betreuung benötigen. Zuerst musste ich mich mal mit dem neuen Englisch Lehrmittel auseinandersetzen, denn zum ersten Mal bekam ich nun Schüler, die von der 2. Klasse an Englisch hatten. Ich musste schon bald feststellen, dass gar
    nicht alle Teile dieses Lehrmittel-Pakets lieferbar waren und die für dieses Lehrmittel unabdingbaren Computer waren noch immer nicht zur Verfügung. Wie bei so vielem in den letzten Jahren muss man dann improvisieren, die Schüler um Geduld und Verständnis bitten und das neue Fach dann mit ungutem Gefühl mehr schlecht als recht erteilen.Dass dabei Frust,
    Motivationsverlust und Energieverschleiss gross sind, muss ich wohl kaum ausführen. Und es ist nur ein Beispiel aus dem Alltag. Oder die Blockzeiten – ein Desaster. Stundenpläne können kaum mehr gemacht werden. Alles ist ein grosser Hütedienst. Deshalb darf man auch
    nicht mehr krank werden. „Schule findet statt!“ heisst die Maxime unserer Schulpflege, wie von noch weiter oben diktiert. Das heisst, es werden dann die Schüler der kranken Lehrperson auf die anderen verteilt. Ich wusste z.B. letztes Jahr gar nicht, wohin ich die 5 Sch. setzen sollte, da das Zimmer mit 28 Kids randvoll war. Anstatt eine wirkliche Betreuungsstätte wie z.B. ein Hort zu schaffen, sind wir also auch noch für diesen Dienst zuständig. Die Schule ist eine riesige, unüberschaubare Baustelle geworden, verursacht von den Theoretikern der BiD, die wohl entweder noch nie, schon lange nicht mehr oder vielleicht erfolglos unterrichtet hatten. In den unzähligen Sitzungen kommen regelmässig weitere Neuerungsmeldungen auf uns zu. Diese neue Verordnung muss man umsetzen, diese Prozedere auf eine neue, aufwendige Art ausführen, sich in der Freizeit (welcher Freizeit denn!!) weiterbilden für z.B. das neue Fach „Kultur und Religion“, für das Führen des Sprachenportfolios etc. etc. etc. Ich habe schon eine richtige Phobie entwickelt diesen allwöchentlichen Hiobsbotschaften gegenüber. Lawinengleich prasseln diese selten durchdachten Neuerungen auf uns ein. Ich mag kaum mehr an diese Sitzungen gehen, nicht mehr die ungläubigen, verzweifelten Blicke meiner KollegInnen sehen. Wenn diese Ignoranten doch endlich einsähen, dass Theorie und Praxis grundlegend verschieden sind, dass ein Tag nur 24h und eine Woche nur 7 Tage hat. Und dass eine Lehrperson doch gar nicht plötzlich 50% mehr leisten kann als bisher, 50% mehr Energie haben kann als noch vor kurzem. Dies bei immer steigenden Klassenzahlen. Und gleichzeitig sollen die „Kinder mit besonderen Bedürfnissen“ in der Klasse integriert werden. Theoretisch wäre ja dann Entlastung vorgesehen, praktisch findet man niemanden – oder wie bei mir, wo es heisst, ich hätte ja schon Entlastung.
    Wörtlich von der verantwortlichen Stelle:“Ich weiss schon, dass dies für den Lehrer keine Entlastung ist – man müsste sagen „Organisationsentlastung!“ Wir leben sowieso in der Zeit der leeren Versprechen und Worthülsen. Völlig allergisch bin ich auf das Wort „Qualitätssicherung“ – ein Wort, das ständig in den Mund genommen wird von den Behörden. Seit man davon spricht ist sie dem hektischen Wirken der Neuerer und den ständig wachsenden Klassenzahlen zum Opfer gefallen. Aber man investiert lieber in Hochglanzbroschüren und in die Forschung als in kleinere Klassen und in bessere Arbeitsbedingungen der Lehrpersonen. Mir soll mal einer derer, die das alles auf die Kinder und auf uns Lehrpersonen loslassen, erklären, wie wir das schaffen sollen.
    Wie soll ich, bei einem 100% Job, alle Fächer unterrichtend, diese Aufgabe lösen? Oder muss ich dann halt nur noch 50% arbeiten, wie das die grosse Mehrheit meiner KollegInnen tun. 50% eines Lohnes, der seit Ewigkeiten um nichts angewachsen ist. Leistungen und Stress wie bei einem Manager – bei einem Lohn, der nur ein Minibruchteil deren Löhne ist. Und da wundert man
    sich, wenn immer weniger diesen Beruf ausüben wollen. Vielleicht krieg ich ja noch eine Abgangsentschädigung, wenn ich es nicht mehr schaffen sollte, in meinem einst geschätzten Beruf die restlichen Jahre bis zu meiner Pensionierung zu arbeiten. Eher realistisch ist folgendes Szenario: Frühzeitige Pensionierung mit massivem Verlust bei der Rente. Mit Totalfrust oder Burnout die Tätigkeit abschliessen, die ich während langer Zeit mit grossem Engagement und
    Freude ausgeübt hatte. Prognose: Dieses Szenario und schlimmere werden massiv zunehmen.
    Von einer Kollegin hörte ich, dass sie bei der Schulleiter – Ausbildung sich mit dem Thema befasst hätten, wie sie sich verhalten würden, wenn Sch. ihre Lehrperson im Zimmer erhängt auffinden würden……
    Weitere Prognosen, falls man diese Situation nicht ernst nimmt und schnell adequat reagiert: Ausgebildete und qualifizierte Lehrer werden schwierig zu finden sein. Lehrpersonen werden nur kurz bleiben oder gänzlich aussteigen. Freie Schulwahl wird bald Realität werden, Privatschulen werden Staatsbeiträge erhalten, grosse Qualitätsunterschiede werden bald eintreten, der Grundsatz der gleichen Chance wird endgültig history sein, Veramerikanisierung des Bildungssystems. Was mich am meisten bedrückt – das Menschliche geht auch bei uns in den Zürcher Schulen vor die Hunde. Die Kinder, diese wunderbaren Wesen und unsere Zukunft – sie werden überfahren, digitalisiert und zu Robotern einer Welt gemacht, wo nur noch Erfolg und Leistung zählt. Dass da immer mehr auf der Strecke bleiben und sich dann auf andere Art und Weise bemerkbar machen werden, wird ignoriert oder in Kauf genommen. Und den Leuten wird mit all diesen Geschäftigkeiten, Worthülsen, Hochglanzbroschüren und schönen Worten vorgegaukelt, alles sei okay, sei besser – Frau Aeppli vor ca. 1 Monat:„Die Zürcher Schulen sind besser geworden“.
    Halleluja – wer‘s glaubt!

  73. Isabelle Schaub

    Ich bin seit über 30 Jahren Lehrerin und kann das meiste bestätigen, von dem Sie sprechen. Insbesondere die Tatsache, dass Papierflut und Aktionismus unsere Kräfte bis ins Mark schädigen. Ich halte es wie Sie für höchst bedenklich, dass die Schulen mit kräfteraubenden Reform-und Qualitätsmanagementübungen geschwächt werden. Dass wir den Parteien und Regierungen nicht einmal den Teuerungsausgleich wert sind, ist bittere Tatsache. Höchstvermutlich ist auch Ihre Befürchtung Realität, dass an vielen Leitungsstellen Menschen sitzen, die aus den Schulstuben in die Chefetagen geflohen sind.
    In einem Punkt bin ich mit Ihnen aber nicht einverstanden. Sie sprechen sich gegen die Vorverlegung des Fremdsprachenunterrichts aus und befürchten, dass nach der Primarschule wieder bei Null begonnen werden muss. Ich beteilige mich am Projekt „passepartout“,welches diese Vorverlegung (in sechs Kantonen) ausarbeitet und ich kann Sie versichern, dass hier ein methodisch-didaktischer Aufbau vorliegt, der vom ersten bis zum letzten Fremdsprachenjahr durchgängig geplant ist. Das gleiche Lehrmittel und die gleichen methodischen Ansätze werden zur Anwendung kommen , Kontinuität ist oberstes Ziel.
    Unter http://www.passepartout-sprachen.ch können Sie sich einen Einblick verschaffen dazu.
    Aber ich gebe Ihnen recht, eine Schule, die kein anderes Hauptaugenmerk mehr hat, als die unendliche Entwicklung, ist kein IDEALER Ort zum Sein. Die ethymologische Bedeutung des Wortes „Schule“,“scholae“ heisst : „Einhalten, Ruhe, gelehrte Musse“.
    DAVON sind wir zur Zeit wohl um Lichtjahre entfernt. Ich bleibe trotzdem..

  74. Peter Steffen

    Auf den Artikel “Warum ich nicht mehr Lehrer bin” habe ich ­ obwohl ich als seit knapp 30 Jahren als Oberstufenlehrer tätig bin und jedes, aber auch wirklich jedes Wort des Textes wie alle mir bekannten Lehrpersonen auch unterschreiben würde ­ nicht reagiert, weil ich fälschlicherweise angenommen habe, Ihr würdet so oder so mit ähnlich lautenden Texten überschwemmt werden.
    Wenn ich nun aber die bewusste Ignoranz und die Haar sträubende Realitätsferne in den Beiträgen von Charlotte Peter, Rena Bögli und von Lilo Lätzsch zur Kenntnis muss, vermag ich sie nicht unwidersprochen zu lassen.

    “Erst wenn auch die wirklich letzte Lehrperson, die diesen einstmals tollen Beruf aus Überzeugung ergriffen hat, isoliert und von Hunderten von Ansprüchen beinahe erwürgt das Handtuch geworfen hat, wenn auch der allerletzte Unterrichtsbereich zur leblosen Hülle “geQUEStet” und jede noch so kleine Unterrichtsbewegung mit einer formularen Zwangsjacke versehen worden ist, wird sich die Schweiz wohl erstaunt die Augen reiben und feststellen müssen, dass ein gutes Bildungssystem weder gratis noch die Problemlösungsinstanz einer offenbar implodierenden Gesellschaft sein kann”. Leider ist mir der Name jenes Indianervolkes, auf den diese Weissagung zurück geht, entfallen, aber mir ist, als müsste es sich um die Mohikaner handeln, denn von ihnen gibt es ja auch nicht mehr allzu viele, nicht wahr?
    P.S. Worterklärung: QUES = Qualitätsentwicklung und -sicherung in der Schule Aargau. D a s neue Zauberwort, das alle Probleme der Schule mit einem Schlag wegfegt, möglicherweise aber auch die allermeisten seiner Protagonisten.

  75. Oscar Schmid

    Nur 6 Jahre Schule, Oberstufe, das kann man ihm zum Vorwurf machen.
    Der hat ja keine Erfahrung! Wieso schreibt der so?
    34 Jahre Primarschule habe ich, und ich würde Ähnliches schreiben, wenns gefragt wäre.
    Keine Reaktion aus der Bildungsdirektion!?
    Das wundert mich nicht.
    Habe nachgeschaut. Kaum ein Artikel hat eine solche Anzahl von LeserInnenreaktionen hervorgerufen, wie dieser Artikel.
    Im Magazin erscheinen diese nicht. Hier lesen nur InsiderInnen. Dazu gehört die Bildungsdirektion nicht.
    Schön, dass ich in diesem Sommer pensioniert worden bin, mich habe pensionieren lassen, frühzeitig, sehr frühzeitig, mit gut 60. Keinen Bonus erhalten, der Lohn war auch eher bescheiden, genauso wie es die Pension ist.
    Ich klage nicht, ich bin wütend.

  76. christoph schiltknecht

    Ich unterrichte seit drei Jahren an der Oberstufe (Jahrgangsklasse, Niveauunterricht in den Hauptfächern). Meine Arbeit verrichte ich gerne, die von mir unterrichteten Fächer begeistern mich sehr und die Arbeit für und mit den Jugendlichen ist eine grosse Herausforderung – aber auch immer wieder eine grosse Befriedigung. Ich liebe meinen Beruf!
    Im Artikel werden viele Probleme, die tatsächlich bestehen, angsprochen. Vor allem die steigende Zahl an Vorschriften, Richtlinien und standartisierten Abläufen sind fraglich und mit einem hohen Zeitaufwand verbunden. Da pflichte ich dem Verfasser gerne bei.
    Ich bin jedoch der Überzeugung, dass man als Lehrer – egal, auf welcher Stufe man unterrichtet – vor allem zwei Eigenschaften mitbringen muss:
    Zum Ersten sind das die Begeisterung und Freude für seine Fächer. Das erst ermöglicht es, das Feuer für eben diese Materie auch in den Kindern zu entfachen.
    Zweitens braucht es Intuition, Instinkt, Feinfühligkeit und Verständnis für die Menschen. Als Lehrkraft muss man immer wieder innerhalb von Sekunden auf unvorhersehbare Ereignisse reagieren. Das muss man aber im Blut haben und man muss über die nötige innere Ausgewogenheit verfügen, um auch unpopuläre Entscheide durchsetzen zu können.
    Weder die Begeisterung noch die Intuition können an einer pädagogischen Hochschule erlernt werden. Man hat es oder man hat es nicht. Der Lehrerberuf meiner Meinung nach ein absoluter “Begabungsjob”, und vermutlich scheitern genau deshalb so viele sehr kluge Menschen im Job, weil sie zwar eben klug, aber nicht begabt sind.
    Für die Schulleitungen gilt genau das Gleiche. Ein guter Schulleiter ist mehr als Gold wert – aber das, was er braucht, nämlich die Liebe zu den Schülern, das Gespür für die Sorgen der Lehrkräfte sowie den Mut, hinzustehen und etnschlossen zu handeln (notfalls gegen die Verordnungen des Kantons) – all das kann man nicht lernen, das muss man mitbringen.
    Behörden und die oft realitätsfremden Vorschriften (dazu gehören auch Lehrpläne und Lehrmittel) sollten einfach mehr Vertrauen haben in die Lehrer, die an der Front sind. Sie machen ihren Job nämlich auch dann gut, wenn nicht alles geregelt ist.
    Mit mehr Vertrauen und einem dem Aufwand angemessenen Lohn (anstatt eines Reallohnverlustes, der jährlich wiederkehrt) würde es in vielen Schulen schon viel besser klappen.
    Ich habe das Glück, zu einem tollen Kollegium zu gehören, einen sehr guten Schulleiter zu haben und einem Kanton (BE) zu arbeiten, dessen Auflagen sich in verkraftbaren Rahmen bewegen.
    Genau das wünsche ich all meinen Kollegen und Kolleginnen auch!

    CS

  77. Profile Pic
    Willy H. Wahl

    Ich finde den Bericht des Lehrers überaus eindrucksvoll und er bestätigt meine schon seit langem gehegte Sorge um eine wirklich gute Schule. Dass ein engagierter, begabter guter Paedagoge frustiert den Schuldienst verlässt, ist bereits ein Schock an sich. Dass sich aber derart viele zum Teil langjährige Lehrer hier in den Kommentaren anschliessen und ganz ausführlich, sehr dezidiert und mit grossem Ernst auf verschiendenste Missstände in unserem Schulwesen hinweisen, ist ein noch grösserer Schock und lässt sich nicht mit wohlgesetzten Sprüchen vom Tisch wischen, wie Frau Lätsch und Frau Peter dies versuchen. Ich schliesse mich gerne den wertvollen Kommentaren von Jörg Schlenker, Kloten, Naomi Klein, PeWe und Isabelle Schaub an, um nur einige zu nennen, die mir aus dem Herzen sprechen. Peter Aebersold weist in seinem interessanten Kommentar auf den grösseren Zusammenhang hin, indem er die GATS-Verträge erwähnt, wodurch das hehre Gut BILDUNG in einen “Bildungsmarkt” schleichend umgebaut werden soll – mit verhehrenden Folgen. Dem daran beteiligten Ernst Buschor habe ich vor sechs Jahren einen Offenen Brief geschrieben, den ich hier anfüge.

    OFFENER BRIEF AN DEN BILDUNGSDIREKTOR
    DES KANTONS ZÜRICH ERNST BUSCHOR VOM 2. DEZEMBER 2002

    Sehr geehrter Herr Buschor,

    ich möchte Sie hiermit wissen lassen, dass Ihr Kommentar anlässlich der Ablehnung des Volksschulgesetzes „Heute ist ein schwarzer Tag für die Schule“ Ihre gigantische Realitätsferne vom wirklichen Schulgeschehen zum Ausdruck bringt.

    Es wäre an der Zeit, dass Sie einmal den Tatsachen ins Auge blickten: Ein Grossteil der Schüler konsumiert Drogen, bereits Kinder unter zehn Jahren fangen mit Cannabis an! Die Gewalt an den Schulen hat ein unerträgliches Ausmass angenommen. Die Kinder bringen ein ganzes Arsenal von Waffen mit in die Schule und Lehrer werden mit dem Tode bedroht. Das Sprachniveau der Absolventen der Volksschule ist dramatisch gefallen. Für Fachleute war das Ergebnis der Pisa-Studie alles andere als eine Überraschung. Dieser Misere wollten Sie mit Teilautonomie, Blockzeiten, zentralisierter Schulaufsicht, Computern und Frühenglisch „beikommen“. Das klingt wie Hohn, Herr Buschor. Der wirkliche schwarze Tag für die Schule war der 20. April 1999, als in der Columbine Highschool in Littleton 12 Schüler und 1 Lehrer von 2 Schülern erschossen wurden. Wir waren alle geschockt und haben nicht gehandelt. Dann kam der nächste schwarze Tag für die Schule. Es war der 26. April 2002, als ein Schüler des Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt 17 Mitschüler erschoss. Wir waren wieder geschockt und haben nicht gehandelt. Hier liegt meines Erachtens der Handlungsbedarf eines „Bildungs“-Verantwortlichen, der diesen Titel verdient. Ein amerikanischer Dokumentarfilmer, Michael Moore, meines Wissens kein Bildungsprofi, hat gehandelt. Er ist der Frage der Gewalt in der Schule in einem ganz herausragenden Dokumentarfilm nachgegangen „BOWLING FOR COLUMBINE“. Er läuft seit kurzem in den Kinos. Ich rege an, dass dieser Film für alle Sekundar- und Gymnasialschüler zu einem Obligatorium im Unterrichtsfach „Menschlichkeit“ erklärt wird. Dieses Fach gibt es gar nicht? Dann wird es Zeit, dass es eingeführt wird. An allen entsprechenden Schulen sollen Lehrer mit ihren Schülern diesen Film anschauen, darüber diskutieren, sich Gedanken machen und sich fragen: Könnte das bei uns auch vorkommen und was braucht es, damit so etwas Schreckliches an unserer Schule niemals passiert.

    „Welche Fortschritte auch auf dem Gebiet der Didaktik in den nächsten Jahren noch erzielt werden – eine Funktion wird dem Lehrer immer vorbehalten sein: ein Klima zu schaffen, das die Aufmerksamkeit fördert, seelische Entwicklung in Gang bringt und eine gute Klassengemeinschaft entstehen lässt.“ Dies schreibt Professor Haim Ginott 1974 in seinem Buch „Teacher & Child“. (Deutscher Titel: Takt und Taktik im Klassenzimmer).

    Aus dem gleichen Werk stammt dieser eindrückliche Text:

    „Am ersten Tag des neuen Schuljahres erhielten alle Lehrer einer Privatschule von ihrem Schulleiter folgenden Brief:

    Lieber Lehrer,

    Ich habe ein Konzentrationslager überlebt. Meine Augen haben Dinge gesehen, die kein menschliches Auge je erblicken sollte:

    Gaskammern, erbaut von gebildeten Ingenieuren.

    Kinder, vergiftet von wissenschaftlich ausgebildeten Ärzten.

    Säuglinge, getötet von erfahrenen Kinderschwestern.

    Frauen und Kinder, erschossen und verbrannt von ehemaligen Oberschülern und Akademikern.

    Deswegen traue ich der Bildung nicht mehr.

    Mein Anliegen ist: Helfen Sie Ihren Schülern, menschlich zu werden. Ihr Unterricht und Ihr Einsatz sollte keine gelehrten Ungeheuer hervorbringen, keine befähigten Psychopathen, keine gebildeten Eichmanns.

    Lesen, Schreiben und Arithmetik sind nur wichtig, wenn sie dazu beitragen, unsere Kinder menschlicher zu machen.“

    Ich wünsche mir Bildungsverantwortliche, mit einer solch vorbildlichen Haltung.

    Ihrer geschätzten Stellungnahme sehe ich gerne entgegen.
    Mit vorzüglicher Hochachtung
    Willy H. Wahl
    02. Dezember 2002, 8006 Zürich, Hadlaubstrasse 41

    Herr Buschor hielt sich vornehm zurück und schwieg. Genau wie jetzt hier sich die Erziehungsdirektion in vornehmer Zurückhaltung übt.

    Es ist klar, dass die globalisierte Wirtschaft nicht daran interessiert ist, wirklich gebildete Menschen vorzufinden, sondern sie will ein Schulsystem, dass die Jugend auf die Bedürfnisse der Wirtschaft vorbereitet,

    Auf meiner Webseite http://www.seniora.org ERZIEHUNG, ETHIK, POLITIK findet man einen exzellenten Vortrag von George Carlin (auf englisch), warum in den USA die Bildung nicht besser wird.
    http://seniora.org/index.php?option=com_content&task=view&id=305&Itemid=90

    Ich hoffe, dass es in der Schweiz nicht soweit kommt!

  78. Samuel Riggenbach

    Willy H. Wahl: mit Freude erkenne ich, dass Sie sich in einer für mich absolut richtigen Weise für eine gesunde Zukunft einsetzen – über die Bildung auf menschlicher und nicht ausschliesslich auf fachlicher Ebene – vielen Dank und viel Kraft, diese Ziele weiter zu verfolgen!

  79. christoph schiltknecht

    Lieber Willy H. Wahl, sie überschätzen die Möglichkeiten der Schule! Wir sind keine Erziehungsanstalt, sondern ein Bildungsinstitution. Es ist nicht der Auftrag der Schule, Amokläufe zu verhindern. Das können wir nicht. Wir können höchstens einen Weg aufzeigen, wie man mit Frustration und Ärger umgeht. Aber die Fälle, die Sie in ihrem Schreiben an Herrn Buschor schildern, führe ich klar auf ein Versagen des Elternhauses zurück und nicht auf einen Fehler im Bildungssystem. Auch das mässige Abschneiden bei der PISA-Studie ist nur teilweise auf einen Mangel in der Schule zurückzuführen. Wieder ist es vor allem die Prägung des Elternhauses, die den Umgang des Kindes mit der geschriebenen Sprache prägt (da zeigten sich ja Defizite bei den Schweizer Kindern).
    Nochmals: Das Problem der Schule ist nicht die Schule selbst, sondern die ihr von Gesellschaft und Politik aufgezwungene Rolle. Damit kämpfen wir Lehrer täglich.

  80. Profile Pic
    Willy H. Wahl

    Lieber Samuel Riggenbach: vielen Dank für die anerkennenden Worte.

    Lieber Christoph Schiltknecht: In Ihrem Kommentar (Nr. 78 weiter oben) sagen Sie, dass Sie Ihren Beruf lieben und mit Begeisterung seit drei Jahren Ihre Fächer lehren. Dazu kommt, dass Sie sich bei Kollegen und Schulleiter in einem idealen Umfeld befinden. Das sind beste Voraussetzungen für einen Lehrer und so werden Sie viel Erfolg haben, den ich Ihnen von Herzen wünsche! Und – das ist wichtig – Sie werden im Laufe Ihres Lehrerdaseins noch viel dazu lernen!

    A propos “Dazulernen”: Ich vermute wir haben eine unterschiedliche Auffassung von SCHULE – BILDUNG und LEBENSLANGEM LERNEN.
    “Der erste Schritt beim Lernen ist die Liebe zum Lehrer” (Erasmus von Rotterdam. Wenn Sie sagen “die Schule ist keine Erziehungsanstalt, sondern eine Bildungsinstitution”, gehen Sie von einem altmodischen, ueberholten Menschenbild aus. Das zeigt sich auch in Ihren Äusserungen “Das muss man aber im Blut haben” und “Man hat es oder man hat es nicht. Der Lehrerberuf meiner Meinung nach ein absoluter “Begabungsjob”. Dies sind Stammtischweisheiten und in der Allgemeinheit noch weit verbreitet, stimmen tun sie deswegen aber nicht.

    Aus der Entwicklungspsychologie und vor allem aus der neueren Hirnforschung weiss man, dass der Mensch alles lernen kann und zwar bis zu seinem Tod. Meine Mutter erzählte mir als Kind öfter von Grandma Moses, die mit 75 Jahren noch zu malen anfing und eine berühmte naive Malerin wurde. (http://de.wikipedia.org/wiki/Grandma_Moses)Voraussetzung zum Lernen ist immer die Vertrauensbeziehung zu einem Menschen. Siehe Erasmus von Rotterdam. Das gilt für den Schüler, wie für den Lehrer. Warum sollte ein junger Lehrer nicht ein guter Lehrer werden können, vorausgesetzt er findet einen älteren Kollegen, zu dem er Vertrauen hat und der sich ihm annimmt? Dass dies im heutigen Schulalltag eher selten der Fall sein wird, weil die Lehrer durch die permanenten Reformen keine Zeit haben, von der Politik auch nicht wirklich unterstützt werden, weil “kein Geld” da ist, steht auf einem ganz andern Blatt.

    Lieber Herr Schiltknecht, Lernen ist ein Beziehungsproblem und nicht ein Begabungsproblem. Als erfahrener Pflegevater weiss ich, wovon ich rede. Die Möglichkeiten der Schule überschätze ich keineswegs und als Realist mache ich mir ja auch Sorgen, weil ich weiss, um wieviel besser unsere Schule sein könnte, wenn nur der politische Wille da wäre.

    Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen und Lehrer haben einen viel höheren Stellenwert in unserer Gesellschaft verdient mit allen dazu gehörenden Konsequenzen!

    Ich empfehle Ihnen die Lektüre des Buches “Verstehen und Helfen” von Alfons Simon http://de.wikipedia.org/wiki/Alfons_Simon.

    (Alfons Simon wollte schon immer Lehrer werden. Nach dem Ersten Weltkrieg fand er auf Umwegen zum Erzieherberuf. Er war an verschiedenen bayerischen Volksschulen tätig. Nebenberuflich war er im Individualpsychologischen Verein München um Dr. Leonhard Seif aktiv. Nach dem Vorbild der Wiener Schulreform hatte man dort im Oktober 1922 die ersten individualpsychologischen Erziehungsberatungsstellen gegründet. Der Stadtschulrat stellte dazu an drei Münchner Schulen Räume zur Verfügung. Aus diesen Erziehungsberatungsstellen entwickelte sich im Mai 1923 eine Arbeitsgemeinschaft für Erziehung, in der sich ein großer, wachsender Kreis von Lehrern und Erziehern weiterbildete. Alfons Simon war an dieser Institution bis zum Zweiten Weltkrieg tätig. Nationalsozialismus und Krieg zerstörten diese wertvolle, jahrelange Aufbauarbeit.)

    Ich bin 1930 geboren und habe als Kind im zweiten Weltkrieg die Bombardierung deutscher Städte miterlebt. Die Angst der Mutter, wenn wir nachts im Luftschutzkeller sassen. Daher mein Engagement gegen Krieg. Und daher meine Webseite http://www.seniora.org ERZIEHUNG ETHIK POLITIK.

    Ich wünsche Ihnen alles Gute, Herr Schiltknecht, in Ihrem schönen Beruf als Lehrer
    Willy H. Wahl

  81. Simon Kugler Nr 1

    Ich habe kürzlich Ihren Artikel der zuerst in „DAS MAGAZIN“ veröffentlicht wurde, in der Schweizer Illustrierten, während eines Arztbesuches im Wartezimmer gelesen und war wirklich fasziniert von diesem wunderbaren Bericht über die heutige Realität. Und ich spreche hier als neutraler Leser nicht nur von der Schule, sondern von der Gesellschaft allgemein. Ich habe auch nichts mit dem Beruf Lehrer zu tun und schloss „nur“ eine Lehre als Automechaniker ab. Zwar absolvierte ich ein Praktikum an einer Heilpädagogischen Schule, dessen heutige Verhältnisse zur Regelschule, überspitzt gesagt, sich schon fast wie Tag und Nacht vergleichen liessen. Aber auch dort erkannte ich teilweise schon die von Ihnen geschilderten Probleme des heutigen Alltags. Ich sage hier bewusst, des heutigen Alltags, weil mir dieses Problem der Schulen ein gutes Beispiel liefert, für die Art und Weise der heutigen Gesellschaft, in der jeder nur noch an sich denkt und immer mehr nach Ansehen und Geltungssucht strebt, was ja heute auch überall und vor allem im Beruf erwartet wird, dass man stark ist und sich gegen andere durchsetzten und behaupten kann.

    Der Leistungsdruck unserer Zeit nimmt immer rasanter zu. An der Schule kann man heute schon die logische Konsequenz dieses Verhaltens erkennen und ich weiss nicht wie lange das noch so weitergehen kann.

    Eines der grössten Probleme dabei sind meistens die an der Macht stehenden, wie z.B. Direktoren oder andere hohe Amtsinhaber, dessen Leute der Erfolg schon lange in den Kopf gestiegen ist und von der praktischen Realität bei weitem keine Ahnung mehr besitzen, da Sie nur noch als Theoretiker neue Reformen und Regeln erstellen, um ihre Existenz zu sichern und/oder wieder mal ein Machtwort zu sprechen.
    Um nicht alle Direktoren zu verunglimpfen, möchte ich hier betonen, dass es sich hier nur um ein Beispiel handelt, da wenn ich alle hohen Beamte der Gesellschaft aufzählen müsste, dies mehrere Seiten in Anspruch nähme.

    Natürlich werden diese Amtsinhaber auch von der Gesellschaft, Politik, oder im Falle der Schule, von den zuallermeist reichen Eltern fast schon aufgefordert, immer wieder neue Reformvorschläge zu präsentieren, da es ja immer vorwärts gehen muss und natürlich immer besser vorwärts gehen muss, und ihre liebevollsten Kinder einmal einen gutbezahlten Job ausüben können, womit die Eltern nicht in ihrem eigensinnigen Stolz gemindert werden

    Wenn jeder Mensch sich wieder mehr mit der Demut auseinandersetzen würde und zufrieden wäre mit dem was er momentan erreicht hat anstatt sofort nach neuem Ruhm und Ansehen zu streben, könnte dieser extreme Trend, je nach grösse der Demut, sehr gemildert werden und so für ein sozialeres Umfeld sorgen.

    Dass dumme daran ist, dass die „Unterprivilegierten“, selbst nach mehr Macht und Ansehen streben und wenn ihnen solche Chancen gegeben würden, diese mit Bestimmtheit auszunutzen versuchten.
    Dadurch legitimieren sie die Haltung der Mächtigen.

    Anstatt dass sich die „kleinen“ einmal verbünden würden um gegen solche Machenschaften zu protestieren, natürlich in friedlichem Sinne, schauen sie zu den reichen Leuten auf und behandeln diese wie Vorbilder.

  82. Katja Kaufmann

    Ich spreche als Frau eines Oberstufen-Lehrers und kann nur bestätigen, was Herr “Bernhard Lorenz” geschrieben hat. Mein Mann ist ein sehr engagierter Lehrer und liebt seinen Beruf. Doch wenn ich sehe, wie lange er arbeitet, 12-13 Stundentag in der Schule, fast jeden Abend zu Hause (natürlich auch in den Ferien und in der unterrichtsfreien Zeit), so gibt mir das schon zu denken. Für unsere Familie und besonders für mich, ist das eine grosse Belastung. Klar ist er teils selber Schuld, dass er so viel macht, doch das Wohl jedes einzelnen Kindes ist ihm wichtig. Was mich aber am meisten nervt, sind immer noch diese Sprüche: “Lehrer haben viel Ferien, viel Freizeit, sind gut bezahlt, etc., etc.” Als Familie mit zwei Kindern ist man bei diesem Lohn nicht gerade auf Rosen gebettet und wenn es ja ein so schöner Job ist, dann Frage ich mich, weshalb ihn niemand mehr machen möchte. Wer dies nicht glaubt, soll einen Tag lang einem Oberstufen-Lehrer über die Schulter schauen. Ich würde diesen Job jedenfalls nicht lange aushalten, SCHADE!

  83. Profile Pic
    Willy H. Wahl

    Largo und Beglinger sei Dank! Ein für unsere Gesellschaft lebenswichtiges Thema wird hier profund angepackt: DIE SCHULE! Aus einem neuen Blickwinkel, dem der Kinder.

    Würde es gelingen, in der Schweiz, eine wirklich offene, freie, alle Gesichtspunkte und ALLE Beteiligten mit einbeziehende Diskussion zu führen mit den RICHTIGEN Fragestellungen: “Schule, wohin willst Du die jungen Menschen bilden? Was müssen sie können und wissen und vor allem, was für Persönlichkeiten sollen sie geworden sein, wenn sie die Schule verlassen?” “Welche Lehrerpersönlichkeiten und Vorbilder brauchen wir?” Ich schliesse die Hochschulen mit ein. Sekundarlehrer Urs Bachmann stellt viele gute Fragen. So müsste es gehen.
    Ich bin nicht so naiv, zu denken, dass dies heute – schnell – möglich wäre. Aber schön wär’s schon – und vor allem notwendig. Besonders im Hinblick auf die harten Zeiten, die die jungen Menschen nach der Schule erwartet.

    Die wichtigsten Aussagen des Artikels sind für mich “Ohne Beziehung geht nichts”. “Beziehung ist für jedes Kind lebenswichtig”. “Ohne Beziehung kann sich ein Kind nicht entwickeln, weder in der Familie noch in der Schule.” Das stimmt und ist wissenschaftlich tausendfach untermauert. Aber leider ist viel zu wenig bekannt, was man unter “Beziehung” zu verstehen hat und ob man “Beziehungsfähigkeit” lehren und lernen kann. Natürlich könnte man das, machte man es zu einem Hauptfach für angehende Lehrer.

    Ich empfehle gerne das wunderbare Buch von Tschingis Aitmatow “DER ERSTE LEHRER” ISBN (13): 978-3-88897-291-1. Man kann diese einfühlsame Geschichte eines kirgisischen Dorflehrers mit seinen Schülern auch auf CD hören, grossartig gesprochen von Harald Eggebrecht. Ein MUSS für jeden angehenden Lehrer.

    Man merkt schon, dass ich von der heutigen Schule nicht derart begeistert bin, dass ich mir nicht eine bessere vorstellen könnte. Wobei ich explizit die Lehrer in Schutz nehmen möchte, die in diesem Schulsystem Schule geben müssen. Weder gut ausgebildet noch gut unterstützt geben viele frustriert diesen schönsten aller Berufe wieder auf. Wir hatten in dieser Zeitschrift das eindrucksvolle Beispiel „Warum ich nicht mehr Lehrer bin“ von Martin Beglinger. Was haben wir daraus gelernt? Es scheint, dass Martin Beglinger „am Ball bleibt“.

    Ich schrieb vor einigen Jahren Herrn Buschor einen Brief. Wer möchte, kann ihn hier lesen: http://seniora.org/index.php?option=com_content&task=view&id=13&Itemid=53

    Wir brauchen eine Schule, die ethische Werte vermittelt, die junge Menschen hervorbringt, die beziehungsfähig sind, die selbständig denken und hinterfragen können, die kooperieren und „über den Tellerrand“ blicken können, z.B. was in Afrika, Asien, Südamerika passiert. Das muss sie interessieren, denn davon sind sie betroffen. Und dabei müssen vor allem auch die Eltern mitwirken. Ohne einen gesamtgesellschaftlichen Konsens geht das nicht.

    Der Raubtierkapitalismus hat versagt und nun geht es darum, das Chaos wieder zu ordnen. In die alten Bahnen zurück können und dürfen wir nicht. Wir brauchen eine neue Ordnung: Raus aus der Kriegswirtschaft – hin zu Friedenswirtschaft.

    Darum plädiere ich für eine NEUE SCHULE, eine Schule, die der Natur des Menschen entspricht: Der Mensch ist ein soziales Wesen. Dank Kooperation hat er in der Evolution überlebt. „Biologisch ist der Mensch nicht zum Krieg verdammt.“ Siehe die ERKLÄRUNG VON SEVILLA ZUR GEWALT hier: http://seniora.org/index.php?option=com_content&task=view&id=84&Itemid=43

    Vor dreissig Jahren schrieb der Zürcher Sonderschullehrer Jürg Jegge ein Buch „Dummheit ist lernbar“. Daraus könnte die Schule Lehren ziehen. Es wäre wünschenswert, wenn die Diskussionsveranstaltungen, die Herr Largo und Herr Beglinger in Zukunft durchführen werden, die richtigen Fragen hervorbringen würden. Richtige Antworten findet man nur, wenn man die richtigen Fragen stellt. Hypothesenbilden nennt man das in der Naturwissenschaft.

  84. Profile Pic
    Willy H. Wahl

    Oh Schreck!
    gerade merke ich, dass ich den obigen Beitrag beim falschen Artikel eingegeben habe.

    Er gehört natürlich zu “Die Schule vom Kind her denken”.

    Sorry!

  85. Chris Knecht

    Team-Teaching, Personalressourcen. Vorschlag:
    150 Stellenprozente für jede Schulklasse.

    Endlich ein konkreter und griffiger Vorschlag in der langfädigen Fondüdebatte um eine bessere Schule. Alle reden von Beziehung. Es ist offensichtlich, dass diesbezüglich die Sache an der Volksschule ziemlich aus dem Ruder läuft. Die bisherige Betreuung durch einen einzigen Klassenlehrer bei 25 und mehr Schülern stösst auf dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels definitiv an Grenzen.

    An fünf Halbtagen die Woche eine zusätzliche Begleitperson mit pädagogischem Flair! Wow! Das wär echt der Hammer! Das hätte ungeheure Signalwirkung! Und direkten Einfluss auf die Wahrnehmung der Schülerinnen und Schüler: Plötzlich sind mehr Bezugspersonen da! Ob dann die Schule diese personellen Ressourcen im Klassenzimmer für betreute Einzel- und Gruppenarbeiten oder abends zwischen 16 Uhr und 18 Uhr für Hausaufgaben-Betreuung oder zwischen 11 Uhr und 14 Uhr für Mittagsbetreuung einsetzen möchte oder morgens ab 7 Uhr für gesundes Frühstück und die Tageseinstimmung, das soll doch einfach dem Schulhaus und der lokalen Schulleitung überlassen werden.

    Pro Schulklasse 50% mehr Personal. Das würde den Schulen ermöglichen, eine Vielzahl von Problemen gleichzeitig in Angriff zu nehmen. Pro Senectute hat übrigens bereits einen Pool eingerichtet für rüstige Rentner, die sich für die Volksschule gerne zur Verfügung stellen möchten. Es gibt viele Erwachsene, Eltern, Bekannte und Verwandte, die liebend gern mehr beitragen würden, als nur am Ende des Schuljahres einen Kuchen zu bringen.

    Dem Klassenlehrer käme somit endlich seine wahre Rolle als Coach und Koordinator zu: Er kann sich vom One-man-Show Trip verabschieden und als Manager für das Bildungs- und Lern-Arrangement im Schulhaus verantwortlich zeichnen, indem er das Lern-Setting im Haus des Lernens vielseitig mit mehreren Akteuren (Fachlehrern, Begleitpersonen, Schulpsychologen, Förderlehrern, Eltern, Hortnern, Jugendarbeitern, etc.) gestaltet und koordiniert. Frei nach der Devise „Individualisierung und Gemeinschaftsbildung in der Lernwerkstatt“ kommt die Teamfähigkeit der Klassenlehrperson voll zum Tragen.

    Der Vorschlag „150 Stellenprozente pro Schulklasse“ ist mit allen Mitteln zu unterstützen, weil er klar, einfach, griffig und finanziell gut kalkulierbar ist. Ein Konjunkturpaket, das gewiss nicht milliardenschwer ausfällt. Der Fonds für Kinderkrippen ist nach sechs Jahren auch erst zur Hälfte ausgeschöpft. Also überlassen wir es den initiativen und reformwilligen Schulgemeinden, zusätzliche Personalressourcen zu beantragen und wo gewünscht in Anspruch zu nehmen.

    Chris Knecht, Freiberufler in Beratung und Verkauf,
    Ex-Fahlehrer phil. I und Ex-Jugendarbeiter, Vater

  86. hocerl

    Danke für diesen Artikel! In Österreich ist es dasselbe. Ich suche einen anderen Job. Mit 51. Ich halte es nicht mehr aus. Lieber Kartoffeln ernten oder sonstwas.
    Eine engagierte und definitiv berufene Lehrerin, die es über 25 Jahre lang versucht hatte und scheiterte.

  87. uberVU - social comments

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