15.02.2008 von Peter Haffner , 6 Kommentare
Wie kannst du nur da leben? Die Frage hörten in die USA emigrierte Europäer in den letzten Jahren bei ihren Heimatbesuchen regelmässig. Der vorwurfsvolle Ton verriet, dass jede Antwort zum Scheitern verurteilt war, weil diese für den Frager schon feststand. Wonach er gierte, war eine Gelegenheit, seine Litanei amerikanischer Sünden herunterzubeten, die er – so wollte es die Ironie – Büchern und Filmen von Amerikanern wie Michael Moore verdankte.
Dass die schärfste Kritik an den USA «made in America» ist, ist nicht der schlechteste Grund, da zu leben. Hätten die selbst deklarierten Anti-Amerikaner sich nicht geweigert, dem neuen «Reich des Bösen» einen Besuch abzustatten, hätten sie staunen dürfen, wie viele Gleichgesinnte sie antreffen würden. Und vielleicht wären sie auch etwas beschämt gewesen, mit welcher Unvoreingenommenheit Amerikaner Fremde empfangen. Nicht der elektronische Fingerabdruck, den man bei der Einreise geben muss, bringt das Land auf den Punkt. Sondern die Tatsache, dass man so rasch bei Leuten zu Gast ist, die einen nur einmal gesehen haben, und deren Freunde bald darum wetteifern, wer einen als Nächsten zu Gast haben darf.
Dieser Mangel an Misstrauen ist etwas, was jeden Ausländer überrascht, der sich in den USA niederlässt. Jene, die nie da waren, wollen es nicht wahrhaben, weil alles, was sie zur Kenntnis nehmen, Medienberichte über die Schandtaten der Bush-Regierung und andere Schrecklichkeiten sind. In diesen Jahren des «amerikanischen Herbstes» mochten sich viele keine Vorstellung davon machen, dass Regierung und Land zwei verschiedene Dinge sind. Merkwürdigerweise treffen dieselben Leute diese Unterscheidung sehr wohl, wenn sie in von autoritären Regimes regierte Staaten wie China, Russland, Vietnam oder solche des Nahen Ostens reisen.
Der Grund, dass das kritische Urteilsvermögen im Falle der USA bereitwillig einem Pauschalurteil geopfert wird, ist simpel: Der Anti-Amerikanismus ist historisch die wesentlich länger dauernde und seit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums auch die stärkere Strömung als der Anti-Kommunismus. Im Furor gegen die Bush-Regierung war immer ein Subtext lesbar, der geschichtlich weit tiefer zurückreicht und von der Kränkung rührt, dass die «Neue Welt», der Sprössling Europas, den alten Kontinent überholt hat. Das hat nicht nur zur Folge, dass Amerika schlechter gemacht werden muss, als es ist, sondern auch, dass vorgebliche Anzeichen seines Verfalls mit einem Eifer notiert werden, als könne man ihn dadurch beschleunigen.
Abgesehen von der Frage, wie fahrlässig eine solche Hoffnung ist angesichts eines zur Supermacht avancierenden Rivalen wie China – sie ist auch verfrüht. Jetzt, da ein brillanter junger Schwarzer im Wahlkampf führt vor zwei weiteren Kandidaten für die Präsidentschaft, die sich sehen lassen können, zeigt sich, welche Dynamik der amerikanischen Gesellschaft immer noch eigen ist. Dass die Bush-Regierung nicht das «Ende der Geschichte» ist, hätte man wissen können, hätte man nur einen Blick in die Geschichtsbücher getan. Amerika hat immer wieder Perioden politischer Hysterie erlebt – von der Jagd auf Radikale in den Zwanzigerjahren über die Internierung japanischstämmiger Amerikaner im Zweiten Weltkrieg und die Kommunistenhetze der McCarthy-ära bis zum jüngsten revolutionären Missionarismus eines Bush. Kennzeichen all dieser Sünden ist nicht nur, dass sie verhältnismässig rasch als solche erkannt und bereut wurden, sondern auch, dass sie gemessen an dem, was in Europa im 20. Jahrhundert geschah, von untergeordneter Schwere sind.
Lebendige Demokratie
Wer in den USA lebt, macht die Erfahrung, dass man niemals sagen kann: So ist es. Amerika ist ein grosses Land, in dem nicht nur vieles, sondern oft auch Gegensätzliches gleichzeitig passiert. Das setzt mitunter selbst Einheimische in Erstaunen, wie sich derzeit zeigt. Es ist keine drei Jahre her seit dem Tod von Rosa Parks, jener beherzten Schneiderin aus Montgomery, Alabama, die sich am 1. Dezember 1955 weigerte, ihren Sitzplatz im Bus für einen Weissen freizugeben, wie es das Gesetz vorschrieb. Ihr ziviler Ungehorsam trat die Bürgerrechtsbewegung los, die der Rassentrennung ein Ende setzte. Noch immer kann man in amerikanischen Zeitungen von Gerichtsverfahren gegen Ku-Klux-Klan-Mitglieder lesen, die vor Jahrzehnten Schwarze im Beisein grinsender Ortspolizisten lynchten. Nun hat ein Schwarzer alle Chancen, Präsident des Landes zu werden, und zu seiner Wählerschaft gehört ein erklecklicher Anteil weisser Männer in eben jenen konservativen Staaten, in denen einst die Rassisten den Ton angaben. Das Beispiel zeigt, dass Amerikaner nicht nur offen sind gegenüber Exileuropäern, von denen sie wenig zu befürchten haben. Sie sind es auch einem Landsmann gegenüber, dessen Hautfarbe an eine der tiefsten und schmerzlichsten Wunden ihrer Geschichte erinnert. In welchem anderen Land wäre so etwas möglich?
Wer auch immer im Weissen Haus sitzen wird, wird eine neue Seite im Geschichtsbuch aufschlagen, und dass dies getan wird, ist der sehnlichste Wunsch der Volksmehrheit. Das Schauspiel der vergangenen Wochen, in dem das Kandidatenfeld beider Parteien sich auf drei Anwärter verengte, war ein Lehrstück lebendiger Demokratie, in dem die Vernunft sich durchsetzte. Denn noch wichtiger, als was Barack Obama, Hillary Clinton und John McCain voneinander unterscheidet, ist das, was sie eint. Alle drei stehen dafür ein, vom internationalen Isolationismus der Bush-Regierung abzukehren und die USA in die Weltgemeinschaft zurückzuführen. Alle drei sehen die globale Klimaerwärmung als ernstes Problem und als Verpflichtung für ihr Land, Schritte dagegen zu unternehmen. Alle drei sind für die Schliessung des Gefangenenlagers von Guantánamo und die internationalen Rechtsnormen genügende Behandlung inhaftierter Terroristen. In den letzten beiden Punkten setzte sich der Republikaner John McCain im Widerspruch zu seiner Partei, wie auch in der Frage der Immigration, wo er, wie die Demokraten, den Millionen von illegal Eingewanderten den Weg zur Staatsbürgerschaft freimachen möchte.
Vorbild USA
Einer – oder eine – dieser drei wird im Januar 2009 an der Spitze der mächtigsten Nation der Welt stehen; ein Schwarzer, eine Frau oder ein altgedienter Politiker, der als die Inkarnation des Anti-Opportunisten gilt. Selbst wenn Obama es nicht schafft: Was er bisher erreicht, ausgelöst und ermöglicht hat, zeugt vom Optimismus und der Begeisterungsfähigkeit einer Gesellschaft, die Vorurteile aufzugeben bereit ist; eine Qualität, auf die Europa nur neidisch sein kann. Obamas Wahlsieg, kein Zweifel, würde der Sache die Krone aufsetzen. Als einer, der von Anfang an gegen den Irak-Krieg war, hätte er auf der internationalen Bühne Spielraum; namentlich im Nahen Osten genösse er ein Vertrauen, das sich die Opportunistin Clinton und der Falke McCain erst verdienen müssten. Ein in Indonesien und Hawaii aufgewachsener Quasi-Immigrant, hat der Senator aus Illinois das Sensorium, die USA so zu sehen, wie sie von aussen gesehen werden. Niemand wäre besser als er geeignet zur Demonstration, dass der «Grosse Satan» in Wirklichkeit die offenste Gesellschaft der Welt ist.
Die Rückgewinnung der internationalen Statur der USA ist für alle wichtig. Denn Amerikas Fähigkeit, Fremde zu integrieren und Schranken zwischen Rassen und Ethnien abzubauen, ist seine grösste Stärke. Darin ist es Vorbild: Es liefert das Modell für eine Welt, die immer multikultureller wird.
Wer sich über ein fremdes Land aus zweiter Hand informiert, sollte diese Information gewichten lernen. Schweizer, die in den Bush-Jahren Amerika mit dem verwechselten, was sie aus den Medien darüber erfuhren, dürfen sich trösten, dass es Lesern der «New York Times» umgekehrt nicht anders ging. über unser Land war darin kaum mehr zu lesen, als dass es eine Regierungspartei hat, die Immigranten als schwarze Schafe tituliert, eine Grossbank, deren Milliardenverluste den Boss nicht zum Rücktritt zwingen, und ein Volk, dessen grösste Sorge ist, dass seine Lieblingswurst, der Cervelat, vom Menüplan verschwindet. Wie kann man nur da leben?
Swisscom Rechenzentrum 1 war down Sonntag Nacht. Nun stimmt etwas nicht mehr mit den Servereinstellungen. Die verlorenen Kommentare wurden wiederhergestellt, aber irgendwo in diesem Artikel ist hier noch immer der Wurm drin. Wir pruefen die Angelegenheit… Bitte warten Sie mit kommentieren, bis der Fehler gefunden ist.
Danke Herr Haffner für diesen wunderbaren, inspirierenden und offenen Artikel über ein Amerika dass leider nur die wenigsten Europäer zu Gesicht bekommen.
Nach 10 Jahren USA Aufenthalt mit Hochs und Tiefs wird mir gleich wieder bewusst in was für einer misstrauischen, egoistischen und angsterfüllten Welt wir Europäer eigentlich leben und denken und veraltete Muster bis heute uns noch beeinflussen. Mir wird warm ums Herz wenn ich an meine Zeit in den USA zurückdenke wo ich auch stets mit offenen Armen, wie Herr Haffner selber, von Fremden empfangen wurde, in schweren Zeiten von ihnen getragen wurde, und dadurch Menschen jeglicher Herkunft kennengelernt habe die mit offenem Herzen, idealistisch und stets optimistisch in ihre Zukunft schauten und trotz den widerwärtigsten Bedingungen die Hoffnung nie aufgaben optimistisch zu bleiben. Auch jetzt bei den bevorstehenden Präsidentschafts-wahlen sieht man sehr deutlich dass Andersein, Integration und innovatives Denken kein Hindernis sondern eine Bereicherung für ein Land sein können; etwas was ich leider bis heute bei den Europäern noch vergeblich am Suchen bin. God bless America!
Leider kein Wort über die astronomische Vermehrung der US-Staatsschulden, die hauptsächlich unter dem republikanischen Reagan angefangen hat. Nun war dieselbe Clique wieder am regieren. Lesen Sie was Mr.Greenspan davon hält… Kein kommende(r) PräsidentIn kann das in acht Jahren wieder rückgängig machen. Die Folge davon, die Zunahme der armen US-Bürger. Clinton hat die Staatsschuld nicht nur nicht vermehrt, sondern einige Prozente zurückbezahlt! Eine weitere Folge ist an der gegenwärtigen Immoblienkrise abzulesen; damit bezahlen auch die Schweizer für diese korrupte Administration. Man sollte den Euro vom Dollar abkoppeln. Die sollen doch ihre $ in Schekel umtauschen…
Im Übrigen bin ich weitgehend – auch aus eigener Anschauung – mit Haffners Analyse einverstanden, aber die Negativpunkte sollte man auch nicht vergessen. Mir tut das Amerikanische Volk Leid; es hätte Besseres verdient.
"Mein" Rotary-Club sammelt für die GI’s in Irak/Afghanistan
es ist eine Schande wie diese Administration ihre eigenen Soldaten "versorgt" (siehe die Sammelliste unter "Support our troops"!)-> http://www.milton-rotary.org/
Wer heute noch mit der Antiamerikanismus -These kommt, der muss schon ziemlich ein dümmlicher Kommentarschreiberling sein!
Denn Antiamerkiansich sind momentan "nur" die Bush-Regierung, denn diese treten die Errungenschaften der Vereinigten Staaten, "The rule of law"= die Herrschaft des Rechts mit Füssen!
Und inwiefern sollten "dieser/vieler" Europäer die USA hassen? Haben doch eben diese Europäer, nach Ende des 2.Weltkriegs alles so brav nachgemacht!
Ich finde es nicht schlimm das es viele Europäer gibt, die nach mehr als 60 Jahren, nun endlich mal nach einer eigenen Idenität sucht und ihre Lage überdenkt! Aber das gerade als Antiamerikanismus abzutun finde ich gefährlich und nicht zutreffend!
Und wenn Europäer sich kritsch über gewisse Auswüchse in den USA aufregen, dann könnte man das eher als Proamerikanisch bezeichnen, da man eben dieses Land liebt und nicht möchte, dass dieses wunderbare Land untergeht!
Zur Hölle also mit dem Pseudo-Antiamerikanismus-Debatte!
Dass Amerika (genauer: USA) ein herrliches Land ist, bleibt unbestritten. Ich habe dieses Land schon vor über 40 Jahren kreuz und quer bereist und unzählige tolle Leute kennen und schätzen gelernt. Zu einem grossen Teil kann ich den Aussagen von Peter Haffner absolut zustimmen. Ich finde aber, dass der Bericht gar stark zur Lobeshymne geraten ist und zu überschwänglich wirkt. Auch ist er in einigen Punkten ungenau.
So sind es beispielsweise nicht viele, sondern eher einige Europäer (besser wäre es gewesen, in diesem Blatt nur von den Schweizern zu reden) welche sich „zur Zeit“ etwas antiamerikanisch artikulieren. Aber sicher nicht penetrant. Und es ist sehr wohl so, dass die meisten amerikakritischen Leute in der Lage sind, zwischen Land und Regierung zu unterscheiden. Nicht vergessen dürfen wir dabei, dass nicht nur in der Bushära in vielen militärischen, wirtschaftlichen, sozialen, menschenrechtchlichen, klimapolitischen und weiteren Bereichen unsägliche Dinge in dieser Welt „geschaffen“ wurden. Diese aufzuzählen würde den Rahmen hier klar sprengen. Aber es berechtigt durchaus, dieses Land auch kritisch zu beurteilen. Bush hat mit seiner schier unglaublichen Arroganz sicher alle im negativen Sinn überflügelt und hat gute Chancen, der schlechteste Präsident aller Zeiten zu werden.
Dass das was im aktuellen Wahlkampf der vergangenen Wochen, wie beschrieben mit lebendiger Demokratie zu tun haben soll, ist mir eher schleierhaft. Genau so wie die USA ein Vorbild sein soll, um „Schranken zwischen Rassen und Ethnien abzubauen – als Modell für eine immer multikultureller Welt“. Schön wär’s! Immerhin: schön ist es, dass es vermutlich so oder so zu etwas ganz neuem kommen kann: entweder ein Schwarzer – oder eine Frau. Diese Ausgangslage ist doch faszinierend!
Hans Zurbriggen, Bern
Einmal mehr versucht Peter Haffner die USA als Opfer darzustellen. Einmal mehr verhaspelt er sich ganz grob. Warum wohl können können wir bei Ländern mit totalitären Regimes besser zwischen Volk und Regierung unterscheiden als bei den USA? Eben genau WEIL sie totalitär regiert sind. In den USA wählt das Volk die Regierung und es ist deshalb auch mitverantwortlich für deren Taten (zumindest zu 50% im Falle der Amerikaner). Laut Haffner sind die Europäer neidisch, weil die “neue Welt” den “alten Kontinent” überholt hat. In welcher Hinsicht sie das getan haben soll, bleibt ein Rätsel. Ich glaube eher das Gegenteil ist der Fall. Die Europäer haben tendenziell ein schlechtes Bild von den USA, weil diese in vielerlei Dingen enorm Rückständig sind. Menschenrechte, Todesstrafe, religiöser Fundamentalismus, Gesundheitssystem, Kriminalität, Imperialismus…etc…etc. Doch das Beste steht am Schluss des Artikels. Die NY Times schreibt negative Berichte über die Schweiz, worauf die Leser denken, da will man auf keinen Fall leben. Dies zeigt ja gerade, dass die Beeinflussung der Menschen durch die Medien in jedem Land vorkommen, auch in den hochgelobten USA! Haffner glaubt, die grosse Stärke der USA sei ihre Selbstkritik. Leider kommt die immer viel zu spät, wenn bereits hunderttausende von unschuldigen Menschen durch Bomben getötet worden sind. Kritische Stimmen WÄHREND des Irakkriegs wurden von den grosen Medien ignoriert. Verspätete Selbstkritik ohne Lerneffekt bringt gar nichts und kann nicht positiv bewertet werden. Ich wünschte mir für das Magazin ein USA-Korrespondent mit etwas mehr Scharfsinn und analytischem Denken!