Was geschah in Burrel?

Haben Albaner nach dem Krieg Serben ermordet und ihre Organe verkauft?

13.02.2010 von Thomas Zaugg , 10 Kommentare

Im Krieg stirbt zuerst die Wahrheit. Man wirft sie in ein Massengrab. Nach dem Krieg wird die Wahrheit ausgegraben und missbraucht. Zwei Männer kommen die Feldstrasse eines albanischen Dorfes herunter, einer ist hochgewachsen, der andere ist klein und schelmisch. Wir begrüssen uns freundlich. Wir geben uns als Journalisten zu erkennen. Der Hochgewachsene zieht dann seinen Pullover hoch und fasst sich an seinen Torso, hier, hier habe man ihm ein Organ entnommen! Eine Niere. Und zwar dort, zeigt der kleinere Mann, dort bei diesem Haus habe man seinem armen Freund, dem Hochgewachsenen, das Organ entnommen!
Das Haus ist weiss. Es ist ein grosses albanisches Bauernhaus, wie es uns seit Passieren der Grenze nach Albanien überall begegnet. Stolzierende Hühner auf dem Gelände, zwei Arbeiter ernten am Wegrand, davon scheinen die Bewohner des Hauses zu leben. Abfall werfen sie den Abhang hinunter zum Bach, der am Haus vorbeifliesst.
Jetzt lachen die beiden Männer. Sie prusten regelrecht heraus. Ich sehe ihre schiefen Zähne. Organe!
Die beiden Männer lachen über diese Geschichte. Sie lachen über uns Journalisten, die wir den weiten Weg gemacht haben wegen ebendieser Geschichte, von Kosovo über die Grenze nach Albanien, von Prizren, einer der ältesten Städte des Balkans, über Kukes, über Schneeberge und «Strassen», mit dem Auto einmal im Schnee gelandet, der Fotograf und Fahrer zwischen den Reifen, hierhin, nach Burrel, Zentralalbanien. Über diesen beschwerlichen Weg sollen im Jahr 1999 — kurz nach dem Krieg — gefangene Serben transportiert worden sein. Und die jüngsten und kräftigsten seien bis nach Burrel gefahren worden, so sagen inzwischen verschwundene Zeugen. Und dann habe man ihnen in einem «gelben Haus» Organe entnommen, Stück für Stück, und sie auf dem internationalen Markt teuer verkauft.
Die Serben waren die grossen Verlierer des Krieges, und sie galten als seine grössten Täter. Mit den verbliebenen Serben in Kosovo ist nach Kriegsende vieles geschehen, und manche Rächer, sagt ein Ermittler, waren zu den unglaublichsten «Leistungen» imstande.
Organe! Ein alter Mann namens Abdullah K. steht neben den beiden Männern, die nun gut gelaunt ihres Weges gehen. Abdullah K. ist immer noch derselbe. Schnurrbart, Ledermütze, schmales Gesicht, alles wie auf den Bildern im Internet — vielleicht sind die Augen etwas wässriger geworden.
Den Pulitzer-Preis für exzellenten Journalismus vor Augen, standen Journalisten aus der ganzen Welt vor diesem Mann, er ist 76 Jahre alt, und viele Journalisten befragten ihn wie Polizeiermittler einen Verdächtigen.
Seit dem Jahr 2008 besuchen Journalisten Herrn K.s Haus wie einen Wallfahrtsort, der «Spiegel» nannte sein Haus das «angebliche Gruselhaus».
In diesem Haus sollen die Organ-Operationen stattgefunden haben. Von hier aus sollen die Organe weiter nach Tirana transportiert und mit dem Flugzeug zu zahlungskräftigen Abnehmern ins Ausland geflogen worden sein.
Wo war K. zu dieser Zeit? Wurde «sein» «gelbes» Haus weiss umgestrichen? Und wo waren die anderen Dorfbewohner zu dieser Zeit? Könnte die Dorfgemeinschaft dieses schreckliche Geheimnis aushalten, und könnten sie einem — so wie jetzt — in die Augen schauen, in der Dorfbar zuprosten und lügen: Es sei nichts, gar nichts gewesen?
K. ist jetzt wütend. K. hat genug. Der Übersetzer aus Kosovo sagt, K.s Aussagen drehten sich im Kreis. Ich stelle keine Fragen. Ich lasse den Übersetzer reden. Wir sind nur hier, um einen Eindruck zu erhalten. Die Journalisten vor uns haben bereits alle Fragen gestellt.
Einige Journalisten sagten mir, sie hätten einen guten Umgang mit K. und seiner Familie gehabt, einige von ihnen bezahlten K. auch gut, um in sein Haus zu kommen. Ein Journalist aus der Hauptstadt Tirana sagt, die Familie habe die mediale Aufmerksamkeit eine Zeit lang genossen. Bis dann selbst im Dorf das Gerücht umging, die Mitglieder der Familie K. seien Organhändler.
Eine serbische Journalistin sagte mir, sie habe sich als Slowenin ausgegeben. Es sei viel zu gefährlich, meinte die Journalistin, als Serbin dieses albanische Dorf zu besuchen. Und sogar Journalisten aus China seien hier gewesen, sagt K. zornig. Die Chinesen hätten versucht, in seinem Haus nach Leichen zu graben.
Obwohl wir keine Grabungen vornehmen, finden auch wir «Beweise» im Dorf Rribe. Beim Gemeindehaus ruft der Fotograf, er habe eine Medikamentenhülle im Abfallberg gesehen. Medikamentenhüllen, Mittel zur Muskelentspannung, Spritzen, ein Waffenhalter, Blutspuren in der Küche des Hauses waren im Jahr 2004 beim Haus der Familie K. gefunden worden, von einem internationalen Untersuchungsteam.
Weiss K. mehr, als er sagt? Sind sein Zorn und sein Alter eine Tarnung?
Mit dieser Geschichte ist es wie mit Gott. Manch Weiser sagt, man könne seine Existenz weder beweisen noch widerlegen.
Einmal antwortete ein Kosovo-Albaner, als ich ihn auf die Racheaktionen an den serbischen Zivilisten nach dem Krieg im Juni 1999 ansprach, die auch er beobachtet haben muss: «Nein, nicht alle von uns wissen alles. Einige von uns Albanern wissen etwas. Aber selbst wenn jemand etwas wüsste, er würde nicht mit dir darüber sprechen. Aber ich weiss wirklich nichts.»

Foltercamps
Alles begann mit dem Journalisten Michael Montgomery. Er wollte die Albaner zum Reden bewegen, diese, wie manche meinen, geschlossene Gesellschaft. Montgomery war ein amerikanischer Kriegsreporter, ein offener, ein ehrlicher Typ. Noch heute fällt einem sein jungenhaftes Gesicht auf, er ist oft online erreichbar über seinen Skype Account.
Im Jahr 2002 erhielten Montgomery und Recherche-Kollegen erstmals vage Berichte, und Montgomery fand Zeugen, nach und nach zog er Schlüsse. Anscheinend — und das war nie ein Geheimnis — hatten sich auch die Albaner während des Krieges und vor allem danach einiges zuschulden kommen lassen.
Es gab Berichte über UCK-Foltercamps in Kosovo und im Rückzugsgebiet Albanien. Es gab Berichte über Entführungen von serbischen Zivilisten, Roma und albanischen «Verrätern» nach Nordalbanien. Entführungen nach dem Krieg, die an den internationalen Kfor-Friedenstruppen, die Kosovo seit Juni 1999 kontrollierten, völlig vorbeigingen.
Im Juni 1999 herrschte Chaos in Kosovo. Es gab keine Polizei, es gab nur die Kfor. Die Albaner und ihre UCK-Kämpfer rächten sich an den Serben, doch von kaum einem, zuletzt von den westlichen Medien, kam ein Aufschrei.
Die UCK, die kosovo-albanische Befreiungsarmee, war eine geheimnisumwitterte Guerillaarmee, zusammengestellt aus Freiwilligen und Spendengeldern aus allen Erdteilen. Die Männer bekamen eine Uniform oder brachten sie gleich mit, und nach einigen Tagen kriegten sie ihre Waffe. Kaum einer sprach mit den Medien. Die wütenden jungen Männer trainierten in den Bergen Albaniens oder in Korridoren in Kosovo, und immer wieder verübten sie Anschläge auf ihren jahrzehntelangen Peiniger — den Serben.
Montgomery hatte drei Hauptzeu¬gen. Zwei von ihnen waren Brüder und zählten nur als ein Zeuge. Montgomery hatte also zwei Zeugen. Beide deuteten auf ein «gelbes Haus» in der Nähe der zentralalbanischen Stadt Burrel, das Haus der Familie Abdullah K.
Ein Zeuge gab an, er habe für die UCK nach dem Krieg Gefangene dorthin transportiert und sie an Ärzte vor dem Haus übergeben. Dort habe man den Gefangenen Organe entnommen — die Organe selbst hat kein Zeuge gesehen.
Ein Zeuge sagte, er sei dabei gewesen, als die Toten in einem nahen Friedhof vergraben worden seien.
Die Zeugen waren UCK-Fahrer, einfache Menschen, erinnert sich der Journalist. Bei Erkundungen in Burrel kamen Montgomery weitere Erzählungen zu Ohren, Geschichten über Ärzte, Geschichten über Organe. Doch waren es mehr als Gerüchte? Leider, sagt der Journalist Montgomery heute, habe er das Foto aus jenen Jahren verloren, welches das Haus der Familie K. ganz und gar gelb angestrichen zeige. Das plagt den Journalisten bis heute.
Montgomery gilt als seriöser und unabhängiger Journalist. Er hatte für den «Daily Telegraph» in den Neunzigerjahren auf dem Balkan Quartier bezogen und beschrieb, wie Slobodan Milosevic und seine Todfeinde Jugoslawien ins Inferno stürzten.

Verhasst, hochverehrt
Michael Montgomery hat Preise gewonnen. Niemand hätte es gewagt und niemand wagt es bis heute, an seiner Glaubwürdigkeit zu zweifeln. Montgomery und seine Kollegen hatten bis ins Jahr 2003 Material für den angeblichen UCK-Organhandel gesammelt, doch wa¬ren es keine stichhaltigen Beweise, um eine Geschichte zu publizieren. Die Story bewegte sich auf dem schmalen Grat zwischen Pulitzer-Preis und fristloser Kündigung.
Die Journalisten suchten sich Hilfe. Sie gelangten mit ihrem Material an Jose Pablo Baraybar, den damaligen Vorsteher des Uno-Büros für Vermisste in Kosovo.
Den Peruaner und Forensiker Baraybar schildern Arbeitskollegen als einen gütigen und rastlosen Menschen, als einen, der Gräber auf der ganzen Welt aushebt, Ruanda, Bosnien, Kosovo, jetzt in Peru, um den Familien die Körper ihrer Vermissten zurückzugeben. Auf Baraybars Schreibtisch während seiner Zeit in Kosovo und in Bosnien lagen nicht zehn, nicht zwanzig, sondern immer etwa sechzig offene Fälle. Er war einer der wenigen Uno-Leute, die sich damals für die vermissten Serben einsetzten und den Mut zu Untersuchungen aufbrachten, auch gegen die UCK.
Während der Journalist Montgomery Informationen austauschte und Baraybars Team in internen Memos bereits Listen mit Namen möglicher UCK-Täter im Organhandel-Fall anfertigte, hatte Carla Del Ponte, Chefanklägerin des Haager Kriegsverbrechertribunals für die Kriege in Ex-Jugoslawien, anderes zu tun.
Carla Del Ponte war acht Jahre ihres Lebens eine international verhasste und hochverehrte Jägerin. Die Jägerin flog, bewaffnet mit ihrer scharfen Zunge, ihrem Glauben an die Gerechtigkeit und ihrer bunten Louis-Vuitton-Tasche durch den kriegsversehrten Balkan. Sie stiess auf wenig Kooperationsbereitschaft. Sie stiess auf viel Feindseligkeit. Die Frau aus dem Tessin wollte die Hauptverantwortlichen in Den Haag vor Gericht sehen. Und selbst ihre Kritiker sagen, niemand hätte diese Arbeit besser machen können.
Als Del Ponte durch die Uno-Behörden in Kosovo von der Organhandel-Geschichte zum ersten Mal hörte, glaubte sie nicht daran. Berichten Leute aus ihrem Umfeld. Es war eine schreckliche Geschichte, und schreckliche Geschichten sind die ersten Kinder des Krieges. Del Ponte liess ihre Leute zumindest weiterermitteln.
Von nun an waren drei Seiten in die Untersuchungen involviert. Und zwischen Baraybar vom Uno-Büro für Vermisste, dem Journalisten Montgomery und Del Pontes Leuten kamen erste Unstimmigkeiten auf.
Del Pontes Leute forderten volle Akteneinsicht, und sie wollten mit den Zeugen reden. Doch der Journalist schützte seine Zeugen, wie jeder seriöse Journalist — und Del Ponte bekam bloss Zusammenfassungen der Zeugenaussagen. Obwohl es ihre Ermittler versuchten, fanden sie die Identität der Zeugen nicht heraus.
Und Montgomery blieb hart.
Zweifel quälten den Journalisten, Zweifel über seine Zeugen. Wenn er mit seinen drei Zeugen sprach, die ja eigentlich nur zwei Zeugen waren, bekam er manchmal das Gefühl, sie versprächen sich von ihm Visa für die USA.
Am 4. Februar 2004 kam es in dem Bauernhaus der Familie K. zum Zusammenschluss aller Involvierten. Etwa zwei Dutzend Experten bewegten sich drei Tage lang auf dem mutmasslichen Tatort, Baraybars Leute, Carla Del Pontes Leute und der Journalist Montgomery mit einem Kollegen. Und es kam zu einem Expertenstreit.
«Beweise» wurden gefunden. Aber nicht genug. Das Haus ist weiss. Doch die Ermittler finden an einer Stelle Überreste von gelber Farbe. Die Familie K. ist nervös. Die Familie K. wird mehrmals einvernommen, doch es sind viele Leute vor Ort, und jeder scheint etwas anderes und anders zu fragen. Und auf einmal scheint jeder aus einem anderen Land zu kommen, anderes Temperament, anderer Glaube, anderes Auge. Die Experten stehen nicht mehr vor K.s weissem Bauernhaus, sondern vor den Trümmern des Turms zu Babel.
Das Bindeglied zwischen den Experten und der Familie K. ist ein einziger Mann, der albanische Übersetzer aus Del Pontes Team. Und der kommt und sagt, vielleicht, vielleicht irre er sich ja, aber er habe das Gefühl, die Familie K. sage ihm nicht die ganze Wahrheit.
Den Grund für die Blutspuren in ihrer Küche erklären die Mitglieder der Familie K. mehreren Ermittlern und allen ein wenig anders. Der Sohn von K. sagt am ersten Tag, es sei die Geburt der Kinder gewesen. Als der Sohn am zweiten Tag nicht da ist, sagt seine Frau: Sie habe im Haus nie entbunden.
Die Familie K. sagt ferner, das Blut komme von der Schlachtung von Tieren. Und ein anderes Mal sagen sie, es sei die blutige Nase des Kleinen gewesen.
Der Staatsanwalt der albanischen Behörden, der ebenfalls vor Ort war, soll gesagt haben — wobei er dies heute bestreitet: «Hier sind keine Serben begraben. Sollten sie allerdings Serben über die Grenze geschafft und getötet haben, haben sie ein gutes Werk getan.»
Und so gingen die Experten nach drei Tagen im Februar 2004 auseinander. Manch einer dachte zurück an die Sitzungen und Briefings, wo sie sich gefragt hatten, ob es klug sei, das Haus jetzt schon zu besuchen. Doch jetzt war es dafür zu spät. Es gab keine Beweise für die Geschichte, und es gab keine Beweise gegen die Geschichte.
Was denkt der Journalist Montgomery heute? Einer kosovo-albanischen Journalistin, die ihm wütend vorhielt, seine Geschichte stehe auf tönernen Füssen, antwortete er unlängst: «Meine Geschichte steht auf starken Füssen.»
Von den damaligen Zeugen existieren nur noch die Stimmen auf Tonband. Es ist möglich, dass die Zeugen in ein anderes Land verschwunden sind oder nicht mehr reden wollen. Der Hauptzeuge kam bald nach seiner Aussage ums Leben. Nicht wegen seiner Aussage, sagt Montgomery. Er nimmt an, alle seine Zeugen seien heute tot.
Und so wäre die Geschichte eingeschlafen — hätte Carla Del Ponte im Jahr 2008 nicht genug gehabt. Durch eine kurze Passage in «La caccia», ihren Memoiren über die Zeit als Chefanklägerin, wurde das «gelbe Haus» vier Jahre nach dem Expertenstreit mit einem Schlag der Weltöffentlichkeit bekannt. Der Weg für die Journalistenhorden war geebnet. Und der «Skandal» begann.
Wütend war Carla Del Ponte zu jener Zeit, sagen manche, die sie kennen, und ein Teil der Wut floss in ihr Buch. Darin steht: «Die Ermittlungen gegen Teile der UCK erwiesen sich als die frustrierendsten im Lauf der Arbeit des Jugoslawien-Tribunals.»
Sie, die Chefanklägerin, sah nämlich genau, was in Kosovo vor sich ging. Die Uno-Friedenshüter arrangierten sich mit den ehemaligen UCK-Kämpfern. Hohe UCK-Kommandanten wie Ramush Haradinaj — gegen die Del Ponte ermittelte und einige Male sogar Anklage erhob — trugen nun Krawatte. Die jungen UCK-Männer hatten sich entschlossen, Politiker zu werden. Und während der Prozesse gegen mutmassliche UCK-Haupttäter, die angeklagt waren, Serben vertrieben, entführt und getötet zu haben, wurden Del Pontes Zeugen in Kosovo nach und nach ermordet. Der Zeugenschutz der Uno-Behörden war eine Katastrophe.
Es muss Carla Del Ponte wie eine Verschwörung vorgekommen sein. Eine Verschwörung gegen die Gerechtigkeit? War die Organhandel-Geschichte, für die es keine Beweise gab, Del Pontes unbedachter Gegenschlag? Waren die Zweifel um K.s Haus Del Pontes letztes politisches Druckmittel, ein gefundenes Fressen für die Medien, damit endlich auch gegen die UCK ermittelt werde?
Im Buch steht: «Mit Hilfe eines chemischen Sprays für forensische Untersuchungen entdeckte man in einem Raum überall Blutspritzer an den Wänden und auf dem Boden, mit Ausnahme eines Bereichs von etwa zwei Meter Länge und neunzig Zentimeter Breite.» Das sei übertrieben formuliert, sagt ein Ermittler aus Carla Del Pontes Team, der damals vor Ort war.
Als Del Ponte ihr Buch vor der Veröffentlichung korrigierte, zweifelte sie kurz, ob sie die Organhandel-Geschichte aufnehmen sollte. Sie sah sie schon kommen, die Juristen und Journalisten, mit ihren rechtlichen Bedenken und Storys.
«Chuck», sagte sie zu ihrem Ko-Autor, «ich kenne doch meine Feinde.»
Doch Carla Del Ponte wollte nichts auslassen. Und so brachte ihr Buch alle Seiten gegen sie auf. Und statt gleich gerecht, fühlten sich alle Seiten gleich ungerecht behandelt: Del Ponte hatte gegen die Serben geschrieben, gegen die Albaner, gegen die Nato, gegen die Uno und sogar gegen ihre eigenen Leute im Haager Tribunal. Für Del Ponte war der «Skandal» nicht ihr Buch. In ihrem Buch ist der Skandal, dass die zuständigen Uno-Behörden in Kosovo seit der Hausdurchsuchung im Jahr 2004 im Organhandel-Fall nichts mehr unternommen hatten. Bezeichnend für die Uno-Mission in Kosovo, «eine der schlechtesten Friedensmissionen der Geschichte», sagt Chuck Sudetic, Del Pontes Ko-Autor.
Und da schossen alle zurück gegen die «Gerechtigkeitsfanatikerin» Del Ponte: Ihre eigenen Leute hätten ja in Den Haag die Beweise aus dem gelben Haus — die Spritzen, den Waffenhalter, die Medikamente — zerstört, weil diese Dinge offenbar keine Beweise waren. Sondern Müll.
Beweise hat bisher niemand gefunden. Vielleicht gibt es keine Beweise. Vielleicht ist diese Geschichte bloss ein politisches Fussballspiel, das von der Hauptsache ablenkt. Denn tatsächlich gibt es einige Hundert vermisste Serben und Roma, Nachkriegsopfer. Doch für diese Opfer interessiert sich kaum einer — besonders nach Carla Del Pontes Buch.

Von den Russen
Nun übernimmt ein Mann namens Dick Marty. Sein Auftraggeber ist der Europarat. Kurz nach Erscheinen von Del Pontes Buch haben die Russen mit einer Motion die Mission erwirkt. Nun fragt sich alle Welt und fragen sich vor allem die Experten von damals, zu welcher Seite dieser neue Mann gehört, der Sonderermittler des Europarats und FDP-Ständerat, mit dem weissen Bart und dem diffusen Blick.
Ist seine Balkan-Mission eine politische? Soll er Ruhe und Frieden stiften oder will er die Wahrheit herausfinden und nichts als die Wahrheit? Dass nun durch Marty endlich professionell ermittelt wird, dazu sagt Del Pontes Ko-Autor Chuck Sudetic am Telefon: «It’s a victory!»
Carla Del Ponte selbst sagt öffentlich gar nichts mehr. Sie scheint in einer Quarantänestation abzuwarten, bis sich alles aufklärt. Sie ist Schweizer Botschafterin in Argentinien und erhielt vom Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten ein Redeverbot zu ihrem Buch. Wenn Dick Marty die Organhandel-Geschichte widerlegt, dann wird die grosse Carla auf dem Balkan als Lügnerin in die Geschichte eingehen.
Wenn Marty aber Beweise findet, wird Del Ponte eine Heldin sein.
Marty sagt im September 2009, die Untersuchungen im Organhandel-Fall seien eine weitere «Mission Impossible». Dann lächelt er. Seit seinen erfolgreichen Ermittlungen über die CIA-Foltergefängnisse in Osteuropa wird er nicht mehr unterschätzt, der Mann aus dem Tessin.
Marty lässt die Hände in der Luft wirbeln und sagt: «Das gelbe Haus ist ein bisschen ein Symbol geworden für die ganze Sache.»
Viel wichtiger, das Wichtigste seien die Vermissten. Deren Gräber müsse man finden, damit die Familien einen Ort hätten, um zu trauern.
Was weiss Marty, und woher? Und wie geht Marty vor, und wie kommt er voran? Wie ein Vermittler besucht er die verschiedenen Parteien, hört sie an und lässt sich hier Material zeigen, setzt dort Druck auf. Er hat die «Opferseite», die Serben, besucht und einen «blauen Ordner» mit «neuen Beweisen» ausgehändigt bekommen. Marty hat auch die «Täterseite» gesprochen, Albaner in Albanien und in Kosovo. Er hat sich bestimmt auch sämtliche Medienberichte antun müssen, die kaum Neues und viel Unklarheit zurücklassen.
Und die Amerikaner? Könnten die USA aus ihren Archiven Luftaufnahmen des fraglichen Gebiets — Nordalbanien — von 1999 beisteuern? Auf denen Spuren von Transportfahrzeugen und frisch aufgeworfene Gräber leicht zu erkennen wären? Marty sagt, die Amerikaner seien schon immer verschlossen gewesen, was den Balkan betrifft. Und Obama? «Der hat im Moment genug andere Probleme.»

Den Krieg verloren
Nach dem Gespräch mit Marty, der sich nicht in die Karten schauen lässt, fliegen wir nach Serbien. Wir möchten Belgrads neue Beweise sehen. Die neuen Beweise gegen die «UCK-Terroristen», die im Süden Serbiens, in Kosovo, «Helden» sind.
Als wir in Belgrad landen, fällt uns der Regen auf, eine Art Nieselregen, bei dem man nass wird, ohne den Regen zu spüren. Der erste Blick des Touristen fällt auf das leer stehende, das zerstörte Verteidigungsministerium. Niemand übersieht dieses Gebäude, seine havarierten, von der Hitze zu Wellen verformten Etagen.
Man lasse diese Ruine seit 1999 stehen, als Mahnmal, erklärt die Übersetzerin. Sie übersetzt, was ein Passant unaufgefordert zu ihr gesagt hat. Das sei die Nato gewesen, sagt der Passant, das sei der Westen gewesen.
Belgrad hat 1999 nicht nur den Krieg, sondern auch den Propagandakrieg verloren. Es gab zwar Berichte von Übergriffen und Racheaktionen an serbischen Zivilisten in Kosovo. Doch für die Medien waren das nun einmal «Übergriffe» und nicht «Massaker», wie sie die Serben und vielleicht die Kroaten begangen hatten. Im Jargon der Presse führte die UCK keinen «Krieg», sondern einen «Kampf» — die «UCK-Kämpfer» waren keine «Soldaten». Und die «Racheaktionen» der Albaner im Juni 1999 gehörten zum ganz normalen Wahnsinn des Balkans — das waren doch keine «Kriegsverbrechen».
Und was von den schlecht informiert entsandten und von örtlichen «Experten» herumgeführten Korrespondenten in die westlichen Redaktionsstuben gelangte, durch die Hände zahlreicher und umsichtiger Lektoren ging und durch die Köpfe der Fernsehmenschen schliesslich ins Bewusstsein drang, war, dass die Serben die Täter seien und alle andern Opfer.
Del Pontes Buch ist für den Serben der Strasse eine Einladung, das Denken auszuschalten. Denn er hat es ja schon immer gewusst! Organe! UCK! UCK-Terroristen! Endlich ist sie aufgedeckt, die Weltverschwörung der UCK-Muslime, der Bosniaken, der kroatischen und westlichen Katholiken gegen das arme, das tapfere christlich-orthodoxe Serbien!
Serbien könne der Verlockung nicht widerstehen, Del Pontes Buch für politische Propaganda zu nutzen, sagt eine ehemalige Beraterin Del Pontes. «Die Organhandel-Geschichte ist für die Serben ein Mittel, um aus den ‹Tätern› ‹Opfer› zu machen.» Vladimir Vukcevic, imposante Erscheinung, der serbische Staatsanwalt für Kriegsverbrechen, hat sofort nach der Veröffentlichung von Del Pontes Buch ein Verfahren eröffnet. Zur Verstärkung seiner Aussagen lässt er die rechte Hand auf den Sitzungstisch niedersausen.
Und Herr Vukcevic sagt: «Der Organhandel-Fall ist das monströseste Verbrechen, mit dem mein Büro je zu tun gehabt hat. Es gibt im Miminum dreihundert serbische Opfer.»
Diese Zahl sei reine Propaganda, sagt die ehemalige Beraterin Del Pontes. Seit dem Buch zählten die Serben sämtliche ihrer in Kosovo vermissten Leute automatisch als Organhandel-Opfer.

Ein Biergespräch
Hinter Vladimir Vukcevic, dem grauen Spitzbart, hängt ein Bild der Justicia. Doch der Mann spielt offenbar eine Rolle. Westliche Diplomaten sagen, Herr Vukcevic sei nur einer von vielen serbischen Staatsanwälten für Kriegsverbrechen. Der Mann für die Medien.
Und jetzt formt Vukcevic die Augen zu Schlitzen und sagt: «Um genau zu sein, wir wussten schon vor Del Pontes Buch von dem Fall. Dem gelben Haus und dem Organhandel. Eines Tages in Den Haag traf sich einer unserer Leute mit einem Mitarbeiter des Tribunals zu einem Bier.»
Und bei dieser Gelegenheit scheint der Mitarbeiter des Tribunals über den Organhandel im Norden Albaniens ausgeplaudert zu haben. Es sei zwar ein privates Treffen unter Kollegen gewesen, sagt Vukcevic und lächelt, doch seien seine Leute verpflichtet, über sämtliche ihrer Aktivitäten Bericht zu erstatten. Selbst über Biergespräche?
Ich frage Vladimir Vukcevic, welche Beweise er für seine Anschuldigungen habe. Und Staatsanwalt Vukcevic beginnt zu erzählen.
Ein Zeuge hat für ihn auf einem Zettel aufgezeichnet, wie eines der UCK-Foltercamps in Albanien ausgesehen haben soll. Vukcevic ortete das Foltercamp in der nordalbanischen Stadt Durres, beim Hafen.
Doch das ist noch gar nichts. «Blic», ein Belgrader Ableger der Schweizer Ringier-Presse, berichtete zuerst über Vukcevics nächsten Coup. Anfang 2009 präsentierte der Staatsanwalt der Presse einen Mann namens Rade Dragovic.
Dragovic habe seinen entführten Vater auf einem Foto wiedererkannt. Und das Foto sei in Nordalbanien aufgenommen worden, sagt Vukcevic. Das Foto zeige den UCK-Terroristen Agim Ramadani, Kodename «Katana», welcher den Vater Dragovic auf einer Berganhöhe in die Wiese drückt.
Der «Terrorist» Ramadani scheint wie mit einer Jagdtrophäe zu posieren. Und auch sein Opfer schaut in die Kamera. Es scheint, als stehe die Exekution bevor.
Doch war Ramadani wirklich der Täter, und war er wirklich ein Terrorist? Agim Ramadani starb am 11. April 1999. Die Umstände seines Todes sind ungeklärt. Ramadani war 1998 nach Kosovo geflogen, Flughafen-Kloten, um für die Freiheit seines Landes zu kämpfen. Seine Frau, die Tochter und zwei Söhne liess er damals in der Schweiz zurück.
Das Foto ist unscharf. Fragt man einen Kosovo-Albaner, dann sagt er, das Foto sei so unscharf, das Gesicht könne jedem gehören. Und der Albaner ärgert sich und fragt: «Warum müssen die Serben ausgerechnet unseren weisesten UCK-Kämpfer kriminalisieren?» Im Jahr 2002 erschien posthum ein Gedichtband Ramadanis, und jeder Albaner hätte gerne eines seiner Ölbilder an der Wand. Die Albaner wollen nicht glauben, dass ihr grosser Künstler das getan haben könnte. Und warum, fragt der Kosovo-Albaner, der mit Ramadani in Zürich Kaffee trank und ihn über dies und jenes philosophieren hörte — warum beschränkten sich die Serben nicht wenigstens auf jene UCK-Kommandanten, die tatsächlich eine Schattenseite hätten?
Trotzdem, noch einmal die Frage: War Agim Ramadani der Täter? Am 11. April 1999 ist er gefallen. Und erst zwei Monate später — am 22. Juni 1999 — verschwindet Rade Dragovics Vater. Der Künstler Ramadani kann nicht der Mörder von Rade Dragovics Vater gewesen sein — aus Zeitgründen.
«Wir wissen nicht, ob ihm Organe entnommen wurden», sagte Rade Dragovic über seinen vermissten Vater an der Pressekonferenz in Belgrad. Neben ihm sass mit finsterer Miene Staatsanwalt Vukcevic.

Mehr als Beweise
Wie soll Ermittler Marty mit solchen Fällen umgehen? Monat für Monat winkt Belgrad mit neuen Beweisen, es ist eine Flut. Staatsanwalt Vukcevic meldete Ende 2009 der Belgrader Presse, er habe «vier neue Zeugen» im Organhandel-Fall. UCK-Zeugen. «Doch bevor wir damit an die Öffentlichkeit gehen, möchte ich die neuen Beweise Dick Marty bei seinem nächsten Besuch übergeben.» Würde Vukcevic am Ende doch Martys Fall gelöst haben?
Belgrad hat weniger Beweise, als es seine Presse glauben lässt. Doch wie jede Kriegspartei hat auch Belgrad mehr als Beweise. Das Land hat Kosovo-Serben wie Rade Dragovic, von denen etwa hunderttausend aus Kosovo fliehen mussten. Hunderttausend und die Klage, die Albaner hätten ihre Kirchen geschändet und bewohnten jetzt ihre Häuser. Hunderttausend, die in Belgrad wie Soldaten aus einem verlorenen Krieg behandelt werden — mit gemischten Gefühlen.
Es ist das Schicksal der Kosovo-Serben, Serbiens Propaganda zu dienen. Ende 1980 dient die von Albanern «umzingelte» Minderheit der Serben in Kosovo dem nationalistischen Kurs des Slobodan Milosevic. «Niemand darf euch schlagen», das ist Milosevics Botschaft an die Kosovo-Serben, die in den Krieg mündet. Und heute suchen die Kosovo-Serben nach ihren Vermissten und Vergessenen, man soll ihren Liebsten die Organe herausgeschnitten haben, hundertfach — und Belgrad fühlt sich bestätigt in seinem Opferbewusstsein.
Was sagt Natasa Kandic, Serbiens bekannteste Menschenrechtlerin, zum mutmasslichen UCK-Organhandel? Im Jahr 1999 gehörte die Serbin Kandic nicht zum Flüchtlingsstrom, sondern fuhr hinein ins Kriegsgebiet, um mit ¬eigenen Augen zu sehen, was in Serbiens «Herz» geschah. Denn noch heute weiss niemand, was damals in Kosovo vor sich ging. Die Presse wartete in den Flüchtlingslagern an der Grenze, Mazedonien und Albanien, die Journalisten filmten die Ankunft der Menschenströme, die Opfer zeigten ihre Wunden. Doch die Bilder, die um die Welt gingen, zeugten von einem schwarzen Loch.
Was sah Kandic in Kosovo? Sah sie UCK-Kämpfer, zur Schreckenstat des Organraubs imstande? Kandic sah marodierende serbische Truppen, deren Hass auf die Albaner nach den Nato-Bombenangriffen auf Belgrad keine Grenzen kannte. Doch dann sah sie auch junge serbische Soldaten, die um Vergebung flehten. Sie sah, wie die Knabensoldaten weinten und auf die albanischen Flüchtlingsschlangen einredeten, sie mögen ihnen vergeben. Vergebung, denn es sei nicht ihr Fehler, es seien die Befehle ihrer Kommandanten gewesen.
Kandic sah keine Organhändler. Kandic sah Extremisten. Wahnsinnige Männer auf beiden Seiten. Und sie sah, die Albaner Rache üben. Sie hörte etwa — nachzulesen in ihrer 2001 publizierten Sammlung von Zeugenaussagen — von Frau Stojanovic, einer Kosovo-Serbin, die ihren Mann nach dem Krieg verlor. Sie habe von dem albanischen Arbeitgeber ihres Mannes ein Telefon erhalten, nachdem er zwei Wochen lang nicht zur Arbeit erschienen war. Frau Stojanovic antwortete dem Arbeitgeber, ihr Mann sei nach der Nachtschicht um acht Uhr nach Hause gekommen und dann ins Stadtzentrum gefahren, um Medizin zu kaufen. Seither sei er vermisst. Sie habe es der Kfor gemeldet. Doch die Kfor hat bis heute nichts unternommen.
Der albanische Arbeitgeber habe am Telefon gelacht. Er sagte, wahrscheinlich sei ihr Mann nach Serbien zu einer anderen Frau geflüchtet.
Natasa Kandic, geboren 1946, trägt ihren Mantel wie eine Decke über den Schultern. Sie habe die Stimmbänder ¬einer langjährigen Raucherin, steht in Del Pontes Buch. Die Stimme klingt rau und jedes Wort hart erkämpft. Sie sagt nicht, die serbischen Ermittler hätten keine Beweise für den Organhandel. Sie sagt nicht, dies alles sei reine Propaganda. Das will sie alles nicht sagen. Sie will ihr Land nicht vor den Kopf stossen. Sie, die in Serbien lange und zu Unrecht verhasst war, sie würde Serbien und immer nur Serbien anklagen. Doch sie sagt, es gebe keine Beweise. Es gibt keine Beweise, es gibt nur Leid und Rache und Unrecht und Gerüchte. Abdullah K.s Haus zerrinnt an diesem Abend unter Natasa Kandics müden Augen zu einem mythischen Ort.
«Carla Del Ponte hat einen Fehler gemacht, als sie diese Geschichte veröffentlicht hat», sagt Kandic. «Der Schrecken um den Organhandel hat die Aufmerksamkeit von der Hauptsache abgelenkt.» Kandic meint die vielen Vermissten, die über tausend Albaner, die Roma, die niemand sucht, weil sie Reisende sind, und auch die nach Kriegsende verschwundenen etwa vierhundert Serben, von denen einige über die Berge nach Albanien verschleppt worden sein sollen, wohl um der Rache willen. Kandic sagt: «Hier ist die Beweislage sehr viel stärker.»
Und diesen Rat habe sie auch Dick Marty mit auf den Weg gegeben.

Die Sinnlosigkeit
Ein Gestank, erzählt ein emeritierter Schweizer Rechtsmediziner, dringe in die Nase, ein süsslicher Gestank, wenn man an der ins Erdreich gedrungenen Suchstange rieche und auf ein Massengrab stos¬se. Um diese Arbeit zu verrichten, sagt er, der in den Neunzigern Leichen in Bosnien, Serbien und Kosovo exhumierte, müsse man abgeklärt vorgehen und kühl und rasch wieder zurück in die Schweiz, Maladers, Graubünden. Sonst ertrage man es nicht. Den Tod. Die Sinnlosigkeit. Die Langeweile, während man auf den Einsatz wartet.
Er, als Gerichtsmediziner, könne sich eine Organentnahme unter derart primi¬tiven Umständen, 1999 in Albanien, höchs¬tens bei einer Niere vorstellen. Mit dem simpelsten aller Eingriffe, «dem sanft geschweiften Heidelberger Lumbotomieschnitt nach Von Bergen-Disrael in der Modifikation nach Warwyk-Turner». Alles andere, Herz, Leber, Lunge, sei zu kompliziert. Um über diese schreckliche Geschichte etwas herauszufinden, sagt der emeritierte Rechtsmediziner, müsse man vielleicht wie bei einem Puzzle leicht schummeln. Noch bevor das Bild komplett sei, müsse man den Mut haben und etwa sagen: «Genau, das kann doch nichts anderes sein als das Château de Chillon bei Montreux!»
Das Land Kosovo ist ein verwunschenes Schloss. Die Fahrt durch das Land, kleiner als die Hälfte der Schweiz, ist eine Weltreise. Man sieht Landschaften, lieblich wie das Emmental. Man sieht Kriegsschäden. Und bis heute zerbombte Häuser, in denen Menschen leben. Und kaum ein Haus, dessen rote Ziegelsteine mit einer Farbe übermalt wären.
Wozu auch? Zum Überleben? Das Land hat knapp zwei Millionen Einwohner, fünfundvierzig Prozent sind heute ohne Arbeit.
Man sieht UCK-Kämpfer, die ihre Uniform bis heute nicht ausgezogen haben. Und sie wollen weder gestehen noch bereuen. Hier sind sie Helden.
Man merkt, wie selbst Kosovos Intellektuelle vor Kritik am Militarismus zurückscheuen. Und jene Stimmen, die ganz genau wissen, dass Funktionäre aus der Nachfolgepartei der UCK, der PDK, für politische Morde nach dem Krieg verantwortlich sind, sind leiser geworden.
Und man fragt einen Mann, der im Juni 1999 nach dem Krieg im Ort J. lebte und bestimmt weiss von der hiesigen Schule, damals eine UCK-Unterkunft. Und obwohl dort, Zeugenaussagen zufolge, einige Serben und albanische «Verräter» verhört und gefoltert und in den Rollstuhl gebracht wurden, antwortet der Mann mit dem stummen Lächeln eines Schulkindes.
Die Leute hier sagen immer: «Wir sind müde.» Und damit meinen sie nicht, dass die Vergangenheit ihres jungen Staates aufgearbeitet werden soll. Sie meinen, jetzt endlich in die Zukunft schauen zu können. Und plötzlich sieht man Elemente dieser Zukunft. Einen Mercedes. Dann eine verlängerte sechstürige Limousine. Kinder am Strassenrand, die zur Schule laufen. Und dann auffallend, wie der junge albanische Übersetzer durch Schnee und Matsch läuft, aber immer wieder seine Schuhe und den Mantel vom Dreck befreit.
Man hört die jungen Kosovaren über ihre eigenen Machthaber lachen. Diese scheinen sich noch nicht vom Dreck befreit zu haben. Machthaber mit Machenschaften. Machthaber, kontrolliert von den USA und Europa, viel zu viele Hampelmänner. Und einige von ihnen schmücken sich mit Universitätsabschlüssen — ein Professor an einer Schweizer Universität klagt noch heute: Dieser da, dieser führende Politiker in Kosovo schulde ihm noch einen Kolloquiums-Beitrag!

Hilfe für die Helfer
Man hört auch über die Uno-Behörden in Kosovo nicht nur Gutes, auch von gemässigten Stimmen, hört zum Beispiel von jenen Uno-Mitarbeitern aus dem Fernen Osten, die für ein paar Monate hier in Kosovo stationiert waren und zum ersten Mal in ihrem Leben Schnee sahen. Weshalb sie mit ihren schweren Uno-Fahrzeugen regelmässig von der Strasse abkamen und ihnen dann die Einheimischen helfen mussten. Waren nicht sie, die Asiaten, als Helfer gekommen?
Und dann sieht man die Graffiti der Extremisten, Vetevendosje, die keine Uno mehr wollen und überhaupt nicht mehr überwacht werden wollen, auch nicht von der Eulex, seit zwei Jahren die europäische Nachfolgeorganisation.
«EULEKSPERIMENT».
«EULEX Made in Serbia».
Und was will dieser Dick Marty hier? Organhandel? Geschehen vor zehn Jahren? Hat sich Marty nicht vor zwei Jahren gegen die Unabhängigkeit Kosovos ausgesprochen? Hat er nicht gesagt, er glaube, dieses Land sei noch nicht bereit für die Unabhängigkeit? Ist dieser Marty gekauft von Belgrad, wie Carla Del Ponte? Die hiesigen Zeitungen — die meisten von ihnen befinden sich im Besitz einer Partei — umgehen im Zusammenhang mit Martys Besuch das Thema Organhandel. Der Mann aus der Schweiz scheint Mitte Januar nur hier zu sein, um Kaffee zu trinken. Er interessiert sich für die Situation der serbischen Minderheit und ein wenig für die Vermisstenfrage. Die Gespräche verlaufen «in einer guten Atmosphäre». Steht in den Zeitungen Kosovos.
Mittwochmorgen in Alpha Bravo, ¬einem ehemaligen Uno-Camp, heute Eulex. Die Büros sind aufeinanderge¬schichtete weisse Containerklötze, hier drin arbeiten die Ermittler der Eulex-Einheit zur Aufarbeitung von Kriegsverbrechen. Um elf Uhr kommt Europarat-Berichterstatter Dick Marty zu einer Besprechung. Sirenen. Neun Jeeps kurven durch die Sicherheitszone Alpha Bravos, Marty steigt aus dem schwarzen Fahrzeug, getönte Scheiben, ein mächtiger Auspuff.
Marty besucht Matti Raatikainen, noch jemanden, der in Sachen Organhandel ermittelt. Raatikainen ist der Chefer¬mittler in dieser Containerwelt, er trägt eine selbst tönende Brille, die aufhellt, wenn er im Büro sitzt. Auch Raatikainen war im Jahr 2004 in Abdullah K.s Haus, damals als Leiter von Del Pontes Team.
Der Mann aus Finnland sagt: «Wir haben heute, um ehrlich zu sein, viele andere Fälle. Wichtigere Fälle. Der Organhandel-Fall ist nicht abgeschlossen. Aber der Medien-Bullshit sollte ein Ende nehmen.»
Was also will Marty hier?
«Ich weiss nicht, was für Informationen und Beweise Herr Marty hat. Ich weiss nicht genau, was er will. Den Serben zufolge soll er alles haben. Aber wenn er nicht mehr hat als wir, dann hoffe ich, er wird das so in seinem Bericht schreiben. Dann hoffe ich, er wird sagen, lasst es uns jetzt erst mal vergessen.»
Sein Team finde jedes Jahr viele Vermisste, sagt Raatikainen. «Letztes Jahr haben wir 101 Körper gefunden. 36 davon konnten wir identifizieren, Serben und Albaner. Die meisten findet man irgendwo in Kosovo. Und doch arbeiten wir in Albanien an einem Fall in Kukes.»
Insidern zufolge wird der Fall demnächst die hiesigen Gerichte beschäftigen. UCK-Kämpfer sollen nach dem Krieg in ihrem Nachschublager in der Grenzstadt Kukes, Nordalbanien, gefangene Serben und albanische «Verräter» gefoltert und getötet haben. Die Recherchen zu diesem Fall hat niemand anderes als der Journalist Michael Montgomery vorangetrieben. «Michael hat in der Vergangenheit einige grossartige Arbeiten abgeliefert», sagt Raatikainen. Und in den höchsten Tönen spricht er von seiner ehemaligen Chefin Carla Del Ponte. «Ohne Carla wären wir in Den Haag nirgends hingekommen.»
Und doch muss Raatikainen wegen der Medien, wegen Montgomery und wegen Carla Del Pontes Buch immer nur über das eine reden, sobald die Familien der vermissten Serben sein Büro besuchen — das gelbe Haus, das gelbe Haus, das gelbe Haus.
Während Marty mit Raatikainen Informationen austauscht, sprechen wir draussen mit einem seiner Bodyguards. Der Mann mit dem kurzen Hals schaut so finster drein, als blende ihn immerzu die Sonne. Martys Bodyguard zeigt seinen Ausweis — ein ehemaliger UCK-Kämpfer. Als Ramush Haradinaj, UCK-Kommandant, in Den Haag vor Gericht stand, «war ich Ramushs Bodyguard».
Und jetzt ist er Dick Martys Bodyguard und sagt: «Ich hoffe, Herr Marty wird mit seinen Ermittlungen den Gerüchten um den Organhandel ein Ende bereiten. Es ist eine Schande für den Kampf der UCK.»
Der Bodyguard muss zurück an die Arbeit. Dick Marty kommt die Treppe herunter, springt aus dem Container ins Fahrzeug.
Blaulicht.
Martys Tross verlässt Alpha Bravo.
Dieses unfertige und schwierige Puzzle ist wohl so zu deuten, dass der UCK-Organhandel, selbst wenn er stattfand, höchstens von wenigen Mitgliedern betrieben wurde. Es war kein gross angelegtes «UCK-Ding».
Vielleicht wollten Montgomerys Zeugen, die das behauptet haben, auch einfach nur Visa für die USA.
Die Hauptsache ist, dass in Nordalbanien gegraben werden darf. «Man muss die albanischen Behörden endlich in die Pflicht nehmen. Ich hoffe, Herr Marty wird dies in seinem Bericht nahelegen», sagt Florence Hartmann, ehemalige Beraterin Del Pontes in Den Haag.
Chuck Sudetic, Del Pontes Ko-Autor, sagt: «Meine Quellen sagen mir, dass Marty mehr tut, als viele denken.» Was denkt Matti Raatikainen, der nüchterne Chef der Eulex-Container-Welt? «Von den drei- bis vierhundert Serben, die nach dem Krieg verschwunden sind, wurden nicht alle nach Nordalbanien verschleppt. Mir scheint diese Zahl etwas zu hochgegriffen.»

Wenn es nicht stimmt
Und als sie all dies hören, verfallen die Angehörigen der Vermissten in ein un¬heimliches Schweigen. Sie sind arm, viele haben ihre Ernährer verloren, und sie gehören nicht zu den 92 Prozent Albanern, sondern zu den sieben Prozent Serben in Kosovo. Sie haben sich heute in ihrem Treffpunkt eingefunden, einem Container in Gracanica, einer serbischen Enklave.
Eine Frage steht im Raum. Was denkt dieser Journalist aus der Schweiz? Er war nun bei diesem gelben Haus und hat die Leute dort gesprochen, Leute, «die ja genau so arm sind wie wir hier».
Hat man dort nun ihren Liebsten die Organe entnommen?
Oder nicht?
Eine Frau, Juristin, die den Nachnamen eines serbischen Kriegsverbrechers trägt, notiert eifrig alles auf.
Nachdem ich meine lange Antwort gegeben habe, verlieren die Leute für ¬einen Moment ihre Trauer. Es könnte also sein, dass alles nicht stimmt. Es gibt also weder Beweise dafür noch dagegen, und vieles, was geschrieben wurde, ist völlig falsch. Im Container wird gelacht, es wird geflüstert und geplaudert. Organe! Dieser Gedanke, jemand habe ihre Liebsten derart geschändet, hat sie fast wahnsinnig werden lassen.
Der Gedanke weicht jetzt für einen Moment. Ein Mann liest noch einmal ¬einen Artikel über den Organhandel, ¬einen der vielen Organhandel-Artikel des Magazins der Vermisstenvereinigung, durchsetzt mit den fragwürdigen Beweisen des serbischen Staatsanwalts Vukcevic. Der Mann runzelt die Stirn. Seine Lippen bewegen sich beim Lesen. Dann steht er auf und zeigt mir den Artikel und lacht. Was für ein Unfug. Was für eine Räubergeschichte!
Jetzt braucht er eine Zigarette.
Es trocknen die feuchten Augen jener Frau, die ihren Mann und all ihre Kinder vermisst. Eine andere Frau, die vorhin den Westen verwünschte, die Kfor, die Uno, das Rote Kreuz, reibt sich das Gesicht.
Sie strahlt für fünf Minuten.
Dann weint sie wieder.
Der Chefredaktor des Magazins der Vermisstenvereinigung will mich unter vier Augen sprechen. Der freundliche ältere Herr mit Halbglatze vermisst seine Frau. Nicht vor den andern will er diese Frage stellen. Die Frage sei doch, ob es noch eine Chance gebe, dass einige der Vermissten noch am Leben seien.
Er möchte keine lange Antwort. Er möchte jetzt einfach ein Ja.
Oder ein Nein.
Zurück in Zentralalbanien. Der 76-jährige Abdullah K. will uns nicht in sein Haus einladen. Selbst der Dorfälteste konnte den zornigen K. während einer Unterredung im Haus nicht besänftigen, auch seinen Sohn nicht, der sagt, er sei wegen des Verdachts schon einmal im Gefängnis gelandet. Der Sohn K.s schaut einem selten und nur kurz in die Augen, und die Frauen kommen manchmal aus dem Haus und verfluchen uns. Eine gibt mir schliesslich die Hand.

Der Dorfälteste
Der Dorfälteste entschuldigt sich und bittet um Verständnis. Er ist 58 Jahre alt und nicht der Älteste im Dorf. Doch er regelt hier so manches und mag sich an einige Ausländer und ihre Gesichter erinnern, wenn man ihm Fotos zeigt.
Chuck Sudetic, den Ko-Autor von Del Pontes Buch, erkennt der Dorfälteste sofort. Dieser freundliche Herr habe mit ihm Kaffee getrunken und ihm fünfzig Euro gegeben. Das sei im Frühjahr 2008 gewesen, und der Mann habe sich sehr für das Haus der Familie K. interessiert.
Es ist neun Uhr, ein Montagmorgen, die Männer trinken sich mit Schnaps in der engen Dorfbar munter. Der Dorfälteste erhebt sein Raki-Glas, wieder und wieder, hochprozentiger Alkohol.
Niemals und nirgends, sagt der Dorfälteste, habe es in dieser Region UCK-Kämpfer gehabt, nein, auch in der nahen Stadt Burrel nicht. Der Journalist Montgomery hingegen sagt, es sei «erwiesen», dass in den Kriegsjahren «viele, viele» UCK-Kämpfer durch die Stadt Burrel gezogen seien. Und dort sei auch eine UCK-Basis gewesen. «Zeugen sagten uns, in dieser Basis seien Gefangene gehalten und gefoltert worden, wie auch an anderen Orten der Region.»
Wie viel Wahrheit ist noch zu finden bei den damaligen Ermittlern, in diesem Dorf und bei seinen Bewohnern?
Der Dorfälteste erinnert sich auch an Dick Marty, den er bei sich zu Hause zum Essen empfangen habe. Sehr sicher sei er sich, dass der Mann mit dem weissen Bart und dem diffusen Blick hier war. Aber natürlich habe der Herr keine Krawatte getragen, wie auf diesem Foto hier!
Der Pressesprecher des Europarats schreibt auf Anfrage: «Herr Marty hat das ‹gelbe Haus› nicht persönlich besucht, hat aber während seines Aufenthalts in Albanien vor einigen Monaten einen seiner Assistenten dorthin geschickt.» Der Assistent habe das Haus nicht besuchen und nicht mit der Familie K. sprechen können — wegen einer Demonstration der Dorfbewohner.
Der Dorfälteste verschweigt diesen Aufstand gegen die Europarat-Delegation nicht. Aber er sei sich sicher, er habe Dick Marty irgendwann einmal zum Haus der Familie K. begleitet, und Marty habe Abdullah K. die Hand gegeben, und die beiden Männer seien im Innern des Hauses verschwunden, um zu reden. Und nun erwartet alle Welt Dick Martys Bericht und die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.

Thomas Zaugg ist redaktioneller Mitarbeiter des «Magazins». thomas.zaugg@dasmagazin.ch
Bilder Fabian Biasio
info@biasio.com

Matti Raatikainen, Leiter der Eulex-Einheit zur Aufarbeitung von Kriegsverbrechen: «Letztes Jahr haben wir 101 Leichen gefunden.» | Fabian Biasio
Matti Raatikainen, Leiter der Eulex-Einheit zur Aufarbeitung von Kriegsverbrechen: «Letztes Jahr haben wir 101 Leichen gefunden.» | Fabian Biasio
In Rribe: Noch darf hier nicht gegraben werden. Wird Dick Marty das ändern? | Fabian Biasio
In Rribe: Noch darf hier nicht gegraben werden. Wird Dick Marty das ändern? | Fabian Biasio
Bewohner von Rribe, wo das «gelbe» Haus steht: Was haben sie gesehen, was wissen sie? | Fabian Biasio
Bewohner von Rribe, wo das «gelbe» Haus steht: Was haben sie gesehen, was wissen sie? | Fabian Biasio
Grenzgebiet zwischen Kosovo und Albanien: möglicher Weg des mutmasslichen Organhandels | Fabian Biasio
Grenzgebiet zwischen Kosovo und Albanien: möglicher Weg des mutmasslichen Organhandels | Fabian Biasio
FDP-Ständerat Dick Marty: seit 2008 Sonderermittler des Europarats in Sachen Organhandel | Fabian Biasio
FDP-Ständerat Dick Marty: seit 2008 Sonderermittler des Europarats in Sachen Organhandel | Fabian Biasio
Der Dorfälteste von Rribe: «Habe mit Dick Marty gegessen und ihn zum gelben Haus geführt.» | Fabian Biasio
Der Dorfälteste von Rribe: «Habe mit Dick Marty gegessen und ihn zum gelben Haus geführt.» | Fabian Biasio
Gjilan in Kosovo: Wurden Serben von hier nach Albanien verschleppt? | Fabian Biasio
Gjilan in Kosovo: Wurden Serben von hier nach Albanien verschleppt? | Fabian Biasio

Die Diskussion

10 Reaktionen

  1. r.muharemi

    Ein sehr interessanter Artikel! Erfreulich, dass dieser Artikel die “Geschichte” von verschiedenen Perspektiven zeigt. Jedoch finde ich den Titel alles andere als passend. Verglichen mit dem Inhalt tendiert er dazu den Leser zu irritieren und die Frage mit einem sehr schnellen Ja zu beantworten.

    Wie im Artikel beschrieben sind auf dem Balkan viele schreckliche Dinge geschehen. Leider scheint das gelbe Haus von den wirklich tragischen Ereignissen abzulenken wie etwa Srebrenica, anderen Massengräbern und eigentlich noch wichtiger – der aktuellen Lage und den schwierigen Lebensumständen dieser Menschen; schwache Wirtschaft, Bildung, korrupte Politik etc. Damit will ich nicht sagen, dass die hundert von vermissten Serben keine Bedeutung haben. Im Gegenteil. Aber es gibt auf allen Seiten viele Opfer, auf der nicht-serbischen Seite jedoch am meisten.

    Was der Balkan auf jeden Fall braucht ist Vergangenheitsbewältigung. Die verschiedenen Volksgruppen müssen lernen Fehler einzugestehen und zu überarbeiten. Schliesslich müssen oder sollten wir in diesem Gebiet auch in 1000 Jahren als Nachbarn friedlich mit einander leben.

    Liebe Grüsse aus Lissabon
    R. Muharemi

  2. Moshe Aaron Weinreb

    GUTER ARTIKEL: der Leserbrief ist typische Kosovo-albanische Propaganda.
    =======================================================================

    Der Artikel ist gut recherchiert, doch formal etwas zu langfaedig: dadurch, dass er so lange ist, werden ihn wenig Leute leider durchlesen. Aber gut.

    Zum Inhalt: Ich kenne Yugoslavia seit 1962 sehr gut – leider muss ich feststellen, dass die Kriegsverbrechen der Albaner an der Serben praktisch kein Thema waren, aus Gruenden die in der voelligen Orientierungslosigkeit und des Versagens der NATO und der UN Politik begruendet war und noch ist: Ruanda, und der 2. Irak Krieg unter Papa Bush. Die USA mussten irgendetwas tun, whatsoever.

    Der Konflikt zw. Serben und Albanern, viele von ihnen in den 60′ und 70′ illegal von Albanien nach Yugoslavien eingewandert, geht zurueck weit ueber die Jahre 1389′, als Serbien den Ottomanen unterlagen. 1914 war bloss einer der vielen blutigen Hoehepunkte in diesem Land.

    Nie gab es irgend eine Koexistenz, das Mindeste zw. den Volksgruppen war pure Ablehnung, die durchschnittliche Form offener Hass.

    Die grosse Idee eines Vereinten Yugoslavia unter Tito war immer eine Illusion.

    Interessant ist, sich noch daran zu erinnern, welche Regierungen zuerst den Kosovo akzeptierten:
    1. Die Tuerkei…die vielleicht einmal ihren eigenen Stall aufraeumen sollte, …….
    und
    2. Oesterreich, welches 600 Jahre Kriege mit Serbien fuehrten. Es gelang Oestereich nicht, eine Gesamt-EU Anerkennung des Kosovo durchzudruecken.

    Es war klar, dass solche Leserbriefe wie der eine des Albaners kommen, mit Statements wie
    “die Geschichte um das gelbe Haus lenkt ja bloss von den schrecklichen Dingen…wie Srebrenica ab…..”(!)

    Genau dies ist die Logik der Kosovo Albaner: sie werden nie ihre eigenen Verbrechen zugeben, sie ergehen sich immer in der gleichen absurden Logik. “Wir waren die Opfer, wir haben nichts getan”…

    Die beste Analogie zu solcher gestoerten Wahrnehmung findet man dort, wo die Osteurop. Regierungen einen Aufschrei darueber lancierten, ueber die Titelseite des Spiegels im Fruehjahr 2009:
    ” Die Komplizen” …, worum es um die Komplizitaet der oesteurop. Partner in der Vernichtung der Juden ging.

    Der Tenor, wie immer, besonders von der Polnischen Regierung: “Wir waren Opfer Russlands, mit der Judenvernichtung haben wir nichts zu tun”……

    Der Kosovo ist ein “failed, rogue state” gem. der beruehmten Def. unseres Freundes George W. Bush:
    Ein Schurkenstaat, der gem Berichtes 2007 der INTERPOL eines der beiden Hauptzentren des Drogenhandels und Menschenschmuggels (Prostitution) auf dem europ. Kontinent ist.

    Nicht mehr, nicht weniger.

    Uebrigens: mussten die Schweiz. Behoerden ihre Ermittler bez. IV Betrueger in Kosovo nicht zurueckziehen ….??

  3. rybakov

    Ein ungeschönter Bericht über diese Ecke Balkan, der nie zur Ruhe kommt. Der Autor stochert in den offenen Wunden der Serben, wie der der Kosovaren. Natürlich war eine Handvoll Serben für die Kriege und Zerstörung auf dem Balkan verantwortlich. Natürlich war Europa – wieder einmal – nicht in der Lage, sein Haus in Ordnung zu halten. Wer die Geschichte des Balkans kennt, weiss auch, wie die albanisch-kosovarische Seele mit ihrem Trauma umgeht: das weitverbreitete Clan- und Sippendenken hat sich weithin gefestigt. Demokratische Strukturen finden sich höchstens auf dem Papier ihrer doch eher zusammengeschusterten Verfassung. Immer noch gibt es in den abgelegenen Gebieten die Blutrache. Wieso frage ich mich, sollte dann nicht Organhandel über irgendwelche Kanäle möglich gewesen sein?
    An erster Stelle geht es hier doch nicht nur um irgendwelche zu Tode gekommenen Serben oder einige verräterische Kosovaren. Es geht um die Grundsatzfrage: war der Kosovo als heute existierendes Staatsgefüge überhaupt nötig? Die Skipetaren beweisen in ihrer langjährigen Geschichte als altes Kulturvolk Europas, dass sie nicht in der Lage sind, einen Staat zu organisieren, geschweige denn zu führen. Ich betrachte es auch als unseriös und äusserst fragwürdig, einem souveränen Staat, einen Landesteil zu entreissen, von dem die Legende des Serbentums erzählt wird. Die Serbenfürsten haben es wirklich nicht einfach. Die europäischen Fürsten werden sich noch viele Fragen gefallen lassen müssen. Nicht nur von den Serben!

  4. Alfred Boss

    DAS GELBE HAUS
    Haben Albaner nach dem Krieg Serben ermordet und ihre Organe verkauft?
    Empört über diese Gräueltaten will ich sofort Klarheit darüber haben, was in diesem gelben Haus wirklich passiert ist. Da geht es offensichtlich um Kriegsverbrechen, wie sie in der Nazizeit vor 70 Jahren verübt wurden. Und die Landsleute beider Länder leben heute in grosser Zahl unter uns. Kann das gut gehen?
    Wie ich mir dann das „gelbe Haus“ auf der reisserischen Titelseite ansehe, schaltet sich glücklicherweise mein Gehirn wieder ein:
    Das Haus ist nämlich weiss und das Fragezeichen hinter „verkauft“ ist nicht zu übersehen, wenn man richtig hinschaut.
    Was dann der Bericht hergibt, sind lauter Spekulationen und vernebelte Vermutungen, die ein
    miserables Licht auf ein ganzes Volk werfen.
    Äusserst unglaubwürdig ist natürlich der sog. Handel mit den Organen, der Ermordeten.
    Organtransplantationen sind nach wie vor tief greifende medizinische Eingriffe, die bis heute nur der Spitzenmedizin vorbehalten sind.
    Bevor z.B. eine Spenderniere verpflanzt werden kann, müssen umfassende Daten über den Spender vorliegen und die sind ja nicht mehr zugänglich, weil der „Spender“ ermordet wurde. Und wie soll dann auch noch, in einem völlig kaputten Land, das Transplantat, funktionsfähig einen „Kunden“ erreichen und erst noch zu einem hohen Preis?
    Ich habe schon manchen Krimi gesehen, aber selten einen derart unrealistischen.
    Sehr schlimm finde ich den Bericht durch seine aufdringliche Präsentation für das angeschlagene politische Klima in der Schweiz.
    Viele Leser unterdrücken nämlich reflexartig das kleine Fragezeichen im grossen reisserischen Titel.
    Ich befürchte, dass durch die Publikation dieses unfertig recherchierten Berichtes viel Öl ins Feuer der ziemlich fortgeschrittenen Fremdenfeindlichkeit in unserem Land gegossen wird.
    Also, was soll ein solcher Beitrag in einem renommierten Magazin??
    PS:
    “Die Wissenschaft interessiert sich in hohem Maße für die “Eisfrösche”. Sie hofft aus deren Einfriertechniken Methoden entwickeln zu können, die es ermöglichen, menschliche, für Transplantationen bestimmte Organe, einzufrieren und später ohne Beschädigung wieder aufzutauen“

    Nur mit einem „OBI-Tiefkühlschrank“ konnte also der „Transfer“ nicht bewerkstelligt werden!

  5. r.muharemi

    @ MOSHE AARON WEINREB

    Warum verurteilen Sie mich hier Propaganda zu verbreiten? Ich könnte genau so behaupten nach Ihren Namen her sind Sie gegen eine islamische Bevölkerungsgruppe! Aber das tue ich nicht! Was wissen Sie schon über Yugoslavien? Sind Sie in diesem System aufgewachsen? Ich auf jeden Fall schon! Zudem bin ich kein Kosovo-Albaner. Wie es scheint haben Sie in iergendwelchen Geschichtsbüchern was über den Balkan gelesen. Wir wissen alle das die Illyrer und Dalmatier vor den Serben auf dem Balkan waren. Die Saven sind viel später eingewandert. Zu den Oper zahlen lieber Herr Weinreb muss ich sagen, dass sehr vereinfachen! Es ist fakt, dass die Serbische Seite am wenigsten Opfer zu beklagen hat. Im Kosovokrieg sind über 12000 Menschen gestorben. In Bosnien und Kroatien, weiss Gott wie viele. Kam jemals eine Entschuldigung? Haben die Serben i@ MOSHE AARON WEINREB

    Warum verurteilen Sie mich hier Propaganda zu verbreiten? Ich könnte genau so behaupten nach Ihren Namen her sind Sie gegen eine islamische Bevölkerungsgruppe! Aber das tue ich nicht! Was wissen Sie schon über Jugoslavien? Sind Sie in diesem System aufgewachsen? Ich auf jeden Fall schon! Zudem bin ich kein Kosovo-Albaner. Wie es scheint haben Sie in irgendwelchen Geschichtsbüchern was über den Balkan gelesen. Wir wissen alle, dass die Illyrer und Dalmaten vor den Serben auf dem Balkan waren. Die Saven sind viel später eingewandert. Zu den Oper zahlen lieber Herr Weinreb muss ich sagen, dass Sie sehr vereinfachen! Es ist Fakt, dass die Serbische Seite am wenigsten Opfer zu beklagen hat. Im Kosovokrieg sind über 12000 Menschen gestorben. In Bosnien und Kroatien, weiss Gott wie viele. Kam jemals eine Entschuldigung? Haben die Serben irgendwas zugegeben? Alles wird auf Tote Anführer wie Arkan oder Milosevic geschoben! Aber das ist nicht das Thema hier. Wie Herr Boss richtig schreibt, gibt es zu viele Spekulationen ohne handfeste Beweise, die ein falsches Bild über verschiedene Volksgruppen werfen.

    Zudem frage ich mich, ob es überhaupt möglich ist unter solchen Umständen Organe zu entnehmen und an die Kunden zu bringen! Falls das alles geschehen ist, verurteile ich natürlich diese Tat.

  6. Fabian Auchter

    Lieber Thomas
    Habe den Artikel mit grossem Interesse gelesen, musste mich aber auch etwas durchkämpfen. Doch genau dieses Gefühl überkommt mich auch jedesmal, wenn ich mich persönlich mit diesem Thema auseinandersetze. Ich war im 2003 in Kosova (v.a. Gjilan, aber auch Prizren, Pristina, Gjakova, und Gracanica, Suva Reka) und habe mich damals ab der absolut einseitigen Informationspolitik meiner Reiseleitung genervt! Diese Reiseleitung bestand aus einer Schweizerin und einem Kosovo-Albaner und es gab damals gerde zu revoltenartige Ereignisse innerhalb der Gruppe von Studierenden, die sich weigerten die vorgekaute, albanisch-westliche Meinung einfach so zu schlucken! Irgendwann gab man dann allerdings auf, auch weil man müde wurde und die Argumente fehlten.
    In persönlicher Auseinandersetzung auch mit der Geschichte und der aktuellen politischen Situation überkam mich dieses Gefühl denn immer einmal wieder und es stellte sich jeweils ein lähmendes Gefühl der Resignation ein. Darum ist die Eröffnung deines Artikels auch absolut hervorzuheben mit dem Satz: Im Krieg stirbt zuerst die Wahrheit. Was ich hingegen dabei noch anfügen möchte: Auf dem Balkan herrscht beinahe einem Jahrtausend fast ununterbrochen Krieg und darum ist es für mich sehr naheliegend, dass es diese oder auch jene Wahrheit vor dem Krieg 1999-ja vielleicht gar nie gegeben hat! Und wie du aus den Kommentatoren vor mir sehen kannst erhält ein Streit über den Balkan insbesondere den Kosovo/a immer gleich eine geschichtliche Dimension, die du übrigens auch auf Wikipedia findest, wenn du verschiedene Artikel zum Balkan auf ihrer Diskussionsseite betrachtest-das selbe Bild! Darum finde ich es ein guter Artikel, weil er in mir genau dieses etwas resignierende und lähmende Gefühl zurück lässt und man sich selbst dafür bereits durchbeissen muss!
    (Nur schon der Name “Kosovo” wäre übrigens ein Anlass zum Streit, da er eigentlich dem serbischen Namen entspricht und die Albaner das Gebiet Kosova nennen-heute immerhin an die 90% der Einwohner des Gebiets)
    Also herzlichen dank für den intellektuellen Input und die Anregung zum inneren Diskurs und “chapeau” für die Tiefe und Dimension deiner Recherchen!

    Fabian

  7. Profile Pic
    Florim Cuculi

    Sehr geehrter Herr Zaugg, sehr geehrte Damen und Herren,

    tabulose Berichte finde ich grundsätzlich gut, solange sie der Wahrheitsfindung dienen und von allgemeinem Interesse sind. Dieser Artikel ist gut geschrieben und kennt keine Tabus. Das ist sehr zu begrüssen. Allerdings liefert dieser Artikel keine Antworten, sondern stiftet noch mehr Verwirrung.
    Nun, ich bin Arzt und kein Journalist und ich kann es vielleicht nicht burteilen, wie schwierig die Wahrheitsfindung hier ist. Aber als Mediziner kann ich vielleicht die Plausibilität der Organentnahme und deren Transplantation beurteilen – und ich frage mich, ob der Autor vielleicht nicht lieber mit einem Transplantationsmediziner geredet hätte, um diesem Thema auf den Grund zu gehen. Welche Organe wurden denn Transplantiert? Herz? Nieren? Bauchspeicheldrüse? Leber? Wer waren die Kunden? Wo wurden die Organe transplantiert?
    Ich bin ethnischer Albaner und in dieser Frage vielleicht nicht ganz objektiv. Aber Wahrheitsfindung liegt im Interesse aller jetzigen und ehemaligen Bürger aus Ex-Jugoslawien.
    Illegale Organe können z.Bsp. in China erworben werden. Aber dort stammen sie von zu Tode verurteilten Gefangenen. Das heisst man kennt die Spender, man kann x Untersuchungen vorher machen, sie dann mit den Empfänger richtig matchen usw. Eine Organentnahme unter hoch unhygienischen Umständen in den Bergen von Albanien und dann die Transplantation in Albanien (!!!??? – oder Italien??? oder Griechenland????) – also, bitte schön. Das wirkt dann fast ein wenig märchenhaft. Und der Aufwand ist ja richtig gross, als man damit gutes Geld verdienen könnte. Deshalb einen Aufruf an alle Journalisten, die bisher versucht haben, sich mit diesem Thema zu profilieren: Schreibt lange und tabulose Artikel aber klärt uns seriös auf – oder lässt es sonst lieber sein. Danke!!

  8. martin salander

    Negative Wahrheitsfindung der subtilsten Art!

  9. Organhandelsvorw

    [...] [...]

  10. тодес лагерь « Эхо блогосферы

    [...] Thomas Zaugg пишет: Die Umstände seines Todes sind ungeklärt. Ramadani war 1998 nach Kosovo geflogen, Flughafen-Kloten, um für die Freiheit seines Landes zu kämpfen. Seine Frau, die Tochter und zwei Söhne liess er damals in der Schweiz zurück. …. Mittwochmorgen in Alpha Bravo, ¬einem ehemaligen Uno-Camp, heute Eulex. Die Büros sind aufeinanderge¬schichtete weisse Containerklötze, hier drin arbeiten die Ermittler der Eulex-Einheit zur Aufarbeitung von Kriegsverbrechen. … [...]

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