Was ist ein guter Vater?

Viele Männer wären gerne kompetente Väter. Bei der Frage, ob sie es sind, ist ihnen unbehaglich zumute. Warum? Ein Gespräch mit dem Philosophen Dieter Thomä

13.03.2009 von Mathias Ninck , 3 Kommentare

Wenn es um Familie geht, ist er ein Schwärmer. Kinder haben sei ein Glück jenseits des Eigennutzes, sagt er, Kinder haben, verhelfe einem zu einer eigentümlichen Selbstvergessenheit. Was den Philosophen emotional packt, versucht er auch geistig zu durchdringen: Familie und Vaterschaft. Dieter Thomä, der 49-jährige Professor an der Universität St. Gallen und Vater zweier erwachsener Kinder, hat vor siebzehn Jahren ein erstes Familienbuch geschrieben, «Eltern. Kleine Philosophie einer riskanten Lebensform», kürzlich ist sein neues erschienen: «Väter. Eine moderne Heldengeschichte». Warum lehnen es heute viele Männer dankend ab, Vater zu werden? Angetrieben von dieser Frage, bricht Dieter Thomä in seinem Buch auf zu einer historischen Väterbesichtigung – er untersucht Väter der letzten dreihundert Jahre, nimmt Berühmtheiten aus Politik und Wirtschaft ins Verhör, Normalbürger, Romanfiguren und Autoren, analysiert dabei die Wechselwirkung zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und privatem Leben und schaut, was diese Väter der Vergangenheit uns heute zu sagen haben.
Er begegnet zunächst den Patriarchen des 18. Jahrhunderts, die gottähnlich und tyrannisch über Frau und Kinder herrschen. Nach dem radikalen Vatermord der Französischen Revolution werden alle Menschen Brüder, und auch im Privaten verlieren die Oberhäupter der Familie an Einfluss. Sie verschwinden als Erzieher langsam aus der bürgerlichen Kleinfamilie, sie ziehen sich zurück – gemäss Thomä eine verhängnisvolle Entwicklung. Denn wenn diese Väter in der Familie doch auftauchen, dann als harte Hand, die sich unbeugsam in die Familienangelegenheiten einmischt. Im ausgehenden 19. Jahrhundert findet der Autor zahlreiche Väter, die zwischen barscher Autorität und Sentimentalität schwanken, Männer, die hin- und hergerissen sind zwischen dem Bedürfnis nach Nähe und dem Dogma der Distanz. Viele verlegene Väter auch, verkümmerte, solche, die in ihrer Sprach- und Beziehungslosigkeit gefangen sind. Manche Väter fristen in ihrer Familie das Dasein einer Randfigur; was ihre Kinder oft auszeichnet, ist eine gewaltige Vatersehnsucht und Wut. Gemäss Thomä gelingt es nicht, nach der Entmachtung der Patriarchen und der darauf folgenden Krisengeschichte das private Leben erfolgreich neu zu ordnen. Entweder sind die Väter zu aufdringlich anwesend oder ihre Abwesenheit ist anstössig, oft ist sogar beides in derselben Person verkörpert. Sein Buch ist eine Bestandesaufnahme die deutlich macht, dass der Vater als Machthaber innerhalb der Familie abgedankt hat. Ob die Väter aus der jahrhundertealten Verunsicherung herausfinden und als Lebenshelfer, die ihre Kinder aus der Nähe kennen, als verantwortungsvolle Erzieher und Vorbilder im zähen Ringen mit den Anforderungen des Alltags bestehen, das bleibt offen.
Dieter Thomä ist 1959 in Heidelberg geboren und mit einer älteren Schwester in einer Ärzte- und Psychoanalytikerfamilie aufgewachsen. Er studierte in Freiburg Philosophie, wurde Journalist beim Sender Freies Berlin, kehrte zurück an die Universität, wo er «hängen blieb», wie er sagt. Nach zwei Jahren als Dozent in New York und Abstechern nach Berlin und Essen kam er im Jahr 2000 schliesslich an die Universität St. Gallen. «Das Motiv, Vaterschaft philosophisch zu deuten, war mein eigenes Leben», sagt er. Und dann schlägt Thomä vor, für das Interview von seinem Büro ins Sekretariat umzuziehen, wo die am Nachbargebäude wütenden Sägen und Presslufthämmer weniger stören.

Als der Rocksänger Chris Martin nach seinen Erfahrungen als Vater gefragt wurde, sagte er: «Ich kann schnellerWindeln wechseln als jeder andere Mann in Europa.»Was halten Sie von dieser Art Bekenntnis?
Ich finde es reizvoll, dass es bei Männern schon Wettbewerbe gibt in der Frage des Windelnwechselns. Denn das ist ja ein Satz, den man sich vor fünf Jahren kaum zu sagen getraut hätte. Das Schema war damals, dass man kein richtiger Mann mehr ist, wenn man solche «niederen» Tätigkeiten ausführt.

Der Chefredaktor der «Zeit», Giovanni di Lorenzo, erzählt in einem Zeitungsinterview, wie er am Ende eines langen Arbeitstages, als seine liebste Tätigkeit, die wenige Monate alte Tochter zu Bett bringt.
Ich finde es total verständlich, dass man wie Giovanni di Lorenzo oder wie der Rocksänger Martin davon überwältigt ist, dass plötzlich dieses kleine Leben da ist. Ich weigere mich, jetzt daran herumzumäkeln, dass Männer solche Sätze sagen. Dazu bin ich einfach selbst ein zu begeisterter Vater.

In solchen Sätzen klingt auch ein Unbehagen an. Männer empfinden die wenigen Stunden, die sie ihre Kinder wach erleben, als problematisch, weil sich in ihnen entscheidet, ob sie vor sich selbst als derjenige dastehen, als den sie sich gerne sähen: als guten Vater.
Die begeisterten Stimmen von der Kante des Kinderbettes sind natürlich schon nicht die Antwort auf die Frage, wie man heute als Vater leben soll. Mit solchen Sprüchen wird ja auch die Illusion geweckt, damit wäre es getan. Mal so ein bisschen zu streicheln. Es ist in Wahrheit ziemlich zeitaufwendig, das Vatersein, es zieht sich über Jahre hinweg. Das tiefe Gefühl zwischen Vater und Kind muss Wurzeln haben in einem geteilten Leben.

Sollte ein guter Vater nicht auch Vorbild sein?
Vorbild sein, ist eine gute Bezeichnung für diese Herausforderung, ja. Wenn man ein Vorbild sein will, muss man aber zuerst ein Bild von sich selbst haben. Als Mann. Man muss sich im Spiegel anschauen können und sich nicht dauernd fragen, welches jetzt das richtige Rollenverständnis wäre in Beruf und Familie. Wer ständig mit sich hadert, ob er nun ein harter Kämpfer oder ein Weichei sein müsse, hat auch Mühe, Vorbild zu sein. Und dann muss man natürlich gesehen werden vom Kind. Wenn man dauernd weg ist, wird man zu dem abwesenden unheimlichen Gespenst, das als Randfigur in der Familie herumgeistert, wie man es aus dem 19. und 20. Jahrhundert gekannt hat und heute immer noch kennt.

Wie viel Zeit soll ein Vater mit seinen Kindern verbringen?
Es ist nicht nur eine Frage der Zeit. Viele wichtige Dinge werden durch die Intensität des Vorlebens weitergegeben.

So reden die familienabwesenden Manager, die dann am Sonntagnachmittag mit ihren Kindern ein Trivial Pursuit spielen. Sie nennen es Quality Time.
Es kommt auf Quantität und Qualität an. Ein Vater, der viel zu Hause ist und ständig mit den Kindern vor der Glotze sitzt – na, da kommt auch nicht so viel heraus. Andererseits, und das kenne ich auch von mir, kommt man oft in einer diffusen Weise nach Hause, tastet sich erst mal ab, muss sich aneinander gewöhnen, und dann kommt nach drei Stunden vielleicht etwas heraus, zum Beispiel «Ich habe eine 3 geschrieben in der Matheprüfung» oder «Ich bin verliebt». Diese Zeit braucht es schon. Die Kindererziehung im Durchlauferhitzer funktioniert nur, wenn man nicht auf das Kind hört und das Programm von vornherein beschlossen hat. Aber erziehen heisst ja nicht nur ein Vorbild sein, sondern auch zuhören.

Viele Männer sind heute verunsichert.
Die Verunsicherung ist mehrere Hundert Jahre alt. Schaut man über lange Zeit den Wechsel der Generationen an, sieht man, dass die Väter selbst an der Demontage des tyrannischen Familienoberhaupts mitgewirkt haben, dabei aber kräftig in die Identitätskrise gerutscht sind. Wir treten dieses Erbe nun an – und im Glücksfall sind wir Krisengewinnler.

Hat nicht die Frauenbewegung die Männer verunsichert?
Das glaube ich nicht. Sie hat allenfalls nachgeholfen.

In Ihrem Buch schildern Sie eine Episode aus der Zeit, da Ihr Kind klein war. Es schrieb auf einen Zettel: «Ich will dich nicht mehr als Vater. Ich rufe jetzt einen Krankenwagen, der soll dich zum Friedhof bringen.»
Als ich den Zettel fand, war mir das erst unheimlich. Dann wurde mir klar, dass das etwas Spielerisches hat.

Die Frauenbewegung hat dieses Spiel verändert. Wenn ein Bub die Spielzeugpistole auf den Vater richtet und Peng sagt, gibt es zwei Möglichkeiten, wie der Vater reagiert. Er brüllt den Sohn an: Was fällt dir eigentlich ein! Oder er lässt sich zu Boden sinken, steht lachend wieder auf und sagt, Junge, hast mich ganz schön erwischt. Das Letztere ist seltener geworden, weil die Frauenbewegung männliche Aggression problematisiert hat. Sie darf eigentlich nicht sein. Für die Entwicklung des Mannes sei das verheerend, sagen Psychologen. Ein junger Mann müsse den Umgang mit Aggression unbelastet üben können.
Da ist etwas dran. Die Frage, wer will ich eigentlich sein, ist eine sehr ernste Sache geworden. Man ist rasch überfordert. Es ist ja nicht nur die Rollenerwartung da, sanft und einfühlsam zu sein, sondern auch: Man soll kraftvoll und zugleich ein Gentleman sein. Wenn man ständig diesen Einflüsterungen lauscht, ist man tatsächlich verwirrt.

Die Einflüsterungen sind unüberhörbar.
Die Erziehung ist in den letzten hundert Jahren zu einem weiblichen Geschäft geworden. Die professionellen Erziehungsberufe sind heute fest in Frauenhand. Und daher rühren auch die Klagen, dass Frauen nicht so mit den Jungs umgehen, wie Männer das tun würden. Das ist schon so, ich merke das bei mir selber. Ich hatte im Umgang mit meinen Kindern einen anderen Zungenschlag als meine Frau. Nun liegt die Lösung aber auf der Hand. Die Männer müssen eine aktivere Rolle spielen in der Erziehung. Daheim wie in der Schule. Heute ist vielen klar, dass beide Stimmen zusammengehören in der Erziehung. Aber umgesetzt ist das noch nicht. Da stecken wir in einem Übergangsprozess.

In den Medien hat das Thema Väter eine Präsenz wie nie zuvor. Warum?
Weil plötzlich von allen Seiten die Aufmerksamkeit auf die Familie gerichtet wird. Die Familie macht den weichen Kern der Gesellschaft aus – und wie es da läuft, das ist eine heikle Angelegenheit. Superspannend. Vor zehn Jahren dachte man, die Familie reproduziere sich mehr oder weniger automatisch. Jetzt wird über den Zerfall der Werte debattiert, über die besoffenen Jugendlichen, und gleichzeitig werden die Rentenpolitiker nervös und auch die Arbeitgeber, die öffentlich fragen, wie können wir mehr Frauen in den Beruf bringen? Jetzt kommt es von allen Seiten. Und so sind plötzlich die Väter ein Thema. Nun lautet die grosse Frage: Wie steht es um die Männer, insbesondere in der Balance zwischen Beruf und Familie? Das machen sie sich jetzt zu eigen. Weil die Männer merken, dass die Frauen immer stärker in den Arbeitsmarkt hineingehen und das die Frage aufwirft, ob sie, die Männer, genau gleich im Arbeitsmarkt drinbleiben oder ob sie ein Stück hinausgehen.

Wie kriegt man die Balance hin?
Für die Schweiz ist das eine besondere Herausforderung. Die Familienpolitik in der Schweiz ist stark auf der unterschiedlichen Rollenteilung zwischen Mann und Frau aufgebaut. Gleichzeitig haben wir ein neues Instrument in der Hand, die Teilzeitarbeit. Noch wird es vor allem von Frauen genutzt, aber vermehrt auch von Männern. Eine interessante Umbruchsituation.

Haben Sie selber die Balance hingekriegt, als Sie vor 23 Jahren Vater wurden?
Ich habe etwas gemacht, was sich von vielen Biografien heute unterscheidet. Ich bin jung Vater geworden – mit 25. Ich lächle verschmitzt, wenn ich Leute sagen höre, sie müssten erst einmal die Karriere sichern und dann könnten sie allenfalls daran denken, eine Familie zu gründen. Dann bekommen sie die Kinder genau in dem Moment, wo die berufliche Belastung am grössten ist – nach ein paar Jahren im Beruf. Also, bei mir stellte sich das Problem nicht. Ich habe noch studiert, als die Kinder kamen, meine Frau hat als Journalistin das Geld verdient. Sie hat uns durchgefüttert. Ich habe wegen der Kinder etwas länger studiert. Wir sind sozusagen unwillkürlich in eine Gleichberechtigung gerutscht, wir hatten keine grossen Probleme, das umzusetzen.

Ihre Frau hat voll gearbeitet?
Nach den Geburten ist sie jeweils ein Dreivierteljahr zu Hause geblieben, und dann hat sie wieder voll gearbeitet, ja. Nach dem Studium habe ich dann auch voll gearbeitet. Die Kinder wurden betreut, und zwar war es eine Mischung aus Kindergarten, Schule, Oma, Mutter und Vater. Im akademischen Beruf war ich natürlich privilegiert, jemand, der Schicht arbeitet, hat mehr Mühe, da eine Harmonie herzustellen

Sie arbeiten siebzig Stunden pro Woche.
Nicht immer, aber öfter. Doch Familie haben, heisst ja nicht einfach schreiende Babys. Diese Zeit ist relativ schnell vorbei. Dann beginnt eine lange Phase mit geregeltem Wochenablauf, mit Schule und Hort. Da ist Berufstätigkeit gut möglich. Natürlich steht man dann am Samstag und Sonntag auch mal um sechs Uhr auf und arbeitet bis zehn, damit man mal einen Brocken geschafft hat. Und dann macht man das Frühstück und weckt die Familie.

Ihre Studenten sind die Börsenhengste von morgen. Denken sie schon an Familie?
Letztes Jahr hatte ich eine Lehrveranstaltung zum Thema Familie. Fast alle sagen, dass sie eigentlich gerne Familie hätten, aber gleichzeitig haben sie Bammel. Die jungen Frauen wie die Männer. Sie haben Angst. Die Frauen wollen sich alle im Beruf entfalten, die Männer wollen Frauen, die nicht nur Mütter sind. Einhellig ist das so. Und alle machen sich Riesensorgen, ob sie mit diesem Wunsch an der Praxis zerschellen wie an einem Felsen.

Was raten Sie ihnen?
Ich sage ihnen, dass sie sich auf einen zähen Kampf gefasst machen müssen. Innerlich wie äusserlich. Was machen Sie, wenn der Chef sagt, es gibt da ein Projekt in Südkorea, morgen geht es los. Das ist ein schwieriger Befehl für einen Vater, wenn daheim das Baby schreit. Und dann ist es auch schwierig in der Balance zwischen Mann und Frau. Diese Schwierigkeiten sind mit ein Grund dafür, dass viele den Kinderwunsch erst mal vor sich herschieben. Viele tun das so lange, bis er sich in Luft auflöst.

In der Generation der 45- bis 50-Jährigen ist in der Schweiz jeder vierte Mann kinderlos, aber bloss jede achte Frau.
Das Kinderhaben – also, man wills irgendwie, aber stolpert dabei. In der heutigen Wirtschaftssituation und in der individualistischen Gesellschaft ist es naheliegend, den Zwiespalt zu lösen, indem man die Frage vertagt. Männer können die Vertagungspolitik bis ins hohe Alter aufrechterhalten, die Frauen müssen diese Politik irgendwann offensiv beenden. Die Vertagungspolitik finde ich übrigens idiotisch, weil es ja nur eine Drückebergerei ist vor der Frage: Was sind meine wichtigsten Lebensziele?

Eine Drückebergerei?
Es wird ja nicht leichter. Wenn man sich früh auf dieses Abenteuer einlässt, ist alles noch im Fluss. Als meine Frau und ich das erste Kind bekamen, waren wir von einer erstaunlichen Ahnungslosigkeit. Wir hatten keine Ahnung, wie man so was macht. Diese Gedankenlosigkeit hatte etwas Entlastendes.

Was hat Sie damals so zuversichtlich gestimmt?
Es gab bei mir eine tiefe Überzeugung, dass das mit meiner Frau eine tolle Sache ist. Das spielt eine wichtige Rolle, da will man alles, was in dieser Beziehung drinsteckt, auch auskosten. Dazu gehört auch, Kinder zu haben. Ich hatte vielleicht auch deshalb Lust auf Familie, weil ich meine eigene Familie sehr distanziert erlebt habe. Die Stimmung bei uns zu Hause hatte etwas Unterkühltes. Ich suchte vielleicht das Kontrastprogramm.

Viele Männer heute haben keine Lust mehr, Vater zu werden. Warum?
Es gibt den Konflikt von Lebenszielen. Familie ist heute nur eins von vielen Lebenszielen. Früher war Familie etwas Automatisches, das nebenher einfach entsteht. Heute ist die Frage, ob man Familie hat oder nicht, eine offene Frage geworden. Man überlegt sich, wie kriege ich alles unter einen Hut, und man macht zuerst das, womit man auf der sicheren Seite ist. Aber wenn man sich immer fragt, was traue ich mir zu, was schaffe ich jetzt als Nächstes, dann wird der Lebensplan zur schiefen Ebene, von welcher der Kinderwunsch leicht herunterpurzeln kann. Der Kinderwunsch ist ja mit viel Unbekanntem versehen. Man weiss nicht so richtig, wie das dann mit der Partnerschaft weitergeht, wie das Kind sich entwickelt. Man weiss ja nicht einmal, ob es gesund geboren wird. Und da – da schlägt das heutige Lebensmodell erbarmungslos zu: Man versucht, sein Leben im Griff zu haben. Bei der Kinderfrage steht man in Wirklichkeit also vor der Frage: Will ich mein Leben im Griff haben oder nicht? Wenn ich mein Leben aber im Griff haben will, sieht es mit der Familie schlecht aus. Gleichzeitig bezahle ich einen hohen Preis. Den Preis des Glücks.

Das Leben mit Kindern verwandelt einen, schreiben Sie in Ihrem Buch. Wie?
Man lernt den Unterschied zwischen Glück und Eigennutz kennen. Eigentlich könnte man ja denken: Wenn mir etwas selber nützt, dann wird es mir auch gut tun. Dann wirds mich glücklich machen. Bei Kindern ist das anders. Wenn man Kinder bekommt, macht man in ganz besonderer Weise die Erfahrung, sich hinzugeben. Man fühlt sich hingerissen. Vergisst sich selbst. Diese Selbstvergessenheit ist einzigartig. Man weiss sofort, wie man antworten würde, wenn die Frage sich stellte: Soll mein Kind weiterleben oder ich selbst? Das ist eine ungeheure Quelle des Glücks. Aber eines Glücks, das abweicht von der Logik des Eigennutzes.

Kinder können einem mit ihrem Eigensinn und ihrer Masslosigkeit doch ganz schön auf den Nerven herumtrampeln.
Das Leben mit Kindern ist eine Berg- und Talfahrt. Aber man muss unterscheiden zwischen dem alltäglichen Auf und Ab und der anhaltenden Glück stiftenden Gewissheit, dass da etwas ganz Besonderes mit dem eigenen Leben passiert – im Zusammenspiel zwischen einem selbst und den Kindern. Diese Überzeugung kann sich natürlich abnutzen. Man wünscht sich und hofft, dass das nicht passiert.

Traurig für die Kinder, wenn Eltern diese Überzeugung verlieren.
Das gibt dann die Monster. Ja, oft entstehen die Monster aus der Trauer. Aus der Vernachlässigung. Das berühmteste Beispiel eines solchen Kindermonsters ist von Victor Frankenstein geschaffen worden, dem verrückten Wissenschaftler aus dem Roman von Mary Shelley. Diesem verrückten Wissenschaftler gefällt dann seine Erfindung nicht mehr, und darum vernachlässigt er das Monster, das er erfunden hat. Dadurch wird das Monster erst so monsterhaft. Und sagt dann am Schluss zu seinem Schöpfer-Vater: «Das Elend erst hat mich zum Feind gemacht.» Das seelische Elend. «I was benevolent and good, misery made me a fiend.» Ein wahrer Satz, der auch auf viele gewalttätige Jugendliche von heute zutrifft.

Die amerikanische Psychoanalytikerin Caroline Thompson vertritt in ihrem Buch «Die Tyrannei der Liebe» das Gegenteil: Die Eltern würden ihre Kinder zu sehr lieben.
Kommt drauf an, was man unter Liebe versteht. Wenn lieben verwöhnen heisst, dann hat sie recht. Da ist der Wurm drin. Es gibt eine zweite Form der Liebe, die problematisch ist. Die Liebe, die Reibereien und Ablösungsprozesse zwischen Kindern und Eltern ausschliessen will. Es gibt Familien, wo sich alle so gut verstehen über all die Jahre, dass die Kinder nicht auf die Idee kommen, auszuziehen.

Caroline Thompson meint vor allem Eltern, die sich so verhalten, als stünden sie mit ihren Kindern in einer Liebesbeziehung.
Also, da bin ich auf ihrer Seite. Nur glaube ich nicht, dass das Liebe ist. Man kann Kinder nicht zu sehr lieben, man kann sie nur falsch lieben. Wir sind dann bei diesen Vätern, die anfangen, um ihre Kinder zu kreisen und jedem Atemzug des Kindes mit einem verzückten Lächeln lauschen. Die Entschiedenheit des Vaters erwächst nicht daraus, dass er dem Kind beim Atmen zuhört, sondern, dass er selbst Erfahrungen sammelt und als Vorbild agiert. Hier wird aber nur ein Thema wieder aufgeführt, das wir schon um 1900 hatten. Was geschah denn damals, als all die übermächtigen und brutalen Väter kritisiert und verjagt wurden? Da kamen Ellen Key, die schwedische Reformpädagogin, und die italienische Ärztin Maria Montessori und haben das Jahrhundert des Kindes ausgerufen. Sie haben gesagt: Das Kind ist die Majestät, vor der wir unser Haupt in den Staub beugen müssen. Das war eine Umkehrung des Spiels mit den mächtigen Vätern, jetzt war das Kind mächtig. Das ist natürlich genauso falsch. Warum wiederholen wir uns eigentlich immer?

Ja, warum?
Vielleicht, weil das Generationenspiel das Schwierigste ist, was es gibt. Es ist schwierig, Erfahrungen weiterzugeben. Es kommt immer wieder neu zwischen Eltern und Kindern. Ein Ingenieur hat es leichter, er kann einfach auf die Fortschritte der Vergangenheit aufbauen.

Der Vater als Familienoberhaupt habe abgedankt, schreiben Sie in Ihrem Buch. Der Tyrann ist tot. Aber schleicht er sich nicht durch die Hintertüre immer wieder herein? Gerade mischt sich die SVP mit dem Slogan «Eine Ohrfeige ersetzt fünf Psychologen» in die Erziehungsdebatte.
Das regt mich wahnsinnig auf.

Inwiefern?
Ich sehe darin nichts anderes als die fünfte Wiederauflage eines endlosen Hin und Hers, das es in den letzten Jahrhunderten gegeben hat. Nämlich zwischen der Abschaffung des Vaters und der Sehnsucht nach dem starken Mann. Tatsächlich hat in den letzten dreihundert Jahren Schritt für Schritt eine Demontage des Patriarchats und des Vaters als Machthaber stattgefunden. Aber die Veränderungen sind Millimeterarbeit. Drei Millimeter vor, zwei zurück. Es geht bis in die jüngste Vergangenheit immer so weiter. Man hat, kaum war die Studentenbewegung vorbei, in den Siebzigerjahren den «Mut zur Erziehung» gefordert, dann gabs wieder ein bisschen was Antiautoritäreres, dann kam Bernhard Bueb mit dem «Lob der Disziplin» und so weiter. Warum hat man eigentlich immer nur diese Klischees im Repertoire? Immer nur die Bilder des Vaters einerseits, der sich zum besten Kumpel der Kinder machen muss, und des Vaters andrerseits, den man als prügelnden Disziplin-Herrscher etabliert. Beide Versionen sind falsch.

Ihr Buch erklärt, warum es dieses ewige Hin und Her gibt. Weil wir nämlich keine Erfolgsgeschichten kennen. Ewiglich wandelt der Vater auf Irrwegen. Immer landet er in der Sackgasse. Man fragt sich, warum Sie diese trostlose Geschichte in einem so vergnügten Tonfall geschrieben haben.
Ich sehe mein Buch gar nicht so. Die Geschichte, die ich da erzähle, ist für mich nicht frustrierend, weil es trotz allem eine Geschichte der Verwandlung ist. Ich glaube schon, dass wir in dieser Frage vorwärtsgekommen sind. Es gibt ja zwischen den Extremen, auf die dann immer das Scheinwerferlicht fällt, eine Reihe von Vätern mit zarten, nachahmenswerten Versuchen.

Der Dramatiker Friedrich Hebbel scheint so einer zu sein. Man hat beim Lesen das Gefühl, er sei Ihr heimlicher Held. Dabei hat Hebbel Kinder in die Welt gesetzt, ohne sich um sie zu kümmern, auch hat er die Mutter seiner ersten Kinder nicht geheiratet.
Friedrich Hebbel hat zunächst einmal dieses ausserordentliche Theaterstück «Maria Magdalene» geschrieben. Es ist eines der ungeheuerlichsten Familiendramen der deutschen Literatur. Dieses Stück hat er geschrieben, während ihm gerade eines seiner Kinder wegstarb, ohne dass er es wirklich gekannt hat. In dem Theaterstück hat er eine persönliche Situation zum Thema gemacht, die furchtbarer nicht hätte sein können. Zuerst einmal die Situation, in der er selber aufgewachsen ist: Er hatte einen Vater, der alles dafür tat, dass seine Kinder kaputtgehen. Der Vater, schreibt Hebbel einmal, hat ihn allein dafür gehasst, dass er fröhlich war. Weil der Vater selbst so verbittert war. Das muss man sich mal vorstellen – die Kinder haben Prügel dafür bezogen, dass sie fröhlich waren. Aus diesem bettelarmen, brutalen Elternhaus geht nun dieser ziemlich verrückte Dichter hervor, der dann zunächst einmal das macht, was sein Vater gemacht hat. Nämlich, seine Kinder zu vernachlässigen. Brutalerweise. Und genau in dieser Zeit schreibt er das Drama, dieses bittere und haarsträubende Porträt einer Familie, in der die Kinder verzweifelt einen Ausweg suchen.

Am harten und prinzipientreuen Vater gehen die Kinder schliesslich kaputt.
Ja, dessen Misstrauen ist ungeheuerlich. Am Ende steht er ohne Kinder da, wie ein König ohne Land. Das ist auch Ausdruck der prekären Situation des Dichters. Wie sein Leben weitergeht, ist dann Sache einer ganz knappen Entscheidung. Das Elend setzt sich erst mal fort, seine Kinder sterben, und dann findet er doch eine Frau, die er wirklich liebt, und er hat ein Kind, das überlebt. Und dann gibt es diese zarten Geschichten, wie er die Tochter erzieht. Eine Mischung aus Hingabe und Strenge. Kurz vor seinem Tod ist die Tochter in der Pubertät, und dann zieht er einmal mit ihr bis nachts um halb vier durch die Ballszene Wiens, als Mann an der Seite seiner Tochter, die sich da tanzend vergnügt. Er beschreibt das so zärtlich, das ist alles irgendwie so unwahrscheinlich, dass Hebbel am Schluss diese Kurve kriegt. Das finde ich beeindruckend.

Daniela und Dieter Thomä mit ihren Kindern  Anna Rosa und Jakob | Edgar Herbst
Daniela und Dieter Thomä mit ihren Kindern Anna Rosa und Jakob | Edgar Herbst

Die Diskussion

3 Reaktionen

  1. Pierre Strub

    Lieber Matthias

    Den Bericht hast Du wieder mal genauso hingekriegt, dass Männer und Väter wie ich sich wohler fühlen in ihrer Haut – ein wenig wie Helden und Könige. Danke.

  2. Lea Truffer

    Nach all Ihren Berichten über Erziehung, Eltern, gute Mütter, gute Väter, möchte ich gerne eine Gegenfrage in den Raum stellen: “Was ist ein gutes Kind?”. In der Tat eine provokative Frage, aber meines Erachtens eine durchaus berechtigte. Ich bin seit zwölf Jahren Mutter – die ganzen Bücher, Ratgeber und seichten Berichterstattungen über das Thema Erziehung sind mir mittlerweile ein Gräuel. Sie wechseln ihre Richtungen wie das Jahr die Jahreszeiten. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: das Gedeihen des Kindes liegt einzig in den Händen der Erzieher. Was ist, wenn ein Kind hyperaktiv ist? Was ist, wenn ein Baby monatelang, nächtelang durchschreit? Was ist, wenn ein Kind an einem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom leidet? Was ist, wenn alle Ratgeber dieser Welt nicht helfen, Liebe für sein eigenes Kind aufzubringen? Schreiben Sie doch mal darüber einen Bericht. Über die unbequeme Wahrheit, dass es Mütter und Väter gibt, die mit ihrem Kind an ihre Grenzen stossen – so sehr, dass sie es nicht vermögen zu sagen, sie liebten ihr Kind über alles. Es ist ein grosses Tabu in unserer Gesellschaft, auch mal sagen zu dürfen, dass man sein Kind gerade nicht so liebt.

  3. Veronika Wipfli-Müller

    Mit grossen Interesse habe ich das Gespräch mit dem Philisophen Dieter Thomä gelesen, fast bis zum Schluss. Dieter Thomä kommt auf die Zeit um 1900 zu sprechen, als, wie er sagt, die übermächtigen und brutalen Väter kritisiert und verjagt wurden. Er redet von der Umkehrung, hervorgerufen unter anderem auch durch die Pädagogin Maria Montessori. Sie hätte
    gesagt: Das Kind ist die Majestät, vor dem wir das Haupt in den Staub beugen müssen. Es ist mir unversrändlich, wie man die Pädagogik von Maria Montessori so verstehen kann. Ihr ging es darum, dass jedes Kind als ein Individuum respektiert wird, das sich in seinem Rythmus zu einem eigenständigen, selbstbewussten Menschen entwickeln kann in einer von uns speziell vorbereiteten Umgebung. Das ist heute genauso wichtig wie damals. Nie hat sie davon gesprochen, dass die Erwachsenen die Untergebenen der Kinder sind und das Haupt in den Staub stecken sollen.

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