Was ist mit dem Klima los

Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird im Jahr 2050 das gesamte Eis in den Meeren geschmolzen sein. Mit gewaltigen Folgen, glaubt James E. Hansen, der weltweit renommierteste Klimaforscher. Und das wäre nur der Anfang.

08.05.2005 von Rico Czerwinski

Als manche Experten im Jahr 1981 glaubten, die Erde sei auf dem Weg in eine neue Eiszeit, verwunderte der damals 40-jährige Forscher James E. Hansen viele Kollegen und Politiker, weil er exakt das Gegenteil behauptete. Hansen hatte ein altes Programm zur Wettervorhersage mit Klimadaten und Formeln gefüllt und sagte voraus, die Temperatur auf der Erde werde nun steigen.

24 Forschungsjahre später ist Professor Hansen ein in der Fachwelt hochgeachteter und der meistzitierte aller Klimaspezialisten. Er ist Direktor des Goddard-Forschungsinstitutes der Nasa in New York, einer der angesehensten Adressen für Klimafragen, und als wir ihn dort besuchen, sagt der 64-Jährige an der Tür zu seinem Büro, die Erwärmung sei ein viel grösseres Problem, als er angenommen habe.

Kürzlich war das Institut am Broadway in der Nähe der Columbia-Universität Schauplatz eines seltsamen Streits. Direktor Hansens oberstem Vorgesetztem, dem Chef der US-Weltraumbehörde Nasa, fiel es ein, den Wissenschaftler aufzufordern, nicht mit einer Theorie zur Erderwärmung an die öffentlichkeit zu treten. Klimaforschung ist eine politisch brisante Wissenschaft, sie wird nie frei von Interessen sein. Doch im Laufe der letzten Jahre haben Klimatologen immer mehr unzweideutige Beweise vorgelegt.

Seit zehn Jahren beobachtet man ein zunehmend rasanteres Abschmelzen von Eis, weil es immer wärmer auf der Erde wird. Haben Gletscher, Schnee oder Packeis erst einmal mit der Schmelze begonnen, beschleunigt sich diese immer mehr, weil es in tieferen Lagen wärmer ist. Dabei wird die Erdoberfläche dunkler, schmelzendes Packeis in der Arktis oder Antarktis etwa weicht Meereswasser, dunkle Flächen absorbieren mehr Sonnenenergie als helle, die Temperatur steigt und bringt erneut mehr Eis zum Schmelzen.

Eskimo in der Arktis verlassen gerade ihre Dörfer, weil es zu wenig Packeis vor der Küste gibt. Jeden Herbst gefriert das Wasser dort ein paar Wochen später und bricht jeden Frühling um Wochen früher auf. Deshalb schützt es die Dörfer nicht vor den neuen Flutwellen. Seit etwa 1990 spülen den Bewohnern von Shishmaref in Alaska unbekannte riesige Wellen manchmal 40 Meter breite Küstenteile ihres Ortes und die immer höheren Uferbefestigungen weg. Wenn die Robben kommen, erzählen die Inuit, trage das Eis die Motorschlitten nicht mehr. Die Jagd werde zu gefährlich, der Umzug aller Bewohner ins Landesinnere sei beschlossen. Die arktischen Völker gelten der Wissenschaft heute als die ersten Beispiele für Menschen, deren Lebensweise wegen des Klimawandels unmöglich wird.

Die Erdtemperatur ist seit 1900 den Messungen zufolge 0,6 bis 0,7 Grad gestiegen. Polnahe Gebiete erwärmen sich doppelt so schnell. In Teilen der Arktis ist es 4 Grad wärmer als vor hundert Jahren. Seit 1970 ist der Anstieg stärker. Drei Viertel der Erwärmung sind in den letzten 35 Jahren aufgetreten.

«Ich habe die Dynamik der Erwärmung unterschätzt», sagt Hansen in seinem von herumflatternden Datenblättern völlig verunstalteten Büro.

Ein weiteres Problem ist die Reaktionszeit des Klimasystems. Hansen schätzte sie in den Achtzigerjahren auf fünfzig bis hundert Jahre. Man erkennt nun, dass dies richtig war. Eine heute ergriffene Massnahme gegen Erwärmung würde nicht vor 2050 spürbar.

«Ich habe mich damals aber bei den Auswirkungen dieser Verzögerung geirrt», sagt Hansen.

«Die Frage, die ich mir in den letzten Jahren gestellt habe, ist die nach der Obergrenze eines Temperaturanstiegs, ab der das System ausserhalb unserer Kontrolle wäre.»

Seeanemonen in Kanada

Nach sensiblen Pflanzenarten neigen wegen der Erwärmung zunehmend Tiere und robustere Pflanzen zu Verhaltensänderungen. Je nach Breitengrad reagieren Arten und ökosysteme unterschiedlich stark. In Sibirien wandern Wälder polwärts. Schmetterlingsarten leben in Europa 200 Kilometer weiter nördlich als 1970. Seeanemonen gedeihen in der kalten Montereybucht vor Kanada. Saaten und Fruchtbäume blühen acht Tage früher.

1700 Tier- und Pflanzenarten verlagerten sich einer Studie zufolge durchschnittlich 6,1 Kilometer pro Jahrzehnt nach Norden. Kanadische Eichhörnchen brüten achtzehn Tage früher. In Mexiko führt die Erwärmung zu einem geringeren Gewicht bei Wüstenratten. Im Atlantischen Ozean zogen Ruderfusskrebse 1000 Kilometer weiter nach Norden. Unterseeische ökosysteme scheinen die sensibelsten zu sein. Im Indischen Ozean etwa produzieren extrem empfindliche Algen in Symbiose mit Korallen Gift, die Korallen bleichen.

Stichworte aus der Schweiz: Konkurrenzstarke Pflanzen steigen in grosse Höhen. Extrem angepasste Hochgebirgsflora weicht in Richtung Gipfel zurück. Dann stirbt sie aus, gerade verschwinden hundert nur dort heimische Arten. In der Arktis stellt man durchlöcherte Lungen bei hunderten toter Moschusochsen fest. Verantwortlich ist ein bei ihnen unbekannter Parasitenwurm, der wegen gestiegener Wintertemperaturen in ihren Körper gelangt ist.

«Wegen der engen Beziehungen unter den Spezies verwirrt die Erwärmung zurzeit immer schneller die ökosysteme», sagt Klimaforscherin Cynthia Rosenzweig, die mit Hansen am Goddard-Institut die «Adaptionsfähigkeit von biologischen Systemen und Gesellschaften» untersucht.

Gerade suchen James E. Hansen und seine Kollegen den Wert des Temperaturanstiegs, bei der ökosysteme die Grenze ihrer Anpassungsfähigkeit erreichen.

Extremisierung des Klimas

In der Schweiz sterben 2003 in drei Sommermonaten 975 kranke oder ältere Menschen laut Forschern der Universität Basel direkt an den Folgen der extremen Hitze. Wärmere und feuchtere Winter verursachen einen extremen Anstieg von Borreliose-Fällen nach Zeckenbissen, die überlebensrate und die Aktivität dieser Tiere steigt stark an. Wissenschaftler weisen in den USA eine Vervielfachung der Borreliose-Fälle aus diesem Grund nach. Bewohner von Gebirgsgegenden in Asien, Zentralafrika und Lateinamerika erkranken an Malaria, West-Nil- und Dengue-Fieber. Diese Krankheiten werden übertragen von Moskitos, die man bei ihnen nicht kennt. Ist es wärmer, beissen Moskitos öfter und fliegen auch in vormals kältere Gegenden, deren Bewohnern aber jegliche Abwehrkörper gegen moskitoübertragene Krankheiten fehlen.

«Die wichtigsten Stressfaktoren aber sind der Anstieg des Meerespegels, grosse Naturkatastrophen, Bodenerosion», sagt Cynthia Rosenzweig.

Vor 1970 ist der Meeresspiegel um 1 bis 2 Millimeter pro Jahr gestiegen. Seitdem durchschnittlich um 2,8 bis 3,1 Millimeter. Seit 1980 gibt es in niedrigen Gebieten wie Bangladesh viel häufiger grosse Fluten als zwischen 1950 und 1980. Sturmfluten in Venedig – heute zwei pro Jahr, so viele wie seit 1500 Jahren nicht. In China hat es seit 1970 sehr viel mehr grosse Flutkatastrophen gegeben. Landerosion nimmt zu. Die westsibirischen Permafrostböden schmelzen, eine Fläche von der Grösse Deutschlands und Frankreichs zusammen. Die Temperatur stieg dort um 3 Grad seit 1965, überall sieht man umgesunkene Bäume, ihre Wurzeln finden keinen Halt mehr. In Jakutsk, Hauptstadt der westsibirischen Goldgräberregion Jakutien, brechen Häuser wegen der auftauenden Böden auseinander. Jedes Jahr werden Hunderte aufgegeben, wie in Alaska.

Seit Anfang der Neunzigerjahre berichtet die Münchener Rück, grösste Rückversicherung der Welt, über erheblich mehr grosse Naturkatastrophen als je zuvor in ihren Aufzeichnungen. Zwar gibt es nicht mehr, aber extremere Niederschläge und Fluten. In anderen Regionen extremere Dürren. Es gibt extremere Stürme, Hitzewellen, Waldbrände. In der Schweiz hat die Menge von extremen Niederschlägen im Winter um 10 bis 30 Prozent in den letzten hundert Jahren zugenommen. Alle zehn grossen Bergstürze der letzten Jahre in der Schweiz haben sich in Permafrostzonen ereignet. Taut das Eis im Fels, rutschen die Berghänge, in Zeitlupe oder plötzlichen Lawinen und Felsstürzen. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Schweizer Permafrostzone 150 bis 200 Höhenmeter nach oben verschoben. Neun von zehn Alpengletschern haben die Hälfte ihrer Ausdehnung verloren. Gletscher wie der Gurschen schmelzen fünf Meter pro Jahr. Ernteausfälle in Europa wegen der Hitze betrugen 2003 16 Milliarden Dollar. Solange es bei einsaisonalen Hitzewellen bleibt, sagen die Bauern, seien die Verluste für die europäische Landwirtschaft aushaltbar.

Voraussagen bis 2050

Für die nächsten fünfzig Jahre erwarten James E. Hansen und andere Klimatologen eine Beschleunigung der begonnenen Veränderungen.

Bis 2050 steigt die Lufttemperatur, wie Hansen erklärt, global mindestens noch einmal um etwa 0,5 Grad, fast so viel wie in den letzten hundert Jahren.

Das lässt sich ihm zufolge nicht mehr verhindern. Die dafür nötige Menge Treibhausgase sei bereits im 20. Jahrhundert freigesetzt und in die Athmosphäre entlassen worden.

Zu den 0,5 Grad kommt eine Erhöhung von 0,25 bis 1 Grad – abhängig von der Menge an Treibhausgasen, die von nun an frei werden und die die Sonnenenergie zwar in die Athmosphäre hinein-, aber nicht im gleichen Masse wieder hinauslassen.

In höheren Breiten, etwa Skandinavien, nehmen die Niederschlagsmengen weiter deutlich zu. Im Norden steigen die Temperaturen zweimal so schnell wie in niedrigen Breiten. Stürme aus Südeuropa Richtung Skandinavien und England werden stärker.

Die Stürme trocknen besonders die Mittelmeerregion weiter aus. Grosse Waldbrände nehmen zu.

Stark betroffen von den Veränderungen sind tropische Drittweltländer wie Bangladesh, besonders stark Küstenbewohner dieser Länder und Bewohner von küstennahen Süsswasserregionen, da Meerwasser in Frischwasserquellen eindringt.

In den traditionell feuchten Tropen gibt es stärkere Niederschläge. In den traditionell trockenen Subtropen wie der Sahelzone und im Nahen Osten intensivere Dürren.

In mittleren Breiten wie in der Schweiz fallen deutlich mehr Niederschläge im Winter, deutlich weniger im Sommer. Für die nächsten fünfzig Jahre machen Industriestaaten laut James E. Hansen mit materiellem und technologischem Aufwand die meisten unvermeidbaren Folgen erträglich.

Voraussagen bis 2100

Bis 2100 steigt die Temperatur gegenüber 1900 um 4 bis 7 Grad.

Das gilt laut Hansen, wenn sich die Konzentration von Gasen wie CO2, Methan oder Kohlenruss in der Atmosphäre ohne weitergehende Begrenzung als bisher entwickelt.

Das bedeutet, dass die Erde ohne diese Massnahmen eine Temperaturzunahme wie jene zwischen dem Höhepunkt der letzten Eiszeit vor etwa 20 000 Jahren und dem Beginn der momentanen Warmphase erlebt.

Beträgt der Temperaturanstieg von 1900 bis 2100 wie von James E. Hansen und vielen seiner Kollegen vorausgesagt 4 bis 7 Grad, geschieht im Lauf von zweihundert Jahren, was in 4000 geschah.

«Ohne Menschen würde die Erde eigentlich unterwegs in eine neue Eiszeit sein, durch die periodische Entfernung von der Sonne. Wie es aussieht, verhindert die momentane Erwärmung die Abkühlung nicht nur glücklicherweise, sondern sorgt ohne weitere Schritte für den schnellsten Temperaturanstieg in der menschlichen Geschichte.»

Professor Hansen denkt seit einigen Jahren über eine «Obergrenze» nach, ab der die Klimabeeinflussung die menschliche Zivilisation bedroht.

Keine Beweise

«Es hiess lange, es gibt da so eine Bandbreite von ein paar Grad, wo es keine echten Probleme gibt. Untersucht hat man das nicht wirklich. Und man weiss tatsächlich noch nicht genau, wie empfindlich das Klimasystem ist: In welchem Masse wird es reagieren, wenn die Treibhausgase um eine bestimmte Menge zunehmen?»

Doch erst jetzt stelle sich langsam heraus, dass sich Rückkoppelungen oder «Feedback»-Effekte dramatisch verstärken. Weil auf Grund der Erwärmung Gletscher, Schnee und Packeis immer schneller schmelzen, der Prozess sich durch das Freiwerden dunkler und wärmeabsorbierender Flächen selbst beschleunigt.

«Schon jetzt ist es viel schwieriger, diesen Kreislauf aufzuhalten, als ich Jahrzehnte lang dachte. Mit jedem zusätzlichen Zehntelgrad Erwärmung wird es noch mühsamer. Ich halte einen Temperaturanstieg von etwa einem Grad im Vergleich zu heute für den Punkt, an dem ein Zurück schwer wird.»

Goddard-Direktor James E. Hansen hat für diese Theorie keine Beweise. Ein Grad mehr als heute würde man ohne weitere Massnahmen seiner überzeugung nach bereits 2050 erreichen. In 45 Jahren also soll es ihm zufolge kaum noch ein Zurück geben. Hansen weiss, wie unglaublich das klingt. Wie vor 24 Jahren, als er an der Abkühlungstheorie vieler Kollegen zweifelte und eine Erwärmung erwartete. Während er glaubt, sich über die Aufforderung seines Vorgesetzten hinweg setzen zu müssen, zum Thema «Obergrenze» zu schweigen, sagt Hansen, hat der zwischenstaatliche Ausschuss für Klimafragen IPCC, eine Spezialorganisation der Uno, nun seine ursprüngliche Einschätzung zur Dramatik der Verstärkereffekte von polaren Gletschern und Packeis Hansens Theorie entsprechend revidiert und wird das in seinem nächsten Sachstandbericht verkünden.

James Hansen, warum bezeichnen Sie etwa ein Grad mehr als heute als eine «Obergrenze»?
Einerseits würden hunderte Millionen Menschen, die an Küsten wohnen, vom Anstieg des Meeresspiegels unmittelbar betroffen sein. Neben Bangladesh und den Pazifikinseln auch im Nildelta, den Niederlanden, in Louisiana. Vor allem aber ist schlecht vorstellbar, dass wir zu diesem Zeitpunkt noch angesichts der trägen politischen Willensbildung ausreichend wirkungsvolle Massnahmen beschliessen könnten, die einen weiteren Temperaturanstieg verhindern würden. Es wäre bereits zu viel Eis in der Arktis und Antarktis ins Schmelzen gekommen. Ich bin inzwischen überzeugt, der kritische Punkt liegt bei etwa einem Grad über heutigem Niveau.

Eine pessimistische Schätzung.
Unseren Berechnungen zufolge verursacht ein Grad mehr das Schmelzen des gesamten Meereseises in der Arktis im Sommer – mit riesigen Effekten.

Bis 2050 würde man ohne Massnahmen dieses zusätzliche Grad erreichen?
Ja.

Bis wann müsste man Schritte einleiten, um das zu verhindern? Bis 2010.

Sind Sie sicher? Wenn wir in diesem Jahrzehnt nichts unternehmen, bekommen wir das Grad.
Dann würde es extrem schwierig sein, etwas gegen die Erwärmung von 4 bis 7 Grad bis 2100 zu tun, deren Folgen ausserhalb unseres Vorstellungsvermögens liegen würden.

Wie schmerzhaft wären Gegenmassnahmen? Weniger, als man den Leuten sagt.

Es gibt andere Theorien. Einige sagen, eine «natürliche Variation des Erdklimas» wäre für die Erwärmung verantwortlich und würde von selbst wieder verschwinden. Man kennt heute längst die Triebkräfte der Veränderungen. Die Solarstrahlung als die wichtigste etwa hat sich über die letzten 35 Jahre nicht verändert. Es gibt keine weiteren bekannten möglichen Ursachen für die gegenwärtige Erwärmung als die Gase.

Man sagt, der Temperaturanstieg hat auch positive Folgen.
Es gibt diese Weinargumente, ja. Wein aus dem Norden wird besser, der aus dem Süden schlechter.
Der Seeweg über den Nordpol nach Japan würde frei. Viele Schiffe würden eine Menge Zeit und Treibstoff sparen.
Das stimmt, das wäre positiv. Aber das Ansteigen des Wasserpegels in den Ozeanen als etwas Positives anzusehen, fällt schwer.
Können wir uns an den Temperaturanstieg nicht einfach anpassen?
Paleoklimatologen wie Peter de Menocal vom Lamont-Observatorium haben Reste früherer Zivilisationen auf klimatische Veränderungen zur Zeit ihres Untergangs untersucht. Sie sagen beispielsweise, die Maya-Gesellschaft habe 2000 Jahre geblüht, bevor sie auf ihrem kulturellen und wissenschaftlichen Höhepunkt zwischen 750 und 950 v. Chr. auf Grund einer 150-jährigen Dürre in drei grossen Perioden kollabierte. Das war eine zu dieser Zeit unvergleichlich entwickelte, urbane und technologisch fortgeschrittene Gesellschaft, in ihrem Einfluss und ihrer Macht damals ähnelte sie G-8-Staaten heute. ·
Wir sind besser vorbereitet. Damals konnte man nicht vorausberechnen, was in der Zukunft geschehen würde.
Menocal sagt, damals habe man sich auf das vorbereitet, was man kannte. Genau das tun wir. Niemand in der Geschichte bereitete sich je auf einen Wandel vor, für dessen Schnelligkeit, Dauer und Stärke es aus seiner Geschichte keine Erfahrungen gab. Das alte ägypten nicht, die Anasazi in Lateinamerika nicht, die Maya und die Tiwanaku nicht und nicht Akkad, das erste Grossreich der Geschichte. Um 2100 v. Chr. brach das Reich plötzlich zusammen. Man fand später ein Klagelied, «Der Fluch von Akkad», es schreibt den Untergang einem Gottesfrevel zu: Aufgebracht durch ungünstige Orakel plündert Naram-Sin den Tempel von Enlil, dem Gott der Winde und des Sturms, der dann Naram-Sin und sein Volk zerstört. Die Ursache der dramatischen Austrocknung Akkads und des Exodus seiner Menschen war das Abschmelzen eines riesigen gefrorenen Sees in Nordamerika. Archäologen gruben in Zentralmesopotamien die Reste einer 180 Kilometer langen Mauer aus, die die flüchtenden Akkader zurückhalten sollte.

Explosion der Treibhausgase

Es gibt natürliche Gegenkräfte gegen Erwärmung.
Wird Wald gerodet und mit Getreide ersetzt, hat das einen direkten Kühleffekt auf das Klima, weil der Schnee im Winter durch den Wald auf den Boden fällt, der Wald nicht mit Schnee bedeckt ist und Energie absorbiert. Allerdings wird bei der Brandrodung durch die Freisetzung des CO2 im Holz ein noch grösserer Wärmeeffekt verursacht.
Gibt es stärkere Gegenkräfte?
Vulkanausbrüche verlangsamen die Erderwärmung ziemlich. Die Wirkung des letzten Krakatau-Ausbruchs hätte die Wirkung der Treibhausgase für ein Jahr mehr als kompensiert. Die Staubpartikel schirmten den Himmel gegen Sonnenlicht ab, die Erde erhielt weniger Energie, weil sie reflektiert wurde.

Gibt es keine Kräfte gegen Erwärmung, die man aktivieren kann?
Es gibt Ideen, etwa Eisen in die Ozeane zu streuen, weil das die Produktivität der marinen ökosysteme vergrössert, und sie dann mehr CO2 binden.
Wie viel Kühlung könnte das bringen?
Wegen der Menge CO2, über die wir hier sprechen, niemals genug.
Wie viel CO2 produziert man heute?
7 Millionen Tonnen, an den Anfängen des Industriezeitalters um 1850 produzierten wir 1 Prozent, 1910 10 Prozent davon.
Es gibt keine Hoffnung auf eine natürliche Abkühlung?
Es könnte ein paar Vulkanausbrüche geben, das würde zeitweise für Abkühlung sorgen.
Wie viele wären nötig?
Zwei Pinatubos würden genug Kühlung für zehn Jahre bewirken. Einer 0,25 Grad.
Sollte man Vulkane künstlich zum Ausbruch bringen?
Jemand anders dachte ähnlich: Russische Forscher schlugen vor, Boeings 747 Schwefeldioxid in der Stratosphäre abladen zu lassen, was dort zu Schwefelsäure wird, genau wie das, was aus den Vulkanen kommt. Man müsste allerdings jeden Tag ein paar Boeings hochschicken, einen permanenten Vulkan erzeugen. Es würde 5 Milliarden Dollar im Jahr kosten. Wenn man das konstant machen könnte, würde es bald 2 Grad kühler werden, und wir hätten weniger Probleme. Doch das hätte eine ungünstige Nebenwirkung. Die Ozonschicht würde zerstört.
Was müsste man also tun?
Die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre bis ins Jahr 2050 nur auf 440 ppm erhöhen – 1 ppm CO2 bedeutet ein Molekül CO2 pro eine Million Moleküle Luft -, wir sind jetzt bei 380 ppm, und CO2 erhöht sich derzeit um weitere 2 ppm im Jahr.
Wie schwierig wäre es, CO2 bis 2050 nur bis auf 440 ppm zu erhöhen?
Ich denke, das ist nicht möglich.

Faszination Weltuntergang

Aber es gibt doch das Kioto-Protokoll?
Das wird nicht reichen. Die Vertragsstaaten haben das Ziel, ihre Emissionen bis zum Jahr 2012 um durchschnittlich 5,2 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken. Die einzelnen Länder haben unterschiedliche Vorgaben, die von ihrer wirtschaftlichen Entwicklung abhängen. Für die Volksrepublik China, Indien und für Entwicklungsländer sind überhaupt keine Beschränkungen vorgesehen. Die USA haben den Vertrag nicht ratifiziert. Wegen Indien und China ist eher anzunehmen, dass sich der vorindustrielle CO2-Wert von 280 bis zum Jahr 2100 auf 560 verdoppelt.
Wir haben Ihrer Meinung nach schon verloren?
Ich bin zwar nicht besonders optimistisch, was die Folgen angeht, wenn wir nichts unternehmen. Aber ich bin sehr optimistisch, wenn ich daran denke, was realistisch ist, um die Erwärmung herunterzufahren.

Was wäre ein adäquates Mittel?
Zunächst mal den CO2-Ausstoss senken. So viel wie möglich. Aber weil das nicht im notwendigen Mass möglich ist, müssen wir vor allem die anderen Treibhausgase ins Visier nehmen, das wird heute zu wenig getan.
Ihre europäischen Kollegen glauben, CO2 soweit begrenzen zu können, dass es nicht zu dem zusätzlichen Grad kommt.
Wir müssen unsere CO2-Emissionsrate reduzieren und China, Indien und den Entwicklungsländern helfen, ihre CO2-Emissionszuwachsrate zu minimieren. Aber das wird nicht genügen.
Warum kann man die CO2-Wachstumsrate nicht ausreichend verringern, wie es viele europäische Forscher glauben?
Ich glaube, es wird schwierig, Indien, China und die Vereinigten Staaten davon zu überzeugen.
Wie gross ist die Treibhauskraft dieser anderen Emissionen wie Methan, Ozon, Kohlenruss?
Regional unterschiedlich. Oft entspricht die Kraft der anderen zusammen der von CO2.
Warum sollte es leichter sein, mit deren Absenkung das eine Grad zu vermeiden?
Sie sind weniger essentiell. Das erkennt man daran, dass wir in einem Fall sogar in den USA bereits beschlossen haben, sie zu reduzieren. Trucks müssen in ein paar Jahren den Russausstoss mit Filtern reduzieren. Europa hat damit angefangen. Das Hauptproblem sind auch hier Indien und China. Diese Stoffe sind gerade in diesen Ländern wichtig. Aber im Unterschied zu CO2 wird man über eine Initiative, was das angeht, sogar glücklich sein.
Warum?
Die Luft ist da bereits so schmutzig. Die meisten dieser Stoffe beeinträchtigen sie, sie beeinflussen Gesundheit und Landwirtschaft. Natürlich werden wir ihnen etwas zahlen müssen oder Technologie mit ihnen teilen. Auch bei den anderen Stoffen kann man leichter ansetzen als bei CO2. In den USA und Europa beginnen wir bereits, das mit Aerosolen und Methan zu tun.

Warum konzentrieren sich die Europäer so auf CO2?
Weil es langfristig die dominante Triebkraft sein wird. Aber sie scheinen auch irgendwie von Worstcase-Szenarien fasziniert zu sein. Es gibt in Europa so eine Tendenz zu dem Gedanken, dass der Klimawandel nur verdammt schwer aufzuhalten ist. Ich will das nicht in Frage stellen. Aber es scheint sie total auf CO2 festzulegen.
Glauben Sie, dass wir eine Reduzierung dieser anderen Emission erreichen?
Man sollte sich öfter an die Erfolgsgeschichte bei der Bekämpfung der Fluorkohlenwasserstoffe erinnern. Als die Wissenschaft feststellte, dass dieses Gas aus den Spraydosen und Kühlschränken dabei war, die Ozonschicht zu zerstören, zweifelte die Wirtschaft an dieser Analyse. Der Westen einigte sich, es nicht mehr zu erlauben, einige Fabriken wanderten nach Asien ab. Aber dann entwickelten Dupont und andere Alternativen. Doch die Inder und Chinesen wollten Kühlschränke, und sie bauten sie mit Fluorkohlenwasserstoffen. Dann traf die Weltbank eine Vereinbarung mit Indien und China, die Fabriken zu schliessen. Sie wollten Geld, die Weltbank gab ihnen eine Milliarde. Nun erhöhen sich die Fluorkohlenwasserstoffe nicht mehr. Ein paar Jobs gingen verloren, andere kamen hinzu. Wir haben uns entwickelt und haben es geschafft.
Können wir so mobil bleiben wie bisher?
Die individuelle Mobilität wird weiter ansteigen. Das wird sich nicht verhindern lassen. Sie scheint für viele Leute extrem wichtig zu sein. Obwohl ein stärkerer Verzicht wie etwa mit einer CO2-Abgabe schon ein symbolisches Zeichen für sich entwickelnde Länder wäre.
Wird uns eine Senkung der Treibhausmissionen auf lange Sicht von Problemen befreien?
Weil wir den Energieverbrauch nicht einschränken werden, wird uns auf lange Sicht nur eine neue Energiequelle retten. Die werden wir finden. ·

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