11.12.2009 von Georg Diez , 2 Kommentare
Jedes Jahrzehnt ist auf der Suche nach sich selbst; dasProblem dieses vergehenden, verzögerten, verhetzten, verlorenen Angst- und Abstiegsjahrzehnts war es, dass es mit so einem Krach geboren wurde, mit dem ohrenbetäubenden Doppellärm des Börsencrashs, bei dem zwischen März 2000 und Oktober 2002 mehr als fünf Billionen Dollar vernichtet wurden, und den Anschlägen vom 11. September, bei denen dreitausend Menschen starben — und wir einigermassen lange brauchten, um uns von dem Schock zu erholen, uns aufzurappeln und den Staub aus den Kleidern zu klopfen, uns umzuschauen und so etwas wie Sinn in dem Schutt zu erkennen. Oder wenigstens einen Namen für das Debakel zu erfinden.
Einer der Ersten, der es versuchte, war der britische Historiker Simon Schama, am 30. Dezember 2005 im «Guardian». Und es ist merkwürdig, den Text heute wieder zu lesen, weil so vieles, was darin im Rückblick beschrieben wurde, heute immer noch bestimmend ist, vom Krieg im Irak über den iPod bis zu den «schrumpfenden Zeitungen», wie das Schama nannte. Von George W. Bush handelt dieser Text, von schmelzenden Eiskappen und einer Ideologie namens «Wachstum», ein kapitalistischer Urglaube, den Schama, sicher kein Radikaler, mit einem bösartigen Tumor vergleicht. «The Noughties», so nannte er dieses Jahrzehnt, was einerseits so klingt, als seien diese Nullerjahre besonders «ungezogen», was vor allem aber bedeutete, dass Schama sie für verschwendete, zerstörerische, für Jahre des Scheiterns hielt.
Und sie endeten, diese Jahre, wie sie begonnen hatten: mit einem Crash, mit dem Riesenkrach der Finanzkrise vom Herbst 2008 und mit der stillen Panik, welche die Schweinegrippe weltweit verbreitet — dass das Wort «ansteckend» hier in beiden Fällen verwendet wird, zeigt nur, wie sehr sich die Bilder und Metaphern inzwischen gegenseitig infizieren. Da ist von Blasen und Bubbles die Rede, wenn es um ökonomische Fragen geht. Und die Ärzte warnen davor, dass die Grippe durch Tröpfchen übertragen wird. Wenn es eine verbindende Metapher der letzten Jahre gibt, dann ist es die Blase.
Rund und schillernd und spiegelnd und vielversprechend und trügerisch. Die Nullerjahre also. Was schon eine doppelt schlechte Bilanz verspricht, was von Verlust und Verschwinden erzählt und von hohlwangiger Depression und nicht vom Optimismus, von der Energie und der guten Laune, mit der dieses Jahrzehnt um die Ecke gebogen kam. Wir hatten doch gewonnen, wir waren der Westen, wir waren doch die Sieger. Wir fühlten uns unbezwingbar, und Krise war ein Wort aus einer anderen Zeit. «Dotcom», so hiess das Versprechen, ein Wort, das heute historisch wirkt.
Wir Sorglosen
In der Rückschau erscheint es verblüffend, wie fantasielos wir alle zusammen waren. Kein Drehbuchautor und schon gar kein Leitartikler ist so gut wie die Wirklichkeit. Ein paar Ausnahmen gab es immerhin, die aber irgendwie freundlich weggenickt wurden. J. G. Ballard etwa, der im Jahr 2000 seinen Roman «Super-Cannes» veröffentlichte, der von den Ghettos der Super-Reichen erzählte, die ab und zu in ein Schattenreich von Sex und Gewalt hinabsteigen, wo sie eine Art hyperkapitalistische Stressabfuhr ausleben, wie sie «manchmal ganze Nationen packt und in therapeutische Zuckungen versetzt». Oder Bret Easton Ellis, der in seinem Roman «Glamorama» schon 1998 Terror und Gewalt beschwor, das gleiche Jahr, in dem dann auch Michel Houellebecqs Gegenaufklärungs-Epos «Elementarteilchen» erschien — diese ganze Dystopie-Bande also wusste etwas, ahnte etwas, das wir mit all seiner negativen Energie einordneten in einen sinn- und sorgenfreien Weltentwurf. Die Sonne sollte ewig auf uns scheinen.
Es kam dann doch anders, und die realen Ereignisse, wenn man dieses Wort für eine Internet-Spekulationsblase verwenden will, die 2001 spektakulär platzte, oder für die Anschläge von New York, welche die Menschen in dem Schock zurückliessen, dass sie nicht mehr wussten, ob sie einen Katastrophenfilm gesehen hatten oder längst in einem lebten — diese realen Ereignisse also haben viel mit dem Exzess, dem Selbstekel, der Überlebtheit zu tun, die aus den Romanen der Jahrhundertwende quollen. Der Westen war nicht nur vielen Menschen im Rest der Welt verhasst geworden; der Westen fühlte sich auch mit sich selbst nicht besonders wohl.
Die Reaktion darauf war eine Art Selbstanästhesierung. Bloss nichts spüren, bloss nichts mitkriegen von dem Tempo, mit dem sich die Welt dort draussen verändert. Die Nullerjahre waren ein konservatives Jahrzehnt, gesellschaftspolitisch, parteienpolitisch: Familiensehnsucht, Wertediskussion, Rechtsruck — eine Antwort auf die Unsicherheit, auf die Angst, die zum Wesenskern dieser Zeit wurde. Fortschritt oder wenigstens fortschrittliches Denken haben es schwer, wenn die wirtschaftlichen Parameter kippen.
Das Erschreckende am Irak-Krieg war dann nicht, dass hier wirtschaftliche Interessen mit militärischen Mitteln durchgesetzt werden sollten, das ist, ganz unzynisch gesagt, seit ein paar Jahrhunderten gute westliche Tradition. Das Erschreckende war vielmehr, dass dieser Krieg wie ein Rückzugsgefecht wirkte, dass Wohlstand und Sicherheit, das sagten westliche Politiker sogar so offen, von diesem Einsatz abhingen. Wie gering ist also das Selbstbewusstsein des Westens, wie wenig trauen wir uns zu, wenn es um die Motoren oder Medikamente oder Windkraftwerke der Zukunft geht. Haben wir die ökonomische Systemkonkurrenz schon verloren? Gegen die neue Supermacht China sowieso. Aber auch gegen Indien?
Der englische Politikwissenschaftler Martin Jacques behauptet das in seinem mächtigen Werk «When China Rules the World. The Rise of the Middle Kingdom and the End of the Western World», und es könnte ein Schlüsselbuch werden, wenn man in zwanzig Jahren einmal verstehen will, wie es passieren konnte, dass Europa einfach stehengeblieben ist, dass Amerika so marode wurde, wie es seine Strassen heute schon sind, und so pleite wie Arnold Schwarzeneggers Kalifornien. Aber Jacques beschränkt sich nicht auf den ökonomischen Abstieg des Westens und den Sieg Chinas — er sieht auch einen Abschied des westlichen Lebensmodells, der sich mit Begriffen wie Individualismus und Freiheit verbindet und von Musik überKleidung und Konsum bis in die Philosophie reicht.
«Rasender Stillstand»
Das Bild vom rasenden Stillstand, der die Mitte des Jahrzehnts bestimmte und mit dem Internet verbunden ist, das ein alles durchwirkendes Gefühl erzeugte, irgendwo zwischen Kommunikationsüberdruck und der Sehnsucht nach der digitalen Wärmestube; dieser «rasende Stillstand», von dem PaulVirilio sprach, ein langsam vergessener postmoderner Philosoph, so wie die ganze Postmoderne gerade im Abendrot des Abendlandes zu verschwinden scheint — dieser rasende Stillstand beschreibt dabei nicht nur die Angst und die Leere im Inneren dieser mit so viel Neuem, Wahnwitzigem, Prunkendem gefüllten Zeit: von Peking bis Dubai, wenn so viel passiert, warum ereignet sich so wenig? Der «rasende Stillstand» ist auch eine Selbstbeschreibung jenes postmodernen westlichen Denkens, das heftig um sich selbst kreiste und die Welt nur noch in Anführungszeichen wahrnahm.
Wohnen und Lügen
Nichts war wirklich, nichts war bedrohlich, nichts war wichtig. Alles war Zitat, alles war Ironie, alles war «eigentlich» — auch so ein Wort, das diese wabernde Zeit beschreibt, in der man Entscheidungen vertagte, Entwicklungen verzögerte oder umdrehte. Kinder wurden früher erwachsen, Erwachsene blieben länger Kinder, die Lebensstile verschränkten sich, 13-Jährige und 33-Jährige und 53-Jährige spielen das Computerspiel «War of Witchcraft» und hören Madonna. Oder der Smart, ein Auto, das «eigentlich» für Mobilität und Spass und Jugend stand und heute, im Zeichen des demografischen Wandels, besonders gern von Altenpflegediensten verwendet wird. Oder der Latte Macchiato, fast schon zum Klischee verkommenes Inbild dieser Zeit, der ja «eigentlich» Kaffee sein soll, aber vor allem Schaum und Milch bietet, eine Art Zwischen oder Hybridform, einlullend, wirkungslos, gefühlig. «Wohnen, dämmern, lügen», so hatte Botho Strauss diesen Zustand in den Neunzigerjahren genannt. Schläfst du noch oder lebst du schon, so könnte man heute fragen, schläfst du schon oder lebst du noch?
Die Frage paraphrasiert einen Werbespruch von Ikea — das schwedische Möbelhaus steht dabei für zwei Entwicklungen, die sich beeinflusst und überschnitten haben: einerseits für den Rückzug ins Private, eine Art Wohllebens- und Wohlfühlschub, der von Kochen über Wohnungseinrichtung bis zu Wellness ging und wie eine Reaktion wirkt auf den Einbruch des Realen, der in doppelter Weise am Beginn der Nullerjahre steht. Und andererseits für ein Leben in Retrowelten, in Zitatverhältnissen, in Möbeln etwa, die so aussehen wie Möbel aus den Fünfzigerjahren, als Modernität noch ein Versprechen war, Stühle von Arne Jacobsen — oder Lampen von Verner Panton, und die heute, des Optimismus’ entkleidet, eher an die eigene Visionslosigkeit und Aufbruchsscheu erinnern. Der gemässigte Modernismus ist so etwas wie die ästhetische Einheitswährung dieser Jahre.
Sicherheit und Gesundheit
Es ist nicht schwer zu erkennen, wie das Private und das Globale miteinander zusammenhängen. Der eine Mittelstandsmensch klammert sich am schicken Stuhlbein fest, weil er das Gefühl hat abzurutschen, der andere geht auf die Strasse und wirft ein paar Scheiben bei Starbucks ein. Postmaterialismus und Antikapitalismus waren die beiden sich bedingenden, sich ergänzenden Halbüberzeugungen der Nullerjahre — beides mündete Ende des Jahrzehnts in eine grosse Ernüchterung, weil die malmende Veränderungsmaschine Globalisierung nicht Halt macht, nicht vor den Arbeitsplätzen, nicht vor den Polkappen. Wenigstens war der Tsunami von 2004, die zentrale Naturkatastrophe der Nullerjahre mit über 230 000 Toten, nicht menschengemacht, obwohl es sicher irgendwo im Internet jemanden gibt, der genau das behauptet.
Die Antwort auf die Angst, die wie ein Gift in jene Jahre einsickerte, waren die Verschwörungstheorien, die das Unübersichtliche, Ungreifbare verständlich machten. Sie explodierten mit jenem Ereignis, das ein Markenzeichen dieses Jahrzehnts wurde, das emblematische Datum 9/11, sie sickerten ein in Abendunterhaltungen, sie kehrten als Paranoia wieder im Kino und in Fernsehserien wie «24», sie waren der Grundton, der selbst die Diskussionen über den Kampf der Kulturen, die gefährlichen Touristenparadiese, die Vogelgrippe bestimmte. Die Bedrohung war immer unbestimmt. Bakteriell oder viral, erinnert sich noch jemand an Anthrax? Oder kulturell und latent hegemonial, so begründet sich ja die westliche Islamskepsis: Wollt ihr alle verschleiert die Schwulen auspeitschen?
Angst und Kontrolle stecken auch hinter den einzigen beiden bleibenden Ideologien der Nullerjahre, der Sicherheit und der Gesundheit — wobei sich auch hier das Globale und das Private verbinden, ein Zeichen für Verfolgungswahn. Für die Sicherheit waren wir bereit, unseren Alltag radikal zu ändern und unseren Begriff von Autonomie leicht herzugeben, das Kontroll- und Überwachungstheater an den Flughäfen etwa, vor dem sich Michel Foucault in Lachkrämpfen geschüttelt hätte, ist nur das offensichtlichste Beispiel. Für die Gesundheit gingen wir noch einen Schritt weiter und unterwarfen uns unwidersprochen einem krassen Regulierungsregiment, dem Rauchverbot, und gaben für das allgemeine Wohl einen guten Teil unserer Freiheit auf. Was braucht es da noch Terroristen?
Aber so wirken eben äussere und innere Bedrohung zusammen. Und weil wir irgendwie nicht ganz wach waren und irgendwie nicht ganz da, haben wir eben einfach mitgemacht. Denn Verschwörungstheorien kamen dabei etwa gleichzeitig auf mit jenem Vergangenheitsflash, der uns aus dem Retrojahrzehnt, als das die Nullerjahre begonnen hatten, in eine vollkommen gegenwartsvergessene Zeit gestossen hat: In den vielen Wiederholungsschlaufen in Design und Musik, die sich immer enger und enger um uns gezogen haben, scheinen wir irgendwo verloren gegangen zu sein. In der Postmoderne war es das Zitat, heute ist es das Historische, dazwischen ist das Heute abhandengekommen. Es war ein umfassendes Gefühl, das sich breitmachte: Die Geschichte hat gewonnen, sie hat die Gegenwart einfach verschluckt.
Was wir erleben, ist der Angriff der Geschichte auf die übrige Zeit. Die Gegenwart ist verloren gegangen im Fortschrittsverdruss. In den alten Rollenmodellen, die wir anprobieren wie die Kleider unserer Eltern, die nach Mottenkugeln riechen und nicht passen. In den linkischen Versuchen, eine überlebte Bürgerlichkeit zu reanimieren. In den Blasen der Angst, wie sie Naomi Klein in ihrem Buch «Die Schock-Strategie» beschrieben hat. In den privatistischen Freundschaftszirkeln von Facebook, die alles Aussen und damit jede Veränderung ausschliessen. Eine Internet-Plattform wie MySpace wandte sich noch an potenziell alle dort draussen. Wir wenden uns nur an uns, wir reden nur mit uns, wir sind uns selbst genug.
Rückzug also als Reaktion auf die Herausforderung des Realen. Waren sie das schon, unsere besten Tage? Ja und nein. Die Nullerjahre sind, wie die Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts, verkaterte Krisenjahre. Energiekrise, Sinnkrise, Stagnation. Danach kamen damals die Achtzigerjahre mit neuen Ideen, neuer Energie. Wir stehen an der Schwelle zu diesem nächsten Jahrzehnt, das sich immerhin in Konturen abzeichnet. Ein neuer grüner Hedonismus, eine neue Technikeuphorie, eine Krise, die alte Hierarchien über den Haufen wirft, die in Wirtschaft, Publizistik oder Politik Platz schaffen könnte, für neue Ideen. Auf Angst folgt Aufbruch. Aus der Starre entsteht Dynamik.
So könnte es kommen, wenn die Angst nicht chronisch wird. Ein Vorbild, wie sich Gesellschaften erneuern, könnte dabei Amerika sein, auch wenn das amerikanische Jahrhundert am 9. September 2001 zu Ende gegangen ist. Aber die innere Dynamik ist immer noch einzigartig, die Offenheit stiftet Hoffnung. Zuwanderer, das lehrt Amerika, bringen eine Gesellschaft voran. Migration war ein grosses Thema der Nullerjahre, es wird ein bestimmendes Thema der nächsten Jahrzehnte werden. Man sollte es ohne Angst sehen.
«When China rules the World: The Rise of the Middle Kingdom and the End of the Western World», von Martin Jacques, Penguin Books, 2009
GEORG DIEZ schreibt regelmässig für «Das Magazin».
georgdiez@aol.com
Bildreproduktion: Gina Folly, die Fotografin arbeitet regelmässig für «Das Magazin». info@ginafolly.ch

Bild: Seth McCallister (AFP, EPA, Keystone)
Es ist bezeichnend, dass ich ihren Artikel auf dem iPhone in einem mit Jacobsen-Stühlen ausgestatteten Wohnzimmer lese. Wir haben den 12. Dezember 2009 und mir wird erst jetzt richtig bewusst, dass die Dekade bald vorüber sein soll. Genau genommen dauert es natürlich noch ein weiteres Jahr bis zum Beginn der 10er Jahre aber seien wir ehrlich: Wir können es kaum erwarten, bis die “noughties” zu Ende gehen.
Ist es nicht so, dass uns Houellebecq’s “Elementarteilchen” als negativstes Zukunftsszenario gegolten hat und wir uns stattdessen eine andere, schöne neue Welt erhofft haben? Es ist dann doch alles anders gekommen. Keine neuen Menschen sondern die altbekannten Muster welche dazu geführt haben, dass wir, zumindest hier in der Schweiz, religiösen Minderheiten ihre Rechte verwehren. Im Gegensatz wird die umstrittene Gentechnologie in Zukunft wohl weniger für einen “Menschenpark” verwendet werden, als für eine nachhaltige Produktion von regenerierbaren Energieträgern. Da können die nächsten zehn Jahre nur besser werden.
«War of Witchcraft»?
Fast beschleicht einen das Gefühl, dass auch die journalistische Gründlichkeit den Nullerjahren zum Opfer gefallen ist…