27.03.2010 von Michèle Roten , 1 Kommentar
Die Ergebnisse linguistischer Gesprächsanalysen deuten darauf hin, dass Frauen dazu neigen, sich selber infrage zu stellen und Männer dazu, die Wahrheit über Dinge einfach zu behaupten. Man fand auch Hinweise darauf, dass Frauen eher die Arbeit übernehmen, den Dialog am Laufen zu halten, auch generell eine gute Stimmung zu gewährleisten, während Männer das Gespräch ohne grosse Rücksicht auf die Inputs anderer in die sie interessierende Richtung treiben. Frauen gehen ganzheitlicher auf die Äusserungen des Gegenübers ein, Männer tendieren dazu, Nebensätze aufzugreifen, wenn es ihrem Ziel förderlich ist. Wollen wir also untenstehende Sequenz daraufhin überprüfen — vorweggenommen sei, dass sich irgendwie alle Ergebnisse genauso finden; aber vor allem in der genau gegenteiligen Version. Hurra Wissenschaft!
(Beim Abendessen — das 50-Franken Entrecôte ist bis zur Unkenntlichkeit verbraten.)
Ich: Oh mein Gott, es ist furchtbar.
Mann: Ist es nicht, es ist voll okay.
— Willst du mich verarschen? Man kann es kaum schneiden, schau mal!
— Es ist super.
— Ich kann das nicht essen!
— Es ist super, und du hältst jetzt die Klappe. Ich möchte mein Essen geniessen.
— Geniessen?! Das ist zäh wie Leder!
— Dein Ehrgeiz in Ehren, aber nimm mir bitte nicht die Freude am Essen.
— Das hat doch nichts mit Ehrgeiz zu tun! Zumindest nicht nur! Es nervt einfach auf so vielen Ebenen! Erstens,
der Ehrgeiz! Zweitens hab ich mich gefreut auf ein gutes Stück Fleisch! Drittens, hast du das wunderschöne Stück Fleisch gesehen? Viertens, es ist
eine Schande, dass das arme Tier sterben musste für das hier!
— Ehrlich, ich würde lieber einen Teller voll Scheisse essen als mit einem Gegenüber, das so ein Gesicht zieht.
— Tja, sorry. Jetzt hast du halt beides.
— Kannst du dich jetzt bitte mal beruhigen? Es ist super. Mmmmh.
— Müssen wir jetzt wirklich so tun, als ob es super wäre? Ich weiss ganz genau, dass du auch weisst, dass das nichtsmit einem gut zubereiteten Stück Fleisch zu tun hat. Du bist ja kein Idiot!
— Okay. Das Fleisch ist eine Vier, die Beilagen und die Sauce eine glatte Sechs.
— Eine Vier?! Eine Vier heisst genügend! Das hier ist nicht genügend! Das ist eine Zwei! Und auch nur, weil es sich nach stundenlangem Durchkauen noch irgendwie schlucken lässt!
— Es ist meine Schuld. Ich hab gesagt, es brauche noch zwei Minuten.
— Und wenn schon! Sünde! Schande! Aber wenigstens gibst du jetzt zu, dass es ungeniessbar ist.
— Kannst du jetzt bitte runterkommen? Es ist wunderbar. Man kann es problemlos essen.
— Was mich am meisten aufregt ist, dass du dich verpflichtet fühlst, Theater zu spielen. Machen wir uns nichts vor. Ich weiss, du möchtest nett sein und so.
— Okay, jetzt reichts aber langsam. Nett? Ich geb dir gleich nett! Das hat nichts mit nett sein zu tun! Ich bin nicht nett!
— Und es ist ja auch ganz schön, es zeigt ja, dass du mich schützen willst.
— Ich bin nicht nett! Das Fleisch ist voll okay! Punkt!
— Nein, ist es nicht!
— Du isst das jetzt.
— Aber mit Todesverachtung.
— Mir egal. Mmmmh, es ist super!
Und trotzdem komme ich nicht umhin, dieses Gespräch für wahnsinnig geschlechtertypisch zu halten.

Fotografiert von Serge Hoeltschi
[...] Artikel über den »Mann als Amateur« im Magazin (und dann, eine Woche später, Roten in ihrer Kolumne). Sie konstruiert (wie auch Binswanger) ein Bild von »der Mann«, der, wenn er denn je wieder zu [...]