Wenn Männer nur noch streicheln

Die bisherigen Lobpreisungen des iPhones haben den wichtigsten Punkt verpasst.

15.08.2008 von Daniel Binswanger , 8 Kommentare

Seit dem Verkaufsstart des iPhone 3G strotzen die Gazetten von Preis-/Leistungs-Analysen und Modellvergleichen. Das Prinzip der kritischen Evaluierung wollen ja auch wir hier hochhalten, doch diese Debatten sind wirklich sinnlos. Oscar Wilde hat einmal geschrieben: «Die einzige Entschuldigung dafür, etwas Nutzloses geschaffen zu haben, liegt darin, dass man es über alle Massen bewundert.» Nutzlos ist das iPhone ohnehin nicht. Vor allem aber ist das spiegelverglaste Schmuckkästchen so grenzenlos bewundernswürdig, dass die Frage nach Nützlichkeit und Kosteneffizienz schlicht und einfach überflüssig wird.
Meine Umgebung liegt jedenfalls im i-Fieber, ich selber bin ein schwerer Fall. Arbeitstage werden vertrödelt mit iPhone-Surfen, dem Herüberspielen der iTunes-Bibliothek, dem faszinierten Ansehen von Videos, die eigentlich völlig uninteressant sind. Gespräche drehen sich nur noch um die neueste Entdeckung im Applications Store, die Sprachwahlkonfigurierung der Tastatur, die geschätzte Dauer, bis Apple eine Copy/Paste-Funktion nachliefern wird. Ich glaube, seit ich mit fünf oder sechs Jahren ein Playmobil-Piratenschiff zum Geburtstag geschenkt bekommen habe, konnte mich kein Spielzeug mehr in einen solchen Zustand blindseliger Ekstase versetzen.

Zeit der Zärtlichkeit Seltsamerweise scheint das i-Fieber vornehmlich Männer zu befallen und stellt deshalb in betroffenen Kreisen eine schwere Herausforderung für die Lebenspartnerschaften dar. Die bessere weibliche Resistenz muss wohl darauf zurückgeführt werden, dass Frauen den Verführungen von technischem Gerät im Allgemeinen leichter widerstehen. In diesem Fall scheint es eher paradox, weil die Bedienung des Touchscreens ja viel Zartgefühl und mit Vorteil schmale Fingerkuppen erfordert. Femininer war ein Technologiesprung noch nie. Unter Zusicherung von striktem Quellenschutz hat mir ein Bekannter verraten, weshalb es seiner Ansicht nach zu schweren Zerwürfnissen mit seiner Frau gekommen ist, nachdem er sich ein iPhone anschaffte. «Sie hatte einfach den Eindruck, dass ich sie so zart noch nie berührt habe», meinte er schuldbewusst. Die i-Revolution oder: wenn Männer nur noch streicheln wollen.

Ästhetischer Urtraum Zunächst fasziniert das Gadget natürlich dadurch, dass es in so miniaturisierter Form so Gigantisches zu leisten vermag. Zugegeben: Mehr als in einem Desktop-Computer steckt in dem blanken Zauberalumett auch nicht drin. Da ich, wie etwa 95 Prozent der Bewohner der zivilisierten Welt, ohnehin zu viel Zeit meines Lebens vor einem Bildschirm verbringe, ist es eigentlich eher ein Fluch, das Internet auch noch in der Hosentasche mit sich herumzutragen. Man könnte ja zum Beispiel die Kolumnen-Seite der «New York Times» oder des «Magazins» auch weiterhin auf dem Computer lesen. Es wäre allerdings ungleich weniger lustvoll, als den Text auf das Wundergerät zu holen und durch eine leichte Kosebewegung des Zeigefingers vorbeidefilieren zu lassen. Seit ich das iPhone besitze, lese ich die Zeitung wieder im Café.
Die grösste Errungenschaft des Geräts ist aber der Touchscreen, wie er in dieser Art noch nie dagewesen ist. Es kann nicht verwundern, dass wiederum der Fin-de-Siècle-Dandy Oscar Wilde die perfekte Produktbeschreibung vorweggenommen hat: «Alle Kunst ist zugleich Oberfläche und Symbol», schreibt er im «Dorian Gray». Genau diese Eigenschaft hat auch das berührungsempfindliche Interface: Es ist nur noch Oberfläche. Keine Knöpfe, (fast) keine Schalter, (fast) keine mechanischen Steuerungselemente. Zugleich ist es nur noch Symbol. Jeder Quadratmillimeter des Bildschirms kann zu einem beliebigen Funktionssymbol umgewandelt werden: zur alphabetischen Tastatur, zur Zifferntaste, zum Album-Cover, das man berührt, um einen Song abzuspielen. Das iPhone ist die utopische Synthese von absoluter Oberflächlichkeit und unendlichem funktionalen Tiefgang. Eine Art ästhetischer Urtraum.
Wir stehen vielleicht vor so etwas wie einem Paradigmenwechsel des Industriedesigns. Was die Digitalisierung von Alltagsgeräten bisher gebracht hat, ist eine schreckliche Banalisierung der Oberfläche. Einen ästhetischen Tiefpunkt der bisherigen Zivilisationsgeschichte bildet wohl die Computertastatur, ein klapperndes Stück Plastik, dessen mechanische Gestaltung keinen nachvollziehbaren Bezug mehr hat zum Innenleben des Rechners. Während zum Beispiel bei einer alten Schreibmaschine der Übertragungsmechanismus zwischen Taste und Buchstabe klar zutage liegt und den ganzen Aufbau des Geräts bestimmt, ist eine Computertastatur nur noch ein mechanischer Restposten. Schreibmaschinen, von der Remington bis zur Hermes Baby, waren Fetischobjekte. Keyboards hingegen wirken immer billig und wegwerfbar.

Tischleindeckdich Der Kunsthistoriker Beat Wyss hat in seinem Buch «Die Welt als T-Shirt» das immer weitere Auseinanderklaffen von mechanischer Gestaltung und innerer Funktionsbestimmtheit analysiert. In der modernen Computerwelt, sagt Wyss, ist ein Graben entstanden zwischen physischer Oberfläche und elektronischem Rechenprozess. Form und Inhalt finden nach der Digitalisierung nicht mehr zueinander. Das Gestaltungsprinzip, das für das ganze Industriezeitalter gegolten hat – die Form folgt der Funktion –, wurde immer weiter ausgehöhlt. Doch jetzt kommt das iPhone – und vereinigt Form und Funktion auf dem Spiegel seines makellosen Bedienungsschirms.
Mit dem Touchscreen hat das Symbol die Oberfläche zurückerobert. Mal Fotoalbum, mal Plattensammlung: Jede Funktion kann perfekt auf die Oberfläche projiziert werden. Der berührungsempfindliche Schirm ist deshalb mehr als ein neuartiges Interface zwischen Mensch und Maschine. In so ausgereifter Form, wie er beim iPhone zur Anwendung kommt, erzeugt er eine neue Ästhetik.
Das Handy wird zum ständigen Tischleindeckdich für die gerade nötige Benutzeroberfläche. Erstaunlich ist weniger die «Intelligenz» des iPhones, an intelligente Maschinen sind wir uns ja gewöhnt. Erstaunlich ist das buchstäbliche Taktgefühl, die Fähigkeit, das Bedürfnis des Benutzers zu antizipieren. Wenn ein Anruf eingeht, dimmt die Musik, die man über Kopfhörer hört, zart aus und kommt nach dem Aufhängen automatisch zurück. Wenn man das Telefon im Querformat hält, wird das von selbst erkannt, und der Bildschirm passt sich an. Revolutionäre sind solche kleinen Verbesserungen des Benutzerkomforts nicht. Doch sie verleihen dem Gerät eine verblüffende Gabe: Es erscheint höflich, ja zuvorkommend. So aufmerksam sind ständige Begleiter sonst in der Regel nicht.

Den «Hamlet» im Sack Das markerschütterndste Erlebnis, das ich bislang mit meinem iPhone hatte, war allerdings das Herunterladen der Werke von Shakespeare. Einfach den Applications Store besuchen, Shakespeare eingeben und zweimal auf den Bildschirm tippen: In etwa zehn Sekunden ist das gesamte Schaffen des grössten Menschheitsgenies bis auf den letzten Vers auf das Wundertablett übertragen. Zwar sind «Hamlet» schreiben, «Hamlet» verstehen und «Hamlet» herunterladen immer noch nicht ganz dasselbe, aber ich hatte trotzdem das Gefühl, in Echtzeit der Umwertung aller kulturellen Werte beizuwohnen. Für das iPhone ist der gesamte Shakespeare nicht weniger schwierig zu bewältigen als ein kurzes Youtube-Video. Ich kann «Hamlet» jetzt jederzeit beim Zugfahren lesen. Der Dänenprinz hat es schliesslich vorausgeahnt: «Ich könnte in einer Nussschale eingesperrt sein – und mich trotzdem der König unendlicher Welten nennen.»

Beat Wyss: «Die Welt als T-Shirt» ist vergriffen, aber in jeder guten Bibliothek zu finden.
Sämtliche Werke von Shakespeare gibt es zum Beispiel im Artemis- und Winkler-Verlag – oder eben kostenlos. im App-Store auf jedem iPhone.

Berühr mich: das iPhone mit dem 3G-Punkt. | Schlegel, von Arburg
Berühr mich: das iPhone mit dem 3G-Punkt. | Schlegel, von Arburg

Die Diskussion

8 Reaktionen

  1. mario f salomon

    lieber Daniel Binswanger
    bei diesem Thema finde ich sie bestens untergebracht. Zwar haben sie scheinbar nur wenig Ahnung über die Zeitgmässe elektroische Kommunikaton, aber es ist doch so schön keinen ihrer politschen jupi Kommentare lesen zu müssen. Weiter so! Es gibt noch viele Sachen über die man Schreiben kann. z.B. die Nespresso Maschinen, den neuen Ford Fiesta, Bio Märkte usw.

  2. Joël Meier

    Ich freue mich schon auf folgenden Artikel im nächsten Magazin: “Wie das iPhone den Weltfrieden begünstigte und AIDS heilte”.

  3. Ioannis Martinis

    Dieser Artikel ist ebenso treffend formuliert, wie die politischen Kolumnen. Danke.

  4. Felix Baumgartner

    Mir hat’s gefallen. Verstehe jetzt besser, warum mich dieses Ding so fasziniert. Eine interessante Sichtweise, klug und inspirierend. Danke.

  5. thorsten wulff

    Lieber daniel, ich war dieses wochenende zum ersten wal in Zürich. Ich kannte das magazin schon, weil eine freundin von mir dafür schreibt, war aber von dieser ausgabe total begeistert. Und hatte mir letzte woche auch den Shakespeare aufs iPhone geladen ;) )
    grüsse aus Lübeck !

  6. Wolf Schweitzer

    Computertastatur oder vielleicht auch gleich Rechnermäuse als “Restposten” immer “billig und wegwerfbar”? Da wurde vermutlich die diesbezügliche Qualitäts- und neuerdings auch Kultverortung verpasst. Bei den Tastaturen würde ich die IBM Type M Tastaturen (auch im Nachbau durch die Firma Unicomp) empfehlen. Mit definiertem Übertragungsmechanismus. Für passende Mäuse könnte man sich bei der Firma Razer erkundigen; beim Einsatz des “Boomslang”-Modells kann man nicht wirklich von Billigkeit sprechen. Das sind echte taktile Genüsse, keine Wegwerferfahrungen. Werden halt nicht gratis mit dem PC mitgeliefert, muss man sich suchen.

    http://en.wikipedia.org/wiki/Model_M_Keyboard

  7. Jean-Pierre Kousz

    Es ist kaum zu glauben – noch nie wurde in den Medien so kritiklos über etwas berichtet, wie dem iPhone (und all den anderen Spielzeugen) von Apple. Mit was hat es die Firma Apple verdient, dass fast in jeder Ausgabe seitenweise über das Kulthandy berichtet wird? Schöne Spielzeuge hat es immer schon gegeben, aber ein Handy sollte ja auch noch praktisch sein und möglichst in allen Lebenslagen funktionieren! Nur leider tut dies das Schmuckstück vom streichelnden Daniel Binswanger bei weitem nicht so, wie zum Beispiel ein Nokia Handy.

  8. Alexander Wyssling

    Herr Kousz, leider haben Sie es noch nicht verstanden. Ich habe eben mein Blackberry (Inbegriff der Funktion) gegen ein iPhone eingetauscht das Stichwort ist Emotion. Wenn etwas sehr schoen ist kann man auch auf etwas verzichten. Der Porche hat auch nur wenig Platz fuer Gepaeck und Blondinen sind begehrt obwohl man ihnen nachsagt sie seien dumm.

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