24.04.2009 von Daniel Binswanger , 3 Kommentare
Amerikanische Banken schreiben wieder schwarze Zahlen, doch die UBS beklagt hohe Verluste, verzeichnet Geldabflüsse und hat weiterhin Giftmüll in den Büchern. Es werden billionenschwere Konjunkturprogramme aufgelegt, aber die Konsum- und Produktionsbarometer schlagen weiterhin alle Tiefenrekorde. Niemand weiss, ob eine Talsohle erreicht ist oder ob die Börsenkurse auf dem Sturzflug ins Bodenlose lediglich einen Zwischenstopp einlegen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat letzte Woche angekündigt, es werde auf eine Konjunkturprognose verzichten. Es begnügt sich mit der Feststellung, die Makroökonomie befinde sich «in einem Erklärungsnotstand».
Nachdem die Prognoseinstitute nun seit einem halben Jahr fast im Stundenrhythmus Voraussagen treffen, die am Tag der Veröffentlichung bereits wieder zu Makulatur werden, ist dieses Erweckungserlebnis zum sokratischen Nichtwissen vielleicht das Luzideste, wozu die Volkswirtschaftslehre gerade fähig ist.
Wir leben in einer unbekannten, neuen Welt, doch eine Rückkehr zum Marktfundamentalismus, der in die Krise führte, wird es nicht geben. Wer hätte noch vor ein paar Monaten geglaubt, dass das Bankgeheimnis so blitzschnell nicht mehr haltbar sein würde? Wer hätte damit gerechnet, dass ausgerechnet der Ex-FDP-Bundesrat Kaspar Villiger eines Tages öffentlich erklären würde, seine Partei werde keine UBS-Parteispenden mehr erhalten? Wie die Politik in zehn Jahren aussehen wird, ist genauso ungewiss wie die Wirtschaftsentwicklung. Aber vieles wird heute wieder denkbar. Es liegt darin auch eine ungeheure Chance.
Auch in der Schweiz werden Zehntausende Arbeitnehmer ihre Stelle verlieren, und unser aller Pensionskassenvermögen ist empfindlich geschrumpft. Die Staatsverschuldung wird trotz der Zögerlichkeit helvetischer Konjunkturprogramme steigen und auf lange Zeit künftige Generationen belasten. Es muss alles getan werden, damit die Wirtschaftslage sich wieder bessert. Trotzdem hat die Krise einen diffusen Bewusstseinswandel gebracht — und der ist zunächst weder ökonomisch noch politisch.
Die schlichte Frage «Was ist in meinem Leben eigentlich wichtig?» hat eine neue Aktualität erlangt. In den letzten zehn Jahren sind die Millionen- beziehungsweise Milliarden-Einkommen, die in der Finanzindustrie erzielt werden konnten, zum stillschweigenden Fluchtpunkt der Lebensentwürfe und Karriereplanungen geworden. Sicherlich wollte nicht jeder Universitätsabgänger Banker werden. Aber viele derer, die einen anderen Weg einschlugen, lebten mit dem diffusen Gefühl, ein Opfer zu bringen, das sich nur schwer rechtfertigen lässt.
Wie weit alle Interessen und Ambitionen der Aussicht auf Topgehälter und Bonuszahlungen geopfert wurden, zeigen insbesondere Statistiken von den amerikanischen Elite-Universitäten. Im Jahr 2007 entschlossen sich an der Harvard-Universität 58 Prozent aller männlichen Graduierten für eine Karriere im Finanzsektor. Mehr als die Hälfte der Abgänger stellte die Aussicht auf ein Wall-Street-Einkommen über alle anderen Erwägungen. Die Lebensentwürfe des akademischen Nachwuchses sind entsetzlich eindimensional geworden.
Jetzt schwinden die Aussichten auf das schnelle Geld — und plötzlich steht das Problem im Raum, wofür man sich denn sonst interessieren könnte. «Du musst dein Leben ändern» lautet denn auch der Titel des neuen Buches von Peter Sloterdijk. Mit seinem wachen Sinn für Fragen, die an der Zeit sind, geht der Philosoph den zahllosen Strategien nach, mit denen sich die Menschheit zur Selbststeigerung und zur Einübung in eine bessere Existenz befähigt. Die relevanten Formen der «Erhöhung», lautet das Fazit, haben mit Kapitalrendite nichts zu tun.
Davon profitieren sogar gewisse Wirtschaftszweige. Eine Pariser Verlegerin, die klassische Texte in Taschenbüchern mit guten Einführungen herausgibt, erzählte mir kürzlich, sie habe mit grosser Angst die letzten Verkaufszahlen abgewartet. Sie erlebte eine Überraschung: In ihrer ganzen Karriere hat sie nie so viele Bücher verkauft wie im Katastrophenquartal Ende 2008. «Vermutlich haben viele Leute statt Parfüms und Vuitton-Taschen wieder Bücher als Weihnachtsgeschenke eingekauft», meinte sie zur Erklärung. Ohne Zweifel: Die Krise hat ihr Gutes.

Bild Sébastien Agnetti
Es wäre ja schön. Aber ich denke, Sie sind da etwas zu optimistisch.
Was mich die Krise bisher gelehrt hat: Die grossen Profiteure vor der Krise sind auch die Profiteure in der Krise. Und es spricht alles dafür, dass sie auch die Profiteure nach der Krise sein werden.
Sie haben sich wie ein Krebsgeschwür in die wichtigen Stellen von Staat und Privatwirtschaft eingefressen und können in dieser Position sicherstellen, dass die eigene Blutversorgung auch in Hungerzeiten nie zu kurz kommt.
Der Schulterschluss der Elite in Politik und Wirtschaft hat sichergestellt, dass der Hauptverursacher der Krise – unbändiger, grenzenloser, egoistischer Macht- und Geldhunger – selbst in der Krise noch belohnt wird. Denn dies ist das Lebenselixier der Elite.
Weshalb sollten sich ausgerechnet dem Lernen verpflichtete Studierende angesichts dieser Erfahrungen in Zukunft umorientieren? Sie sehen ja selbst, dass die Übeltäter ungestraft, ja gar belohnt davonkommen, währenddem die rücksichts- und verantwortungsvoll Handelnden einmal mehr zu den Verlierern gehören.
Die Krise hat dann was Gutes – um es mit Binswanger zu sagen – wenn auch Ihr als Magazin-Journalisten Euch nicht nach jedem Windchen drehen würdet! Den plötzlichen Wandel von der (teilweisen) Oberflächlichkeit Eurer Schreibe der letzten Jahre zur plötzlich so intensiven Moralapostelei nehme ich Euch keine Sekunde ab! Nicht, nachdem Ihre eben jenes gut bis sehr gut verdienende Publikum – von dem Ihr Euch nun abgrenzt und das Ihr kritisiert – in den letzten Jahren mit dem passenden Lesefutter bedient habt (Konsumkolumnen und div. Ausgaben zu Luxusthemen die sich nur schlecht vom NZZ-Luxu-Magazin «Z» unterscheiden liessen). Habt Ihr tatsächlich das Gefühl, Ihr seid als dieselben Journalisten, die ziemlich lustvoll denselben Personen, die nun plötzlich «eindimensionale Lebensentwürfe» haben (Geld, Konsum, Genuss) ins Poschettli geschrieben habt, die richtige Instanz, um in der jetztigen Lage Tipps zu geben und Erbauungslektüre zu bieten? Das ist echt zum Lachen.
Es gibt Leute, die haben immer etwas zu reklamieren egal wieviel Mühe man sich gibt. Wenn der Tagi auch jetzt in der Krise noch den Luxus und den Juppistil hochleben liesse, dann würden die weiss wie ausrufen, aber wenn Journalisten eingesehen haben, dass das nicht Alles ist, sondern auch geistige Güter da sind wie gute alte Bücher oder vielleicht ein Spaziergang in Gottes freier Natur, dann ist das ihnen auch wieder nicht Recht. Aber sagen, was sie eigentlich wollen, das tun so Leute nie und auch nicht, warum sie dann nicht selber in der Zeitung schreiben, wenn sie doch meinen sie könnten das soviel besser.