Wie man in den Wald ruft

... so tönt es nicht immer zurück. Ein Gespräch mit dem grossen Forscher Josef H. Reichholf über die Natur und den Menschen in Zeiten der Klimahysterie.

02.05.2008 von Matthias Meili , 7 Kommentare

Josef H. Reichholf, geboren 1945, Zoologe, Ökologe und Evolutionsbiologe, wurde in der deutschen Presse auch schon als «genial» bezeichnet – dies obwohl seine Erkenntnisse oft lieb gewonnene Vorstellungen etwa von der Klimakrise über den Haufen werfen. Tatsächlich gibt es kaum einen Naturforscher, der die Situation, in der sich unsere Erde und mit ihr die menschliche Gesellschaft derzeit befindet, derart vernetzt betrachtet und der die Zusammenhänge der Naturgeschichte so schonungslos auslotet wie der studierte Biologe aus München. In der Schweiz noch wenig bekannt, ist Reichholf in Deutschland ein viel gefragter und anerkannter Experte für alle Themen, die die Natur betreffen. Er selber hat intensiv ökologische Forschung betrieben und weilte auf ausgedehnten Studienreisen im Amazonasgebiet, in Afrika und in Ozeanien. Reichholf wirkte entscheidend am Uno-Weltgipfel von Rio 1992 mit und war lange im Stiftungsrat des WWF Deutschland. Zudem ist er ein begnadeter Autor. Sein letztes Werk («Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends», Fischer, 2007) wurde mit dem Sigmund-Freud-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet. Josef H. Reichholf leitet die Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung in München.

Herr Professor Reichholf, was ist Ihre grösste Sorge bezüglich des Zustands der Erde?
Gegenwärtig werden die tropischen Regenwälder in einem geradezu unglaublichen Tempo mit mehr als fünf Millionen Hektar pro Jahr abgeholzt. Zudem brennt in den Tropen und Subtropen jährlich eine Fläche von der Grösse Australiens. Doch der Aufschrei der Neunzigerjahre ist verstummt, und es wird kaum mehr etwas in der Öffentlichkeit getan für den Regenwaldschutz.

In Ihrem Bestseller «Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends» schreiben Sie, dass der Mensch die Natur schon immer verändert habe.
Durchaus. In den letzten 1000 Jahren gab es drei Zeiten, in denen derart umfangreiche Waldflächen wie heute vernichtet wurden. In einer ersten Phase wurde im Hochmittelalter ein Grossteil der europäischen Wälder abgeholzt. Unsere heutige Landschaft wurde damals geprägt. In einer zweiten Phase wurde der nordamerikanische Kontinent massiv entwaldet. Bei der Entdeckung durch Kolumbus war Nordamerika noch zu vierzig Prozent mit Wald bedeckt, heute sind es noch drei bis vier Prozent. Viele europäische Touristen schwärmen von den riesigen Waldflächen in den amerikanischen Nationalparks. In Wirklichkeit ist die Waldfläche in den Vereinigten Staaten im Verhältnis weit kleiner als in Deutschland. Die Entwaldung der USA hat auch zur Weltwirtschaftskrise in der Zwischenkriegszeit geführt. Denn eine Reihe von heissen Sommern Anfang der Zwanziger-/Dreissigerjahre hatte die sogenannte Dust-bowl-Situation ausgelöst, eine dürreähnliche Periode, in der die Ernten von 650 000 Farmern durch trockene Winde und Sandstürme vernichtet worden waren.

Und die dritte Phase…
… erleben wir jetzt. Tropenwälder werden gerodet und abgebrannt, um Weideflächen für Vieh zu schaffen und um Futtermittel für Europas Stallvieh anzulegen.

Das wird so weitergehen?
Ich befürchte, dass man dem Abholzen kein Ende setzt. Das Schlimme dabei ist, dass die Wälder einfach vernichtet werden, ohne dass eine nachhaltige Folgenutzung in Form von Plantagen oder Wiederaufforstungen die Freisetzung von Kohlenstoff ausgleicht. Diese ersatzlose Vernichtung der Tropenwälder ist heute einer der Hauptgründe dafür, dass der Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre stark zunahm.

Sie stimmen mit den Wissenschaftlern, Politikern und Medien überein, die die Klimaerwärmung als wichtigstes Problem unserer Zeit ansehen?
Das ist nicht die Frage. Das Problem liegt anderswo. Leider wurden aus der Klimahysterie heraus die falschen Massnahmen ergriffen, was uns in die jetzige Getreide- und Nahrungsmittelkrise geführt hat. Im Sinn des Klimaschutzes haben die Politiker vorgeschlagen, so viel erneuerbare Energien wie möglich zu produzieren, und sie haben das steuerlich begünstigt. Wenn man die Landschaft mit Windanlagen überzieht, kann man sich darüber ärgern oder nicht. Die Folgen sind jedenfalls unbedeutend im Vergleich zu dem, was der Anbau von Biomasse für Treibstoffe anrichtet. Wenn wir unser gutes Ackerland mit Biomasse zubauen, damit wir Biotreibstoffe erzeugen können, muss das Futter für die Abermillionen Stück Vieh in noch grösserem Umfang importiert werden. In den Tropen wird so intensiv weitergerodet. Wenn wir dann so tun, als wären wir die ganz Braven, weil wir unseren CO2-Ausstoss um zwanzig oder mehr Prozent gesenkt haben, ist das heuchlerisch. Wir haben das Problem nur verlagert und vergrössert.

Ist der Klimaschutz zum Eigentor geworden?
In diesem Fall ja, eindeutig. Der Schutz und die Erhaltung der Biodiversität, die von der Uno auf den Schild gehoben wurden, sind zu Lippenbekenntnissen verkommen. Die Vernichtung der Artenvielfalt geht weiter, in den Tropen vor allem, aber auch bei uns, weil das Land immer stärker zugebaut und zugedüngt wird; deshalb haben wir auch bei uns den grossen Artenschwund zu beklagen.

Die Lösung liegt doch auf der Hand: Man müsste sofort die Verwendung von Biomasse für Ökosprit verbieten und stattdessen andere erneuerbare Energiequellen anzapfen.
Alle dirigistischen Massnahmen tragen den Kern des Scheiterns immer gleich in sich. Bei den Getreidepreisen ist so viel aus dem Ruder gelaufen, dass es schwierig ist, einfach mit Verboten dagegen zu handeln. Das Problem ist, dass die Agrarwirtschaft weltweit immer noch nach einem im Prinzip sozialistischen System geregelt ist, das sich in allen anderen Bereichen als untauglich erwiesen hat. Die europäische Agrarpolitik hat bewirkt, dass es die Entwicklungsländer weitgehend unterliessen, ihre Landwirtschaft auf ein angemessenes Niveau zu heben und zum Beispiel in den Getreideanbau für die Eigenversorgung zu investieren. Mit Verboten ist da gar nichts auszurichten. Man kann nur hoffen, dass die Staaten ihre sozialistische Agrarpolitik endlich aufheben. Aber da sind natürlich alle dagegen, besonders landwirtschaftliche Grossbetriebe, die von diesem Subventionssystem profitieren.

Der Mensch könnte doch auch positive Veränderungen wie Aufforstungen anstossen.
Das hat leider Grenzen. Im Norden können wohl Aufforstungen stattfinden, aber anderswo wird das sehr schwer. Im Mittelmeerraum, wo die Wälder vor 2000 Jahren abgeholzt wurden, sind nie mehr Wälder entstanden, wie es sie früher gegeben hat. Dort sind die Böden verkarstet, und eine trockene Macchia-Vegetation ist gewachsen, die davon lebt, immer wieder in Brand zu geraten. Ein Blitzschlag reicht, und die Macchia brennt nieder. Das nutzen gewiefte Leute dann aus und stecken sie absichtlich in Brand, um sich neues Bauland zu verschaffen.

Bedrohen die gewaltigen Änderungen, die im Moment vor sich gehen, nicht die Existenz der ganzen Menschheit?
Na, unsere Existenz sicher nicht. Der Mensch hat in den mindestens 120 000 Jahren, die er existiert, schon wesentlich grössere Klimaänderungen überlebt. Der Wechsel von der warmen Zwischeneiszeit in die Würmeiszeit war extrem. In der Warmzeit lebten Nilpferde im Rhein und in der Themse. Tiere mit afrikanischen Temperaturansprüchen gab es bis Nordwesteuropa. Der Sturz in die Eiszeit war eine ganz grosse Herausforderung, die viele Tiere und Pflanzen nicht überlebt haben, die Menschen schon.

Das Artensterben geht laut dem verstorbenen Wissenschaftler Stephen Jay Gould schneller voran als zur Zeit der Dinosaurier.
Ja, aber das ist nicht klimatisch bedingt, sondern menschengemacht. Es werden gegenwärtig und ganz ohne Klimaeinfluss Arten ausgerottet, deren Mengen wir nicht einmal grob abschätzen können. Die Brennpunkte des Geschehens liegen dabei wieder in den Tropen. Aber auch ob der Eisbär in hundert oder zweihundert Jahren noch lebt, das wird ganz gewiss nicht davon abhängen, wie viel Eis den Nordpol bedeckt, sondern ob ihn die Menschen leben lassen. Wie problematisch dies ist, zeigt die gegenwärtige Ausbreitung von Braunbären in die Schweiz und nach Bayern. Sobald diese Tiere den Interessen der Menschen in die Quere kommen, werden sie einfach abgeschossen.

Aber wenn es weniger Eis gibt, kann der Eisbär nicht mehr so toll jagen.
Die wirkliche Gefährdung der Eisbären hat andere Gründe. Da habe ich immer wieder Auseinandersetzungen mit Umweltschützern, die ihre Augen davor verschliessen. Wenn es uns nicht gelingt, die Nahrungsbasis für den Eisbären zu sichern, dann dürfen wir sein Verschwinden nicht der Klimaveränderung zuschieben. Wenn Kanada Jahr für Jahr Zehntausende Robben aus Schutzgründen für die Fischerei abschlachten lässt und gleichzeitig über das schmelzende Eis gejammert wird, kann man das nur noch doppelblinde Dummheit nennen.

Ohne Eisbären könnten wir ja leben. Aber wie steht es mit dem Wald? Als «grüne Lunge» ist er unentbehrlich.
Das ist eine der Grundsatzfragen, die immer wieder diskutiert werden. Eine ähnliche Frage in der Schweiz ist ja, ob es die Gletscher überhaupt braucht. Die Schweiz wird nicht verdursten, wenn die Gletscher weg sind; denn die Trinkwasserreservoirs werden nicht in erster Linie von den Gletschern gespiesen. Auch beim Wald hängt es davon ab, welche Nutzung ihm der Mensch zuspricht. In den Schweizer Bergen ist es sehr sinnvoll, dass es Wald gibt, der vor Lawinenniedergängen schützt. Aber es hat Zeiten mit sehr viel weniger Wald als heute gegeben, und die Erde hat doch überlebt.

Trotzdem, für den Klimaschutz ist ein Wald wichtig.
Nur ein wachsender Wald kann Kohlenstoff binden. Ein ausgewachsener Wald, wie im Amazonasgebiet oder in der nordischen Taiga, trägt nichts zur Dämpfung der Treibhausgase bei. Ausgewachsene Wälder verbrauchen so viel Sauerstoff, wie sie erzeugen, und geben so viel Kohlendioxid wieder ab, wie sie aufnehmen. Die Waldvernichtung hingegen setzt Treibhausgase viel schneller frei, als durch Nachwachsen gebunden werden können.

Kann sich der Mensch überhaupt der Klimaerwärmung anpassen?
Die Geschichte der Menschheit ist immer von den Klimagegebenheiten beeinflusst worden, nur wird einem das in den Geschichtsstunden der Schule nie vermittelt. Solange wir primär die Todesdaten von Herrschern und Termine von Schlachten lernen müssen, ist die Geschichte reichlich uninteressant. Wenn man aber die Hintergründe verstehen lernt, wird die Geschichte der menschlichen Gesellschaft mindestens so spannend wie die Geschichte des Lebens, die Evolution. Und ich meine sogar: Würde die Geschichte mehr in diesen Zusammenhängen betrachtet und bearbeitet, liessen sich auch manche Entwicklungen besser verständlich machen, bis hin zur Frage, wieso die Französische Revolution ausgebrochen ist.

Das französische Volk war aufgeklärt und hatte genug davon, von einem absolutistischen Kaiserausgebeutet zu werden.
Möglich. Aber wieso folgte nach der Französischen Revolution so rasch wieder ein Kaiserreich? Ein derart schneller Wechsel ist allein aus der Abfolge von Machtverhältnissen oder vielleicht menschlichen Intrigen heraus nicht zu begreifen. Wenn man aber bedenkt, dass unmittelbar vor der Französischen Revolution in ganz Europa katastrophale Umweltbedingungen herrschten, weil der Vulkan Laki auf Island ausgebrochen war und seine Staubwolken dazu führten, dass die Ernten ausfielen und die Bauern den Zehnten nicht mehr bezahlen konnten, dann wird plötzlich verständlich, warum es zur Revolution kam. Im Sturm auf die Bastille ging es nicht um die Befreiung des Denkens, sondern der Eingesperrten. Anlass war der exorbitante Brotpreis! Das Gedankengut der Aufklärung mag längst vorbereitet gewesen sein, aber den Anstoss gaben die Umweltverhältnisse. Als sich diese gebessert hatten, waren die Revolutionäre plötzlich wieder die Schlechten und man wollte den guten Kaiser zurück haben. In den Folgejahren hatte nämlich eine besonders günstige Zeit eingesetzt, die 1807 in einem Supersommer gipfelte, der fast so schön und entsprechend produktiv war wie der Sommer 2003.

Das leuchtet ein. Sie führen aber sogar die Gründung von Nonnenklöstern auf das Klima zurück.
Mit gutem Grund. Zur Zeit des Hochmittelalters herrschte ein äusserst mildes Klima. Es war in Mitteleuropa eher noch wärmer als heute. Die Bevölkerung wuchs von 17 auf über 70 Millionen Einwohner an. Man muss sich das einmal vorstellen! Deutschland, Österreich und die Schweiz haben heute zusammen rund 100 Millionen Einwohner, die aber mit einer Hochleistungslandwirtschaft ernährt werden. Während des mittelalterlichen Bevölkerungswachstums gab es eine grosse Zahl von Stadtgründungen, und gerade in dieser Zeit der Bevölkerungszunahme wurden auch viele Nonnenklöster gegründet.

Es war die patriarchale Gesellschaft,die unverheiratete Frauen in die Klöster zwang.
Sicher, aber in manchen Zeiten eben besonders ausgeprägt. Zu Nonnen wurden junge Frauen im gebärfähigen Alter. Frauen sind aber entscheidend für die Bevölkerungsentwicklung einer Gesellschaft. Die Nonnenklöster bildeten einen Teil der Geburtenkontrolle der damaligen Gesellschaft. Das umgekehrte Phänomen erlebte man während der Hexenverfolgung einige Jahrhunderte später, als nach Pest und Dreissigjährigem Krieg die Bevölkerung stark dezimiert war. Die Hexen – das Wort kommt von Heckenreiterinnen, also Kräutersammlerinnen – wurden verfolgt, weil sie Abtreibungen machten. Die Hexer, von denen es auch viele gab, wurden nahezu nicht verfolgt. Innerhalb weniger Generationen ist die Bevölkerungszahl dann wieder auf das vorherige Niveau gestiegen.

Beeinflusst uns das Klima heute immer noch so stark?
Ja und nein. Ja, weil das Klima immer den Rahmen für gesellschaftliche Veränderungen gesetzt hat und setzen wird. Nein, weil wir heute über Techniken verfügen und über ein Kommunikationssystem, womit die schlimmsten Folgen abzumildern sind. Deshalb sind wir in einer sehr viel besseren Lage als die Menschen Ausgangs des Mittelalters, als die Klimaverschlechterung Seuchenzüge, die Pest, die schlimmsten Hochwasser der letzten tausend Jahre mit sich brachte und vordringende Gletscher in der Schweiz und Österreich ganze Bergdörfer begraben haben.

Sie glauben also, dass der Mensch eine technologische Lösung zur Lösung des Klimaproblems finden wird?
Das hat man schon im Bereich der Wasserwirtschaft getan. Mit ausgeklügelten Reinigungssystemen ist nicht nur der sichtbare Schmutz weg, auch viele feinstoffliche Verunreinigungen sind verschwunden. Und es hätte im 19. Jahrhundert niemand voraussagen können, welche Revolution die Erfindung des Benzin-Motors und die Nutzung des Gummis für Räder von motorengetriebenen Fahrzeugen auslöste. Auf der Basis der Kohle, die damals verfeuert wurde, war nichts anderes vorstellbar als eine russgeschwärzte Welt. Mittlerweile hat das Ruhrgebiet einen saubereren Himmel als manche Alp in den Schweizer Bergen.

Allerdings werden uns diese Lösungen immens viel Geld kosten.
Zweifellos. Wir werden einen Teil der Energie, die wir aus den Rohstoffen gewinnen, aufwenden müssen, um die Folgen dieser Energiegewinnung zu mildern. Wir werden also Lösungen finden müssen, um das überschüssige CO2 zu neutralisieren. Das ist allerdings keine Revolution in der Geschichte der Menschheit, sondern einfach eine notwendige Anpassung.

Immerhin scheinen die Klimalenkungsabgaben ein sinnvolles und schnell greifendes Mittel zu sein, das erst noch marktwirtschaftlich verträglich ist.
Sie sind leider nur theoretisch sinnvoll. So lange China, Indien, Indonesien, Brasilien ungebremst weiterwachsen und auch die ganze Dritte Welt, die jährlich eine Fläche von der Grösse Australiens abbrennt, ist das, was wir hier machen, Kleinkram, der nichts bewirkt und höchstens der Volkswirtschaft schadet.

Der volkswirtschaftliche Schaden der Klimaveränderung geht ja schon heute in die Milliarden, wenn man zum Beispiel an die Verwüstungen denkt, die der Hurrikan Katrina in New Orleans angerichtet hat.
Hurrikane sind wie Überschwemmungen oder Dürren Wetterereignisse. Man darf sie nicht mit dem Klima gleichsetzen. Dass die Mississippi-Dämme so marode waren, dafür kann man doch den Hurrikan Katrina nicht verantwortlich machen. Auch dass bei den letzten Hochwassern von Elbe und Oder die Dämme aus DDR-Zeiten nicht hielten, hat nichts mit den Fluten direkt zu tun, sondern mit der Entwicklung in der damaligen Zeit. In Bayern haben die Dämme gehalten, obwohl Donau und Inn ähnliche Wassermengen geführt haben.

Was sollen wir denn tun?
Würden unsere Politiker den Klimawandel ernst nehmen, müssten sie zuallererst damit beginnen, bei uns vorzusorgen und den Schutz der Bevölkerung, von der sie gewählt worden sind, so gut wie möglich zu gestalten.

Also wieder Luftschutzkeller bauen, sich ins Réduit zurückziehen?
Dämme erhöhen, Gebäude sichern, Rückhaltebecken und Speicher bauen. Das kostet viel, das ist klar. Aber die Investitionen lohnen sich auf jeden Fall. Egal was dann passiert: Wir sind sicher genug und können im Ernstfall den anderen helfen. Dazu kommt ein noch viel wichtigerer Signaleffekt. Wenn Länder wie Deutschland oder die Schweiz massiv Eigenvorsorge treffen, werden andere sagen: Wenn die das machen, dann ist wirklich was dran an der Klimaänderung. Wenn wir aber wie üblich als Lehrmeister auftreten und anderen sagen, was gemacht werden soll, im eigenen Land aber in der Vorsorge versagen, so ist das kein guter Weg. Seien wir doch ehrlich: Hierzulande kann ein Bauer mit seinem Maisacker ein dringend notwendiges Hochwasserschutzprojekt verhindern, das Millionen von Menschen zugute käme. Und da wollen wir der Welt zeigen, wie es geht?

Was hat der Umweltschutz überhaupt erreicht in den letzten Jahren?
Die Luftqualität ist besser geworden. Aber auch hier gibt es einen Wermutstropfen: Der Hauptgrund für die Verbesserung der Luftqualität ist, dass die Heizungen von Holz oder Kohle auf Gas umgestellt worden sind. Die Grossfeuerungsanlagen haben hohe Kamine erhalten, die die Abluft aus der Stadt tragen. Die Verbrenunng bei hohen Temperaturen hat aber den Nachteil, dass dabei Luftstickstoff mitverbrennt. Das geschieht auch in den Automotoren bei hohen Drehzahlen. Damit wird das ganze Land mit Stickstoffverbindungen überdüngt. Und was ist die Folge davon? Selbst dort, wo die Landwirtschaft keinen Dünger einsetzt, geht die Düngung weiter, und selbst Naturschutzgebiete wachsen schlicht und einfach zu.

Die Natur schlägt also doch zurück?
Vielleicht. Vor allem leidet die Artenvielfalt. Die Situation in Bayern ist katastrophal, in der Schweiz wird es nicht viel anders sein. Auf der Roten Liste des Bayerischen Landesamts für Umweltschutz sind 16 000 Tierarten und sämtliche Pflanzenarten untersucht worden. Mehr als die Hälfte davon ist gefährdet, vornehmlich weil ihre Lebensräume hoffnungslos überdüngt sind.

In Zürich laufen wieder Füchse herum, in der Stadt brüten Distelfinken…
Das ist ganz typisch. Die Städte sind Inseln der Artenvielfalt geworden. Die grösste Mauereidechsen-Population nördlich der Alpen lebt wohl am Zürcher Bahnhof. Dort, wo das Bahnhofsgelände anfängt, sich mit Büschen zu durchsetzen, gibt es auch die meiste Wärme und magere Böden für viele seltene Pflanzen, die das lieben. Zauneidechsen, Käfer, Schmetterlinge und andere Insekten sind sehr häufig. Wir haben auf dem Gelände der Zoologischen Staatssammlung in München schon über sechshundert verschiedene Arten von Schmetterlingen gefunden. Da muss man schon sehr gute Naturgebiete draussen aufsuchen, um solch einen Artenreichtum zusammen zu bekommen.

Wieso ist das so?
Die Städte gehören mittlerweile zu den besten Lebensräumen für viele Tierarten, weil hier die Vegetation nicht so dicht wuchert. Es gibt Parks, Gärten und viele Restflächen ohne intensive Bewirtschaftung. In grossen Städten ist es zudem zwei bis drei Grad wärmer als auf dem Land. Sogar das Nahrungsangebot ist gewährleistet. Städte bieten also alles, was ein Tier braucht: Struktur, Klimagunst und Nahrung. Bei den Vögeln und Säugetieren kommt hinzu, dass sie in den Städten von Menschen nicht bejagt werden. In München leben pro Quadratkilometer gerechnet zehnmal mehr Füchse als in den Wäldern des Umlandes.

Das klingt positiv.
Ist es aber eigentlich nicht. Die Vielfalt in den Städten drückt aus, wie schlecht es um das flächenmässig viel grössere Land bestellt ist. Die Vernichtung der Biodiversität geht weiter. Auf dem Land wird die Nutzung immer weiter intensiviert. Die Fluren werden zugedüngt, und deshalb haben wir bei uns den grossen Artenschwund zu beklagen. Die Roten Listen nützen den betroffenen Arten gar nichts. Dass die Zahl der gefährdeten Arten zunimmt, bedeutet, dass es die zuständigen Ämter und Ministerien nicht schaffen, gegen die Hauptverursacher anzukommen. Schon gar nicht, wenn es um die Vernichtung tropischer Biodiversität geht, weil wir dort die Flächen in Anspruch nehmen, die wir im eigenen Land gar nicht haben.

All dies spricht nicht dagegen, etwasgegen die Klimaerwärmung zu tun.
Natürlich nicht. Aber mich stört, dass «das Klima» und die angepeilten Ziele so nebulös in der Ferne bleiben. So tut eigentlich niemand wirklich etwas. Die Vorgehensweise ähnelt sehr stark den spätmittelalterlichen Ablasszahlungen, die von der Kirche eingefordert wurden. Unsere heutigen Politiker verhalten sich vielfach auch so. Sie können später nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden für das, was sie in ihrer Amtszeit auf Kosten der Bevölkerung falsch gemacht haben. Wo wir längst wissen, was getan werden müsste, wird nichts unternommen. Das ärgert mich. Man hält grosse Konferenzen zur Erhaltung der globalen Biodiversität ab – aber die Tropenwälder brennen weiter, und unser Land wird weiter zugedüngt.

«Die Menschheit hat schon Schlimmeres überlebt»: Josef H. Reichholf. | Simon Koy
«Die Menschheit hat schon Schlimmeres überlebt»: Josef H. Reichholf. | Simon Koy

Die Diskussion

7 Reaktionen

  1. ralph kocher

    Löblich, der eher optimistische Blick, unter dem Strich gerechnet. Statistisch gesehen ist ein grösserer anzunehmender “Unfall” – welcher die Menschheit (unmittelbar als Ganzes) betreffen könnte, tatsächlich eher unwahrscheinlich. Trotzdem fehlt mir aber die Option des wie auch immer doch als möglich sich KÜNSTLICH beschleunigenden Dramas. Weil: Eine tempomässig “natürliche” Fluktuation überleben wir notgedrungen irgendwie noch immer. Quasi sowieso zu positiv für etwelche Endzeitprediger. Aber verlassen wir doch einmal unser Zeitspektrum. So eitel wie wir sind, schafft sich das holde Häuflein Mensch, anscheinend urtypisch seines Erachtens, seinen Status eitel selbst. Entwickelt Konzepte, pfannenfertig für alle. Nur nicht hinterfragen, bitte. Trotzdem gibt es noch die anderen, wenigstens über 90 Prozent, an irdischen Lebensformen, auf “unserem” Planeten. Auch wenn die Wissenschaft uns Weises reden will, bleibt die Erd’ eine extraterrestrische Lebensform. Nur sollen wir dies nicht wissen und nur das vorgelegt bekommen, was wir zu wissen haben müssen. Wie dem auch sei: Beschleunigen wir einmal die natürlichen Schwankungen auf ein Übermass. Ich weiss, so eitel wir sind, wird dies nicht als möglich erachtet. Trotzdem bleibt die Frage offen! Was wäre, wenn wir natürlichen Schwankungen künstlich Tempo zufügen? Gleicht sich wirklich immer alles aus? Sicher kommen wir über eine dialektische Form der Metaphysik nicht hinweg. Aber wir können das Drama beschleunigen. Zu uns’ren Ungunsten. Die Erde wird sich wieder fangen. Das bezweifle ich sicher nicht. Aber es wird ihr besser gehen. Weil sie dankend auf uns verzichten kann.

  2. ralph kocher

    Wieso wird eigentlich “METHAN” so totgeschwiegen? Im Verhältnis vernichtender als ein Asteroiden-Einschlag. Je nach Temperatur auf dem Meeresgrund werden Mutationen der Erdoberfläche notgedrungen. Da braucht’s auch keine Erdbeben mehr. Uns brennt der Zunder unter’m Hintern. Ich verweise auf Frank (oder war es der Franzerl?) SCHÄTZING’s Schmöker “Der Schwarm”! Was dort belegt, müsste mal ausführlich veranschaulicht werden. Weil: Wir wissen eigentlich klar – gar noch nicht alles. Nein, eher: Wir sollen es lieber nicht wissen dürfen! Weil wir ansonsten auch danach handeln bzw. reagieren würden. Aber/und so etwas will eine prosperierende Planwirtschaft eigentlich schon gar nicht!

  3. ralph kocher

    Das Schlüsselwort? Deregulation! Unsere Wohlstandsverwahrlosung zwingt uns dazu! Wie mehr die Anbaugebiete darben (nichts wächst mehr so wie es sollte, in geeigneter ökologischer Form), desto unwahrscheinlicher wird eine vollständige Aufrechterhaltung eines Systems bzw. unsere(r) Arterhaltung, bleiben. Nicht nur Trockenzonen oder Überschwemmungsgebiete, sondern wohlweislich eine Disharmonie der Wetterphänomene zwingt Angebautes dazu, sich zukünftig abnormal zu verhalten. Die dadurch entstehenden Kriegszonen tun schlussendlich ihr Übriges dazu. Laut der “Gaia-These” richtet sich das Mensch “gesteuert” selber zugrunde, damit der Planet überleben kann – und es somit auch tut. Hier wiederholt sich wiederum der Grundsatz des obigen, ersten Beitrages…

  4. Hansjürg Geiger

    Die klaren Worte von Herrn Reichholf helfen hoffentlich mit, das Bewusstsein für die sich anbahnenden Veränderungen zu schärfen. Der Artikel zeigt auch, wie viel vernetztes Fachwissen heute in der Politik nötig wäre. Leider wird aber auch unsere Politik selten von Fachleuten mit Durchblick gestaltet. Das Interview enthält aber auch einige schwer verständliche Verharmlosungen. Ich möchte hier zwei Beispiele aufgreifen: Herr Reichholf sagt, die Menschheit hätte schon wesentlich grössere Katastrophen überlebt. Erstens wissen wir vermutlich erst in 200 Jahren wie gross die Katastrophe wirklich wird und zweitens muss man sich doch fragen, zu welchem Preis wir diese Katastrophen überstanden habe! Es gab Phasen in unserer Evolution, da starben wegen Klimaproblemen z.B. in Afrika alle Menschen bis auf ganz wenige Tausend aus! Können und wollen wir die enorme Sterblichkeit der damaligen Zeit heute wirklich auf uns nehmen?
    Oder: Die Schweiz wird tatsächlich wohl kaum verdursten, wenn unsere Gletscher weggeschmolzen sind. Welche Folgen aber das fehlende Gletscherwasser für unsere Energieversorgung hat, wird mit keinem Wort bedacht!

  5. Chris Zollinger

    Im sehr lesenswerten Interview sagt Josef H. Reichholf: “Das Klima setzt den Rahmen für gesellschaftliche Veränderungen.” Diese nüchterne Feststellung eines ausgewiesenen Evolutionsbiologen ruft gebieterisch nach Taten statt Worten. “Doch obwohl wir längst wissen, was getan werden müsste, wird nichts unternommen” bedauert der Fachmann.
    Einmal mehr ist es dem MAGAZIN gelungen, sich vom medialen Mainstream zu entfernen und substanzielle “Ursachenforschung” zu betreiben. Die anstehende gesellschaftliche Veränderung wird umso schmerzhafter, je länger wir die Zusammenhänge verdrängen. Aufruf an DAS MAGAZIN: Journalistische Führungsrolle übernehmen, eine Zukunftsdebatte starten!

  6. ralph kocher

    @Hansjürg Geiger: Wirklich spannend > Bis unsere Schweiz verdurstet, sind bereits Millionen auf dem Weg in richtung Überlebens-Strategie. Da wird die Energieversorgung längstens kein Thema mehr sein. Der Clou der metaphysischen Dialektik? > Es rottet sich selber aus, was es auszurotten gibt…!

  7. ralph kocher

    Nebenbei: Die Gesundheitsprobleme der Bienen wachsen gigantisch. Gemessen an der jährlichen Wertschöpfung sind Bienen das drittwichtigste Haustier. Jeder DRITTE Biss, den ein Mensch zu sich nimmt, hängt mit einer Biene zusammen (>Bestäubung!)…

Kommentar Schreiben

Nur angemeldete Benutzer können Kommentare schreiben.