15.10.2007 von Guido Mingels , 11 Kommentare
Es gibt unter Freunden diese Gespräche voller kleiner Geständnisse. Und es braucht fast gar keinen Mut dazu. Jungväter erzählen sich nach dem Fussballabend in der Garderobe die neusten Tricks zum Steuerbetrug. Mütter beraten andere Mütter auf dem Spielplatz im mittelständischen Quartier, wie man an Krippenplatzsubventionen kommt. Ehepaare laden sich zum gepflegten Essen ein und kalkulieren in heiterer Runde bei gutem Wein, wie man öffentliche Unterstützung für die Krankenkasse beziehen kann. Betagte Eltern besprechen mit ihren längst erwachsenen Kindern beim Familienfest Mittel und Wege, die Erbschaft am Fiskus vorbei aufzuteilen. Wir treffen Thomas*, 38, einen Versicherungsvertreter und seine Frau, die Krankenpflegerin Cathrine, 35, in ihrem Haus in der Innerschweiz. Ein nettes, gut ausgebildetes, durchschnittliches Schweizer Mittelstandspaar mit zwei Kindern. Völlig legal und mit grossem Geschick schöpfen Thomas und Cathrine seit zwei Jahren alle Subventionen und Steuerschlupflöcher aus, die ihnen zur Verfügung stehen. «Ich habe irgendwann realisiert, da gibt es diese Möglichkeiten. Und hey, ich wäre ja blöd, würde ich sie nicht nutzen», sagt Thomas.Es begann damit, dass die beiden einen Antrag auf vergünstigte Krippenplätze für ihre Kinder stellten. Und einen weiteren auf Ergänzungszahlungen für die Krankenkasse. Beide wurden abgewiesen: zu hohes Nettoeinkommen. «Da gingen wir über die Bücher», sagt Thomas. Cathrine reduzierte ihre Teilzeitarbeit von 40 auf 20 Prozent, arbeitete also nur noch einen Tag pro Woche. Das reichte zwar noch nicht aus, um unter die notwendige Einkommensgrenze, die zum Bezug von Subventionen berechtigt, zu fallen – in ihrem Wohnkanton liegt sie bei 90 000 Franken Nettoeinkommen. Thomas fand jedoch heraus, dass sie diesen Wert unterbieten können, wenn sie mehr in die dritte Säule einzahlen. Seither rechnet er Ende Jahr genau aus, wie viel er in die Selbstvorsorge einzahlen muss, damit die Subventionen und Ergänzungsleistungen wieder fliessen.Die letzte Jahresrechnung ging so: Die beiden verdienten gemeinsam etwa 170 000 Franken brutto. Davon zog Thomas – wie üblich für einen selbstständig Erwerbenden – sowohl jedes Buch und jeden Kneipenbesuch ab als auch einen Grossteil seiner Auto- und Reisekosten. Bei ihm geht keine Quittung, die er durchs Jahr in die Hand gedrückt erhält, je verloren. Dass darunter auch Privatausgaben sind, ist bei ihm nicht anders als bei den allermeisten Selbstständigen. Nach allen Abzügen blieb den beiden ein Nettoeinkommen von rund 100 000 bis 110 000 Franken. Genau so viel, dass sie mit einer Einzahlung in die dritte Säule von 10 000 bis 20 000 Franken unter die Limite von 90 000 Franken fallen. «Uns bleibt heute an Bargeld Ende Jahr zwar nicht mehr als früher, doch sparen wir durch die Einzahlungen in die dritte Säule so viele Steuern, dass dies zusammen mit den Ergänzungsleistungen zur Krankenkasse und den günstigeren Krippenplätzen den Minderverdienst von Cathrine mehr als aufhebt.» Solche Buchhalter-Sätze sind für Thomas normaler Smalltalk. Bedenken haben die beiden keine, obwohl allein das Einkommen von Thomas weit über dem Schweizer Durchschnitt liegt. «Wir bewegen uns im legalen Bereich, und es macht doch keinen Sinn, dass meine Frau mehr arbeitet, nur um die horrenden Krankenkassenprämien zu bezahlen.» Man optimiert, wo man kann. Dass die dritte Säule vor allem von Leuten genutzt wird, die dies eigentlich gar nicht nötig hätten, bestätigt Rainer Zigerlig, Amtsleiter des Kantonalen Steueramtes St. Gallen. Was 1987 mit dem Drei-Säulen-System unter anderem als Massnahme zur Eigenheimförderung eingeführt wurde, dient heute in erster Linie kinderlosen Doppelverdienern und der oberen Mittelklasse als Steuersparvehikel. Ein Vehikel, wie sich zeigt, mit dessen Hilfe zusätzlich Sozialleistungen erschlichen werden. «Sie können sich nicht vorstellen, wer alles von solchen Sozialleistungen profitiert», erzählt ein Steuerkommissär, der nicht genannt werden möchte. «Das habe ich vor allem festgestellt, als die Verbilligung der Krankenkassenprämien neu eingeführt wurde. Als ich sah, wer in meiner Gemeinde alles Prämienverbilligungen beantragt hatte, da konnte ich mir nur die Augen reiben.» St. Gallen hat bald schon durchgegriffen – im Gegensatz zu anderen Kantonen. Um den Anspruch auf Verbilligung der Krankenkassenprämien zu berechnen, werden beispielsweise Einzahlungen in die dritte Säule (die bei Selbstständigen höher sein dürfen als bei Angestellten) zum steuerbaren Einkommen hinzugerechnet. «Es geht doch nicht an, dass jemand 25 000 Franken im Jahr in die dritte Säule einzahlen kann und gleichzeitig seine Krankenkassenprämien subventioniert bekommt», sagt Zigerlig.
Keiner für alle, alle für mich
Die Hemmschwelle, staatliche Leistungen voll auszuschöpfen und im Gegenzug die Steuern mit allen Mitteln zu optimieren, ist gesunken. Nicht nur Sozialhilfeempfänger ganz unten oder Topmanager ganz oben, auch der Mittelstand bewegt sich hin zum Menschenbild des reinen Homo oeconomicus: möglichst viel für die eigene Arbeit erzielen, möglichst wenig für andere Leistungen bezahlen. Keiner für alle, alle für mich. Ganz im eigenen Interesse arbeitet auch der Mittelstand zusehends darauf hin, seinen eigenen Nutzen zu maximieren, gegen Restriktionen wehrt er sich mit allen Mitteln, und er ist perfekt informiert über alle Möglichkeiten, die ihm helfen, das Ziel zu erreichen. Falls die Freunde nicht Bescheid wissen, hilft eine Flut von unmoralischen Angeboten in der Buchhandlung mit Titeln wie «1000 ganz legale Steuertricks», «Knausern Sie sich reich», «111 Steuertipps für Kleinbetriebe» oder «Wie werde ich ein echter Geizhals?». Das alles war nicht immer so. Der Beginn dieses tief greifenden Wandels im Verhältnis von Bürger und Staat lässt sich in der Schweiz ziemlich genau auf den Beginn der Neunzigerjahre datieren. Damals stieg die Arbeitslosigkeit erstmals seit sehr langer Zeit vom Promille- in den Prozentbereich. Eine neue Erfahrung für dieses Land, die man rückblickend als eigentlichen Paradigmenwechsel betrachten kann. Plötzlich war der Arbeitslose kein völliger Exot mehr. Plötzlich kannte jeder einen, der einen kannte, der Hilfe vom Staat brauchte. Schon bald, nämlich 1994, musste das Parlament die Ergänzungsleistungen für arbeitslose Schüler und Studienabgänger innert Jahresfrist stark reduzieren, da Tausende Studenten bei den Gemeinden um Arbeitslosengelder ersuchten. Leistungen, die arbeitslose Studienabgänger vom Gesetz her zwar schon seit den Dreissigerjahren hätten einfordern können, die aber bis zu diesem Zeitpunkt schlicht kaum bezogen wurden.
Der Reiz des Systems
Diesen Wandel hat auch Peter Erdösi, 61, miterlebt, der seit bald dreissig Jahren in der Sozialhilfe tätig ist. Zunächst während fünfzehn Jahren für die Sozialberatung des Altershilfswerks Pro Senectute, dann für das Sozialamt Luzern, das er bereits seit 1994 leitet. Erdösi ist weder Sozialromantiker noch Missbrauchsjäger, aber er ist ein Realist. Und auch er stellt im Rückblick auf seine lange Karriere fest, «dass das Anspruchsdenken klar zugenommen hat». Während seiner Arbeit für die Pro Senectute hat er festgestellt, «dass die älteren Generationen eine ausgeprägte Scham hatten, öffentliche Gelder zu beziehen». Viele ältere würden sich, auch heute noch, in ihrem Lebensstil enorm einschränken, um nicht auf Zusatzleistungen zur AHV angewiesen zu sein. Bei jüngeren Jahrgängen beobachtet er eine solche Haltung kaum mehr. Man geht heute aufs Sozialamt wie zum Dienstleistungszentrum. Und das gilt immer mehr auch für den Mittelstand. Erdösi erklärt sich das vor allem mit einem «Gewöhnungseffekt»: Wer einmal Leistungen bezogen hat, wird es wieder tun. Und weil heute schon Schüler, die keine Lehrstelle finden oder nach der Lehre nicht sofort eine Stelle, beim Amt vorstellig werden, «gewöhnen sie sich schon früh an das System». Das lasse sich quer durch alle Klassen beobachten, auch bei Akademikern, die vielleicht einmal kurz arbeitslos waren. Oder bei Studenten, die sofort nach dem Uni-Abschluss Arbeitslosengeld beziehen. «Die Hemmschwelle wird bei all diesen Leuten früh herabgesetzt.» Wir treffen Hannes, 27, der in diesem Jahr in Bern sein Geschichtsstudium abgeschlossen hat. Das geisteswissenschaftliche Fach hat er mit Informatik kombiniert, weil er sich so bessere Berufschancen ausrechnete. Trotzdem fand er bisher nicht, was er sich wünscht, und so bezieht er seit einem halben Jahr monatlich rund 2500 Franken Arbeitslosengeld vom Staat. «Die meisten meiner Kollegen machen es genau so», sagt Hannes, «und es ist auch sinnvoll. Wenn ich jetzt als Kellner anfange, fehlt mir die Zeit für die seriöse Stellensuche.» Am Ende bliebe er dann womöglich in einem Job hängen, «für den ich bestimmt kein Liz hätte machen müssen». Im Sommer war Hannes für sechs Wochen auf Reisen, in Afrika, das hatte er sich schon lang vorgenommen für die Zeit nach den Prüfungen. Laut Zahlen der Uni Basel gehen derzeit gesamtschweizerisch 60 Prozent aller erwerbslosen Hochschulabsolventen im ersten Jahr stempeln – Anfang der Achtziger waren es weniger als 30 Prozent. Wir treffen Agnes, die eine private Kinderkrippe in der Stadt Zürich leitet, in ihrem mit Kinderzeichnungen tapezierten Büro. Agnes erzählt von den komplizierten Berechnungsmodellen für Krippenplatzsubventionen. Sie sagt: «Die Regeln sind fair, aber es gibt Schlupflöcher.» Steuerbare Einkommen bis zirka 130 000 Franken sind subventionsberechtigt. Wer als Paar zum Beispiel 100 000 Franken verdient, erhält von der Stadt pro Betreuungstag fürs Kind rund 20 Franken, wer nur 50 000 verdient, erhält 80 Franken. Ein Platz kostet pro Tag je nach Krippe 100 bis 120 Franken.
Tricks mit den Kindern
Gute Möglichkeiten, das System auszunützen, bieten sich etwa für getrennt lebende Eltern mit gemeinsamem Sorgerecht. Denn in diesem Fall gilt als Berechnungsgrundlage nur das steuerbare Einkommen jenes Elternteils, bei dem das Kind gemeldet ist. Agnes erzählt von einem kürzlichen Fall, der ihr besonders unverfroren scheint.Ein Mann und eine Frau brachten ihr Kind schon seit einiger Zeit in die Krippe. Das Schweizer Paar mit geringem Einkommen lebt getrennt, das Kind wird etwa zu gleichen Teilen von Mutter und Vater betreut. Nun liessen die beiden den Wohnsitz des Kindes von der Mutter zum Vater ummelden. Denn die Mutter hat sich beruflich verbessern können, der Vater aber ist Student mit schlecht bezahlten Nebenjobs. So wurde neu dessen Einkommen zur Berechnungsbasis, die Subvention für den Krippenplatz stieg – trotz wirtschaftlicher Verbesserung bei den Eltern. Mehr noch als über solche Tricks von Geringverdienern ärgert sich Krippenleiterin Agnes aber über mittelständische Eltern, die genug verdienen würden, um einen Krippenplatz voll zu bezahlen, aber trotzdem noch die kleinste Gelegenheit nutzen, wenn sie sich bietet. «Diese Leute erhalten von der Stadt vielleicht 50 bis 100 Franken pro Monat, also für den Einzelfall kaum substanzielle Beträge. Aber statt zu verzichten, sagen sie, ‹toll, den Zustupf nehmen wir gern›.» Agnes erzählt einen weiteren konkreten Fall aus ihrer Krippe. Ein Mann und eine Frauhaben ein Kind zusammen, sind geschieden. Er ist Bereichsleiter in einem Medienunternehmen, sie arbeitet Teilzeit und verdient, inklusive Alimente, etwa 90 000 Franken brutto, er knapp das Doppelte. Trotz den sehr guten finanziellen Verhältnissen der Eltern wurden der Mutter von der Stadt gut 20 Franken Subventionen pro Krippentag zugesprochen, nachdem sie sich darum bemüht hatte. «Wieso brauchen diese beiden Erwachsenen für die Betreuung ihres Kindes Unterstützung von der öffentlichen Hand?», fragt die Krippenleiterin.Dass es auch eine Frage der Moral sein könnte, ob man fürs gemeinsame Kind selbst aufkommt oder nicht – der Gedanke scheint sich selbst bei Gutverdienern kaum noch einzustellen. Das ist deshalb besonders stossend, weil subventionierte Plätze in den meisten Krippen beschränkt sind. Egal, wie geringfügig die Subvention ausfällt, der Platz ist besetzt.
Ohne Skrupel gehts besser
«Die Hemmschwelle, solche Leistungen in Anspruch zu nehmen, ist auch im Mittelstand ganz klar gesunken», bestätigt die St. Galler ökonomie-Professorin und zweifache Mutter Monika Bütler. Die Absurditäten des Subventionssystems illustriert sie mit einem Beispiel aus der eigenen Familie. Als die Bütlers in ihrem alten Haus kostspielig die Küche umbauen mussten, sank das steuerbare Einkommen unter die Schwelle, die zu verbilligten Krippenplätzen berechtigt. «Wir haben das aber selbstverständlich nicht wahrgenommen. Doch diese Skrupel haben viele Leute nicht mehr.»Bütler bemängelt am System, dass bei der Vergabe subventionierter Krippenplätze zu wenig überprüft wird, ob beide Eltern arbeiten, sondern meistens einfach das Einkommen herangezogen wird. «So kommen unter Umständen auch Eltern, bei denen nicht beide arbeiten, zu einem günstigen Betreuungsplatz, auf den sie kein Anrecht hätten, wenn beide arbeiten würden.» Mit den einkommensabhängigen Subventionen – sei es für Krippen, Krankenkassen oder für verbilligten Wohnraum – werden damit jene Paare bestraft, bei denen beide arbeiten. «Wenn Sie ein Paar nehmen, beide mit einer guten Ausbildung, mit Kindern: Die haben heute etwa gleich viel Geld zur Verfügung, egal ob nun einer arbeitet oder beide.» Noch wesentlich preiswerter als ein alimentierter Krippenplatz ist eine illegale Nanny. Wir treffen Rebekka, 30, Grafikerin und Mutter von zwei Kindern. Klar, sagt Rebekka, sie gebe gern Auskunft über ihre Nanny. Aber sie werde sich nicht für ihr Verhalten rechtfertigen. Sie beschäftigt illegal eine junge Brasilianerin, ein schwarz arbeitendes Kindermädchen. «Ja, das ist billiger als die Krippe, natürlich. Aber ich nutze das Mädchen nicht aus, der Lohn ist mehr als fair.» Illegale Nannys gehören bei doppelverdienenden Jungeltern heute schon fast zum guten Ton. Laut einer oft zitierten Schätzung des Schattenwirtschafts-Experten Friedrich Schneider, ökonom an der Universität Linz, leben etwa 30 000 bis 40 000 illegale ausländische Pflegekräfte in der Schweiz – sie betreuen Kinder und Alte in Privathaushalten; die meisten kommen aus Osteuropa, manche aus Südamerika. Rebekka und ihr Mann, ein freier Unternehmer, beschäftigen ihre Nanny nur an zwei Tagen pro Woche und bezahlen ihr dafür monatlich 1100 Franken, plus Kost und Logis und Deutschkurs. Was in der Tat sehr grosszügig ist. Zwei polnische Nannys, die wir in Basel trafen, gaben an, für 800, respektive 700 Franken Monatsgehalt in Schweizer Haushalten zu arbeiten, aber an fünf bis sieben Tagen die Woche. («Immer noch doppelt so viel, wie mein Vater in Polen je verdient hat», sagte eine von ihnen.) Rebekka hält das für eine «Schweinerei». Wie viele andere Nanny-Arbeitgeber betrachtet sie ihr Verhalten als eine Art privater Entwicklungshilfe, bei der alle Seiten profitieren. Junge Frauen aus Schwellenländern kommen zu Chancen, die sie zu Hause nicht hätten. Mütter (und Väter) kommen zu Arbeitsmöglichkeiten, die sie ohne erschwingliche Kinderbetreuung nicht hätten.Und der Staat? Erstaunlich ist die Nonchalance, mit der viele der meist mittelständischen, gut ausgebildeten Nanny-Eltern das Arbeitsgesetz brechen und der öffentlichen Hand Sozialabgaben vorenthalten. Zumindest bei Osteuropäerinnen wäre es dank dem relativ jungen Freizügigkeitsabkommen kein Problem, ihren Status zu legalisieren. Dann allerdings fielen für Eltern und Nanny diverse Abzüge an, AHV, Krankenversicherung, Quellensteuer und so weiter. Alles würde teurer, die strengen offiziellen Arbeitszeitregelungen müssten beachtet werden. Also macht man es schwarz.Rebekka sagt, sie habe viel eher Gewissensbisse gegenüber dem Mädchen als gegenüber dem Staat. «Ich würde es natürlich lieber legal machen, weil es sicherer wäre für meine Nanny», sagt sie. Ihre Angestellte muss Tag für Tag aufpassen, nicht in eine Personenkontrolle zu geraten, «sie braucht zum Beispiel absolut zuverlässig ein Tram-Abo». Auch ein Zahnarzttermin kann zum Problem werden. Zudem hat das Mädchen keinerlei Rechtsschutz. Aber dass Rebekka gegen geltende Gesetze verstösst, dem Staat ein Schnippchen schlägt, kümmert sie wenig. «Solange diese Säcke so viel in die Armee investieren und mir vorschreiben, wo ich rauchen darf und wo nicht», sagt Rebekka, solange fühle sie wenig moralische Verpflichtung gegenüber Bern.
Putzen, aber nicht sauber
Ein weiterer beliebter Bereich von Gentleman-Delikten ist das schwarz bezahlte Putzpersonal. Wer hat nicht schon einmal in der Migros oder im Coop eines der handgekritzelten Gratisinserate mitgenommen und bald darauf eine Peruanerin oder Rumänin, der man alle Aufgaben mit Handzeichen erklären musste, weil sie die Sprache nicht versteht, die Böden der Wohnung schrubben lassen für 25 Franken die Stunde? Wir treffen die Mexikanerin Laura, seit sechs Jahren als Sans-papier in der Schweiz. Sie sagt, Schweizer hätten heute kaum mehr Hemmungen, Leute ohne Papiere anzustellen. «Vor fünf Jahren noch wurde mir bei jeder zweiten Bewerbung gesagt, man wolle und könne mich ohne Papiere nicht einstellen. Heute kommt dies vielleicht noch zweimal im Jahr vor.» Einen solchen Mentalitätswandel bestätigt auch Bea Schwager, Leiterin der Anlaufstelle für Sans-papiers in Zürich: «Auf dem freien Markt findet man kaum mehr legales Putzpersonal, also weichen viele auf Sans-papiers aus.» Mit der Zunahme der illegalen Arbeitskräfte wächst der Honorarwettbewerb. «Der Druck vor allem in den reicheren Vororten an der Zürcher Goldküste wird grösser, viele wollen nur noch 20 Franken bezahlen, das erzählen mir viele Frauen», sagt Laura. Immer mehr illegal anwesende Latinas seien bereit, für diesen Lohn zu arbeiten. Die Hemmungen, Arbeitnehmer und Staat um Sozialleistungen zu prellen, hat einer von Lauras Arbeitgebern vollends abgelegt. Er half ihr zwar, vom Kanton Ergänzungsleistungen für die Krankenkasse zu erhalten (Sans-papiers können sich in der Schweiz trotz ihrer Illegalität krankenversichern lassen), kürzte ihr darauf aber den Lohn um 20 Prozent – mit der Begründung, sie brauche ja nicht mehr so viel Geld für ihre Fixkosten.Beispiele, mit denen Bea Schwager regelmässig konfrontiert ist. Dabei seien die Frauen, die als Putzfrauen arbeiteten, noch vergleichsweise gut dran. Schlimmer ist es oft für Illegale in der Gastronomie oder auf dem Bau. Am untersten Ende dieses Lohn- und Sozialdumpings stünden jedoch die Kindermädchen. Eine Arbeit, der auch Laura in ihrem ersten Jahr nachgegangen ist. Der tiefste Lohn, der ihr angeboten wurde, waren 8 Franken pro Stunde. «Was hätte ich machen sollen, genügend andere Jobs hatte ich nicht, also habe ich kurzfristig angenommen.» Wer heute den Staat übervorteilen kann, sagt sich: Ich bin doch nicht blöd. Der Werbeslogan des Elektro-Riesen Media-Markt, der dazu aufruft, Preisvorteile wahrzunehmen, ist zum inneren Credo einer ganzen Gesellschaft geworden. Das veränderte Verhalten gegenüber Gemeinwesen und Gesetz zeigt sich auch in einem Zerfall der Steuermoral, womit man in der Wirtschaftswissenschaft das Ausmass meint, nach welchem die Bürger es als ihre moralische Pflicht ansehen, ihre Steuern zu bezahlen.
Steuermoral im roten Bereich
Gebhard Kirchgässner, einer der bekanntesten ökonomen der Schweiz, zeichnet in seinem Papier «Direkte Demokratie, Steuermoral und Steuerhinterziehung» ein düsteres Bild dieser Entwicklung. «Die Schweizer haben heute eine eher schlechte Steuermoral, das hat sich in verschiedenen Umfragen gezeigt», sagt Kirchgässner. So ist die Schweiz im internationalen Rating zur Steuermoral (in der Umfrage des von namhaften Forschungsinstituten weltweit durchgeführten International Social Survey Programme 1998) auf dem 24. Platz von 32 Staaten zu finden. Gemäss den Angaben des von der niederländischen Universität Tilburg koordinierten World Value Survey, der umfangreichsten und weiträumigsten Umfrage zu gesellschaftlichen Werthaltungen, die je durchgeführt wurde, liegt sie im Durchschnitt der Jahre 1999 bis 2002 auf dem sechzigsten von achtzig Plätzen. Damit ist die Steuermoral seit Beginn der Neunzigerjahre deutlich schlechter geworden. Im Durchschnitt der Jahre 1989 und 1990 lag die Schweiz von achtzehn untersuchten europäischen Staaten noch auf Platz 4.Wie viel dem Fiskus aufgrund dieser Entwicklung entgeht, kann bis heute nicht schlüssig ermittelt werden, die Zahlen in den dazu veröffentlichten Studien klaffen weit auseinander. Während laut des österreichischen ökonomen Friedrich Schneider die nicht deklarierten Einkommen in der Schweiz 9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachen, schätzen die beiden Wirtschaftsprofessoren Bruno S. Frey und Lars P. Feld in einer Arbeit aus dem Jahr 2002, dass rund ein Viertel aller Einkommenssteuern hinterzogen werden. Dem Bürger werden heute von allen Seiten pekuniäre Versuchungen angetragen, wie er den Staat übervorteilen kann. Der Zürcher Sozialethiker und Privatdozent Klaus Peter Rippe erinnert sich, wie ihm sein Steuerberater vor Jahren riet, ein Zimmer seiner damaligen 2-Zimmer-Wohnung gegenüber dem Fiskus als Büro zu deklarieren, was ihm einige Vergünstigungen gebracht hätte. «Hab ich natürlich nicht gemacht.»
Nicht falsch, nicht richtig
Klaus Peter Rippe führt mit seinen Studenten übungen durch, bei denen er ihnen reale, der Presse entnommene Beispiele wie diese vorlegt: «Ein Arzt beschäftigt seine Frau als Praxishilfe. Wenn er sie entlässt, bekommt sie trotz dem hohen Familieneinkommen Arbeitslosengeld.» Oder: «Eine Schauspielerin dreht ein halbes Jahr lang einen Film, verdient 100 000 Franken. Am Tag nach Drehschluss meldet sie sich arbeitslos, hat sofort Anspruch auf Arbeitslosengeld.» Die Studenten müssen entscheiden, ob sie solches und ähnliches Verhalten für «moralisch in Ordnung», «an Abzockerei grenzend» oder für «einen klaren Fall von Abzocke» halten. Die vierte Option heisst «So muss man rechtliche Freiräume nutzen», Mehrfachnennungen sind zulässig. Die Ethik-Studenten entscheiden meistens auf Abzocke. Sind wir etwa alle – oder doch sehr viele von uns, und also nicht nur die bösen Manager – Abzocker? Der Begriff «abzocken», erklärt Rippe, kommt aus dem Jiddisch-Rotwelschen, der alte Wortkern «zchocken» steht für «falsch spielen». Beim Falschspiel wendet man das Mittel der Täuschung an und bekommt etwas, was einem nicht zusteht. Insofern sind aber die wenigsten der hier diskutierten Verhaltensweisen Beispiele von Abzockerei, denn man tut dabei in aller Regel eben nichts Unrechtmässiges. «Indem die Leute versuchen, das Optimum rauszuholen, verstossen sie zwar gegen den guten Anstand, aber nicht gegen das Gesetz», sagt Peter Rippe. Gerade Steueroptimierungen gelten als Kavaliersdelikte – «respektive man bedauert sogar den Nachbarn, der erwischt wurde». Aber warum fällt es der Ich-bin-doch-nicht-blöd-Gesellschaft heute so leicht, gegen Grundsätze des guten Anstands zu verstossen? Zentrales Motiv, glaubt der Ethiker, sei der Kopiereffekt: Die gesellschaftliche Mitte eifert ihren Eliten nach. Und die geben in jüngerer Zeit kein gutes Vorbild ab. «Wenn Banker vom Schlage eines Martin Ebner in Gesetzeslücken ein Vermögen züchten», sagt Rippe, «dann denkt der kleine Mann, ‹Wenn der das im grossen Stil macht, dann darf ich auch ein bisschen›.»Gebhard Kirchgässner wiederum sieht in der forcierten Diskussion um das Bankgeheimnis einen der Hauptgründe für die um sich greifende Schamlosigkeit. «Keinem Schweizer leuchtet ein, weshalb Steuerhinterziehung mehr als ein Kavaliersdelikt sein soll, wenn Ausländer ungestraft Milliarden an steuerhinterzogenen Geldern auf Schweizer Konten platzieren können», glaubt Kirchgässner. Auch die anhaltende Debatte um die hohen Saläre der Wirtschaftsspitzen leistet dem diffusen Gefühl Vorschub, wieder einmal zu kurz gekommen zu sein. Hinzu kommt, dass der Einzelne, der um seinen Vorteil kämpft, glaubt, es gebe bei diesem Kampf keinen Geschädigten, weil «der Staat» ein abstraktes Gebilde, kein konkretes Gegenüber ist. «Was zunehmend verloren geht», so Klaus Peter Rippe, «ist das Bewusstsein, dass man für öffentliche Güter etwas bezahlen muss.» Dient die Oberschicht der Mittelschicht als negatives Vorbild, so funktioniert die Unterschicht als Sündenbock und Projektionsfläche für eigene Verfehlungen. Die so erfolgreiche rechtsnationale Wahlkampagne gegen den «Sozialmissbrauch» in der Unterschicht, wozu als Beispiele fast ausnahmslos Fälle von Migranten herangezogen wurden, hat in der Bevölkerung eine Empörung ausgelöst, die angesichts der eher geringfügigen Betrugssummen rational schwer zu erklären ist. Was ist passiert? Sozialhilfeempfänger nutzen Anreize aus, die ihnen das System bietet. Das ist unmoralisch – aber es gehorcht derselben Logik, nach der jeder Steuerberater seine Kunden berät. «Alle Finger, mit denen hier auf andere gezeigt wird, weisen auf einen zurück.»
So ist kein Staat zu machen
Hat sich der Homo oeconomicus, der alles zu seinem Eigennutzen optimiert, durchgesetzt? Und wenn ja, was wäre so schlimm daran? Schliesslich ist mit dem politisch gewollten Ideal vom Lebensunternehmer, vom ewigen Wettbewerb der Bürger auf dem freien Markt, genau dieses Menschenbild gemeint. Aber der Homo oeconomicus, sagt der St. Galler Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann in der Sprache seiner Disziplin, sei «moralisch nicht rechtfertigungsfähig». Thielemann lehnt sich in seinen Denkerstuhl zurück, schiebt die Brille zurecht. «Mit solchen Bürgern ist kein Staat zu machen.» Der alle ökonomischen Anreize nutzende Mensch ist kein Modell, auf dem eine Gesellschaft aufbauen kann, weil dieser Mensch auf die alte Mahnung aller Schulhauswarte keine Antwort weiss: Was wäre, wenn das alle machen würden?«Der moderne, liberale Rechtsstaat ist auf Bürger angewiesen, die nicht alles ausnutzen, was sich ausnutzen lässt», sagt Thielemann. Die Ethik, die durch staatliche Institutionen per Gesetzgebung vorgegeben wird, reicht als Handelsmaxime nicht aus. Denn Gesetze wollen immer nur das Minimum regeln. Es braucht darüber hinaus die Individualethik, die Bürgertugenden, die Werte. Thielemann erwähnt die in der Rechtsphilosophie gebräuchliche Unterscheidung eines Verhaltens «to the letter of the law» (das Gesetz nach dem Wortlaut befolgen) und «to the spirit of the law» (das Gesetz in dessen Sinn und Geist befolgen). Wer staatliche Vorschriften – Subventionsregelungen, Steuergesetze und so weiter – allein nach dem Buchstaben auslegt, dabei immer auf der Suche nach seinem persönlichen Vorteil, der verstösst, obwohl er sich legal verhält, gegen die Absicht dieser Gesetze.Am Ende münden alle diese Fragen vielleicht in John Kennedys berühmtes Diktum «Ask not what your country can do for you – ask what you can do for your country». Dieser heute so pathetisch klingende Satz ist die zentrale Losung des Republikanismus, der, so Thielemann, die Verantwortung des Einzelnen für die gute Ordnung des Gemeinwesens, eben der Res Publica, betont. «Und was uns jetzt als Siegeszug des Homo oeconomicus erscheint», sagt Thielemann, «ist vielleicht eher der Niedergang des Republikanismus.» Indizien dafür zeigen sich zuhauf: die tendenziell sinkenden Stimmbeteiligungen, das überall verbreitete Gefühl einer Ohnmacht des Staates angesichts der Globalisierung, der Zerfall der Steuermoral. Noch ist die Schweiz weit entfernt von italienischen Verhältnissen, wo die Volkskrankheit des «furbismo» – sei immer schlauer als dein Nächster – zu einer Gesellschaftsform geführt hat, die einer Anarchie nicht unähnlich ist. Der Bürger der Schweiz aber ist «ethisch intrapersonal gespalten», wie Ulrich Thielemann sagt: «Er kauft mittags im grossen Stil Fairtrade-Produkte und versucht abends einen kleinen Versicherungsbetrug.»Dass am Ende, aber erst ganz am Ende, doch oft die Bürgertugend siegt, davon weiss der St. Galler Steueramtsleiter Rainer Zigerlig zu berichten: «Regelmässig kommen Leute im hohen Alter zu uns, darunter auch namhafte Prominente, um quasi in letzter Minute noch reinen Tisch zu machen.» Das letzte Hemd hat keine Taschen: Die reuigen Bürger wollen, so Zigerlig, ihre Schwarzgelder vor dem Tod schliesslich doch noch versteuern.

So sieht es aus, wenn man genau hinschaut. | Bild: Peter Tillessen

Es gibt immer etwas zu optimieren. | Bild: Peter Tillessen

Der andere tuts ja auch. | Bild: Peter Tillessen
Staat als Musterabzocker
Im Tatsachenbericht „Wir Abzocker“ wird das ewige Katz & Maus “-Spiel“ zwischen Staat und Bürger geschildert. Da wir uns messbar immer weniger von politischen Parteien und deren Mitgliedern in Machtpositionen in unseren Interessen vertreten wissen, darf Niemanden wundern, wenn Bürger immer deutlicher den Drang verspüren ihre persönlichen Umstände zu optimieren. Die Natur ist gnadenlos ökonomisierend und die Erscheinung des „reinen“ Homo oeconomicus gehört zu der Evolution. Ich bezahle gerne meine Steuern wenn ich mitbestimmen darf für was sie verwendet werden sollen. Nun, classe politique hat andere Interessen und Prioritäten und auch das Exekutionsmonopol dazu. Rebekka bringt es auf den Punkt, wenn sie sich über „Investitionen“ in die Armee beklagt, da man dieses Geld genau so gut wegwerfen könnte. Es geht um ein falsches Spiel par exellence da sich der Fiskus als unnachgiebig darstellt und zugleich grosszügige „Spielräume“ für Markos’, Ebners, Schumachers, also, diejenigen welche die Spielregeln besser verstehen, gewährleistet.
Der bemerkenswerte Artikel ist auf den Mittelstand fokussiert. Schauend aber auf die Armee der Armen und an der Bevölkerungsschicht an der Armutsgrenze, darf man „Verstösse“ nicht mit Nonchalance hinnehmen. Für uns, welche schauen müssen wie wir über die Runden kommen, bleibt oft keine Wahl als sich der Gesetzeslücken zu „bedienen“, sogar Gesetzwidrigkeiten in Kauf nehmen zu müssen.
Zum Himmel stinkende Ungerechtigkeit des „Systems“, versündigt sich am heftigsten gegenüber Kirchen- und sonstigen Mäusen. Wenn eine Maus ihr Verhalten ändert und „trickst wo sie kann“, gilt der Schaden dieses Verhaltens nicht den Mitmäusen (nach wie vor moralisch verächtlich), sondern der Katze!
Man kann ein Buch mit den Beispielen von dreisten Staatsabzockereien und Steuergeldverschwendung füllen. Angesichts solchen Sachverhalts sinkt die Hemmschwelle nicht selten selbst bei Staatsbeamten und man bekommt einunverhülltes Bewusstsein dafür, dass es tatsächlich nicht fair ist, aber es sein muss. Der Beamte selbst findet es auch nicht korrekt! Trotzdem begeht der brave Sachbearbeiter eidgenössischer Institutionen ruhigen Gewissens dieselben Kavaliersdelikte!
Ein mittelständischer Fairtrade-Produkte Käufer ist nicht ethisch schizophren, weil er einen kleinen Versicherungsbetrug begeht! Er handelt im Einklang mit seinem moralischen Imperativ der ihm erlaubt Robin Hood nachzueifern. Es beweist nur, dass Synthesiologie der Vernunft einem Max Havelar Aufkleber Respekt und Vertrauen schenkt, dem Steuerpflicht – nicht genau(so).
Bei dem Armen ist all dass keine Frage des guten Anstands, sondern das Eingeworfensein in der Gesellschaftsordnung wo für ihn „Tricksereien“ als einzige Wehrwaffe übrig bleibt.
Ilija Sikic, BaselGempenstr.56
4053 Basel
061 641 80 07
sikic@swissonline.ch
Ich bin ein Magazin-Junkie. Eines das ich am meisten vermisse, ist DAS MAGAZIN, weil es einfach gut ist. Ich hörte DAS MAGAZIN, wenn ich denn eines kriegte, über viele Jahre. Meine Erben werden’s mir mal danken!Bevor ich jeweils meinen Heimurlaub antrete, bettle ich bei Freunden und Bekannten in der Schweiz um verfügbare Exemplare.
Obwohl ich das Papier (etwas handfestes) vermisse, begnüge ich mich sonst gern mit dem wöchentlichen Einloggen ins virtuelle TagiMagi.
Herzlichst, Doris Ammann-Mollet
Die Thematisierung ist unvollständig. Hier gehören auch die giesskannenmässigen Landwirtschaftssubventionen und der NFA dazu. Die Quersubventionierungen aus den Agglomerationen in die "Randgebiete" machen pro Kopf der dort lebenden Bevölkerung und Jahr weit über 100′000 Franken pro Jahr aus. Und wer den Wohlstand in "habligen" Landwirtschaftsgebieten sieht, wo viel mehr Subventionen hinfliessen, als zu den armen Bergbauern, muss sich über schwindende Loyalität in den urbanen Gebieten dem Staat gegenüber nicht wundern. Die SVP schreit hier aber nicht "Haltet den Dieb", wie bei den wesentlich kleineren Transfers in die Sozialsysteme. Die Agarlobby ist ihnen dankbar.
als angehöriger des ‘mittelstandes’ weiss ich nun auch, wieso wir 2 jahre lang vergebens auf einen krippenplatz gewartet haben. überhaupt sind wir eigentlich recht doof. mit einem einkommen, das immer zu hoch ist, um in zürich etwas subventioniert zu kriegen (oder eben nicht, wie man ja jetzt weiss) und zu tief um wirklich im markt mitmischen zu können (z.b. was wohnungsmieten angeht) frage ich mich schon, ob ich mir ethik, wie ich sie bis jetzt hatte noch leisten kann.
sehr traurig wenn wir soweit sind, dass der mittelstand das netz für die sozial schwachen zu seinen gunsten nutzt.
wenn ich höre wie 170′000 franken verdienende menschen schamlos subventionierte krippenplätze beanspruchen könnt ich kotzen. der kategorische imperativ von kant ist leider nun mal nicht allen leute geläufig. schade.
Was mich beim Lesen des Artikels amüsierte war, wie (ausgerechnet!) Ökonomen zu Bedenkenträgern mutiert sind. Da haben sie uns jahrzehntelang vorgebetet, dass eigennütziges Handeln des Einzelnen praktisch automatisch den maximalen Nutzen für die Gesellschaft bringt, und dass der Staat sich aus dieser segensreichen "unsichtbaren Hand" des Marktes gefälligst heraushalten soll. Sie haben uns erklärt, dass es in Ordnung ist, ganze Firmen samt ihren Angestellten und deren Familien je nach Tageskurs der Aktien zu kaufen und zu verkaufen, um aus erratischen Börsenschwankungen Gewinn zu machen. Sie haben es beinahe zur Pflicht der Firmenlenker erklärt, unrentable Firmenzweige abzustossen und weniger produktive Angestellte rauszuschmeissen, da jede Quersubvention des Teufels sei. Sie haben uns gezeigt, dass eine Rentabilität von 15% viel zu niedrig ist und deshalb die Entlassung tausender von Angestellter rechtfertigt. Sie lehrten uns, minderwertige Ware aus fernen Ländern um die halbe Welt zu transportieren, um ein paar Franken zu sparen und so die regionalen, mit Umwelt- und Arbeitnehmerschutzauflagen belasteten Produktionsstätten auszuhungern. Sie nahmen dem Angestellten seinen sicheren Arbeitsplatz und ersetzten ihn gegen eine Lizenz zur Schnäppchenjagd.
Ja und jetzt, wo sie den Menschen nach ihren Wünschen umgeformt haben. da reiben sie sich erstaunt die Augen und beginnen dieselbe Kritik auszusprechen, die die von ihnen so verachteten "Sozialromantiker" und "Globalisierungskritiker" schon seit Jahrzehnten äussern.
Ja was nun? Soll das Recht zum "Optimieren des Einkommens" nur für die Schmarotzer an den Konzernspitzen gelten? Alle anderen sollen brav dafür sorgen, dass der Staat trotzdem noch funktioniert? So einfach ist das nicht, meine lieben Damen und Herren Oekonomen. Zeit für eine Prise Selbstkritik und eine neue Wirtschafts-Theorie, die dem Staat wieder den Platz gibt, der ihm zukommt.
Erfreulich, dass mal darauf hingewiesen wird, dass Abzockerei und Schmarotzertum nicht bloss die Domäne von Managern, bzw von Sozialfällen sind, wie es uns Populisten diverser Couleur weismachen wollen.Schade aber, dass der Artikel es dabei bewenden lässt, an unser Verantwortungsgefühl zu appellieren. Sicher, Verantwortungsgefühl ist notwendig, damit ein Gemeinwesen funktionieren kann. In jedem grösseren System wird es aber „Anständige“ und „Unanständige“ geben. In einem System mit vielen Schlupflöchern wird es immer Leute geben, die sich unfairerweise auf Kosten anderer Bereichern. Und ein ebensolches „abzockerfreundliches“ System ist nicht nur Anarchie und der Laissez-Faire-Kapitalismus, sondern auch eine aufgeblähte Bürokratie mit einem Dschungel von Regeln, durch den niemand mehr durchblickt. Am wenigsten Steuern zahlen hier nicht diejenigen, die am wenigsten verdienen, sondern diejenigen, die sich den besten Steuerberater leisten können. Und den leichtesten Zugang zu Subventionen haben nicht die Bedürftigsten, sondern diejenigen, die mit Lobbying und einem Beziehungsnetz den Weg zu den staatlichen Töpfen finden. Nach dem ausgezeichneten Artikel über Liberalismus, der gezeigt hat, dass liberal und sozial nicht Gegensätze sein müssen, wäre es an der Reihe gewesen die unsozialen Folgen eines gutgemeinten, aber schlecht konstruierten Sozialstaates aufzuzeigen.
Obwohl ich kein Anhänger der FDP bin und der nette Fulvio mit seiner Easy Swiss Tax vielleicht etwas übers Ziel geschossen hat, so wäre es doch wünschenswert, dass unser Steuersystem einmal grundsätzlich neu aufgebaut würde.
Nur ein Beispiel: Ich habe im 2005 100% gearbeitet, danach ein Studium aufgenommen. Im 2006 und im 2007 habe ich, für meine Verhältnisse, sehr hohe Beträge an den Fiskus abgeliefert, die ich vor kurzem dann teilweise wieder zurückbekam (inkl. Zinsen). Kommt dazu, dass ich als Student mit einem 40% Job Steurn bezahle, obwohl mein Einkommen unter dem Existenzminimum bzw. der Armutsgrenze liegt.
Ich finde die Linken und Netten sollten sich mit den Rechten und Fetten zu einem fairen Kompromiss zur Vereinfachung der Steuern durchringen, indem auch die ganzen Subventionsgeschichten, 3.Säule, Abzüge etc. grundsätzlich überdacht werden.
Ihr Artikel „Wir Abzocker“ ist genial und spricht mich direkt an, obwohl Sie geflissentlich 2 Dinge bewusst vermischen: A) Das Gesetz anwenden B) gegen das Gesetz verstossen.
Schwarzgeld vor dem Tod noch weiss zu machen, zeigt von Reue und von moralischer Not und dem Wissen (Gewissen) gegen das Gesetz und die Gesellschaftsordnung verstossen zu haben.
Mich interessiert jedoch, die bestehenden Gesetze zu lesen und anzuwenden. Meine Gegenpunkte:
Prämienverbilligung (IPV)
Ist es verwerflich, die hohe Rechnung eines Rentners von CHF 20′000.00 des Zahnarztes für die 3. Zähne bei den Steuern abzuziehen und von der Prämienverbilligung (IPV) zu profitieren, weil das steuerbare Einkommen gesunken ist?
Ist es verwerflich, das Nachdiplom-Studium von CHF 30′000.00 von den Steuern als Weiterbildungskosten abzuziehen und dadurch eventuell in den Genuss von IPV zu kommen?
Ist es verwerflich, Geld zu spenden und diesen Betrag den Steuern abzuziehen und so eventuell in die Bezuglimiten für eine IPV zu rutschen?
Irgendwann ist jede Küche und jedes Bad renoviert und die Fenster eines Hauses können auch nicht alle 5 Jahre ersetzt werden. Zudem sind die Renovations-Abzüge bei den Steuern gleichzeitig die Einnahmen des Fensterbauers, Sanitärs und des Malers und der Kreislauf schliesst sich.
Datenschutz versus IPV
Die politische Linke schreit nach besserem und griffigerem Datenschutz. Warum? Die Folge ist, dass für die IPV von den Gemeinden nur das steuerbare Einkommen und Vermögen gemeldet wird.
Wie sich diese Summe jedoch in ihren 50 Einzelpositionen zusammensetzt, weiss nur der Steuerkommissär selber (der hier seinen Frust los wird und gleichzeitig vermutlich den Rahmen aller Abzüge ausschöpft). Die Einzelpositionen der Steuererklärung dürfen nicht an die IPV-auszahlenden Stellen weitergeleitet werden, was als Defizit gewertet werden muss.
Agrar-Subventionen
Sie klammern in Ihrem Text die Problematik von Subventionen in der Landwirtschaft bewusst oder unbewusst aus. Es ist seit sicher 100 Jahren bekannt, dass von den Bauern vieles unternommen wird, um noch in den Genuss einer Bundessubvention zu kommen. Ist es verwerflich, dass ein Bauer seine Investition gestaffelt vornimmt, um weiter von einem Zuschuss zu leben? Sicher nicht, denn 1. wird das Gesetz angewendet und 2. sind die Bauern mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen mehr als gefordert.
Selbstständig-Erwerbende
Dass Selbstständig-Erwerbende (SE) teils ein höheres Einkommen haben, dieses aber nicht ausweisen, weil sie z.B. das Lager abschreiben oder die Mittel zum Wachstum ihres Betriebes einsetzen ist klar. Es macht auch finanztechnisch kaum keinen Unterschied, ob der SE seine grosse 3. Säule (z.B. 30′000.00) selber zahlt und diesen Aufwand steuertechnisch als Privatperson in Abzug bringt, oder ob er angestellt ist, und die Firmen den BVG-Aufwand (2.Säule) als Firmenaufwand in Abzug bringen und als Firma dann weniger Steuern bezahlen und der SE schlussendlich als Privat-Person – oder Angestellter seiner Firma selber – die kleine 3. Säule (CHF 6′000.00) abzieht.
Ist es der Neid der Lohnempfänger, dass nur der SE die Quittungen sammeln und diese den Steuern in Abzug bringen kann?
Arbeitslosenversicherung (ALV)
Warum soll die Schauspielerin, welche für 6 Monate gut verdient hat und dann offensichtlich ohne Arbeit dasteht von Reserven zehren, die sie sich während der Arbeit angelegt hat? Ist es nicht legitim ALV-Gelder zu beziehen, wenn ein gesetzlicher Anspruch darauf besteht?
Illegale Nannys
Eine normale Nanny können sich nur richtige Millionäre leisten oder Familien, deren Einkommen zwischen 20- und 30′000 pro Monat liegt, denn Haushalthilfen und die Kinderbetreuerinnen kosten 4 – 5′000.00 Tausend pro Monat zuzüglich allen Sozialversicherungsbeiträgen, weshalb es eine wirtschaftliche Opportunität ist, auf Nannys aus fernen Ländern auszuweichen, die den „Schnäppchenlohn“ bar beziehen.
Persönlich will ich meine Kinder nicht von einer Nanny aus dem Ostblock betreut wissen, die gebrochen deutsch spricht und von der Mentalität her nicht in unser Familiensystem passt; aber offensichtlich sind die Bedürfnisse von x tausend Familien in der Schweiz anders ohne diese moralisch zu werten.Konklusion:
Es ist nur logisch, dass unser Sozialstaat, der auf hohem internationalem Niveau seit 1995 laufend ausgebaut wurde (IPV, Mutterschaftsversicherung MV) damit rechnen muss, dass die Leistungen auch eingefordert werden.
Dass ältere Personen aus moralischen Gründen oder aus Scham auf Ergänzungsleistungen (EL) zur AHV / IV verzichten, gehört hoffentlich ganz der Vergangenheit an. Wenn ein gesetzlicher Anspruch gegeben ist, dann soll die Subvention auch ausbezahlt werden.
Wenn eine Volkswirtschaft aus 50% Sozialhilfeempfängern bestünde, die auf ein garantiertes Einkommen zählen könnten, dann haben diese sicher keinen „Stress“ ihr Einkommen mit Steuerabzügen zu optimieren, weil zuerst ein Einkommen erwirtschaftet werden müsste, bevor Abzüge deklariert werden könnten . Solche Personen brächten vermutlich ein Land weder moralisch noch monetär weiter. Wollen wir das?
Der Staat und die nachgelagerten politischen Kräfte verlangen vom „Normalo“ viel und es erstaunt mich nicht, dass zuweilen ein Ohnmachtsgefühl aufkommt, weil dieses mir selber auch bekannt ist. So lässt sich jedes politische Verhalten situativ pervertieren, indem z.B. mit ausländischen Steuerflüchtlingen (in der Bilanz nachzulesen, wer dazu gehört) ein Steuerpauschalabkommen vereinbart wird und dadurch wertvolles Steuersubstrat verloren geht. Es ist nur die politische Linke, die dieses dubiose Relikt aus dem 2. Weltkrieg abschaffen will.
Dennoch bin ich der festen Meinung, dass es für die Volkswirtschaft besser ist, eine breite Mittelschicht zu haben und zu pflegen. Dass diese Schicht – und nicht nur die Rechten und „Fetten“ – die Motivation hat, ihren Status zu halten, ist legitim und zeugt von gesundem Menschenverstand, Verantwortung gegenüber sich selber, der Familie und der Gesellschaft, indem sie nicht zuletzt an die Urne geht, um zu wählen!
Dieser Text ist ein sehr guter Stimmungsbericht der heutigen Gesellschaft in der Schweiz.
Die ständige Verökonmisierung des Alltags und die omnipräsente intensivierung des Wettbewerbs beschleunigen diese Entwicklung. Dies beginnt bereits in der Schule, wo die Eltern ihre Kinder darauf trimmen, welche Schule "man besuchen muss, um später erfolgreich sein zu können". Dazu kommen auch die ständig steigenden Entschädigungen für Manager, die zwar vor dem Gesetz korrekt sind, aber ethisch mehr als fraglich sind. Und da in der heutigen Zeit Wirtschafsführer in den Medien omnipräsent sind, nehmen sie den Status von Idolen ein, denen es nachzueifern gilt. So lässt sich das Verhalten des Durschnittsbürgers wohl erklären – wenn wenige ganz ungeniert "ethisch zweiflahfte Millionensaläre" beziehen, da muss man schauen, dass einem zumindest die Brosamen bleiben. Dieser ständige Wettbewerbsdruck, die Eintrichterung des omnipräsenten wirtschaftlichen Denkens und die zweifelhaften Millionen-Bezüger-Vorbilder tun das ihrige, um eine ständige stärkere abzockbereite Bevölkerung heranzuzüchten. Meines Erachtens dürfte sich dieser Trend in den nächsten Jahren noch akzentuieren und dürfte von der Politik eher noch unterstützt werden. Viele andere Gruppierenen, die etwas dagegen tun könnten, beispielsweise Religionen, scheinen mir im Moment zu marginalisiert, um diesen Trend brechen zu können.
Die erwähnten Argumente, weshalb und wie wir eine Generation von Abzockern aufgezogen haben, mögen ja dazu beigetragen haben. Der Hauptgrund liegt meines Erachtens in der bekannt holzschnittartigen Verkürzung dargestellt – woanders:
Da haben ein paar Millionäre eine unbedeutende Bauernpartei usurpiert und daraus ein Vehikel gemacht, das ihre Interessen vertritt. Um sich die notwendige Macht zu sichern, bedienen sie sich ungeniert aller Parolen, die Wähler mobilisieren. Dazu gehört Poltern des Sinnes, dass der Staat ein geldgeiler Moloch ist, dass es deshalb geradezu Bürgerpflicht ist, ihn zu schwächen, dass alle anderen, insbesondere Asylbewerber und Sozialschmarotzer, vom Staat hemmungslos profitieren und man deshalb zu kurz kommt, wenn man das nicht auch tut. So gebührt das Geschrei um Missbrauch immer neue Missbraucher.
Unmoralischer als dieser neue Sport ist dabei: Die zu Gunsten der Reichen verführten weniger Betuchten schiessen sich bei jeder vor diesem ideologischen Hintergrund durchgesetzten Steuersenkung ins eigene Knie. Man halte sich nur vor Augen, wie viele früher mindestens zum Teil steuerfinanzierte staatliche Dienstleistungen in den letzten Jahrzehnten durch sogenannte verursachergerechte und damit im Grunde unsoziale Gebühren abgelöst worden sind.
Es ist klar dass wir jede Möglichkeit ausnutzen Geld zu Sparen, "die Grossen können das ja auch"!
Es wäre sehr einfach diese Steuerprobleme auf einen Schlag zu lösen.
Die Idee:
- Die Steuern werden wie die AHV oder IV monatlich in Prozent direkt vom Bruttolohn abgezogen.
- Der Arbeitgeber leitet die Steuerabzüge weiter ans Steueramt in seiner Region.
- Dieses Steueramt verteilt die Steuern an die zuständigen Gemeinden, diese leiten die Einnahmen weiter an die Kantone und den Staat.
- Vermögenssteuer etc. könnten vermutlich weggelassen werden.
- Firmen Versteuern 10% ihres Bruttoumsatzes!
Die Beispiele:
-Steuerabzug alleinstehender Arbeitnehmer/in 10% vom Bruttolohn
-Steuerabzug Arbeitnehmer/in mit 1 Kind 8% vom Bruttolohn
-Steuerabzug Arbeitnehmer/in mit 2 Kinder 6% vom Bruttolohn
-Steuerabzug Arbeitnehmer/in ab 3 Kinder 4% vom Bruttolohn
So sieht das in Zahlen aus:
Paar ohne Kinder:
Sein Lohn Fr. 80000.– / Jahr
- 10% Steuerabzug
= Fr. 8000.– Einnahmen für den Staat.
Ihr Lohn Fr. 30000.–/ Jahr
- 10% Steuerabzug
= Fr. 3000.– Einnahmen für den Staat.
Ehepaar mit 2 Kinder beide Berufstätig:
Sein Lohn Fr. 80000.– / Jahr
- 6% Steuerabzug = Fr. 4800.– Einnahmen für den Staat.
Ihr Lohn Fr. 30000.–/ Jahr
-6% Steuerabzug
= Fr. 1800.– Einnahmen für den Staat.
Die Vorteile:
- Die lästige Steuererklärung fällt weg.
- Die grossen Steuerschlupflöcher sind gestopft.
- Der Staat hat mehr Steuereinnahmen zur Verfügung und dies sofort.
- Der ehrliche Steuerzahler bezahlt etwa gleich viel wie bisher.
Wer hat den Mut einmal eine Soziale und Gerechte Idee umzusetzen???
R. Mathys