18.09.2009 von Michèle Roten , 27 Kommentare
Niemand erwartet von einer 25-Jährigen, dass sie Dinnerpartys gibt. Niemand schaut einen 29-Jährigen schräg an, weil er noch studiert. Wenn ein 26-Jähriger in einem zehn Quadratmeter grossen WG-Zimmer lebt, ist das okay. Auch dass beim Essen mit den Eltern die Eltern zahlen.
Mit dreissig allerdings, da sollte alles anders sein. Mit dreissig verändert sich etwas. Ingeborg Bachmann beschrieb es so: «Wenn einer in sein dreissigstes Jahr geht, wird man nicht aufhören, ihn jung zu nennen. Er selber aber, obgleich er keine Veränderungen an sich entdecken kann, wird unsicher; ihm ist, als stünde es ihm nicht mehr zu, sich für jung auszugeben.»
Wir Dreissigjährigen von heute allerdings haben hinter unserem Rücken beschlossen, auf diese Unsicherheit zu spucken. Wir geben uns so was von für jung aus, und zwar, wenn möglich, bis fünfzig. Nur ab und an, wenn wir gerade Lust dazu haben, spielen wir erwachsen. Die alten Konzepte für ein geglücktes Leben sind ausgeleiert, neue noch nicht gefunden, aber das ist nicht schlimm. Wir warten einfach ab. Wir warten darauf, dass der Höhepunkt oder der Ernst oder der Sinn des Lebens oder alle zusammen irgendwann vor unserer Haustür stehen.
Wir sind so, denn unsere Geschichte geht so:
1979 war das «Internationale Jahr des Kindes». Unsere Eltern trugen dicke Koteletten und Schlaghosen, aber sie waren keine Hippies mehr, sondern junge Karrieristen, die sich gerade den Traum vom Eigenheim erfüllten und ein schickes Auto fuhren. Sie konnten sich das leisten, schliesslich waren sie Doppelverdiener, ein neues Phänomen. Sie bewiesen gerade, dass man mit harter Arbeit den Verhältnissen seiner Herkunft tatsächlich entkommen konnte, dass die Zukunft rosig war. Die Kinder, die sie machten, wir!, waren auch Symbole dafür, wir waren die rosige Zukunft. Wir waren Wunschkinder, im Gegensatz zu den Kindern, die zehn Jahre vor uns geboren wurden, zur Zeit von Woodstock. Damals hatten die jungen Erwachsenen anderes zu tun, freie Liebe zu machen, die Welt zu retten, aber 1979 hatten sie ein Haus, das es zu füllen galt. Unsere Eltern liessen sich oft auch scheiden, aber das war nicht schlimm, denn umso mehr verzärtelten sie uns aus schlechtem Gewissen. Wir waren die erste Generation, die von Kindesbeinen an im Visier der Werbeindustrie auftauchte, denn bei uns hielt gerade das TV als Babysitter Einzug. Aber das war nicht schlimm, denn wir kriegten schliesslich fast alles, was wir in den Werbungen sahen.
Turnschuhe von L. A. Gear mit mehreren, dicken, glitzernden Schuhbändeln.
Kinder Milch-Schnitte, als es sie — endlich! endlich! — auch in der Schweiz zu kaufen gab.
My Little Pony, das im Dunkeln leuchtete.
Dinge. Wir mochten Dinge schon immer.
Und es ist nicht schlimm, weil wir auf diese Weise früh lernten, zwischen Information und Werbung zu unterscheiden. Wir lernten es, als die Beilage im Comic-Heft «Yps» keineswegs die auf der Packung dargestellten klitzekleinen Meerjungfrauen enthielt, sondern lediglich halb tote Wasserflöhe. Der Lügendetektor in der Cornflakes-Packung funktionierte auch nie. Und Milli Vanilli konnten gar nicht singen.
Wir merkten früh, dass jeder uns etwas verkaufen will, wir wurden früh schon abgebrüht, aber nicht zynisch wie die Generation X. Wir haben in unserer Jugend ein bisschen (denn das ist unsere Art: ein bisschen) rebelliert, indem wir Secondhand-Kleider trugen und alles mit Label mieden. Die einzige Jugendkultur, die wir entwickelten, war bezeichnenderweise die der Hanger: eine Art Punks ohne Wut und ohne Ideale. Ergo: eine leere Hülle. In langweiligen Unterrichtsstunden zeichneten wir in Hunderternoten gedrehte Joints in unsere Bücher, und wir sagten Dinge wie: In so eine Welt werde ich nie Kinder setzen, aber das war nur der Generation X nachgeplapperte Pose.
Die Geförderten
Wir behaupteten auch noch längere Zeit nach der Pubertät von uns, dass wir keinen Wert legen auf Konsum. Und Marken. Aber kennen taten wir sie immer. Inzwischen ist es okay. Wir nehmen es gelassen hin, dass wir in den Augen der Welt primär Konsumenten und erst dann Menschen sind, denn wir sind ja gern Konsumenten. Wir lieben es zu kaufen. Gleichzeitig sind wir verwirrt und auch genervt darüber, wie sehr der Markt, der Konsum in allen Lebensbereichen mitspielt, unsere Kultur diktiert. Aber wir erlauben uns jetzt wieder, gewisse Marken zu mögen, und sind deshalb längst keine hereingelegten Deppen wie die anderen. Wie die Babyboomer, die auf jeden Quatsch aufsteigen, weil sie erst zu spät im Leben mit Marketing konfrontiert wurden. Oder wie die Jüngeren, die halt noch dumm und ausserdem, so vermuten wir, ganz und gar oberflächlich sind. Es kommt ja nur drauf an, welche Marken! Wenn wir Marken kaufen, kaufen wir sie wegen der Qualität. Und weil wir uns mit dem Image der Marke identifizieren. Apple zum Beispiel mögen wir sehr. Weil dort Wert auf das Design gelegt wird. Das ist ganz wichtig. Alles muss schön sein. Dass ein Mac doppelt so teuer ist wie ein PC, nehmen wir in Kauf. Oder American Apparel. Weil die Sachen nicht von kleinen Kindern genäht werden, sondern in einem fröhlichen Betrieb in L. A. Und die T-Shirts sind genauso bunt wie unser Leben! Oder alte Luxusmarken wie Chanel, weil die eine Tradition haben. Bestenfalls drücken unsere Marken aus, wer wir sind, oder zumindest, wer wir sein möchten. Nämlich: bewusst, stilsicher, entspannt erfolgreich.
Dass wir erfolgreich werden würden, war von Anfang an klar. Wir waren eine Generation, die gefördert wurde. Ähnlich wie die Kinder von heute, aber wir trugen keinen Helm beim Fahrradfahren. Wir hatten Ballettunterricht, Musikunterricht, Reitunterricht. Notfalls auch Nachhilfeunterricht, denn — und das war die vielleicht deutlichste Lektion, die uns unsere Eltern mit auf den Weg gaben, das vielleicht einzige Mal, dass sie den Mahnfinger erhoben — Ausbildung ist alles. Sie ist der Schlüssel zu sozialem Aufstieg, zu einem geglückten Leben. Wir strengten uns an, so fest, wie es halt gerade ging, wir hatten früh schon viel zu tun. Richtiges Strebertum gab es selten, denn tief drin glauben wir, genug talentiert zu sein für jeden Job. Wir haben fröhlich und ausgiebig PhilI-Gänge studiert, weil wir nicht das Gefühl hatten, den Abschluss wirklich zu brauchen. Zu sehen, wie die angestrengten Jus- und Wirtschaftsstudenten heute Jobs annehmen müssen, die sie auch ohne das Liz gekriegt hätten, freut uns ein kleines bisschen.
«Bevor alles richtig losgeht», gingen wir erst mal noch auf die grosse Reise. Wir haben da fast schon so etwas wie eine klassische Grand-Tour-Kultur. Interrail wurde zu der Zeit gerade abgelöst durch erschwingliche Flüge. Das Geld für die Reise verdienten wir mit irgendwelchen Jobs. Wer studierte, liess sich das gern von den Eltern finanzieren, aber bei der grossen Reise, da will man sich richtig frei fühlen, und das geht nicht mit Reka-Checks von Papi. Dann gings auf, nach Asien, Australien, Südamerika. Viele andere Backpacker kennengelernt. Tauchen, Surfen, Salsatanzen. Ein Didgeridoo mitgebracht, eine Hängematte, eine exotische Krankheit. Vielleicht kommt daher auch unsere Affinität zu Weltpolitik: weil wir im Wissen leben, dass wir uns überall niederlassen könnten. Weil wir überall Freunde haben. Nationale Belange dagegen — im Vergleich zu anderen Ländern sind unsere Probleme und Entscheidungen doch lächerlich. Wir treten eher NGOs bei als Parteien. Die Unterscheidung zwischen rechts und links ist für uns längst nicht mehr so wichtig wie für die Generationen vor uns — sowieso: Dieses Schwarz-Weiss-Denken liegt uns gar nicht. Wir ernähren uns makrobiotisch und rauchen; wir sind liberal und konservativ gleichzeitig, das geht gut. Wenn wir gefragt werden, ob wir rechts oder links seien, so lautet unsere Lieblingsantwort: «Das hängt von der Vorlage ab.»
Grundsätzlich sind wir aber konservativer, als man es von uns erwarten würde. Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir in einer prosperierenden Zeit aufgewachsen sind. Da entwickelt sich eher eine bewahrende Haltung als radikaler, revolutionärer Geist. Wir sind eher rückwärtsgewandt, das zeigt sich auch in kleinen Entscheidungen, zum Beispiel stehen wir wahnsinnig auf alles, was retro und nostalgisch ist. Und die momentane Ernüchterung nach der Wirtschaftskrise, die Sehnsucht nach wahren Werten, die Verschiebung der Zukunft auf morgen, um erst einmal das Heute mithilfe des Gestern wieder gerade zu rücken — damit können wir uns absolut identifizieren.
Teamplay ist alles
Ja, die Wirtschaftskrise. Keine einfache Zeit. Das sagen uns alle. Ist schon blöd – wären wir doch gerade bereit, durchzustarten in der Arbeitswelt. Aber eben, ist grad nicht so gut. Ausgerechnet beim Eintritt ins Erwachsenenleben wird unser Weg also steinig, wo er doch bisher so schön asphaltiert war. Das ist schon gemein. Aber so richtig Angst macht uns die Situation nicht. Wir sind zuversichtlich, wir sind aufgewachsen mit der Gewissheit, dass die Welt auf uns gewartet hat, und jetzt warten halt wir mal. Bis die Welt auf uns zukommt, wenn sie wieder so weit ist. Eigentlich sind wir nicht einmal unfroh über solche Phasen. Können wir uns etwas mit uns selber beschäftigen, davon kriegen wir nie genug. Inzwischen kellnern wir ein bisschen, machen Gelegenheitsjobs. Hauptsache, es ist genug Geld da für Spass mit den Freunden und unsere zugegebenermassen nicht gerade asketischen Konsumgewohnheiten. Auf eine fast schon magische Weise klappt das immer. Schlimmstenfalls mit ein wenig Hilfe unserer Eltern, da bricht uns kein Zacken aus der Krone. Wir sind ja schliesslich ihre Kinder.
Aber eigentlich sind wir gute Arbeiter. Profis im Teamwork, das wurde uns schon im Kindergarten beigebracht. Da wurde noch dem letzten Langweiler bescheinigt, er sei ein guter Teamplayer. Und die wiederum, die aus der Masse hervortraten, wurden auch mal gerügt, sie seien keine guten Teamplayer. Also: Teamplay ist alles. Das haben wir uns gemerkt.
Kommunikation ist eine andere unserer Stärken. Direkte, unmittelbare Kommunikation. Wir tauschen uns obsessiv aus, ungefilterter als jede Generation vor uns. Da geht viel Spreu durch, bis man zum Weizen kommt, deswegen klingen wir vielleicht geschwätzig, aber das ist unsere Art, uns im Gefüge zu finden. Ohne Kommunikation sind wir aufgeschmissen. Sagt uns sofort, woran wir sind. Lobt uns sofort. Tadelt uns sofort. Nicht erst beim Mitarbeitergespräch in einem halben Jahr.
Haben wir mal den Job, den wir wirklich wollen, arbeiten wir bis zum Umfallen. Denn dann ist der Job nicht mehr Arbeit, sondern Erfüllung und Selbstverwirklichung und -darstellung. Bei uns kommt es selten vor, dass man seinem Beruf indifferent gegenübersteht. Wir wollen gut sein in dem, was wir tun, wenn nicht die Besten. Ein dreissigjähriger Grafiker (wir sind eigentlich alle Grafiker, denn wir sind alle Schöngeister und auch sehr kreativ, aber nicht mutig genug, den Weg des Künstlers einzuschlagen) macht nicht einfach nur die Sachen, die ein Grafiker halt so macht, die er gelernt hat, sondern er ist Grafiker. Er war nie etwas anderes. Es ist seine Berufung, Grafiker zu sein. Sein Talent hat ihm diesen Weg gewiesen.
Grafiker ist übrigens auch deswegen unser Beruf, weil er kurzfristiges Engagement bedeutet. Man arbeitet an punktuellen Aufträgen. Die müssen in einer gewissen Zeit abgeschlossen sein. Das kommt uns sehr entgegen, denn mit Längerfristigem tun wir uns schwer: Stichwort «Instant Gratification», Stichwort «Generation Projekt». Jawohl, das sind wir. Und nicht zufällig, denn diese Vorstellung von Arbeit erfordert das Urvertrauen, dass das nächste Projekt schon kommen wird. Check!
Bier ist dicker als Blut
Der Lohn ist kein allzu grosses Thema. Wir arbeiten auch für wenig Geld, solange wir das machen können, was wir wirklich wollen. Erstens haben wir die Romantik eines prekären Lebensstils schon längst für uns entdeckt — prekär wohlgemerkt, nicht schäbig. Wir brauchen kein Auto, aber die richtigen Schuhe. Zweitens, eben, sind wir sicher, dass uns die Welt irgendwann das gibt, was uns zusteht. Drittens ist unser stärkstes gemeinsames Erlebnis der 11. September; wir haben miterlebt, wie die Dotcom-Blase platzte, und müssen jetzt gerade zuschauen, wie unsere Eltern in der Krise ihr Vermögen verlieren (eben noch waren wir übrigens die «Generation Erbe»). Wer da glaubt, Geld sei das Wichtigste im Leben, hat wirklich gar nichts verstanden.
Ganz klar: Das Wichtigste im Leben sind unsere Freunde. Sie sind uns heilig. Freundschaft ist unsere Religion, die Bar unsere Kirche, Bier unser Wein. Unsere vielen Freunde sind der Grund dafür, dass wir am liebsten nur 80 Prozent arbeiten. Sie fangen uns auf zwischen Vereinzelung und Kollektivdruck. Sie sind der Fixpunkt, sie sind die Heimat für uns globale Nomaden. Auch wenn wir gerade in Buenos Aires leben, halten wir Kontakt mit Handy, Skype und Facebook. Sie sind die Familie, wie man so sagt, dabei sind sie doch viel mehr als das. Sie sind uns ähnlicher, als Familienmitglieder je sein können. Allein weil sie in der gleichen Situation stecken, in der gleichen Zeit gleich alt sind wie wir. In der gleichen Zeit ihr Leben packen müssen. Das eint mehr als gleiche Gene. Gerade mit dreissig braucht man den Beistand und Spiegel der Kohorte dringender denn je. Mit dreissig ist Bier dicker als Blut.
Und Babybrei ist natürlich noch viel dicker als Bier. Denn wenn wir Kinder kriegen, werden wir, die Unextremen, das erste Mal im Leben richtig krass. Wir sind die Übereltern schlechthin. Kinder sind für uns nichts anderes als die Verlängerung, Erweiterung, Verbesserung unser selbst, kein Wunder also stecken wir mindestens genauso viel Aufwand, Hingabe und Interesse in ihre Entwicklung wie in die unsere. Und Geld! Das ist ja sowieso mit das Schönste am Elternwerden, all die Sachen, die man dann kaufen kann. Wir machen genauso ein Cabaret um die Kinder wie um uns. Unser Prinzip: Mit den Kindern leben, nicht für sie. Keine Selbstaufgabe. Wäre viel zu schade um uns.
Wir sind ja auch eine schützenswerte, rare Spezies. Der Jahrgang 1979 rutscht genau zwischen die beiden grossen Generationen dieser Zeit: X und Y bzw. Millennials. Je nach Definition werden wir zur einen oder anderen gezählt und fühlen uns doch nirgends aufgehoben. Die Zwanzigjährigen, sie sind so ganz anders als wir. Auf sie trifft der Terminus der «Digital Natives» tatsächlich zu, während wir uns ein Leben ohne Internet zwar kaum mehr vorstellen, aber uns durchaus daran erinnern können. Die Zwanzigjährigen wissen nicht mehr, wie man ein Telefon mit Wählscheibe bedient. Für sie ist Aids bloss eine Krankheit, nicht das Böse schlechthin wie für uns. Die Zwanzigjährigen scheinen noch viel materieller zu sein als wir, und zwar ganz ohne unseren (na gut: verkümmerten) Skeptizismus. Sie machen Schulden ohne jegliche Skrupel, da sind wir spiessiger. Die Zwanzigjährigen sind die Kinder der ältesten Vertreter der Generation X — ihre Eltern stossen beim Schreiben von SMS nicht an ihre Grenzen im Umgang mit moderner Technologie wie unsere. Sie haben ein freundschaftliches Verhältnis zu ihren Eltern und gehen mit ihnen zu Konzerten, während wir immer noch daran arbeiten, unseren beizubringen, dass Aromat nicht die Endlösung der Geschmacksfrage ist. Während sie mit der grössten Selbstverständlichkeit täglich neue Bilder von sich selber auf Facebook laden, ist es uns irgendwie peinlich.
Zwischen den Stühlen
Und die Vierzigjährigen, das sind die Jüngeren der Generation X. Die, die uns als Kinder so viel Eindruck gemacht haben mit ihrem No-Future-Gehabe. Die, die uns Hiphop gegeben haben und Wikipedia und besetzte Häuser, die uns überhaupt alles eingerichtet haben, das Nest, in dem wir sitzen und das wir ums Verrecken nicht verlassen wollen. Sie haben immer die krasseren Geschichten als wir, sie sind die Pioniere. Und wir schauen zu ihnen hoch und sehen hängen gebliebene Vierzigjährige, die vor lauter Bloss-nicht-Festlegen, Bloss-nicht-so-werden-wie-die-Eltern immer noch Single sind und jetzt langsam Angst haben, niemanden mehr zu finden. Es ist ja auch nicht leicht, dem riesigen Haufen an Ansprüchen, der sich in all den Jahren angesammelt hat, gerecht zu werden. Wir sehen unglückliche vierzigjährige Frauen, die sich Hormonspritzen setzen lassen müssen, um schwanger zu werden, weil sie zu lange gewartet haben, während sie so irrsinnig viel Spass hatten beim Partymachen und Sichverwirklichen. Wir sehen Vierzigjährige, die es verpasst haben, sich einen richtigen Beruf zu suchen, und von Gelegenheitsjobs leben. Wir sehen, wie die, die jetzt langsam die Rolle der Erwachsenen einnehmen sollten, immer noch darauf bestehen, dass Älterwerden eine rein körperliche Angelegenheit ist.
Und wir spüren, dass wir es eigentlich genau gleich machen würden. Natürlich! In einer Gesellschaft, die sich darauf geeinigt hat, dass Jugend der allein selig machende Zustand ist, in der Falten weggespritzt werden und Erwachsene die Bitterkeit von Kaffee nur noch in der Verdünnung Latte macchiato ertragen; in der die 68er nichts anderes tun, als der aufregenden Zeit nachzuweinen; in der selbst Greise im Herzen ums Verrecken jung geblieben sein wollen; in so einer Gesellschaft selbstbewusst und entschlossen diesen Zustand Jugend zu verlassen, das ist schwer. Gerade für uns, denn wir waren noch nie die Entschlossensten. Heute ein Erwachsenenleben zu gestalten erfordert mehr und schwierigere Entscheidungen als früher. Die Welt ist eine andere. Die Hierarchien sind flacher, die Muster weniger zwingend, alles möglicher. Also führen wir mal unsicherflapsig die Frage ins Feld, ob es diese Unterscheidung zwischen Jugend und Erwachsensein überhaupt noch braucht, und wissen doch eigentlich genau, dass es nicht gut sein wird, wenn wir in fünfzig Jahren als Achtzigjährige in Converse Chucks mit Zwanzigjährigen in Converse Chucks im Club stehen und so tun, als würde es uns nicht wehtun, mit dem Kopf zu nicken. Es führt nichts daran vorbei: Es ist an uns, das Ruder herumzureissen, wir müssen die Lebensphase des Erwachsenseins wieder etablieren. Die Vierzigjährigen könnens nicht mehr, der Zug ist bei ihnen abgefahren. Die Zwanzigjährigen werden es nicht tun, weil sie viel zu eitel und selbstverliebt sind. Wir müssen die Würde und die Selbstverständlichkeit des Älterwerdens wieder einführen.
Das Erwachsenwerden neu erfinden
Wir müssen einsehen: Mit dreissig noch geduzt zu werden ist nichts, worauf man stolz sein sollte. Wir müssen uns an das eklige, missbrauchte Gefühl erinnern, wenn man jemanden aufgrund von Kleidung, Sprache, Lebensumständen auf 25 geschätzt hat und dann erfährt, dass er 44 ist. Regelmässig Ende Monat bei Freunden Geld pumpen zu müssen mag mit 25 charmant sein, mit vierzig erregt es Mitleid. Und: Was ist denn eigentlich der Unterschied zwischen dem Typen von früher, der sich die drei verbliebenen Haare quer über den Glatzkopf klebte, und dem von heute, der sich die drei Haare abrasiert hat und mit einem Spongebob-T-Shirt rumrennt?
Man sollte auch mal ehrlich sein und sich vor Augen führen, dass Single zu sein mitnichten bedeutet, ständig, wild und unbeschwert mit ganz vielen verschiedenen Leuten zu vögeln. Die hohe Kunst ist der regelmässige Sex mit einem fixen Partner, alles andere ist Kinderkram. Machen wir die Beziehungskiste auf, machen wir sie zu, egal, aber machen wir eine. Irgendwann sind alle Guten vom Markt. Irgendwann sind wir auch nicht mehr so gut auf dem Markt.
Und irgendwann wird auch das passieren: Unsere Freunde, unser Hochheiligstes, sie werden früher oder — in unserem Fall — später alle wegbrechen. Alle die tollen Bierkumpels, alle die geilen Aufriss-Schlampen, alle werden irgendwann Kinder kriegen und dann alle zwei Wochen mal auf ein Panache in die Bar kommen, einem den Kopf volllabern darüber, wie sinnlos ein Leben ohne Kind ist, und dann klingelt das Telefon, und der Partner ist dran, und irgendwas ist mit dem Kind, und sie sind weg — das muss man verstehen.
Apropos Kinder: Die galten bisher ja als endgültiger Übertritt in die Erwachsenenwelt. Was natürlich Quatsch ist, weil die ganze Hysterie um sie nichts anderes als die outgesourcte Hysterie des selbstverliebten Hedonisten um sich selbst ist und ergo ganz enorm kindisches Gewese: Wir sollten unseren Kindern gegenüber eine neue Haltung exerzieren. Kinder sind nicht die Erweiterung von einem selbst. Sie sind nicht so etwas wie Filialen, sind kein Franchise-Ableger des wunderbaren eigenen Wesens. Sie sind nicht das ultimative Projekt, sie sind nicht der Messias. Kinder sind einfach nur Kinder. Die ganze verdammte Welt macht Kinder. Hat schon immer, wird auch immer. Es ist: normal.
Mal ernsthaft: Warum denn nicht? Warum denn nicht einfach mal älter werden? Sich neu orientieren, auch mal was der Jugend überlassen. Man könnte elegant werden oder weltgewandt oder sehr, sehr klug! Warum sich nicht einmal wirklich der Welt stellen, ohne das Hintertürchen der Jugendlichkeit offen zu lassen? Warum nicht auch mal jemanden unterstützen, wenn er sich Richtung Älterwerden verändert, anstatt der verlorenen Schwester, dem verlorenen Bruder hinterherzuheulen?
Ja, eigentlich sollten wir erwachsen werden. Aber noch eigentlicher sollten wir das «eigentlich» und das «sollten» weglassen und endlich akzeptieren, dass wir erwachsen sind. Dreissig ist ein guter Zeitpunkt dazu.
—————–
Ein paar Fragen, ein paar Antworten
Was arbeitest du?
Ich bin Architekt. Ich glaube, dass die Selbstständigkeit mein Ziel ist. Ich kann eher mit dem Druck umgehen, dass meine Zukunft auf dem Spiel steht, als mit dem Druck, es dem Chef recht zu machen. Beruf, Leben, Freizeit — bestenfalls vermischt sich das alles irgendwann. Philip
Ich bin Fotoredaktorin, habe Mode studiert. So etwas wie einen Traumberuf hatte ich aber noch nie, beziehungsweise: Ich ändere immer wieder meine Meinung. Ich wollte schon vieles sein, und ich kann auch vieles sein. Morena
Ich habe Publizistik studiert. Mitten in den Abschlussprüfungen bin ich Mutter geworden, die letzten zwei Jahre hat sich alles ums Kind gedreht. Jetzt schau ich mal, wo ich mich einbringen kann. Vielleicht im Journalismus oder im kulturellen Bereich. Der Job soll mir das Überleben sichern, aber ich will mich auch mit ihm identifizieren können. In meiner Freizeit werde ich weiterhin künstlerisch tätig sein. Ajana
Ich studiere Sportwissenschaften und Englisch. Ausserdem habe ich mit ein paar Freunden eine Galerie aufgemacht, und Velokurier bin ich auch noch. Rémy
Ich bin Kunstmalerin. Mein Beruf ist schon sehr eng mit mir als Person verbunden. Es gibt fast keine Trennung zum Privatleben. Glücklicherweise kann ich seit ein paar Jahren davon leben. Ich tätowiere ja auch noch, aber das ist mehr ein Hobby. Und eine Absicherung. Für karge Zeiten. El
Ich habe keinen Beruf, verschiedene Studiumsversuche habe ich abgebrochen. Im Moment arbeite ich als Anwaltsassistentin. Aber eigentlich nur, um Geld zu verdienen für das, wasich eigentlich machen möchte: Mode. Ritta
Ich bin Grafiker. Der Job, den ich immer wollte. Anthony
Ich arbeite in der Marktforschung. Der Job ist intensiv, macht aber viel Spass. Psychologie hab ich studiert, weil das Studium interessant war. Ich hab mich währenddessen noch nicht damit auseinandergesetzt, wo ich dann später als was arbeiten will. Mattias
Wie hältst dus mit dem Geld?
Wenn ich vor die Wahl gestellt werde, entweder ein blödes Projekt zu machen, bei dem ich eine Menge verdiene, oder ein tolles Projekt, das nicht viel abwirft, dann nehme ich ganz klar das tolle Projekt. Philip
Mein Geld gebe ich am liebsten für Creative Tools aus: Videokamera, Computer, Fotoapparat, Klavier. Solche Sachen. Ausdrucks- und Kommunikationsmittel. Ajana
Ich bin eher ein Sicherheitstyp. Ich fühle mich wohl, wenn ich nicht ständig jeden Rappen umdrehen muss. Natürlich ist ein Haus am See und davor ein Segel- und ein Motorboot eine schöne Vorstellung. Aber mir ist bewusst, dass du so was in der Schweiz fast nur noch durch eine Erbschaft bekommen kannst. Mattias
Ich mag es nicht, Geld für praktische Dinge auszugeben. Staubsauger zum Beispiel. Sachen, die man nur braucht, aber nicht will. Ritta
Ich will immer genug Geld haben, dass ich im Restaurant essen kann. Dass ich ab und zu eine grössere Reise machen kann. Dass ich jederzeit jemanden zum Kaffee einladen kann. El
Geld ist bei mir traditionell eher knapp, ein mühsames Thema. Ich möchte in Zukunft etwas mehr davon haben, gerade so viel, dass es eben kein Thema mehr ist. Rémy
Was willst du noch lernen?
Brot backen. Final Cut. Ziegen melken. Mozart spielen. Das Leben meistern. Ajana
Diese längerfristige Perspektive im Denken. Philip
Mir Namen zu merken. Anthony
Was ist das Wichtigste im Leben?
Freunde und Familie. Dann noch ein Job, der dich nicht extrem anscheisst, und wenn du richtig privilegiert bist, machst du sogar genau das, was dich am allermeisten interessiert. Ritta
Nicht aufzuhören, am Leben interessiert zu sein. Offen zu bleiben für Neues. Anthony
Wie läufts so mit dem Älterwerden?
Das Einzige, woran ich merke, dass ich älter werde, ist, dass ich immer weniger Haare auf dem Kopf hab. Ansonsten … ich geh nicht mehr so oft auf Partys. Fische lieber. Mattias
Vor dem Kind war alles nur ich, ich, ich, und ich will jetzt das, und ich mach jetzt dieses. Und dann kam aus heiterem Himmel so ein kleiner Kerl, der einfach alles überstimmt, und «ich» ist plötzlich ganz schön unwichtig. Aber es ist toll, ich finde es extrem inspirierend. Ajana
Je länger, je mehr siezen mich die Teenies. Damit muss man umgehen können. Rémy
Früher hat mich der Sonntag immer total gestresst. Diese Sonntagsatmosphäre, die alles durchtränkt. Jetzt schätze ich das, habe sogar Freude daran. Aber ich bin nicht generell ruhiger geworden, das nicht. El
Heiraten, Kinder, alles zu seiner Zeit. Ich lasse mich nicht stressen. Morena
Fühlst du dich unter Druck?
Ja, wenn ich mich mit anderen vergleiche. Aber eigentlich ist das ja unsinnig. Rémy
Von mir selber überhaupt nicht. Von der Gesellschaft schon manchmal. Von wegen: Wer bist du? Und ich: Ich bin Ritta. Ich habe keinen richtigen Beruf. Ist das wirklich so schlimm? Aber auch das geht mir eigentlich am Arsch vorbei. Ritta
Wovor hast du Angst?
Ich habe wirklich Angst um den Planeten. Ich finde das erschreckend. El
Krankheit ist etwas, was plötzlich Einzug in mein Leben gehalten hat. Ein paar Freunde von mir hatten Krebs in irgendeiner Form. Das war früher immer etwas, was die Alten haben. Das beschäftigt mich schon. Mattias
Vor dem Fliegen. Ich mag es nicht, mein Leben in die Hände anderer zu geben. Morena
Davor, dass die dummen, doofen und bösen Affen überhandnehmen und die Welt flöten geht. Dass sich die Überwachungsmanie ausweitet, die Intoleranz zunimmt und die Menschen vereinsamen. Ajana
Was ist das: erwachsen sein?
Erwachsen ist man, wenn man budgetiert. Ich lebe einfach! Ich kauf mir auch mal Schuhe für 1000 Franken, die anderen finden: Hey, das ist jenseits — und ich finds einfach nur cool und freue mich extrem über diese schönen Schuhe, die ich mir gekauft hab! Ritta
Erwachsen sein, das heisst: sich gleichzeitig mit der Zeugung des zweiten Kindes und der Sanierung der dritten Säule beschäftigen. Rémy

Philip Bräm | Andrea A. Panté

Morena Buser | Andrea A. Panté

Ajana Calugar | Andrea A. Panté

Rémy Pia | Andrea A. Panté

Ritta Sophanna | Andrea A. Panté

Anthony Bertschi | Andrea A. Panté

Mattias Leimgruber | Andrea A. Panté
Starker Text
iLike!!
Als Ü30 Student hat man so ziemlich die Arschkarte gezogen. Wie oft machete ich doch die Erfahrung das zwar Studenten Rabatt oder bessere Konditionen haben / hätten (Bankkonto, SBB usw..)
Ü30 Studis werden konsequent ausgeschlossen. Offensichtlich haben über dreissigjährige Studenten keine Geldsorgen. Schön.
Eine Mischung aus Kolumne und Soziologie. Fand ich spannend, bin jetzt 26, noch Student, finde mich aber eigentlich kaum darin wieder. Vielleicht weil ich statt im Kreis 4 im Kreis 7 wohne, und weil für meine Generation das Politische auch wieder privat ist.
Dann wäre Frau Roten nur ein später Vertreter ihrer Generation?
Falls Sie es noch nicht bemerkt haben, Frau Roten – 40 ist das neue 30. Sie können sich also wieder entspannen.
echt cooler Text. Ich glaube, wenn wir bewusster erwachsen werden, können wir sicher auch besser unsere Kinder erziehen, was dann sicherlich die Wertvorstellungen der Gesellschaft verbessern würde.
Als ich vor zwölf Jahren dreissig wurde, ging das Leben weiter.
Das tut es auch heute noch.
Punkt
Genau darum muss ich mich immer doppelt beweissen, bis mich ältere Kollegen ernst nehmen – danke auch!
Ich finde es äusserst bemerkenswert, dass Ajana Calugar alle paar Jahre in einem Magazin-Artikel auftaucht. Im Juni 2000 als Club-Tussi im Artikel “Die Szene” über die Kinder vom Kaufleuten. Drei Jahre später als Jungkünstlerin im Bericht über die Dada-Szene in der kreativen WG an der Plattenstrasse 32. Und nun also als dreissigjährige Publizistin und Neo-Mutter. Ich bin mal gespannt, wie es weitergeht im Leben von Ajana – das Magazin bleibt doch gewiss am Ball, oder?
“Niemand schaut einen 29-Jährigen schräg an, weil er noch studiert.”
Ja, ja das war mal so, als es das Liz noch gab…
mittlerweile wimmelt es nur von 18jährigen an der Uni, für die dümmsten Kurse herscht Präsenzpflicht und alles über 25 ist eigentlich schon zu alt um dort zu sein. Und für Bars wie du es beschreibst Michele Roten bleibt sowieso keine Zeit mehr neben Studium und Nebenjob.
Mit 26 sollte man also einen ‘richtigen’ Job haben. Richtig erwachsen sein. Nicht erst mit 30.
Jugendwahn pur.
Ich bin Jahrgang 1978 und erkenne mich (aber so was von voll!!) wieder in diesem Text. Und nicht nur mich, sondern auch meine freunde (die eine nach dem andern kinderkriegend “wegbrechen”), eltern (hippie-karrieristen und nun opfer der wirtschaftskrise), meine kindheit, “karriere” & den optimismus in bezug auf das leben… und gemäss letzterem bin ich mit Michèle überzeugt: durch uns wird das erwachsenwerden endlich cool sein und wir werden weder in die spiessigkeit noch in den peinlich-übertriebenen jugendwahn abrutschen. happy 30. birthday!
Just am Abend vor meinem dreissigsten Geburtstagsfest las ich diesen Artikel. Einige Stunden vorher telefonierte ich mit einem Mitdreissiger und er erzählte mir, wie er sich “alt vorkomme”, wenn ihn neuerdings 16 jährige siezen. Tags darauf an meiner Geburtstagsparty legte ich das Magazin auf und jedesmal, wenn ich gefragt wurde “Na, wie fühlt man sich so mit dreissig?”, kam ich auf den Artikel zu sprechen. Ich finde ihn entlarvend und finde mich in vielem wieder. Und was nicht auf mich zutrifft, passt zu meinen Kollegen. Unsere Genration will sich nicht festlegen müssen und dreht sich um sich selber. Mit allen Vor- und Nachteilen. Ich hatte das Glück konservativer als andere aufzuwachsen und schätze das heute sehr. So habe ich mich viel früher als andere festgelegt (Heirat, 2 Kinder 1 1/2 und 4J). Ganz nach Michèles Motto “Die hohe Kunst ist der regelmässige Sex mit einem fixen Partner, alles andere ist Kinderkram.” Ich denke eine Generation vorher wurde man mit 30 gefragt “Hast du Kinder?”, heute wird man gefragt “Was, du hast Kinder?” Ich habe das Gefühl, dass viele “Mittevierziger” nun merken, dass sie sich nicht dermassen um sich selber hätten drehen sollen und sich besser früher festgelegt hätten (Partner, Kinder), dann wären sie nun glücklicher. Alle Dreissiger, können aber noch was ändern!
Mit dreissig habe ich manchmal auch das Gefühl, mir selber gegenüber beweisen zu müssen, noch jung zu sein. Bestes Beispiel ist das Geburtstagsgeschenk, meiner Frau: Sie schenkte mir ein Wakeboardritt. Die beiden Jungs sassen mit Mama hinten auf dem Motorboot und der Vater drehte seine Kurven und machte selbstverliebt einige Sprünge…
ich als 82er war froh, mein studium mit 26 hinter mich gebracht zu haben, und nicht noch spaeter.
fuer mich als 82er bedeutet single zu sein ständig, wild und unbeschwert mit ganz vielen verschiedenen Leuten zu vögeln.
fuer mich als 82er ist es normal dinner parties zu geben und im restaurant fuer meine eltern zu bezahlen.
michele…dein soz-gemschmaus anfangs mit dem yps-heftli und dem cornflakes hat mir noch gefallen…dass du dann aber auf der becki ein paar hippsters aufgegabelt hast, die deine züri-atelier-grafiker-hippie-30+/-attitüde 1 zu 1 widergeben?…deine anfänglichen kolumnen waren besser…das magazin vor dem relaunch leider auch…
…noch zum thema:
http://www.youtube.com/watch?v=vEOapL-HJPE
Es gibt auch Bevölkerungsgruppen jenseits der Marktforscher, Grafiker, Architekten, Fotoredakteuren und arbeitslosen Langzeitstudenten. Journalisten die ihre Partybekanntschaften und eigene Clicque beschreiben – schon wahnsinnig interessant, da hat sich jemand richtig Mühe gemacht.
Verbringt doch mal 2 Monate in einer Suppenküche und berichtet über den sogenannten “Bodensatz” unserer Gesellschaft. So mit persönlichen Schicksalen und, wow, dem Beleuchten politischer Zusammenhänge.
Oder, noch einfacher, fragt mal die alleinerziehende, “bildunsferne” Putzfrau “mit Migrationshintergrund”, welche eure Büroräume ordentlich sauber hält, was sie zum ganzen Thema Erwachsenwerden hält.
“Erwachsen ist man, wenn man budgetiert. Ich lebe einfach! Ich kauf mir auch mal Schuhe für 1000 Franken, die anderen finden: Hey, das ist jenseits — und ich finds einfach nur cool und freue mich extrem über diese schönen Schuhe, die ich mir gekauft hab! Ritta”
Oh, herzhaft so gelacht. Mehr Substanz bitte.
Wunderbarer Text! Ich habe mich als 1979 echt wiedergefunden, besonders die Platzierung unserer Generation als “dazwischen” fand ich treffend.
Meinen 30sten feierte ich dieses Jahr unter dem Motto “Keine Panik” und so sehe ich es auch jetzt noch: Was für ein herrliches Alter! Ich schätze am 30 sein, dass man schon so einige Dummheiten im Leben gemacht hat und jetzt schlauer ist (z.B. was Beziehungen angeht, Vorlieben, Sinn im Leben finden, usw.), aber dennoch offen genug für viel Neues und Unbekanntes, was da noch kommen mag.
Das ist doch alles Bullshit. Man soll sein Leben so leben, wie es für einem stimmt. Den Weg gehen, welchen man selber als richtig erachtet. Und sich zwischendrin mal fragen, was man so tut für diese Welt und versuchen dabei zu helfen, dass es mit der Menschheit in eine gute Richtung geht. Jeder soll seinen Teil beitragen, im Kleinen wie im Grossen, im Alltag wie im Bezug auf ein ganzes Leben hinaus, das Leben auf dieser Erde mitzutragen.
Und was “man” so macht, wie “man” so lebt – das ist doch scheisse, was nützt mir der “perfekte” Job, wenn er mich nicht glücklich macht, der “perfekte” Partner, wenn es der/die Falsche ist?
Solche Regelvorstellungen, Normzwänge, behindern die Menschen nur, engen sie ein und demotivieren. Auch mit Fünfzig kann man noch studieren, auch eine Mutter mit vier Kindern kann noch Karriere machen, ein Manager kann mit Vierzig noch Gärtner werden – und umgekehrt.
Es ist sinnlos, Kraft- und Zeitverschwendung, sich Gedanken über darüber zu machen “wie es sein sollte”, “doch eigentlich sein müsste”.
Geh deinen Weg, achte darauf, niemandem absichtlich zu verletzen, schau dass du zufrieden bist mit dir und deinem Leben – und hilf anderen Menschen dabei, dass sie es ebenfalls sein können.
Also, das ist wirklich ein guter Artikel, und ich habe ihn mit Genuss gelesen. Gegen Ende hat mich aber ein komisches Gefühl beschlichen: hätte ich von gut 44 Jahren nicht auch einen ähnlichen Bericht schreiben können? Waren da nicht auch die Zwanziger faule Dummies und die Vierziger noch immer mit dem Karabiner an der Landesgrenze? Unsere Disco`s waren die Jazzkeller, und die aufgeheden Grenzen schafften ein Universum- Gefühl. Und natürlich wollten wir alles besser machen.Da hat sich also nicht viel geändert. Leider. Oder wie es heute heisst “Scheisse”!
Was soll denn DAS? Verkommt Das Magazin zu einem Studentenblatt? Ist es nicht allgemein bekannt, dass eine Menge 30jähriger nie an einer Uni waren, nie mit Yps und Cornflakes verhätschelt wurden? Und auf ihrer Reise ans Ende der Welt gingen sie weder tauchten noch tanzten, denn dazu fehlte ihnen schlicht und einfach das Geld – stattdessen schliefen sie in lausverpesteten Besenkammern und fragten sich was die Sache eigentlich soll. Sie werden mit 50 noch immer Drogen nehmen und Wände werden sie wahrscheinlich auch noch versprühen und ihre Altersrente ist ein Banküberfall. Und sie interessieren sich herzlich wenig für dieses rosarote Gejammer hier.
Uhh, sowas von “von der Seele geschrieben”. Sollte ich jetzt meinem mitt-vierziger Freund einen Heiratsantrag machen um uns das Glück nicht entgehen zu lassen????
jaja, ritta sophanna (die ich – zum glück! – nicht persönlich kenne):
“… Ich kauf mir auch mal Schuhe für 1000 Franken, … und ich finds einfach nur cool …”
full ack, ey! wobei: wenn ich mir ihr photo anschaue, entspricht eine derart – sorry! – saudumme, naiv, unreif/unüberlegt provokative aussage genau ihrem portrait, auf dem sie eher wie ein unausgegorener halb so alter teenager als wie ein dreissigkäsehoch rüberkommt.
jaja, ‘unsere liebe’ michèle! bei ihren artikeln fühle ich mich meist hin und her gerissen zwischen schmunzelnder zustimmung (=treffend, manchmal sogar brillant geschrieben) und ungläubig kopfschüttelnder ablehnung (=was soll denn das?).
immer ein bischen …
1. provozieren/anprangern und (andere) bloss stellen:
aber bitte immer schön so, dass sie bei positiven bemerkungen über ihr persönliches alterslevel in hellem licht erstrahlt, bei negativen jedoch ja nicht damit in verbindung gebracht wird (sie ist ja sooooo etwas von über den dingen stehend)!
die jedoch sehr einseitig begrenzte auswahl ihrer ’studien’-objekte – oder bekannten/freunde? – entlarvt, welcher herkunft kind sie eigentlich ist.
2. irgendwo aufgeschnappte, vordergründig plakativ wirkende schlagwörter/platitüden – gäääähn! – für ‘journalistisch’ reisserische zwecke ungefragt übernehmen, auch wenn sie längst kalter, abgestandener kaffee sind.
beispiel:
“Apple … mögen wir sehr. Weil dort Wert auf das Design gelegt wird. Das ist ganz wichtig. Alles muss schön sein. Dass ein Mac DOPPELT (!) so teuer ist wie ein PC, nehmen wir in Kauf.”
preisstand apple.ch/sony.ch vom 23.09.09:
Apple 13″ MacBook Pro:
2.53GHz Intel Core 2 Duo Prozessor
4 GB Arbeitsspeicher
250 GB Festplatte
CHF 1,899.00
Sony 13,3″ VGN-SR31M/S:
2,40GHz Intel Core 2 Duo Prozessor
4 GB Arbeitsspeicher
320 GB Festplatte
CHF 1.999,00
und zum schluss noch ein paar kritisch hinterfragende gedankenansätze eines (bald) 46jährigen:
warum muss ‘ums verreckä’ immer alles kategorisiert und mit höchstem effort in irgendeine zwangsjackenmässige XY-schublade (…-30er-40er-…, Hetero-Bi-Homo, …-YUPPY-DINKS-DEWKS-…, etc.) gequetscht werden? nur, um sich damit identifizieren zu können?
warum fehlt +/- 90% aller menschen der mut ein eigenständiges leben zu führen, losgelöst und unabhängig der (auf die gefahr hin evtl. abschätzigen) meinung/ansicht anderer?
sind wir alle tatsächlich bloss lemminge, die blindlings in dieselbe richtung (und damit – siehe z.bsp. weltweite finanzkrise – evtl. in den abgrund) rennen?
oder sind wir ob der tagtäglich auf uns hereinprasselnden, schieren flut von besserwisserisch dozierenden und die von der ‘norm’ abweichenden verhaltensweisen sezierenden/anprangernden ‘experten’-meinungen, ratgebern und therapien derart verunsichert, das vor lauter gleichschaltung ganz einfach das individuum in uns auf der strecke geblieben ist?
also dann: schönes kategorisieren noch … aber vergesst darob bloss nicht, euer leben zu leben!
Altersgenossin Roten hat wohl ein paar alte Tagebücher geplündert. Und chronologisch geordnet. Wie immer im Staccato-Stil. So versteht es sogar ein Mister Schweiz. Was haben wir daraus gelernt?
Nada! Eine Selbstdarstellung par excellence! Es ist ein Ideal, andere Menschen wichtig zu nehmen…weniger aber, wenn man sich selbst zu wichtig nimmt!
NB Erhöht Fäkalsprache wirklich die Leserzahl?!
ein allumfassender modelltyp des 30-jaehrigen laesst sich in einer pluralistischen gesellschaft natuerlich nicht mehr kreieren. als portrait eines spezifischeren gesellschaftstyps (ex-phil-I-studi-aus-zh-jg+-79 o.ae.) ist m.r.’s artikel aber verdammt stark. ich ziehe den hut..
Architekt, Fotoredaktor, Kunstmaler, Grafiker, Designer, Schriftsteller, Journalist… Wann immer das “Magazin” irgendeine gesellschaftliches Phänomen zu beschreiben veruscht, geschieht das anhand von Personen, die einen Beruf aus dem so gennant “kreativen Bereich” ausüben. Wieso veruscht hier niemand über den Tellerrand hinaus zu schauen?
Und verschont mich in Zukunft mit dieser Ajana Calugar, die aus irgendeinem mir völlig unerklärlichen Grund, alle fünf Jahre mit einem Artikel im “Magazin” “geehrt” wird.
Das Beste was ich über die heutige Befindlichkeit gelesen habe – auch wenn ich seit geraumer Zeit nicht mehr dieser Generation angehöre.
Ein unterhaltsamer Artikel. Und ganz ehrlich, ich könnte ganze Passagen daraus für meinen Lebenslauf verwenden. Manchmal mit freudiger Zustimmung, manchmal mit hochrotem Kopf. Auch auf einen Grossteil meiner Freunde trifft dies zu.
Daraus zu schliessen, dass diese Beschreibung den Durchschnitt der Schweizer Bevölkerung um 30 darstellt ist jedoch ein Trugschluss.
Ich, Jahrgang 80, war kürzlich im WK (ich weiss, in der Hinsicht tanze ich aus der Reihe, da ich mich nicht wegen meiner Segelohren habe untauglich schreiben lassen). In diesem WK habe ich ca. 30 Männer, zwischen 20 und 30, aus der Nordostschweiz näher kennen gelernt, von denen eigentlich keiner in Rotens Schema passt. Fast alle üben einen “anständigen” Beruf aus, den sie in einer Lehre gelernt gelernt haben. Einige sind bereits verheiratet und haben Kinder.
Die meisten von ihnen haben nur ein müdes Lächeln übrig für uns Selbstverwirklicher.
Isch alles Hippiekacke!
Ein Portrait dieser vorwiegend ländlichen, im Handwerk tätigen, jungen Bevölkerungsschicht wäre doch für die urban-hippster Magazinleserschaft viel spannender zu lesen. Das ist die wahre Exotik. Wir kommen kaum in Berührung mit diesen Mitschweizern, weil sie ihre Freizeit weder in der Bäckeranlage noch am Oberen Letten verbringen, sondern im Mad Wallstreet und dem Eagles-Pub.
Was, noch nie davon gehört?! Tja, da sieht man wie weit der Horizont reicht.
Da hat es ein paar sehr treffende Gedanken drin. Bravo Frau Rothen.
Was sind wir nun? Generation K – für “Konsum”, Generation E – für “Entscheidungsoverkill”, oder vielleicht Generation C für “Confused”?
Manchmal denke ich wir sind die Generation D von der the Clowns singen!
D für “Degeneriert”.
The Clowns – Generation DThe Clowns | MySpace Video