01.06.2007 von Christoph Fellmann
Zwischen Waldshut und Koblenz liegt die Rheinbrücke, die zwei Länder verbindet, Deutschland und die Schweiz, und unter ihr murmelt der Fluss, der die beiden Länder trennt. Die Brücke ist schmal, man könnte sie leicht besetzen. Vier Autos oder eine kleine Menschenkette würden genügen, und der Verkehr zwischen Waldshut und Koblenz stünde still. Nur die SBB würden über ihre eigene Brücke weiterhin im Stundentakt in den Waldshuter Bahnhof aufs Stumpengleis rollen.
Eine gesperrte Brücke an der Landesgrenze? Es war kein Anti-Globalisierer und kein radikalisierter Landwirt, sondern der Zürcher Stadtpräsident Elmar Ledergerber, der diese Möglichkeit vor ein paar Monaten andeutete. In einem offenen Brief an die «lieben Nachbarinnen und Nachbarn im südlichen Schwarzwald» schrieb er: «Ich höre wöchentlich Leute, die immer drängender fordern, man müsse doch endlich Gegenmassnahmen ergreifen» und zum Beispiel die Rheinbrücken in jenen Stunden sperren, da Deutschland die Nordanflüge auf Kloten untersage.
Ledergerber hatte damit im sieben Jahre alten Fluglärmstreit einen neuen Höhepunkt provoziert. «Das Glück, von Ihnen Post zu erhalten, ist uns in der Vergangenheit höchst selten widerfahren», giftelte der Chef des deutschen Landkreises Waldshut, Tilman Bollacher, zurück. Von «schlechtem Stil» der Schweizer schrieb er und davon, dass «jeden Tag ein Stück Vertrauen zerstört» werde. Nicht nur in der Frage des Fluglärms; auch seitens der Schweizer Atomwirtschaft, die an der Grenze – in Leibstadt, Beznau, Benken oder im Bözberg – Pläne für ein Endlager und ein neues Kernkraftwerk vorantreibe. Das Mass sei voll, sprach Bollacher in Waldshut in die Mikrofone.
Man ist nicht gut aufeinander zu sprechen, derzeit, beidseits der Grenze. Dabei existiert diese Grenze für Raumplaner, Architekten und wirtschaftsnahe Thinktanks gar nicht mehr. Sie zählen die süddeutschen Landkreise zu jenem Lebens- und Wirtschaftsraum, der von der Metropole Zürich in Schwung gehalten wird. In der Tat haben sich die Deutschen an der Grenze im Lauf der Jahre nicht nur ein profundes Wissen über die Sortimente von Migros und Coop angeeignet, sie geben gern zu, etwas schweizerischer oder: fleissiger zu sein als ihre Landsleute. Sind die Schwaben, hierzulande gern als Spottbild des Deutschen schlechthin gesehen, etwa alle heimliche Schweizer? Wie denkt und lebt man in Konstanz, Waldshut, Bonndorf oder Bad Säckingen?
In ihrem letzten Raumplanungsbericht zog die Zürcher Kantonsregierung den Umriss der «Greater Zurich Area» erst hinter Basel, Schaffhausen und Konstanz. Teil dieser Grossagglomeration ist damit auch Waldshut. Und wie um das Zürcher Selbstverständnis zu bekräftigen, schreiben die Waldshuter auf ihrer Homepage: «Die Welt- und Kulturstädte Basel und Zürich liegen nur 50 beziehungsweise 60 Kilometer entfernt.»
Unnahbar nah
Bloss, dass unter den 22 700 Bürgern Waldshuts der Widerstand hockt. Der Widerstand gegen die Pläne der Schweizer Atomwirtschaft und gegen den Fluglärm; dieser Widerstand hat im Landratsamt seine Zentrale und wird fast schon traditionell vom Chef des Landkreises Waldshut angeführt. Der hiess, bis er im letzten Sommer zurücktrat und seine Positionen unverändert an Tilman Bollacher übergingen, während 26 Jahren Bernhard Wütz. Ein CDU-Mann und Jurist mit Meriten im Innen- und im Staatsministerium des Bundeslandes Baden-Württemberg, der 1980 nach Waldshut kam und den die Peripherie zum schlauen und unnachgiebigen Politiker stählte.
Herr Wütz, Sie sind ein Zürcher.
«So.»
Die Zürcher sagen, Waldshut gehöre zur «Greater Zurich Area».
«Ich will ihnen diese Meinung nicht nehmen. Natürlich gibt es die Ausrichtung nach Zürich, aber Waldshut gehört auch zu einem ländlichen Raum mit eigenen Werten und Qualitäten.»
Die Stadt wirbt auf dem Internet mit der Nähe zu Zürich.
«Selbstverständlich ist Zürich für uns in vielfacher Hinsicht sehr interessant: Kultur, Bildung, Wirtschaft…»
…der Flughafen.
«Der ist ein Beispiel dafür, dass die wirtschaftliche Zusammenarbeit besser sein könnte. Mich erstaunt, wie wenige meiner Landsleute dort arbeiten.»
Zehnmal im Jahr setzt sich das Ehepaar Moser aus Konstanz in den Zug, fährt mit dem Halbtax-Abonnement in 75 Minuten nach Zürich, trinkt bei Sprüngli
einen Espresso und kauft eine schwarze und eine weisse Truffe, besucht eine französische Buchhandlung, schlendert durch den Globus, isst eine Pizza und setzt sich dann im Schauspielhaus auf die abonnierten Plätze. Nach der Vorstellung fahren Eva und Arnulf Moser mit dem letzten Zug nach Hause. In Stuttgart und München, wo es auch gutes Theater gibt, müssten sie übernachten. Sie waren schon lange nicht mehr da. «Sie sehen», sagt Arnulf Moser, «unsere Grossstadt ist Zürich.»
Das Ehepaar Moser lebt seit 1971 an einer Wohnstrasse in Konstanz am Bodensee. Im Garten blühen die Forsythien. Serviert wird Filterkaffee und «Kaffeeglück», das ist eine Blechdose mit Kondensmilch – Kaffeegewohnheiten markieren kulturelle Grenzen. Arnulf Moser legt ein schmales Buch auf den Tisch, das er verfasst hat: «Der Zaun im Kopf». «Lesen Sie», sagt er in Vorfreude, «was Ihr Ernst Mühlemann über Konstanz geschrieben hat.»
«Die moderne militärische Bedrohung gibt dem Grenzraum von Kreuzlingen erhöhte Bedeutung», hatte der Thurgauer Alt-Nationalrat 1987 notiert. «Für unsere Landesverteidigung ist nämlich in der besonders gefährdeten Nordostecke der Schweiz die wichtigste Einfallspforte zu finden. Eine spezielle militärische Verstärkung dieses Abschnittes ist deshalb
angezeigt und muss weiterhin hartnäckig gefordert werden.» Arnulf Moser lächelt: «Das ist erst zwanzig Jahre her. Dass man jetzt beginnt, den alten Grenzzaun abzureissen, ist schon ein starkes Symbol.»
Der Lattenzaun mitten in Konstanz ist nicht sehr hoch, einmal muss er braun gewesen sein, jetzt ist er alt und grau. 1938 nach dem Abschluss eines neuen Grenzvertrages zwischen Nazi-Deutschland und der Schweiz gebaut, nannte man ihn ein paar Jahre lang den «Judenzaun», später den «Asylantenzaun».
Freundlich desinteressiert
Auf der einen Seite dieses Zauns liegt Kreuzlingen, 17 000 Einwohner, auf der anderen Konstanz, 81 000 Einwohner. Ein Güterzug der Deutschen Bahn steht im Bahnhof bereit: Er wartet die Ankunft des «Seehas» ab, eines Regionalzugs, der zwischen Konstanz und Singen fährt und von den SBB betrieben wird. Der «Seehas» surrt heran, und die dreizehn Tankwagen mit Kerosin für den Flughafen Kloten verlassen Deutschland. Gleich beim Bahnhof steht das grösste Einkaufszentrum von Konstanz, das LAGO. Jeder fünfte Euro wird hier von einem Schweizer ausgegeben, an Samstagen sogar fast jeder zweite.
Und das sorgt für Stau: zunächst einmal an den Kassen der Warenhäuser, wo die Schweizer ein grünes Formular auszufüllen haben, dank dem sie die Mehrwertsteuer zurückerhalten. Schlangen gibt es auch am Zoll. Denn auch die Deutschen, die in Kreuzlingen tanken und sich bei den Schweizer Grossverteilern mit Kaffee, Schokolade, Nudeln, WC-Papier und Milchprodukten eindecken, machen den Samstag zu dem Tag, an dem in Konstanz der Verkehr lahmliegt. In den Sex-Shops von Konstanz sollen die Schweizer, heisst es, für die Hälfte des Umsatzes sorgen, in der ganzen Stadt sind es 20 Prozent.
Dass der Grenzverkehr regelmässig zusammenbricht, heisst aber auch, dass die Städte Konstanz und Kreuzlingen seit den bilateralen Verträgen zu jenem normalen Austausch zurückgekehrt sind, der die Nachbarschaft bis zum Ersten Weltkrieg ganz selbstverständlich geprägt hatte. Viele der 45 000 Grenzgänger, die in Süddeutschland leben und in der Schweiz arbeiten, wohnen in Konstanz. Schweizer Schüler besuchen hier das Gymnasium, Deutsche studieren in Zürich und St. Gallen. Konstanz bezieht Strom aus der Schweiz und klärt Kreuzlingens Abwässer.
Doch Eva und Arnulf Moser sagen, der Zaun im Kopf sei noch intakt. Nicht wegen des Fluglärms, der ist in Konstanz so weit weg wie Leibstadt oder Benken. Es ist feinstofflicher. So ist der kunstinteressierten Eva Moser etwa aufgefallen, «dass in den deutschen Museen an der Grenze sehr wenig Schweizer Kunst hängt. Hat nicht Adolf Dietrich vor allem in Deutschland verkauft? Trotzdem wird er hier kaum gezeigt.» Die nachbarschaftliche Freundlichkeit an der Grenze kann ein gewisses Desinteresse nicht verbergen. Sogar die Liebe scheint davon nicht unberührt: So geschlossen die Schweizer Jugendlichen in den Discos und Kinos von Konstanz auftreten, so selten wird über die Grenze hinweg das Bett geteilt. Arnulf Moser: «Die jungen Konstanzer wissen nichts über die Schweiz.»
Der Konstanzer Schriftsteller Hermann Kinder hat das Mentalitätsgefälle an der Grenze so beschrieben: «Für mich ist Kreuzlingen Glück, meine oft täglich überschrittene Grenze, die mich für Selbst- und Fremdbilder empfindlich macht. Mein germanisches Sadomaso-Studio. In Kreuzlingen bin ich in der Schweiz, wo ich nicht geliebt werde und in meiner deutschen Identitätswunde wühlen darf. Wo ich im deutschen helvetophilen Traum vom besseren Land schwelgen darf. Es ist nicht mehr Schillers Traum vom Nationalen; aber immer noch der Traum von der Alpeninsel, auf der deutsche Tugenden überlebt haben: solid, ehrlich, zuvorkommend, bürgerlich und demokratisch, arbeitsam, bescheiden, selbstbewusst und so fort.»
«Bummeln. Einkaufen. Geniessen. Waldshut lädt ein» wirbt die Stadt am Zoll auf einem grossen Plakat, und tatsächlich geben Schweizer im hiesigen Kaufhaus May, in der «Blumenstube» und im «Pelzhaus», bei «Spiel und Freizeit» oder bei «Mein Bett» jedes Jahr mehrere 100 Millionen Franken aus und sorgen damit für ein Fünftel des Umsatzes.
Anders klingen Waldshuter Slogans, die sich an die Deutschen wenden: «Atommüll an die Grenze» spielt die Schlagzeile auf dem Plakat des «Südkuriers» auf die Schweizer Atompolitik an. Die grösste Regionalzeitung des süddeutschen Raums erscheint in Waldshut mit eigenem Lokalteil. Redaktionsleiter vor Ort ist Heinz Joachim Huber (hjh.), ein gestandener Lokaljournalist, der hier aufgewachsen ist und seit 32 Jahren über die Region berichtet.
Mit «Atomlager Benken» ist einer der Ordner im Archiv seines Büros beschriftet. «Kloten Flughafen» oder «Verträge EU-CH» sind andere Schweizer Themen, die den Journalisten seit Jahren umtreiben. Heinz Joachim Huber telefoniert gerade, um zu erfahren, wie viele Abiturienten in Waldshut vor ihren Prüfungen stehen und wie es um ihr Leistungsvermögen denn so bestellt sei. Dann rollt er auf dem Bürostuhl heran.
Das grosse Hin und Her
«Der Fluglärm ist hier nicht mehr das bestimmende Thema. In Küssaberg oder Hohentengen, wo die Leute direkt und stark betroffen sind, mag das noch so sein, aber ich glaube, dass im Rheintal eine gewisse Zufriedenheit herrscht mit der Situation, wie sie jetzt ist. Die Leute hier haben auch kein negatives Verhältnis zum Zürcher Flughafen an sich, sie benutzen ihn ja dauernd. Was die Schweizer Atomanlagen an der Grenze betrifft: Da gibt es hier bestimmt niemanden, der ein neues Atomkraftwerk etwa in Leibstadt befürworten würde.» Viel wichtiger aber sei der Grenzverkehr: Jeder achte Erwerbstätige aus dem Landkreis Waldshut arbeitet in der Schweiz, wo es mehr Arbeit und höhere Löhne gibt; umgekehrt sind in den letzten fünf Jahren 350 Schweizer nach Waldshut gezogen, wo das Leben billiger ist.
Doch wie an andern Grenzübergängen bedeutet das auch hier, dass die Brückenblockade, mit der Ledergerber drohte, längst Realität ist – morgens und abends zur Rush Hour. Viele der dreitausend deutschen Lastwagen, die jeden Tag in die Schweiz fahren, stellen sich in Waldshut in die Abfertigungsschlange. Das Nachtfahrverbot in der Schweiz sorgt dafür, dass in der Stadt jeden Abend die Camions aus ganz Europa stranden. «Wenn man am Hochrhein eine grenzüberschreitende Sicht der Dinge gehabt hätte, hätten beide Seiten einiges anders geplant. Und sie hätten sparen können: Geld und Landschaft.» Noch heute habe die Zusammenarbeit von Deutschen und Schweizern häufig nicht mehr als Symbolcharakter. «Es sind alle lieb und nett zueinander, aber ein Radweg über die Grenze ist ja wohl noch nicht der grosse Durchbruch.»
über den Hag grasen
Herr Huber, kommen die Waldshuter der Aufforderung aus Zürich eigentlich nach, sich als Zürcher zu fühlen?
«Gut, es existiert halt schon ein Unterschied, ob ich mich zugehörig fühle oder ob ich vereinnahmt werde. Diese feine Differenzierung pflegen ja gerade die Schweizer besonders gern.»
Ihre Antwort lautet also: Nein.
«Lassen Sie es mich so sagen: Für eine gut koordinierte Zusammenarbeit mit dem Grossraum Zürich-Baden gibt es hier eine grosse Mehrheit.»
Was wäre der grösste Wunsch an die Schweiz?
«Eine offenere Grenze. Sogar unsere Politiker sagen, das hier sei eine No-Name-Region. Der Schwarzwald riegelt uns gegen Norden ab, wir sind ein bisschen abgehängt im eigenen Land. Gleichzeitig ist da diese Landesgrenze, die eine Entwicklung auf die andere Seite behindert. Darum wird die Grenze häufig als schmerzhaft empfunden.» Heinz Joachim Huber erhebt sich vom Bürostuhl und geht zur Karte. «Die Waldshuter Ausgabe des ‹Südkurier› bedient 23 Gemeinden mit fast sechzig Orten. Sehen Sie, das ist alles Land. Dorf für Dorf.» Er setzt sich und greift nach seinen Notizen. 382 junge Waldshuterinnen und Waldshuter beginnen am nächsten Morgen ihre Abiturprüfungen. Huber sagt: «Man nennt dies ein strukturschwaches Gebiet.» Der Schwarzwald beginnt gleich hinter Waldshut: Die Strasse schlängelt sich an Felsen vorbei und durch tiefe Tobel auf die Hügel und in die Dörfer. Deutsches Bauernland, aber immer mehr auch Schweizer Bauernland. Frei werdendes Land ist begehrt, und die viel höher subventionierten Schweizer bezahlen die bessere Pacht. Bereits werden fast 10 Prozent des Agrarlandes ennet der Schaffhauser Grenze durch Schweizer Bauern bestellt, in einzelnen Gemeinden bis 30 Prozent. So fahren täglich Schweizer Traktoren auf die deutschen Matten – und sei es nur, wie sich die Deutschen erzählen, um die Gülle aufs billige Land zu spritzen. Immerhin bringen die Schweizer auch Steuererträge, und Geld stinkt nicht. Bonndorf, ein Städtchen im Schwarzwald, drei Viertelstunden ab Waldshut, 6500 Einwohner. Am Eingang der Hectronic GmbH warnt ein Schild: «Achtung: Dachlawinen und Eiszapfen». 150 Arbeiter produzieren hier Park- und Tankautomaten, etwa den «Hecfleet», der dem Spediteur exakte Daten darüber liefert, welcher Chauffeur wie viel tankt. Es ist kurz vor Mittag, Stefan Kech, Marketingleiter der Hectronic, führt in die Kantine, wo an diesem Tag eine Art Riz Casimir serviert wird, bloss mit Spätzle anstelle von Reis.
«Die Leute verbinden diese Gegend mit Bauern und Tourismus», sagt Kech, der acht Kilometer ausserhalb von Bonndorf in Ewattingen lebt, einem Flecken, der vor Hunderten von Jahren zum Kloster St. Gallen gehörte und wo man noch heute «Chilche» und «Chuchichäschtli» sagt. Die Hectronic ist eine internationale Firma mit Büros in Paris, Bangalore, Tschenstochau und in Brugg. Am Hauptsitz in Bonndorf aber hat sie Mühe, qualifiziertes Personal zu finden. Auch hier leben Leute, die für einen besseren Lohn jeden Morgen eineinhalb Stunden durch die Hügel nach Zürich fahren. Die goldenen Jahre, als die Weltkonzerne, die etwas weiter nördlich in Donaueschingen und Villingen-Schwenningen ihren Sitz hatten, im Schwarzwald neue Ableger gründeten, sind vorbei.
Am Eingang in den Betrieb mahnt ein Kalenderspruch: «Qualität und Zuverlässigkeit sind die Goldwährung von heute und morgen.»
Die Hectronic GmbH ist einer der wenigen grösseren Industriebetriebe, die in dieser Gegend überlebt haben. Die Firma, die dem Zürcher Zünftler und Unternehmer Ernst Forster gehört, ist ein Vorposten der expandierenden Limmat-Metropole im Schwarzwald. Wo die meisten Bürger von Bonndorf sich nach Donaueschingen und Stuttgart orientieren, wickelt sie fast alle ihre Geschäftsflüge über Zürich ab. Und die Hectronic ist einer der Hauptsponsoren der vor drei Jahren gegründeten «Unternehmerinitiative Wirtschaftsraum DCH», die im Grenzraum «brachliegendes Potenzial nutzen» will. Dieses Potenzial sei heute «verschüttet durch verschiedene Konflikte, welche die Tagesthemen beherrschen». Gemeint ist natürlich der Fluglärmstreit, in dem sich die rund vierzig Unternehmer der Initiative mit einem «Plädoyer für mehr Sachlichkeit» zu Wort gemeldet haben.
Stefan Kech gibt zu, dass die Erfolge der Initiative noch «dürftig» seien. Noch machen zu wenig Unternehmer mit, und eine Handvoll Communiqués für bessere Strassenverbindungen und schnellere Zollabfertigung ist noch keine wirksame Lobbyarbeit. Es habe sich kaum etwas gebessert, sagt Kech: «Schnellstrassen, die an der Grenze enden, und dieser mühsame Papierkrieg am Zoll– das ist nicht das, was diese Region vorwärtsbringt.»
In Jestetten aber, einer deutschen Gemeinde, die fast rundum an die Schweiz grenzt, wollten die Politiker die Wirtschaft vorwärtsbringen. Die Lokalbehörden planten gemeinsam mit der Schweiz eine «Sonderwirtschaftszone» und einen «Swiss Euro Businesspark» für internationale Hightech-Firmen. Die kumulierten Standortvorteile hätten jeden Unternehmer entzückt: zollfreier Zugang zur EU, das unternehmerfreundliche Arbeits- und Steuerrecht der Schweiz, das Lohnniveau von Deutschland, die Nähe zu Zürich. Noch im letzten Sommer hatte der Bundesrat vor Ort seine Sympathie bekundet. Dann stoppte Berlin das Projekt: Die Sonderzone widerspreche dem deutschen wie dem europäischen Recht.
Schwarzmalen im Schwarzwald
Von Fluglärm redet auch in Bonndorf keiner. Die deutsche Bürgerseele habe sich wieder beruhigt, sagt Stefan Kech. «Der Lärm war für uns, die nicht in den wenigen direkt betroffenen Gemeinden leben, absolut zweitrangig. Hören Sie hier etwa ein Flugzeug?» Vielmehr hätten die Deutschen das Vorgehen der Schweizer, einfach über den deutschen Flugraum zu verfügen, als arrogant empfunden. «Dann gab es hüben wie drüben schroffe Reaktionen, und so hat sich die Sache hochgeschaukelt. Und dann sind natürlich auch die Politiker auf den Zug aufgesprungen. Leute wie Bernhard Wütz.»
Herr Wütz, Sie kamen 1980 aus der Stuttgarter Landesverwaltung nach Waldshut. Hier hört man kaum Flugzeuge. Wie sind Sie auf den Fluglärm gekommen?
«Ich habe ihn vorgefunden: Als ich nach Waldshut kam, lief am Landsgericht Waldshut-Tiengen der Prozess der Schutzgemeinschaft Hohentengen gegen den Flughafen. Ich habe mir gesagt: Ich möchte mit unseren Nachbarn solche Fragen nicht vor Gericht klären. Reden wir miteinander. Wir tragen einen grossen Teil der Lasten des Zürcher Flughafens, und das wurde nie anerkannt. Ich habe mich immer um Lösungen bemüht, und die Gespräche führten ja auch zur Vereinbarung vom September 1984. Dann aber hat der Flughafen immer wieder einseitig versucht, auf den deutschen Luftraum zuzugreifen, was zur Kündigung jener Vereinbarung und schliesslich zum Staatsvertrag führte, den die Schweiz aber ablehnte.»
Die meisten Leute regen sich doch über den täglichen Grenzstau viel mehr auf als über den Fluglärm.
«Wenn wir hier so viele Flugbewegungen erhalten, wie Zürich das will, bedeutet dies das Ende des Tourismus im Südschwarzwald und damit eines wirtschaftlichen Hauptfaktors. Aber Sie haben recht, es gibt die Ansicht, wir sollten kein solches Theater veranstalten. Da muss ich den einen oder anderen meiner Mitbürger warnen: Das ist kein Scheinproblem. Es geht um unsere wirtschaftliche Grundlage und Lebensqualität.»
Die Leute sagen, der Stau am Zoll und auf der Strasse werde immer schlimmer.
«Die Grenze ist eine Tatsache, und es ist so, dass es nur mühselig vorangeht. Beispiel A98: Wir brauchen in Deutschland eine Autobahn von Ost nach West. Aber schlagen Sie mal eine Lösung vor, die Schweizer Terrain berührt. Da beginnen die Schwierigkeiten, ja, da beginnt die Unmöglichkeit. Natürlich sagt die Schweiz, sie habe schon genug Transitverkehr.»
Das ist doch das Hauptproblem, dass man sich immer die gegenseitigen Belastungen vorrechnet.
«Ja, das ist die Gefahr, die eine Grenze birgt: Man sieht nur die Grenze, nicht den gemeinsamen Raum. Da ist es zunächst mal sehr menschlich, die Lösungen für Probleme, die mit Belastungen verbunden sind, beim Nachbarn zu suchen.»
Bernd Friebe sitzt im Bootshaus am Rhein, wo er die jungen Ruderer des Wassersportvereins Waldshut beaufsichtigt. Am anderen Ufer wackeln vor den Häusern die rot-weissen Fahnen im Abendwind. Das Gefühl der Beklemmung aber, das Friebe beim Blick über die Grenze empfindet, verdankt sich der viel grösseren Fahne, die gleich daneben im Himmel steht. Sie ist weiss und aus Wasserdampf und entsteigt dem Kühlturm des Kernkraftwerks Leibstadt. Als er 1976 als junger Mathematiker und Physiker nach Waldshut kam, um am Wirtschaftsgymnasium zu unterrichten, standen drüben schon die Baugespanne, und Bernd Friebe schloss sich der Waldshuter Bürgerinitiative gegen Leibstadt an. «Damals dachten wir noch, wir könnten etwas bewegen.» 1984 ging Leibstadt ans Netz.
«Sehen Sie den Skiff, das rote Boot?» Ein Ruderer zieht still am Kühlturm vorbei. «Ein Stämpfli aus der Schweiz. Ein schönes Boot.»
Da haben wir den Dreck
Wie schnell und wie tödlich er verstrahlt würde, käme es in Leibstadt zu einem Unfall, das hänge ganz vom Wind ab, sagt Friebe, der oben im Städtchen in der Gartenstrasse wohnt, wo in seinem Garten der Kühlturm neben dem Erker des Nachbarhauses gerade noch zu erkennen ist. «Ihr Schweizer geht ja in den Bunker. Wir Deutschen verlassen die Gegend. Aber stellen Sie sich einen Unfall an einem Montagmorgen vor. Unsere Schule hat etwa 4000 Schüler. Wie sollen wir die aus Waldshut rauskriegen?»
Beznau, Leibstadt, Würenlingen, Benken. Natürlich gebe es in Waldshut den Verdacht, die Schweiz konzentriere ihre Atomanlagen willentlich an der Grenze. «Aber es ist ja interessant», sagt Friebe, «dass Leibstadt auch in der Schweizer Anti-AKW-Bewegung nur ein Randthema war. Gösgen und Kaiseraugst waren gross, aber Leibstadt war auch für die Schweizer hinter dem Berg.» Die Kurzsichtigkeit treffe allerdings auch seine deutschen Mitbürger. Beznau, das keinen Kühlturm hat und das man in Waldshut darum nicht sieht, sei hier nie ein Thema gewesen. Wenn die Schweiz an der Grenze tatsächlich ein neues Kernkraftwerk bauen wolle, rät Friebe sarkastisch, sollte sie in Beznau und mit Flusskühlung planen: «Es wäre bestimmt schwieriger, dagegen Widerstand zu organisieren.»
Wir fahren zurück in die Schweiz, mit Günther Stuchinger, einem Lastwagenchauffeur, der eine riesige Ladung Müll dabei hat. Auf der Hauptstrasse entlang des Rheins von Waldshut in Richtung Basel kündigt sich jeder Ort durch eine lange Reihe von Fachmärkten an. Hier gibts alles für das Auto, die Wohnung, das Tier und den Sex. Und ebenfalls für den Garten von Stuchinger, der zehn Kilometer hinter der Schweizer Grenze in Oberhofen lebt und dort die Stunden nach Feierabend in den Umschwung steckt. «Wenn man sich überlegt, was hier alles rumgekarrt wird…» Stuchinger seufzt, obwohl er mit seinem 40-Tönner gerade auf freier Bahn durch den Aargau rollt.
Es ist bald 7 Uhr. Auf der Gegenfahrbahn surrt ein Reisecar, auf allen Sitzen mit Schweizern beladen, in den Schwarzwald, und die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass die Schweizer singen. Schweizer Ausflügler sind in Deutschland dafür bekannt, sich im gemeinsamen Vortrag bis in die Tiefen noch der obskursten Strophen vorzuarbeiten. In Günther Stuchingers Lastwagen sendet das Radio Schlager, als er nach Turgi steuert, wo er den gesammelten Müll des Landkreises Waldshut in die Kehrichtverbrennung kippen wird. Um 6 Uhr ist er in Bad Säckingen losgefahren, zwanzig Minuten später hat er am Zoll das Formular «Grenzüberschreitende Verbringung von Abfällen» stempeln lassen. 100 000 Tonnen Müll aus Deutschland werden jedes Jahr in der Schweiz verbrannt. «Also wenn es um Abfall geht», sagt Stuchinger, «dann ist die Zusammenarbeit über die Grenze hervorragend.» Dann ist Turgi erreicht. Wer nicht wüsste, dass dies die Schweiz ist, würde es am Logo der Kehrichtverbrennung erkennen; an dieser herzigen Sonne über den Wellenlinien des Flusses. 21 840 Kilo deutscher Müll schlipfen ins Loch.

"Das hier ist eine No-Name-Region. Wir brauchen eine offenere Grenze." Journalist Heinz Joachim Huber am Rhein zwischen Waldshut und Koblenz | Bild: Herbert Zimmermann

Hier der Fluss, da der Strom: AKW Leibstadt, von drüben aus gesehen | Bild: Herbert Zimmermann

"Wenn es um Abfall geht, ist die Zusammenarbeit hervorragend." Lastwagenchauffeur Günther Stuchinger in Bad Säckingen | Bild: Herbert Zimmermann