Wir Kinder von Västerbotten

Mal ganz ehrlich: Wer hat nicht auch schon vom Landleben geträumt? Ein paar junge Stockholmer haben sich Häuser dort gekauft, wo die Geschichten von Astrid Lindgren spielen. Sie sind die Vorhut einer neuen Bewegung.

24.04.2010 von Lars Berge , 8 Kommentare

Fünf Meter über der Erde, zwischen vier starken Waldkiefern in der Nähe des Dorfes Gravmark in Västerbotten, schwebt ein fünfundzwanzig Quadratmeter grosses Zimmer in der Luft. Gebaut haben es Frederic Eklöf und Mattias Fransson. Seine Aussenwände bestehen aus Kiefer-Sperrholzplatten. Die Dachterrasse liegt auf einer Höhe von siebeneinhalb Metern direkt unter dem Geäst des Nadelwaldes. Das Haus ist so isoliert, dass im Sommer innen angenehme Temperaturen herrschen und es im Winter schön warm ist. Wenn das Haus fertig ist, wird es einen Wasser- und Stromanschluss haben.
Eklöf, der im normalen Leben Architektur an der Universität Lund studiert, sagt, das Schwierigste am ganzen Bauprozess sei die Befestigung des Hauses an den Baumstämmen gewesen. Die Bäume sollten nicht unnötig beschädigt werden. Ausserdem sollten sie sich frei im Wind bewegen können, wenn die stürmischen Herbstwinde durch ihre Baumkronen fegen. Ansonsten würde das Haus auseinanderbrechen. Die Lösung war ein selbst konstruiertes, ultraleichtes Gebälk, das an dem stärksten Baum befestigt wurde und lose an den drei anderen Bäumen sass.
Viele andere Baumhaus-Enthusiasten, besonders die amerikanischen, bauen ihre Häuser in einer Art «Herr der Ringe»-Ästhetik, die sie dann als «organic» oder «nature» bezeichnen. Die Bauwerke sind oft mit einem idyllischen Strohdach und mit knorrigen Zweigen als Treppengeländer versehen. Frederic und Mattias wollten stattdessen ein Stück Stadt herauslösen und in die Wildnis verpflanzen. Ihre Vision — eine schneeweisse Inneneinrichtung und eine Reihe von Deckenlampen — steht im bewussten Kontrast zu der Umgebung des Waldes. Sie nennen das Haus «einen modernistischen Fuchsbau». Oder ein «Sommerhaus für Stadttiere».
Frederic hatte vor Baubeginn lange über das Verhältnis zwischen Stadt und Provinz nachgedacht. Er porträtierte sich in einer Zeichnung selbst: als einen Fuchsmenschen — als ein Wesen, das sich in der Stadt nach der Natur sehnt, doch, kaum auf dem Land, schon wieder zurück ins Stadtleben will.
Eigentlich aber fing die Geschichte mit dem Baumhaus schon viele Jahre früher an. Anfang 2000 kündigte Mattias Fransson seine Stelle als TV-Programmchef und zog zurück nach Nordschweden, um eine Comedy-Gruppe zu gründen. Gerade als er und alle anderen Mitglieder der Theatergruppe Klungan soweit waren, ihre ersten Vorstellungen zu geben, bekam er von seiner guten Bekannten Johanna Hallin den entscheidenden Tipp: In dem Dorf Gravmark würde ein kleines Haus zum Verkauf stehen.
Schon nach wenigen Monaten hatte Mattias seine Wohnung, die er zur Untermiete in dem Stockholmer Vorort Högdalen gemietet hatte, gegen ein einsames Haus im Binnenland von Västerbotten getauscht. Statt eines Jobs in der Medienbranche, besass er plötzlich ein Stück Land in einem Wald, auf dem er machen konnte, was er wollte. Und von da an wuchs Stück für Stück diese seltsame Idee, ein Haus hoch oben in den Bäumen zu bauen.
Mattias und Johanna waren nicht die Einzigen, die während dieser Zeit die städtischen Ballungszentren verliessen, um in die Provinz zu ziehen. Auffallend viele, die auf die eine oder andere Weise ihre Wurzeln in der aktiven Punkszene von Umeå hatten, liessen sich in den letzten Jahren in den menschenleeren Dörfern in Västerbotten nieder. Viele landeten in Gravmark. Sobald ein Haus zum Verkauf stand, wurden Freunde und Bekannte auf die Anzeige aufmerksam gemacht.
Die «Zurück zur Natur»-Sehnsucht ist selbstverständlich kein sehr neues Phänomen. Die Sehnsucht nach der Idylle hat die Menschen seit den Anfangszeiten der Industrialisierung begleitet. Aber diese «grüne Welle», wenn man sie so bezeichnen will, hat nur wenige Berührungspunkte mit den naturromantischen Epochen des letzten Jahrhunderts, weder mit der patriotisch angehauchten Freiluftbewegung der Dreissigerjahre noch mit dem Traum der Siebzigerjahre von einem kollektiven Paradies auf dem Land.
Aus einer politischen Perspektive betrachtet, erinnert diese neue Stadt-Land-Bewegung eher an die Ideale der sogenannten Straight-Edge-Kultur, die während der Neunzigerjahre gerade in Umeå blühte. Das bedeutet, Politik wird als extrem private Angelegenheit verstanden. Damals ging es um Ernährungsfragen. Ein Jahrzehnt später um die Frage, wo man wohnen will. Diese Landbewohner sind ein Haufen auffällig urbaner Individuen, deren Interessen und Werte traditionsgemäss immer mit der Stadt verbunden waren, die sich aber dafür entschieden haben, ganz oder zeitweise auf dem Land zu leben. Einfach weil die Vorteile eindeutig die Nachteile wie Isolierungsprobleme, Schneestürme und schlechte Telefonverbindung überwiegen. Das Leben auf dem Land gibt ihnen eine grössere Freiheit. Auf dem Land braucht man bedeutend weniger Geld. Man braucht keine Uhr. Weitab von den Zerstreuungen und zeitraubenden Distanzen innerhalb der Stadt kann man plötzlich seine Träume erfüllen. Doch keiner von ihnen hängt deswegen der Romantik eines Einsiedlerlebens nach.
Frederic Eklöf sagt — und es klingt wie das Statement, das es sein soll: Ich verbringe meine Zeit auf dem Lande nicht damit, Schallplatten von Ulf Lundell zu hören oder Pilze pflücken zu gehen. Ich will in Gravmark leben, um etwas in einer Umgebung zu tun, die nicht vergiftet ist von dieser Scheinwahrheit, wie die Dinge zu sein haben.
Die Begeisterung fürs Landleben wächst. Gleichzeitig finden enorme Veränderungen in den Lebensbedingungen des Menschen in einer globalen Welt statt. Zum ersten Mal in der Geschichte wohnen weltweit mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Und mittlerweile ist das tragende Fundament unserer Gesellschaft nicht mehr die Landwirtschaft, sondern der Konsum.
Die Folge davon ist, dass sich immer grösser werdende Teile unserer Städte in Wüsten aus Eigentumswohnungen und Einkaufszentren wie aus dem Modellbausatz verwandeln. Während zugleich die Berichterstattung über das urbane Leben, soweit man es überhaupt noch in den heutigen Massenmedien für Mode, Design und Lifestyle abgebildet findet, immer blasser und einspuriger wird.
Vielleicht werden darin schon die ersten Anzeichen sichtbar, dass Künstlerboheme, moderne Nomaden, Musiker und Dichter, die mit ihrer Lebendigkeit und Dekadenz der Stadt einst zu prallem Leben verhalfen, nun auf dem Weg sind, die Metropolen zu verlassen. Und wenn sie dann tatsächlich die Stadt vermissen sollten, können sie ja immer noch eine Scheibe aus ihr herausschneiden und diese in die Bäume hängen.

Frida Hyvönen, 32
Singer-Songwriter, aus Flarken

«Ich kündigte meine Wohnung in Stockholm, weil ich ausprobieren wollte, wie es ist, keinen Ort zu haben, an den man zurückkehren kann. Weiterziehen für alle Ewigkeit, das war eine grosse Freiheit. Als ich nach zwei Jahren freiwilliger Obdachlosigkeit in Chicago ankam, begann ich davon zu träumen, etwas Eigenes zu besitzen. Da sah ich, dass ein Haus in Flarken, nur 17 km von meinem Heimatort entfernt, zum Verkauf angeboten wurde. Es war so süss! So hell und niedlich! Es war, als ob ich mich gegen meinen Widerstand verliebte. Man wehrt sich innerlich, weiss aber, es ist unvermeidlich.
In meinem Haus kann ich der König sein. Ich kann das Telefonkabel herausziehen, den Computer ausschalten und einen Zettel an die Haustür befestigen: «Nur bei Todesfall an die Tür klopfen». Ich kann genau das machen, was ich will. Diese Unabhängigkeit hat alles viel lustiger gemacht. Ich bin so furchtbar effektiv geworden! Alle Zimmer haben ihre Funktion, es gibt eine Struktur, in der ich mein Chaos verwalte. Und keine Grenze zwischen meiner Person und Arbeit.
Wenn man in dieser Einöde wohnt, nimmt man sich selber besser wahr. Alles ist so klar, ohne tausend Beeinflussungen.
Hier, in den wenig besiedelten Gebieten, kann man sich leicht ein Himmelreich schaffen. Es gibt nichts, was dich angreift. Höchstens die Schönheit der Natur oder die Kälte. Es gibt nicht so viel Stress, und das merkt man den Leuten an. In diesen dünn besiedelten Gebieten herrscht weniger Gleichschaltung. Die Menschen sind so, wie sie sind. Alle machen ihr eigenes Ding, und kein anderer wundert sich darüber. Manchmal vermisse ich Orte, die einen Sinn für Sünde und Dekadenz haben, Kneipen oder so was, die Energie der Menschen, das Gefühl für Visionen und grossartige Architektur. Ich sorge dafür, dass ich immer ein wenig Geld unter der Matratze habe, um losfahren zu können.»

David Sandström, 34
Musiker, aus Brände

«Der Hof hatte so eine verdammt schöne Lage. Ich sah die Häuser aus der Ferne und dachte: Hoffentlich ist es das da! Ich bog auf eine Birkenallee ab und sah einen typischen Västerbotten-Hof, völlig unberührt. Es strahlte eine unglaubliche Ruhe aus. Ich zog sofort ein. Die Dorfbewohner waren furchtbar hilfsbereit und geprägt von diesem bedingungslosen Gemeinschaftsgefühl der Provinz. Ich und einige Nachbarn heizen den Leuten mit unserer Band in der Dorfkneipe ab und zu tüchtig ein. Zuletzt sang ich Neil, Ramones, Buddy Holly und eine Trio-Lligo-Schnulze.
Jeden Tag muss ich aber erst einmal neu runterkommen. Ich habe so eine Unruhe in mir, aber es dauert in Brände nie länger als einen Tag, um cool wie ein Eisbär zu werden. Es macht mich ruhig, alles im Haus zu kennen und zu wissen, was man braucht, um sich wohl zu fühlen. So wie man sich um einen kümmert, den man mag. Es ist auch cool, immer etwas zu tun zu haben. Ein Hammer kann einem schon ganz schön viel Trost spenden, wenn man den ganzen Tag auf seinem Synthesizer rumgehauen hat.
Hier ist das Wohnen billig und es gibt hohe Decken. Man hat Raum für Improvisationen. Vor vier Jahren bekam ich ein Stipendium von der Gemeinde Umeå und Frida (Hyvönen). Da ich gerade dreissig wurde, organisierte ich eine Verkleidungsparty an Silvester und lud alle meine Freunde ein. Es kamenachtzig Leute, und wir hatten DJs und Bands im Haus und ein totales Chaos. Nach ein paar Stunden, als das Fest voll im Gange war, alle mit allen rumknutschten, auf jedem Quadratmeter getanzt und gelacht wurde, da hatte ich so einen lichten Augenblick: Die Dinge fühlten sich so unmittelbar an. Die plötzliche Erkenntnis, dass man Dinge auf die Reihe kriegt, wenn man nur die richtigen Entscheidungen im Leben trifft. Das war ein heiliger Zustand für mich. Dafür dauerte es zwei Wochen, das Haus zu putzen.»

Mattias Fransson
Schauspieler, aus Klungan Gravmark

«Johanna und Niklas drängten mich damals auf eine nette Weise: Kauf! Kauf! Feigling! Tu es! Es war keine Entscheidung fürs Leben, nicht damit zu vergleichen, dass man einen Kredit aufnimmt und dabei finanzielle Schwierigkeiten riskiert. Ich tat es aus einer Laune heraus, weil es so billig war. Wenn das Haus morgen in Flammen aufgeht, auch kein Problem! So gesehen, ist Gravmark ein Kompromiss, hier findet man nicht das, was «Schöner Wohnen»-Magazine anpreisen: schicke Häuser am Meer mit schöner Aussicht, alles geordnet, alles überteuer. Das, was wir hier haben, ist was ganz anderes. Etwas ganz Eigenes, nichts, was uns jemand, als Idee verpackt, versucht, zu verkaufen. Wir haben es selber gefunden, und wir können es selber besitzen, weil wir es uns leisten können. Wir sind eine Freundesclique, die fünf Sommerhäuser im gleichen Dorf hat. Wir gehen so miteinander um, dass wir Sachen zusammen machen können, ohne gleich als Hippies abgestempelt zu werden.
Wir verehren das Hobby und die Freizeit, das ist genial!
Wir gehören ja einer seltsamen Generation an, die glaubt, dass Arbeit Freizeit sein soll. Das sind doch Lügen! Auch wenn ich das, was ich mache, mag, möchte ich es Arbeit nennen. Es ist lustig, zu sagen: Jetzt beginnt die Freizeit! Jetzt ist das Hobby dran! Ich nutze meine Freizeit für Witziges: Vogelbeobachtung, mein ferngesteuertes Spielauto, den Übungsraum auf der Veranda und das Baumhaus. Ich kam auf die Baumhaus-Idee, nachdem Stockholmer Freunde ein Minihaus auf ihrem Hof gebaut hatten. Da kam ich auf die Idee, dass mein Architektenfreund Frederic und ich ja ein Baumhaus zusammen bauen könnten, damit er auch jederzeit zu Besuch kommen kann. Als wir die Aussenfassade des Hauses fertig bauten, hatten wir vor Stress eine Baumhauspsychose. Jetzt habe ich die Ruhe, es mir einfach anzuschauen. Der helle Wahnsinn! Es ist so unglaublich cool, dass da jetzt so ein Koloss in den Tannen hängt, der im letzten Jahr noch nicht da war.
Ich berausche mich mehr und mehr an der Natur. Der Wald ist wie der Geschmack des Herings, man muss ihn schätzen lernen. Das Meer mehr wie Süssigkeiten. Seit ich den Wald besser verstehe, wird er immer geiler. Nun hat der Wald für mich fast das Meer besiegt.»

Dennis Lyxzén, 37
Musiker, aus Gravmark

«Ich fühlte, dass ichirgendetwas machen musste, um mich neu zu orientieren. Ich brauchte einen anderen Trott, ein anderes Tempo. Wenn man viel in anderen Städten herumtourt, ist es ein schöner Kontrast, nach Hause zu kommen, seine Tasche auszupacken, und es ist vollkommen still. Man ist wirklich mehr sich selbst.
Die eigene Umwelt beeinflusst ja sehr die eigene Ausdrucksweise, aber nicht so, dass ich nun bodenständige Songtexte schreibe. Ich bin oft einsam, das ist das Schlimmste, wenn man auf dem Land lebt. Aber dadurch spiele ich auch viel öfter Gitarre oder lese und schreibe. Ich fand es immer anstrengend, in einer Wohnung zu sitzen, zu singen und laut zu spielen. Ich konzentrierte mich zu sehr auf mich und dachte, dass die Nachbarn zuhören.
Letzten Sommer feierten wir Mittsommer bei mir, da ging es voll ab. Es kamen an die sechzig Leute. Wir stellten Instrumente auf den Rasen und legten einfach los. Eine Menge Bands spielten, wie Masshysteri och mitt und das neue Västerbotten-Projekt AC4 von David Sandström. Die Nachbarn wissen, dass hier Rockmusiker wohnen, ich glaube, die finden es lustig, dass hier was passiert. Sie kamen vorbei, checkten die Lage und waren sehr erstaunt, meine berühmte Freundin Amanda Jenssen kennenzulernen. Danach wurde ganz schön geredet im Dorf. Ist doch toll, wenn die Gerüchteküche hochkocht.
Ich glaube, viele Leute meiner Generation haben verstanden, dass man für den Preis, den man für eine Zwei-Zimmer-Wohnung in der Stadt zahlt, hier draussen auf dem Land eine eigene Burg bekommen kann. Also werden es bestimmt immer mehr.»

Johanna Hallin, 33
Journalistin und DorfPionierin, aus Gravmark

«Ich dachte, dass ein Sommerhaus am Meer liegen müsse und für mich unerschwinglich sei. Ich war weit entfernt vom Establishment mit Kredit, Eigenheim, fester Anstellung, neuem Auto und Krankenversicherung. Das war Sache der Generation meiner Eltern. Wir fanden, dass wir ausserhalb der Gesellschaft standen, na ja, wir uns auf jeden Fall unsicher in diesem System fühlten.
Es war wie eine Befreiung, stattdessen ein Häuschen im Binnenland von Västerbotten am Fluss Sävarån zu kaufen. Teils, weil ich es mir leisten konnte, teils, weil es so verrückt war! Davor wohnte ich immer noch in einer Wohngemeinschaft in Stockholm. Damals wie heute arbeitete und reiste ich sehr viel, liess mich treiben. Ich hatte plötzlich das grosse Bedürfnis nach einem eigenen Ort, eine seltsame Art von amerikanischem Freiheitsideal, das an einen Ort gebunden ist. Ich zog nach Västerbotten, zu meinem Freund Niklas, eine Woche bevor unsere Tochter geboren wurde. Ich fühlte mich jedoch isoliert, deshalb mieteten wir auch eine Wohnung in Umeå.
Während des ersten Sommers fanden wir die Skateboardrampe. Sie wurde zum Symbol dafür, dass man alles machen kann, was man will. Ich war auch total begeistert davon, dass es mir gelungen war, noch andere zu überzeugen, hier Häuser zu kaufen. Ich liebe unsere Gemeinschaft. Wir gehen fischen, fahren ferngesteuerte Autos und Flugzeuge. Pflücken Beeren und gehen baden. Es ist sehr schön auf diese ärmliche västerbottnische Weise.
Wir haben uns nicht besonders Mühe gegeben, in die Dorfgemeinschaft aufgenommen zu werden. Ich verstehe nicht richtig, warum eigentlich nicht.»

Übersetzung aus dem Schwedischen: Mareike Röper

Lars Berge ist freier Journalist und wohnt in Arsta, nördlich von Stockholm, auf dem Land.
lars.berge@gmail.com
Elin Berge (Moment Agency), die Schwester des Autors, fotografierte die Stadtflüchtlinge in Gravmark.
elin@elinberge.com

Fotografiert von Elin Berge
Fotografiert von Elin Berge
Fotografiert von Elin Berge
Fotografiert von Elin Berge
Kein kitschiges Baumhaus, sondern ein Zimmer in der Luft | Elin Berge
Kein kitschiges Baumhaus, sondern ein Zimmer in der Luft | Elin Berge
Mattias Fransson (rechts) schnuppert Waldluft. | Elin Berge
Mattias Fransson (rechts) schnuppert Waldluft. | Elin Berge
Fotografiert von Elin Berge
Fotografiert von Elin Berge
Musiker Dennis: «Man ist mehr sich selbst.» | Elin Berge
Musiker Dennis: «Man ist mehr sich selbst.» | Elin Berge
Fotografiert von Elin Berge
Fotografiert von Elin Berge
Johanna (links neben dem Kind): «Ich hatte das Bedürfnis nach einem eigenen Ort.» | Elin Berge
Johanna (links neben dem Kind): «Ich hatte das Bedürfnis nach einem eigenen Ort.» | Elin Berge

Die Diskussion

8 Reaktionen

  1. Mikhail

    Faustregel: Geschichten im magi über skandinavische Hipster sind oft nicht besonders lesenswert. Hat sich dieses Mal wieder bestätigt. Ansonsten tolle Ausgabe diese Woche!

  2. soeze

    Wieder einmal wird ein reaktionärer Neo-Biedermeier als vermeintliche Avantgarde (Zitat: “Vorhut einer neuen Bewegung”) missverstanden. Es ist schon etwas befremdlich, mit welcher Frequenz der Journalismus in letzter Zeit diesem fundamentalen Irrtum zum Opfer zu fallen scheint. Die richtige Avantgarde sucht die Begegnung und die Auseinandersetzung mit und in der Öffentlichkeit, aber garantiert nicht den Rückzug in den heimeligen Privatraum draussen auf dem Land.

  3. Claudia Meier

    Ob Avantgarde oder nicht (who cares?) – ein Rückzug in die Natur hat seinen Reiz. Und das “Zimmer in der Luft” finde ich auch cool.

  4. soeze

    “Who cares?” Ganz offensichtlich der Schreiber sowie beschriebenen Menschen, welche Politik selbstgefällig als “extrem private Angelegenheit” verstehen. Dass diese Einstellung mit Politik in etwa so viel zu tun hat, wie der Pensionär, der sich in sein Hüttli in der Toscana zurückzieht, darüber kann auch der Karl Marx im Stübli nicht hinwegtäuschen. Aber vielleicht lese ich den Artikel ja total falsch; vielleicht ist diese Geschichte von Leuten, die sich von der “Scheinwahrheit” in eine (extrem private!) Scheinheiligkeit zurückziehen, ja intendierter Sarkasmus und trägt deshalb auch aus gutem Grund den Titel “Wir *Kinder* von Västerbotten”.

  5. Finn Canonica

    Die Diskussion ist interessant, soezes Charakterisierung der Bewegung als Neobiedermeier ist smart und trifft meiner Meinung nach zu. Neobiedermeierlichd Hipster findet man aber auch Berlins Kastanienallee, in der Lower East Side und sicher auch in Zuerichs Kreis 4 ; die Mechanismen sind immer dieselben: rueckzug ins Private, Optimierung der eigenen Lebensumstaende. Das war mir natuerlich auch bewusst bei den Schweden, es wäre allerdings falsch, nur ueber das zu berichten, was uns auch persönlich als richtig und gut erscheint.

  6. zico pop

    Der Hinweis mit der “extrem privaten Angelegenheit” bezieht sich ja auf die Straight-Edge-Bewegung in den Neunzigern, die einen extremen Kontrapunkt setzte zum ungezügelten Konsumismus. Und das hatte damals wohl tatsächlich viel mit individueller Selbstverwirklichung zu tun. Aber der Aufhänger ist etwas gesucht: Wenn sich Frida Hyvönen die Möglichkeit offenhält, “jederzeit losfahren zu können”, wenns ihr zu einsam wird, ist das durchaus auch verlogen. By the way sind weder Hyvönen, noch David Sandström, noch Dennis Lyxzén Stockholmer. Das sind alles erfolgreiche Musiker und kommen aus der Stadt Umeå, ganz in der Nähe dieser “Einöde”.

  7. Flo

    es bedarf einfach einer griffigen zeile, also werden diejenigen, die aufs land ziehen und noch nicht 50 sind einfach als vorhut einer neuen bewegung bezeichnet.
    was vorher geschah: einige schweden wuchsen auf dem schwedischen land auf (frida hyvönen, 32, bezog ein haus 17 km vom heimatort), einige machten karriere, bandnamen wie refused (eine recht politische UND straight edge-band) und international noise conspiracy fallen mir ein. und dann hatten die leute wieder lust, richtung heimat zu ziehen, man ist ja nicht ewig anfang/mitte zwanzig.
    prominent sollte man sein, dann könnte man all seine taten als visionär vermarkten lassen. sofern einem das wichtig ist.

  8. Claudia Meier

    Eine Gruppe Freunde hat sich entschieden, ganz oder zeitweise der Hektik, dem Konsum und nicht zuletzt den hohen Mieten in der Stadt zu entfliehen – was ist falsch daran? Warum muss man sie gleich Scheinheilige oder Neobiedermeier schimpfen? Nur weil einige von ihnen erfolgreiche Künstler sind? Ist der Rückzug aufs Land nur linken Selbstversorger, die in Kommunen leben, vorbehalten? Und ganz der Zivilisation zu entfliehen wäre im Europa des 21. Jhs wohl auch für diese schwierig. Frida Hyvönen & Co scheinen ihr neues Leben wirklich zu geniessen. Die „Zurück zur-Natur“-Sehnsucht ist auch eine Sehnsucht nach etwas mehr (als in der Stadt) Freiheit und Unabhängigkeit. Ich kann ihre Beweggründe und das neue Lebensgefühl, das sie sehr schön beschreiben, absolut nachvollziehen.

    @Soeze: Politik ist doch immer eine private Angelegenheit – man stimmt für die Partei/die Vorlage, die einem persönliche Vorteile bringt oder mit der man sich zumindest in irgendeiner Weise identifiziert. Immerhin traue ich diesen Leuten zu, dass sie stimmen gehen, was viele (sowohl Städter als auch Ländler) nicht tun.

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