Wirtschaftswunder: Besser als Sex

An der Börse wird der Mensch zum Triebtäter. Warum handeln die meisten Anleger so kopflos?

15.02.2008 von Alain Zucker

Bei George Soros ist es der Rücken. «Mein Vater ändert seine Börsenpositionen jeweils, wenn er Rückenschmerzen bekommt», sagt Sohn Robert über den erfolgreichen Investor: «Es hat nichts mit Vernunft zu tun. Er kriegt buchstäblich Spasmen, ein frühes Alarmzeichen.»
Nur die wenigsten Anleger können sich auf ein körperliches Frühwarnsystem verlassen. Der Rest von uns schaut im Moment atemlos zu, wie die Aktienkurse fast täglich riesige Sprünge machen, mehrheitlich nach unten. Die Profis haben im Nachhinein zwar immer eine Erklärung für die Ausschläge, aber keiner kann voraussagen, wie lange die Börsen noch Achterbahn fahren.
Im Prinzip wüssten wir ja, was wir mit unserem Geld tun müssten: Wir sollten unsere Investments diversifizieren, das tägliche Geschnatter des Marktes ausblenden und weniger auf einzelne Aktien setzen als auf Fonds mit tiefen Gebühren, die den Börsenindex  abbilden. Wir sollten verkaufen, wenn die Aktienkurse hoch sind, und zukaufen, wenn sie fallen. Und wir sollten der Herde aus dem Wege gehen oder ihr zumindest voraus sein, statt ihr zu folgen.
Doch was tun wir in der Regel, wenn die Temperatur an der Börse mal steigt? Das Gegenteil. Wir verschwenden Stunden in Börsenchats und lassen uns von den Launen der anderen Anleger beeinflussen, wir setzen alles auf zwei, drei Aktien, weil wir ein Muster zu erkennen glauben, das schon mal funktioniert hat. Wir sehen Ordnung, wo keine ist, denn die Zukunft lässt sich nicht treffsicher voraussagen. Einzig Börsenhändler, die wie Fluglotsen den ganzen Tag mehrere Bildschirme überwachen und einen Haufen schneller Entscheide treffen, können kurzfristige Verhaltensmuster zum eigenen Vorteil ausnutzen.
Die gute Nachricht ist: Wir können nichts dafür, dass wir mit Geld nicht umgehen können. «Unser Gehirn ist kein ideales Instrument, um finanzielle Entscheidungen zu treffen», schreibt der Finanzjournalist Jason Zweig im kürzlich auf Deutsch erschienenen Bestseller «Gier». Dies haben Versuche der jungen Wissenschaft der Neuroökonomie ergeben, einer Mischung aus ökonomie, Psychologie und Biologie. Eine simple Einsicht erfährt da ihren Beweis: Müssen wir an der Börse eine Entscheidung treffen, überwältigen emotionale Impulse jenen Teil unseres Gehirnes, der uns in rationale Investoren verwandeln würde.
Die Forscher haben dabei die Gehirne von Leuten gescannt, während sie Investitionsentscheide simulierten. Ihr Befund: Die Blutströme im Gehirn erklären so manchen Blödsinn des Durchschnittsanlegers. So verlieren wir derart ungern Geld, dass wir oft versuchen, bei fallenden Kursen die Misere auszusitzen, statt die Verluste zu minimieren und früh genug zu verkaufen. Die Neuroökonomen bringen solche Torheit mit erhöhter Aktivität in Gehirnzentren in Verbindung, die Emotionen wie Furcht regulieren. Diese Verlustängste führen auch dazu, dass die meisten Leute ein Spiel ablehnen, bei dem sie die gleiche Chance haben, entweder 100 Franken zu gewinnen  oder 50 Franken zu verlieren. Ein Logiker würde sofort mitspielen, denn mit jedem Versuch steigen seine Chancen, dass er mehr gewinnt als verliert.
Von unwiderstehlichem Verlangen werden erfolgreiche Börsenhändler erfasst, wenn sie einen Deal eingehen. Sogar die Sprüche, dass das Handeln mit grossen Einsätzen besser als Sex sei, erweisen sich als biologisch begründet: Die Bilder solcher Händlergehirne erinnern an jene von Drogenabhängigen, die sich auf die nächste Dosis freuen. Kein Wunder, dass der Franzose Jérôme Kerviel auch in der Abwärtsspirale nicht ans Aufhören dachte. Der Händler, der kürzlich die Société Générale an den Abgrund führte, wies gemäss Ermittlungsbehörden Abhängigkeitssymptome auf.
Wir sind Opfer mächtiger Impulse, dank denen wir zwar den Treck durch die Wildnis der Evolution schafften, doch an der Börse führen sie uns oft in die Irre. Die grösste Stärke von Investment-Genies wie George Soros ist allerdings nicht, dass sie ihre Emotionen ignorieren, sondern sie sind fähig, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Soros fragt sich, was es bedeutet, wenn sein Rücken rebelliert – um seine ängste zu verstehen, bevor er eine Entscheidung trifft.
Der legendärste aller Anleger, Warren Buffet, und sein langjähriger Partner Charles T. Munger, nehmen bis heute die Furcht der Märkte als Anlass zu kaufen, während alle andern verkaufen. Munger hat dafür eine banale Erklärung: Als er während eines Nachtessens gefragt wurde, was sein Geheimnis als Investor sei, schaute er kurz auf und antwortete: «Ich bin rational.» Dann widmete er sich wieder seinem Teller.

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