08.02.2008 von Alain Zucker
Die Bankenkrise lässt sich auf eine simple Wahrheit reduzieren: Viele kluge Leute fällten viele törichte Entscheidungen, in dem sie auf Pump Milliarden von Dollars auf dubiose Wertpapiere setzten. Was die Banken aber beachten sollten, wenn sie dieser Tage ihre Kadermitarbeiter zu Bonusgesprächen laden: Sie haben diese Finanzjongleure dafür bezahlt, viel zu grosse Risiken einzugehen.
Theoretisch wird die Teppichetage so entlöhnt, dass ihre Leistung möglichst den Investoren und Aktionären zugutekommt. Ihr Salär hängt zu einem grossen Teil vom Geschäftsergebnis ab. Hedge-Fund-Manager etwa bekommen einen zweistelligen prozentualen Anteil des Investitionsgewinnes. Die Boni der Führungscrews in den vorwiegend amerikanischen Investmentbanken wiederum werden in Aktien und in Optionen ausbezahlt, die sie zum Kauf dieser Aktien berechtigen. Sie alle scheinen also finanzielle Anreize zu haben, den Unternehmenswert zu steigern und ihre Investoren und Aktionäre reich zu machen.
Doch in der Praxis wirken die Lohnanreize oft anders als entworfen. Die Aussicht auf Aktienoptionen etwa verleiten Investmentbanker (und andere Topkader) dazu, übermässige Risiken einzugehen. Eine Studie der Managementprofessoren Gerard Sanders und Donald Hambrick kam zum Schluss, dass CEOs, deren Salär mehrheitlich aus Optionen bestand, dazu tendierten, riskantere Investitionen und übernahmen zu tätigen als andere Manager. Die Optionen geben ihnen das Recht, Aktien ihrer Firma innerhalb einer festgelegten Periode zu einem fixen Preis zu kaufen. Liegt am Stichtag der Kurs an der Börse aber unter diesem sogenannten Ausübungspreis, werden die Optionen wertlos, denn dann können die Manager die Aktien nicht mit Gewinn weiterverkaufen. Sie haben also ein persönliches Interesse daran, eine riskante Strategie zu verfolgen, die bis zum Stichtag hohe Betriebsgewinne und einen hohen Aktienkurs verspricht. Dadurch steigt zwar auch die Gefahr hoher Verluste, doch ihnen fehlt der Anreiz, die Verluste zu minimieren, denn ihre Optionen sind wertlos, egal ob der Aktienkurs einen oder zwanzig Franken unter den Ausübungspreis fällt.
Dieses Belohnungssystem, das auch aus einem Bürokraten einen Hasardeur macht, haben die Hedge Funds noch perfektioniert. Ihre Manager bekommen neben der Managementgebühr einen Gewinnanteil von einem Fünftel des Investitionserfolges. Falls der Fund abstürzt, behalten sie im schlechtesten Fall das Erfolgshonorar des Vorjahres und gehen leer aus, bis der Fund wieder schwarz schreibt. Doch nichts hindert die Manager daran, ihren Fund sofort zu schliessen und sich mit dem früheren Gewinn zu verabschieden. Wenn es aufwärtsgeht, fahren sie riesige Gewinne ein, ohne dass sie bestraft würden, wenn es schlecht läuft. Kinder verzieht man so, und auch Hedge-Fund-Manager tendieren dazu, viel grössere Risiken einzugehen als ein normaler Investor.
Vor allem wenn die Lohnzuschläge von den kurzfristigen Resultaten eines Funds oder der Bank abhängen, steigen die Risiken für die Investoren und Aktionäre. Stanley O’Neal, der Chef von Merrill Lynch, der vergangenes Jahr abtreten musste, verdiente 2006 46 Millionen Dollar. Ein grosser Teil war Folge der Subprime-Geschäfte. Nur ein Jahr später bescherte diese Strategie der Bank Milliardenverluste. Bei den 950 Unternehmen, welche die Professoren Sanders und Hambrick untersuchten, war denn auch die Chance, dass besonders risikofreudige CEOs grosse Gewinne erzielten, einiges kleiner, als dass sie grosse Abschreiber einfuhren.
Wie lassen sich die Anreize richtig setzen? Je raffinierter und unübersichtlicher die Pakete sind, desto grösser ist die Gefahr einer Nebenwirkung. Ganz ohne Anreize geht es allerdings auch nicht, denn Unternehmen erarbeiten keine Gewinne, wenn ihre Führung risikoscheu wird. Die Lösung erscheint im Zeitalter spezialisierter Salär-Consultants so altmodisch wie langweilig: Man zahlt Spitzenmanagern den Bonus wieder in ganz gewöhnlichen, kurzfristig nicht verkäuflichen Aktien aus. Immerhin würden sie so im täglichen Globopoly nicht mehr in Versuchung geraten, ihre Bank zu verwetten.