Wo brennts denn?

Alle Welt hat ein Burnout. Doch 90 Prozent täuschen sich. Und bei den restlichen 10 handelt es sich um eine Pseudo-Diagnose.

10.02.2008 von Birgit Schmid , 26 Kommentare

Burnout entspricht einem grossen Bedürfnis. Um diese Aussage eines Psychiaters zu prüfen, muss man nicht in Arztpraxen nachfragen. In Burnout-Vorträge, die jede Woche irgendwo stattfinden, strömen die Leute wie früher in die Sonntagspredigt. Mit den Buch-Ratgebern über das Ausbrennen, die jährlich zu Hunderten erscheinen, liesse sich ein Winter lang heizen. Boten einst prominente Namen Steigbügelhilfe ins «Tabuthema» Burnout, erfüllt sich die «Jeden kann es treffen»-Prophezeiung heute mit einem Klick im Internet. Die Selbsttests, bei denen man beantworten muss, ob man abends müde von der Arbeit heimkehrt, finden sich auf jeder Informationswebsite. Wie ein Funke springt die Krankheit von Berufsgruppe auf Berufsgruppe über. Inzwischen gelten nicht mehr nur Manager oder Helferberufe wie Arzt, Sozialarbeiter oder Lehrer als gefährdet. Sondern Brandherde werden ausgemacht bei: Polizisten, Studenten, Balletttänzerinnen, Seeleuten, Teilzeitangestellten, Arbeitslosen. Eine neuere Untersuchung widmet sich Burnout im Club-Med. Auch über «couple burnout», Burnout bei Ehepaaren, wurde schon geschrieben. Nicht nur in westlichen Industrienationen läuft die Forschung heiss, ebenso in Chile, Trinidad, Nigeria.
Die Welt, ausgepowert.
Obwohl zum Allerweltsgefühl geworden, weiss man über Burnout bis heute wenig. Das Störungsbild wird mit einer Vielzahl von Symptomen beschrieben, die allesamt nicht spezifisch genug sind, um es von Depressionen oder Angsterkrankungen abzugrenzen. Weil sich Messskalen, mit denen man eine Befindlichkeit erfassen will, an etwas halten müssen, hat sich die Wissenschaft für die Burnout-Diagnose auf drei Kernsymptome geeinigt. Erstens: emotionale Erschöpfung, man fühlt sich überfordert, ist frustriert, fürchtet sich vor dem Weckerläuten. Zweitens: Depersonalisierung, man hat eine zynische, negative Einstellung gegenüber Kunden, Patienten, Schülern, Berufskollegen, dem Chef. Drittens: reduzierte Leistungsfähigkeit, man kann sich nicht mehr konzentrieren, arbeitet ineffizient, gibt sich die Schuld am eigenen Versagen. Daneben existieren mindestens hundertdreissig sich in Ober- und Unterkategorien verästelnde Symptome, von Tagträumen und Fluchtfantasien über Humorlosigkeit und Nörgelei bis zu gerötetem Gesicht und Magengeschwür. Selbst wer seit fünfzehn Jahren auf dem Gebiet forscht, wie der deutsche Psychologe Matthias Burisch, dessen Standardwerk «Das Burnout-Syndrom» bereits in dritter Auflage erscheint, nennt den Burnout-Begriff ein «fuzzy set», eine randunscharfe Menge, die man etwa so gut definieren könne, wie die genauen Grenzen einer grossen Wolke beschreiben.

Ein Flächenbrand

Neben der «Einkaufsliste an Symptomen», so die Fachkritik, ist man sich auch bei den Ursachen uneinig. Arbeitsüberlastung oder fehlende Anerkennung – «intuitiv plausible Faktoren» (Burisch), aber auch beliebige. Eine «Wäscheliste», so das Urteil diesmal. Als grundsätzlich «fragwürdiges medizinisches und psychologisches Konzept», das inzwischen einen ganzen Markt stütze, bezeichnen der Psychiater Andreas Hillert und der Psychologe Michael Marwitz Burnout in ihrem 2006 erschienenen Buch «Die Burnout-Epidemie oder Brennt die Leistungsgesellschaft aus» (jedoch, wie die meisten Kritiker, ohne in Zweifel zu ziehen, dass Arbeit krank machen kann). Bezeichnenderweise gibt es Burnout bis heute nicht als psychiatrische Diagnose. Im ICD-10, der International Classification of Diseases der WHO, wird Burnout nicht mal als Störung aufgeführt, sondern läuft unter «Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme von Gesundheitsdiensten führen», in Klammer hinter dem Erschöpfungssyndrom. Im zweiten wichtigen und für die Forschung interessanteren amerikanischen Klassifikationssystem, dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders DSM-IV, fehlt Burnout gänzlich.
Während die ernsthafte Burnout-Forschung wenig Gesichertes vorweisen kann, herrscht gesellschaftliche Einigkeit. Die populäre Diskussion hat sich von jeder wissenschaftlichen Kritik emanzipiert, jeder kann mitreden, alle reden mit im Sinn: Ich arbeite, also habe ich ein Anrecht auf Burnout. Dabei versteht jeder etwas anderes darunter. Ist das Burnout eines frustrierten Strassenarbeiters, der seit Jahr und Tag Asphalt aufbricht, dasselbe wie das Burnout eines gestressten Bankers, den seine Frau zu verlassen droht, weil er immer so spät nach Hause kommt? Die Gemeinsamkeit besteht darin, Burnout als selbstverständliches Berufsrisiko zu betrachten. Eine Untersuchung unter tätigen und insofern gesunden deutschen Lehrern ergab, dass fast 30 Prozent befürchten, irgendwann aufgrund der beruflichen Belastung auszubrennen. Wenn es dann soweit ist, wird im Selbstbedienungsladen der Symptome jeder fündig werden.
«Neun von zehn Menschen, die mich wegen eines Burnouts kontaktieren, haben kein Burnout im strengen Sinn», sagt der Sozialpsychiater Wulf Rössler von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. In seiner langen Karriere habe er keinen psychiatrischen Begriff erlebt, der so schnell eine so grosse Verbreitung und Akzeptanz in der Bevölkerung erlangt habe. Wie konnte gerade Burnout zum Dauerbrenner werden? Der Begriff sei zum Synonym für subjektives Leiden geworden, sagt Wulf Rössler. «Dieses Leiden wird mit der Arbeitswelt in Beziehung gesetzt: Die Arbeitswelt verlangt mir viel ab und ist mindestens mitschuldig, wenn es mir nicht gut geht.»
Man macht die eigene Befindlichkeit umso mehr von der Arbeit abhängig, je höher diese in einer Gemeinschaft gewertet wird. Nie war Arbeit so personifiziert wie heute. Man weist sich damit aus noch vor der Augenfarbe. Der Beruf kleidet wie ein schicker Anzug. Wenn man nun das persönliche Unwohlsein von diesem anerkannten Wert herleitet, bekommt der Kollaps einen feinen Dreh ins Positive: Ich war so leistungsbereit, habe so grossen Einsatz gezeigt, dass es einfach nicht mehr ging. Burnout ist etwas, das man sich verdient hat. Man hat sich bis zum Letzten aufgeopfert. So wird immer auch Verantwortung delegiert. «Selbstheroisierung der Erschöpfung» nennen es Hillert/Marwitz. Darum sei Burnout eine «kundenorientierte» Diagnose: Betroffene wollen als Kranke gelten, aber gleichzeitig nicht psychisch krank sein. Anders als eine psychiatrische Diagnose – etwa Depression oder Zwangsstörung – pathologisiert der Befund Burnout nicht. Er wird als viel weniger stigmatisierend erlebt.
Ueli Roos (Name geändert) erzählt aus seiner Geschichte: «Als ich nicht mehr konnte, hat mir mein Arzt gesagt: Sie sind sportlich, machen Musik, sehen gut aus, haben eine eigene Firma – Sie sind das perfekte Abbild der Gesellschaft, kein Wunder, trifft es Sie.» Ueli Roos, der eines Tages sein Geschäft für Haushaltküchen nicht mehr betreten konnte, das er seit elf Jahren in Personalunion führt, sich nicht einmal mehr über die Aufträge freute, lebt seit sieben Wochen im Hotel Eden in Rheinfelden. Dort sind die Burnout-Patienten der Klinik Schützen untergebracht. Pool im Park, Aromaschwaden vom Spa in der Luft, beruhigende Klänge in den Gängen. «Das Hotelpersonal gibt mir nicht das Gefühl, dass ich in einer Klinik bin. Das ist sehr angenehm», sagt Roos. Der Begriff Patient störe ihn, er sei doch eher ein Klient, habe er dem Chefarzt gesagt, dieser: Nicht, so lange die Krankenkasse Ihren Aufenthalt bezahlt.

Du, ich auch

Wenn Roos, der «Montag bis Samstag zwölf Stunden pro Tag» gearbeitet hat, sich seinem Umfeld erklärt, spricht er davon, «dass mir die Sicherung durchgebrannt ist». Sein Arzt klärte ihn auf, dass auch «Leute, die Gestelle einräumen», ein Burnout haben können. Als er sich geoutet habe, sei es gewesen, «wie wenn jemand schwanger ist. Dann sind es plötzlich alle.» Von allen Seiten bekam er zu hören: «Ein Burnout hatte ich auch mal», sogar von vielen «Büezern». Um nicht mehr bei jeder Gelegenheit in Tränen auszubrechen, um Kraft für die Neuorganisation seines Alltags zu finden, öffnet er sich im therapeutischen Gespräch, geht viel spazieren, macht Tai Chi, «Training beider Gehirnhälften und etwas für den Fun: Ich jongliere». Ueli Roos ist kein Mensch, der bisher viel über sich nachgedacht hat und sich ständig selber psychologisiert. Wenn er Sätze sagt wie: «Ich muss mir das Rüstzeug aneignen, damit ich nicht wieder in dieselben Muster falle», fügt er gleich selber an, dass er das hier gelernt habe, das Wort «Muster», was es bedeute.
Nicht, dass Ueli Roos seinen Zustand geniesst. Nicht, dass man seine psychische Krise leugnen möchte. Nach ursprünglicher Definition aber kann ein Selbstständigerwerbender gar kein Burnout haben. Ihn peitscht kein Chef, schlaucht kein Produktionsplan, nimmt kein Kunde emotional aus. Ueli Roos wird das nicht kümmern.
Dass man den Quell des Leidens an etwas äusserem festmacht, dieses Entschuldigende gehört zu Burnout seit der Schöpfung des Begriffs durch den Psychoanalytiker Herbert J. Freudenberger. Freudenberger, der als zwölfjähriger jüdischer Junge allein aus Nazi-Deutschland nach New York geflohen war, gab sich 1974 als Erster die Selbstdiagnose Burnout. Selbsterkenntnis und nicht Forschungsergebnis stand also schon am Anfang. Nach langen regulären Arbeitstagen, ehrenamtlichem Einsatz für Obdachlose und forderndem Familienleben widerstand der Arzt dem «dreifachen Druck» nicht mehr: dem «inneren Druck zu arbeiten und zu helfen», dem «Druck von aussen zu geben» und dem «zusätzlichen Druck von der Verwaltung, noch mehr zu geben».
Er war erschöpft, ausgelaugt, resigniert, aber je müder er wurde, desto mehr trieb er sich an. Seinen Kollegen ging es ähnlich, und während man sich über Befindlichkeiten unterhielt, fiel irgendwann das Wort burnout.
Für die überforderung machte Freudenberger weniger eine Neurose oder ein psychisches Problem als vielmehr die belastende soziale Tätigkeit verantwortlich. Mit Folgen bis heute postulierte er Burnout unabhängig von Prägungen der Persönlichkeit. Die pop-psychologische Karriere nahm so ihren Lauf. Noch 1997 sagte die amerikanische Psychologin Christina Maslach, die das bis heute meistbenutzte Testinstrument, den MBI-Fragebogen «Maslach Burnout Inventory» erfunden hat, wer schuld ist. Schon das Buchcover von «Die Wahrheit über Burnout» weist die Verantwortung für das Ausbrennen voll und ganz dem Betrieb zu: «Burnout ist ein Anzeichen von grossen Missverständnissen innerhalb eines Unternehmens und sagt mehr über die Arbeitsumgebung als über die Arbeitnehmer aus.»
Treffen mit einer Führungsperson mittleren Kaders eines öffentlichen Sozialdienstes. In seiner Organisation sei Burnout ein Dauerthema, sagt der Mann. Nicht nur dank regelmässigen Vorträgen zur Stressprävention, die offenbar wenig nützen. Als ob es eine ansteckende Krankheit wäre, folgt auf einen Ausfall wegen Erschöpfung der nächste Ausfall. Lässt sich jemand krankschreiben, müssen die andern auch noch dessen Arbeit erledigen, es entwickelt sich eine Dynamik, bis das ganze Team infiziert ist. Als Sozialarbeiter, einem klassischen Risikoberuf, sei die Belastung objektiv gesehen gross, zunehmend, weil seit der Missbrauchsthematik das öffentliche Auge wache. Bei fünfzehn bis zwanzig Angestellten sind innerhalb von fünf Jahren vier Personen wegen Burnouts ausgefallen. Doch bei allem Verständnis: «Manchmal denke ich schon, jetzt wirft der einfach den Löffel hin. Vor allem, wenn er dann noch so tut, als ob er für die Organisation, die ihn zu wenig wertschätzt, ausgebrannt wäre. Und wenn er dann noch auf das Mitleid und die Zuwendung der Kolleginnen zählen kann, ärgert mich das besonders.»
Er arbeite mit einem solchen «Helden» zusammen, der bereits zweimal wegen Burnouts zwei bis drei Monate ausgefallen sei. Nicht nur, dass sich jemand nach wiederholtem Burnout überlegen müsste, ob er den richtigen Beruf gewählt hat. In besagtem Fall wisse man von einem Kampf ums Sorgerecht für Kinder, von einer Büroaffäre – da würden persönliche Probleme auf die Organisation abgeschoben. Er selbst versuche die Leute anzusprechen, wenn er Anzeichen von Erschöpfung und hektischer Ineffizienz wahrnehme. Aber: «Wenn wieder ein Mitarbeiter kommt und sagt: ‹Ich habe ein Burnout, ich kann fast nicht mehr›, dann empfinde ich das als Drohung. Wenn die Person dann wirklich ausfällt, sitzt du als Chef auf der Anklagebank. Du hast es verpasst, gesunde Arbeitsbedingungen zu schaffen.»
Ausgebrannte Mitarbeiter werfen kein gutes Licht auf die «Unternehmenskultur». Damit werden Firmen durch Gesundheitsorganisationen dann auch angemahnt. Man sensibilisiert Chefs und Angestellte für vorbeugendes Verhalten, indem man vorrechnet, wie gross der volkswirtschaftliche Schaden ist, den der Arbeitsstress jährlich in der Schweiz verursacht. Es sind immer dieselben Zahlen, unkritisch herumgereicht: 4,2 Milliarden Franken gemäss Seco, dem Staatssekretariat für Wirtschaft im Jahr 2000, aufgeteilt in medizinische Leistungen, Selbstmedikation und Produktionsausfall. Fragwürdige Zahlen: Befragt wurden hundertfünfzig Personen aus der Romandie, hochgerechnet auf die ganze Schweiz. Im Vergleich zu Burnout dürfte die Hemmschwelle, sich als gestresst zu outen, noch tiefer liegen. Wer leistet, hat Stress. In Umfragen geben mindestens 80 Prozent an, Arbeitsstress zu kennen, jeder Dritte leidet darunter. Wie häufig Burnout vorkommt, wurde in der Schweiz bisher nicht untersucht. Unter ärzten, Pflegern und Lehrern soll die emotionale Erschöpfungsrate bis zu 30 Prozent betragen.

Ohne Feuer kein Rauch

Der inflationäre und missbräuchliche Gebrauch des Burnout-Begriffs hat seiner Glaubwürdigkeit geschadet. Ein Psychiater sagt – «aber das müssen Sie nicht schreiben» –, dass es leicht sei, für Vorträge Fallbeispiele zu gewinnen, die mit Namen und Gesicht hinstehen und von eigenen Erfahrungen berichten. Das seien nicht die Gefährdeten. In andern Fällen wäre es wohl richtiger, statt von Burnout von überforderung zu sprechen. Ein sechzigjähriger Beamter kommt mit dem neuen EDV-Programm nicht zurecht und lässt sich frühpensionieren: Burnout. Es tönt nach Ausrede von der Schulleiterin, die sich von einem Tag auf den andern freistellen lässt, nachdem ein Vergewaltigungsskandal unter Schülern öffentlich wurde. Ein Psychiater würde von depressiver Reaktion oder Anpassungsstörung sprechen, zumal Burnout eine Verlaufsdiagnose ist und einen nicht spontan befällt.
Um auszubrennen, muss man vorher für die Arbeit gebrannt haben, hoch motiviert und engagiert gewesen sein, heisst es nach Definition. Ob das immer der Fall ist? Ein Bähnler, der nebenbei die Hochschule für Wirtschaft besucht, lässt sich nach nicht bestandener Prüfung in die Klinik einweisen: Burnout. Ein Gymnasiast bleibt immer öfter dem Unterricht fern, bis er gar nicht mehr aus dem Haus geht: Burnout. Heute führt auch die eintönige Arbeit, das handlungsunfähige Treten auf der Stelle als Museumsaufseher, als Sekretärin, zu Burnout (oder ist das jetzt schon Boreout, dieses neue Berufskrankheitskonstrukt?).
Es hat einem gut zu gehen. Mit den höheren Ansprüchen an ein seelisches und körperliches Wohlbefinden hat sich auch die Selbstwahrnehmung verfeinert. Man blickt in sich, spürt sich, spürt, woran einem mangelt, diagnostiziert sich selbst. Die persönliche Definition von Leiden sei wichtiger geworden, sagt der Zürcher Sozialpsychiater Wulf Rössler im Gespräch. Er opfert seinen halben Mittag, sagt lachend, dass das nicht unbedingt Burnout vermeidendes Verhalten sei. Im Minutentakt meldet ein Bling seines Computers auf dem Schreibtisch ein eintreffendes Mail. Der Bähnler, die Sachbearbeiterin, der Bäcker, von ihnen melden sich bei Rössler zwei bis drei pro Woche, erklären, «Ich habe ein Burnout», bringen die Symptomliste aus dem Internet mit. Neun von zehn täuschen sich. Bei ihnen handelt es sich vielmehr um eine Depression mit anderen Ursachen, um eine Anpassungsstörung, ein Suchtproblem. «Burnout entspricht einem unglaublichen Bedürfnis», sagt Rössler. Dass dieser gängig gewordene Weg, sich mit sich selbst zu beschäftigen und Schlechtgehen zu definieren, so aktuell geworden sei, zeige vor allem etwas: «Alles wird heute psychologisiert. Man sucht Erklärungen für alles, was einem im Leben passiert. Statt in der Religion wird der Sinn neu in der Psychologie gefunden. Wir Psychiater sind die Pfarrer der Moderne.» Und plötzlich spricht auch Ueli Roos, der Küchenverkäufer von vorhin, von «Muster» und «Unverarbeitetem».
Wird Burnout von ärzten überdiagnostiziert? Für Wulf Rössler klingt das zu abwertend. «Klar gibt es ärzte, die sich mit den Patienten schnell einigen. Burnout ist für Hausärzte ein sehr griffiges Konzept. Psychiater sollten differenzierter sein, zumal es die Diagnose Burnout gar nicht gibt.» Im Zweifel für den Patienten, das ist Rösslers Haltung, an erster Stelle steht das subjektive Erleben einer Person. «Burnout offeriert eine gemeinsame Kommunikationsbasis. Hier kann ein Arzt den Patienten abholen, bei der Vorstellung: Eigentlich ginge es mir gut, wenn nur der belastende Job nicht wäre. Stress bei der Arbeit ist am Kommunizierbarsten, viel diskursfähiger als Stress mit der Ehefrau.»
Wie unterscheidet sich der zehnte Patient, dem der Psychiater ein reines Burnout attestiert, von den neun andern? Er hat eine gesunde Persönlichkeit, ist ehrgeizig, hat immer gute Arbeit geleistet, bis er sich übernimmt, verrennt und psychosomatisch reagiert, etwa Termine vergisst, nachts mit Herzrasen wach liegt. Er leidet an keinen andern psychiatrisch definierten Psychopathologien und hat keine familiären Probleme. Wenn möglich, sollte man ihn nicht krankschreiben, denn je länger er der Arbeit fernbleibt, umso schwieriger ist der Wiedereinstieg. Das Zeitmanagement ändern, neue Arbeitsstrategien lernen, mit dem Vorgesetzten reden, das wird heute empfohlen. Bei einem klassischen Burnout bleibt jemand weiter erwerbsfähig; wenn Auszeit, dann nur kurz.

Protest als Chance, na ja

Die Modekrankheit Burnout, sagt Sozialpsychiater Wulf Rössler selbstkritisch, weise auch auf eine Tendenz innerhalb der Psychiatrie hin: «Wir müssen aufpassen, dass wir die Grenze zu dem, was wir als krank bezeichnen, nicht immer weiter ausdehnen. Sonst wird das menschliche Leben voll psychiatrisiert. Dann gibt es keine Varianz des normalen Empfindens mehr. Statt mit Belastungen umgehen zu müssen, kapituliert man in einem Burnout. Man hat nicht einfach Stress, sondern ein Burnout.»
Inzwischen haben sich viele Kliniken das Etikett «Burnout» marktwirtschaftlich zunutze gemacht. Oft verbirgt sich dahinter dann das ganze Spektrum an psychischen Störungen. Auch die Burnout-Tests, die man auf den Homepages der Kliniken findet, gelten als äusserst unspezifisch und sind eigentliche «Selbstläufer» (Hillert/Marwitz). «Ich bin glücklich» – zu beantworten auf einer Skala von eins bis sieben – folgt auf «Ich bin unglücklich». Man erreicht den Wert von 3,7 (stark burnout-gefährdet) mühelos. Inmitten grüner Wiesen, umgeben von hohen Bergen, blau der Himmel, klar und kräftig die Luft – die Kliniken liegen an Orten, wohin es die überlasteten Manager und Familienfrauen lange nicht mehr geführt hat, nicht mal an Wochenenden. Endlich kommt man wieder mal raus.
Den modernen Weg der Tagesklinik geht man in Teufen im Appenzellerland, wo im März 2007 die Privatklinik für ambulante psychosomatische Rehabilitation mit Schwerpunkt Burnout eröffnet hat. Anruf in Teufen, Entspannungsmusik in der Warteschlaufe, der Chefarzt gibt gern Auskunft, es gehe ja um «kein Mysterium». Doktor Milan Kalabic sagt: «40 Prozent meiner Klienten sind Hausfrauen.» Burnout sei keine reservierte Diagnose, jeder, der leistungsbereit sei, im Prinzip gefährdet. Es folgen Sätze wie: «Burnout ist ein Protest an unserer Zeit. Burnout ist eine Chance und keine Bedrohung.»
über ein bis zwei Monate an vier Halbtagen wöchentlich werden hier Polizisten, Sekretärinnen, Politiker, Desperate Housewives psychisch und physisch umsorgt, mit Wellness für Körper und Seele, Milan Kalabic hört lieber: mit aktiver Therapie. Er erklärt: «Wer den Zugang zu sich selbst verloren hat, soll in einem moderaten Kraft- und Ausdauertraining wieder lernen, sich zu spüren und gleichzeitig Ruhe, das Nichtstun auszuhalten. Dazu reicht oft schon ein leichter Muskelkater anderntags.» Man macht Atemübungen und Massagen, klopft den Körper aus, daneben gibt es Einzel- und Gruppengespräche, aber: «Ich will Burnout nicht zu sehr psychiatrisieren.» Den Leuten, die hier in kurzer Zeit wieder ihre leeren Batterien aufladen, wird es recht sein.
Die leeren Batterien aufladen, damit der Motor wieder läuft, dieses Sinnbild braucht auch Frau Müller, wie wir sie hier nennen wollen. Sie ist eine von Milan Kalabics Patientinnen, Hausfrau und daneben in einem 60-Prozent-Pensum Lehrerin («Ich liess mir hier oben sagen, dass dieser Beruf besonders anfällig für Burnout ist.»). Frau Müller sieht den Grund ihres Burnouts in der Doppelbelastung. Nach Unterricht, Sitzungen und Elterngesprächen auf den Bus rennen, die zwei Kinder in der Krippe abholen, bei Nacht und Nebel wieder auf den Bus und umsteigen auf den Zug, Abendessen kochen: «Ich bin ständig gehetzt.» Rechnungen zahlen, die Administration der Familie bleibe an ihr hängen. Der Erschöpfungszustand begann nach der schweren Geburt ihres ersten Kindes, sie war überfordert, das Schwächegefühl nahm zu, ihr schwindelte, sie hatte Kopfweh und war gereizt.
Burnout, befand Frau Müllers Hausarzt, sie müsse zur Kur. Er schrieb sie von der Schule krank, und seit sieben Wochen verbringt die 44-Jährige vier Morgen in der Klinik Teufen. Das ambulante Setting sei ideal wegen der Kinder, das Fitnessprogramm tue ihr gut, noch zahle die Kasse. Es sei ihr wichtig, dass man auch mal von Burnout bei Hausfrauen spreche. «Hatten es die Frauen früher nicht einfacher», fragt sie, «als sie Beruf und Familie noch nicht unter einen Hut bringen mussten?» Immer mehr müsse immer schneller erledigt werden. «Es bleibt keine Zeit für einen selbst. Ich sehe es, wenn ich mit Freundinnen abmachen will. Wir finden kaum gemeinsame Termine.»
Doktor Kalabic stimmt dem zu. Auch er macht für die allgemeine Erschöpfung den «äusseren und inneren Druck der Leistungsgesellschaft» verantwortlich, die «24-Stunden-Gesellschaft». Man sei rund um die Uhr beschäftigt, die Kommunikation gleiche einem Bombardement, «und doch war sie qualitativ noch nie so schlecht», sodass Beziehungen verkümmern und aus der Einsamkeit oft nur die Flucht in die Arbeit bleibe. Er weist auf die Beschleunigung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozesse hin, an die sich das Individuum nicht mehr anpassen könne. Er führt vor: 1865 gab es zirka tausend wissenschaftliche Veröffentlichungen, hundert Jahre später waren es schon hunderttausend, 1995 fünfzehn bis zwanzig Millionen: «So schnell zerfällt unser erworbenes Wissen. Es ist kaum noch etwas wert.»

Moses, der Pionierpatient

Die Zeitkritik ist spätestens seit Richard Sennetts «Der flexible Mensch» bekannt. In seinem Buch beschrieb der amerikanische Soziologe vor zehn Jahren, wie negativ sich Arbeitsabläufe in einer globalisierten Wirtschaft auf den Einzelnen auswirken. So gesehen, wären die beruflichen und psychosozialen Belastungen der Menschheit noch nie so schlimm wie heute. Demnach macht Arbeit kränker denn je. Vielleicht muss man aber auch mal fragen: Verändert sich der Mensch in einer sich wandelnden Umwelt kein bisschen? Doch, schreiben Hillert/Marwitz in «Die Burnout-Epidemie». Sie kritisieren die einseitige und unvollständige Sicht, «weil sie eine sich dynamisch verändernde Arbeitswelt einem statischen, passiven Menschenbild gegenüberstellt. (…) Aus was aber, wenn nicht aus Menschen, die sich in ihren Kommunikationsformen, Wertvorstellungen, Ansprüchen und Lebensentwürfen verändern, besteht eine sich verändernde Arbeitswelt?»
Demnach dürften moderne Gesellschaften auch gelernt haben, mit Stress umzugehen. Vergessen gehen beim pessimistischen Blick jene Menschen, die sich wohl fühlen, wenn das Tempo intensiver wird, die vielfach vernetzt und beansprucht erst richtig aufblühen. überzeugt von der kollektiven Depression, missachtet man zudem, dass psychische Störungen nach Diagnose nicht zugenommen haben. Zumindest zeigen das epidemiologische Untersuchungen.
Obwohl historische Vergleiche, ob es heute schlimmer oder besser ist, schwierig sind: Hatte der Fabrikarbeiter am Fliessband, die zehnfache Mutter, der vom Chef drangsalierte Bürolist vor hundert Jahren nicht genauso Grund, sich ausgelaugt, ausgekotzt, erledigt, entwürdigt zu fühlen und an den Rand der physischen und psychischen Kräfte zu kommen? Schon Ende des 19. Jahrhunderts brachte das aufkommende technische und wirtschaftliche Zeitalter eine mit Burnout vergleichbare Krankheit hervor, die Neurasthenie oder nervöse Erschöpfung. Das Leiden verbreitete sich unter der Bevölkerung, machte sie weniger leistungsfähig, krank.
Der New Yorker Arzt Georg Miller Beard, der den Neurastheniebegriff prägte, sah die Gründe für den starken Anstieg in der hektischen Epoche mit ihren Errungenschaften: «Dampfkraft, regelmässig erscheinende Zeitungen, Telegrafen, die Wissenschaft und die geistige Aktivität von Frauen.» Freud meinte damals, er sehe so viele Neurasthenie-Patienten, dass er bald keine andern mehr behandeln müsse. Wie schon bei Burnout gab es einen zusätzlichen Krankheitsgewinn, indem die nervöse Erschöpfung nur die Mitglieder einer prosperierenden, modernen Gesellschaft befiel. Im Gegensatz zu Burnout ist die Neurasthenie eine bis heute gültige WHO-Diagnose. Sie bezieht sich jedoch weniger ausschliesslich auf Arbeit.
Dass es die Berufserschöpfung schon immer gab, zeigen die berühmten Namen aus der Vergangenheit, die in der Burnout-Literatur gern aufgeführt werden – Namen, die oft für verschiedene psychische Leiden herhalten müssen. Zum Ausbrennen neigten Karl Marx, Ludwig Wittgenstein und sogar Moses im Alten Testament, der als Rechtsprecher tätig war und den sein Schwiegervater mit den Worten zu Selbstschonung mahnt: «Es ist nicht gut, wie du das tust. Du machst dich zu müde. (…) Das Geschäft ist dir zu schwer, du kannst es allein nicht ausrichten.»
Burnout beschreibt letztlich eine Arbeitsutopie: Wer sagt denn, dass Arbeit glücklich machen muss? Im 19. und 20. Jahrhundert forderte man humanere Arbeitsbedingungen, mit weniger monotonen Abläufen, regerem sozialen Austausch, mehr Mitbestimmung. Heute sind die erreichten Ziele die Belastungen, die zu Burnout führen: grössere Verantwortung auf den Schultern des Einzelnen, persönlicher Einsatz, emotionale Beteiligung. In der Folge fühlt man sich fremdbestimmt. Von der Firma, vom System. Umso mehr, da man sich an ein Leben in Selbstbestimmung gewöhnt hat. Man verwaltet seine Bedürfnisse, wählt zwischen Wollen und Nicht-Wollen, fühlt sich wohl, fühlt. Droht das Ausbrennen, lernt man sich in der Burnout-Klinik wieder entspannen. Burnout passt in eine Zeit, in der Glück vor allem subjektives «Wohlfühlglück» (Wilhelm Schmid) bedeutet.

Da hilft kein Muskelkater

Wenn die Krise schwerer ist, auch dann bleibt sie als «Burnout» gesellschaftsfähiger. Der Begriff wird zum Deckmantel für innerpsychische Konflikte, die nicht mehr nur dem «System» angelastet werden können. Burnout sei ein «Etikettenschwindel», sagen manche Psychiater: Der moderne Mensch mache sich etwas vor, um sein Inneres zu beschreiben, spreche statt von seelischer Störung nun halt von Burnout. Sie distanzieren sich im Gespräch vom Konzept des Ausbrennens, möchten das Wort aus ihrem Sprachgebrauch verbannen. Trotzdem halten sie Vorträge, referieren in übervollen Hörsälen über Burnout, trotz dem «falschen Zungenschlag», wie es einer sagt. Denn etwas dagegen haben, dass psychisches Leiden  akzeptabler wird, das kann man nicht. Burnout, sagen sie, sei der Beginn des Dialogs in einer Gesellschaft, in der sich der Mensch über Leistung definiere. Es Depression zu nennen, das markiert zu stark eine Grenze, an die man stösst. Das ist eine zu schmerzhafte Erfahrung.
Diese Erfahrung macht Michael Erni, der in Wirklichkeit anders heisst. Seine Schwester hat ihn vermittelt, gesagt, er habe ein Burnout, nicht mehr. Der IT-Berater sitzt am Tisch in seinem Büro, vor sich den Ausdruck der Wikipedia-Seite über Burnout, und kreuzt Zutreffendes an. «Man arbeitet nahezu pausenlos. Nichtbeachten eigener Bedürfnisse. Beschränkung sozialer Kontakte auf die Kunden, Partnervernachlässigung. Schlafstörungen. Alkoholmissbrauch.» Beim 37-Jährigen schleppt es sich seit zehn Jahren hin. Im letzten Winter dann der Zusammenbruch, ein Klinikaufenthalt, «zwei Wochen Ferien mit Vollpension», sagt er mit müdem Blick, die Psychopharmaka. Im Grunde sei ihm egal, wie man es nenne, alles eine Definitionsfrage, wahrscheinlich: «Burnout ist das Schönreden einer Depression. Es tönt weniger nach Klapse.» Andererseits könne man bei Burnout auch mal fragen, «ob jemand einfach unfähig ist, das zu leisten, was man von ihm erwarten darf, er schlicht mit seinem Job nicht zu Schlag kommt». Als er von seinem Verantwortungsgefühl als Kind erzählt, das er in der vaterlosen Familie übernehmen musste, als er vom Bedürfnis spricht, sich immer noch ein bisschen höher zu strecken, etwas, das seine gesunde Schwester auch kennt, ahnt man, dass die Gründe tiefer liegen. Erni sagt: «Wenn ich etwas erreicht habe, sage ich nicht: Wow, das ist perfekt! Es ist vielmehr selbstverständlich perfekt, sonst wäre es nicht erreicht, und ist somit kein Grund zur Freude.»
Als Michael Erni vom Tod nahe stehender Menschen berichtet und von seinen Phobien, spätestens dann passt Burnout als «Protest an unserer Zeit» und als «Chance» nicht mehr auf ihn. Ihm würde Muskelkater nicht helfen, sich wieder lebendig zu fühlen. Weil da innerlich etwas verschoben ist seit früh, wie tektonische Platten, sodass es ihn zuletzt überforderte, schon nur «ein Brieflein» zu schreiben. Noch immer würde Michael Erni lieber glauben, dass es psychische Krankheiten nicht gibt und es nur ein kleines, reines Burnout ist, das ihm sagt: So, für den Moment genug gearbeitet, ruh dich aus, du hast es verdient.

Die Diskussion

26 Reaktionen

  1. Weiler Pia

    Die Statistik bestimmt über die Anzahl Stellenprozente – immer mehr in immer weniger Zeit. Effizienz ohne Notreserve für menschliche und maschinelle Pannen. Gearbeitet wird gegen anstatt miteinander, jeder will besser, schneller, kompetenter sein. Die logische Folge: Überforderung! Dann sind plötzlich die ArbeitskollegInnen gefragt: einspringen, überbrücken, noch mehr übernehmen. Und plötzlich sind alle mitgefährdet – Teufelskreis der Wirtschaft, wo Zahlen mehr gelten als der gesunde Menschenverstand. Warum lassen wir nicht die ganzen Effizienz-Evaluationen und konzentrieren uns ganz einfach auf die Arbeit, tun sie miteinander. Eins nach dem Anderen, schön der Reihe nach mit Konzentration, Zusammenarbeit und gemeinsamer Freude am Erreichten!

  2. Mohler claudia

    geehrte frau schmid
    ihr artikel (doch immerhin über 6 seiten) überzeugt in keiner weise. der
    inhalt am schluss des gelesenen: burn-out existiert nicht und wer es hat,
    ist ein weichei, entweder, weil er nicht funktioniert nach unseren wirtschaftlichen
    und nicht menschlichen gesetzmässigkeiten oder aber nicht dazu stehen kann,
    dass er "seelische störungen" hat.
    dass unsere gesellschaft dahingehend funktioniert, nach dem materialistischen
    prinzip immer noch mehr gewinn anzustreben, ist mit keinem ton erwähnt (immer
    mehr arbeit wird durch immer weniger arbeitnehmer geleistet, sonst würden
    die gewinne ja nicht wachsen). auch nicht, dass die tragende mittelschicht
    langsam dahinschmilzt und der normale arbeiter, die normale arbeiterin sich
    abrackern kann, wie sie will, sie werden nicht auf einen grünen zweig kommen.
    die schere weitet sich gewaltig zwischen den superreichen und der neuen armut.
    schon in den kindergärten werden themen wie lesen, schreiben, übergewicht
    etc. behandelt. es geht nicht darum, ob ein kind schon mit 3 oder 5 jahren
    fähig ist, schreiben und lesen zu lernen (es ist dazu fähig zweifelsohne),
    sondern ob es hinsichtlich seiner entwicklung die rechte zeit ist. die kinder
    dürfen nicht mehr kinder sein, weil sie in unserem system funktionstüchtig,
    unkritisch und konsumorientiert zu sein haben. annabelle ist dafür ein gutes
    beispiel mit ihren models, welche nicht älter wie 15 oder 16 sind, was wiederum
    für die frau heisst, hier möglichst kind zu bleiben, obwohl sie das nie hat
    sein dürfen.
    ich frage sie: was ist daran schlimm, wenn ein mensch in diesem system nicht
    mehr mithalten mag, sich besinnt auf das was ihm wichtig erscheint? dann
    entfernen wir uns vielleicht ein stück von unserem materialismus.
    aber die grossen fetten gewinne werden gemacht mit hormongaben, mit psychopharmaka,
    mit schlafmitteln und ich frage sie wiederum: finden die erschöpfungskrisen
    nicht vor allem zwischen 35 und 50 statt, in dem abschnitt nämlich, wo frau
    einem wechsel unterliegt, welchen es zu ergreifen gilt, um die zweite lebenshälfte
    zu gestalten? da reichen materialistische, auf jugendlichkeit getrimmte,
    immer fit und fun bleibende werte nicht aus, um diesen wechsel gut und gehaltvoll
    zu gestalten.
    vielleicht müssen sie einmal in eine krise der erschöpfung, des sich nicht
    mehr kennens, weil man nicht mehr auf das zurückgreifen kann, was man bis
    anhin von sich kannte, durchmachen, um toleranter, gehaltvoller und konstruktiver
    mit einem solchen gesellschaftlichen thema umzugehen, welches eine weitsicht
    erfordert, die mehr als nur den nicht vorhandenen ICD beschreibt.
    es grüsst sie freundlich
    claudia mohler

  3. Nebojsa Scekic

    Guten Tag Frau Schmid

    Gerne hätte ich einen Artikel gelesen, der sich ernsthaft und kritisch mit dem Thema Burnout auseinandersetzt. Ihren Artikel hingegen erlebte ich als enorm zynisch und absolutistisch. Natürlich wird heutzutage im Rahmen der Enttabuisierung oder durch die Gefahr der Trenddiagnose, die Diagnose Burnout vorschnell getroffen – was eigentlich bei einem Krankheitsbild, dessen Diagnostik noch in den Kinderschuhen steckt, nicht anders zu erwarten ist. Jedoch erwähnen Sie in ihrem Artikel nicht mit einem Wort, dass eine differenzierte Schulung oder Betrachtungsweise dabei dienlich sein kann, zu überprüfen, ob es sich bei einem betroffenem Menschen um eine Überforderungssituation, eine depressive Episode oder tatsächlich um Burnout handelt oder eben nicht. Denn nur durch eine differenzierte, diagnostische Vorgehensweise kann man einer betroffenen Person gerecht werden.
    Daher empfand ich, dass ihr Artikel einen Mangel an eben dieser Differenziertheit und somit an Wissenschaftlichkeit und Fachlichkeit aufweist.

    Ist von einer Tageszeitung nichts anderes zu erwarten, nachdem man in letzter Zeit von unzähligen Artikeln zum Thema Burnout überschwemmt wurde, dass sie nun einen sechsseitigen Bericht veröffentlicht, die eine Kontraposition vertritt?

    Wäre es nicht förderlicher, sich von einer absoluten Alles-oder-Nichts-Haltung ("burnout gibt es oder burnout gibt es nicht") zu distanzieren und sich mit dem Thema Burnout ernsthaft auseinanderzusetzen?

  4. Roger

    Liebe Frau Schmid
    mit Ihrem Artikel erweisen Sie jedem Burnout-Patienten einen Bärendienst. Egal ob das jetzt Burnout, Midlife-Crises oder Depression heisst, jeder Patient sollte ernst genommen werden und was zählt sind nicht irgendwelche WHO-Statistiken und Krankheitsbilder sondern das indivuelle Empfinden eines jeden Patienten. In Ihrem Artikel wird z. B. in keiner Zeile erwähnt, dass wir seit ca. 15 Jahren eine Informations-Revolution durchlaufen (Internet), welche nur mit der Industrialisierung vor 150-200 Jahren verglichen werden kann. Die Evolution braucht aber etwas länger, um sich anzupassen. Wir Menschen glauben immer, wir seien so toll, wir schaffen das schon in 5 Jahren.

    Nach 6 Jahren rund-um-die-Uhr-erreichbar sein wurde bei mir letzen Herbst der Burnout Stufe 2 diagnostiziert. Seit einem Jahr erwache ich regelmässig zwischen 3 und 4 Uhr am Morgen und kann nicht mehr schlafen. Ich lade Sie gerne auf meinem Weg zurück in das ‘normale’ Leben ein, damit Sie sehen, wie schwer dies ist. Mir ist klar, dass ich mich ändern muss und ich die ‘olympische’ Gesellschaft (höher weiter schneller) nicht ändern kann. Aber ich verlange Respekt für mein Empfinden und für meinen Weg. Ihr Artikel hingegen erweist mir diesen nicht.

  5. Charlotte Heer Grau

    Den Betroffenen, Frau Schmid, erweisen Sie mit Ihrem Artikel einen Bärendienst. Den nicht – oder noch nicht – Betroffenen liefern Sie alle Gründe, weiterhin an gängigen Vorurteilen festzuhalten: Entweder ist einer psychisch krank und braucht den Psychiater (es ist sein ganz persönliches Problem), oder er ist überfordert (es ist sein ganz persönliches Problem), oder er ist ein fauler Hund und braucht nur mal einen ordentlichen Tritt in den Hintern (es ist ganz sicher sein persönliches Problem). In jedem Fall kann sich die Gesellschaft hier aus der Verantwortung ziehen.

    Anstatt sich mit dem Thema zu beschäftigen, anstatt Fachleute oder Betroffene wirklich zu Wort kommen zu lassen, lassen Sie eine Ansammlung von beliebigen Zitaten auf einen niederprasseln. Zitate, die nichts aussagen und offensichtlich nur als Stichwortgeber für das nächste Zitat gebraucht werden. Sogar Marx, Wittgenstein und Moses müssen dafür herhalten. – Gut gegoogelt, Frau Schmid, so kommt einem das vor. Dass Sie dann aber so weit gehen und am Schluss Ihres Artikels selbst Psychologin spielen: „Als Michael Erni vom Tod nahe stehender Menschen berichtet und von seinen Phobien, spätestens dann passt Burnout als «Protest an unserer Zeit» und als «Chance» nicht mehr auf ihn.“, sprengt das Erträgliche. Wer sind Sie, Frau Schmid, um über andere Menschen so urteilen zu können?

    Burnout ist als psychiatrische Diagnose noch nicht anerkannt. Vielleicht weil es eine etwas kostspielige Anerkennung werde könnte. Firmen und ihre Chefs könnten sich plötzlich nicht mehr aus der Verantwortung ziehen. Das bedeutet aber nicht, dass Hunderte von Menschen an diesem Phänomen nicht leiden. Kaputt sind. Nicht mehr mögen und – wenn sie diese Leiden nicht Ernst nehmen – Gefahr laufen, in eine veritable Depression zu stürzen, oder physisch krank zu werden.

    Das Thema bräuchte jedenfalls eine seriöse und fundierte Auseinandersetzung. Einmal mehr aber habe ich mich durch Hunderte von Zeilen gelesen, bin über Vorurteile und Althergebrachtes gestolpert und musste das Magi frustriert auf die Seite legen. Die anderen Artikel interessieren nicht mehr. – Magi nüm.

  6. Anna Hirsbrunner

    Frau Schmid kritisiert, dass Burnout ein Begriff sei, der alles und jedes umfassen könne, aber selber wirft sie Menschen mit Depressionen und Erschöpfungszuständen in den selben Topf wie Arbeitsscheue und Profiteure, die sich kurz mal auf Kosten der Krankenkasse eine Wellness-Auszeit leisten. Abgesehen davon, dass ich stark bezweifle, dass jemand in unserer durch Erwerbstätigkeit definierten Gesellschaft ohne Not zugibt, dass er oder sie dem Alltag nicht mehr gewachsen ist, erweist sie wie schon in anderen Kommentaren erwähnt all denen einen Bärendienst, die wirklich ein ernst zu nehmendes Leiden haben. Ob man es nun Burnout oder Depression oder Erschöpfung nennt: Hauptsache, der betroffene Mensch wagt es, Hilfe zu holen. Aber es liest sich natürlich süffiger, wenn man mal zünftig dreinschlägt. Und da sind Menschen mit psychischem Leiden im gegenwärtigen Zeitgeist immer wieder leichte Ziele.

  7. Peter Voegele

    Liebe Frau Schmid
    Vor einigen Tagen habe ich "die Klapse" nach 3 Monaten Aufenthalt wieder verlassen dürfen. Diagnose bei Eintritt: Schwere Depression gemäss ICD der WHO (ich wünsche Ihnen im übrigen nicht, dass Sie so etwas jemals erleben müssen). In meinen Gesprächen mit Mitpatientinnen und Mitpatienten mit Diagnose "Burnout" konnte ich feststellen, dass deren "Aengste und seelische Zerissenheit" sich (ausnahmslos!) mit den meinigen als "Deckungsgleich" erwiesen. Der Grund jedoch, warum trotzdem "Burnout" (wobei man sich auch bei einer Depression u.a. sehr, sehr "ausgebrannt fühlt" – der Begriff ist also durchaus ebenfalls zutreffend) ist leider genau diese Akzeptanz die zwischenzeitlich die Gesellschaft "diesem Wort" entgegenbringt. Denn als "psychisch Kranker" ist man sich der Stigmatisierung durch die Bevölkerung (als auch vorallem durch Fachpersonen; wie eine Studie kürzlich hervorgebracht hat) und demzufolge auch der "Chefs" durchaus bewusst. Leider haben die Bemühungen der letzten Jahre (u.a. mittels Artikel-Serien im TA)zur Entstigmatisierung von "solchen" phsychischen Krankheiten bisher praktisch keinen Erfolg erzielt. Da finde ich es nun doch – gelinde gesagt – "mehr als Schade", dass Sie mit ihrem Artikel nun auch wieder gleich ins sattsam bekannte Horn der Bevölkerungmeinung blasen. Und dies alles nur wegen einer Begriffsdefinition. Ich denke auch, dass Sie damit der sachlichen und vor allem differenzierten Behandlung dieser Themen (und vor allem den betroffenen Mitmenschen) einen Bärendienst erwiesen haben. Na ja; "Livestyle-Journalismus", angereichert mit ein wenig Polemik und Zynissmus (vor allem auch die Bilder), lässt sich halt besser vermarkten. Hoffen wir wenigstens, dass "die SVP-Klientel" ihre Freude daran hat !

  8. Marcel Schneider

    Finn Canonica (Editorial) und Birgit "annabelle" Schmid (Artikel) gefallen sich erkennbar in ihren unerträglich zynischen und sarkastischen Texten zu einem Thema, für das ihnen offensichtlich jedes Verständnis und jede Qualifikation fehlt. Die tendenziösen und verharmlosenden Inhalte sind nicht nur ein abschreckendes Beispiel journalistischer Inkompetenz und Verantwortungslosigkeit, sondern insbesondere auch ein Schlag ins Gesicht sämtlicher vom Burn-out-Syndrom Betroffener. Man fragt sich unwillkürlich, von welcher Arbeitgeber-Organisation sich diese Schreiberlinge wohl instrumentalisieren liessen. Indem sie das Thema Burn-out der Belächelung und Verniedlichung preisgeben, entwerten sich die voreingenommenen Autoren nicht nur selbst, sondern leisten auch einen bedenklich populistischen Negativ-Beitrag zur Diskussion eines Themas, das eine seriösere und tiefer gehende Behandlung mehr als verdient hätte.

  9. Markus Meury

    Ja, der Begriff Burnout wird heute viel zu häufig gebraucht. Nur, das Phänomen zu leugnen und zu behaupten, Stress und Arbeit könnten gar nicht krank machen, basiert rein auf Ideologie. Das verrät auch die Unterstellung der Autorin, die Betroffenen wollten einfach nicht mehr arbeiten.
    Birgit Schmid behauptet, vor hundert Jahren habe man ja mehr gearbeitet. Sie verschweigt, dass heute 99% der Arbeitspsychologen bekräftigen, dass sich die Arbeit in den letzten 30 Jahren massiv intensiviert und verschnellert hat. Da ist es schlicht dilettantisch, zu behaupten, die Menschen müssten sich nur anpassen und lernen, damit umzugehen… Müssen wir erst japanische Verhältnisse haben, wo zahlreiche Menschen an Erschöpfung sterben, bis die Arbeitsideologen verstummen?

    Markus Meury, Soziologe, Basel

  10. Adelheid Tuncer

    sehr geehrte frau schmid,
    ich danke ihnen für den entlarvenden artikel: ja, es ist mode geworden, das gefühl der überforderung und erschöpfung als burn-out zu bezeichnen, vergleichbar mit einem auto: wenn man lange vollgas fährt wird der motor heiss und das auto muss mal ABKÜHLEN… beim BURN-OUT hingegen fährt man lange nur hochtourig offroad: öl, benzin, kühlwasser sind schon lange leer, die scheiben und spiegel zerschlagen, die achse bricht, die reifen sind durch, der motor BRENNT AUS. das auto muss für wochen in der garage REPARIERT werden! ein echtes burn-out bezeichnet eben NICHT das gefühl der überforderung und erschöpfung, sondern den zustand nach mehrjähriger massiver überarbeitung und erschöpfung in multiplen bereichen. als alleinerziehende in den sozialen diensten ZH tätige, brannte ich jahrelang sehr hell, danach begann der organimus und die hirnfunktion zu versagen: monatelange massive schlafstörungen (3h/nacht), appetitverlust, körperliche schwäche (um in meine wohnung im 2. stock zu gehen brauchte ich 30min), gedankliche black-outs, verminderte funktion des kurz- und langzeitgedächtnisses, orientierungsschwierigkeiten in raum und zeit (um nur einige zu nennen). da helfen nur sofortige beruhigungsmedikamente, damit das adrenalin die herzkranzgefässe nicht noch mehr schädigt, mit 2 wochen "kur" ist da gar nix erreicht. nach monaten erst beginnt sich der körper zu regenerieren, die wiedererlangung der vollständigen hirnfunktionen kann sich bis zu ein-zwei jahren hinziehen. ich freue mich, als anschlussartikel die portraits von an burn-out erkrankten (und ggf genesenden) zu lesen! gerne stelle ich mich ihnen zur verfügung.
    sonnige grüsse a. tuncer

  11. Richard Wetter

    Von Burnout Betroffene haben primär ein Problem mit ihrer Fähigkeit zur Selbstregulation, d. h. die Grenzen ihrer Belast-barkeit zu spüren und darauf mit adäquaten Entspannungsmöglich-keiten zu reagieren. Das Problem liegt nicht in der Arbeit, es zeigt sich dort nur. Im Privat-leben, wo es sich ebenso in Beziehungen und Konsumverhalten, evt. mit Verschuldung, zeigt, wird es verschwiegen.
    Im weltweiten Vergleich der Arbeitsbedingungen sind wir mit 42 Stundenwoche, freiem Wochen-ende und 4 – 5 Wochen Ferien noch immer in einer sehr komfortablen Situation. Wenn wir mit diesen Bedingungen nicht klar kommen, haben wir gegen China keine Chance.

  12. Hans Jörg Martens

    Ich kann nicht erkennen, was uns Frau Schmid eigentlich sagen will.
    Jeder weiss, dass der burn-out ein Syndrom und nicht eine medizinisch klar definierte Krankheit ist. Ebenso trivial ist die Tatsache, dass in unserer Leistungsgesellschaft keiner zugeben kann oder will, dass er in seinen Lebensumständen überfordert ist.
    Wenn heute so viele Menschen vom burn-out sprechen und daran leiden, so erscheint es mir läppisch, wenn Frau Schmid reisserisch und schulmeisterlich am Begriff und dessen unpräziser Anwendung herumzufaselt.
    Interessant ist doch einzig die Tatsache selbst, nämlich dass so viele Menschen in unserer Gesellschaft überfordert sind. Burn-out ist meist nur die Spitze des Eisbergs, viele Menschen leiden in der Tat an einer (oft verdrängten oder verheimlichten) Depression. Und diese ist eine ebenso schwere wie lebensbedrohende Krankheit. Diese Patienten sind sicher keine Weicheier, sondern sind eben gerade wegen Mängeln unserer Gesellschaft gescheitert. Ein Beispiel: Berufstätige Frauen sind in ihrer Mehrfachrolle (Beruf, Erziehung, Haushalt) meist überfordert; Karriere gelingt sowieso nur einzelnen Frauen und dann mit unsinnigen Kompromissen. Depression ist meist mit einer tiefen Sinnkrise verbunden, weil man jung in gewisse Rollenmuster hineingeschliddert ist, und eines Tages frustriert erwacht: „So hatte ich es mir aber damals nicht gedacht; so war es nicht gemeint…“.
    Ich meine halt, dass Frau Schmid mit dem Thema ganz einfach überfordert ist.
    Hans Jörg Martens

  13. Aristoteles k.

    tja, ist klar, die kritik trifft und richtet den kritiker.
    man muß einfach sensibel sein in der heutigen zeit.
    härte war früher,als es niemanden gab der diagnostizieren konnte.
    ich erinnere mich an eine doku im tv,es ging um schädeldrepanagen am kopf von eingeborenen.
    mit schleifsteinen wurden "patienten" so lange an der stirn gerieben, bis die knochendecke durch war.
    die betroffenen kranken, die vom medizinmann derart behandelt wurden, zeigten fast keine gesichtszüge dabei.
    man erklärte das damit, das sie niemals lernten bei schmerz zuneigung oder mitleid zu erfahren.
    wenn sie also als kind irgendwo sehr schmerzhaft fielen, ernteten sie nur einfache blicke.
    so lernten sie also niemals zu "klagen".
    das gegenteil ist bei uns der fall: wir lernen garnicht mehr hart zu sein, sondern wir lernen nur noch zu klagen.
    und zwar sowohl biologisch-emotional als auch juristisch.
    die heutige gesellschaft ist der statistik fette beute ; ich bin sicher, das demnach ca. 5000 bis 10000 prozent der menschheit krank ist.
    jedes wehwehchen wird auf kausale diagnostik zurückgeführt.
    es gibt keinen der nicht mehrfach zum statisten der statistiker benutzt und gezählt wird.
    ….sicher hat auch der postchef zumwinkel dieses syndrom erlitten, denn rational ist sein handeln nicht erklärbar. also haben alle diese leute und superbosse burn outs , blackouts und was weiß ich noch für noch nicht gefundene traumata.
    ja, eigentlich braucht man nur die richtige sichtweise, dann kann man ALLES verstehen. ich verstehe.
    tatsächlich, man wandelt nur noch unter opfern….

  14. Benjamin Knecht

    Sehr geehrte Frau Schmid
    Je länger ich in Ihrem Text las, desto verärgerter wurde ich. Nicht als Betroffener, sondern als, so denke ich, vernünftiger, wohlwollender und zu Empathie fähiger Mensch.
    Das menschliche Wohlfühlen hängt von sehr vielen Faktoren ab. Die psychische und seelische Gesundheit ist vielen "Gefahren" ausgesetzt. In Ihrem Artikel haben Sie nicht annähernd auch nur gestreift, was menschliches Leiden und deren Ursachen im Bereich "Burnout" beinhalten. Aber aus Ihrem für mein Verständnis sehr abwertenden und abschätzigen Artikel lese ich, dass Sie sich dessen nicht bewusst sind. Da kann ich Ihnen keinen Vorwurf machen. Entspricht das doch dem gesellschaftlichen Trend, nicht allzu stark in die Tiefe zu gehen.
    Jeder Mensch entwickelt im Laufe der Entwicklung verschiedenste Defizite. Die Psyche versucht, diese Defizite zu bearbeiten und zu kompensieren. Dies zeigt sich dann in unterschiedlichsten "Störungen". Diese "Störungen" werden von der Gesellschaft unterschiedlichst bewertet. Z.B.: Das Kind erhält in seiner Entwicklung wenig positive Zuwendung. Im Verlaufe seiner Entwicklung versucht es dieses Manko wett zu machen. Es wird zum Streber, versucht auf jede erdenkliche Art Anerkennung zu erlangen, setzt sich ein bis zum Umfallen, geht über Leichen, sucht die Öffentlichkeit (schreibt zB reisserische Tagimagi-Artikel) usw. Diese "Bearbeitung" seines Defizits ist gesellschaftlich sehr anerkannt, ja gewollt und gefördert.
    Was Sie in Ihrem Artikel verlangen, dass der Einzelne zu seinen Defiziten steht und diese als solche mit professioneller Hilfe angeht, wird von der Gesellschaft eher geächtet, stigmatisiert. Wie Sie schreiben: lieber hat man/frau ein "Burnout" als eine Depression. Vielleicht sollten Sie, oder einer Ihrer Kollegen, mal darüber schreiben, was psychische Defizite sind und wie sie gesellschaftlich bewertet werden – weshalb einige positiv bewertet werden und andere als Krankheit bezeichnet und stigmatisiert werden. Das würde eher dazu beitragen, psychische "Erkrankungen" wertfrei zu anerkennen und Betroffenen das Leben etwas leichter zu machen.

  15. Bastian Stalder

    Aha, Burnout gibt es nicht. Das will uns Frau Schmid mitteilen.
    Wie muss eine Gesellschaft ein Umfeld einordnen, in welchem jährlich mehr Menschen aufgrund von was auch immer aus dem Erwerbsleben ausscheiden und den Staat belasten? Steigende Arbeitslosigkeit, immer mehr Frühpensionierte… Ja, das zieht doch Kosten mit sich – oder existieren die auch nicht?

    Ich finde, es lohnt sich nicht, sich über diesen Artikel aufzuregen. Er ist kein unübliches Produkt; eine der Schwarz-weiss-Mentalität verfallene Journalistin begibt sich auf graues Territorium. Beigemischt wird der presseübliche Zynismus und der Politik abgeguckte Provokation.

    Schade, aus dem Thema hätte man mehr machen können.

  16. Anna

    Jetzt seid doch nicht so! Burnout gibt es, das streitet Birgit Schmid nicht ab. Sie sagt nur, dass 90% der vermeintlich Betroffenen kein eigentliches „Burnout“ haben. Genau so, wie auch die meisten Leute, die mir diese Woche auf die Frage nach ihrem Wohlbefinden „es bitz deprimiert“ antworten werden, nicht an einer Depression leiden.

    Dass sich viele Menschen ausgelaugt fühlen, ist an sich nichts neues, worauf Schmid ja auch beispielsweise mit dem Vergleich der Arbeit einer zehnfachen Mutter vor hundert Jahren verweist. Neu ist nur, dass wir uns selber krank finden, wenn die Belastung an unsere Reserven geht.

    Bemerkenswert, dass wir nicht die Gesellschaft krank finden, die dazu führt. Und seltsam, dass so viele Menschen lieber 100% und mehr für materielle Dinge arbeiten als die eigenen Bedürfnisse zu überdenken und bei reduziertem Pensum froh und glücklich zu leben. Im Gegensatz zu der zehnfachen Mutter vor hundert Jahren hätten viele von uns die Möglichkeit dazu.

  17. Aristoteles k.

    mal ganz ehrlich: ist denn burn out auch burn out, oder was ist das ?!
    ich will das eigentlich nicht glauben, was viele pädagogen einem heutzutage weismachen wollen, nämlich, dass die heutige gesellschaft nur noch aus jammer-und waschlappen besteht !!
    oder was wird hier impliziert ?
    unsere ahnen, unsere großeltern eltern gar haben die kriegswirren überlebt.
    wenn ich mal so vor meinem geistigen auge diese flüchtlingsströme passieren lasse, in afrika derzeit, die bootsflüchtlinge in südeuropa usw., ja mei, was ist eigentlich mit DIESEN menschen los, sind die eigentlich aus stahl oder ausser-oder überirdisch ?!
    ich weiß es nicht, aber irgendwas stimmt doch nicht, wenn diese genannten menschen sich derartigen strapazen hingeben und wörtlich ERLEIDEN müssen, wie unsere vor-familien im 2.wk auch,wie konnten sie und wie KÖNNEN die denn das alles ertragen?!
    wem der wohlstand zu kopfe steigt, der burnt wohl out, oder wie soll ich das verstehen ??
    wenn philanthropen sich gar für die "burnouter" starkmachen/interessieren, wo bleibt da das mitgefühl für die ECHTEN OPFER und LEIDTRAGENDEN !
    das möchte ich mal unpolemisch in den raum stellen.
    so führt also der wohlstand zur herabsetzung der sensibilität.
    die heizung macht einen nunmehr kälteempfindlich.das umsorgtsein macht einen "liebesbedürftig" .
    ist irgendwo klar.
    die diagnose "burn out" müßte demnach dringenden handlungsbedarf zur "sklerosierung" ("verhärtung") der gesellschaft implizieren.
    DENN : was soll der ganze wohlstand, wenn man ihm nicht gewachsen ist und wenn man ihn garnicht vertragen kann, fragt ein etwas irritierter logiker an dieser stelle…

  18. Georg Strassburger

    Sehr geehrte Frau Schmid,
    ich möchte Sie nur kurz darauf hinweisen, dass wir in der Schweiz eine der höchsten Selbstmordraten weltweit haben. Zu denken gibt insbesondere die hohe Selbstmordrate von jungen Menschen und Kindern. Ich finde es kalt und gefühllos, den Menschen, wenn er sich emotional belastet fühlt, zu 100% als eingebildeten Kranken darzustellen. Wenn etwas als eingebildet bezeichnet werden könnte, so nach meiner Meinung der Anspruch unserer gängigen (Leistungs-) Kultur, alles Unpassende mit Ihrer kühlen Art von logischen Schlussfolgerungen als krank, als falsches menschliches Verhalten darzustellen. Das Menschenleben läuft nun mal nicht logisch ab, das Herz redet da mit. Ob wir das wahrhaben oder nicht, ändert nichts daran. Etwas mehr Herzlichkeit zu verzweifelten Menschen kann doch unserer Kultur nicht schaden, oder doch?

  19. Samy Bill

    Ein weiterer Versuch von Frau Schmid, ein Tabuthema mit einem ziemlich zusammenhanglosen Mix von Zitaten, Vorurteilen und Vermutungen anzugehen. Und wieder gescheitert.
    Auf die Inhalte will ich ja nicht mal eingehen. Das machen die andren Kommentare schon deutlich genug. Ich möchte aber die nirgends stringente Schreibe des Artikels gelinde gesagt als des Magazins nicht würdig bezeichnen. Mir vergeht trotz Interesse am Thema bei diesen Zickzack-Stichen der Schreib-Maschine schon nach einer Seite die Lust, meine Zeit damit zu verbringen.
    Also liebe Redaktion: Besser redigieren. Liebe Frau Schmid. Besser schreiben!

  20. Alain Baumann

    Frau Schmid, wer gibt ihnen das Recht über eine Krankheit schreiben die sie nie erlebt haben?
    Es ist typisch für Personen wie Sie, das wir Burnout-Patienten, als Schein-Kranke dargestellt werden. Es ist eine frechheit, das Personen wie sie, für solche recherchen noch bezahlt werden. Suchen Sie sich einen Job wo Sie sich wirklich selbst verwirklichen können!

  21. Zemp Peter

    So interessant die medizinisch-psychologische und semantische Erklärung gegen das Burnout ist, es kann nichts darüber hinwegtäuschen, dass Arbeit krank machen kann. Ich habe noch selten ein solch unsensiblen Artikel zu diesem Thema gelesen.

  22. Zocco Markus

    Frau Schmid,
    ist Ihnen klar, dass Sie mit Ihrem Artikel unsere Fachärzte in Frage stellen?!Es sind nicht die Patienten, sondern die Aerzte welche die Diagnose "Burnout" stellen. Haben Sie bei Ihrer Recherche für diese Thema "Burnout-Patienten" befragt? Nein, sonst würden Sie diesen Artikel nicht so veröffentlichen!! Kennen Sie das Wort "recherchieren"? Und für solche Artikel erhalten Sie am Ende des Monats noch Geld….wie peinlich!

  23. Smail

    Der Text ist das reinste Chaos. Bestenfalls ahnt der oder die Verfasserin, was es mit dem masochistischen Wertsystem Arbeit-Leiden-Erfolg auf sich hat. Trotz dem Bemühen um eine gewisse Intellektualität ist der Text damit überfordert, eine scharfe Analyse von einem an sich tiefschürfenden Problem der heutigen Gesellschaft in Form von zeitgemässen – und wirklich brillianten – Erkenntnissen einzufahren, die dieses Geprahle in Werberhetorik rechtfertigen würde. Stattdessen ergiesst sich ein provinzieller Provokantismus in schnöselhaften, selbstverliebten Vergnügungszynismus, wie wir ihn zum Überdruss aus dem rechten Lager kennen. Dieser Text ist weder modern noch postmodern und auch nicht wertkonservativ, sondern schlichtweg reaktionär und hinterwäldlerisch: Eine Psyche gibt es nicht, bzw. nur Weicheier und Drückeberger reden davon. Ich hab mein Abo jetzt gekündigt; am Kiosk komme ich billiger davon, wenn ich auf dieses Heft von von Journis verzichte, die selbst an Ueberforderung leiden, und das auch noch auf so peinliche Weise zu signalisieren versuchen.

  24. Edward Mundy

    Birgit Schmid has has a terminal case of writers cramp (Autorin-Burnout). To help Frau Schmid I have listed afew topics that "do not exist" but are worth writing about. Mobbing, midlife crisis, Frigidity, Hairausfall, Orangenhaut, moderne Menschen, Schuhefettisch, sexy makeup etc.

  25. Jonas Wydler

    Jetzt gipfelt diese Diskussion in peinlichen Anschuldigungen und Infragestellungen.
    "Wer gibt ihnen das Recht über eine Krankheit schreiben die sie nie erlebt haben?", wurde gefragt.
    Nun, es wäre wohl kaum dem Thema gedient, wenn nur Betroffene darüber schrieben — zumal Birgit Schmid ziemlich breit recherchierte. Zudem verunglimpft die Autorin niemanden als Schein-Kranken, sondern stellt nur die Begrifflichkeiten, resp. den alltäglichen Gebrauch von Burn out, in ein anderes Licht. Man kann die These unterstützen oder nicht, aber hier wird voreilig Frau Schmid die journalistische Kompetenz abgesprochen — peinlich.

  26. Aristoteles k.

    auch ich finde, dass die vorwürfe gegen die autorin unhaltbar sind.
    diese art von diskussionsführung und reflexion ist jedoch symptomatisch für eine ganz bestimmte klientel.
    wenn jemand empirische sachverhalte erörtert, ohne persönlich zu werden, so ist doch derjenige der deswegen sein abo kündigt ein schelm, nicht der erörterer.
    da in unserer gesellschaft das "weicheiertum" gezüchtet wird, ist die resenonz aus solchen "kreisen" determiniert.
    entsprechend der analyse stellt sich die reaktion prozentual hier im aufschrei dar…
    Q.E.D.

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