Wohin mit Euch?

Wenn Vater oder Mutter alt und krank werden, stehen die Söhne und Töchter vor einem Problem. Ist das Heim zumutbar? Nein, finden immer mehr und organisieren – oft illegal – die Pflege selber.

08.08.2008 von Christoph Fellmann , 11 Kommentare

Anna Renzulli* raucht, sie ist nervös. Wie immer, wenn sie daran denkt, wie kompliziert ihr Leben geworden ist, seit Papa wieder bei ihr wohnt. Ihr alter Vater, für den sie nirgends einen Platz fand. Jedenfalls keinen, der ihr gefiel oder den sie sich hätte leisten können. «In Italien ist es ganz normal, dass die alten Leute zu Hause durch Angestellte gepflegt werden», sagt sie wie zur Entschuldigung. Auch in Italien sei ein grosser Teil dieser Pflegerinnen illegal im Land. Auch Anna Renzulli fand für das Problem, das ihr Vater darstellt, keine legale Lösung.
Jetzt ist eine Frau aus Rumänien da und kümmert sich. Svoboda, 42, hat ein Zimmer in der Wohnung ihrer Arbeitgeberin, eine Tür weiter schläft deren Vater, Francesco. Die Wohnung liegt im fünften Stock eines Blocks am Rand einer Schweizer Stadt. Jeden Morgen steht Svoboda um halb acht auf, weckt den alten Mann, nimmt ihn aus dem Bett. Bringt ihn ins Bad, wäscht ihn, rasiert ihn und gibt ihm die Prothese in den Mund. Francesco Renzulli kann das nicht mehr selber. Er ist dement. Er kann sich nicht anziehen, er kann nicht kochen, auch kein Wasser für den Tee. Wenn er allein spazieren geht, verliert er sich. Oder er bleibt einfach irgendwo stehen. Schreit vielleicht. Oft sogar. Darum hat er Svoboda. Für die Nachbarn im Block, wenn sie sich erkundigen würden, wäre sie eine «Bekannte». Aber sie fragen nie.
Der Betreuungsplan für Vater Renzulli ist kompliziert. Am Nachmittag hat die Rumänin frei. Dreimal pro Woche kommt ein Freiwilliger zu Renzullis, viermal eine andere Schwarzarbeiterin. Am Abend hilft die Tochter aus. Zweimal pro Woche kommt die Spitex. Duschen und Eincremen. Es ist alles organisiert.
«Die erste Illegale, die ich anstellte, war nicht zu gebrauchen, ich musste sie wegschicken. Die Zweite ging nach ­einem Monat, weil sie sich um ihren kranken Sohn kümmern musste. Die Dritte war Svoboda. Sie ist gut.» Die Tochter tippt sich an die Stirn. «Verstehen Sie? Gesunder Menschenverstand. Das ist alles, was es braucht. Oder denken Sie, es sei schwierig, Medikamente zu geben? Das ist es nicht, glauben Sie mir.»
Svoboda ist seit 2005 bei Renzul­lis. Jeden Morgen macht sie Frühstück und geht dann mit Vater Renzulli spazie­ren. Der braucht viel Bewegung, sehr lange Spaziergänge. Und er ist auch sonst das, was man anstrengend nennt. Laut und aggressiv. Svoboda aber sagt: Herr Renzulli und sie, das funktioniere gut. Anna Renzulli bezahlt der Pflegerin 1700 Franken im Monat – eine professionelle würde ein Vielfaches kosten. Wohnen und essen kann die Rumänin gratis, Krankenkasse und AHV hat sie keine. Svoboda lebt illegal in der Schweiz, eine Sans-papier.

Ohne Sans-papiers läuft nichts

Zwischen 110 000 und 125 000 ältere Menschen sind in der Schweiz heute nicht in der Lage, selbstständig einen Haushalt zu führen. Sie müssen gepflegt und betreut werden, viele von ihnen rund um die Uhr. Daran denkt in der Schweiz fast niemand, der älter wird, und daran denken schon gar nicht die Kinder derer, die älter werden. Plötzlich ist der Vater, zu dem man vielleicht ein Leben lang aufgeschaut hat, ein Pflegefall, hilflos wie ein Kind. Plötzlich braucht die Mutter, die vielleicht eben noch bei der Betreuung der Enkel zur Hand ging, selber Betreuung. Und dann ist der Schock so gross wie das Unwissen. Wohin mit dem Vater, wohin mit der Mutter? Welche Angebote gibt es? Was kann die Spitex? Wer bezahlt das alles? Und vor allem: Muss Vater, muss Mutter wirklich ins Heim?
Anna Renzulli wollte nie gegen das Gesetz verstossen, aber sie sagt, sie habe ihren Vater aus dem Heim nehmen müssen. Dringend. Das war an Weihnachten 2004, und es gab Streit mit dem Bruder und dessen Frau. Die fanden, das Heim sei doch eine gute Lösung. Sie war anderer Meinung. «Was am Heim schlimm war? Das kann ich Ihnen sagen: alles.»
Es war schon das dritte Heim. Das erste war besser gewesen, lag aber eine halbe Autostunde ausserhalb der Stadt. Die Tochter fuhr jeden Abend hin und brachte den Vater ins Bett. «Es war weit weg, und ich musste ja arbeiten. So suchte ich in der Stadt ein anderes Heim.»
Im zweiten Heim isst Francesco Renzulli jeden Tag punkt halb zwölf ohne jeden Hunger sein Mittagessen. Nachts liegt er in einem Zimmer mit drei Betten, und wenn die Tochter abends kommt, um ihm das Pyjama anzuziehen und ihn ins Bett zu bringen, sieht dies das Personal nicht gern. Die anderen Männer im Zimmer liegen längst unter der Decke. Einer kann so früh nicht schlafen und weint ab und zu. Im dritten Heim, das Vater Renzulli zwischen Januar und Mitte Dezember 2004 bewohnt, ist es nicht besser. Wenn er laut ist, wird er mit Medikamenten beruhigt. Manchmal findet ihn die Tochter mit den falschen Pillen oder ohne Socken. «Ich verstehe, dass im Heim keine Betreuung rund um die Uhr möglich ist», sagt Anna Renzulli. Aber das ist es, was sie für ihren ­Papa wünscht. «Es gibt im Heim nur Routine. Für jede kleine Sache, die darüber ­hinausgeht, muss man kämpfen. Insistieren. Mit der Direktion reden.»
So kommt der alte Mann nach ­einem Jahr wieder nach Hause.
Der Trend ist klar: In der Schweiz, und nicht nur hier, nehmen Söhne und Töchter die Betreuung ihrer betagten Eltern wieder selber in die Hand. Suchen nach Lösungen, finden Mittel und Wege. Weil sie die staatlichen Angebote entweder unzumutbar oder zu teuer finden. Rund 30 000 bis 40 000 illegale ausländische Arbeitskräfte schauen in Schweizer Haushalten zu Kindern oder alten Menschen – dies eine Schätzung des Linzer Ökonomen Friedrich Schneider, Experte für Schattenwirtschaft. Auch die Beratungsstellen für Sans-papiers stellen fest, dass diese Form der Altenpflege stark zugenommen hat. Bea Schwager, die Papierlose in Zürich berät, kann keine genauen Zahlen nennen, glaubt aber, dass hierzulande etwa zwei Drittel aller Sans-papiers in privaten Haushalten arbeiten. Die meisten als Putzkraft, aber immer mehr, «vielleicht jede Zehnte», auch in der Pflege. Ausgehend von den verschiedenen Schätzungen über die Gesamtzahl der Sans-papiers arbeiten nach dieser Rechnung rund 6000 bis 20 000 Sans-papiers in der Schweiz in der Pflege.

Heim ist nicht heimelig

Über die Qualität der Alters- und Pflegeheime in der Schweiz gehen die Meinungen auseinander. Wo der bekannte Gesundheitsökonom Willy Oggier ein paar «Fragezeichen» für angebracht hält, sieht es der Soziologe François Höpflinger, einer der führenden Erforscher von Alter und Pflege im Land, positiver: «Viele Heime haben sich den heutigen Ansprüchen angepasst. Aber natürlich, es wird nie so sein, dass das Pflegepersonal zwei Stunden mit einem Patienten im Wald spazieren kann.»
Genau das aber erwartet heute die Kundschaft: flexible, individuelle und liebevolle Betreuung. Unter den heutigen Arbeitsbedingungen können die Heime gar nicht anders, als den Ansprüchen hinterherzuhinken. Am Personal liegt das nicht, wie Höpflinger in einem seiner Bücher über die Perspektiven der Altenpflege in der Schweiz schreibt: «Vor allem in grösseren Betrieben und bei ausgeprägtem Mangel an qualifiziertem Personal kollidieren der Zeitdruck und eine verstärkte bürokratische Reglementierung von Pflegeleistungen mit dem Aspekt, dass für Pflegerinnen in ihrer Arbeit die Beziehung zum Heimbewohner zentral ist.»
In diesem Land hat jedes Dorf sein eigenes Heim. Und doch liegt den meisten Schweizerinnen und Schweizern nichts ferner, als dort hinzugehen. Es ist die letzte Wahl. Es ist in den Augen der Leute, immer mehr aber auch der Statistik, ein Ort zum Sterben. Die Endstation. No go. François Höpflinger: «Die Heime müssen mit diesem Image leben. Es ist unabänderlich.» Er zitiert eine Studie, die er im Wallis machte: «Kinder, die ­ihre Eltern ins Heim schicken, leiden unter starken Schuldgefühlen.» Der Gang ins Heim werde von Angehörigen, aber auch von Aussenstehenden als «Versagen der Familie» interpretiert. «Das ist eine alte, und zum Teil auch falsche Vorstellung von der Familie», meint Höpflinger. «Die Grossfamilie, die ihre Alten selber pflegt, war in der Schweiz spätestens seit der Industrialisierung gar nicht so stark verbreitet, wie man glaubt.»
Die Abneigung gegen das Heim hat sich in den letzten Jahren noch verstärkt. «Die Leute wollen keine Gesamtlösungen mehr», sagt François Höpflinger. «Sie kümmern sich selber um die Dinge, vergleichen Angebote und finden eine individuelle Lösung, die für sie stimmt.» Wer im Internet nach den billigsten Flugverbindungen nach Singapur fahndet, mit allen Tricks die Steuerrechnung optimiert und Unterschriften für die freie Schulwahl sammelt, wird seinen kranken Vater oder seine kranke Mutter nicht widerstandslos dem lokalen Alters- und Pflegeheim überlassen. Gesundheitsökonom Willy Oggier sagt es prosaisch: «Die Leute bezahlen rund die Hälfte der Pflegekosten selber. Also wollen sie selber sagen, was sie bezahlen. Sie sind sich gewöhnt, für ihr Geld auch Ansprüche zu stellen.»

«Man ist ziemlich allein»

Paul Ineichen steht daneben, als die Frau, mit der er seit fünfzig Jahren verheiratet ist und die ihn seit sechzehn Jahren pflegt, zusammenbricht. Sie ist aus dem Garten gekommen, wo sie den schönen Frühlingstag dazu genutzt hat, um die Beete zu richten, dann ist ihr Herz einfach stillgestanden. Paul Ineichen weiss: Er ist jetzt allein in seinem Haus. Er und seine Krankheit, Parkinson. Nach der Beerdigung sagt er zu seinen Kindern: «Ich verkaufe das Haus und ziehe ins Heim.» Das steht oben im Dorf, Paul Ineichen hat dort ab und zu Bekannte besucht. Er sagt, es sei ein schönes Heim, und er falle dort bestimmt niemandem zur Last.
Die Kinder zögern. Sie fragen sich: Will er das wirklich? Handkehrum: Wie um alles in der Welt soll der Vater zu Hause weiterleben? Er kann nicht kochen, er kann nicht staubsaugen, er kann nicht Rasen mähen. Er kann an guten Tagen seine Jacke selber anziehen. «Wir haben uns dann beim Altersheim erkundigt», sagt Renata Ineichen, eine der beiden Töchter. «Man hat uns gesagt, sie könnten keinen nehmen, der so viel Hilfe braucht.» Also fahren Ineichens ins Pflegeheim. Die Leute dort sind nett. Sie sagen, Herr Ineichen könne aus seinem Einfamilienhaus durchaus zwei, drei kleine Möbel mitbringen. Das Zimmer ist klinisch weiss. Es sieht aus, als sei es nicht zum Leben vorgesehen, sondern zum Sterben. Ineichens gehen wieder.
Auch sie lernen jetzt die Heime in der Umgebung kennen. Pro Senectute hat ihnen eine Liste gegeben. Im Internet schauen sich Ineichens die Fotos an, lesen die Leitbilder. Die Pflege stelle den Menschen in den Mittelpunkt, steht da. Immer. Sie besuchen ein zweites Heim, es ist klein und persönlich. In jedem Zimmer gibt es eine Kochnische, um Tee oder eine kleine Mahlzeit zu machen. In zwei Jahren, erfahren sie, könne Paul Ineichen einziehen. Im dritten Heim «schnuppert» er zwei Tage. «Als ich ihn abholte», erzählt die Tochter, «sagte er, wie froh er sei, nach Hause zu kommen.» Und zu Hause lebt Paul Ineichen auch jetzt noch, mehr als ein Jahr nach dem Tod seiner Frau.
Renata Ineichen sitzt ein bisschen bekümmert über ihrem Süssmost. Es ist alles schrecklich aufwendig geworden. «Man ist schon ziemlich allein, wenn man mehr sucht als bloss einen Platz in einem Heim. Man muss sich ­alle Informationen selber beschaffen, über Pfle­ge­plätze, Tageshorte, Geld.» Renata Ineichen hat ihr Arbeitspensum reduziert, um bei der Pflege des Vaters zu hel­fen. Sie hat sich mit ihrer Schwester und den zwei Brüdern nach alternativen Pflegemöglichkeiten umgehört: auf dem Bauernhof, in einer Wohngemeinschaft, was auch immer. Sie hat sich überlegt, wie es wäre, das Haus zu verkaufen. Oder umzubauen und zum Teil zu vermieten. Die Suche nach der idealen Pflege für den Vater dauert immer noch an. So lange kommt einmal pro Woche Marcella vorbei.
Die Krankenschwester aus Vene­zu­e­la lebt und arbeitet seit neun Jahren ­ohne Papiere in der Schweiz. Nachbarn haben sie empfohlen, ihre Putzkraft steht im Quartier in gutem Ruf. Bei Ineichens übernimmt sie eine Nachtwache und schläft im Gästezimmer. Am Morgen rasiert sie Herrn Ineichen, macht Frühstück und geht wieder. Nicht, dass Ineichens kein schlechtes Gewissen hätten. Auch der kranke Vater hat Bedenken, ­eine Illegale zu beschäftigen. «Er glaubte», so die Tochter, «er beute eine Notlage aus.» Die Familie hat darum ein Sperrkonto eingerichtet. Dahin fliessen die Quellensteuern und die AHV-Beiträge für Marcella. Sie erhält von Paul Ineichen die 25 Franken in der Stunde, die er auch den beiden Töchtern und einem Rentner bezahlt, die ihn pflegen.
Paul Ineichens Leben richtet sich nach einem festen Stundenplan. Zweimal die Woche kommt die Spitex. Drei­mal bringt ihn der Fahrdienst des Frauen- und Müttervereins in die Tagestreffs der Gemeinde oder des Pflegeheims. Vier Personen pflegen ihn nach einem festen Rhythmus. Die Patchwork-Pflege ist nicht billig: Paul Ineichen bezieht AHV und ­eine Hilflosenentschädigung, aber das Geld reicht nicht, um die 8000 Franken zu decken, die er jeden Monat für seine Betreuung bezahlt. Das Ersparte ist bald aufgebraucht, er denkt daran, aufs Haus eine neue Hypothek aufzunehmen.
«Mein Vater geht jeden Tag zweimal spazieren», sagt Renata Ineichen. «Das hält ihn am Leben. Und das ist der Grund, warum er nicht in ein Heim kann. Wenn er während unserer Ferien für ein, zwei Wochen dort war, ging er nie raus. Niemand hatte Zeit, ihn zu begleiten. Oder es hiess, er könne nicht allein weg, er werde verloren gehen.» Paul Ineichen ist keiner, der solchen Argumenten nicht gehorcht, und bleibt folglich einfach sitzen. Aber er kann rechnen. 8000 Franken würde er auch im Heim bezahlen. Er nennt das, was er zu Hause hat, ein viel besseres Preis-Leistungs-Verhältnis.

Legal ist fast unmöglich

Es kann, aber muss nicht billiger sein, einen pflegebedürftigen Menschen zu Hause zu versorgen. Gerade, wenn er vierundzwanzig Stunden am Tag betreut werden muss. Die Spitex-Dienste bieten den Rundumservice zwar an, aber der ist für die meisten Leute unbezahlbar. Die Idee, eine Pflegerin fest anzustellen und beim Patienten einzuquartieren, hat da ­etwas Verlockendes – erst recht, wenn in der Wohnung oder im Eigenheim genügend Platz ist. Es ist aber so gut wie unmöglich, auf dem legalen Arbeitsmarkt jemanden zu finden, der bereit ist, ­bei ­einem Demenzpatienten einzuziehen. Der Schritt in die Illegalität ist da doppelt realistisch. Erstens gibt es genügend willige Pflegerinnen, und zweitens sind sie nicht so teuer. Anna Renzulli zum Beispiel hat für die Pflege ihres Vaters monatlich 3700 Franken ausgegeben. Ein sehr guter Preis für eine Rundumpflege, weniger als die Hälfte von dem, was ein Bett in einem Heim kostet.
Und: Unter Sans-papiers ist die Pflege beliebt. Anders als auf dem Bau oder im Gastgewerbe stehen sie hier nicht unter der Fuchtel eines kommerziell denkenden Chefs. Mehr noch: Dieser Arbeit­geber ist von der Pflegerin genauso abhängig wie umgekehrt. Marcella sagt: «Wenn ich angezeigt werde, wird er es auch.» Bea Schwager von der Zürcher Beratungsstelle für Sans-papiers stellt fest: «Natürlich gibt es auch in der Pflege Fälle von krasser Ausbeutung, aber das Lohnniveau ist doch etwas höher als auf Baustellen oder in Restaurants.» Marcella putzt und pflegt in verschiedenen Haushalten. Sie sagt: Wer neu anfange, werde immer mal wieder ausgenutzt. «Aber mit der Zeit weiss man, wie die Welt funktioniert und wie man einen guten Arbeitgeber findet. Ich habe keine Angst mehr.» Bloss, was sie nicht begreife: «Warum lässt man uns diese Arbeit nicht legal tun?» Alle ihre Bemühungen, zu einer Arbeitsbewilligung zu kommen, waren chancenlos.

Kann alles, macht alles

Vielleicht ist es zynisch, bestimmt ist es wahr: Die illegale Papierlose, die beim dementen Papa wohnt, ist die ideale Pflegerin für die Gesellschaft von heute. Sie füllt die Lücke im fast leeren Einfamilienhaus, ist Pflegerin, Köchin, Putzkraft und Konversationspartnerin in einer Person. Eine flexible Multitaskerin, die immer da ist, wenn sie gebraucht wird. Sie arbeitet liebevoll und billig, und wenn nicht, ist es leicht, sie loszuwerden.
Kein Wunder, boomt dieses Pflegemodell. Und es boomt auch in Deutschland, obwohl es dort eine Pflegeversicherung gibt. Die Beiträge an Personen, die ihre Angehörigen zu Hause pflegen (lassen), sind so tief, dass die billigste, ­also schwarze Lösung umso attraktiver erscheint. Italien, auch dies ein Land mit Pflegeversicherung, geht einen anderen Weg: Sans-papiers pflegen hier legal. Stirbt die betreute Person aber, verfällt die Arbeitsbewilligung nach drei Monaten. Die Frist reicht den meisten, um ­einen neuen Kunden zu finden.
Die Menschen, die noch im Heim wohnen, werden immer älter und immer kränker. Im Durchschnitt sind sie heute 86 Jahre alt. Ein Drittel stirbt innerhalb eines Jahres. Krankheiten, die einst zwingend ins Heim führten, können heute durch Angehörige begleitet werden. Zudem ist der Wohnstandard so hoch, dass der Umzug ins Heim ­einen umso grösseren Komfortverlust mit sich bringt. Zu schweigen davon, dass die ­hohen Heimkosten in vielen Fällen dazu führen, dass das eigene Haus verkauft werden muss. Auch das schreckt ab, lässt viele den Eintritt ins Heim bis zum letzten Moment hinauszögern. Die neuen Generationen von Senioren sind flexibler und bereits durch die Individualisierung geprägt. Ausserdem haben die meisten genug Geld, um sich auch mal von bezahltem Personal zum Coiffeur bringen oder die Wohnung putzen zu lassen. Und wenn das Leben dann doch mühselig wird, hilft die Technik.

60 Prozent zu Hause

Zwölf Jahre ist es her, da fiel Margrit Fraefel bei einem Tennismatch hin. Zehn Jahre sind es, dass ihr die Ärzte sagen konnten, warum. Die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS/PLS) zerstört die Nervenbahnen, worauf die Muskeln verkümmern und der Körper langsam gelähmt wird. Heute sitzt Fraefel als «inkomplette Tetraplegikerin» im Rollstuhl. Sie steuert ihn durch die schwellenlose Balkontür und hält am Tisch.
Ein Frühlingstag liegt über Koppigen, Bern. Die Kirche bimmelt, und auf dem Balkon im vierten Stock des Mehrfamilienhauses lehnt sich Hans Fraefel in seinen Stuhl zurück und sieht seiner Frau dabei zu, wie sie von ihrer Konsole am Rollstuhl aus die Sonnenstore zurechtrückt. Anderswo in der Wohnung könnte man sehen, wie sie mit dem gleichen Gerät den Lift holt, das Telefon bedient oder das Pflegebett verstellt. Alles elektronisch. Dass Margrit Fraefel immer noch zu Hause wohnen kann, verdankt sie aber nicht nur der Technik. Der Hauptgrund sitzt neben ihr.
Hans Fraefel, frühpensionierter CS-Manager, betreut seine Frau während zwei­undzwanzig Stunden am Tag. Zwei Stunden hat er für sich. Dann geht er einkaufen und meist noch schwimmen, während der Renault des «Hausbetreuungsdienstes für Stadt und Land» vor dem Haus parkt und eine der drei Mitarbeiterinnen kommt, die Margrit Fraefel abwechslungsweise betreuen.
In der Schweiz werden etwa 60 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause betreut. Meistens leisten die Ehepartner und/oder die Töchter diese Arbeit, und gelegentlich überfordern sie sich auch damit. Das Risiko, dass Angehörige im Pflegestress selber erkranken und zu «hidden patients» werden, sei recht gross, sagt der Soziologe François Höpflinger – vor allem bei pflegeintensiven Krankheiten wie der Demenz. Es sei darum wichtig, die Pflegenden zu entlasten. Das Problem scheint erkannt, denn die Spitex boomt. Nur: Die Arbeit der öffentlichen und der gemeinnützigen Anbieter nahm in den letzten zehn Jahren nur wenig zu. Seit 1998 wuchs die Zahl der Kunden um 2,4 Prozent, jene der verrechneten Stunden um 12,3 Prozent.
Viel höhere Zuwachsraten haben die kommerziellen Anbieter. Über sie gibt es keine Statistik, aber dass ihre Zahl und ihre Kundschaft ständig wachsen, ist in der Branche allen aufgefallen. So spricht auch Santésuisse, der Verband der Krankenkassen, von einem Boom. Für den Gesundheitsökonomen Willy Oggier kommt die Entwicklung nicht überraschend: «Es gibt zwei grosse Bedürfnisse in der Altenpflege. Erstens will man, solange es geht, zu Hause bleiben. Zweitens soll die Betreuung möglichst individuell und flexibel sein.» Die Privaten haben da laut Oggier einen Vorteil: «Um zu überleben, müssen die Kommerziellen schneller und flexibler auf die Wünsche der Kunden reagieren.» Es ­gebe heute genügend ältere Leute mit Vermögen, die das auch bezahlen.
Die Tarife, welche die Krankenkassen für Spitex-Dienste in der Grundpflege bezahlen, sind bei öffentlichen und privaten Anbietern gleich hoch. Unterschiede gibt es bei Angeboten, die nicht medizinisch begründbar sind. In den meisten Kantonen rechnet die Spitex, da sie ja subventioniert ist, diese Dienstleistungen gemäss dem Einkommen und Vermögen der Kunden ab. Die Privaten verrechnen fixe Tarife. Wer also Geld hat, fährt mit der kommerziellen Spitex günstiger. Ein zusätzlicher Wettbewerbsvorteil.
Als seine Frau immer mehr Hilfe braucht, ruft Hans Fraefel die örtliche Spitex an. Die Auskunft ist so freundlich wie unbrauchbar. Täglich um 15 Uhr könne man da sein. «Ich kann doch meine Frau nicht bis am Nachmittag im Bett liegen lassen.» Fraefel schüttelt den Kopf. Seine Frau lacht, lautlos. Erzählt dann in lang gedehnten Worten, und ihr Mann übersetzt: «Man muss mich eine Weile kennen, um zu verstehen, was ich sage. Die Spitex konnte nicht versprechen, dass immer die zwei, drei gleichen Mitarbeiterinnen zu mir kommen. Aber es ist wichtig, dass die Pflegerin hört, was ich sage, sodass ich sie zum Beispiel bremsen kann, wenn sie zu schnell macht. Bei mir muss alles langsam gehen.»
Eine zu schnelle Massage, erklärt Susanna Loosli, könne bei Magrit Fraefel spastische Reaktionen auslösen. Die Pflegefachfrau, Mutter von vier Kindern, in Teilzeit angestellt in einem Wohnheim für psychisch kranke Jugendliche, ist heute mit dem Hausbetreuungsdienst da. Den hat Hans Fraefel am Tag nach dem Anruf bei der Spitex gebucht.

Wie gut ist Patchwork?

Diese Firma mit etwa 700 Mitarbeiterinnen ist nur einer von vielen kommerziellen Pflegedienstleistern im Land. In zwanzig Jahren hat er dreissig Stützpunkte in der Deutschschweiz aufgebaut. Vom berni­schen Kirchberg aus werden knapp sechzig Kunden betreut. Susanna Loosli arbeitet wie fast alle in der Firma in ­einem kleinen Pensum. Die meisten betreuen nur wenige Kunden, müssen darum auch nicht immer gleich zum nächsten Patienten hasten. Da liegt schon mal noch ein zusätzliches Stündchen für ein Gespräch drin. «Für viele von uns ist diese Arbeit auch ein Ausgleich neben den Kindern oder einem anderen Beruf», sagt Loosli und lacht: «Ich leide ja ein bisschen unter dem Helfersyndrom.»
Wenn private Spitex-Dienste bei ihren Kunden also als besonders flexibel gelten, dann nicht nur, weil die Teams klein sind. Sondern auch, weil hier, wie das Beispiel zeigt, der Übergang zur Freiwilligenarbeit gelegentlich fliessend ist. Diese Pflegerinnen im Kleinstpensum besuchen ihre Kunden gern, auch schon mal ausserhalb der Stundenpläne. Er habe von allen Pflegerinnen die private Handynummer, sagt Hans Fraefel, und dürfe sie auch jederzeit benutzen.
Flexibilisierte Angestellte betreuen flexibilisierte Patienten. Die Patchwork-Pflege ist real. Ein Versuch, die Finanzie­rung der Pflege diesen neuen Voraussetzungen anzupassen, läuft. Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) testet derzeit an 221 Pflegefällen das sogenannte Assistenzbudget. Die Testpersonen erhalten von der Invalidenversicherung pro Monat im Durchschnitt 4400 Franken. Mit dem Geld stellen sie ihr Pflegepersonal selber ein, oder sie entschädigen Helfer, die bisher gratis arbeiteten. Längerfristig soll dieses Modell die deutlich teureren Heime und Spitex-Dienste ablösen, hoffte das BSV, und damit die Gesundheitskosten senken.
Die vorläufige Bilanz ist allerdings gemischt: Erfreulich ist, dass die Betroffenen selbstständiger sind, dass Heimeintritte verzögert oder verhindert werden. Das BSV räumt aber ein, sich in den Kosten verschätzt zu haben. Das Assistenzbudget sei anders als erwartet nicht kostenneutral: Zu wenige der Testpersonen, die zuvor in einem Heim gelebt hatten, konnten dieses definitiv verlassen. Der Versuch wurde vom Bundesrat bis Ende 2009 verlängert.

Der Sohn hatte ihnen nur gesagt, im «Waldesruh» habe es noch Platz. | Dan Cermak
Der Sohn hatte ihnen nur gesagt, im «Waldesruh» habe es noch Platz. | Dan Cermak
Die Tochter hatte ihm nur versprochen, sie würde ihn nie aufs Abstellgleis schieben. | Dan Cermak
Die Tochter hatte ihm nur versprochen, sie würde ihn nie aufs Abstellgleis schieben. | Dan Cermak

Die Diskussion

11 Reaktionen

  1. Markus Leser

    Der Beitrag lässt mich als Sohn betagter Eltern ratlos zurück. Ist das etwa ein Aufruf an uns Angehörige, bei der Betreuung unserer Eltern illegale Handlungen vorzunehmen? „Jetzt ist eine Frau aus Rumänien da und kümmert sich“, steht auf Seite 9. Ja, wenn das alles so einfach wäre.
    Die Betreuung und Pflege eigener Eltern ist eine komplexe und vielschichtige Angelegenheit: in organisatorischer und emotionaler Hinsicht. Dieser Komplexität genügt der Artikel in keiner Weise. Im Gegenteil, er bedient sich zudem falscher Aussagen. „Die Abneigung gegen die Alters- und Pflegeheime nimmt zu“, steht da im Inhaltsverzeichnis zu lesen. Mich würde interessieren, aufgrund welcher Untersuchungen und Erkenntnisse diese Behauptung zustande kommt. Eine repräsentative Studie der Universität Zürich zum Thema „das Alters- und Pflegeheim als Lebensraum“ kommt zu einem gänzlich anderen Bild. Dort wird belegt, dass die Mehrheit der Menschen, welche in einem Alters- und Pflegeheim leben, zufrieden sind und sich wohl fühlen. Auch sind Alters- und Pflegeheime in der Regel in ihrem Quartier oder ihrer Gemeinde fest verankert. Dass sie immer wieder als Prügelknaben herhalten müssen, hat wohl eher mit den emotionalen Verunsicherungen von uns Angehörigen bei der Versorgung unserer alten Eltern zu tun, als mit der qualitativen Arbeit der Heime.
    Im Artikel wird ausführlich die Versorgung des dementen Vaters beschrieben. Betreuung und Begleitung demenziell erkrankter Menschen erfordert sehr viel Wissen und Know-How. Dies wird vor allem in der stationären Altershilfe heute durch entsprechende Aus- und Weiterbildungen sicher- gestellt und auch von verschiedenen Stellen überwacht. Wer aber überwacht die Arbeit von Personen, welche sich illegal in der Schweiz aufhalten? Haben diese überhaupt die spezifischen Kenntnisse, um die komplexen Aufgaben in der Begleitung älterer Menschen zu übernehmen?
    Angeblich haben wir als Angehörige ein schlechtes Gewissen, unsere Eltern „in ein Heim zu geben“ (oder ist es eher der Schutz des Portemonnaies?). Jedenfalls müsste dieses schlechte Gewissen noch viel grösser sein, wenn wir die eigenen Eltern der Illegalität preisgeben. Der arme Vater Renzulli hat ja nun schon die dritte „Illegale“. Ich persönlich würde ein solches Versteckspiel meinen Eltern nicht zumuten wollen – das haben sie in ihrem hohen Alter wirklich nicht verdient.
    Dr. Markus Leser, Sohn und Leiter Fachbereich Alter von CURAVIVA Schweiz

  2. Doris Held

    Der Artikel beschreibt wohltuend nüchtern die Realitäten der heutigen Betreuung alter Menschen. Was mich aber erschreckt, ist die negative Darstellung der Alters- und Pflegeheime. Wenn ich, als 47-jährige alleinstehende und alleinverdienende Frau mit – nicht nur alleinstehenden – Gleichaltrigen spreche, dann tönt es anders, als im Artikel beschrieben. Dann höre ich, dass die meisten ihre Eltern nicht selber betreuen können, weil sie – eingespannt in 9 oder 10-Stunden-Tage – schlicht die Zeit und Kraft dazu nicht haben. Wer bleibt sind Frauen, die nebst der Kinder- auch noch die Elternbetreuung übernehmen, Frauen, die ihr Arbeitspensum reduzieren (wollen und können) oder pensionierte Partner/innen. Alle anderen, die mitten im erwerbstätigen Leben Stehenden und die so normal Verdienenden, dass sie sich keine 24-Std.-Betreuung für die Eltern leisten können, sind auf andere Lösungen angewiesen. Mit dem schlechten Heimimage müsse man leben, stand im Artikel. Nur: Das Image wird auch nicht besser, wenn die Berichterstattungen über die Alters- und Pflegeheime immer wieder das Negative betonen. Klar: Heime sind keine Paradiesgärten. Aber es gibt einfach zu viele und unterschiedlich geführte Häuser, als dass man alle so pauschal abwerten könnte! Erwachsene Kinder betagter Eltern brauchen moderne Lösungen jenseits der alten Klischees und illegalen Pflege. Solche Lösungen müssen Heimvarianten und Patchworklösungen miteinander verbinden. Die privaten und institutionellen Dienstleistungen müssen mehr ineinander verwoben und als eine Palette verschiedener Dienstleistungen verfügbar gemacht werden. Dafür braucht es mindestens zweierlei: kluge und mutige Politiker, die sich für eine qualitativ hochstehende und leistbare Betreuung und Pflege im Alter einsetzen sowie offene Medienschaffende, die alte Klischees in den Köpfen umschichten helfen. Sonst werden wir, die in Erwerbsleben und Betagtenbetreuung am Rande eingespannten Kinder, morgen auf noch viel schlimmere Situationen treffen. Darin wird – für die Nichtsuperreichen – die Sans-Papier-Pflegerin die Luxusvariante sein.

  3. Dieter Schütz

    Als Mitarbeiter in einem Pflegezentrum für demenzkranke Menschen erlebe ich immer wieder, wie schwer es Angehörigen fällt, die Betroffenen im Heim anzumelden. Gibt es wirklich bessere Lösungen? Sind es nur die Kosten, die einen veranlassen, illegale Lösungen zu suchen? Wer sich als allein stehende Tochter eine Wohnung leisten kann, in der der kranke Vater plus eine Betreuerin leben kann, sollte sich schämen, sich weder Gedanken um die Professionalität der Pflege zu machen, noch sich für die Kranken-, Unfall- und Altersvorsorge der illegalen Hilfskraft zu sorgen. Und auf das eigene Vergnügen möchte man ja auch nicht verzichten. Dabei stehen in den vielen Heimen, die es überall gibt, viele gut ausgebildete Pflegekräfte zur Verfügung, die nicht aus Mangel an Engagement zum Beispiel die gewünschten Spaziergänge anbieten, sondern weil die Stellenpläne so knapp sind. Zahlen will den Spaziergang schliesslich niemand in ausreichender Höhe. Dazu kommt die Diskrepanz zwischen den Bedürfnissen der Betroffenen und den Bedürfnissen der Angehörigen, die Massstäbe können da sehr unterschiedlich sein. Ich bin froh, kann ich täglich mehrere Bewohnerinnen und Bewohner an meinem „Arbeitsort Pflegeheim“ fragen, wie es ihnen geht. Die Antwort lautet in 99%: mir geht es gut, danke! Die Arbeit, die das bewirkt, wird legal verrichtet.

  4. Anita Schmid

    Mir hat der Artikel ‘Wohin mit euch?’ an sich gefallen und einige nützliche Anregungen verschafft. Hingegen bin ich nach wie vor empört über den respektlosen Titel auf der Frontseite wie im Artikel selber. ‘Wohin mit ihr/mit euch?’ klingt nach Ware – Menschenware und damit absolut despektierlich. Sollte es Absicht gewesen sein, wirklich vor den Kopf zu stossen, um auf die Thematik aufmerksam zu machen, dann finde ich das einen schlechten Witz

  5. Peter M. Mötteli

    Man nehme ein paar ausgewählte “wahre” Geschichten, setze einen Allgemeingültigkeit verheissenden Titel dazu, illustriere das Ganze mit einigen “gestylten” Fotos – und schon ist die Geschichte verkauft. Ein Bericht ohne Fragezeichen, auch nicht unmittelbar als polemisch erkennbar, sondern Fakten suggerierend und billige Klischees bedienend. Ein Trend wird damit nicht identifiziert, sondern gemacht.

    Ausgeblendet wird, dass der schwierige letzte Lebensabschnitt (und nicht nur der) bestmöglich nur gelingen kann, wenn der Blick nicht allein auf ein einzelnes Teil des Systems “Leben im Alter” fokussiert wird. Es kann gar nicht darum gehen, das “beste Altersheim” mit dem “schönsten” Ausblick ins Grüne oder die “netteste” Moldawierin für die Pflege der Grossmutter zu finden, sondern sich darauf einzulassen, herauszufinden, wie alle Teile gemeinsam zu optimieren sind. Dazu gehören: zuallererst die direkt betroffenen „Alten“, dann die Angehörigen, die Betreuenden und Pflegenden in den Institutionen, die zur Verfügung stehenden Ressourcen, der geografische Standort mit seinen kulturellen Möglichkeiten, der Freundes- und Bekanntenkreis, die Aktivierungsmöglichkeiten und vieles mehr.

    Das Anstrengende dabei ist, dass Angehörige aufgefordert sind, sich selbst produktiv einzubringen und nicht in einer unangemessenen Anspruchshaltung einfach das Beste für ihren betagten Vater einkaufen zu wollen. Aus dieser Sicht würde aber auch erkennbar, dass Alters- und Pflegheime eine vorzügliche Leistung erbringen, die in diesem Gesamtsystem nicht nur unverzichtbar ist, sondern nachweisbar an Bedeutung gewinnen wird. Wir sollten diese Leistung würdigen und tunlichst nicht eine Abneigung, sondern eine Akzeptanz im Sinne “Lieber im Heim als Daheim” entwickeln. Zwei, drei passende Geschichten liessen sich auch dazu sofort finden. Natürlich kann, soll und muss das Altersheim ja auch nicht die einzige Möglichkeit für das Leben im Alter darstellen.

  6. Regina Bolliger

    Wieso wird in der heutigen, modernen Gesellschaft eigentlich immer noch vom Pflegepersonal erwartet, dass es zusätzlichen und freiwilligen Einsatz leistet und nur dann eine „gute“ Pflegerin darstellt? Ich übe meinen Beruf als Pflegefachfrau in der Spitex sehr gerne aus und freue mich tagtäglich auf die Klientenkontakte, auch wenn ich kein Helfersyndrom habe.
    Wohlverstanden, ich habe sehr hohen Respekt vor der Leistung, die pflegende Angehörige tagtäglich und meist über Jahre hinweg leisten und ich verstehe ihr Bedürfnis nach Sicherheit und Unterstützung rund um die Uhr voll und ganz.
    Aber als Arbeitnehmerin bin ich genauso darauf angewiesen, einen einigermassen geregelten Arbeitseinsatz zu haben (neben allen Überstunden, Spätschichten und Wochenendeinsätzen) wie mein Postbote, mein Automechaniker, meine Bäckerin, …
    Freiwilligenarbeit leiste ich in meiner Freizeit und hat nichts mit meinem Beruf zu tun. Für meine Eltern, Nachbarinnen, in der Kirchgemeinde bin ich gerne sozial tätig.
    Die stetig steigenden Gesundheitskosten sind ein gesellschaftliches Problem. Es kann nicht sein, dass vom Pflegepersonal während der Arbeitszeit grösseren freiwilligen Einsatz gefordert wird, und das gesellschaftliche Problem ist gelöst.

  7. Kerstin Franke

    Dieser Artikel hat mir voll und ganz aus dem Herzen gesprochen. Das Schweizer Gesundheits-/Pflegesystem scheint noch nicht flexibel genug zu sein, um sich auf die Pflegenot-Situation bei den pflegenden Familien einstellen zu können und somit den Kranken und pflegenden Angehörigen ausgleichend kostengünstig zu helfen. Das unstimmige Preis-Leistungs-Verhältnis von vielen Anbietern zwingt die Angehörigen förmlich dazu, sich nach anderen Lösungen umzusehen. Die illegale Einquartierung einer Papierlosen sollte aber nicht die scheinbar einzige optimale Lösung sein. Es gibt viele private Anbieter, welche auch ohne überteuerte Kosten ihre Hilfe darbieten. Ich selbst biete eine fachgerontologische Betreuung für Demenzkranke in Solothurn in meiner demenzgerechten Wohnung an. Mit einem Stundenpreis von 15,-Franken sollte dies ein wirklich gutes, vernünftiges und alternatives Entlastungsangebot sein, welches auch in ein kleineres Budget passt. Leider werden viele pflegende Angehörige selten auf solche Angebote aufmerksam und lassen sich meist auf Spitex/Heime verweisen. Erst später sagen die Angehörigen dann: wenn wir gewusst hätten. Mehr Engagement und Aufklärung täte wohl allen Beteiligten gut.

  8. Sybille Graber

    Angehörige, die ihre pflegebedürftigen Partner, oder Eltern pflegen, sind sehr belastet und brauchen Unterstützung. Diese Unterstützung können sie sich auch in einem unserer Kurse “pflegende Angehörige“ finden. Einerseits in der Information an den 10 Abenden zu speziellen Themen; wie die Übernahme einer Pflege, Rollenwechsel, eigene Grenzen, Entlastung, finanzielle Aspekte, der Heimeintritt, aber auch die Themen Sterben und Trauer. Anderseits aber auch durch den Austausch in der Gruppe.
    http://www.srk-bern.ch/kurse.php

  9. Margrit Züger

    Wenn Menschen mit Demenz schreien, ist das oft ein Zeichen von Unwohlsein, nicht verstanden werden, sich bedroht fühlen. Wenn dann die rumänische Betreuerin nicht versteht, was er braucht, wird sie versuchen, ihn zu beruhigen – mit dem Resultat, dass sich der Betroffene erst recht eingeengt fühlt…. Die Betreuerin wird dann einmal mehr das Gefühl haben, nicht zu genügen. Nicht umsonst ist bei den Betreuerinnen in Italien die Alkoholsucht so verbreitet. Das scheint jedoch weiter kein Problem zu sein… können sie doch jederzeit ausgewechselt, fortgeschickt werden.
    Da noch zu behaupten: …“bestimmt ist es wahr: Die illegale Papierlose, die beim Dementen Papa wohnt , ist die ideale Pflegerin von heute“ ist wahrlich zynisch!

  10. Stephan Caspar-Landolt

    Merci für den eindrücklichen Beitrag zum Thema der gealterten Eltern. Ich lese zur Zeit das Buch von Klaus Dörner „Leben und sterben, wo ich hingehöre“; Dritter Sozialraum und neues Hilfesystem. Dörner skizziert in diesem Buch u.a. die Möglichkeit der „betreuten Wohngruppe“ für alte Menschen, vor allem quartiernah und auch human. Für mich ein guter und möglicher Ansatz. Klaus Dörner ist em. Professor und Sozialpsychiater; ein anderes bekanntes Buch von ihm: „Irren ist menschlich“. Zum Thema Alter hat er zudem weitere beachtenswerte Beiträge verfasst.

  11. Jeanrichard

    Die Titelseite vom Magazin Nr. 32 hat mich sehr berührt und schockiert, besonders ‚‚Wohing mit Ihr’’. Diesen Satz werde ich bis an mein Lebensende nicht mehr vergessen! Wie lieblos das klingt! Wäre es nicht besser gewesen, zu schreiben ‚‚hier müssen wir eine Lösung finden’’ auch auf das Foto bezogen. Mein Alter ist 83 Jahre, ich lese Ihre Zeitung, die ich meist sehr interessant finde, schon seit 58 Jahren und vor unserer Heirat war schon mein Mann (der leider verstorben ist) Abonnent.

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