Zieh mich aus!

Schluss mit der Vernunft. Wir brauchen alle mehr Sex, Drama, Leidenschaft.

04.09.2009 von Birgit Schmid , 16 Kommentare

Es waren einmal ein Mann und eine Frau. Sie hatten sich gern. Sie sagten sich: «Ich liebe dich.» Also beschlossen sie zu heiraten. Es kam das erste Kind, dann das zweite. Sie zogen in ein kleines Häuschen. Liebe wurde zu einer Sache von gemeinsamer Hypothek abzahlen, von TV-Abenden in Trainingshosen, auf dem Sofa eingerollt, von jährlichen Familienferien in Griechenland.
Und so lebten sie dahin.
Es gibt eine andere Vision von Liebe. Dich gewinnen oder umkommen, steht auf ihrem Banner: leben oder sterben. Sie erzählt davon, wie eine Frau tagelang vor dem Telefon kauert und auf seinen Anruf wartet. Diese Liebe erzählt von ihr und ihm, die nicht mehr schlafen, wenn sie im selben Bett liegen, weil das Vergessen des andern dem Tod gleichkommt. Sie erzählt davon, wie eine Frau im Gebüsch vor seinem Haus lauert, um ihn mit seiner Frau durch die Tür treten zu sehen. Sie erzählt vom Mann, der ihre Schuhe aus dem Fenster wirft, damit sie ihn an diesem Morgen nicht verlassen kann.
Eine solche Liebe wird heute krank genannt. Sie gilt als äusserst ungesund. Der emotionale Aufwand passt nicht zur Gefühlsökonomie, die in modernen Beziehungen herrscht, wo Einsatz und Ertrag genau berechnet werden. Die Wahl eines Partners muss sich lohnen, ich gebe so viel, wie ich erhalte. Mir selbst gebe ich keine Blösse. Wir sind pragmatisch geworden: passen den andern in unser Leben ein, passt er nicht, Pech gehabt. Eine Penthesilea, die Küssen mit Beissen verwechselte, als sie, wie töricht für eine Amazone!, ihrem Feind Achilles verfiel, würde zum Psychiater geschickt. Man wird schon gar nicht mehr zur Rasenden. Der «therapeutische Stil» (Eva Illouz) zähmt die Liebenden von vornherein und gehört zum guten Ton jeder Beziehung. Man hat kompromissbereit zu sein. Will verstehen und verstanden werden. Darf den andern nicht in seiner Entwicklung hemmen. Allein dieses vernebelnde, zuckrige Wort: Liebe. Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden: von Zufriedenheit, guter Laune, wir meinen seine Einladung zum Nachtessen oder den Solitär. Das Begehren ist, möglichst entspannt zu sein. Wer die bedingungslose Liebe begehrt, wird als Romantikerin belächelt.
Das Wort «Liebe» nimmt man nur noch ironisch in den Mund. Wie pathetisch!, heisst es schnell mal. Man verbannt den emotionalen Aufruhr spöttisch ins Reich von Hollywood oder in die Pubertät. Dabei hat das glühende, fordernde Gefühl einen einfachen Namen: Leidenschaft.

Endziel Ehe
Die wilde, rücksichtslose Leidenschaft, eigentlich eine archaische Empfindung, muss zurückerobert werden. Ein Plädoyer für mehr Drama in der Beziehung. Mehr Lust, mehr Glück, mehr Erfahrung, mehr Schmerz. Ein Ende dem Paarleben in Pantoffeln! Ein Ende dem gemeinsamen Bankkonto! Ein Ende dem Begriff Beziehung überhaupt! Stattdessen: ein Geschmack von Tristan und Isolde. Anna Karenina und Graf Wronskij. Romy Schneider und Alain Delon. Diego Rivera und Frida Kahlo. Die Autorin Cristina Nehring scheut sich in ihrem soeben erschienenen Buch «A Vindication of Love» nicht, für die Verteidigung der Liebe, so der Titel auf Deutsch, grosse historische und literarische Namen anzuführen. Anhand der Liebesbegabten illustriert Nehring, wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts politische Korrektheit, Zynismus oder die Vermarktung des Sex romantische Liebe zu einem verrufenen Mythos oder einem Freizeitsport reduziert haben: «Die Tragödie unserer Zeit ist die Trivialisierung der Liebe.» Wir sehnen uns nach dem tüchtigen, exhibitionistischen Glück, machen einen Kult um Familie und Kinderhaben. Stellen die Bilder der Kinder auf den Bürotisch, das Foto der Ehefrau fehlt. Seit sechs Kinder Angelina Jolies Hand von der Hand Brad Pitts trennen, sind sie in den Medien kein Liebespaar mehr. Als «Mr & Mrs Smith» schlugen sie sich auf der Leinwand noch die Köpfe ein, um sich danach in die Arme zu fallen, auch im wirklichen Leben. Sondern sie sind jetzt: Eltern. Eine Obsession des Happy Ends hat die erfüllende und aufzehrende Kraft des Liebessehnens abgelöst.
Wenn wir uns verlieben, händigen wir dem anderen eine geladene Pistole aus, schreibt Nehring. Es ist ein Akt von grösstem Mut, und alle Schutzmassnahmen der Welt können die schrecklichen Folgen nicht vermindern. In einem anderen Bild: Wir übergeben das Steuerrad einem berauschten Fremden und unternehmen mit ihm eine Fahrt durch ein unbekanntes Land. Man gelangt an Orte, von denen man nichts wusste, zweigt nach der nächsten Kurve ab und umarmt sich versteckt in den Hügeln. Oder man endet tot im Strassengraben. Lieben heisst riskieren. Je grösser die Gefühle, desto mehr liefert man sich aus. Wer sich hingibt, lebt fortan gefährlich. Emotional und intellektuell Abgestumpfte verlieben sich nur mit Versicherungspolice; nicht wirklich, weder heftig noch dauerhaft.
Fast alles in der modernen Gesellschaft spricht dagegen, dass man sich heftig und dauerhaft verliebt, schreibt Cristina Nehring. «In Beziehungsbüchern, beim Onlinedating und in Ratgeberrubriken ist die Liebe eine organisierte erwachsene Aktivität mit Absturzsicherung links und rechts, rutschfestem Fussboden und einem klaren, sauberen Ziel: die Ehe.»
Héloïse, die berühmte frühe Liebesbriefschreiberin, teilte Abaelard, ihrem Hauslehrer und Geliebten, im 12. Jahrhundert mit: «Ich suchte nicht nach einer ehelichen Verbindung. Ich suchte nichts in dir ausser dir selbst.» Er wurde, nachdem er sie geschwängert hatte, entmannt und sie ins Kloster verbannt.
Nehring: «Jeder, der sich auf etwas einlässt, das ambitionierter, gefährlicher und schwieriger vorauszusagen ist, wird als pathologischer Fall angesehen.» Ein Liebesobjekt zu wählen, das einen herausfordert, an dem man möglicherweise scheitert, könnte stark und kühn sein. In einer therapeutischen Kultur gilt es als Resultat von Unsicherheit und psychischem Schaden.

Glücklich ohne Sex?
Mittelmässigkeit ist der Massstab für eine gute Beziehung. Zwischen den Paaren, die man in den Ferien in den Restaurants sitzen sieht, herrscht das grosse Schweigen. Wohl alles Vernunftehen, das neue Ideal. Massenweise Paarliteratur beruhigt: Die Liebe kann wachsen. Man kann auch ohne Sex glücklich sein. Der Ehepartner als bester Freund ist doch schön, Langeweile zu zweit normal. Das partnerschaftliche Verhältnis macht es für die leidenschaftliche Liebe schwierig. Die Gleichberechtigung hat dazu geführt, dass eine Form von Romantik in Verruf geriet: Romantik, bei der ein Mann eine Frau erobern muss und eine Frau den Mann bis zum Letzten reizt. Das Dogma der Gleichheit zerstört die Libido und langweilt sowohl Männer als auch Frauen. Es ist viel weniger aufregend, einen Seelenverwandten zu gewinnen als einen Gegenpart. Doch der Glaube an die Symmetrie in Beziehungen hat sich durchgesetzt. Alles muss gleich sein oder geteilt werden: Gefühle, Aufgaben, Bedürfnisse. Ja kein zu grosser Altersunterschied, intellektuelles Gefälle oder abweichende Erfahrungen. Gerade darauf aber beruht die erotische Kraft zwischen Paaren, die den Fall der Berliner Mauer bei verschiedenen Reifegraden erlebten. Ohne die soziale Kluft zwischen dem Arbeitermädchen und dem Sohn des Industriellen wäre deren Verbindung nie so elektrisierend. Die Liebe strebt nicht nach Balance.

Scheitern ist cool
Der Feminismus wurde der liebenden Frau zum Verhängnis. Die Verschwendung des Gefühls passt nicht zur emanzipierten und intellektuellen Frau. Dass eine so kluge Schriftstellerin wie Ingeborg Bachmann sich selber Blumen ans Spitalbett schicken liess, um Max Frisch mit einem fiktiven Liebhaber eifersüchtig zu machen, passte ihren Verehrerinnen nicht. Um als Denkerin respektiert zu werden, muss man die Gefühle unter Kontrolle halten. Frauen, die sich schon früh für die Rechte ihrer Geschlechtsgenossinnen einsetzten, wurden nicht mehr ernst genommen, nachdem sie die Liebe zu Männern an den Rand des Selbstmords trieb. Dass sie sich so leicht das Herz brechen liessen, passte so gar nicht zu ihrem politischen Scharfsinn. Diese Verachtung bekam Simone de Beauvoir zu spüren, die ein Leben lang mit dem «Ekel» Jean-Paul Sartre verstrickt war. Es gibt wenige Verbrechen, schrieb sie 1949 in «Das andere Geschlecht», die eine schlimmere Strafe nach sich ziehen als dieser Fehler: sich jemandem in die Hand zu geben und ihm vollkommen ausgeliefert zu sein. Aussagen wie «Es gibt nichts Unerträglicheres für eine leidenschaftliche Frau, als zu warten» missfielen ihren Schwestern.
Das Warten auf seinen Anruf oder eine Textbotschaft ist sechzig Jahre später nicht einfacher geworden, weil wir jetzt wissen, wie schwach es ist, von einem Mann abhängig zu sein. Wir sind emanzipiert, dafür ängstlicher. Legen Gefühle auf die Waage, bevor wir sie zugeben. Und wenn man sich trotzdem meldet, obwohl der andere an der Reihe wäre, schliesst man vorher sein Gesicht im Safe ein, damit man es nicht verlieren kann. «Er hat es nicht verdient», sagen wir schnell mal. «Ich erhalte zu wenig zurück.»
Kommt es darauf an? Der Liebende ist edler als der Geliebte. Zwar gehört den Erfolgreichen die Welt, mehr denn je. Die Bereitschaft, zu leiden und zu scheitern, bedeutet aber, gelebt zu haben. Das Begehren ist das unerfüllte Begehren, dadurch wird das Begehren aufrechterhalten. Angestrebt wird nicht der Beziehungskomfort. Weil wir heute aber so frei sind, weil es so viele Möglichkeiten gibt und irgendwo vielleicht immer noch wer Besseres wartet, lässt man sich nicht ein. Mit der sexuellen Verfügbarkeit ist ein Aphrodisiakum weggefallen: das Verlangen nach dem Abwesenden. Schnelle Befriedigung ist jederzeit möglich. Keine Tabus mehr. Man spricht über alles. Es gibt ein Geschwätz über Intimität in unserer Kultur, das trivialisiert und abtörnt, von «Sex and the City» bis zu den «Vagina-Monologen». Das Ideal der Unerreichbarkeit gilt nun als Masochismus. Kein Berührungsverbot, wie es das Schwert symbolisieren sollte, das in der Liebesgrotte zwischen den schlafenden Leibern von Tristan und Isolde lag. Im schönsten Liebesfilm der letzten Jahre, Wong Kar-Wais «In The Mood for Love», erzählen sogar die Rauchkringel von der nicht einlösbaren Sehnsucht.
Das Paar vom Anfang, im Häuschen, ein paar Jahre später. Irgendwann geht einer von beiden fremd; der Mann. Sein Motiv: sexuell ausgehungert. Seine Frau hat keine Lust mehr, ihm ist sie auch vergangen. In den ersten gemeinsamen Nächten stahl sie sich jeweils frühmorgens, wenn er noch schlief, auf die Toilette, um etwas Wangenrouge aufzutragen, und legte sich mit klopfendem Herzen wieder ins Bett. Er stemmte damals täglich Hanteln, um ihre Bewunderung zu halten. Wo Muskeln waren, ist es nun weich. Und sie, sie schminkt sich nicht mehr. So entscheidet sich der Mann eines Tages, sich eine Affäre zuzulegen. Entscheidet sich! Zu suchen und zu finden. Nicht mehr: die Liebe zu finden, sondern er hält Ausschau nach einer Sexualpartnerin. Liebe auf den ersten Blick, das war einmal: Unbeabsichtigt auf jemanden stossen, der nur gewartet zu haben scheint, dass der andere ihn entdeckt. Wie Werther, der absichtslos eine Entdeckung machte. Als er durch die Tür trat, «fiel mir das reizendste Schauspiel in die Augen, das ich je gesehen habe». Lotte, eine Frau «von schöner mittlerer Taille», die ihren jüngeren Geschwistern ein Stück Brot verteilt. Bei der Liebe auf den ersten Blick wählt man nicht, sondern wird hingeführt. Man erblickt einen Menschen, die Erscheinung einer Idee, und ist getroffen.

Die gepflegte Affäre
Der Fremdgänger wählt eine Person, die seinen Gefühlshaushalt nicht zu sehr belastet, eine gut konsumierbare Affäre soll es sein, am besten ebenfalls verheiratet. Man organisiert sich. Denkt immer als Erstes daran, Spuren zu verwischen. Jeden Montagnachmittag um drei im selben Hotel. Keine Ansprüche. Keine Träume über die eine Stunde Sex hinaus. Sollte es eines Tages zu Ende sein, womit man jederzeit rechnet, wird es nicht wehtun. Man hat eine gepflegte Affäre. Eine Gelegenheitsbeziehung mit Umsicht und Mass. Keine Liebschaft, die einen verschlingt. Und werden doch Bedürfnisse wach, fühlt sich der andere in die Ecke gedrängt. Lohnt sich das noch?, wird sich der Mann fragen. Rechnet es sich? Er tut mir nicht gut, sagt sich die Frau. Ende der Geschichte. Der Einsatz in die Liebe ist schrecklich klein geworden. Ein armseliges Nutzdenken bestimmt das Verhältnis zwischen Frau und Mann.
Nur Jugendliche, schreibt Sven Hillenkamp in seinem neuen Buch «Das Ende der Liebe», sind heute noch zu einer Art erstem Fühlen fähig. Sie vergleichen noch nicht zwischen einer unendlichen Anzahl möglicher und vergangener Partner. «Jedes Mal ist ein erstes, absolutes, jeder Mensch ein erster, absoluter.» Jeder Geliebte ist das Tor zu einer Welt, Verkörperung von etwas Vollkommenem, Reinem. Wir waren jung, als wir den Satz «Eine Liebe endet tragisch oder banal» aus Monika Marons «Animal triste» verinnerlichten, und natürlich zogen wir die Tragik vor. Wahrscheinlich hat die Liebe banal geendet, in einer Beziehung, die man nun führt. Würde man die Worte «Dich zu gewinnen oder umzukommen, das gehört zu einem Anfang oder Ende» nicht selbst ironisch zitieren, verdreht er, dem wir sie sagen, die Augen. Liebesgedichte schreiben? Gehört endgültig in die Adoleszenz. Niemand will sich des Schwulsts verdächtig machen, es sei denn, er hat lateinamerikanische Wurzeln, die den Gefühlsausdruck rechtfertigen. Die aussterbende Gattung der Liebeslyrik, einst so angesehen und reich, wird einzig noch in intellektuellen Blättern wie dem «New Yorker» publiziert.
Die unmögliche, atemlose, besessene Liebe rebelliert. Sie regt sich tief innen, wenn wir im Kino wieder mal eine Amour fou erleben. Sie macht sich bemerkbar als feines Piksen. Die Leidenschaft, mit der Jeremy Irons in «Damage» Juliette Binoche, die Freundin seines Sohnes verführt; die Wildheit, mit der Béatrice Dalle in «Betty Blue – 37.2 Grad am Morgen» ihren Liebhaber verzehrt: Sie erinnern uns daran, wie vernünftig und prosaisch wir in unseren erotischen Beziehungen geworden sind.
Die wichtigste Sache im Leben sei, sagte eine Professorin mal, sein Leben zu leben, als wäre es ein guter Roman — als handle es sich um ein gutes Drehbuch. «Würde das Publikum während des Films eures Lebens hinauslaufen?», fragte sie ihre Studenten. Die meisten antworteten leise: «Ja.»

Bücher
Cristina Nehring: «A Vindication of Love», Harper 2009
Sven Hillenkamp: «Das Ende der Liebe», Klett-Cotta 2009

Die Diskussion

16 Reaktionen

  1. Marcel Zufferey

    Wenn man bedenkt, dass die romantische Liebe genau genommen eine Konstruktion ist, die erst vor ca. 150 Jahren im Zuge der Industrialisierung zum alles verbindenden Kitt zwischen Mann und Frau erhoben worden ist (nachdem es zuvor “nur” die Zweckgemeinschaft war)…

  2. Stefanie Frei

    Liebe als Ausbruch aus dem ausgetrampelten Weg der Konvention. Forderung nach bedingungslosem Konrollverlust, nach völliger Auflösung des Individuums zum Zwecke des Einswerdens mit dem Andern. Und das in einer Welt die in Einheiten wie „Pragmatismus“, „Individualismus“ oder „Erfolg“ rechnet. Doch vielleicht ist genau jetzt die Zeit gekommen, uns daran zu erinnern, dass Liebe die reinste Form der Emotio, nicht beherrscht oder berechnet wird, nicht den Ausdruck des Einzelnen sucht und schon gar nicht das Ziel hat etwas zu erreichen. Der Artikel hat mir wieder einmal mehr vor Augen geführt, dass wir der Ratio in der Liebe viel zu viel Raum eingestehen. Ganz egal wie einem eingetrichtert wird, Romantik sei ein Konstrukt für Märchen, für Geschichten und Träumer, ist es schön zu sehen, dass längst nicht alle bereit sind, die Gefühlsseite des Menschen mit all ihren Facetten aus unserem realen Leben auszuklammern.
    In diesem Sinne ein grosses Lob an den Aufruf zu mehr Romeo, mehr Julia, mehr Werther, und mehr Aphrodite.

  3. Gregor Faust

    Sie sprechen mir mit Ihrem Artikel aus der Seele. Danke, das Sie das geschrieben haben.

  4. Grant

    Der Alltag ist banaler als ein Film.
    Es braucht von beiden Partner die ständige Hingabe für die gemeinsame Beziehung. Ein Partner an der Seite zu haben, den ich nicht wirklich liebe und nur zusammen bin, damit ich zu zweit bin und nicht alleine. Das finde ich schlimm. Somit bin ich auch nicht offen, für etwas Neues.
    Das Leben ist ein auf und ab. Es hat nicht nur Höhepunkte.
    Verständnis für den anderen Partner ist wichtig.
    und Loslassen, damit die geliebte Person wieder zu einem zurückkehren kann.

  5. michal krzywdziak

    (…auch Blaise Pascals so alten und immer aktuellen „Gedanken“ über die Leidenschaft der Liebe als ergänzende Lektüre höchst empfehlenswert!)

    Ein ganzganz toller Artikel, danke! Als Plädoyer für mehr Leidenschaft einerseits und ein sehr treffender Hinweis auf die animalisch-pragmatische Armseligkeit unserer Zeit andererseits. Sicherheit, Wohlstand, Fortpflanzung… aber auch unsere zivilisatorischen „Errungenschaften“ – das bisschen Ruhm und Prestige dank dem Anderen etwa – werden tatsächlich neben rein sexuellem Begehren in dem affektiv toten Zeitalter allzu oft mit Liebe verwechselt. Recht hat aber auch Szymborska, wenn sie die von Ihnen gemeinte „wahre“ Liebe preisend trotzdem als „Skandal aus den höheren Sphären des Lebens“ bezeichnet: Nie könnte sie die Welt bevölkern, da sie so selten vorkommt; Wer sie nicht kennt, soll fest daran glauben, es gebe sie gar nicht, um sich das Leben und das Sterben einfacher zu machen.

    Diejenigen, die sie nämlich kennen und sich trotzdem, aus welchem Grund auch immer, für die „pragmatische“ entscheiden, müssen lebenslang mit dem stillen Schrei der inneren Verzweiflung ausharren, weil sie inmitten dieses bisschen Prestige und Wohlstand ganz genau wissen werden, dass sie ihre somit hölzerne Seele zum emotionalen Leben einer Wüste in der Nacht gezwungen haben – Staub trocken und tief abgekühlt.

    Und doch noch ein wobei: Ein allzu lang unerwidertes leidenschaftliches Gefühl ist auch nicht unbedingt zu empfehlen. Von lauter Narben eines solchen emotionalen Sadomasochismus wird man zwar erfahrener aber nicht glücklicher, und darum sollte es doch schliesslich gehen.

  6. idiomatic_german

    Ich stehe dem Artikel relativ distanziert gegenüber. Nicht weil ich finde dass es die alles, nach sich verzehrender Liebe nicht braucht, sondern weil der Verfasser des Textes, diese ausschließlich in absolut destruktiven Beziehungen sucht.

    Natürlich relativiert sich das emotionale Auf und Ab, die Achterbahnfahrten der Gefühle in einer langjährigen Beziehung mal. Das heißt jedoch nicht dass es unmöglich ist, diese auch in einer gut funktionierenden, schönen, längeren Partnerschaft zu finden. Sich immer am Abseits zu bewegen ist nicht nur eine Offenbarung, sondern manchmal auch zerstörend. Diese einseitige Polarisierung und Generalisierung stört mich gewaltig. Warum muss man die verzweifelte, fanatische Liebe glorofizieren, und gegenseitige, erfüllende Liebe verteufeln?

    Es soll Fälle geben, die eine tiefe, nicht-ohne-den-anderen-leben-können-Liebe auch in einer langen Partnerschaft, oder gar Ehe kennen. Es mag vielleicht nicht die Achterbahnfahrt der Gefühle sein, mit der ständigen Bedrohung und Angst vor dem Abgrund der unsicheren Beziehung, aber die unstillbare Sehnsucht, und der Drang, das Gefühl des nicht Leben-wollens ohne den Anderen.

    Ehe und unerschöpfliche Liebe schließen sich nicht gegenseitig aus.

    Daher plädiere ich dafür, das ganze ein wenig differenzierter zu betrachten. Nur weil eine Liebe obsessiv, hoffnungslos, fanatisch und schier wahnsinnig ist, muss sie nicht gut sein. Der Weg zur emotionalen Destruktion ist kein Ritt zum nächstgelegenen Ponyhof. Die vollkommene Negierung oder Verharmlosung dieser Leidenschaft grenzt an Ignoranz. Es mag aufregend sein, aber ist es das wert? Ist der Autor, bzw. die Autorin wirklich selbst bereit soviel zu geben? Ist es nötig, ist es obsolet Kennt sie vielleicht keine erfüllte, unaufgeregte Liebe?

    Meiner Meinung mach kann die erfüllte Liebe, die sich gegenseitig etwas gibt, mindestens genauso unbändig und verzehrend sein. Sie mag vielleicht seltener anzutreffen sein, weil die Bereitschaft sich mit Haut und Haaren an jemanden “auszulieferen” viel erträglicher und weniger fordernd erscheint, wenn sich diese auf kurze Zeiträume (wie in einer Affäre), oder unter schwierigen Umständen entfaltet. Es muss schließlich nicht auf lange Zeit gedacht und geplant werden, denn das Leben im Jetzt und das Überwinden der aktuellen Widrigkeiten steht im Vordergrund, und die Selbstaufgabe für kurze Zeit kostet keine große Ausdauer. Ich denke vielmehr das (lebens-)lange Leidenschaft und bedingungslose Liebe ein Problem vieler ist, die sich dann eher in kurze, aufregende Abenteuer stürzen. Die Bindung auf lange Zeit, das sich komplette Ausliefern ohne jeglichen Zeitstempel, die Bedingungslosigkeit ohne Verfallsdatum, das ist in meiner Hinsicht, die wirklich absolute Liebe.

    Viele idealisieren unglückliche, destruktive, zerstörerische Beziehungen, weil sie intensiv und aufregend, und verzehrend sind. Vielleicht sind diese Personen jedoch, einfach nicht bereit oder (noch) nicht begünstigt die lebenslange, aufopfernde, tiefe und allumfassende Liebe zu erfahren.
    Vielleicht sollte man daher differenzierter an das Thema Liebe herantreten. Zweckbeziehungen und Affären, erzwungene Liebe und Liedenschaft als Kick, ich favorisiere keine der beiden.

    Dieser pauschalisierende Artikel, passt meiner Meinung nach perfekt in die opportune Vorstellung einer alles nach sich verzehrender Affäre, welche Emotionen konsequent und auf den Punkt, wie eine Line Koks explodieren lässt. Maßlosigkeit auf Knopfdruck und als Entschuldigung vor echter Verbindlichkeit.

  7. josefine

    Anregend. In Partnerforen suchen die seitensprunghungrigen Personen “Prickeln, das Erfüllen von Sehnsüchten, Leidenschaft, das nicht Alltägliche, ohne Dritten weh zu tun”. Und unter Dritten versteht Mann oder Frau dann den eigenen, altvertrauten Alltagspartner. Und das Ganze ist schon wieder so was von normal, dass auch in den Waldlichtungen oder Seitensprungzimmern nicht mehr “geprickelt”, sondern abgewickelt und höchstens selbstbestätigt wird. Fragt man nach, warum “es” denn nicht mehr prickelt, heisst es: “Das ist doch normal”. Und dass es als “normal” aktzeptiert wird, das ist genau das Verrückte.

  8. Sim Was

    ein schöner artikel – danke – und genau so eine leidenschaftliche hymne an die romantische liebe wie die romantische liebe selbst. gerade darum perlt jegliche pragmatische kritik meiner meinung nach auch einfach an ihm ab.
    die romantische liebe nährt sich von der nähe des abgrunds von der totalen hingabe seines selbst und ihre perfektion ist und bleibt die unerfüllte liebe. wer sie nicht kennt, dem fehlt etwas.
    diese feststellung ist aber kein angriff auf die grösse der erfüllte, dauerhafte beziehung, das tiefe vertrauen und die ihr eigenen hingabe, das versprechen einer gemeinsamen zukunft. es sind einfach zwei sehr unterschiedliche formen der liebe und sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden. denn wer die liebe der langfristigen beziehung nicht kennt, dem fehlt etwas.

    nicht kennt, dem fehlt auch etwas. jeder entscheidet selbst welche form der liebe er oder sie leben möchte.

  9. Kim Collins

    Super. Alles ist gerechtfertigt, wenn Liebe im Spiel ist? Was ist mit dem puren lustvollen Sex ohne Liebe? Ist eine Affäre dann verzeihlich, wenn es eine leidenschaftliche Liebe ist? Heroische, unerfüllte Liebe. Sehr sehr schön. Braucht man, schliesslich muss es auch unerfüllte Träume geben, wo kämen wir denn hin, wenn wir alles bekämen, was wir uns wünschten. Aber nur als einzige Alternative zu abgestumpftem Miteinander? Es sind doch die feinen Zwischentöne, die das Leben ausmachen. Die es so unwiderstehlich aufregend abwechslungsreich machen. Und diese Zwischentöne entgleisen in einer langjährigen Beziehung zu Gunsten von was? Sicherheit? Vertrautheit? Normalität? Auch sehr sehr schön.

    Warum geht nicht beides? Weil Männer nicht akzeptieren, dass ihre Frauen Heilige und Hure, Mutter und Geliebte gleichzeitig sein können. Weil Frauen sich auf ihrer Beute ausruhen, haben sie den Kerl mal erobert. Ein Patentrezept? Gibt es nicht. Sogar Jerry Hall hat den Ober-Rolling Stone verloren, obwohl sie ihm – Zitat – “Bevor er das Haus verlässt, blase ich ihm schnell noch einen, damit er zufreden unterwegs ist”. Auch das hielt nur bis zur nächsten Strassenecke.

  10. Marcel Zufferey

    @Kim Collins: “Warum geht nicht beides? Weil Männer nicht akzeptieren, dass ihre Frauen Heilige und Hure, Mutter und Geliebte gleichzeitig sein können. Weil Frauen sich auf ihrer Beute ausruhen, haben sie den Kerl mal erobert.” Genauso ist es, sehr schön formuliert- vor allem das auf der Beute ausruhen.

    Wenn ich die Wahl habe zwischen einem kurz auflodernden Strohfeuer und einer langanhaltenden Glut, dann werde ich mich für Ersteres entscheiden.

    Immer und immer wieder…

  11. Marcel Zufferey

    Wenn ich die Wahl habe zwischen einem kurz auflodernden Strohfeuer und einer langanhaltenden Glut, dann werde ich mich für Zweitere entscheiden.

    Immer und immer wieder…

    >wollte ich natürlich schreiben!

  12. Flashback

    Die Autorin stellt es in diesem Artikel so dar, als ob man eines Tages praktisch die bewusste Entscheidung fällen würde, diese “leidenschaftliche” Art von Liebe aufzugeben. Sie schreibt, dass man diese Art Liebe höchstens noch bei Teenager findet – und genau das ist es ja: Teenager. Bei den meisten von uns sind seit dieser Zeit einige Jahre vergangen, Jahre, in denen viel passiert, man viel erlebt hat.
    Enttäuschungen haben einem vorsichtiger werden lassen, Verletzungen misstrauischer und das älter werden umsichtiger gemacht. Ich denke viele Leute denken mit einer gewissen Wehmut an diese Zeit zurück, wo sie fähig waren sich – ohne gross zu überlegen oder an die Konsequenzen zu denken – in Liebesaffären gestürzt haben. Aber für mich ist diese Art zu lieben etwas, dass eigentlich stark an eine gewisse Unschuld, an ein nicht-besser-wissen gebunden ist. Ich bin aber heute nicht mehr der gleiche Mensch wie vor zehn Jahren und kann es auch nie wieder werden.

  13. Mela Dittrich

    Ich hab’s nicht verstanden. Warum ist Werthersche Leidenschaft gut? Ist er nicht elendig verreckt und hat eine Frau zurück gelassen, die wohl auch Zeit ihres Lebens nicht mehr halbwegs glücklich wird?
    Einseitige Artikel verleiten mich nur dazu einseitige Gegenpositionen einzunehmen…

  14. Interessierter Leser

    Danke für Ihren Artikel, Birgit Schmid! Tröstlich zu erfahren, nicht allein in der Wüste der Emotionslosigkeit und Gefühlskälte unterwegs zu sein. Nicht allein sexuell motiviert fremd zu gehen ist allerdings schon ein steiniger Weg, muss jedoch nicht zwingend die bestehende Beziehung gefährden, sondern kann diese auch erfolgreich wiederbeleben… :-)

  15. plädoyer für die leidenschaft « animaximas thoughts-dreams-experiences

    [...] hat eine frau geschrieben, was ich schon lange vertrete. es lohnt sich wirklich den text zu lesen. http://dasmagazin.ch/index.php/zieh-mich-aus/   als ich mich vor 10 jahren nach sehr langer zeit von meinem damaligen mann trennte, war für [...]

  16. Meville’s Lounge » Blog Archive » L’amour

    [...] – Birgit Schmid, http://dasmagazin.ch/index.php/zieh-mich-aus/ [...]

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