31.07.2010 von Mathias Ninck , 9 Kommentare
Am 1. September 2009 betrat Igor eine neue Welt. Es war die saubere Welt des Flughafens Kloten, überall strahlender Glanz, und Igor hatte ein wenig Angst. Das sagt er und lacht, denn heute, elf Monate später, hat er keine Angst mehr. Igor ist 22 Jahre alt, aber er wusste nicht, wie er den Billettautomaten bedienen sollte. Er wusste nicht einmal, wohin er fahren musste. Er hatte nur einen Zettel in der Hand mit deutschen Wörtern und Zahlen.
Ein paar Stunden zuvor war er in Chisinau, der Hauptstadt Moldaus, in eine kleine, zweimotorige Maschine gestiegen und nach Budapest geflogen. Von dort war es weitergegangen mit dem Linienflug, in dem andere Männer und Frauen sassen aus Südosteuropa. Er trat zusammen mit diesen «Praktikanten» hinaus in die Ankunftshalle in Kloten, und dort stand eine Mitarbeiterin des Schweizerischen Bauernverbands, die sagte etwas zu ihnen und noch etwas, redete und erklärte, Igor, dessen Muttersprache Rumänisch ist, verstand es nicht, und die Frau drückte ihm, wie er erzählt, ein Blatt in die Hand, darauf der Fahrplan nach Affoltern am Albis. Dann sass er in der S-Bahn, und als die Uhr die Zeit anzeigte, die er auf dem Blatt als Ankunftszeit ausgemacht hatte, stieg er aus. Ein Mann und eine Frau warteten dort, er kletterte in ihr Auto, und sie brausten davon.
Der «Chef», wie Igor den Bauern nennt, hielt vor einem Scheunentor, er zeigte dem jungen fremden Mann sofort den Stall, die Kühe (45 Stück), die Hühner (2000 Stück), das Haus. Igor, der Praktikant, bezog, vier Kilometer vom Hof entfernt, in einem alten Haus des Bauern ein Zimmer, neben ihm wohnt eine Türkenfamilie. Am nächsten Tag, dem 2. September, ging es los, um 5.30 Uhr, der Bauer führte die Kühe in den automatischen Melkstand, eine um die andere, Igor schaute zu, dann liess der Bauer die Kühe hinaus auf die Weide, mistete den Stall aus, legte frisches Stroh ein, Igor schaute zu, dann Mittagessen, am Nachmittag musste Holz weggeräumt werden, der Bauer grub eine Mulde für ein neues Futtersilo, Igor schaute zu, er ist Praktikant, und dann wiederholte sich am Abend die Stallarbeit vom Morgen: Melken, Ausmisten, Füttern. Um 19 Uhr war Feierabend.
Fluchen, Lachen
Am nächsten Tag ist Igor an der Reihe, der «Chef» hilft noch mit, zeigt ihm dies und das, flucht, wenn etwas nicht klappt, lacht freundlich, wenn Igor begriffen hat, und nach einer Woche sagt der «Chef»: «Kein Praktikum! Arbeiten!» Igor hat begriffen, was das bedeutet, wie er erzählt (wobei ein russischer Übersetzer hilft): Die Ausbildungsphase ist vorbei, jetzt wird gearbeitet. Von nun an macht Igor alles alleine, den Stall am Morgen, am Abend, und am Nachmittag steht er dem Bauern, der noch zwei weitere Höfe besitzt, zur Verfügung, er bürstet hier die Pflastersteine des Vorplatzes, er räumt dort das Kleinholz weg beim Holzfällen im Wald.
Er arbeitet zehn Stunden am Tag, jedes zweite Wochenende hat er frei, er sagt: «Es gefällt mir.» Wenn der «Chef» gute Laune habe, sei es perfekt, und wenn er schimpfe und laut werde, mache es ihm inzwischen auch keine Angst mehr, nein. «Ich habe mich daran gewöhnt.» Er hat ein paar Brocken Deutsch gelernt, mit den Kühen spricht er Rumänisch, das genügt, der «Chef» hat zu ihm gesagt: «Die Sprache kannst du nicht, aber arbeiten kannst du.» Es war ein Kompliment.
Auf dem Lohnausweis, den Igor jeden Monat unterschreiben muss, steht: 2645 Franken. Das ist sein Bruttogehalt.
Im Interdiscount kaufte sich Igor für 500 Franken ein Netbook. Abends chattet er eine halbe Stunde oder so mit anderen moldauischen Praktikanten in der Schweiz, dann sinkt er todmüde ins Bett. Dank dem Computer erfährt er, dass der Bauer Dinge macht, die er nicht dürfte. Für das Zimmer, das Igor bewohnt, darf der Bauer nach den Richtlinien des Bauernverbands maximal 345 Franken von Igors Lohn abziehen, er verrechnet es aber für 500 Franken. Igor kauft sich Frühstück und Nachtessen selber, der Bauer zieht ihm trotzdem 345 Franken vom Lohn ab dafür (erst als Igor reklamiert, lässt er es bleiben). Der Bauer kauft ihm in der Landwirtschaftlichen Genossenschaft (dessen Vizepräsident er ist) Kisten mit Orangina, die Igor gar nicht will, und zieht sie vom Lohn ab. Der Bauer sagt zu Igor, er müsse bei ihm zu Hause zu Mittag essen, dafür verrechnet er ihm jeden Monat weitere 300 Franken. Igor sagt, er würde lieber selber einen Zmittag kaufen, im Spar Büchsenpastete und Tessinerbrot, so käme er mit 4 oder 5 Franken über die Runden. Aber er darf das nicht.
Dem Vermittler in Moldau, Dumitru Brinzila, hat Igor 1100 Euro abliefern müssen, also etwa 1500 Franken, «eine Art Schmiergeld». Brinzila, mit dem der Schweizerische Bauernverband offiziell zusammenarbeitet, sagt auf Anfrage zu dieser Zahlung nicht viel, nur, dass es sich dabei um «vertrauliche Informationen» handle, «you know that». 1100 Euro sind für einen Moldauer aber eineMenge Geld. Igors Eltern, eine Tante und der Bruder seines Grossvaters haben ihm geholfen.
Ihn lässt die Unterscheidung von «Praktikant» und «Arbeiter» kalt. Er weiss, was er zu tun hat.
Die Kosten für die Reise in die Schweiz wurden Igor vom ersten Lohn abgezogen, wie auch die Gebühr für die Aufenthaltsbewilligung, die Hälfte des Preises der drei obligatorischen, vom Bauernverband organisierten Schulwochen und der zwei Ausflüge, insgesamt noch einmal mehr als 1000 Franken (die andere Hälfte bezahlt der Bauer). Brutto verdient Igor 9 Franken pro Stunde, netto — nach den Abzügen für Kost und Logis — sind es 5 Franken.
Eine Bratwurst?
Wer ist Igor? Igor ist einer von vielen. Jedes Jahr versorgt der Schweizerische Bauernverband über seine PraktikantenVermittlungsorganisation Agroimpuls Hunderte von Schweizer Bauernhöfen mit Praktikanten aus Osteuropa. Vor ein paar Jahren waren es noch mehr als zweitausend Praktikanten gewesen, jetzt, wo das Bundesamt für Migration bei Arbeitskräften aus Nicht-EU-Ländern bremst, sind es noch 542 Praktikanten (2009) beziehungsweise 400 (im Jahr 2010). Sie kommen für achtzehn Monate in die Schweiz oder für vier Monate. Formal sind sie «Praktikanten», das heisst, «der Bauer muss sie anders behandeln als einen Arbeiter», wie Monika Schatzmann sagt, die stellvertretende Leiterin von Agroimpuls. «Der Bauer muss den Praktikanten in allen Bereichen ausbilden, die auf dem Hof vorkommen; er muss ihm immer wieder erklären, wozu man etwas macht, immer wieder Neues zeigen, wie einem Lehrling, er muss ihn in die Familie integrieren.» Er sollte ihn mit anderen Worten auch mal ans Dorffest mitnehmen und ihm vielleicht eine Bratwurst spendieren und ein Bier. Den Lohn habe Agroimpuls mit den Behörden festgelegt, sagt sie. «Zum Lohn stehen wir, es ist ein Ausbildungslohn.»
Igor lässt die theoretische Unterscheidung von «Praktikant» und «Arbeiter» kalt. Er weiss, was er zu tun hat: den Hof bestellen, 45 Kühe, ganz allein. Und es ist ihm recht.
Igor schickt einen Teil des Verdiensts in die Heimat. Sein Vater, der Soldat war, bezieht eine Rente von umgerechnet 200 Franken im Monat, die Mutter verdient 150 Franken. Igor hat sich ein Handy gekauft, einen kleinen Computer, ein paar T-Shirts (für 3 Franken das Stück), er geht ins Schwimmbad, und am Wochenende trinkt er manchmal ein Bier mit anderen Moldauern. Wenn das Praktikum in ein paar Monaten zu Ende geht, wird er heimkehren, wie er sagt, aber nur, um einen rumänischen Pass zu beantragen. Das können Moldauer neuerdings, und viele tun es. Er wird dann einen schönen Teil seines Geldes brauchen, wenn er nicht drei Jahre auf den Pass warten will. Hat er den Pass, ist er Rumäne und damit Europäer. Er kann sich in der EU frei bewegen. Dann wird er zurückkehren. «Ich werde mir im Westen einen Job suchen», sagt er. «In Moldau habe ich keine Zukunft.»
Die Ausgewanderten
Moldau, zwischen Rumänien und der Ukraine gelegen, ist klein, kleiner als die Schweiz, und es ist eines der ärmsten Länder Europas. Jeder junge Mann träume davon fortzugehen, sagt Igor, der an einer Landwirtschaftsschule in Südmoldau Mechaniker gelernt hat. Viele tun es auch: Ein Viertel der Bevölkerung Moldaus ist in den letzten zwanzig Jahren ausgewandert, seit die Sowjetunion in unabhängige Staaten zerfallen ist. Letztes Jahr ist die moldauische Wirtschaft um neun Prozent geschrumpft. Die Ausgewanderten überweisen Geld in ihre Heimat, schicken es Verwandten und Freunden, die Gesamtsumme dieser Überweisungen beträgt etwa 1,2 Milliarden Dollar, dies entspricht dem moldauischen Staatshaushalt und einem Drittel des Bruttoinlandprodukts.

Igor arbeitet zehn Stunden am Tag, jedes zweite Wochenende hat er frei, er sagt: «Es gefällt mir.»

Bilder von Dan Cermak
Stimmt, mir ist es schlecht ergangen in der Schweiz. Aber als ich hörte, dass Praktikanten im Verlagshaus für noch weniger Geld noch mehr arbeiten müssen, obwohl diese zum Teil fertig studiert haben, da schäme ich mich über den Artikel. Mir geht es doch vergleichsweise gut.
Jemand muss diesen unsäglichen Bauernverband endlich stoppen. Nachdem er uns schon alle Albaner aufgehalst hat, nur um Geld zu sparen, suchen sie jetzt an einem anderen primitiven Winkel dieser Welt nach Arbeitskräften. Wenn eine Branche keine anständigen Löhne zahlen kann, würden sie besser aufhören.
[...] berichtet ‘Das Magazin‘ über den SVP-nahen Bauernverband und dessen Hilfsarbeiter aus dem Ausland: Der [...]
egal wieviel igor erhalten hat, er lernte viel. es blieb ihm genug übrig hier einfach zu leben und geld nach hause zu senden. wie lange hätte er in seiner heimat arbeiten müssen bis er sich einen notebook zusammengespart hätte? 1 jahr, 3 jahre oder nie? solche sachen gehen nur wenn eine win-win situation besteht. der bauer welcher 65 rappen für die milch kriegt, macht so etwas verständlicherweise nur wenn es ihm etwas bringt. in deutschland machen erwachsene praktikantenjobs als serviertochter für 1 euro pro stunde. nicht alles ist gerecht, aber schlecht war es für igor letztendlich nicht.
Habe etwas Muehe mit der Rechtfertigung von LABURNUM, sorry! Dass Ignor nur Sfr. 9 pro Stunde Arbeit bezahlt wurde, ok (ob Igor nun wirklich viel ‘gelernt’ hat sei dahingestellt). Aber dass der Bauer mehr vom Lohn abzog, als der sollte, das ist eine Schweinerei. Nun, es sollte nicht schwierig sein, diesen Bauern in Affoltern a.A. ausfindig zu machen (glaube eher nicht, dass es viele sind, die drei Bauernhoefe haben!), ein Boykott fuer seine Produkte waere das einzig Richtige! Ich glaube, man muesste einfach einmal Migros, Volg und Coop kontaktieren?
auf die eingabe von dr. bernhard: im migros kosten jetzt die walliser aprikosen fr. 9.90 pro kilo. die nektarinen aktion fr. 2,50. diese werden in spanien von afrikanischen wanderarbeiter geerntet, welche keinerlei sozialen leistungen bekommen und der stundenlohn ist 5x kleiner als igor netto in der schweiz bekam. herr bernhard kann gut schreiben, der bauer solle sein gewerbe dicht machen wenn er nicht anständige löhne bezahlen kann, da er weiterhin die spanischen nektarinen kaufen kann. konsequenterweise würden wir auf importe aus china verzichten inkl. handy, denn dort ist der lohn weniger als einen franken.
Herr Laburnum, ich gehe mal davon aus, dass Sie einen Job haben und ein regelmässiges Einkommen, von dessen Hälfte sie sicher auch bequem leben könnten.
Würden Sie es mit derselben Gleichgültigkeit, welche Sie weiter oben demonstriert haben, hinnehmen, wenn Ihnen Ihr Arbeitgeber den Lohn auf ebendiese absolut hinreichende Hälfte reduzieren würde mit dem Argument, das reiche doch, und ein Chinese komme sowieso noch mit viel weniger aus?
Oder vielleicht würde Ihnen sogar gekündigt, weil man einen Igor gefunden hätte, der den gleichen Job, jedoch ohne diese lästige Ansprüche auf seine Rechte, für den halben Lohn ausführt? Würden sie diesen Schicksalsschlag mit der gleichen Nonchalance hinnehmen?
Die Gesetze, welche diese Igors schützen sollten, schützen auch uns.
[...] This post was mentioned on Twitter by Martin Steiger, k.diekmann. k.diekmann said: Zum Beispiel Igor: http://bit.ly/bVFctL [...]
[...] Zum Beispiel Igor [...]