Zürich, Sommer 1980

Zu spät geboren.

15.05.2010 von Stefan Zweifel , 3 Kommentare

Weshalb ich?, frage ich mich und sitze da und spüre um mich herum die Blicke all jener «Bewegten», die im heissen Sommer dabei gewesen waren und so viel mehr berichten könnten, die bei jedem Wort, das ich tippe, die Augen verdrehen und stumm die Lippen bewegen, um all das zu sagen, was ich hier schreiben müsste — gut, ich habe viele «Bewegte» gekannt, könnte aus all den gross & genialen Eisbrechern und Brächise, aus dem Stylett zitieren, aus Flyern, die herumliegen, aber wer will schon Historiker sein, Totengräber statt Kind? Kind, das hier von seiner Sehnsucht spricht: Ach, wäre es doch Teil jener Jugend gewesen. Das angesichts dieser Jugend seine eigene verpasst hat.
Tief unter die Bettdecke hatte ich den Kopf vergraben — und nicht nur ich: Nein, auch mein Vater, politische Auftritte gewöhnt, wusste nicht recht, ob er sich schämen oder ob er stolz sein sollte auf jene Frau auf dem Fernsehschirm, die sich den Mund in der «Telebühne» nicht verbieten liess und fortdauernd Regierungsrat Alfred Gilgen ins Wort fiel, der sich hinter Statistiken und hinter seiner schwarzen Ledermappe verstecken wollte, und da sass diese Frau also, meine Mutter, sass dort im Fernsehen und redete weiter und weiter und unterbrach den regierenden Rat wieder und immer wieder, den Mann mit der schwarzen Mappe, eine Figur, als wäre sie Momo entsprungen, also einer jener grauen Herren, die uns Lebenszeit und Lebensfreude rauben und die man endlich einmal festnageln müsste — oder gleich aufhängen: Gilgen an den Galgen!

Platzwunde Bellevue
Sie entlarvte die leeren Sprechblasen — wenig später sprengten die Jungendbewegten die gleiche Sendung und sandten Seifenblasen in die Luft. Die schwebten schon am 5. Mai vor dem Opernhaus aus weiss geschminkten Gesichtern. Ja, das Bellevue: Der Platz spricht. Der Platz summt. Der Platz springt in die Höhe und steht Kopf. Darüber die singenden Drähte in der Luft: Die Drähte der Strassenbahnen, auf denen die Zugvögel ruhen, bevor sie Richtung Süden ziehen, direkt zum Mittelmeer.
Am Platz zur «schönen Aussicht» sieht man Palmenstrände, voll endlos jubelnder Völker, Afrikas Küsten küssen uns, jene Küsten, von denen einst Rimbaud zurückkam, schwarz gebrannt von der Sonne und mit gegerbten Eingeweiden vom Branntweinschnaps, metallisch schmeckte es auf seiner Zunge, denn er war Waffenschieber geworden. Würde er nun, aus dem eigenen inneren Afrika zurückkommend, Strommasten umwälzen? Bruder Bührle mit einem Explosiönchen beehren, das Cinceras Gedankengrenzpolizei nicht erschnüffelt hatte? Das CBS-Team an eine Stange im AJZ fesseln und mit Farbe übergiessen?
Die Medien am Marterpfahl als Protest gegen die Gesellschaft des Spektakels — neue Zungen redeten damals an den Vollversammlungen, bei den einen klapperten die metallenen Wortmünzen der Ideologie aus dem Mund, bei anderen sehnsüchtige Sprachwolken, Rauchzeichen nomadisierender Stadtindianer:
S.
O.
S.
Die Vokale — Rimbaud sah sie in Farben heranrollen: «O», so staunt jedes O, blau wie eine Wolke, über die Vielfalt des Menschen, der sich als wandelnde Wolke verändern kann: Jeder Mensch, der gerade noch eine besserwisserische festgefahrene Mauer war, wandelt sich in ein glitschiges Tier, drückt sich in Hauseingänge, fliesst die Gosse der Gassen hinunter, schleicht hinter Schwaden an der Polizei vorbei, ja, jeder Mensch kann auch eine Wolke werden, eine Wolke aus Tränengas, wenn die Tränen vor Wut dampfen. Wo blieb jene Wut — und wo blieben die Tränen? Tränen um die verlorene Gemeinschaft?

Wolkenwut
Töfftöff, mit der schwarzen Solex war man noch unterwegs, ein hustender Solitär unterwegs zur Demo, Mischwesen aus Fahrrad und Motorrad, Mischwesen aus Mann und Frau, wuschelhaariges Mischwesen aus Kind und Erwachsenem oder glatzköpfige Schönheit wie der spätere Stadtratskandidat Achmed von Wartburg, der so sexy an seinen Nägeln kaute. Und dieses Gemisch war explosiv. Knatternd wie der Solex-Motor. Schwarz wie die Anarchie.
Bis dann das Abenteuer des Protests zur Routine verkam, bis der Erwachsene sich in jedes Gesicht hineinbiss, das Kind-Lächeln auffressend und das Grinsen des Idioten durch das zynische Grimmsen des Überlegenen verdrängend. So wurden Lippen aufgefressen, erst gestern waren sie noch voll und unmündig, da rissen die Ränder ein, und es blieb — jetzt heute — ein Spalt übrig, in den man die Kreditkarte stecken kann. UBS/SBG leuchtete das Emblem damals am Bellevue, heute verschluckt man es und würgt die knöchernen Konsonanten herunter.
Schon damals wurde unser Lebenstext umstellt von all den Bank-Lettern an den Hausfassaden, nur kurz unterbrochen vom «Christlichen Lesezimmer» am Bellevue, dieser Kreuzung, diesem Hirngeschwür von Zürich, wo sich 1980 die Synapsen neu vernetzten, während sich heute die Leute jeden Tag begegnen, ohne dass sich daraus je ein Protestzug formen würde. Man rottet sich nicht mal zusammen wie vor den Projektionen vom Videoladen gegen die Nationalratskandidatur von Blocher 1979.
Wut: Letztmals am Bellevue bei der Fussball-EM 2006, als ein paar Flaschenwerfer auf dem Dach des Rondells standen, dem frisch renovierten. Hier hat die Jugend revoltiert — 1968 mit VW, Strassentheater und Blumengirlanden, Haschischwolken im Odeon; hier, vor dem Odeon, stand 1980: «Mir sind wieder da», und man machte sich daran, mit einer Baumaschine nach dem Strand unter dem Pflaster zu suchen.
Und hier nun stand 2006 die Polizei, schlich aus dem Einsatzwagen, flüchtete zurückgeschlagen wieder in den Wagen und warf dann wild mit Tränengas um sich, Tausende von Leuten einnebelnd, nur um den eigenen Abzug zu verschleiern. Wie traurig waren die Bilder der wankenden Jugend, die diesmal kein Anliegen hatte und auch nicht ahnte, wie gezielt man einst genauso gegen die Träume anderer Jugenden vorgegangen war. Die Geschichte wiederholt sich immer — und offenbar immer als Komödie, als Hanswurstiade, als Abgesang.

DADA
Von fern dämmerte in der Stadt noch einmal der Geist von DADA aus dem Februar 1916 heran: Plötzlich sprühten Wasserwerfer Hans Arps «Wolkenpumpe» just durch jene Rämistrasse, wo 1916 an den Fassaden für «DADA — die beste Lilienmilch-Seife» Werbung gemacht worden war, man stürmte das Odeon mit Tränengas, das 1920 «vor Literatur dampfte» (Walter Serner). Die politische Polizei, die einst in Tristan Tzaras Wohnung an der Schifflände nach «betr. bolschewiki» fahndete, fahndete nun nach dem gefährlichen «Dr. Hugendobler», der freilich kein Trotzkist war, wie die Fichen der Staatspolizei vermuteten, sondern «nur» die Katze einer WG am Stauffacher…
«GuGus DaDa» sprayte man als Parole an die Haus-Wände und unterlief die Sprache als Staatsstabilisator und Sinnträger, als man im Fernsehen «müllerte» und den Machtzynismus auch der SP entlarvte, indem man grössere, irische Gummigeschosse und eine heftigere Tracht Prügel mit Flügel forderte.
Wie Arps «Grosser Sadist» warf man alles aus dem Fenster, was einem als Kind eingetrichtert worden war, den ganzen «Nichtsgummi» der ausradierten Kindheit, davon träumend, wieder zum lallenden Kind zu werden. Gugus Dada.
Damals entstanden in einem ungerichteten kreativen Ausbruch die Parolen, welche an Tzaras «Aufruf zur Alpenvergletscherung» anschlossen: Man wollte an Bundesrat Gnägi gnagen, Spitzel mit Pommes frites schnetzeln, zwischen Anton und Beton campieren; man wollte mehr Schnee, um das Packeis in weiche Traumdecken zu hüllen.
Doch schon wurde der Traum vom rechtsfreien Raum der Fantasie territorialisiert, ins AJZ ausgesperrt, und dann wurden aus den Rebellen verbeamtete Rot-Fabrikler, deren Biedersinn demjenigen der Opernhausbesucher in nichts nachsteht. Diese Eingemeindung war ein genialer Zug des sonst nicht sonderlich genialen Stadtrats Thomas Wagner.
Ja, es ist Zeit, jede Bewegung einzusargen, denn nur im Wissen, dass sich alle selber verraten haben und man sich selbst verraten hat, schafft man Raum für einen neuen Ausbruch, wo man nicht mit dem Brächise aus Fantasia zuletzt wieder in den eigenen Kopfkerker einbricht, in die Isolationshaft der subventionierten Subkultur. Eine hübsche Totenfeier in der Hoffnung, dass aus der Trauer ein Sehnsuchtsträger nach neuer Bewegung entsteht.

Reclaim the Streets
Habe ich nicht tagelang auf einer Sonnenterrasse in Zürich einen Stürm-Comic zusammengeklebt zu einer langen Rolle, damit man ihn lesen konnte wie die Geheimrolle, auf der sich Häftlinge gegenseitig schreiben? Mit dieser Rolle wischte man sich den Arsch anarchisch und liess die Buchstaben neu über die Strassenzeilen tanzen: Man wollte mit Stürm aus der Isolationshaft des Alltags türmen und einen kleinen Zettel hinterlassen: «Bin Ostereier suchen gegangen.»
Parolen und die blinzelnden Augen der Sprayermännchen, die uns Schüler in den Tiefgaragen des Gymnasiums zur Flucht anzettelten: Hinunter an die Riviera. Das Kinderkino stand noch dort — wo wir als Zwerge um Schneewittchen weinten oder wie Balu den Rücken an einem Baum kratzen. Balu der Bär — Bär werden, Tier werden, Kind bleiben. Doch den tanzenden Parolen auf den Hauswänden setzte man einen Einzeiler entgegen:

P P P P P P P P P P P P P P P
Nur diesen Text liest man auf den Strassenzeilen, Helm an Helm rückt dieser Einzeiler vor. Wie konkrete Dichtung des Stumpfsinns formieren sich die Zeilen immergleich zum Puls des PPs. Dazwischen ab und zu das A der Anarchie — beides ergänzt sich, tückisch wie die Sprache ist, zu PA PA. Und schon trommelt der Hass auf den Blechplanken vor dem Drahtverhau des AJZ den alten Rhythmus: PAPA.
Ach, hätte ich doch nur jene Jugend selbst erlebt, aber ich stand nur ganz am Rand, sozusagen noch durch die Stäbe des Gitterbetts spähend, ein paar Jahre zu jung, um mitzumachen, und so formierten jene Bilder am Bellevue, die Gasschwaden vor der Weinhandlung Kurz, neben der mein Vater sein Büro hatte, die nächtlichen Diskussionen von Bewegten im Kreis von Morgenthaler/Parin, schüchterne Besuche im AJZ, eine Sehnsucht nach jener Jugend, die es nicht gibt oder nur ganz selten, während winziger Schrecksekunden, im Cabaret Voltaire 1916 einmal, am 5. Februar, dann in Paris unter den Situationisten Mitte der Fünfzigerjahre, 1968 natürlich, sicher auch in London oder 1976 in Zürich im Hey-Club.
Jedenfalls eine Jugend, wie wir sie selber nicht mehr empfanden, sondern nur noch im Theater erlebten, als Christoph Waltz im Pfauen als Hamlet auftrat, in Strumpfmaske: Ja, Jugend war für uns dann schon nur noch Re-Präsentation von Jugend im Theater.
Oder Selbstkonsum in illegalen Bars und in den ersten Kellern wie den Katakomben, wo neue Musik aus Detroit lief, Techno. Das war für kurze Monate eine Synkope der Lust, bevor es im gleich getakteten Stampfen stecken blieb. Das Einzige, was von der Zürcher Bewegung geblieben war: illegale Bars als Vorboten der Partysierung der Stadt anstelle von Partisanentum?
Sind wir nur: Wiederkäuer? Einst hatten die Dadaisten am Paradeplatz in der Galerie Sprüngli ihre Werke ausgestellt, jetzt publizierte man das Bild der Confiserie zwischen Stacheldraht in den Zeitschriften des Widerstands, und der Film «Züri brännt» echote: «Kühe glotzen an Sprüngli-Ruinen vorbei.» Doch was ist eine Kuh?
Sie lebt am Pflock des Augenblicks. Sie kennt kein Davor und kein Danach. Sie hat keine Erinnerung, kennt keine Schwarzweissbilder aus bewegten Zeiten. Sie lebt ganz im Jetzt, konsumiert Gras und gibt Milch und macht Muh dazu. Ganz Tier, ganz Konsum, ganz wir.
Und damals? Auf den letzten Bildern weidet die Jugend auf den Dächern des AJZ, getränkt in den Abendstunden von den Wasserwerfern — doch jede Herde sehnt sich nach einem Hirten. Und der heisst: Gewohnheit.
Demo als Endlosschlaufe: Fast schon etwas Zärtliches hat dieses Körperkontaktsuchen, diese pervertierten Umarmungen, sich in den Armen des Staates ausruhen wollen und zurückgewiesen werden, dieses dauernde «Fort da mit der PAPA-Polizei», wie man so durch die Gassen strich, sich mal hier, mal da zeigte und schon wieder weg war. Man versichert sich wie die kleinen Kinder beim «Fort Da»-Spiel, dass man noch da ist und nicht tot.
So wird der Aufstand zum Ritual. Die «Schwimmdemo», dieses poetische Entgleiten, diese Parolen rufenden Köpfe, die «lieber blutt als kaputt» in den Wellen schaukeln und die Stadt einmal von unten sehen, auf den Kopf drehen, man kann sie genauso wenig wiederholen, wie man zweimal in dieselbe Limmat steigen kann. Manch einer sagte auch einfach mal Ja, ja wie der Esel, den Pfarrer Sieber über die Quaibrücke gehen lässt. So treibt Nietzsches Tier des Mit-Trottelns der Bewegung letztlich jenes Chaos aus, das man in sich tragen müsste, um einen tanzenden Stern zu gebären. Tanzen tut man später viel, auf derselben Brücke und im Gleichtakt der Street-Parade.
Zuletzt wurde aus dem Nein wieder ein Ja, ein Ja zum Konsum. Am Bürkliplatz wiegelte Schawinski die Jugend auf und instrumentalisierte sie zum Aufbau seines Imperiums, während eine radikale Minderheit mit Radio Banana dem Pseudopiraten dazwischenfunkte, ihn mit der freundlichen Anrede «Sali Roger» arschkalt verhöhnte und uns anleitete, wie man im Globus mehr und besser stehlen kann — Sendepause.
Dort: Ein kleines Kind springt über den Rasen vor dem AJZ, wo ein Pferd grast. Was haben die Augen jener Kinder gesehen, die das AJZ nicht wie ich kurz besuchten, sondern dort wohnten, die die endlosen Diskussionen und Arbeitsgruppen um den hilflosen Kampf gegen das Dope und Heroin, mit dem man mitten ins Herz der Bewegung hineinspritzte, miterlebten? Diese Kinder hüpften im Kreis durch die Nacht.
Ein Feuerkreis der Nacht, in den niemand zurückkehren will, er verlagerte sich vor die Ruinen des AJZ auf den Platzspitz und jetzt in geschützte Räume. Der Schreck über die gescheiterten Träume einer Generation verschwand von der Gasse.
«Verreised. Verreised, aber schnäll», skandierte Stadtrat Kaufmann auf der Gemüsebrücke vor der Kamera. Gleich gegenüber hätte sich demnächst ein Kran erheben sollen, als Zeichen einer Archäologie der Zukunft, die in Zürichs Limmat die Spuren von Hochseehäfen freigelegt hätte: freie Sicht aufs Mittelmeer. Die war schon Motto einer Ausstellung im Kunsthaus geworden: Gewinnt man diese Sicht im reinen Spiel der Kunst oder nur mit der Gewalt des Protests?
Wir werden ewig zwischen diesen Polen erfrieren und immer wieder mitten im Packeis von einer Sternschnuppe des Nichts entzündet. Denn nur das Nichts kann unser Ziel sein. Erreichen werden wir es:
So
Oder
So. 

Die Fotografin Olivia Heussler, Jahrgang 1957, lebt und arbeitet in Zürich.
Stefan Zweifel ist freier Autor in Zürich.
Die Bilder und der Text sind ein Auszug aus dem Buch «Zürich, Sommer 1980», Edition Patrick Frey. Buchvernissage: 19. Mai im Message Salon Downtown, Perla-Mode, Zürich

21.  März 1981: Besetzung des Autonomen Jugendzentrums (AJZ) an der Limmatstrasse | Olivia Heussler
21.  März 1981: Besetzung des Autonomen Jugendzentrums (AJZ) an der Limmatstrasse | Olivia Heussler
1.  August 1980: Nacktbaden nach der Demo am Utoquai beim Bellevue | Olivia Heussler
1.  August 1980: Nacktbaden nach der Demo am Utoquai beim Bellevue | Olivia Heussler
21.  April 1980: Polizeieinsatz nach der Blockierung der Langstrasse-Unterführung durch die Quartiergruppe «Luft und Lärm»  | Olivia Heussler
21.  April 1980: Polizeieinsatz nach der Blockierung der Langstrasse-Unterführung durch die Quartiergruppe «Luft und Lärm» | Olivia Heussler
3.  Juli 1980: Gratiskonzert mit Jimmy Cliff: «You can get it if you really want», organisiert von Roger Schawinski | Olivia Heussler
3.  Juli 1980: Gratiskonzert mit Jimmy Cliff: «You can get it if you really want», organisiert von Roger Schawinski | Olivia Heussler
30.  August 1980: Wohnungsnotdemo am Bellevue | Olivia Heussler
30.  August 1980: Wohnungsnotdemo am Bellevue | Olivia Heussler

Die Diskussion

3 Reaktionen

  1. Erwin Mayer

    Kritik, die mit “ich schätze den Autoren xy eigentlich ja sehr” beginnt, ist nicht gerade diejenige, die ich selbst gerne lese, aber sei’s drum. Ich schätze Stefan Zweifel eigentlich ja sehr, ob ich nun im mittlerweile endgültig gegen die Wand gefahrenen «Literaturclub» sehe, ihn häppchenweise da und dort zu lesen kriege oder auch, wenn ich ihn im Tram seh’, auf der Strasse irgendwo oder in einer Kneipe.
    Ein Text wie dieser, der als literarischer recht ordentlich daherkommt und auch die empörten Tränen im «Club» von neulich lassen mich etwas ratlos zurück. Worum geht es bei solchen öffentlichen Bekenntnissen? Dieses militante sich Zurücksehnen, Hineinsehnen, Herbeisehnen – I don’t fucking get it. Das liesse sich illustrieren anhand des «Club» Auftritts, in dem der kürzlich verstorbene Autor Chessex von Herrn Zweifel heilig gesprochen und zum Opfer antisemitischer Dorfyidylle verklärt wurde (dabei liest sich Chessex “Un juif pour l’example” selbst wie ein antijudäischer Fiebertraum, der sich den Schweiss literarisch vom Textkorpus abwischen möcht). Oder aber hier, wo der rebellische Sommer 80 zur Zürich-Heterotopie gerät; beinahe magisch aufgeladen und in dieser Magie problemlos anknüpfbar an irgendwelche “Public viewing”-Erlebnisse oder den Stumpfsinn in illegalen Bars, als der rebellische Sommer 80 wiederaufgeführt wurde als dröge Kleinstadtposse. Immer jedoch schwebt das Bekenntnis über allem: “Ich auch”, “ich hätte auch gewollt”; “ich könnte auch können wollen”.
    I don’t fucking get it, Mr. Zweifel.

  2. batam

    Tu nicht so wichtig!

  3. Gael

    Danke sehr für den Bericht mit den detaillierten Beobachtungen aus “Kinderperspektive”, und endlich mal ein bisschen Poesie in der Boulevardpresse!

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