Zurück in die Zukunft

27.11.2009 von Michèle Roten , 7 Kommentare

Immer, wenn ich in letzter Zeit das Radio einschalte, kommt eine Coverversion. Eine Coverversion von irgendwas. Eine Coverversion von irgendwem.
Irgendwie machts mich traurig. Denn es weckt eine Kindheitsangst in mir, die ich lange vergessen glaubte: dass irgendwann alle Melodien aufgebraucht sind. Wir haben eine bestimmte Anzahl Töne. Die kann man auf eine bestimmte Anzahl Arten anordnen. Irgendwann hat man sie doch durch, oder?
Die Flut an Coverversionen kommt mir vor wie die apokalyptischen Reiter. Ist es schon so weit? Fällt uns nichts mehr ein? Sie mögen ja gelungen sein zum Teil, die Wiederverwertungen. Ein unbelecktes Mädchen singt Nirvana. Rapper machen «Paradise City». Lustig, charmant. Originell? Nein. Das ist es eben nicht.
Ich war zu allem Überfluss neulich an einem Konzert, das nur auf Coverversionen basiert. Ein paar Jungs mit Hiphop-Hintergrund, viel Schnaps und lustigen Hüten singen alte Hits nach. Die Leute, sie drehten durch. Man sieht diese Art der Ekstase selten bei zürcherischem Publikum. Ich konnte nicht recht entscheiden, was es war, was ich sah, was sich da abspielte in den vor Freude entstellten Gesichtern. Unschuldige Verzückung? Oder Spassgier, die allzu leicht befriedigt wird von einer musikalischen Nutte (und damit meine ich den Hit).
Ich weiss es nicht, aber so sehr ich auch den Wert eines guten Songs zu schätzen weiss, fühlt sich das alles doch abgestanden an. So abgestanden, wie es ist. Und irgendwie gibt mir die Retro-Orientiertheit, die ja (zumindest bei der urbanen Szene-Intelligenzia) weiss Gott nicht nur im musikalischen Bereich grassiert, ein ungutes Gefühl. So toll veraltete Ausdrücke auch sind, so hübsch ich ein Fünfzigerjahre-Küchenmöbel mit pastellgelben Schiebetüren finde, und so drollig es ist, mal wieder eine Kassette in der Hand zu halten; so begrüssenswert es ist, dass alte Werte wieder aufleben, dass gutes Handwerk wieder geschätzt wird und der in den Achtzigern entstandenen Wegwerfmentalität Einhalt geboten wird — verdammt, was ist denn eigentlich mit der Zukunft? War die nicht auch mal noch? Und sind nicht alle diese Retrosachen Nutten einer dekadenten Gesellschaft, die das innovationsfeindlichste aller Bedürfnisse: Geborgenheit! befriedigen? Ich weiss es nicht. Aber ich dachte in letzter Zeit darüber nach, mir ein altes Röhrenradio zuzulegen, weil es unleugbar einfach schöner klingt.
Ich dachte auch, es wäre irgendwie «neu», in der heutigen Zeit ein Röhrenradio zu haben. Neu, weil ein alter Wert gewürdigt wird. Aber wenn ich dieses jetzt anstellen würde, und daraus kämen Stimmen von heute, die Songs von gestern nachsingen, dann könnte ich glaubs nicht mehr ans Morgen glauben.

Gemälde von Pascal Möhlmann
Gemälde von Pascal Möhlmann

Die Diskussion

7 Reaktionen

  1. jacko

    Liebe Michèle Roten,

    Das könnte man Midlife Krisis nennen, diesen Zustand, der sie dazu bewogen haben könnte, obenstehende Zeilen zu schreiben.
    Es scheint an der Zeit für eine neue Herausforderung.
    Studium abschliessen? Kinder gebären? Firma übernehmen? Oder in die Entwicklungshilfe gehen? Religiös werden ist auch keine Lösung.

    Alles Gute!

  2. Winnie

    Was fällt mir – so ganz plötzlich – an dem Gemälde von Herrn Möhlmann auf? Miss Roten, Sie gebrauchen eine Moleskine-Agenda? Reizend. Doch wie Retro!

  3. mcfly

    Miss Universum hat hier Recht – Leichenfledderei ist sehr beliebt in Pop, Volksmusik, Klassik und Hiphop – conditio sine qua non.

    Hinzu kommt, dass die Mehrheit der Schweizer kulturell und politisch rückwärtsgewandt ist, im besten Fall auf tiefem Niveau stagniert – siehe Jacko.

    Eine Kombination die dazu führt, dass wir bald alle wieder Akkordeonspielende Kuhf***r sind. Mit BMW und Bankkonto, versteht sich.

  4. SchmAlex

    Ich verstehe nicht ganz was diese Kolumne mit einer Midlifecrisis zu tun haben soll?

    Ich denke, dass Madame Roten mit ihrer jetzigen Beschäftigung besser fährt als mit den von Jacko vorgeschlagenen Alternativen. (Den Indien-Reisebericht im Neon fand ich super)

    Und noch schnell zum eigentlichen Thema:

    Könnte es nicht sein, dass die Leichenfledderei positv zu betrachten ist? Ich meine – schon dagewesene Elemente mit neuen Techniken/Materialien/Klängen zu ergänzen ist doch genau das was neues entstehen lässt.

  5. jacko

    A************elende Kuhf***r?
    Mein lieber McFly, das nenne ich wahrhaftig hohes Niveau! Mannmann.
    Dass sie zur Predigt lateinische Wahrheiten zitieren, macht die Sache irgendwie verherend.

    Zurück zum Thema:
    Ich habe die obenstehende Kolumne sehr gerne gelesen, wie ich überhaupt Artikel von Frau Roten allgemein sehr gerne lese. Die Sprache ist meist direkt, unverblümt, roh, wahrhaftig, auch lustig, es geht zur Sache. Aber in den letzten Wochen beschleicht mich das Gefühl, dass sich eine Unzufriedenheit breit macht, dass ich jemandem beim selbstmitleidigen Jammern abhören muss: Beim Jammern über die anderen, über den Rest der Schweiz, über die Kulturbanausen, über die Nachsinger und Ausgelassentänzer. Es ist nörgeln auf hohem Niveau, was ich hier lese, aber die Melancholie, die zwischen den Zeilen stöhnt, ist doch ein Zeiger, dass es für Mme Roten Zeit ist für die grossen Themen, für neue Horizonte…
    Eben Zeit, die Uni-Kolumne einer frischgebackenen Studentin weiterzugeben.

    Sticheleien in verschiedene Richtungen (z.B. “unbelecktes Mädchen”) und der Anspruch zu wissen, was original und was originell ist, finde ich per se unoriginell. Warum sollte man Nirvana-Songs nicht covern dürfen, die Herren haben ja selbst diverse Songs gecovert? Warum sollte ein Cover schlechter sein als ein Original??
    Wie Schmalex schreibt, kann man diese “Leichenfledderei” positiv finden.

    Wenn sich Menschen ein Brett saufen müssen, dann ist das ein Problem, vermutlich ein grosses, das aber mit Hitparadensongs wenig bis kaum was zu tun hat.

    Wahrscheinlich verstehe ich ganz einfach den Sinn der Sätze nicht:
    Was heisst “Spassgier, die allzu leicht befriedigt wird von einer Nutte” oder “Retrosachen sind Nutten, die das innovationsfeindliche Bedürfnis Geborgenheit! befriedigen” oder was meint die Dame mit “dekadente Gesellschaft” oder…
    Ich höre vor allem das Gejammer.

    Nun denn, ich besteige dann mal mein Velo und fahre quer durch die Stadt nach Hause, vom See zum Berg, wie jeden Tag (versuche dabei, den Koksleichen in ihren BMWs auszuweichen) und freue mich, dass diese Stadt so farbig ist wie noch nie in den letzten 40 Jahren.

    Am meisten freuen mich lebendige herzliche Menschen, die nicht originell sein müssen, um Originale zu werden. Um original zu werden, brauche ich doch keinen, der mir sagt, was er alles wieder nicht gut findet und wie doch früher alles besser war.
    Ich lese dann nächste Woche noch ein mal rein in der Hoffnung, etwas mehr Feuer zu spüren.

    Akkordeaonspielende Kuhf****r? Tstststs.
    Früher war alles besser? Manno.
    Die grassierende Retro-Orientiertheit in der urbanen Szene-Intelligenzia? Hm.
    Ein Röhrenradio?? Klingt vermutlich besser als ein Toaster, stimmt.

    Die Zukunft beginnt jeden Augenblick, sie ist morgen schon wieder Vergangenheit.
    Eine Binsenwahrheit.
    Just let it be. Flow.

  6. mazzola

    Keine Angst es gibt
    1 592 645 620 686
    Klassen von Melodien mit 13 Toenen, und es gibt
    2 230 741 522 540 743 033 415 296 821 609 381 912
    Klassen von Melodien mit 72 Toenen. Das hat die mathematische Musiktheorie herausgefunden. Das ist praktisch unendlich, gell. Happy listening for the next billion years. Guerino Mazzola, School of Music, University of Minneapolis

  7. ursle

    Solange es Elemente aus Kunst und Kultur sind, die man aufleben liesse, und sich von sonstigem rückwärtsgerichtetem Gedankengut distanzierte, wäre, finde ich, alles halb so schlimm, obwohl ich am musikalische Wiederkäuen auch nicht teilhaben mag , mit einer Ausnahme: “Under my umbrella” scheint mir nur in der (ultra retro) Coverversion ein erträgliches Stück Musik zu sein.

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