Zurück zur Moral

Der deutsche Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann hat der Schweiz eine Moralpredigt gehalten und ist zum Buhmann geworden. Ein klärendes Gespräch

24.04.2009 von Guido Mingels und Martin Beglinger , 35 Kommentare

Das Haus, in dem uns Ulrich Thielemann zum Gespräch empfängt, sieht eher aus wie ein Asylbewerberheim als ein Institut der Universität St. Gallen; es dürfte eines der baufälligsten auf dem vornehmen Rosenberg in St. Gallen sein. Geld ist offensichtlich wenig vorhanden an dem Ort, an dem man intensiv über Geschäft und Moral nachdenkt. Das Institut für Wirtschaftsethik gehört zwar unter das grosse Dach der HSG, legt aber Wert auf seine Unabhängigkeit. Ulrich Thielemann, heute 47, kam vor zwanzig Jahren als Doktorand aus Deutschland an die HSG. Mittlerweile ist er Vizedirektor des von Peter Ulrich geleiteten Institutes, doch bis vor vier Wochen kannte man ihn kaum über seinen Fachzirkel hinaus. Dann trat er, auf Einladung der Grünen, vor einem Bundestagsausschuss in Berlin zum Thema Steuerflucht auf. In der öffentlichen Wahrnehmung blieben gerade mal zwei Worte des Schnellredners Thielemann hängen: «fehlendes Unrechtsbewusstsein», das die Schweiz in Bezug auf das Bankgeheimnis habe. Doch sie reichten aus, um den Wirtschaftsethiker auf die Frontseiten zu katapultieren. Seither gilt er hierzulande manchen als kleiner Steinbrück und anderen als Leuchtturm der Moral. Leute wie der pensionierte HSG-Professor Franz Jaeger finden, man müsste Thielemann seiner Aussagen wegen schlicht entlassen — und garantiert nicht zum Nachfolger des bald zurücktretenden Peter Ulrich wählen, für dessen Lehrstuhl Thielemann sich derzeit bewirbt. «Aus Wirtschaftskreisen», sagte Jaeger im «St. Galler Tagblatt», «wird immer wieder Kritik am Institut für Wirtschaftsethik geübt. Man sucht seit Langem nach einem handfesten Grund, der gegen Thielemann spricht. Jetzt hat er ihn selber geliefert.» Zu seiner Bewerbung mag sich Thielemann allerdings nicht äussern und ebenso wenig zur scharfen Kritik von HSG-Rektor Ernst Mohr, der ihm vorwarf, er habe sich «höchst naiv verhalten» und «mit seinem Auftritt dem Image der HSG geschadet».
Ansonsten aber bleibt Thielemann jederzeit eloquent, nicht zuletzt in seiner wöchentlichen Vorlesung, die er unmittelbar vor dem Gespräch mit dem «Magazin» hielt. Es war, mit zwölf anwesenden Studenten, nicht gerade ein Massenauflauf im Hörsaal, wo er über die «neue Radikalität im Management» referierte. Diesmal gings um den «Fall Nokia und den Konflikt zwischen Zivilgesellschaft und Kapitalmarkt», konkret um das Nokia-Werk Essen mit 2300 Beschäftigten, das geschlossen und ins billigere Rumänien verlegt wurde, obwohl der Betrieb im Vorjahr noch 134 Millionen Euro Gewinn gemacht hatte. «Entlassungen aus Not oder ohne Not?», hiess die Frage eines studentischen Eingangsreferats. «Aus Not oder aus Gier?», sei hier wohl die Frage, meinte Thielemann; für ihn eigentlich keine Frage, für andere offenbar schon. Gegen Ende der Vorlesung fragte jedenfalls ein Student: «Wo bleibt denn hier eigentlich die unternehmerische Freiheit? Werden wir hier wieder einem kommunistischen Ideal verpflichtet?» «Bitte, bitte nicht so undifferenziert», gab ihm Thielemann zur Antwort, «ich verlange eine Begründung mit Hand und Fuss. Und die Begründung ‹Mehr Gewinn für die Eigentümer› ist keine Begründung, sondern blanke Macht.»

Herr Thielemann, die Öffentlichkeit hierzulande war sehr erzürnt darüber, dass Sie vor dem deutschen Bundestag im Zusammenhang mit dem Bankgeheimnis behaupteten, in der Schweiz bestehe «keinerlei Unrechtsbewusstsein». Es gab da viele Missverständnisse. Lassen Sie uns klären: Wer hat in der Schweiz in Bezug worauf ein mangelndes
Unrechtsbewusstsein?

Zunächst einmal stelle ich fest, dass es grundsätzlich in der Schweiz sehr wenig Wissen über das Bankgeheimnis gibt. In den Diskussionen der vergangenen Jahrzehnte bestand grosse Unklarheit über den eigentlichen Tatbestand. Dieser besteht darin, dass ein Staat Bürger, die in einem anderen Staat wohnhaft sind, steuerlich behandelt. Dies widerspricht dem Wohnsitzprinzip, das besagt, dass die Steuerpflichtigen dort Steuern zahlen sollen, wo sie ihren Wohnsitz haben. Exakt dies unterläuft die Schweiz, wenn sie den fiskalischen Informationsaustausch verweigert. Sie nimmt sich damit das Recht heraus, Personen, die für die Schweiz Steuerausländer sind, von ihrer Steuerpflicht zu befreien. Die Schweiz macht sich damit des Eingriffs in die legitime Steuerautonomie des jeweiligen Wohnsitzstaates schuldig.

In der Schweiz herrscht derzeit aber der umgekehrte Eindruck, dass sich das Ausland, namentlich Deutschland, in die Autonomie der Schweizer Steuergestaltung einmischt.
Dieser Eindruck mag herrschen, de facto ist aber das Gegenteil der Fall. Wieso, bitte sehr, darf die Schweiz diese Personen von den Steuern befreien? Welches Recht hat sie dazu? Dann sagen die Leute: Ist doch klar, dass die Deutschen hierher kommen, wenn die Steuern bei uns so viel tiefer sind. Wer so argumentiert, versteht den Tatbestand nicht. Denn um Leute, die in der Schweiz anwesend sind, geht es gar nicht. Es geht allein um Leute, die weiterhin im Ausland wohnen, aber ihr Geld in die Schweiz bringen, um Steuern in ihren Wohnsitzstaaten zu hinterziehen. Und diesbezüglich besteht eben in der Schweiz kein Unrechtsbewusstsein, noch nicht einmal ein Problembewusstsein. Ich habe den Eindruck, dass weite Kreise der Bevölkerung gar nicht wissen, worum es eigentlich geht. Die Banker und die Eliten allerdings, die wussten es schon immer.

Aber was heisst hier Unrecht? Steuerhinterziehung ist nach Schweizer Gesetz nun mal kein Unrecht. Die geltende Rechtsordnung wird befolgt. Es gibt also kein Unrechtsbewusstsein.
Das ist eine legalistische Argumentation, keine ethische. Das Gesetz selbst ist eben ethisch nicht rechtfertigbar. Was ich beobachte, ist eine bestimmte Stimmungim Land. Eine Stimmung, wonach bis vor kurzer Zeit keinerlei Offenheit dafür bestand, die Unrechtmässigkeit der Besteuerung von Ausländern überhaupt zu thematisieren. Ein gutes Beispiel dafür ist die Äusserung von Bundesrat Hans-Rudolf Merz in einem Interview, man hätte ihn ja «für verrückt erklärt», wenn er ohne Druck von aussen das Bankgeheimnis zu lockern begonnen hätte. Es fehlt an Einsicht.

Erklären Sie bitte das Wohnsitzprinzip.
Das Wohnsitzprinzip ist der Grund für das Besteuerungsrecht der Staaten und überlässt die autonome Ausgestaltung des Steuersystems dem jeweiligen Wohnsitzstaat. Dieses Prinzip duldet keine Ausnahme. Begründet wird es mit den gemeinschaftlichen Aufgaben, die ein demokratischer Rechtsstaat sich selbst gibt und deren Kosten von denjenigen getragen werden sollen, die einen Bedarf für öffentliche Leistungen überhaupt erst begründen. Und das sind eben diejenigen, die dort wohnen. Sie fahren auf den Strassen und schicken ihre Kinder in die Schulen, die durch ihre Steuern finanziert werden. Der Steuerflüchtling und die Steueroase unterwandern nun dieses Prinzip.

Verschiebt das Wohnsitzprinzip nichteinfach das Problem? Der Missbrauch wird dann halt durch Scheindomizilerealisiert, Briefkastenfirmen, Auswanderung ohne physische Anwesenheit.Headquarters grosser Firmen machensich legal ansässig, deren eigentliche steuerpflichtige Wertschöpfung aber im Ausland geschieht.
Das alles sind doch offenkundig Versuche, das Wohnsitzprinzip zu unterlaufen oder, im Falle von Unternehmen, das Betriebsstättenprinzip. Es muss eine Form der Ansässigkeit geben. Sonst hat ein Staat keinerlei Besteuerungsrecht. Steueroasen stehen in der berechtigten Kritik, weil sie natürliche oder juristische Personen besteuern, obwohl nicht der Hauch einer Ansässigkeit in diesem Land besteht. Wir haben es hier also mit rein pekuniärer Steuerflucht zu tun, um den Fall also, dass nur das Geld auswandert und keine Person oder ein Unternehmen mitkommt.

Ist es demnach für den Ethiker okay, dass ein Deutscher in die Schweiz zieht, weil ihm in Deutschland die Steuern zu hoch sind?
Das ist unproblematisch, solange er nicht privilegiert wird, etwa mit einem pauschalen Steuerabkommen. Auch solche Abkommen unterlaufen das Wohnsitzprinzip. Doch das ist weit weniger gravierend.

Daraus müsste eigentlich folgen, dass auch der internationale Steuerwettbewerb legitim ist.
Nein. Denn dabei handelt es sich gerade nicht um einen echten Wettbewerb, sondern um einen parasitären Pseudo-Wettbewerb, um einen Nicht-Leistungswettbewerb. Beide Seiten verhalten sich als Trittbrettfahrer. Der rein pekuniär Steuerflüchtige bleibt nach wie vor in seinem Ursprungsland wohnhaft und bezieht dort auch die Annehmlichkeiten, die sein Land zu bieten hat und die zu einem beträchtlichen Teil über Steuermittel finanziert werden. Doch er selbst entzieht sich seiner steuerlichen Bürgerpflichten und lastet seinen Mitbürgern entsprechend höhere Lasten auf. Auf der anderen Seite steht die Steueroase, die gigantische Beträge kassiert, ohne dass sie dafür irgendetwas hätte tun müssen. Eine «Leistung», die den Namen verdient, ist aufseiten der Steueroase nicht ersichtlich.

Aus der Sicht des Steuerflüchtlings besteht diese Leistung in einem funktionierenden Rechtsstaat, in hoher politischer Stabilität und einem guten Service der Banken, auf deren Diskretion man sich verlassen kann.
Einen «guten Service» bieten auch die Banken in Deutschland. Und «Diskretion» gegenüber wem denn? Doch wohl in erster Linie gegenüber den Steuerbehörden, die aber nun einmal autorisiert sind zum Erhalt genau der Informationen, die der Steuerpflichtige verheimlichen will. Das ist auch so ein Scheinargument der Gegner des Informationsaustausches: der sogenannte Schutz der Privatsphäre. Es geht ja beim fiskalischen Informationsaustausch nicht darum, dass Bankdaten in Medien öffentlich gemacht werden, sondern allein um den Kenntnisstand autorisierter Behörden, die wiederum der Gehmeimnispflicht unterliegen. Da ohne diese Kenntnisse die Steuerpflichtigen nun einmal nicht gleichmässig und gesetzeskonform besteuert werden können, kann es keine fiskalische Privatsphäre geben. Die gilt für Arbeitseinkommen ja eh nicht. Als Arbeitnehmer sind wir alle vollständig steuertransparent. Was soll also diese Privilegierung von Kapitaleinkommen? Dann soll man doch gleich sagen, dass man Steuern auf Kapitaleinkommen abschaffen und durch Spenden ersetzen möchte.

In einer Umfrage des «SonntagsBlicks» sagen fast 60 Prozent, man solle die Unterscheidung zwischen Steuerbetrug und Steuerhinterziehung gegenüber ausländischen Behörden aufheben. Gleichzeitig sagen 56 Prozent, die Schweiz solle das Bankgeheimnis gegenüber dem Ausland möglichst hartnäckig verteidigen. Wie ist das erklärbar?
In der Tat ein paradoxes Ergebnis. Die erste Zahl zeigt, dass die Schweizer es mehrheitlich für unmoralisch halten, wenn ihr Land trickreich in die legitime Steuersouveränität anderer Staaten eingreift. Ich habe daran nie gezweifelt. Die zweite Antwort ist wohl nur identitätspolitisch zu erklären. Irgendwie ist das Bankgeheimnis zur Folklore geworden. Offenkundig wird es von vielen Schweizerinnen und Schweizern, ganz pauschal und im Ungefähren, als Teil der nationalen Identität empfunden.

Haben Sie eigentlich geahnt, dass Sie mit Ihren Äusserungen einen derartigen Wirbel auslösen würden?
Nicht die Bohne! Echt nicht. Die Position, die ich in Berlin vertreten habe, äussern Peter Ulrich und ich ja schon seit bald zehn Jahren. Ich war schon sehr erstaunt über das Fotografengewitter in Berlin. Dieses galt allerdings allein Urs Roth von der Schweizerischen Bankiervereinigung, der ja höchstpersönlich erschien, was ich auch nicht wusste. Ich ahnte damals nicht, dass meine Aussagen überhaupt, und dann auch noch so verkürzt, in den Medien dargestellt und dann so missverstanden würden.

Auf Ihrer Website bedauern Sie diese Reaktionen und schreiben: «Hätte ich dies vorher gewusst, hätte ich die Stellungnahme vor dem Finanzausschuss wohl nicht abgegeben.» Klingt nach Kapitulation.
Ich bedaure nur das Nachspiel. Was ich in Berlin sagte, halte ich im Kern nach wie vor für richtig.

Die Zahl der gehässigen Reaktionen zeigt, dass es vielen Schweizern in die Nase sticht, wenn ein Deutscher, der sein Geld in der Schweiz verdient, in Deutschland Positionen der offiziellen Schweiz kritisiert.
Ich äussere mich ungern nochmals dazu, doch mit Verlaub: Ich mache meine Positionen nicht von meiner Nationalität abhängig. Dies wäre auch eine krasse Verletzung meines Ethos als Wissenschaftler. Und ich verbitte mir, dass man von mir verlangt, Schweizer Interessen ohne Begründung zu vertreten.

Wird der Ethiker besser gehört, wenn die Wirtschaft in der Krise steckt?
Mag sein. Aber ich denke nicht in solchen Kategorien. Mein Unbehagen gegenüber dem reinen Markt reicht weit zurück, bis in meine Zeit als Gymnasiast. Aber ich habe fünfzehn Jahre gebraucht, um dieses Unbehagen zu formulieren und zu begründen. Ich verstehe mich als Aufklärer und hoffe, dass meine Forschung nicht l’art pour l’art bleibt.

Der frühere HSG-Rektor Rolf Dubs fragte sich im «St. Galler Tagblatt»: «Warum ist es in der Ausbildung der massgeblichen Führungskräfte nicht gelungen, die Studierenden zu einem vernünftigen ökonomischen Handeln zu erziehen?» Ihre Antwort?
Die Ursache der Krise ist letztlich die Marktgläubigkeit. Und dazu gehört auch die Entfesselung der Gier. Früher hat man diese Radikalität des Wirtschaftens nicht gekannt, jedenfalls nicht in der Praxis. Dann hat man mit der Gewinnmaximierung Ernst gemacht und gesagt, dass die Investoren — die Shareholder — die einzig legitime Anspruchsgruppe sind. Aus dieser Optik sind die Manager die Agenten der Kapitaleigentümer und die Mitarbeiter nur noch Faktoren. Die Manager sollen alles tun, damit die Rendite so hoch wie möglich ausfällt. Zu hohe Renditen kann es da gar nicht geben, zu hohe Löhne schon.

Offenbar hatte Ihre Aufklärungsarbeit an der HSG null Effekt.
Das kann man so nicht sagen. Dass den Managern heute Integrität beigebracht werden muss, darüber besteht eine grosse und wachsende Einigkeit. Auch Rolf Dubs hat sich glasklar gegen die reine Gewinnmaximierung ausgesprochen. Dieser habe man an den Hochschulen, auch an der HSG, viel zu lange gehuldigt.

Sie haben die HSG schon als Schule der Marktgläubigkeit bezeichnet und ihr eine Mitschuld an der Misere zugesprochen.
Habe ich so nicht. An praktisch allen Wirtschaftsfakultäten wurde der Marktgläubigkeit gehuldigt. Ich würde allerdings nicht von «Schuld» sprechen…

Aber von Verantwortung, von Mitverantwortung.
Das ist eine politische Argumentation, an der mir wenig liegt. Ich führe die fachliche Diskussion darüber, dass Gewinnmaximierung falsch ist. Es wird jetzt gerne von der Gier der Manager gesprochen. Aber was da als Gier bezeichnet wird, gilt in der ökonomischen Theorie einfach als «rational»! Da zeigt sich auch, wie tief der Ökonomismus, die Marktgläubigkeit sitzt.

Sie sagten einmal, wer andere Ansätze verfolge, schaffe es als Wirtschaftswissenschaftler gar nicht erst in die wichtigen Publikationen.
Es ist sehr schwierig, dieses Kartell vorgefertigter Grundannahmen zu durchbrechen. In anderen Disziplinen wie der Soziologie oder der Psychologie gibt und gab es schon immer widerstreitende Denkschulen, Pluralismus. Die Ökonomie aber ist heute mehr eine Wissenskirche als eine Wissenschaft. Marktkritische Sichtweisen hatten bislang keinen Platz.

Sie sagten vorhin, man müsse den Managern Integrität beibringen. Wer soll das tun? Und wie?
Integrität heisst für mich, das eigene Erfolgsstreben von dessen Legitimierbarkeit abhängig zu machen. Ansonsten würden wir unsere Mitmenschen nämlich zu Mitteln unseres Erfolgsstrebens degradieren. Als Wirtschaftsethiker geht es mir aber nicht um Wertevermittlung, nicht um Handlungsanweisungen, sondern um Aufklärung und Reflexion. Es geht nur darum, die impliziten Legitimationstheorien, auf denen das ökonomistische Denken beruht, kritisch zu hinterfragen.

Nehmen wir an, ein HSG-Abgänger denkt marktkritisch. Hängt es nun von seiner Persönlichkeit ab, ob er das auch in der Bank tun wird, die immer noch auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist?
Die Individualethik spielt sicher eine Rolle, also die persönlichen Werte des Einzelnen. Diese werden an den Universitäten mitgeprägt. Doch viel wichtiger ist die Ordnungsethik, die Institutionenethik, die verantwortungsvolles Handeln stützt oder eben entmutigt. Damit sind die Gesetze gemeint, die Regeln, der Rechtsstaat. Wir wären alle überfordert, wenn wir nicht solche «institutionellen Rückenstützen» hätten, wie Peter Ulrich es nennt. Ohne Ordnungsethik wäre der Verantwortungsbewusste rasch der Dumme. Gute Ordnungsethik stützt das verantwortungsvolle Handeln von uns Bürgern als Wirtschaftsbürgern, als Managern, als Konsumenten, als Investoren.

Braucht es solche Megakrisen, damit sich die Regeln verändern lassen?
Die Krise hat sehr vieles in Bewegung gebracht. Nehmen Sie die Kehrtwende der Angela Merkel von der reinen Markthörigkeit zur «Gestaltung» der Globalisierung hin zu einer «menschlichen Marktwirtschaft». Das heisst: Wir, die Bürger, geben uns eine Ordnung, die sanktionsbewehrt ist. Man wird also bestraft, wenn man sie verletzt, weil wir wissen, dass wir uns sonst alle selbst moralisch überfordern.

Sie glauben, die Elite denkt wirklich nachhaltig um?
Ich antworte ungern prognostisch, aber ich denke schon. Wir sind am Beginn einer neuen Zeit. Die Marktgläubigkeit ist als allein selig machendes Paradigma gescheitert. Das heisst jedoch nur, dass die übersteigerte Sicht des Marktes als das Prinzip alles Guten und Richtigen gescheitert ist. Es heisst auch, dass der Markt auf allen Stufen der Moderierung und der Begrenzung bedarf. Und diese Einsicht macht sich jetzt auch bei den Führungskräften breit. Bei einem Referat vor Schweizer Verwaltungsräten hörte ich kürzlich: «Dankeschön, Herr Thielemann, ich finde sehr gut, was Sie da in Berlin gesagt haben.»

Es gibt eine Menge Leute, die Ethiker belächeln, die sagen, ach ihr wollt den guten Menschen kreieren, den werdet ihr nie hinkriegen, der Mensch wird immer bleiben, was er ist: ein egoistisch gesteuertes Wesen.
Das ist das Anti-Gutmensch-Argument. Dazu sage ich: Auf welcher Seite wollt ihr denn stehen? Auf der Seite der Mafia? Ausserdem stimmt es nicht. Die allermeisten Menschen sind keine rein egoistisch gesteuerten Wesen. Das Menschenbild des Homo œconomicus, das von der Ökonomie propagiert wird, der Mensch also, der alles zu seinem Eigennutzen optimiert, der ist nicht nur moralisch nicht rechtfertigungsfähig, sondern er entspricht auch nicht dem Selbstverständnis eines normal sozialisierten Menschen.

Freier Markt bedeutet doch nicht Mafia. Es gehört durchaus zum Marktparadigma selbst, dass der Marktteilnehmer sich moralisch verhält, gerade indem er seinen Vorteil sucht. Um Erfolg zu haben, muss er zuverlässig sein, er muss die Bedürfnisse der anderen berücksichtigen und so weiter. Der freie Markt, sagen seine Befürworter, bringt das Beste im Menschen hervor.
Ich kann mir nur an den Kopf fassen. Meinen Sie wirklich ernst, was Sie da sagen?

Wir referieren nur die Position des klassischen Liberalismus. Sie, Herr Thielemann, sagen ja lediglich: Gewinnmaximierung ist gescheitert. Aber unterhalb des Maximums ist ja noch viel Platz. Wo ist die Grenze des Gewinnstrebens? Wo ist die Grenze der Freiheit?
Eine Grenze lässt sich nicht pauschal benennen. Das ist auch gar nicht notwendig. Wer versteht, warum die Nutzenmaximierung ethisch gescheitert ist, dem ist auch zuzutrauen, dass er das Moralprinzip in seinem Handeln verantwortungsvoll befolgt. Man versteht dann schnell, dass das Vorteilsstreben einen nicht dazu bringt, die Bedürfnisse anderer zu berücksichtigen, sondern allein an deren Zahlungsfähigkeit oder Produktivität interessiert zu sein. Im reinen Markt kommt auch nicht einfach Freiheit zum Ausdruck, sondern die Willkürfreiheit des ökonomisch Stärkeren. Dies ist in der Tat ein Wohlstandserzeugungsprozess, aber er hat eben immense Kosten. Auf der Ebene der Gesellschaft bedeutet es, dass wir uns alle wechselseitig zum Mittel unseres ökonomischen Erfolgsstrebens machen. Das ist der Kern des Problems. Das verletzt unmittelbar den kategorischen Imperativ. Im «Reich der Zwecke», in der humanen Gesellschaft, hat alles «entweder einen Preis — oder Würde», so formulierte dies Immanuel Kant. Insofern ist der absolute Markt apodiktisch zurückzuweisen.

Gut. Was ist die Alternative?
Die Revitalisierung der sozialen Marktwirtschaft. Oder, mit Merkel: menschliche Marktwirtschaft. Ich hab da keine Rezepte, das ist auch nicht meine Aufgabe. Der Markt bedarf, wie ich sagte, der Moderierung, der Regulierung. Und die sollte so gestaltet sein, dass eben auch mehr Freiheit um sich greift. Die bisherige Marktfreiheit ist eine ganz enge Freiheit, die Freiheit nämlich, seine Marktmacht wahrzunehmen. Die Freiheit aber, auch mal querzudenken, innovativ zu sein, also nicht nur jenes Produkt anzubieten, das den höchsten Gewinn abwirft, die ist verschwunden. Ein Beispiel: Als die Firma Citroën daran ging, einen Nachfolger für diesen Gangsterwagen, den Traction Avant, zu finden, hat man den Ingenieuren gesagt, ihr habt alle Freiheiten, macht, was ihr wollt. Heraus kam dieses flunderartige Fahrzeug, der DS, «die Göttin», voll von mehr oder minder nützlichen Innovationen, bei denen sich die Ingenieure austoben konnten. Ein Kunstwerk, das nur möglich war, weil der ökonomische Gesichtspunkt nicht der Einzige war.

In der Analyse dieser Krise ist viel Heuchelei im Spiel. Alle zeigen mit dem Finger auf die gierigen Manager, auf die Bosse, auf die entfesselte Wirtschaft und rufen nach der Politik als Regulator. Vergessen geht: Es waren die Vorgaben der Politik, die diese Krise erst ermöglichten.
Woran denken Sie?

Kern der Misere ist die amerikanische Kreditkrise. Diese wurde ausgelöst durch Greenspans Geldpolitik, durch Bushs Steuersenkungen und durch das sozialpolitische Programm, ärmeren Schichten in den USA den Zugang zu Immobilien zu ermöglichen. Dem Marktversagen ging ein Politikversagen voraus.
Richtig. Aber ich bleibe bei der These, die tiefere Ursache ist die Marktgläubigkeit, auf allen Ebenen. Bei den Investoren, die Rendite verlangt haben, was das Zeug hält, bei den Managern, die diesem Zweck unhinterfragt zugearbeitet haben. Und, vor allem auch bei den Politikern. Die Politik war vollständig marktgläubig. Politik bestand für lange Zeit darin, sich attraktiv zu machen fürs global vagabundierende Kapital. Politik gleich Standortpolitik. Der deutsche Bundespräsident sagte: Vorfahrt für Arbeit. Das heisst de facto: Vorfahrt fürs Kapital. Denn das Kapital schafft die Arbeitsplätze. Darum hat man auch die Handelbarkeit von Investitionen vorangetrieben, ohne die keine Blase entstehen kann. Denn dann ist ja mehr Kapital im Spiel. Also: Marktgläubigkeit auf allen Stufen.

In dieser Krise fühlt sich der Bürger betrogen von «denen da oben». Aber haben wir nicht alle mitgemacht? Sind wir nicht alle schuld? Und haben wir nicht alle auch profitiert?
Zwei Antworten. Die Frage der individuellen Schuld würde ich selbst nie stellen. In komplexen Zusammenhängen gibt es praktisch nie klar identifizierbare Verantwortliche. Die Leute wünschen sich Schuldige, klar, aber es gibt sie nicht. Sehr viele haben mitgewirkt, sehr viele auch im Glauben, dass das alles ethisch richtig ist. Zweitens: Nein, wir haben nicht alle davon profitiert. No way. Die volkswirtschaftliche Wertschöpfung ist massiv zugunsten des Kapitals und des Managements umgeleitet worden. Und die vorherrschende Philosophie, dass jeder sein eigener Lebensunternehmer und Verwalter seines Humankapitals ist, hat viele Menschen unfrei gemacht. Hat sie in Abhängigkeiten geführt. Hat sie vor allem überfordert. Wie gesagt, der «schöpferische» Markt bringt immer auch Zerstörung mit sich. Nein, wir haben ganz sicher nicht alle profitiert.

Aber wir haben alle daran geglaubt.
Nicht alle haben daran geglaubt. Ich zum Beispiel nicht.

Ethiker Thielemann, im Lichte der Vernunft, vor seinem Büro an der HSG | Gian-Marco Castelberg
Ethiker Thielemann, im Lichte der Vernunft, vor seinem Büro an der HSG | Gian-Marco Castelberg

Die Diskussion

35 Reaktionen

  1. Paul Jud

    Es ist zum aus der Haut Fahren. Das Herumgedruckse, das um den heissen Brei herum Reden von Herrn Thielemann. Ich an seiner Stelle würde allerdings genauso argumentieren, wenn mein Job als Wirtschaftsethiker so akut gefährdet wäre. Und dass er die “soziale Marktwirtschaft” aus der Mottenkiste hervorholen muss, zeigt seine Hilflosigkeit bei der Beantwortung der beschränkten Fragen der Magazin-Redaktoren. Was ist denn schon dabei? Man will Kapitalismus und wir haben Kapitalismus! Bloss ist dabei nichts Ethisches. Wir haben Gewinnmaximierung für das Kapital und Lohnsklaverei für die Arbeit. Wir haben Klassenkampf von oben nach unten, ideologisch verbrämt von Institutionen, wie der HSG, und auch von Herrn Thielemann. Es wird Zeit, dass wir die Richtung im Klassenkampf wieder umkehren: von unten nach oben!

  2. Hugo Reichmuth

    Sehr geehrter Herr Jud,

    Klassenkampf ist sicher ganz toll. Auch der Kommunismus ist super!! Und das Christentum: WOW! Naja, in der Theorie….
    Ich finde es schon erstaunlich, dass Leute wie Sie immer noch den gleichen Denkfehler begehen und Konzepte aus der historischen Mottenkiste hervorkramen, die schon vor über 70 Jahren am Faktor “Mensch” gescheitert sind.
    Ich will den Kapitalismus nicht schönreden, aber er ist das System, das menschliches Denken und Handeln am stärksten in sein System einbezieht und darum am besten funktioniert. Natürlich gehören Regelungen in das System, weil die Gier des Menschen unendlich und dieser Planet endlich ist. Die jetzige Krise ist ein grossartiges Beispiel dafür.
    Dass man aber ungerührt der historischen Erfahrungen noch mit Klassenkampf (und Kommunismus?) zu kommen wagt, ist schon unverfroren. Ich kenne Ihr Lebensumfeld nicht, aber wenn Sie Zeit haben, dass Magazin zu lesen und Leserbriefe zu schreiben, werden Sie kaum der vierten oder fünften RAF-Generation angehören und den Klassenkampf aktiv unterstützen. Wenn Ihnen dieser kein Opfer wert ist, dann sollten Sie ihn auch nicht propagieren. Oder warten Sie darauf, dass ein dooferer Zeitgenosse das Risiko auf sich nimmt? Nun gut, da wären wir wieder bei den menschlichen (Un-)Tugenden, die jedes hübsche Denkgebäude zum Einsturz bringen…

  3. Hanspeter Fontana

    Wer ehrlich mit sich selber ist, muss Ulrich Thielemann Recht geben. Wer sich darüber aufregt, dass man Manager für Misswirtschaft mit Millionen-Bonis “bestraft”, muss auch eingestehen, dass dem bestehenden Wirtschaftssystem jegliche Ethik fehlt(e). Wer kritisiert, dass ein System nicht haltbar ist, das die Kapitalvermehrung auf Kosten der Angestellten als oberste Ziel hat, der ist weder Klassenkämpfer noch Sozialist, sondern einfach nur menschlich.
    Recht hat Thielemann auch mit seiner Aussage, das Bankgeheimnis werde von den wenigsten Schweizern verstanden und sei Folklore. Warum soll man einer ausländischen Steuerbehörde nicht Auskunft über Bankkonten ihrer Bürger und Unternehmen geben? Was würden wir sagen, wenn Nestle, Lindt und Roche ihren Steuersitz nach Monaco verlegen würden?
    Jedes Blatt hat zwei Seiten. Sollten wir nicht einmal versuchen, das Bankgeheimnis von der anderen (ausländischen) Seite her zu verstehen?

  4. Flo

    Soso, es bedarf also der guten und korrekten Landeskirchen als Wächter. Vielleicht schon einmal daran gedacht, das nicht jeder, der eine vernünftige Meinung zu sozialem Umgang miteinander (und ich halte Thielemanns Meinung durchaus für vertretbar) zuvor ein theologisches Studium angeschlossen haben muss oder irgendeinem Gott (den es für viele im übrigen gar nicht gibt)huldigen muss?
    Vielleicht sind “wirre Religionsfanatiker” auch nicht gerade dazu berufen, sich um die Belange vieler Menschen zu kümmern, schließlich sind auch sie von ihrer eigenen, einzig richtigen “Meinung” geblendet.
    Ich wünsche mir auf jeden Fall kein Land, keine Gesellschaft, keine Nachbarschaft voll von intoleranten, verstockten, religiösen Hardlinern.
    Da ist ein Gespräch mit Herrn Thielemann allemal vorzuziehen.

  5. Edgar Küng

    Herzliche Gratulation und besten Dank zum grossartig geführten und informativen Interview mit Wirtschaftsethiker Ulrich Thilemann, der in mutiger Weise die Ökonomie und damit auch die HSG zur Wissenskirche stempelt. Zur Erweiterung des Grundwissens über die Ursachen des pervertierten ökonomischen Erfolgsstrebens, ist die Literatur des Schweizer Philosophen, Prof. Dr. Max Lüscher: “Das Harmonieprinzip in uns” oder “Der 4-Farben-Mensch” (Ullstein) zu empfehlen.

  6. Ferdinand Superina

    Wer hat ausserhalb der Schweiz ein “mangelndes Unrechtsbewusstsein”? Respektiert denn der deutsche Fiskus etwa das im Artikel hochgelobte Wohnsitzprinzip?
    Die NZZ gleichen Datums berichtet (Seite 14) über den “Konflikt um Besteuerung deutscher Aerzte”, demnach in der Schweiz tätige und wohnhafte deutsche Aerzte vom deuschen Fiskus Steuernachforderungen erhalten. Ebenso belangt die IRS/USA in der Schweiz (bzw. im US-Ausland) wohnhafte und tätige Bürger mit Steuernachforderungen.
    Hofffentlich tun beide dies mit vollem Tielemann’schem Unrechtsbewusstsein.

  7. Radovan Lorkovic

    Sowohl Marktgläubigkeit, wie auch ihr Gegenteil, totalitäre
    Staatsmodelle, aber auch Moralcoden verdanken wir der
    polarisierenden, männlichen Denkweise in der Androkratie: nach Fall
    des Kommunismus musste es unbedingt und unbesehen in allen Sparten
    das Gegenteil davon, was er predigte, als Orientierung geben, ob
    einem das Blut in den Adern vor Grauen gerann, oder nicht: Hat uns
    der Markt nicht mit seiner Werbetrommel allgegenwärtig Mord in Medien
    und der Literatur als Unterhaltung aufgedrängt, unseren Kindern
    Pistolen und Gewaltgames als Spielzeug in die Hand gegeben, Sex als
    Genuss sine qua non forciert, Reisen und Kultur zum Renommiermittel
    degradiert, Kunst dem Kunsthandelrummel ausgeliefert, Sport dem
    Wettbewerb? Wer nicht schon längst seine Zweifel zu solcher
    Systematisierung des Terrors hatte, konnte schon lange als geschädigt
    angesehen werden. Ueber was redet man in den TV Diskussionen? Ueber
    Geld und Geld und Profit und Wirtschaft und Steuern und Erben und
    Besitz, über Machtpositionen der Parteien, Religionen und
    Ideologiekonflikte, Kriege und Intoleranz. Der Literaturklub fristet
    ein kärgliches Dasein neben so massiv forcierten Inhalten. Bildung
    zählt nicht, nur Erfolg, Preise sind wichtiger als Gedanken,
    Konflikte interessanter, als Lösungen, Abstraktionen mächtiger als
    Freundlichkeit. Man duckte sich unter diesem Terror, aber Freiheit,
    die vielgepriesene, war es nicht. Die Krise kam früher als erwartet,
    und sie ist ein Beweis für die Gesundheit der Menschenart, die ihre
    Heilung stets, wenn auch spät, noch rechtzeitig findet. Hatten wir
    blutiger Revolutionen in letzten Jahrhunderten nicht genug, um über
    die Kontraproduktivität von Gier und Arroganz belehrt zu werden? Wie
    kann man nur so blind und feig sein, heute noch all die
    diskreditierten “Werte” zu verteidigen!

  8. Bruno Stuber

    Ich danke der Redaktion für das Interview. Ja, U. Thielemann ist für mich ein Leuchtturm. Entsprechend dankbar war ich für seine Ausführungen in Berlin, was ich ihn sowie Mohr, Jäger & Co. wissen liess. Seit Jahrzehnten ärgere ich mich z.B. über Banker, die bar jeglicher Ethik und damit in krassem Widerspruch zu unserer BV-Präambel “Im Namen Gottes des Allmächtigen” gehandelt haben. Und ich ärgerte mich über den bürgerlichen Bundesrat und die bürgerlichen Parteien, welche diese Banker gewähren liessen und auch heute noch das Unrecht verteidigen. An Gott glauben heisst für mich Ethik in allen Lebensbelangen (Ehe und Fmailie, Arbeitsplatz, Handeln als Staatsbürger, usw. Wenn dies in der Schweiz so wenig sichtbar ist, liegt es an den Kirchen und Freikirchen. Statt die Botschaft von der Befreiung des Menschen bibelkonform zu verkündigen und vorzuleben, halten sie die Menschen lieber in ihren Irrlehren gefangen. Steuerhinterziehung betrügt z.B. die betroffenen Staaten und die ehrlichen Steuerzahler in der Schweiz.

  9. Laurenz Huesler

    Die Schweizer haben kein Unrechtsbewusstsein, und an der Bankenkrise ist keiner Schuld. Giacobbo, übernehmen Sie!

  10. Alexander Steinacher

    das war jetzt aber Zeit für dieses Interview. Endlich wird mal der mythische “der Markt regelt alles”-Glaube entlarvt. Mut zu ketzerischen Aussagen ist ja eine Grundvoraussetzung für Aufklärung. Sätze wie “die Oekonomie aber ist heute mehr eine Wissenskirche als eine Wissenschaft”…. passen sehr gut dazu! Aufwachen schadet auch für die St.Galler Kardinäle nicht!

  11. Jean-Claude Aigeldinger

    Lieber Herr Thielemann,

    Sie haben die Hand die sie ernährt gebissen. Jedem rechtschaffenen Menschen geschieht das früher oder später.

    Schweizer ertragen mehr Kritik als sie Denken, so bleibt dies, falls sich das nicht allzu oft wiederholt wohl ohne Konsequenzen für Sie.

    Sie haben in Ihrem Artikel natürlich recht. Es gibt aber durchaus Schweizer Bürger die das und noch vieles mehr, auch erkennen und eigentlich sich vor dem Rest der Welt für den von einzelnen Institutionen und Behörden kollektiv verübten Steuerbetrug (auch Hinterziehung genannt) schämen. Denn in Ihrem eigenen Staat haben dieselbe Institutionen und Behörden tunlichst dafür gesorgt, dass für die eigenen Bürger keinerlei solcher Schlupflöcher bestehen. So dass anzunehmen ist dass alle Protagonisten genau gewusst haben was Sie taten. Es ist keine Entschuldigung, dass alle anderen insbesondere die, die uns am schärfsten angreifen selbst auch unter Moralischen Verfehlungen im eigenen Land zu leiden haben, welche nicht zuletzt auch uns getroffen haben. Nicht zuletzt deswegen hält sich unsere Scham jedoch in Grenzen.

    Das nun die UBS Stellvertretend für alle diese Finanzinstitute den Kopf für diesen kollektiven Steuerbetrug hinhalten muss, haben sich diese leider selbst zuzuschreiben, denn aus lauter Gier wurde bei diesem „Geschäft“ masslos übertrieben und sogar aktiv Beihilfe geleistet. Die Wiedergutmachung dieser Verfehlung wird unserem Staat, Bürgern und der besagten Bankinstitut und deren Mitarbeiter viel Opfer Kosten und dazu führen, dass wir in der Schweiz die letzten sein werden, die diese Finanz- resp. Moral- Krise (finanziell) überwunden haben werden.

    Die Finanzkrise, welche bekanntlich durch die Immobilienblase in den USA ausgelöst wurde hat natürlich zahlreiche zusätzliche Blasen zum Platzen gebracht. Betrügerische Anlagefonds wie Lehmann, AvW, Madoff und viele mehr, welche zu Totalverlusten bei den Anlegern führten, haben das Vertrauen in die Finanzinstitute, deren Finanzierungsinstrumente und deren Beratungskompetenz auf das schwerste erschüttert.

    Wir müssen jetzt dafür sorgen, dass sich so etwas nicht wiederholen kann. Die Mittel dazu sind vorhanden und werden zum Teil auch in Ihrem Artikel beschrieben.

    Eigentlich sind es ganz einfache Mechanismen, welche zu solchem Fehlverhalten führen können und diese könne auch mit dementsprechend einfachen Mitteln Erzieherischer, Vorschriftsmässiger- und Gesetzgeberischer Natur (unabhängiges Controlling eben) vermieden werden, wie Sie das ebenfalls teilweise in Ihrem Artikel festhalten.

    Alle von uns, welche schon mal an der Börse, im Kasino, am Familientisch beim Monopoly gezockt oder eine Kariere hinter sich haben, kennen das Phänomen der Gier, welcher den Verstand völlig ausser Kraft setzen kann. (Ähnliches passiert, wenn die Hormone kreisen, dann geht der Verstand auf Reisen). Der Erfolg gibt einem Recht und man will immer mehr davon haben und wird unfähig die natürlichen Grenzen dieses Erfolges zu erkennen, um rechtzeitig die Übung abzubrechen und schaden für sich und andere zu vermeiden. Wie wir aber auch alle mittlerweile wissen, sind die Zeichen eines ungesunden Wachstums durchaus erkennbar. Wie sonst wäre es zu erklären, dass viele die in dieser Zeit am „Ruder“ waren sich rechtzeitig zurückgezogen haben und während dieser Zeit mit Masslosen Gehaltsbezügen für sich den Schaden in Grenzen halten konnten Erstaunlich ist, dass die Masslosen Gehaltsbezüge weiterhin von Vorständen, Verwaltungsräte bewilligt werden, dies obwohl offensichtlich keinerlei Rechtfertigung mehr für solche Bezüge vorhanden sind. Das man nicht weiss wie dieses Geld in diesen Firmen besser eingesetzt werden könnte, zeugt von einer erschreckenden Phantasielosigkeit auf den obersten Führungsetagen auch in den Schweizer Grossunternehmen.

    Interessanterweise sind diese gleichen Unternehmen auch für eine unkonventionelle externe Beratung in dieser Hinsicht völlig verschlossen. Es werden nur die Grossen teuren Beratungsfirmen herangezogen, welche in der Vergangenheit erwiesenermassen, die gleiche Sprache wie das Unternehmen selbst sprach, herangezogen damit ja nichts verändert werden muss. Dabei darf man nicht vergessen dass gerade in diesen Aktiengesellschaften ein Führungsgremium sitzt, welches sich in der Vergangenheit meistens mit grossem Aufwand und Mühe dort hinein gearbeitet hat.

    Leider muss man feststellen, dass es in den letzten 20 Jahren kaum mehr jüngere Personen in diese Gremien geschafft haben, so dass dort nur noch Verwaltet wird und eigennützig Pfründe verteidigt werden, Dabei müsste wie vorgesehen zum Wohle der Firma, deren Aktionäre, Mitarbeiter und anderen zum Erfolg beitragende davon ungleich mehr profitieren können. Jüngste Personalveränderungen auf diesen Führungsebenen können letzteres nur bestätigen, was mich wenig optimistisch stimmt.

    Dazu wäre noch sehr viel mehr zu sagen und auch funktionierende Kuren für das jeweilige Übel könnten aufgezeigt werden, was jedoch diesen Leserbrief sprengen würde. Ausserdem werden bekanntlich Propheten im eigenen Lande leider nicht erhört.

  12. Matthias Kägi

    Vor einigen Monaten tauchte in den Medien ein neues Wort auf: “Gier”. Noch vor einem Jahr wäre dieses Wort für die Medien zu moralisch gewesen, denn es verurteilt den uneingeschränkten Egoismus. Und man hätte sich den Egoismus nicht verurteilen lassen, denn es brauchte ihn doch, um die Wirtschaft anzutreiben. Doch nun ist man sich bereits einig, dass Gier den Kollaps der Weltwirtschaft ausgelöst hat.
    Gier bezeichnet den uneingeschränkten Egoismus – zum Nachteil der Menschheit. Marktgläubigkeit bezeichnet das uneingeschränkte Vertrauen in die Selbstregulierung des freien Marktes – wie wir nun sehen, auch zum Nachteil der Menschheit. Was uneingeschränkt ist, wird zum Götzen. Egoismus bedarf der einschränkenden Gegenkraft der Moral. Freiheit bedarf der einschänkenden Gegenkraft der Verantwortung.
    Nur: Wie Mingels und Beglinger fragen: Waren es nur die Manager, die gierig waren? Haben nicht alle, die Aktien kauften, mitgespielt und gierig auf die Börsenkurse gestarrt? Thielemann stellt die Frage nach der individuellen Schuld nicht – aber jeder sollte sie sich selbst stellen. Sonst ist zu befürchten, dass sich das Karussel weiter dreht. Jedenfalls wird lustig weiter auf die Börsenkurse gestarrt. Hoffenltich lernen wir – und ich meine: wir alle – etwas aus der Krise!

  13. R. Hartmann

    Die ethischen Aesserungen von Herrn Thielemann benötigen keine weidergehenden Erklärungen mehr: er hat alles präzise ausgedrückt, was abertausende Schweizer genauso denken und empfinden, aber natürlich nicht eine grosse Anzahl davon profitierender Mächtiger und Reicher unseres Landes. Und was ist mit dem emeritierten Professor Franz Jaeger los: entwickelt er sich zurück und ist eben wieder in die Flegeljahre zurückgekehrt?

  14. Peter Eberhard

    Ich hoffe doch sehr, dass Ulrich Thielemann nicht den Mainstream der Disziplin Wirtschaftsethik repräsentiert. Zwar anerkennt er für die Besteuerung das Wohnsitzprinzip und findet es folgerichtig „unproblematisch“, wenn ein Deutscher mit dem Vermögen auch seinen Wohnsitz in die Schweiz verlagert. Wieso aber die Absage an nationale autonome Steuersysteme, die aus seiner Ablehnung des internationalen Steuerwettbewerbs zwingend folgt? Hat es nicht auch mit Ethik zu tun, wenn ein Staat seine Bürger fiskalisch so wenig wie möglich belastet, so dass ihnen ein grösserer Teil zur Verwirklichung ihrer persönlichen Ziele bleibt? Und aufgrund der progressiven Einkommensbesteuerung findet ja in ganz Europa bereits seit jeher eine deutliche Umverteilung von oben nach unten statt. Im weiteren scheint Thielemann für den automatischen Informationsaustausch ohne konkrete Verdachtsmomente und damit das Misstrauensprinzip zu plädieren. Ist er sich bewusst, dass dies allein schon von der Praktikabilität her ein Unding ist? Für mich spricht aus dem ganzen Interview eine tiefe Illiberalität und ein falsches Verständnis der Funktion freier Märkte.

  15. Werner Wiedmer

    Herr Thielemann’s Staatsverständins lässt aufhorchen, besonders wenn es sich um einen Professor einer renommierten schweizerischen Hochschule handelt. Seine Theorien gehen davon aus, dass Bürger und Firmen grundsätzlich darauf aus seien den Staat zu hintergehen. Er stellt alle unter Generalverdacht und rechtfertigt damit die uneingeschränkte staatliche Kontrolle der Besitzverhältnisse seiner Einwohner auch wenn er sie dadurch der Staatswillkür total ausliefert. Sein obrigkeitlicher Moralstaat weiss was „Gerechtigkeit“ ist und verwaltet diese wie damals die „gnädigen
    Herren von Bern“. Ein Blick auf die Müllhalde der Geschichte der letzten 100 Jahre zeigt wohin dies führt. Die
    heutige Krise wischt einmal mehr alle „esotherischen Träumereien“ beiseite und beweist, dass nur die Macht zählt und jedem sein Hemd am nächsten ist.

  16. Agnes Laube

    Den Thielemann-Beitrag halte ich für einen der klügsten, schärfsten, dynamischsten und informativsten Texte seit Langem! Über die aktuellen Zustände nachzudenken, zu dem, was uns im Alltag real betrifft, vertief zu berichten, ist das, was ich mir von Euch wünsche. Denken ist erotisch, Michelle Hunziker auch. Will ich ihren Body sehen, kaufe ich jedoch das
    Gala:-)

  17. Hanspeter Müller

    Das Erhellendste, was ich zu den behandelten Themen je gehört habe. Wo Jaeger und Co. vernebeln, vertreibt Thielemann die Schwaden. Er verdient ein Denkmal.

  18. Javirer Tobler

    Der Artikel macht einmal mehr klar, dass in diesem Konflikt beide Seiten völlig recht haben.
    Es ist richtig, was man im Ausland sagt: Den Schweizern geht es nur um ihre Cash Cow.
    Es ist richtig, was man in der Schweiz sagt: Den andern geht es nur um ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen.
    Es ist richtig, was Jaegers Gegner sagen: Die Unverfrorenheit, mit der dieser Wirtschaftspolitiker seine wirren Ideen präsentiert (Jeder muss frei sein, zu sagen, was ich meine etc), ist eine Schande für die HSG.
    Es ist richtig, was Thielemanns Gegner sagen: Die unglaubliche Naivität, mit der dieser Wirtschaftsethiker seine wirren Ideen präsentiert (Den deutschen Bundestag interessiert der Stand des Unrechtsbewusstseins in der Schweiz etc) ist eine Schande für die HSG.

  19. Luca Conconi

    Schön zu sehen resp. zu lesen, dass man sich lieber das Maul zerreisst über Kommentare gewisser Herren welche Wirtschaftsethik dozieren, was meiner Meinung nach sicherlich eine gute Sache ist. Wichtiger doch wäre es, lieber nach Lösungen zu Suchen um unser Land wieder so auf Vordermann zu bringen, dass auch zukünftige Generationen wie die meine noch die Möglichkeit haben, zu leben und eben so wieder bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt erleben dürfen.
    Doch typisch für die Schweizer Mentalität, dieser “Es kommt schon gut”-Gedanke, welcher Unsereiner nichts weiter übrig lässt als, entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise, den Mist vorhergehender Generationen auszubaden.

    Danke im Voraus dass ihr alle an einem Strang zieht. Wundert euch auch nicht über lustlose Jugendliche, aber bei solchen Aussichten geht man immer gerne motiviert in die Zukunft.

    Auch wenn dies nicht direkt im Zusammenhang mit dem Artikel steht, doch will ich dies mal gesagt haben, denn anscheinend weiss jeder der bereits einen Kommentar dazu abgegeben hat, besser was zu tun ist.

  20. Hanspeter Bornhauser

    U. Thielemann ist schlecht informiert, wenn er generell feststellt, man habe die Shareholder zur einzig legitimen Anspruchsgruppe erklärt. Ein Blick in die fast vierzig Jahre alten Unternehmensgrundsätze der ehemaligen Ciba-Geigy würde ihm zeigen, dass soziale Verantwortung schon lange eine zwingende Management-Vorgabe ist. Es gibt auch andere schweizerische Beispiele; man muss sie nur zur Kenntnis nehmen wollen. Und zum fehlenden Unrechtsbewusstsein: Ursächlich ist dieser Sachverhalt bei den Steuerflüchtlingen (etwa in Deutschland) zu suchen und nicht bei den möglichen Destinationen ihrer Fluchtgelder. Der deutsche Finanzminister sollte sich also vorrangig ‚zu Hause‘ gut umsehen und deutsche Gründe für das Malaise ausforschen, bevor er andere Länder verbal anrempelt und dabei erst noch – recht unethisch – grössere Staaten übersieht.

  21. Roland Krauer

    Als 27 jähriger selbständiger Grafik-Designer fehlt mir vom auftraggebenden Markt diese Freiheit, die sie so schön am Beipiel des Citroen DS beschreiben.
    Es ist ein schwerer Kampf Freiheit für neue Ideen zu bekommen. Sie haben nur ganz selten Platz. Kurz – es ist frustrierend heute als Gestalter für den “Markt” zu arbeiten.
    Bin ich froh, gibt es Köpfe, die das problem so scharfzeichnen können wie sie, Herr Thielemann, hören sie nicht auf es weiterzusagen!

  22. Willi Bhend

    Herr Thielemann hat mir aus dem Herzen gesprochen und ich hoffe, wir sind selbstkritisch genug, uns eines Tages die Richtigkeit seiner Aussagen einzugestehen.

  23. Beda Düggelin

    Es wäre schön, wenn in der Wirtschaft die Ethik einen höheren Stellenwert erhalten würde, nicht nur, wenn es um Spitzengehälter geht. Ulrich Thielemann’s Standpunkt kann durchaus ein gewisses Verständnis entgegen gebracht werden, doch vernachlässig er in seiner Betrachtung den Faktor Wettbewerb. Die freie Markt-wirtschaft basiert auf dem Konkurrenzprinzip. Marktgläubigkeit ist ein Faktum, das sich nicht durch staatliche Eingriffe begrenzen lässt. Wohnsitzprinzip in Ehren, doch in der globalen Wirtschaft kann es ja nicht sein, dass die Schweiz zum Steuer-eintreiber für Deutschland oder ein anderes Land wird. Unter allen Ländern besteht ein Standort- und Steuerwettbewerb. Die Schweiz ist nicht nur aus Steuergründen ein attraktives Land, dies haben bereits viele Arbeitnehmer aus europäischen Ländern wahrgenommen. Zudem wird auch ihre Arbeitsleistung in unserem Land tiefer besteuert. Auch damit verliert ein Land Steuersubstrat, ansonsten man die Grenzen schliessen müsste. Standortvorteile im steuerlichen Bereich können nicht als Nicht-Leistungswettbewerb bezeichnet werden. Die Schweiz kann nicht als verlängerter Arm des deutschen Fiskus agieren. Jedes Land muss seine Gesetzgebung derart ausgestalten, dass sein Steuersubstrat nicht in ungewollter Weise abschwimmt, die Lösung ist deshalb nicht in der Schweiz zu suchen.

  24. Werner Wegmann

    Alle wissen es, aber die meisten verdrängen es. Klare, eindeutige, fundierte Darstellungen des Konstruktes Bankgeheimnis waren bisher selten bis inexistent. Es ist einmal mehr ein Ausländer, der uns mit der harten Tatsache konfrontiert, dass wir Hehlerei betreiben.
    Gegenargumente sind rasch zur Hand. Bei uns ist das als Volkswille im Gesetz verankert. Frage: Sind Gesetze, die gegen die Ethik verstossen, wirklich legal?
    Das „sau blöde“, zynische Argument der Wahrung der Privatsphäre wird immer wieder aufgetischt. All die ehrlichen Steuerzahler und diejenigen mit Lohnausweis mit keinem oder kleinem Vermögen brauchen diese Art von Privatsphäre nicht, denn sie ist nichts anderes als eine Ermächtigung zur Steuerhinterziehung.
    All das wissen wir, aber wollen es nicht wahrhaben, weil wir alle davon profitieren . Wobei einmal zu untersuchen wäre, wie viele wirklich davon profitieren und ob das Volk das Bankgeheimnis immer noch in der Mehrheit mit Zähnen und Krallen verteidigen würde.
    Herr Thielemann hat in seinem sehr lesenwerten Interview die Sache messerscharf analysiert.

  25. Jeannette Högger

    Die bestechende Einfachheit und die absolute Klarheit der Gedanken des U. T. haben mich verblüfft. So deutsch und deutlich habe ich noch keine Erklärung zur Ursache unserer gegenwärtigen „Krise“ wahrgenommen. Die grössten Selbstverständlichkeiten, die für jeden Normalbürger gelten, werden hiermit endlich auch für die – man möchte fast meinen – ausserhalb des Rechts Geborenen geltend gemacht. Und sie decken sich verblüffender weise mit den Aussagen, die in einem Gespräch mit Warren Buffett in Obamas Buch „ Hoffnung wagen„ erwähnt werden: Wer auf dieser Welt kann denn guten Gewissens in Anspruch nehmen,

    - dass sein erwirtschaftetes Geld ihm allein gehört?

    - dass er nichts zu diesem Umfeld beitragen muss, das ihm diesen Reichtum ermöglicht hat?

    - dass er mit seinen Steuern auch die Bildung nächster Generationen ermöglichen sollte?

    Die Schlussfolgerung von Buffett ist ebenso einfach: „Es ist nur richtig, dass diejenigen von uns, die besonders vom Markt profitiert haben, mehr dafür bezahlen.“

  26. Christian Radecke

    Sehr geehrter Herr Thielemann

    Ich danke Ihnen für Ihre klaren und einsichtigen Überlegungen zu Steuerhinterziehung und –betrug. Sie haben überzeugend dargelegt, warum auch Steuerhinterziehung moralisch verwerflich ist und nicht durch ein Bankkundengeheimnis gedeckt werden darf, sondern geahndet werden muss. Diese Position, die auch in der Schweiz immer schon einige einnahmen, hätte von viel mehr ethisch Denkenden und namentlich auch von den christlichen Kirchen öffentlich seit langem vertreten werden müssen. Aber man galt eben dann beinahe als Landesverräter, wie auch ich erfahren musste.
    Nur in einem Punkt kann ich Ihnen nicht folgen. Auf die Frage, ob wir in der Marktgläubigkeit nicht alle mitgemacht hätten und schuldig geworden seien, sagen Sie: „Die Frage der individuellen Schuld würde ich selbst nie stellen.“ Warum nicht? Eben gerade! Jeder Mensch ist doch für sein Denken und Handeln verantwortlich, das heisst: hat sich vor den andern zu verantworten. Die Zwänge des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens heben weder individuellen Entscheidungsspielraum noch persönliche Verantwortung und Schuld auf. Auch Bankmanager hätten sich nicht ihrer Gier ergeben müssen. Jederzeit im Leben, selbst in einem Krieg, bleibt die Verantwortung des einzelnen Menschen für sein Tun und Lassen bestehen.
    Zuletzt mein Wunsch: Vertreten Sie weiterhin unerschrocken Ihre Auffassungen, wo immer es auch sei – es gibt viele, die darüber froh sind.

  27. Felix Caprez

    Herrn Thielemann – seine heimatlichen Wurzeln scheinen mir irrelevant – gebührt grosser Respekt und seine Antworten im hervorragend geführten Interview von M. Beglinger und F. Canonica verdienen breite Beachtung!

    Ich weiss, es klingt naiv, das heisst ganz und gar unwissenschaftlich, und moralisch, und… und… aber trotzdem: Wie wär’s vor dem Hintergrund der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung mit ein paar Gedanken dazu, wie wir Menschen funktionieren? Insbesondere dann, wenn unsere inneren Führungsinstanzen, die ja auch darüber mitentscheiden, wer unsere Verbündeten sind, “auf Urlaub” gehen? Umdenken beginnt im Kopf, im eigenen – was dann sehr wohl auch ein “Umfühlen” im Interesse Vieler, eingeschlossen sogar uns selbst, zur Folge haben könnte (”…dene wo’s nid guet geit giengs besser, wenn…”)!

    Felix Caprez

  28. Peter Reinarz

    Ich bin ein mehr oder weniger regelmässiger Leser des Magazins, da ich viele der dort publizierten Beiträge interessant finde.
    Selten aber habe ich mich in letzter Zeit so geärgert wie über das Interview mit dem sogenannten „Wirtschaftsethiker“ Ulrich Thielemann. Sowohl die Fragen an den Interviewten als auch dessen Antworten wimmeln von Halbwahrheiten und teilweise blanken Falschaussagen, die schon aus fachlicher (steuerrechtlicher) Sicht nicht unwidersprochen bleiben dürfen und durchaus auch Fragen nach der dahinter stehenden „Ethik“ aufwerfen. In den Aussagen von Herrn Thielemann kommt doch in erster Linier eine bestimmte – nämlich linke – politische Weltauffassung und Geisteshaltung zum Ausdruck, die gottlob von der Mehrheit der Bürger in diesem Land nicht geteilt wird. Das Bedenkliche daran ist, dass hier eine politische Ausrichtung in das Mäntelchen einer „Ethik“ verpackt wird, um so einen höheren, moralisch oder „ethisch“ verbrämten Anspruch auf allgemeine Geltung zu begründen. Damit wird der sach- und fachunkundige Bürger letztlich hinters Licht geführt.
    Es beginnt damit, dass Herr Thielemann feststellt, dass es in der Schweiz „sehr wenig Wissen über das Bankgeheimnis“ gebe. Das bezweifle ich grundlegend. Herr Thielemann demonstriert gleich selber, dass er von dem „Tatbestand“ des Bankkundengeheimnisses nicht die geringste Ahnung hat, wenn er behauptet, dass dieser darin bestehe, „dass ein Staat Bürger, die in einem anderen Staat wohnhaft sind, steuerlich behandelt“. Einmal abgesehen davon, dass schon der sprachliche Sinngehalt dieser Aussage kaum erkennbar ist, ist auch Herrn Thielemanns weitere Ausführung dazu schlicht falsch. Seine Behauptung geht dahin, dass die Schweiz ein „Wohnsitzprinzip“ unterlaufe, indem sie den fiskalischen Informationsaustausch verweigere. Damit nehme sich die Schweiz „das Recht heraus, Personen, die für die Schweiz Steuerausländer sind, von ihrer Steuerpflicht zu befreien. Die Schweiz macht sich damit des Eingriffs in die legitime Steuerautonomie des jeweiligen Wohnsitzstaates schuldig“.
    Das „Wohnsitzprinzip“ im internationalen Steuerrecht besagt lediglich, dass Personen in erster Linie dort steuerpflichtig sind, wo sie ihren Wohnsitz haben. Es kann überhaupt keine Rede davon sein, dass die Schweiz Steuerausländer von ihrer Steuerpflicht an ihrem ausländischen Wohnsitz „befreie“. Dazu ist das Schweizer Recht gar nicht in der Lage. Es existiert auch kein Eingriff in die „Steuerautonomie“ des Auslands seitens der Schweiz. Tatsache ist allerdings, dass das Schweizer Recht eine banken- und strafrechtlich abgesicherte Datenschutzbestimmung für die Daten von Kunden schweizerischer Banken enthält. Diesen Schutz können sämtliche Bankkunden beanspruchen, auch solche, die im Ausland wohnen. Das Bankkundengeheimnis gilt nicht absolut; in Strafverfahren, die ein mit Gefängnisstrafe bedrohtes Vergehen betreffen, kann es durchbrochen werden.
    Der Informationsaustausch der Schweiz mit ausländischen Gerichts- und Verwaltungsbehörden in Strafsachen ist in Bundesgesetzen und in verschiedenen Staatsverträgen mit ausländischen Staaten geregelt. Das gilt insbesondere auch für Strafsachen, welche das Steuerrecht betreffen. Traditionell hat das Schweizer Recht die Rechts- und Amtshilfeerteilung an ausländische Behörden in bestimmten Bereichen eingeschränkt oder ausgeschlossen, so etwa bei politischen Delikten und in Fiskalsachen. In neuerer Zeit verfolgte die Schweiz eine Politik der Auskunftserteilung auf begründete Anfrage in Fällen von Steuer- bzw. Abgabebetrug. Diese gelten in der Schweiz als Vergehen, weshalb die Beschuldigten den Schutz des Bankgeheimnisses nicht beanspruchen können. Diese Politik steht im Einklang mit der Rechtslage im reinen Schweizer Binnenverhältnis. Bei Delikten, die strafrechtlich als „Übertretungen“ eingestuft werden, indem sie mit Geld-, aber nicht mit Freiheitsstrafen bedroht werden (dazu zählt u.a. die Steuerhinterziehung ohne besondere betrügerische Machenschaften) bleibt das Bankkundengeheimnis grundsätzlich gewahrt.
    Herr Thielemann macht sich die – eingängige, aber falsche – Argumentation des deutschen Finanzministers zu eigen, wenn er behauptet, das Schweizer Bankkundengeheimnis in seiner heutigen Ausgestaltung höhle den deutschen Besteuerungsanspruch für in Deutschland wohnhafte Personen aus. Dieser polemischen und verkürzenden Darstellung ist zu widersprechen. Unsere Rechtsordnung ist gar nicht in der Lage, das Steuerrecht anderer Staaten zu beeinflussen oder gar einzuschränken. Aber es existiert tatsächlich keine verbindliche Norm, welche die Staaten per se dazu verpflichten würde, vertrauliche Daten – zum Beispiel Kundendaten von in einem Staat ansässigen Banken – miteinander auszutauschen. Erstens ist es das Recht jedes souveränen Staates, selber konkret zu regeln, wie weitgehend er den Datenschutz auf seinem Territorium ausgestalten will. Und zweitens ist jeder Staat frei, selber zu bestimmen, welche Daten – auch geschützte Daten – er unter welchen Voraussetzungen bereit ist, auf der Grundlage seiner Gesetzgebung oder von Staatsverträgen mit anderen Staaten zu teilen. Die Schweiz ist solche Vereinbarungen mit anderen Staaten eingegangen und hält sich daran.
    Es ist ein rein fiskal- und aussenpolitisches Problem, dass die Gesetzgebungen wichtiger Handelspartner der Schweiz – USA, Deutschland und andere – die Interessengewichtung zwischen der Durchsetzung ihrer Fiskalansprüche gegenüber ihren Bürgern und dem Datenschutz als Ausfluss des Schutzes der individuellen Privatsphäre gegenüber dem Staat anders vornehmen als die Schweizer Rechtsordnung. Die Schweiz schützt das Interesse des Einzelnen an Geheimhaltung der privaten Vermögensverhältnisse in etwas weiter gehenden Masse als die genannten Staaten. Bisher hat das Schweizer Recht diesbezüglich auch keine Diskriminierung von im Ausland wohnhaften Personen gegenüber solchen mit Wohnsitz in der Schweiz vorgesehen.
    Es ist offensichtlich, dass die vergleichsweise liberale Schweizer Gesetzgebung in diesem Punkt einigen anderen Staaten ein Dorn im Auge ist, die ihre fiskalischen Interessen gegenüber „ihren“ Steuerpflichtigen mit grösserer Vehemenz durchsetzen, als man es in der Schweiz kennt. Es lässt sich nicht bestreiten, dass die vergleichsweise grössere Zurückhaltung der Schweiz bei der Aufgabe des Schutzes der finanziellen Privatsphäre zugunsten fiskalischer Interessen von einigen ausländischen Steuerpflichtigen – namentlich solchen, die in ihrem Wohnsitzstaat einer hohen Steuerbelastung ausgesetzt sind – zur Vertuschung ihrer eigenen Steuerhinterziehungen missbraucht wird. Dieselbe Missbrauchsgefahr besteht aber auch im reinen Schweizer Binnenverhältnis und wird von der Rechtsordnung bewusst in Kauf genommen. In diesem Zusammenhang muss festgehalten werden, dass entgegen aller Politikerpolemik die Schweiz beileibe keine „Steueroase“ ist, sind doch die Spitzensteuerbelastungen in den grösseren Städten ähnlich hoch wie in vielen anderen Industriestaaten. Daraus einen Eingriff der Schweiz in die Steuerhoheit anderer Staaten abzulesen, geht völlig an der Sache vorbei und ist nichts als ein Nachbeten der Polemik ausländischer Finanzminister, die aus purem Eigeninteresse politischen Druck gegenüber der Schweiz ausüben wollen.
    Es ist absolut störend und inakzeptabel, dass Herr Thielemann einem rein politischen Konflikt unter Rückgriff auf irreführende und falsche Sachbehauptungen einen ethisch-moralischen Anstrich geben will. Er unterstellt der Schweiz, dass ihre gesetzlichen Regelungen im Spannungsfeld zwischen privaten und staatlichen, insbesondere fiskalischen Interessen unethisch seien, ja im eigentlichen Sinne Unrecht darstellten. Und der Schweizer Bevölkerung – dem Souverän – unterstellt er, dass sie dieses „Unrecht“ nicht erkenne, ja nicht einmal ein Problem sehe. Die Fähigkeit, überhaupt zu erkennen, worum es bei der ganzen aussenpolitischen Auseinandersetzung eigentlich geht, spricht Herr Thielemann „weiten Kreisen der Bevölkerung“ rundweg ab – nur den „Bankern“ und den „Eliten“ nicht. Mir scheint, dass Herr Thielemann da den Schweizer „Durchschnittsbürger“ massiv unterschätzt.
    Es ist bedauerlich, dass die Interviewer die im Ausland oft aufgestellte, unsinnige Behauptung wiederholen, dass die Steuerhinterziehung „nach Schweizer Gesetz nun mal kein Unrecht“ sei. Damit wird der falsche Eindruck erweckt, man dürfe in der Schweiz ungestraft seine Steuern hinterziehen. Das ist ein ungewollter und unnötiger Steilpass für die Kritiker der Schweizer Rechtsordnung. Da erstaunt es nicht, wenn Herr Thielemann entgegnet: „Das Gesetz ist eben ethisch nicht rechtfertigbar.“ In Wirklichkeit meint Herr Thielemann natürlich die von ihm ungeliebte, eher restriktive Politik der Schweiz in Sachen Auskunftserteilung an deutsche und andere ausländische Behörden in Fiskalangelegenheiten. Diese hält Herr Thielemann im Kern für Unrecht, weil sie der rigorosen Durchsetzung der „Besteuerungsansprüche“ dieser ausländischen Staaten gegenüber ihren Steuerbürgern natürlich im Wege stehen kann. Der weitere Verlauf des Interviews zeigt, dass Herr Thielemann diese Ansprüche Staates gegenüber den ihm unterstehenden Individuen in extremer Weise verabsolutiert. In seiner Sicht gibt es keinen Platz für eine „fiskalische Privatsphäre“. Für ihn zählt einzig und allein die „gleichmässige und gesetzeskonforme Besteuerung“ der Bürger durch den Staat, und deshalb darf dem Einzelnen aus seiner Sicht nicht die geringste Chance gelassen werden, irgendeine eine steuerrelevante Information gegenüber der Steuerbehörde geheim halten zu können.
    Was dem Leser da als „Wirtschaftsethik“ verkauft wird, ist in Wirklichkeit eine weltanschaulich-politische Position der extremen Staats- und Obrigkeitsgläubigkeit. Es ist dieses, insbesondere bei der politischen Linken in unserem nördlichen Nachbarland verbreitete Denken, welches vom absoluten Macht- und Kontrollanspruch des Staates gegenüber dem Einzelnen zumindest in steuerlichen Dingen ausgeht und damit den vollkommen gläsernen Bürger verlangt. Die hinter den Thesen von Herrn Thielemann stehende antiliberale Geisteshaltung zeigt sich sehr deutlich in seinen Bemerkungen zur „Marktgläubigkeit“ und zur ökonomischen Theorie – auch wenn Herr Thielemann jegliche politische Argumentation weit von sich weist („ich führe die fachliche Diskussion darüber, dass Gewinnmaximierung falsch ist“).
    Es ist natürlich auch einem Herrn Thielemann unbenommen, seine weltanschaulichen Ansichten öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Problematisch wird es aber dort, wo er angeblich „ethische“ Positionen zu aussen- und steuerpolitischen Fragen mit polemischen Falschaussagen untermauert – wie etwa derjenigen, dass „Steueroasen (…) natürliche oder juristische Personen besteuern, obwohl nicht der Hauch einer Ansässigkeit in diesem Land besteht“. Es ist unerfindlich, wie Herr Thielemann zur Aussage gelangt, dass „Steueroasen“ „gigantische Beträge“ kassierten. Wirkliche Oasen charakterisieren sich ja gerade dadurch, dass sie von allen oder von aus dem Ausland „zuziehenden“ Personen bzw. Unternehmen keine (direkten) Steuern erheben. Zum Einen fällt die Schweiz nicht in diese Kategorie, und zum Anderen verfügen die Steuergesetze der meisten Staaten heutzutage über umfangreiche, weitaus genügende Instrumente zur Verhinderung der nur zum Schein erfolgenden Verlegung von Personen oder unternehmerischen Tätigkeiten in solche „Oasen“.
    Unter dem Strich verbleibt, dass Herrn Thielemann die in der Schweiz vorherrschende, einigermassen ausgewogene und damit relativ liberale Grundhaltung zum Spannungsverhältnis zwischen staatlichem Besteuerungsanspruch und Schutz der privaten Vermögenssphäre vor übermässig rücksichtslosen staatlichen Eingriffen offensichtlich nicht in den Kram passt. Es ist bekannt, dass sich die Schweiz in jüngster Zeit unter hohem aussenpolitischen Druck zur Ankündigung einer politischen Kursanpassung zum Thema des grenzüberschreitenden Informationsaustausches im Bereich der direkten Steuern gezwungen gesehen hat. Dies wird den Missbrauch des Schweizer Bankkundengeheimnisses zum Zwecke der Steuerhinterziehung im Ausland in Zukunft weiter erschweren. Insofern hat Herr Thielemann ein Ziel erreicht. Es bleibt indessen zu hoffen, dass antiliberale und obrigkeitshörige Tendenzen, wie sie Herr Thielemann verkörpert, in der Schweizer Steuerpolitik auch weiterhin nicht zum Durchbruch gelangen.
    Peter Reinarz

  29. Bucher Hans

    Lieber Jud
    Ich kann Ihrer Argumentation nicht folgen. Was meinen Sie mit “Herumgedruckse” und “Um-den-heißen-Brei-Herumreden”? Ich finde, dass Herrn Thielemanns Aussagen keinen Zweifel lassen. Auch Ihre Kritik an der Sozialen Marktwirtschaft kann ich nicht verstehen. Eine Aufgabe eines Wirtschaftsethikers ist doch sicher, ethisches Handeln im Kontext verschiedener Marktordnungen zu untersuchen. Und dass eine bereits erprobte Ordnung obsolet ist, weil inzwischen ein anderer Trend herrscht, ist doch kein Argument – im Gegenteil: Bis auf eine kleine Minderheit sind alle mit der Sozialen Marktwirtschaft besser gefahren. Ich glaube auch, Ihnen ist entgangen, dass Herr Thielemann darauf aufmerksam gemacht hat, dass er nicht für das politische Umsetzen zuständig ist. Er ist nicht einmal dafür zuständig zu analysieren, welche Maßnahmen mit welchen Erfolgschancen vorgeschlagen werden könnten. Gänzlich überrascht bin ich von Ihrer Konklusion: Hier drücken Sie doch gerade das aus, was die Analyse von Herrn Thielemann nahelegt.

  30. Bucher Hans

    Sehr geehrter Herr Reichmuth
    Nehmen Sie doch den Mund nicht so voll! Mit Ihren Maßstäben ist der Kapitalismus doch genauso gescheitert. Und leider verwechseln Sie Wirtschafts- und Machtordnung. Wie kommen Sie überhaupt auf die Idee, dass der Kapitalismus das System sei, welches das menschliche Denken und Handeln am stärksten einbezieht und darum am besten funktioniert? Das nenn ich Schönreden! Und wenn etwas am besten funktioniert, das eben nicht (mehr) funktioniert, dann “gut Nacht am Sächsi!”. Wo leben denn Sie? Wo funktioniert genau was am meisten? Meinen Sie Ihr Auto oder die Straßenbahn? Das Finanz- und Währungssystem können Sie wohl nicht gemeint haben. Die Regeln, die Sie sich wünschen, werden gerade vom globalen Kapitalmarkt umgangen, die Steuerhinterziehung ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Der Gipfel Ihrer unfreiwillig absurden Argumentation ist aber erreicht, wenn Sie anderen das Ignorieren historischer Erfahrung vorhalten, während die jüngste und drastische “historische” Erfahrung gerade gemacht wird und ein Ende und ein Endzustand noch gar nicht abzusehen sind. Da fällt mir spontan der Bibelspruch vom Splitter im Auge des anderen und dem Balken im eigenen Auge ein, wenn Sie verstehen, was ich meine.
    Gänzlich daneben finde ich Ihren persönlichen Angriff und Ihre Häme im 2.Teil Ihres Beitrags. Wer sagt denn, dass der Klassenkampf heutzutage mit dem Gewehr oder überhaupt mit Gewalt geführt werden muss? Auch eine Demokratie könnte sich ev. dafür entscheiden, die Hebel anders zu stellen, indem sie Arbeit weniger belastet und Kapital an Leistung koppelt. Der moderne Klassenkampf muss nicht vom Arbeiter oder Bauern geführt werden, auch der gebildete Mittelstand könnte viel gewinnen, wenn die primitiven und meist kriminellen Kapitaleigner zurechtgestutzt werden. Jedenfalls scheint mir Ihre Einschätzung des Kommunismusses als untaugliche Wirtschaftsform doch auf tönernen Füßen zu stehen, ist doch der Kapitalismus im Osten keineswegs erfolgreich und ist das Gedankengut von Marx Karl, historisch gesehen, extrem jung. Wie kann man von den wenigen und kurzen Versuchen, die von Kennern nicht einmal als tatsächlich im Sinne Marxens durchgeführt eingestuft werden, auf einen Systemfehler schließen?

  31. Bucher Hans

    Lieber Herr Küng

    Nutzen Sie den Heizwert der Bücher von Herrn Lüscher, wenn Sie sie sinnvoll einsetzen wollen! Sein luscher Farbentest ist reiner wissenschaftlicher Humbug und wird schon seit Äonen nirgends mehr professionell eingesetzt – wenn er überhaupt noch von irgendjemandem eingesetzt wird. Lüscher ist der von Däniken Erich der Psychologie. Lesen Sie lieber ein Buch von Herrn Ulrich Peter oder Herrn Thielemann Ulrich zum Thema oder üben Sie sich im eigenen Denken, dann sind Sie auch eines Tages selbst in der Lage, Scharlatane wie Lüscher Max zu enttarnen.

  32. Bucher Hans

    Aber, aber, Herr Superina, da hat doch entweder die NZZ einen Unfug erzählt oder Sie falsch gelesen: Diese besteuerten (bescheuerten?) Ärzte wohnen eben gerade in Deutschland, führen aber ihre Praxen in der Schweiz. Im TagI stand’s übrigens korrekt. Auch die Steuerpraxis der VSA ist von Ihnen nicht korrekt beschrieben worden, aber sie ist natürlich in der tatsächlich praktizierten Form höchst fragwürdig – nur: welcher Aspekt der VSA ist das nicht? Wenn Sie schon das sachlich begründete (und nicht “hochgelobte”) Wohnsitzprinzip für die Steuerpflichtigkeit ändern wollen, was wollen Sie stattdessen – das Geheimkontenflüchtigkeitsprinzip? Oder finden Sie es eine gute Strategie, von den eigenen Verfehlungen mit dem Hinweis auf andere Gauner ablenken zu wollen? So bringen Sie die Welt weiter! Und noch ein Tip: Sparen Sie sich Ihren Deppenapostrof (-> Google) – dann fällt Ihre schlecht informierte Meinung nicht gleich auf.

  33. Bucher Hans

    Hallo Herr Lorkovic
    Sie führen viele richtige und wichtige Punkte auf, aber Sie bringen in Ihrem Ideologiewahn auch einiges durcheinander: Die Soziale Marktwirtschaft war keineswegs das pure Gegenteil des Komunismusses, und mit männlichem Denken hat der Zustand der Welt ebenfalls nichts zu tun. Männer und Frauen streben nach Erfolg und Macht – das ist längst bewiesen. Nur, weil vorwiegend Männer – historisch und biologisch bedingt – am Ruder waren, hat man noch keinen Kollektivschuldbeweis. Ganz daneben liegen Sie übrigens mit Ihrer Vermutung, dass die Spezies Homo sapiens noch aus jeder Bredouille hinausfände, und, dass Sie sich wundern, warum die Menschheit nichts aus der Geschichte lernt, zeigt doch, dass Sie nicht genug nachgedacht haben: Natürlich muss jede Generation wieder lernen, was ihr guttut und was ihr schadet; und ebenso, wie man mit Freiheit umgeht. Glauben Sie bloß nicht, dass die Menschen früher besser waren – sie hatten einfach weniger Macht, um sich umzubringen und die Umwelt zu ruinieren.

  34. Bucher Hans

    Hallo Herr Stuber
    Ist Ihnen bewusst, dass Sie niemand mehr ernst nimmt, seit Sie mit “Gott” (was soll das denn sein?) dahergekommen sind? Und Ihr “bibelkonform” ist ja wohl das dümmste, das Ihnen einfiel: Die Bibel ist ein unausgegorenes Sammelsurium sich einander widersprechender Aussagen, so dass man alles und jedes damit begründen kann – nur nicht vernünftiges Handeln. Ich bin froh, dass nur noch intellektuell retardierte, bildungsdefizitäre und moralisch verkommene Menschen an einer der 3 monotheistischen Verdummungsideologien festhalten. Lassen wir diese anachronistische, antiaufklärerische Sülze endlich hinter uns!

  35. Secret bancaire et fiscalité: la Suisse à la peine avec l’éthique – Domaine Public

    [...] une longue interview accordée à Das Magazin, le supplément hebdomadaire du Tages Anzeiger, l’intéressé [...]

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