Zwitscher, Zwitscher, Zwitscher

Warum Twitter vieles ist — nur keine Internet-Plattform, auf der sich vernünftige Debatten entwickeln lassen

27.11.2009 von Christian Ankowitsch , 17 Kommentare

Wenn wir den Apologeten des Internets glauben, dann ist es mit dem Journalismus, wie wir ihn kennen, in absehbarer Zeit vorbei. Und mit den «Holzmedien», wie sie auf Papier Gedrucktes gerne nennen, auch. Die beiden Thesen wären durchaus debattierenswert — würden die Apologeten sie nicht bevorzugt mit einem triumphierenden Unterton vortragen. Ganz so, als sei das drohende Verschwinden der Printmedien nicht bedauerlich, sondern ein erfreuliches Ereignis; es wäre interessant, dieser Häme (und den darin mitschwingenden Ressentiments) nachzugehen, aber erst einmal zu Wichtigerem. Und zwar zu Twitter.
Diese Plattform wird von den Internet-Visionären als eines der wichtigsten journalistischen Medien der Zukunft gepriesen, ja, als ein Kosmos, auf den auch Unternehmer und Politiker existenziell angewiesen seien. Seine Mitgliederzahlen würden stark steigen, ach, was schreibe ich, sie würden explodieren. Leider lässt sich diese Aussage nicht verifizieren, denn während jedes Lokalblatt (einigermassen) realistische Auflagenzahlen publiziert, halten die Jungs von Twitter ihre Mitgliederzahlen lieber geheim (und antworten auf E-Mail-Anfragen danach auch nicht). Das verträgt sich zwar nicht mit der Behauptung, das Internet sei — im Vergleich zum klassischen Journalismus — ein der Transparenz verpflichteter Laden, stört aber die Apologeten nicht.
Um ein paar Zahlen zu fassen zu kriegen, muss man sich daher durch einige Blogs wühlen. Dass diese Zahlen mitunter von Menschen publiziert werden, deren Job darin besteht, Unternehmen gegen gutes Geld zu erklären, wie man mit Twitter gutes Geld verdient, macht sie ein wenig angreifbar, aber man nimmt, was man bekommt. Ende des Jahres werde es, so eine dieser Schätzungen¹, rund eine halbe Million Nutzer in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich geben. Weltweit zähle Twitter irgendwas zwischen sechs und zehn Millionen Mitglieder, so das deutsche «Manager Magazin» im April diesen Jahres.
Aber geschenkt. Mitgliederzählen ist was für Kleinkrämer. Halten wir uns lieber an die Visionäre. Und sehen ihnen dabei zu, was sie so treiben. Wenn ich es richtig sehe, dann vor allem zweierlei. Zum einen reden sie den Medien, den Unternehmen und der Politik ein schlechtes Gewissen ein («Wer Twitter verschläft, verschläft die Zukunft»). Zum anderen lassen sie kein gutes Haar an jenen Medienhäusern, Unternehmen und Parteien, die sich auf Twitter herumtreiben. Nichts hätten sie begriffen, die Vertreter der alten Kultur, nichts. So konnten die deutschen Politiker vor Kurzem in der NZZ nachlesen², welche Fehler sie während des letzten Bundestagswahlkampfes gemacht hätten. Formuliert haben die Kritik Katarina Stanoevska-Slabeva und Miriam Meckel, beide Professorinnen am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen.

Zur Plattheit gezwungen
An ihrer Kritik ist zweifellos einiges wahr. Und sie lässt sich problemlos auf Medien und Unternehmen ausweiten, die oft konzeptlos, sensationslüstern oder penetrant auf Twitter agieren. Allein: Der Kritik von Stanoevska-Slabeva und Meckel fehlen, wie jener vieler anderer, zwei wesentliche Elemente. Jenes der Selbstrelativierung, also das freundliche Eingeständnis, dass wir uns angesichts der dreieinhalb Jahre, die es Twitter nun gibt, in der Phase des Herumprobierens befinden (man also nur Vermutungen äussern kann, keineswegs aber unumstössliche Tatsachen, wie die Visionäre das gerne tun). Und es fehlt die Kritik an — Twitter. Nach der muss man im Netz übrigens ziemlich lange suchen. Das hat wohl damit zu tun, dass Debatten um Twitter, Google & Co. von der Denkfigur «Wenn du nicht für uns bist, bist du gegen uns» dominiert werden. Wer also ein kritisches Wort über Twitter und so weiter sagt, wird automatisch den unbelehrbar Gestrigen zugerechnet.³
Dabei gibt es zwei, drei Eigenheiten an Twitter, die es fraglich erscheinen lassen, ob Medien und Politiker sich um jeden Preis in diesen Kosmos begeben sollten. Ein wesentliches Argument gegen ein vorbehaltloses Engagement bei Twitter besteht wohl in der Länge der Nachrichten, die man auf der Plattform publizieren kann: Die dürfen nämlich nicht mehr als 140 Zeichen haben. Das sind exakt zwanzig Zeichen weniger als ein SMS. Nun gibt es bestimmte Vorhaben, die damit nicht vereinbar sind. Differenzierte Gedanken formulieren oder Thesen entwickeln zum Beispiel. Wer solches will, der braucht Platz — ein wenig mehr zumindest als diese zwei Quadratzentimeter winzigen geistigen Räume, die Twitter seinen Mitgliedern pro Tweet, also pro Äusserung, zubilligt.
Wer dennoch versucht, mithilfe von Twitter so etwas wie eine konsistente Botschaft zu formulieren, gerät schnell in die Versuchung, eine Textsorte zu produzieren, die Headlines von Boulevard-Zeitungen ähnelt: undifferenziert, laut, demagogisch, platt oder autoritär (je nach Talent des Schreibers). Die rigide Beschränkung auf 140 Zeichen zwängt die Autoren in ein straffes Formulierungs-Korsett und setzt sie unter jenen Druck, wie wir ihn von «elevator presentations» kennen: Dabei wird allen, die Investoren von ihren Geschäftsideen überzeugen wollen, nicht mehr Zeit eingeräumt, als es braucht, mit dem Aufzug in die Vorstandsetage zu gelangen.

Anonymer Absender
Doch es gibt noch einen zweiten Grund, Twitter mit einer gewissen Skepsis zu begegnen. Denn genauso schnell, wie die einzelnen Nachrichten geschrieben sind, genauso schnell kann man sich auf der Plattform als neuer User registrieren. Dazu muss man bloss irgendeinen Namen und irgendeine E-Mail-Adresse eingeben. Welche, ist egal, denn weder Name noch Adresse werden überprüft. Das wird spätestens dann ein Problem, wenn sich Menschen unter dem Namen eines Nachbarn, eines Unternehmens oder eines Politikers anmelden — und zehn Sekunden später irgendwelche Nachrichten in die Welt pusten. Oder durch die Anmeldung einer ganzen Reihe von Geister-Accounts, um die Beliebtheit der eigenen Tweets oder des eigenen Blogs zu manipulieren, aber das ist eine andere Geschichte.

Kakofonie der Stimmen
Wie verquer die Apologeten des Netzes zuweilen argumentieren, lässt sich anhand dieses Problems recht schön zeigen. So wird man bei Stanoevska-Slabeva / Meckel vergeblich nach einem kritischen Wort zur Nachlässigkeit von Twitter suchen. Vielmehr geben sie den Politikern die Schuld daran, Opfer von Fälschern geworden zu sein: «Wenn ein Grossteil der deutschen Spitzenpolitiker Twitter ignoriert», schreiben sie, «wird das von Dritten eben zur Profilierung oder für zweifelhafte Spässe genutzt.» So hatten wir das noch gar nicht gesehen — und wollen das auch gar nicht so sehen, denn während ein unter falschem Namen in einem klassischen Medium publizierter Text Folgen für den Täter hat, muss man sich im Netz als Schlafmütze verhöhnen lassen, die selbst daran schuld sei, hintergangen zu werden.
Und schliesslich ist da die schiere Unübersichtlichkeit von Twitter, die es nahezu unmöglich macht, Debatten zu entwickeln oder ihnen zu folgen. Gibt man auf der Startseite einen Suchbegriff ein oder klickt man eines der angebotenen Stichwörter an, entrollt sich eine endlose Wurst an Textschnipselchen, die ungeordnet übereinanderstehen, jedes für sich, viele geschrieben von Nutzern mit Fantasienamen, angereichert mit Kürzeln, Zeichen, winzigen URLs — ein schillernder Textkosmos aus aberwitzig vielen Stimmen, die einander bisweilen antworten, aber die nie eine geschlossene Rede, ein diskursives Stück Text ergeben. Kakofonie könnte man diese Vielstimmigkeit nennen. Oder faszinierend.
Womit wir endlich beim obligaten andererseits wären, denn: Es hat gute Gründe, dass Twitter so beliebt ist. Denn während die extreme Verknappung des Platzes das eine beinahe unmöglich macht, bringt es das andere zum Blühen. Und macht den Microblogging-Dienst zu einem Abenteuerspielplatz, den wir zur Sphäre der Kunst zählen, Abteilung Literatur und Sprachexperimente. So kann man dort — neben den obligaten Ego-Shootern, Ich-AG-Promotoren, Brüllaffen, Marketingbrabblern und Bauchnabel-Dokumentaristen — auch jede Menge Aperçu-Produzenten, Dadaisten, Haiku-Spezialisten, Pointensetzer, Sottisenbastler, Chefzyniker, Witzefabrikanten, Schlagzeilen-Schleuderer, Lyriker und Romanautoren treffen. Wunderbar! Grossartig! Spannend! Ein Sprachdschungel, zweifellos. Aber das journalistische Medium der Zukunft?

1 www.webevangelisten.de

2 www.nzz.ch/nachrichten/medien/auch_zwitschern_muss_man_ueben_1.3994226.html

3 Vielleicht entwickelt sich ja eine sinnvolle Debatte im Zusammenhang mit den Tweets, die ein gewisses «Soldier Girl» live vom
Amoklauf auf dem US-Militärstützpunkt Fort Hood veröffentlichte. Siehe www.sueddeutsche.de/computer/701/494042/text/

Disclaimer: Der Autor hat seit Mai 2008 einen Account bei Twitter (@ankowitsch), rund 570 Follower, also Abonnenten seiner Tweets. Anfangs hat er den Dienst als Publikationsplattform ungeordneter Gedanken benutzt, dann als Versuchsanordnung für einen Fortsetzungsroman. Aktuell veröffentlicht er mithilfe von Twitter vorwiegend Hinweise auf neue Einträge auf seiner Facebook-Seite, wo er als «Dr. Ankowitsch» über sein neues Buch berichtet. Es heisst «Dr. Ankowitschs kleiner Seelenklempner. Wie Sie sich glücklich durchs Leben improvisieren und alle Ihre grossen Ziele erreichen — na gut, vielleicht nicht alle, aber doch einige davon, vielleicht sogar die wichtigsten…» — und widmet sich der Kunst des Durchwurstelns.

Max Küng twittert:

37,2°
maxxx2000 — less than 5 seconds ago from web

Messe nochmals.
maxxx2000 — less than 20 seconds ago from web

36,9°
maxxx2000 — less than 20 seconds ago from web

Jetzt bin ich glaubs wirklich krank. Messe Fieber.
maxxx2000 — half a minute ago from web

Julia Roberts’ Lieblingsdrink ist ein Scorpino: Wodka, Rahm und Orangenlikör und: eine Kugel Zitronenglace! Mir wird grad noch schlechter.
maxxx2000 — less than a minute ago from web

Liege im Bett und schlafe ein.
maxxx2000 — 5 minutes ago from web

Auf dem Weg nach Hause gehe ich im DVD-Laden vorbei und hole die 7. Staffel von «24». YES! Ab nach Hause.
maxxx2000 — 5 minutes ago from web

Auf der Toilette versuche ich, etwas Seife zu essen, aber wir haben nur Flüssigseife in so Dispensern. Schmeckt furchtbar. Mir ist schlecht.
maxxx2000 — 6 minutes ago from web

Gehe zum Chef und sage: Ich habe Fieber. Dabei habe ich gar kein Fieber. Muss man nicht Seife essen, um Fieber zu bekommen? maxxx2000 — 7 minutes ago from web

Sogar mein Chef hustet. Ich glaub, ich meld mich krank und gehe nach Hause und schaue dort DVDs.
maxxx2000 — 7 minutes ago from web

Im Büro sind auch alle am Husten. Husten — ich habe ein Problem. Versuche nicht zu atmen und wenn, dann durch den Schal.
maxxx2000 — 8 minutes ago from web

Toast Hawaii wäre was fürs Nachtessen heute.
maxxx2000 — 9 minutes ago from web

Julia Roberts’ Mutter hatte einen Herzinfarkt. Oje. Die arme. Gerade als Julia in Indien am Drehen war. Oder war es Hawaii?
maxxx2000 — 10 minutes ago from web

Mit wem soll ich in die Mittagspause? Und mit wem wo hin? Zum Japaner? Und wenn zum Japaner: zum Suppenjapaner oder zum Sushijapaner?
maxxx2000 — 12 minutes ago from web

Vielleicht doch DVD-Abend heute? Ui, der Chef ist ins Büro geplatzt. Ich glaub, ich fang nun mit der Arbeit an. Obwohl: Da ist noch 1 Frage.
maxxx2000 — 13 minutes ago from web

Bald Zeit fürs Mittagessen. Im Kino läuft leider nichtsmit Julia Roberts. Was macht eigentlich Julia Roberts?
maxxx2000 — 16 minutes ago from web

Montag = Kinotag. Mal sehen, was so läuft. Weil: Bevor man mit der Arbeit anfängt, sollte man wissen, was man nach der Arbeit tut. maxxx2000 — 18 minutes ago from web

Im Büro gleich nochmals einen Espresso, noch bevor der Computer hochgefahren ist. Ohne Zucker. Ohne Milch.
maxxx2000 — 21 minutes ago from web

Warte aufs Tram. Versuche nicht zu atmen. Alle husten.
maxxx2000 — 26 minutes ago from

Ich mag nicht, wenn die Butter so hart ist, wie sie aus dem Kühlschrank kommt. Margerine ist der Butter überlegen, kühlschranktechnisch.
maxxx2000 — 33 minutes ago from web

Trinke Kaffee, schwarz, ohne Zucker.
maxxx2000 — 34 minutes ago

Ich stand auf, aber ich ging gleich wieder ins Bett. I don’t like mondays. I don’t like mornings. Aber: No morning — no glory.
maxxx2000 — 35 minutes ago from web

Die Diskussion

17 Reaktionen

  1. don_perignon

    Wie sagt man so schön: Totgesagte leben länger. Wird glaub noch ne ganze weile dauern bis ePaper am Sonntag morgen das Papier ablöst. Das ganze Web wird gelegentlich etwas überschätzt. Es ist in der Regel alles nur eine Erweiterung zu bestehendem und gelebt wird nach wie vor nicht im Web, auch nicht im Web 2.0. Nicht dass das Web schlecht wäre, ich bin selber immer vorne mit dabei, aber seit Experten, Theoretiker aus Uni & HSG, das Web für sich entdeckt haben wird so allerhand aufgebauscht. Das müssen die ja, sonst könnten die ja ihre Beratungen gar nicht verkaufen. So darf es uns nicht erstaunen wenn in einigen Jahren die nächste Blase platzt: Die Web 2.0 Blase.

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    Ronnie Grob

    Sehe ich es richtig, dass das der erste Artikel ist im “Magazin”, der sich ausschliesslich um Twitter dreht? Warum bringt die Redaktion den verdutzten Lesern, von denen vermutlich viele noch gar nicht wissen, was Twitter überhaupt ist und wie das geht, als allererstes eine Einführung, was alles NICHT geht damit? Wäre es nicht erstmal richtig spannend, zu erfahren, was alles geht mit Twitter? Dass die Website zum Beispiel im Bereich “Breaking News” nahezu die Weltherrschaft übernommen hat?

    Man kann keine tiefgreifenden Debatten führen, wenn die Zeichenlänge auf 140 Zeichen beschränkt ist? Entschuldigung, aber kann das irgendjemanden irgendwie überraschen? Der SMS-Verkehr ist doch auch nicht dafür gedacht, grosse Gedankengänge breitflächig auszulegen – wollte ich lange und vertiefte Dialoge online führen, dann würde ich doch eher Blogs oder E-Mails nutzen, richtig?

    Die Beschränkung macht etwas zu etwas eigenem. Hätte Michèle Roten für ihre Kolumne in jedem Magazin eine unbeschränkte Zeichenanzahl zur Verfügung, dann wäre ihre Kolumne nicht ihre Kolumne, so wie man sie kennt.

    Ich versteh Euch Magazin-Journalisten allesamt nicht. Da kommt was neues im Medienbereich, das teilweise echt revolutionär ist und teilweise auch nur furchtbar banal. Und alles (und offenbar auch das einzige), was ihr dazu zu sagen habt, ist, dass man damit aber keine vertieften Debatten führen kann? Hä?

    Darf ich darauf hoffen, dass die nächste Innovation im Internet, die breite Massen mobilisiert, zur Abwechslung erstmal als Chance, und dann erst als Risiko, Gefahr, Untergang der Weltkultur, und was auch immer sonst aufgefasst wird? Ich hab auch durchaus nichts gegen ausgewogene Artikel, in denen mir das Schlechte UND das Gute eines neuen Dings näher gebracht wird.

    (Übrigens: Wie ist die Bebilderung zu verstehen? Muss ich mich als Twitterer persönlich beleidigt fühlen?)

  3. Linkeria #13: Kritik am Netz (Woche 48, 2009) - textworker

    [...] Zwitscher, Zwitscher, Zwitscher: Ein bisschen Kritik am Gezwitscher. [...]

  4. poezn

    Dank dem Magazin und Wikipedia hat das Wort Apologet seit heute früh auch Eingang in meinen Sprachgebrauch gefunden. Vielen Dank erst mal dafür.

    Es ist etwas gewagt, den schleichenden Untergang der Printmedien als Irrtum der Apologeten abzutun. Die Leserzahlen sind im Sinken begriffen, das ist durch harte Fakten belegt. Wieso deshalb aber auf Twitter geschossen wird, ist mir schleierhaft. Weder ist Twitter der Überbringer der schlechten Nachricht, noch wird die Plattform in der Internetgemeinde als Heilsbringer angesehen oder gar als Ersatz für Printmedien benutzt.

    Das Argument mit den 140 Zeichen ist so alt wie abgedroschen. Es geht nicht darum, eine vertiefte Analyse auf 140 Zeichen zu schrumpfen. Viel mehr kann Twitter als Newsticker angesehen werden, der die Tweets als Teaser für tiefer greifende Berichterstattungen verbreitet.

    In der Schweiz erfreut sich Teletext seit Jahren einer grossen Beliebtheit. Die Headlines auf Teletext müssen auf eine maximale Länge von 30 Zeichen beschränkt werden. Wer mehr lesen möchte, geht zur entsprechenden dreistelligen Seite, wo in maximal vier Paragraphen die Nachricht beschrieben steht. Während also Teletext für hochwertige Nachrichtenvermittlung steht, wird Twitter mit dem gleichen Mechanismus belächelt und verhöhnt. Verdächtig.

    Als Konsument von Hintergrundjournalismus sehe ich der Debatte und den Entwicklungen mit einer gewissen Sorge entgegen. Anstatt sich vertieft mit den Experimenten auseinanderzesetzen – Twitter ist nicht mehr als ein Experiment – häufen sich höhnische Kolumnen und Berichte. Ob da wohl die unterschwellige Enttäuschung der Medienschaffenden mitspielt, dass sich erneut eine Technologie oder Plattform nicht als Retter des (Print-)Journalismus herausgestellt hat?

  5. Twitter, Teletext and The Media Industry « Informention

    [...] Teletext and The Media Industry By informention A roasting on Twitter in progressive Das Magazin, one of my favorite Swiss news publications, revealed that [...]

  6. Finn Canonica

    Mein lieber Ronnie Grob, nachdem Sie vor circa einem halben Jahr in einem ihrer deprimierend schlecht recherchierten Artikel im “Klartext” als oberflächliches Lifestyleblatt bezeichnet haben, erstaunt es mich jetzt aber doch, wie rasch Sie beleidigt sind.Leider können Sie mit ihrem in den Tiefen des Internets leicht paranoid gewordenen Lebensgefühl einfach nicht begreifen, dass wir ja nichts anderes tun als eine Debatte führen.

  7. Profile Pic
    Ronnie Grob

    Mein lieber Finn Canonica, Dein Kommentar lässt mich ratlos zurück. Anstatt auf die Kritikpunkte einzugehen, kommst Du auf einen Artikel zu sprechen, den ich zum Relaunch des Magazins geschrieben habe und für den weder Du noch Dein Stellvertreter durchaus harmlose Fragen beantworten wollten.

    Ich bin nicht beleidigt, nein, aber als Twitterer darf man sich doch schon überlegen, ob man in der Bildinszenierung als der abwesende Zwitscherer dargestellt wird, von dem nur sein unwillkommenes Produkt zu sehen ist, oder?

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    Christian Röthlisberger

    ich verstehe auch nicht, weshalb der autor die erwartungshaltung formuliert, dass twitter für ausführliche botschaften und debatten da sein soll. trotzdem unternimmt er den versuch, in twitter einen forsetzungsroman zu schreiben. hm…

    sowohl der autor wie auch max küng benutzen twitter als reine ego-accounts. küng hat 37 follower und folgt selber 0 anderen twitterern. das kann man durchaus machen, entspricht aber nicht der idee von twitter. zudem ist der account nur wenige tage alt und küng twittert ausschliesslich persönliche befindlichkeitsmeldungen. keine interessanten links, kein dialog, nichts. – schiffe sind nicht dafür gebaut, im hafen an der leine zu liegen.

    der autor twittert im moment ausschliesslich links auf seine facebookseite. kann man auch machen, entspricht aber auch nicht dem geist von twitter. auch hier kein dialog, keine retweets, keine replies, kein mehrwert in form von interessanten links – kurz und gut, er ist selber ein ich-ag-promotor, die er in seinem text beklagt. da erstaunt es mich nicht, dass man zu so einer pessimistischen einschätzung kommt. allerdings kommt es mir vor wie ein autotest, der nur auf dem parkplatz durchgeführt wurde.

    kurz und gut: der autor scheint mir ungeeignet, sich über twitter auszulassen, denn er hat nur unzureichend getestet und darum die möglichkeiten nicht verstanden. – eine deprimierend schlechte autorenwahl.

    ich selbst (@bugsierer) war am anfang auch sehr skeptisch und brauchte 2 anläufe, um twitter zu verstehen. heute, nach fast 2 jahren, weiss ich den nutzen zu schätzen und das gebrabbel auf ein minimum zu filtern. wenn man sich auf die twitter-community einlässt resp. sich erstmal eine aufgebaut hat, ist twitter durchaus ein spannendes medium mit täglich überraschendem mehrwert.

  9. leumund

    @bugsierer
    Genau, der Bericht ist in etwa wie wenn Analphabeten das Magazin beurteilen würden. Man sieht es zwar, versteht es aber nicht.

  10. @thomnagy

    formulierungen wie ego-shooter oder brüllaffen zeigen, dass es dem magazin in erster linie wohl darum ging, mit gezielter provokation eine debatte anzustossen. was auch gelungen ist. vielleicht wurde dabei zu wenig bedacht, dass diese debatte sehr viel fruchtbarer wäre, wenn die provokation nicht auf ganz so wackligen beinen stünde.

  11. Marcel Widmer

    Solange es richtige Journalisten gibt (z.B. http://marcelwidmer.ch/journalismus-heute-knackiger-titel-um-jeden-preis) mag’s ja ein paar Brüllaffen leiden.

  12. Mark Balsiger

    Der Autor ging das Thema nicht offen und mit Neugierde an, schade. Ich hätte mir gewünscht, dass er das Potenzial von Twitter bei Demokratisierungsprozessen aufarbeitet. Das bekannteste Beispiel dazu wären wohl die Wahlen im Iran gewesen, was mutmasslich eine Mehrheit der Leserschaft nicht mitgekriegt hat.

    Weiter hätte Christian Ankowitsch ein Unternehmen beleuchten können, das auf Twitter setzt und vielleicht sogar Erfolg hat damit.

    Einfach alles nur für “rubbish” zu halten und die “Apologeten des Internets” – offenbar sein Lieblingswort – lächerlich zu machen ist billig. Die wahre Recherche ist damit nicht ersetzt.

  13. #49 – 2009 • abgefahren, delicious, leumund, links, sammlung, woche • leumund.ch

    [...] Online Erfolg ist messbar und Bloggen ist persönlich – Namics Weblog • Das Magazin » Zwitscher, Zwitscher, Zwitscher • Olivier Blanchard Basics Of Social Media Roi • Minarett Initiative [...]

  14. Profile Pic
    Max Dauch

    Beleidigt scheint hier wohl Finn Canonica zu sein. Erstaunlich bis peinlich, wie ein Chefredakteur sich bemüht, den Schreiber eines Leserbriefs/Kommentars persönlich anzugreifen.

  15. ankowitsch

    Hallo,
    ich wollte mich schon eher melden, aber durch einige Widrigkeiten kam das technisch nicht zustande. Aber jetzt.

    @Ronnie Grob
    Nachdem Twitter nun seit vielen Monaten durch alle Medien geistert und auch rapide steigende Mitgliederzahlen aufweist, gehe ich davon aus, dass die Menschen wissen, worum es sich handelt. Und auch Zeit hatten, ihre Erfahrungen zu sammeln.
    Ausserdem behandle ich in meinem Artikel auch nicht Twitter schlechthin, sondern gehe auf das ständig wiederholte Argument ein, es handle sich um das journalistische Medium der Zukunft. Das sehe ich nicht so. Warum, habe ich versucht, zu zeigen. Ich finde, das ist mir gelungen. Um zu zeigen, dass ich Twitter für ein durchaus spannendes Medium halte, habe ich im letzten Absatz drauf verwiesen.
    Womit ich ein Problem habe sind Formulierungen wie “Euch Magazin-Journalisten”. Sie sind undifferenziert, platt und argumentieren anhand des Freund-Feind-Schemas. Aber wie ich in meinem Text geschrieben habe, ist das leider die klassische Weise, wie viele Autorinnen und Autoren, die im Netz publizieren, mit jenen Leuten umgehen, die etwas anders sehen als sie. Eigentlich müsste ich Ihnen dankbar sein, dass Sie in Ihrer Antwort meine Analyse nochmals bestätigen, aber ich neige mittlerweile zu einer gewissen Melancholie.
    So, das war der erste Teil meiner Antwort. Später noch etwas mehr.

  16. ankowitsch

    @poezn
    Soweit ich sehe, habe ich keine ursächliche Beziehung zwischen Twitter und den Problemen der Printmedien hergestellt. Sie konstruieren da was, was ich nicht geschrieben habe.
    Das Argument mit den 140 Zeichen mag, wie Sie schreiben, “abgedroschen” sein, aber das ändert nichts dran, dass Twitter genau mit dieser Längenbeschränkung kämpft bzw. ihr seine Attraktivität verdankt. Ausserdem widersprechen Sie darin Herrn Grob, der mir vorgeworfen hat, ein Medium, das noch keiner kennt, gleich kritisiert zu haben, anstatt erst mal zu schildern, wie es funktioniert.
    Als “Newsticker” funktioniert Twitter durchaus, da haben Sie recht. Aber leider fehlt ihm – um diese Funktion seriös erfüllen zu können – die Verlässlichkeit. Und das entsprechende Umfeld. Was geistern nicht alles für Infos und News über Twitter, die alles sind, nur keine News. Aber Sie haben recht: Das ist ein Teil seines Reizes.
    Der Querverweis zu Teletext hinkt, finde ich, denn die Inhalt werden von 1 konkreten Sender verschickt, dem man in der Regel trauen kann, weil er geprüfte News verbreitet. Twitter hingegen spricht ja vielstimmig.

  17. Profile Pic
    Ronnie Grob

    @Ankowitsch: Sie haben recht, “ihr Magazin-Journalisten allesamt” ist eine ungerechtfertigte Pauschalisierung. Allerdings ist sie in ihrer Einschränkung weniger pauschal als “die Twitterer”, “die Blogger”, “die Internet-Community” – Begriffe, mit denen die verschiedensten Leute tagtäglich in den “verlässlichen” Medien in einen Topf geworfen werden, wenn über das Internet geschrieben wird.

    Sie gehen davon aus, “dass die Menschen wissen, worum es sich handelt” bei Twitter? Da würde ich gerne mal die “Magazin”-Leser dazu hören, das glaube ich nämlich nicht.

    Widerspruch auch zu einem zweiten Punkt. Twitter fehlt nicht generell die Verlässlichkeit. Ich folge einigen Menschen, von denen ich weiss, dass sie es sind, die twittern oder aber deren Echtheit von Twitter “verfied” wurde. Wenn solche Menschen nun also twittern, dass sie in ihrem Garten auf eine Ölquelle gestossen sind, kann ich das durchaus als Neuigkeit aufnehmen. Sie schreiben: “Twitter hingegen spricht ja vielstimmig”. Ah ja? Und andere Medien nicht?

    Ich hab nur eine Gegenfrage: Schreiben Sie SMS manchmal oder nutzen Sie regelmässig ein Handy? Hätten Sie gedacht, dass Sie so ein Ding täglich rumführen und auch nutzen würden, als Sie es das erste Mal in der Hand hielten?

    Vom “Magazin”, das gemäss Finn Canonica “rückwärtsgewandte Geschichten weniger mag” (siehe sein Zitat vom 19. August 2007: “Ich will wissen, was die Menschen jetzt und heute beschäftigt und über was man in einem halben Jahr reden wird, welche Ideen die unmittelbare Zukunft gestalten werden”), erwarte ich keine Stories, die mir jede Lust nehmen, mich mit dem neuen Phänomen Twitter zu beschäftigen. Sondern: das Gegenteil. Ein Artikel, der sich kritisch mit den Möglichkeiten dieser Technik auseinandersetzt und mir Gedanken liefert, wie sich das in Zukunft entwickeln könnte.

    Ich schlage vor, “das Magazin” druckt als Ausgleich zum zukunftsängstlichen Artikel diesen Text von Kathrin Passig nach:

    http://www.online-merkur.de/seiten/lp200912adz.htm

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